Wieviel Offenheit tut mir gut?

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In ziemlicher Euphorie und mit sehr bewegten Gefühlen habe ich am Wochenende an meinem ersten nächtlichen Schnellfahrtraining teilgenommen und danach natürlich, aus dieser Stimmung heraus, hier darüber berichtet. Mit sehr vielen, teilweise auch intimen Einzelheiten.

Ich habe noch nie zuvor so viele Mails und Kommentare von Menschen bekommen, die ich noch nie persönlich gesehen habe. Viele sprachen mir Mut zu oder drückten Bewunderung oder Respekt aus. Aber für einige war mein letzter Eintrag auch Anlass, um mich zu warnen, nicht so offen mit meinen persönlichen und intimen Details aus meinem Leben umzugehen. Dabei war mein Beitrag vom nächtlichen Training nur ein aktueller Anlass, um darauf hinzuweisen, dass auch schon zu Zeiten, als ich noch stationär im Krankenhaus war, ich zu viele intime Details von mir preisgegeben hätte. Eine Leserin zog sich sogar komplett zurück.

Ich habe gestern und vorgestern sehr intensiv mit mehreren Leuten über dieses Thema gesprochen. Letztlich weiß ich, dass mir das Schreiben über meine neue Lebenssituation, über meine Behinderung, sehr dabei hilft, sie zu bewältigen. Es ist mir lieber, etwas unangenehmes und peinliches zu offenbaren, als diese ungewohnte oder unliebsame Situation „totzuschweigen“, wie es früher bei mir zu Hause üblich war. Früher oder später holt einen das ein und dann fällt man sehr tief, da man so plötzlich so belastende Situationen gar nicht richtig bewältigen kann.

Beispiel: Ich kann versuchen zu verschweigen, dass ich Darmwinde nicht kontrollieren kann. Damit umgehe ich eine Konfrontation mit diesem peinlichen Thema, bis plötzlich genau das vor anderen Leuten passiert. Wissen meine Freunde, dass das ein typisches Phänomen bei Querschnittlähmungen ist, gehen wir alle aufgeschlossener mit der Situation um. Damit wird das nicht weniger peinlich, es entfällt aber der zusätzliche Stress, sich erstmal zu orientieren und andere aufklären zu müssen.

Ich hoffe, ich habe das einigermaßen sachlich beschreiben können. Natürlich muss ich nicht mein tiefstes Inneres gleich jedem offenbaren. Aber die Probleme, die ich selbst nur schwer verarbeiten und akzeptieren kann, erscheinen mir kleiner, wenn ich mich vorher -zum passenden Zeitpunkt- bereits damit auseinander gesetzt habe.

Dabei hilft mir der Kontakt zu anderen Betroffenen ungemein. Nein, ich werde nicht dafür bezahlt, diese Dinge zu schreiben und ich will mich auch nirgendwo einschleimen. Es ist einfach etwas anderes, wenn man auf den ersten Metern seines neuen Lebens nicht auch noch um Verständnis bitten muss, sondern einem dieses schon entgegen gebracht wird, weil die eigenen Erfahrungen da sind.

Doch, ich bin sehr vorsichtig mit meinen persönlichen Daten im Internet. Die Straßenroute ist nicht jedes Mal dieselbe und ich werde so etwas natürlich niemals vorher ankündigen, meine private Adresse veröffentlichen oder andere Informationen, mit denen böse Menschen böse Dinge anfangen könnten. Aber die intimen Details, die jedes Jahr in Deutschland 1.500 neue Querschnittgelähmte betreffen, spreche ich offen an. Sie betreffen eben nicht nur mich alleine. Mir hilft es, mich nicht zu verschließen.

Hamburg bei Nacht

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Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich mal zur Nachtzeit trainieren würde. Man hört und liest ja immer mal wieder, dass einzelne Sportlerinnen und Sportler in den frühen Morgenstunden joggen gehen, aber organisiertes Training zur Nachtzeit? Während andere Leute schlafen oder in Partystimmung sind?

Schon um kurz nach halb Zwei wurde ich mit einem Kleinbus abgeholt. Am Steuer saß Tatjana, die ich schon vom Trainingslager kannte. Im Auto traf ich Yvonne. Die Bänke waren ausgebaut, dort waren vier Rennrollstühle und der Alltagsrolli von Yvonne eingequetscht. Mein Alltagsrolli kam noch hinzu. Ich kuschelte mich neben Yvonne auf die Beifahrer-Sitzbank. Schon ging es los. War das aufregend!!!

Wir fuhren an den Stadtrand, fast bis nach Schleswig-Holstein, direkt an einen Elbstrand. Auf der Fahrt bekam ich erklärt, wie so ein Straßentraining abläuft. Grundsätzlich, da es ein Training ist und kein Rennen, bleiben alle immer zusammen. Wenn einer stehen bleiben muss, bleiben alle stehen. Wir trainieren in zwei Gruppen, in einer sind zwei richtig gute Athleten mit einem eigenen Trainer im eigenen Begleitfahrzeug, in der zweiten bin ich und noch fünf andere Leute. Unsere Trainerin fährt ebenfalls in einem Begleitfahrzeug hinterher. Jeder Sportler bekommt einen Sender in ein Ohr, über den die Trainerin einem was ins Ohr funken kann.

Die Rennrollstühle müssen Reflektoren nach hinten, nach vorne und zur Seite tragen, dazu jeweils ein (LED-) Licht nach vorne und nach hinten, dürfen aber im Straßenverkehr eigentlich nur auf Gehwegen fahren. Da dort keiner trainieren kann und man im richtigen Rennen auch nicht auf dem Gehweg fährt, dürfen wir nachts auf ausgewählten Fahrbahnen trainieren, wenn ein Begleitfahrzeug das ganze nach hinten absichert. Dafür braucht man extra eine Genehmigung!

Ansonsten gilt: Ganz weit rechts fahren. Fahren nur hintereinander, an Ampeln anhalten, dann allerdings in Zweierreihen nebeneinander. Ansonsten gelten die normalen Verkehrsregeln wie für Radfahrer.

Ein Rennrollstuhl ist beim Triathlon das Pendant zum Laufen, nicht etwa zum Radfahren. Dafür gibt es ein mit den Händen über eine Kurbel angetriebenes Bike. Ein Rennrolli sieht etwa so aus:


Bei der Straßenversion sind eben noch Reflektoren dabei sowie ein Halter für die Trinkflasche. Ich darf einen sechs Jahre alten Rennrolli ausleihen, den vorher eine Kaderathletin mit ungefähr meinen Maßen gefahren hat. Sie fährt heute ein neueres Modell.

Endlich kamen wir an unserem Startplatz an. Yvonne fragte, ob ich aufgeregt sei. Ich war unendlich aufgeregt! So aufregende Dinge mache ich nachts normalerweise nicht…

Cathleen ist von ihrer Mutter zum Startplatz gebracht worden. Bei Simone war der Vater dabei. Aileen und Tim kannte ich noch nicht. Die beiden Profis fuhren bereits los. Ich sollte mich mal in meinen Rennrolli setzen, eventuell müssten noch Dinge eingestellt werden. Tatjana half mir, mich dort hineinzuzwängen. Nein – der passte wie angegossen. Die Füße hingen noch ein wenig komisch in der Gegend herum, aber ansonsten war der wie für mich gemacht. So ein Glück!

Simone saß bereits halb in ihrem Rennrolli, spielte mit ihrer Trinkflasche herum und wartete. Cathleen kam gerade vom Klo. Ich hatte mich schon gewundert, warum man ausgerechnet hier startet, aber hier war neben einem öffentlichen Badestrand eine rollstuhlgerechte Toilette mit dem Euro-Schließsystem. Gute Planung. „Willst du zuerst auf Klo oder darf ich?“ fragte Yvonne mich.

„Nö, ich war zu Hause gerade“, antwortete ich. Yvonne widersprach: „Ich würde trotzdem nochmal gehen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Nee, ich muss nicht.“ Cathleen mischte sich ein: „Sie kathetert nicht.“ – „Achso“, erwiderte Yvonne knapp und dampfte ab.

„Ich versteh nur Bahnhof“, sagte ich und blickte Cathleen an. Sie erklärte es mir: „Die Kathetermäuse sollten am Anfang eine leere Blase haben, damit sie nicht so schnell voll wird. Sonst staut sich das bei denen nämlich in die Nieren zurück und dann kippen sie um, wenn sie Pech haben. Außerdem macht das auf Dauer die Nieren kaputt. Und da unterwegs kein Rolliklo ist, müssen die dann im Notfall irgendwo am Straßenrand kathetern, das ist nicht so angenehm, außerdem hält das die ganze Gruppe auf. Übrigens … hast du eigentlich noch ne Pampers an?“

Simone und die Mutter von Cathleen guckten mich an. Ich merkte, wie meine Wangen dunkelrot wurden. Ich weiß nicht, wann ich mit dem Thema mal so cool umgehen kann wie die anderen betroffenen Leute. Aber ich weiß, dass es noch ewig dauern wird. Ich nickte unauffällig. „Ja, ausziehen!“ kam es von Simone und Cathleen wie aus einem Mund.

Bitte was?! Ihr wollt dass ich was mache? Simone und Cathleen nickten beide auf meinen ungläubigen Blick. „Die musst du ausziehen, sonst scheuerst du dir alles wund.“ Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Mir war eher zum Weinen zumute. Nö, das wurde mir zu intim. Jetzt fing auch noch die Mutter an: „Ernsthaft jetzt. Das schnürt sich vorne am Oberschenkel richtig in die Haut ein, wenn du Pech hast. Die musst du ausziehen.“

Das traf mich so unvorbereitet, dass ich nicht mehr wusste, was ich tun sollte. Ich war wie gelähmt. Ausnahmsweise nicht mal nur in den Beinen. Ich krallte mir Cathleen und rollte ein Stück von der Gruppe weg, die mich beobachtete. Einzelne Tränen kullerten über meine Wangen. Auf die Situation hatte mich niemand vorbereitet. Ich bin noch nicht mal 24 Stunden aus der Klinik und schon war ich angekommen an meinem ersten schwerwiegenden Alltagsproblem. „Wie soll ich das denn machen?“

Cathleen sah erschrocken in mein Gesicht. „Hey! Weinst du?“ In der Dunkelheit war das wohl schlecht zu sehen. Jetzt ging es auch noch richtig los. „Nee“, log ich und wischte mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. Cathleen nahm mich in den Arm und drückte mich. „Du musst hier nicht mitmachen, wenn dir das noch zu viel ist. Soll ich Tatjana fragen, ob du vom Auto erstmal zuguckst?“

„Nein, ich will ja mitmachen. Aber wie soll ich das denn machen? Ganz ohne irgendeinen Schutz bin ich noch nie irgendwo weit weg vom Klo gewesen. Ich hab das nicht so gut unter Kontrolle!“ Ich weinte immernoch. Was für eine peinliche Vorstellung.

„Du gehst jetzt erstmal auf Klo und wenn wir fertig sind mit dem Training, gehen wir alle duschen“, bestimmte Cathleen. Ich schüttelte den Kopf. „Cathleen! Selbst wenn ich jetzt auf Klo gehe! Wenn unterwegs meine Blase verrückt spielt und ich nichts um habe, mache ich in die Hose!“

„Ja, dann ist das eben so“, erwiderte Cathleen ohne eine Miene zu verziehen. „Oder meinst du, beim Triathlon machst du mal schnell einen Abstecher zu Mc Donalds, kaufst dir da ne Cola und fragst, ob du bei der Gelegenheit mal deren WC benutzen darfst? Ein Fußgänger kann sich schnell in die Hecke hocken, wir können das nicht. Das ist hier Leistungssport, keine Beauty Farm.“

Ich schluckte. Cathleen rollte wieder zu den anderen zurück, ich rollte hinterher. „Mehr als dass du dich hier bis auf die Knochen blamierst, kann dir nicht passieren“, dachte ich mir still. Ohne ein Wort rollte ich zur Toilette. Hinter mir hörte ich Getuschel. Und dann Cathleens Stimme: „Ach nix. Sie geht jetzt nochmal aufs Klo und dann können wir los.“

Yvonne kam mir entgegen. „Nun doch?“ Ohne ein Wort rollte ich an ihr vorbei. Kurz danach war ich dann startbereit. Schuhe aus, dann half Tatjana mir in meinen Rennrollstuhl und lud meinen Alltagsstuhl in den Kleinbus. Dann wurde ich verkabelt, bekam das Ding ins Ohr, setzte mir vorsichtig den Helm auf. Die Aufregung verdrängte die Unsicherheit.

Tatjana stieg auf eine Mini-Leiter und befestigte hinten auf dem Dach des Busses zwei gelbe magnetische Blinklichter. Hinten an der Tür wurde mit Saugfüßen ein Achtungsschild angeklebt, dadrunter stand: „Straßenrennen“ Okay… Sehr eindrucksvoll. Nur dass das im Dunkeln sowieso keiner sieht, bis auf das Geflacker von den Blinklichtern. Aber immerhin fegt uns so keiner hinterrücks von der Piste. Außer Tatjana verwechselt Gas und Bremse.

Wir fuhren los, anfangs ging es nur steil bergauf. Nach jedem Anschub blieb der Rollstuhl sofort wieder stehen. Und man konnte nur sehr dosiert anschieben, da der Stuhl sonst vorne hochgekommen wäre. Also absoluter Grenzbereich. Doch dann … war das geil! Vor allem konnte ich ohne große Mühe das Tempo mithalten. Die Straßen waren leer, im Lichtkegel des Kleinbusses konnte man genug sehen. Tatjana gab Aileen, die die Gruppe anführte, offenbar über Funk Anweisungen. Mal fuhren wir etwas schneller, mal etwas langsamer. Dann hieß es plötzlich, wir sollten rechts in einer Bushaltestelle stehen bleiben. Dehnübungen waren angesagt. „Braucht noch jemand was?“ fragte Tatjana. Wir hielten direkt vor einer Esso-Tankstelle. Allgemeines Kopfschütteln.

„So, wir fahren bis zur Ampel und danach geben wir Vollgas. 90%, auf die Kurven aufpassen, nicht in den Gegenverkehr geraten. Zügig die Kurven durchfahren, der nachfolgende Verkehr kann nicht überholen.“ Die Anweisung war klar. Wie war das? Der nachfolgende Verkehr kann nicht überholen? Denkste. Mit dröhnendem Motor musste uns ein Mercedes überholen, mitten in einer S-Kurve. Natürlich durch die Gegenspur. Glücklicherweise kam dort keiner, denn ich überlegte schon, ob er dann zum Ausweichen in unsere Gruppe krachen wollte. 30 waren erlaubt, die fuhren wir locker. Egal.

Erste Erfahrungen hatte ich mit einem Rennrollstuhl schon beim Trainingslager und vorher beim Training auf dem Sportplatz gemacht, aber Straßentraining ist nochmal was ganz anderes. Vor allem unterschätzt man den ziemlich langen Bremsweg. Und wenn man durch Lenken wenden wollte, bräuchte man wohl einen ganzen Marktplatz.

Nach einigem auf und ab befuhren wir nun ein schnurgerade und breit ausgebautes Stück der Elbchaussee. „Der erste gibt jetzt so etwa 80%, der letzte überholt jeweils die Gruppe. Und schert erst aus, wenn der erste sich vorne eingegliedert hat.“ Drei Durchgänge. Es machte Spaß, aber ich kam eindeutig an meine Grenzen. Vor allem, wenn es etwas bergauf ging, merkte man, dass ich keine Kondition hatte.

Dann sollten wir das Tempo drosseln, denn wir müssten links abbiegen. Möglichst aus der Fahrt links einordnen und dann ganz langsam abbiegen, das ist eine tückische … huch … tatsächlich … tückische Kurve. Halbmondsweg? Vor lauter Wolken war irgendwie gar kein Mond zu sehen. Aber wenigstens regnete es nicht. Und es war angenehm kühl, allerdings nicht zu kalt. Die Straße war hell erleuchtet, nur ganz vereinzelt fuhr mal ein Auto.

Dann kam wieder eine Strecke, bei der Autos nicht überholen konnten. Hier war 50, wir fuhren knapp 40, schneller war nicht möglich, da wir über mehrere Ampeln mussten und wir den Bremsweg einkalkulieren mussten. Natürlich fing der einzige Autofahrer, der sich hinter dem Bus einfand, das Hupen an. An der Kreuzung Ebertallee / Osdorfer Weg mussten wir bei Rot anhalten. Der Fahrer hielt neben uns und pöbelte: „Ihr haltet hier den ganzen Betrieb auf mit Eurem Scheiß.“ Ja nee, ist klar. Na klar ist das nervig, wenn man mal zwei Minuten nur 40 fahren kann statt 50. Da keiner der anderen reagierte, ignorierte ich den Typen auch.

Ich musste mal. Ich verdrängte den Gedanken. Vielleicht war es auch nur die komische Sitzposition, die dieses Gefühl auslöste. So richtig spüre ich das ja sowieso nicht. Ich wusste nicht, wohin wir wollten, aber allzu weit konnte es nicht mehr sein. Grün. Es ging weiter. Einige Schlaglöcher, die man umfahren musste, dann wurde es wieder zweispurig. „Bremsen, bremsen, bremsen!“ funkte uns Tatjana ins Ohr. Von rechts kam ein Rettungswagen mit Blaulicht. Uuuups, quietsch, qualm, radier, stink, … der hat eindeutig Vorfahrt. Bitteschöööön… Wir mussten relativ scharf abbremsen, sofern man bei diesen unmöglichen Bremswegen überhaupt von Schärfe sprechen kann.

Vorbei an einem Friedhof und dem Volkspark (ziemlich gruselig im Dunkeln) fuhren wir in die Richtung einer Sporthalle. „Langsam ausfahren, lockern, strecken“, war das Kommando. Inzwischen wurde es hell am Horizont. Die Vögel trällerten aus voller Kehle ihre Lieder. Die Luft roch angenehm nach feuchtem Waldboden. Ich war völlig fertig. Aber glücklich. Glücklich fertig.

„Für den Anfang schon ganz gut“, meinte Tatjana. Nun ging es direkt zum Duschen. Wir fuhren über relativ unwegsames Gelände zu einer offenen Stahltür in einer weißen Wand der Halle. Dort stand bereits ein Duschrollstuhl. Zusammen mit dem Trainer der beiden Top-Athleten, der bereits wartete, stieg einer nach dem anderen aus dem Rennrollstuhl in den Duschrollstuhl, wurde reingeschoben und musste sich drinnen umsetzen. Dort gab es zwei feste Klappsitze und mehrere Gartenstühle, die einfach unter die anderen Duschen gestellt waren.

Ich zog meine Klamotten aus und warf sie direkt ins nächste Waschbecken. Endlich duschen! Haare waschen! Gesicht waschen! Ich hatte mir mehrmals den Schweiß aus dem Gesicht gewischt und das mit den dreckigen Händen. Wir sahen aus wie die Indianer. „Und? War gut?“ fragte mich Cathleen. Ich nickte. War gut. Erfahrung und Kondition wird am Anfang niemand ernsthaft von mir verlangen. Alles andere war wohl nicht zu unterirdisch.

Yvonne wurde zur S-Bahn gebracht, Simone wurde von ihrer Mutter abholt. Cathleen fragte, ob sie spontan bei mir schlafen könnte. Gerne, warum nicht?! Und die Rennrollis? Die bleiben erstmal in einem Lagerraum stehen und kommen Montag kurz unter den Hochdruckreiniger. Der Hausmeister kümmert sich drum. Außer bei Simone: Den hat der Vater gleich wieder eingesammelt und mitgenommen.

Kurz nach 6 fielen wir in mein Bett. Ziemlich genau 20 km sind wir gefahren in etwa einer Stunde. Mit Ampeln und Pause zum Dehnen. Nicht schlecht. Die Strecke habe ich mal einzeichnen lassen:


Nun habe ich Hamburgs Straßen bei Nacht kennen gelernt. Beim nächsten Straßentraining bin ich wieder dabei. Wenn ich darf.

Willkommen in der Wirklichkeit

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Am gestrigen Freitag sollte es nach Hause gehen. Es war alles organisiert. Viele Sachen habe ich schon selbst mit in mein neues Zuhause genommen, die letzten Dinge und mich wollte Sofie mit dem Auto abholen. Um 11 Uhr sollte ich entlassen werden. Pünktlich um 10 vor 11 kam Sofie in mein Zimmer.

Da der Arztbrief noch nicht fertig war, rollten wir dann um 13 Uhr erstmal in die Kantine. Um kurz vor 15 Uhr war er endlich fertig. Ich verkneife mir jeden Kommentar, denn eigentlich hatte ich gute Laune. Hätte ich um 11 gewusst, dass ich noch vier Stunden warten müsste, hätte ich darum gebeten, mir das Ding mit der Post nach Hause zu schicken. Aber da es immer hieß, die Papiere wären jeden Moment fertig, haben wir gewartet und gewartet. Arme Sofie.

Ein letztes Mal die wichtigsten Leute knuddeln und dann bloß raus aus dem Krankenhaus und runter vom Klinikgelände. Als wir in der WG ankamen, waren wir die einzigen. Alle anderen waren entweder arbeiten, studieren oder beim Training. Umso mehr habe ich mich über einen Willkommens-Kuchen gefreut, der auf dem Küchentisch stand. Mit Kerzen und mit Zuckerguss-Schrift. Ich kam mir vor wie am Geburtstag…

Ich verschwand in meinem Zimmer. Für einen Moment wusste ich nicht, was ich machen sollte. Alles so ungewohnt, alles so neu. Ich überlegte, mich einen Moment auf mein Bett zu legen, doch da klingelte mein Handy. Simone war dran und wollte wissen, ob ich heute nacht mittrainieren möchte. Bitte was? Ja, heute nacht ist Schnellfahr-Training. Nachts? Ja, Straßentraining geht nur nachts, wenn kein Verkehr ist. Aileen, die eine Trainerin, hätte einen Rennrollstuhl für mich organisiert, den ich erstmal ausleihen dürfte, bis ich irgendwann mal einen eigenen habe. Gebraucht, etwas älter, aber so halbwegs nach meinen Maßen, gereinigt und noch voll funktionsfähig.

Ich ließ mich natürlich nicht zweimal fragen. Aber Simone meinte, ich bräuchte unbedingt noch vernünftige Trainingsbekleidung. Die Baumwollhose vom Trainingslager wäre absolut ungeeignet. Für den Anfang hat die gereicht, aber Straßentraining bedeutet, dass man ein paar Stunden fest angegurtet in einem engen Sportgerät sitzt. Da darf es keine Falte geben, sonst hat man sofort eine Druckstelle, die ja bekanntermaßen bei Querschnittlähmungen erstmal Wochen braucht, um wieder zu verheilen. Ob wir uns in der City treffen wollen zum Einkaufen.

Wollten wir. Vom Hauptbahnhof fuhren wir in die Spitaler Straße. Mitten in der Fußgängerzone stand ein Typ mit einem riesigen (2 Meter hohen) Holzkreuz in der Hand und predigte lautstark. Ich hörte nur mit einem Ohr zu, aber als wir an ihm vorbei düsten, erwähnte er, dass Gott auch die Lahmen und Kranken heilen könnte, wenn man sich ihm („mir“) anvertraut. Ja nee, ist klar. Dass Gott das kann, mag ja sein -ich will es ihm zumindest nicht absprechen-, aber dass er dafür den Typen als Medium nimmt, wollte ich dann doch nicht so recht glauben.

Wir kamen im Sportgeschäft an. Was suchten wir eigentlich? Eine lange Bike-Hose ohne Gesäßbesatz, aber mit Trägern. Lang, damit die kaum durchbluteten Beine nicht frieren. Ohne Gesäßbesatz (also ohne Lederpolster am Po), da man ja nicht im Sattel sitzt und das Ding nur hinderlich ist. Und mit Trägern, damit die ganze Hose nicht irgendwann (unbemerkt) runterrutscht. Okay, ich habe das verstanden. Die Verkäuferin in dem Sport-Fachgeschäft jedoch nicht. Wir kamen nicht mal dazu, selbst zu schauen, da sie sich sofort aufdrängte und eine Hose nach der nächten anschleppte, allerdings immer mit Lederbesatz am Hintern. Nachdem Simone inzwischen zum 5. Mal erklärte, dass wir eine Hose ohne so ein Ding suchen, meinte sie: „Aber das muss doch gepolstert sein am Sattel.“ Sie hat es nicht verstanden, dass wir als Rollstuhlfahrer nicht auf einem herkömmlichen Rennrad sitzen. Irgendwann haben wir selbst gesucht und dann so etwas gefunden.

89 Euro? Wahnsinn. Aber die anderen Mädels beim Trainingslager hatten so etwas auch und das mit den Druckstellen ist wirklich nicht zu unterschätzen. Ein Kurzarmtrikot und eine winddichte Weste waren auf jeweils 49 Euro herabgesetzt. Bei der Weste schlug Simone auch gleich zu.

Anschließend habe ich Simone noch auf ein Eis (zum Mitnehmen) eingeladen, bevor wir dann in den Bus stiegen und uns zurück zum Hauptbahnhof fahren ließen. Im Bus sprach uns prompt eine ältere Frau an. Sie kam eilig auf uns zu und fragte: „Wieso sitzt ihr beiden im Rollstuhl?“ Bevor ich überlegen konnte, ob ich der wildfremden Frau meinen Unfall unter die Nase reiben will, antwortete Simone: „Entschuldigung, aber ich möchte mich nicht mit Ihnen unterhalten.“ Die Frau erwiderte: „Wie alt bist du? 14 Jahre? Du solltest antworten, wenn Erwachsene dich etwas fragen.“

Was ist denn jetzt los? Augenblicklich schlug mir mein Herz bis zum Hals. Meine Hände fingen zu zittern an. Was wollte die von uns? Simone schaute schräg hinter sich aus dem Fenster. Ich bemühte mich, die Frau nicht anzuschauen. An der nächsten Station stieg sie aus. „Leute gibts…“, meinte Simone kopfschüttelnd.

Erste richtige Nacht in der WG und gleich wird so halbwegs durchgemacht: Um 2 Uhr werde ich zum Training abgeholt. Ich bin aufgeregt wie lange nicht mehr.

Reden ist Silber

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Meine Oma sagt manchmal: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“

Meine Freunde drücken es manchmal etwas direkter aus: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten.“

Und mir ist das Thema einen ganzen Blog-Eintrag wert. Ich kenne den Grund nicht (meine Psychologin hingegen wahrscheinlich schon, aber die ist gerade nicht hier), aber es muss einen geben, aus dem sich Leute dazu hinreißen lassen, in ungewöhnlichen Situationen zu labern. Und eben weil sie auf die Situation nicht vorbereitet sind, labern sie dann Scheiße. Und das wiederum ohne jede Not.

Auch wenn ich mich inzwischen wieder einigermaßen „normal“ fühle, muss ich diese „ungewöhnliche Situation“ für mich doch irgendwie in Anspruch nehmen. Wenn ich morgens meine Augen öffne (und über Nacht weder Einbrecher noch Scherzkekse an meinem Bett vorbei gekommen sind), steht irgendwo in greifbarer Nähe ein Rollstuhl. Das ist eben bei der Mehrheit meiner Mitmenschen anders.

Und so verwundert es auch nicht, dass es für eben diese Mitmenschen ungewöhnlich ist, wenn dieser Rollstuhl näher als fünf Meter an sie heran kommt. Und als wäre das noch nicht aufregend genug: Meistens sitzt auch noch jemand drin, der noch nicht mal volljährig ist. Oh mein Gott, und dabei sieht sie doch völlig normal aus!

Wegschauen ist nicht immer möglich, anstarren gegen die guten Sitten. Habe ich eine Banane dabei, die ich schälen könnte? Oder bekommt von mir noch jemand eine SMS? Ist mein Schuhband offen? Nichts dergleichen? Dann nehme ich eben allen Mut zusammen und sage ihr ein paar aufmunternde Worte. Eine gute Tat am Tag muss sein.

Und so legen wildfremde Menschen mindestens einmal pro Woche den Arm um meine Schulter und sagen mir so nette Worte wie: „Ich an deiner Stelle würde mich umbringen.“

Ja nee, ist klar. Ich wusste zwar, dass es schlimm ist, aber sooo schlimm? Das habe ich nicht gewollt. Natürlich ist mir klar, was der Kommentar ausdrücken soll. Bewunderung, dass man diese aus ihrer Sicht schwere Situation meistert. Wie man ihn auch verstehen könnte, erwähne ich nicht, denn von meiner Oma weiß ich: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.