Cathleen möchte zu uns

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Dass Luisa zum 1. September wieder auszieht, hat sich spätestens seit meinem Post vom 11.08.09 auch außerhalb unserer WG herumgesprochen. Die sehr bedauerlichen und für mich auch eher inakzeptablen Gründe dazu auch. An wen wir das frei werdende Zimmer vergeben wollen, also auf welchen neuen Mitbewohner oder auf welche neue Mitbewohnerin wir uns einigen, eher nicht. Wir wissen es schließlich selbst noch nicht.

Der Vermieter möchte natürlich keine Leerstände, deshalb waren bereits vier Leute hier und haben sich das Zimmer angesehen. Zwei Leuten war es zu klein, ein Rollstuhlfahrer Anfang 20 wirkte nicht etwa wegen des Vollbartes sehr ungepflegt (sondern eher wegen des fetten Zahnbelags und den schmierigen Brillengläsern), eine Rollstuhlfahrerin Anfang 20 war uns schlicht und einfach zu doof.

Natürlich wäre allen geholfen, insbesondere Luisa, wenn sich schon zum 1. September ein Nachmieter finden würde, aber es muss eben auch passen. Gestern fragte mich Cathleen, ob sie mal eine ganz dumme Frage stellen dürfte. Ich weiß inzwischen, dass sie damit Fragen ankündigt, bei denen sie nicht weiß, ob sie ausverschämt sein könnten. Ich habe mit allem möglichen gerechnet, nur nicht mit der Frage, ob sie eine Chance hätte, bei uns einzuziehen.

Ernsthaft darüber nachgedacht hatte wohl bisher niemand, da sie in ihrem Internat wohnt, dort (nämlich 90 Kilometer von hier) zur Schule geht, gerade 15 Jahre alt ist, aus einer Familie kommt, bei der nicht alles einfach ist und vor allem noch nie alleine gewohnt hat, nicht einmal probeweise. Das hätte man allerdings in den Sommerferien prima machen können, wenn man ernsthaft mit dem Gedanken spielt. Mein erster lauter Gedanke dazu war: „Meinst du, dass deine Eltern dem überhaupt zustimmen würden?“

Sie wusste es nicht. Sie hatte nicht gefragt, weil sie nicht einschätzen kann, ob sie bei uns überhaupt eine Chance hätte. Meinetwegen könnte sie natürlich sofort einziehen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die anderen etwas dagegen hätten. Einigen wäre es vielleicht egal. Aber das Problem wird sein, dass sie minderjährig ist, das Internat vom Sozialamt bezahlt wird, sie dort zum Teil gepflegt wird, sie dort Psychotherapie bekommt (nachdem sie vor einem Jahr mal eine Depression hatte, und zwar eine richtige, mit der sie auch in einer Klinik war), dass sie hier in Hamburg keine Schule kennt, auf die sie gehen könnte und vor allem: Dass völlig unsicher ist, ob sie das so (oder mit einer Betreuung, wie ich sie bekomme) hinbekommen würde. Sie hätte dort ihre Leute, die sie kennt, sie hätte hier erstmal nur die WG. Was, wenn das nicht klappen würde, sie keine neuen Freunde findet?

Immerhin war ihr Gedanke aber so ernst, dass wir beschlossen, Sofie und Frank davon zu erzählen. Sofie hatte sofort die gleichen Bedenken wie ich. Frank war etwas entspannter: „Wenn man das wirklich will, wird sich kein Sozialamt und keine Schule dagegen stemmen. Nicht mehr in Klasse 10. Nach dem, was ich bisher mitgekriegt habe, bist du da ja auch nicht so glücklich.“ Das stimmt schon: Vor kurzem hat Frank eine Beschwerde an das Schleswig-Holsteinische Sozialministerium geschickt, da Cathleen kein Taschengeld bekam. Sie darf das Haus nicht verlassen, darf sich ihren Hausarzt und Frauenarzt nicht frei aussuchen, bekommt die falschen Pampers vom Internat einfach vorgesetzt, ohne dass sie daran was ändern kann – und geht letztlich mit Leuten in eine Klasse, die nur vom Jahrgang zusammenpassen, aber nicht von den Fähigkeiten. Einer in ihrer Klasse bekommt angeblich nicht mal den Satz „Ich habe Hunger“ in der richtigen Reihenfolge zusammen. Was sich nach dem Sommer allerdings geändert haben dürfte, denn der wird den Hauptschulabschluss nicht geschafft haben.

Wir redeten einige Zeit darüber und mehr und mehr stellte sich heraus, dass Cathleen mehr als nur einen Gedanken daran gehabt hat. Sie hat sich diese „ganz dumme“ Frage sehr genau überlegt und durchdacht. Am Ende sagte Frank, dass wir auf jeden Fall die Zustimmung der Mutter brauchen. Er würde mit ihr reden, wenn Cathleen das möchte. Und Cathleen wollte das. Und Frank griff zum Telefon. Cathleens Mutter kannte ihn ja bereits von der Taschengeld-Aktion. Und das Gespräch war unerwartet sachlich: Wo Cathleen zur Schule geht, sei ihr völlig egal. Wenn sich in unserer WG eine Betreuung sicherstellen lässt, sei auch das für sie denkbar. Aber: Sie werde keinen Finger rühren, was irgendwelche Anträge bei Behörden angeht. Sie sei froh, dass sie das alles erledigt hat. Sie wolle darüber schlafen und wenn ihr dabei nicht noch irgendwas wichtiges einfiele, werde sie auch nicht im Wege stehen, aber sie werde auch keine Energie mehr in das Thema stecken und irgendwelche Leute von irgendwas überzeugen.

Wir hatten uns für heute mittag erneut verabredet: Cathleen, Sofie, Frank und ich. Liam und Lina stehen der Sache wie erwartet völlig neutral gegenüber. Cathleen sagte, dass weder ihre Mutter noch ihr Stiefvater, bei denen sie zur Zeit zu Besuch ist, das Thema angeschnitten hatte. Bevor sie zu uns fuhr, hat sie ihre Mutter gefragt, ob das, was sie am Telefon gesagt hat, noch gilt. Daraufhin habe sie erwidert: „Ich weiß zwar nicht, warum der Typ jetzt so einen Wirbel macht, aber ich stehe zu dem, was ich gesagt habe. Ich zwinge dich nicht, auf das Internat zu gehen, wenn du woanders genauso betreut wirst.“ Cathleen wusste natürlich, warum Frank so einen Wirbel macht: Sie hatte ihn ja darum gebeten. Und das hatte Frank eigentlich auch gesagt im Telefonat.

Cathleen, Sofie und ich besuchten einen Mitarbeiter vom Gesundheitsamt, von der Beratungsstelle für behinderte Menschen. Der Mann war blind. Er war sehr nett und ich hatte den Eindruck, ihm machte seine Arbeit Spaß. Es lief am Ende alles auf eine Sache hinaus: Die Entscheidung treffen die Eltern. Es wäre für ihn leicht, dem Sozialamt zu begründen, dass es keinen Pflegesatz von 3.500 Euro im Monat mehr zahlen muss, sondern nur noch rund 400 Euro Miete plus paar Euro zum Leben und eine ambulante Betreuerin, die einmal pro Tag oder einmal alle zwei Tage nach dem Rechten sieht. Aber er braucht dafür auch ein Gutachten, aus dem sich ergibt, dass diese Förderung einen Sinn macht. Es muss jemand abschätzen, ob Cathleen dort zurecht kommen wird, ob sie in der neuen Schule integriert wird, ob die Betreuung einmal pro Tag oder einmal alle zwei Tage ausreicht – dann stünde dem nichts im Wege.

Er gab uns den Tipp, Cathleen in den Herbstferien eine Woche zur Probe wohnen zu lassen. Jetzt erst merkte ich, wie sehr sich Cathleen darauf bereits fixiert hatte. Sie war kurz vorm Weinen. „Wenn ich jetzt erst wieder in Schleswig-Holstein zur Schule gehe, verpasse ich doch hier den Anschluss.“

Blinde Menschen haben ja ein besonderes Gespür für die Stimme des Gegenüber. „Du hast es dir fest vorgenommen, oder? Du willst es schaffen.“ Cathleen nickte. Was der Mann nicht sehen konnte. Aber wohl fühlen – ich weiß es nicht. Er griff zum Telefon. Cathleen hat am Donnerstag – an meinem ersten Schultag, an ihrem viertletzten Ferientag – einen Termin bei einem Sozialpädagogen, der ein entsprechendes Gutachten schreiben soll. Sofie wird Cathleen zu diesem Termin begleiten.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Cathleen bei uns einzieht. Vorausgesetzt, sie schafft, was sie sich vornimmt und wir alle werden und bleiben glücklich dabei. Aber ich bin sehr skeptisch, dass sie den Sozialarbeiter davon überzeugen kann, ihr eine solche Empfehlung zu schreiben. Und die bräuchte sie. Sehr skeptisch.

Appelle an mein Gewissen

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Eigentlich, dachte ich, habe ich mein Leben im Moment recht gut im Griff. Bei meiner Entlassung aus dem Krankenhaus fragte man mich, ob ich mich innerlich ruhig und ausgeglichen fühle. Ich habe das bejaht. Ernsthaft bejaht.

Das klappt immer so lange, bis jemand zu aufdringlich wird. Ich schaffe es nicht, mir aufdringliche Menschen vom Hals zu halten. Ich mag keinen Streit. Aber er wäre nötig. Es wäre das nötig, was die ältere Generation „frech“ nennt.

Genau um diese ältere Generation geht es auch: Um 14 Uhr hat sich meine Tante, die mit der Currywurst, unangemeldet bei mir blicken lassen. Sie stand plötzlich vor der Tür und wollte mich dazu überreden, wieder engeren Kontakt zu meinen Eltern und vor allem zu meinen Großeltern aufzubauen. Nicht mal zu meinem Geburtstag melde ich mich bei ihnen.

Eine halbe Stunde lang hat mir meine Tante ein schlechtes Gewissen eingeredet. Mir sogar gedroht, dass meine Eltern mich aus dieser WG nehmen würden, wenn ich nicht ein wenig kooperiere. Etliche Male habe ich sie gebeten, zu gehen, aber sie hörte einfach nicht, sondern machte immer weiter. Als sie mich endlich soweit hatte, dass ich heulte, meinte sie: „Ich denke, jetzt ist der Knoten geplatzt. Am besten greifst du gleich zum Telefon und entschuldigst dich bei deinen Großeltern.“

Am Ende bin ich heulend zu Sofie geflüchtet und habe sie um Hilfe gebeten. Während ich in ihrem Zimmer wartete, hat sie mit meiner Tante geredet und sie gebeten, zu gehen.

Das hat funktioniert. Aber schlechter, als ich gehofft hatte. Während ich darüber grübelte, ob meine Eltern, meine Großeltern und meine Tante sich durch mich zurückgestoßen fühlen könnten und ich merkte, dass ich weder eine Antwort auf die Frage weiß noch alleine eine Lösung finde, die mein eingeredetes schlechtes Gewissen bereinigt, klingelten meine Großeltern an der Tür. Ich habe sie sehr lange nicht mehr gesehen und ein bißchen freute ich mich, sie zu sehen.

Aber der Besuch war einfach nur grausam. Natürlich war ich von dem Gebetsmühlen-Gespräch mit meiner Tante noch völlig neben der Spur. Meine Oma sagte, dass meine Tante ihnen berichtet hätte, dass es mir sehr schlecht ginge. Ich würde nur heulen und mich mehr und mehr zurückziehen. Mein Opa meinte daraufhin: „Du musst hier raus. Die ganzen schweren Schicksale hier sind nichts für ein junges Mädchen wie dich. Du musst mit Leuten zusammen sein, die lebensfroh sind und dich aufrichten. Du verkümmerst doch völlig.“

Vielleicht ist es sein Alter. Aber bereits mein Vater hatte nach meiner ersten Sportstunde daran gezweifelt, dass mir behinderte Mitmenschen gut tun. Liegt es in der Familie? Ich habe versucht, meinem Opa zu erklären, dass ich glücklich bin, so wie es jetzt ist, gemessen an dem, was möglich ist. Dass ich von lebensfrohen Leuten umgeben bin, die mir Kraft geben. Er schüttelte den Kopf. Es sei verständlich, dass ich keine Veränderung möchte, weil das unbequem wäre. Ich hätte mich schon viel zu sehr verrannt, deswegen könnte ich nicht mehr über den Tellerrand blicken. Damals nach dem Krieg sehnten sich Leute den Krieg zurück, da sie depressiv geworden waren und dann einen Grund hatten, sich zu verstecken. Die sind daran kaputt gegangen, dass sie wieder aus den Häusern raus mussten.“ Er meinte, ich bräuchte meine Familie und einige Freunde, die mich an ihrem gesunden Leben teilnehmen lassen. Die mit mir mit einem Ruderboot fahren, die mich zum Picknick mitnehmen, …

Sie waren insgesamt vielleicht eine Viertelstunde da. Als sie weg waren, war ich richtig entsetzt darüber, wie weit unsere Wege sich getrennt hatten. Ich habe in meiner heutigen Welt den Halt gefunden, den ich brauche. Und den möchte man mir wegnehmen? Weil ich darunter leide? Weil ich daran kaputt gehe?

Bin ich wirklich so verblendet? Ist es belastend, sein Leben (auch) mit behinderten Menschen zu verbringen? Bin ich depressiv? Muss ich rudern und picknicken? Habe ich den Anschluss verloren an die nächste Generation, an meine Familie? Und wenn ja, brauche ich diesen Anschluss und wozu?

Ich nehme keine Psychopillen. Mir wurden auch keine verordnet. Ich bin überzeugt, dass ich das, was ich empfinde, richtig empfinde. Und nicht durch Medikamente beeinflusst bin. Ich bin glücklich mit den Menschen um mich herum. Sie belasten mich nicht. Viele haben einen Rucksack zu tragen, ja. Na und? Die meisten von ihnen haben das Glück, dass ihre Behinderung nicht fortschreitet und dass sie keine Schmerzen haben. Ich auch. Aber selbst die, wo das anders ist, sind gerne mit mir zusammen und ich bin gerne mit ihnen zusammen.

Vielleicht lebe ich in einer anderen Welt. Das kann schon sein. Wenn wir mit den vielen laufenden Leuten in der S-Bahn sitzen, ist bei uns in der Ecke eindeutig die beste Stimmung. Wenn ich traurig bin, werde ich verstanden und getröstet. Das kannte ich vorher so nicht. Wenn ich anlehnungsbedürftig bin, nimmt mich meine Freundin in den Arm und zeigt mir, dass sie mich lieb hat. Wenn ich so bin, wie ich bin und wie meine Behinderung mich macht, werde ich von meinen Freunden gemocht. Ich denke keinen Moment, dass ich etwas falsch mache im Leben, dass ich gerade sündige oder kurzsichtig bin, ins Verderben rolle oder es andere Dinge gibt, mit denen ich meinen Opa verstehen könnte. Ich bin ratlos.

Keine süße Sechzehn mehr

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Dass Sofie relativ geschickt Gespräche und Unterhaltungen führen kann, ist nichts neues. Als Diplom-Psychologin sollte man das auch können. Dass selbst ich nicht mehr vor ihr sicher bin, durfte ich in den letzten beiden Tagen liebevoll erfahren. Zu Beginn der Woche hatte sie mich eher beiläufig gefragt, was ich an meinem Geburtstag plane. Falls hier mehrere Leute zu Besuch kämen und auch noch hier schlafen würden, möchte sie das rechtzeitig wissen. Ich antwortete ihr, dass es schon sein könnte, dass ein paar Leute vorbei kämen, dass sich das aber relativ spontan entscheidet.

Umso mehr wunderte ich mich, als Simone und Cathleen hier am Donnerstagmittag unangemeldet vor der Tür standen, beide mit großen Rucksäcken. „Es ist so heiß. Wollen wir nicht ins Freibad?“ Gute Idee.

„Wir kommen mit, wenn das okay ist“, sagte Sofie. Ich packte einige Sachen zusammen. Es hätte mir gleich komisch vorkommen sollen, als Frank darauf bestand, mit zwei Autos zu fahren. Nicht, dass ich was dagegen hätte, wenn Sofie mein Auto fährt (ich darf ja noch nicht selbst zum Freibad fahren), aber wieso muss Frank dann noch mit einem zweiten Auto parallel fahren?

Und in welches Freibad überhaupt? Wieso müssen wir dazu einmal quer durch die Stadt? So langsam begriff ich, dass diese merkwürdige Aktion irgendetwas mit meinem morgigen Geburtstag zu tun haben musste. Cathleen war ziemlich aufgeregt, so dass ich ziemlich schnell merkte, wer diesen Komplott eingefädelt hatte. Bis kurz vor der Autobahn 24 glaubte ich noch, dass wir noch einmal zum Öjendorfer Park fahren würden, wo wir vor kurzem nach einem Straßentraining gebadet hatten, aber als wir am Horner Kreisel auf die Autobahn fuhren, war mir klar, dass man etwas größeres mit mir vorhatte. Ich lehnte mich entspannt zurück.

Es ging mal wieder an die Ostsee. Wer hätte das gedacht? Auch wenn kein Strandkorb mehr zu bekommen war und der Strand aussah, als hätte ihn jemand mit Handtüchern, Decken und Menschen gepflastert, fanden wir ziemlich schnell ein Plätzchen. Und ziemlich schnell fanden Luisa und ihre Freundin auch uns. Zu siebt machten wir als allererstes die Ostsee unsicher. Weil die Luft so heiß war, wirkte das Wasser sehr kalt. Aber es war eine angenehme Abkühlung. Insgesamt waren wir drei Mal im Wasser.

Abends grillten wir wieder auf dem öffentlichen Grillplatz. Drei Mal fielen einige Tropfen vom Himmel und dichte Wolken zogen auf, es wurde auch deutlich kühler, aber das angesagte Gewitter kam nicht. Um Mitternacht stießen wir zu siebt auf meinen Siebzehnten an. Sofie hatte einen Kuchen gebacken und holte ihn aus ihrem Auto. Kurz danach begannen die ersten Blitze den Himmel zu erhellen. Wir fuhren zu einer öffentlichen Rollidusche, spülten uns den Sand vom Körper und machten uns nachtfertig.

Die drei Autos (das dritte von Luisas Freundin) standen bereits auf einem abgelegenen Parkplatz. Frank und Sofie hatten die Ladefläche ihres Passat Kombi mit zwei Luftmatratzen, Kissen und Wolldecken zu einem Bett umfunktioniert. Die beiden hatten darin schon Übung, ich hatte jedoch noch nie meine Rücksitze umgeklappt. Aber es war einfacher als ich dachte. Jedoch ist der Golf noch ein bißchen kleiner als der Passat und so wurde es ziemlich eng mit drei Leuten. Wenn einer sich umdrehte, mussten auch die anderen sich umdrehen. Ich lag in der Mitte, Cathleen lag rechts neben mir, Simone links neben mir – es war äußerst kuschelig. „Irgendjemand hatte sich doch eine gemeinsame Kuschelstunde gewünscht!“ meine Simone und spielte auf diesen Blog und seine Kommentare an.

Unsere Rollstühle standen auseinandergebaut auf den Vordersitzen und bei Luisas Freundin im Bus, so dass sie nicht nass wurden, als es, kurz nachdem wir alle richtig lagen, zu schütten anfing. Ein heftiges Gewitter zog über uns hinweg. Wir blickten durch die Scheiben in den mit Blitzen durchzogenen Nachthimmel und quatschten ohne Ende. Schlafen konnte erstmal sowieso keiner. Als der Regen aufhörte, öffneten wir die Scheiben in den hinteren Türen einen kleinen Spalt. Die Temperatur unter der Decke war genau richtig.

Als ich am Morgen aufwachte, tat mir alles weh. Cathleen schlief mit halb offenem Mund, Simone hatte einen Arm um meinen Bauch geschlungen, ich hatte irgendwelche losen Haare im Mund und alle schienen glücklich zu sein. Als ich mich anders hinlegen wollte, fing Cathleen an, im Schlaf zu schmatzen, vermutlich träumte sie noch von der Grillwurst.

Nach einem ausgiebigen Nutellafrühstück unter einem großen Sonnenschirm bei Regen (der Sonnenschirm gehörte zu einem Imbiss, der aber noch geschlosen hatte) und einem weiteren ausgiebigen Bad in der warmen Ostsee, ebenfalls bei Regen, mit Schlamm- und Quallenschlacht, duschten wir noch einmal und fuhren dann wieder nach Hause.

Am Abend zogen wir noch mit insgesamt 15 Leuten über den Hamburger Dom (Volksfest) und schauten uns das Feuerwerk an. Es war zwar bewölkt, aber trocken und man konnte es gut sehen. Danach fiel ich völlig müde in mein Bett.

Danke an alle für die vielen Mails und Geburtstagsgrüße, für die lieb organisierte Geburtstagsparty, den Kuchen, und für alles, was ich gerade nicht erwähne!

Trainings-Camp in Hannover

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Aufstehen um 5 Uhr, um ein Wochenende lang Sport zu treiben? Wer fit sein will, muss auch leiden. Um 7.01 Uhr fuhr unser Zug nach Hannover, wo wir uns mit mehreren Leuten aus ganz Deutschland zu einem Trainings-Camp treffen wollten. Ich belegte mir vor der Abfahrt noch schnell zwei Brötchen für unterwegs. Das hatte den Vorteil, dass mir kein Frühstück schwer im Magen lag, was es um diese Zeit sonst sicherlich getan hätte, aber den Nachteil, dass ich eine Diskussion mit einem Bahn-Mitarbeiter auf nüchternem Magen führen musste, was ich so gar nicht leiden kann. Erst meinte er, dass wir nicht angemeldet seien, als dann jedoch Cathleen die Auftragsnummer rauskramte, meinte er, bei der Reservierung sei ein Fehler passiert, der Zug habe nur einen Rollstuhlstellplatz – wer von uns Vieren denn mitfahren wollte.

Ich könnte das jetzt über drei Seiten ausschmücken, mach ich aber nicht. Am Ende saßen wir alle vier im Zug, hatten einen kompletten Großraumwagen fast für uns alleine und keiner der anderen Reisenden störte sich an drei Rollstühlen, die zu viel sein sollten. Warum auch? Es stand keiner im Weg und es gab auch keine anderen Probleme. Dafür fehlte in Hannover die Ausstiegshilfe. Man hatte wohl vergessen, uns anzumelden. Aileen kratzte das nicht, sie stellte sich so in die Tür, dass der Zug nicht abfahren konnte und über 10 Minuten Verspätung aufbaute. Das Zugpersonal war übelst genervt, musste aber kleinlaut zugeben, dass das Problem hausgemacht war.

Um Punkt 9 Uhr waren wir an der Sporthalle angekommen. Trainingsbeginn war um 10, davor mussten noch die Zimmer bezogen werden. Ich teilte mir mit Cathleen ein Zimmer. Simone und Merle bezogen das Zimmer direkt neben unserem und nach ganz viel Bitten und Betteln schloss der Typ von der Rezeption auch eine Zwischentür auf, so dass wir aus unseren zwei Zweierzimmern ein temporäres Viererzimmer machen konnten.

Insgesamt waren wir rund 35 Leute. Meine Gruppe war zuerst mit Schwimmen dran. Aber nicht etwa in einer Schwimmhalle! Sondern draußen. In einem See sollte eine trapezförmige Strecke zurückgelegt werden. Zwei Leute in einem Kajak begleiteten uns. Aufgabe war es, die Strecke zu schaffen, ohne besonders schnell zu sein, aber auch ohne sich zwischendrin auszuruhen. „Nichts leichter als das“, dachte ich mir anfangs. Das Wasser war warm, es war kein Zeitdruck, schwimmen konnte ich, wo sollte es ein Problem geben?

Die Strecke zog sich in die Länge. Ich hatte weder mit der Ausdauer Probleme, noch mit der Atmung, ich fror auch nicht – aber es nahm kein Ende. Das letzte Stück forderte meine letzten Kräfte. Meine Arme waren wie Gummi. Als ich endlich wieder am Steg angekommen war, hatte ich keine Kraft mehr, um mich aufzustützen und selbst aus dem Wasser zu klettern. Allerdings ging das anderen genauso und es schien, als wäre das geplant, denn es standen bereits einige Helfer dort, die uns an den Armen packten und uns auf den Steg setzten. Auf der linken Seite hatte ich mir auf Brusthöhe eine Scheuerstelle vom Badeanzug geholt. Das brannte im ersten Moment ziemlich.

Nach dem Mittagessen war erstmal Mittagspause, aber am späten Nachmittag trafen wir uns in der Sporthalle für ein Ergometertraining. Auch hier ging es wieder um Ausdauer. Wir wurden nacheinander im Rennrollstuhl auf ein Gerät gesetzt, beim dem die Kraft nicht auf den Boden, sondern auf Rollen übertragen und gemessen wurde. Sechs Minuten lang mussten wir eine bestimmte Leistung erbringen, dann wurde wieder gewechselt, insgesamt jeder vier Mal. Ich habe diese vier Etappen gut geschafft, aber danach war ich körperlich zu nichts mehr zu gebrauchen. Hätte jemand gefragt, ob wir einen Stadtbummel machen, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt. Es fragte aber auch niemand, denn die anderen waren genauso fertig.

Abends wurde in einem Gruppenraum Ice Age 2 auf Video gezeigt und Pizza für alle bestellt. Das war ziemlich lustig. Was nicht so lustig war, war ein Typ aus Bremen, der anfing, mich anzubaggern. Zuerst fand ich das ja noch sehr interessant, da lehnte er sich plötzlich beim Fernsehen an mich an und fragte, ob das so okay ist. Ja, warum nicht. Dann lehnte er auch den Kopf an mich an. Und kurz danach fragte eine aus seinem Team: „Sag mal, Renè, hattest du deiner Freundin jetzt eigentlich schon geantwortet? Die hat mir schon drei Mal ne SMS geschrieben heute, wieso du nicht ans Handy gehst.“ Was für ein Idiot!

Am Sonntagmorgen wurden wir um 7 Uhr geweckt. Alle einmal aufs Klo, dann noch vor dem Frühstück zehn Kilometer schnellfahren auf dem Sportplatz. Als ich aus der Dusche kam und frische Sachen angezogen hatte, hatte ich so einen Kohldampf, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Schüssel Cornflakes und anschließend noch drei ganze Brötchen (also sechs Hälften) gegessen habe. Satt war ich dann zwar immernoch nicht, aber ich dachte mir: „Das reicht jetzt mal.“ Kurz vor dem Mittagessen kam dann nochmal wieder das Ergometertraining dran, bevor wir dann in einer gemeinsamen Runde ein paar Adressen austauschten und anschließend den Heimweg antraten.

Als ich abends endlich wieder zu Hause war, fiel ich müde aber glücklich in mein Bett. Es waren super nette Leute dabei, wir hatten trotz aller Anstrengung sehr viel Spaß und ich freue mich auf das nächste Trainings-Camp, noch in diesem Monat.