Rollstuhlfahrer unerwünscht

7 Kommentare1.389 Aufrufe

„Oh nein, nicht schon wieder so ein Behindi-Mitleids-Thema“, werden die ersten Leser nach der Überschrift denken. Tja, liebe Leser, ich wünschte auch, dass ich so etwas nicht ständig miterleben müsste. Meine Leser können weiterscrollen, das wünsche ich mir für mein Leben in solchen Momenten auch.

In Momenten, wo die Welt in Ordnung ist, wo ich versuche, meinen Jan anzugraben, gerade seine volle Aufmerksamkeit habe, ihn bei lauter Diskomusik antanze, ihm Salzstangen in den Mund stecken darf (nicht mit dem Mund, aber immerhin frisst er mir inzwischen aus der Hand…) und wo es dann plötzlich heißt: „Behinderte raus!“

Das wurde so nicht ausgesprochen. Soll ich erwähnen. Sagt Frank, der Jurist aus unserer WG. Aber ich darf öffentlich sagen, dass man gestern abend sieben Rollstuhlfahrer aus dem Roschinsky geworfen hat – und nur die sieben Rollstuhlfahrer. Dass ihnen angedroht wurde, man würde die Polizei rufen, wenn sie dem Rauswurf nicht nachkommen und somit einen Hausfriedensbruch begehen. Schließlich darf die Inhaberin ja selbst entscheiden, welche Gäste sie haben will und welche nicht.

St. Pauli ist eine eher linke Szene. Entsprechend gibt es auch Menschen, die nicht wegschauen, sondern sich einmischen. So verließen mit uns rund 50 Leute die Kneipe und schworen, den Laden niemals wieder aufzusuchen. Einige Gäste verlangten, die Geschäftsführerin sprechen zu dürfen. Nachdem das draußen immer weiter eskalierte, kam sie vor die Tür und erklärte, dass es Sicherheitsbestimmungen gäbe, an die sie sich zu halten hätte. Mit uns wollte sie aber nicht sprechen.

Morgen früh hat einer der Beteiligten einen Termin bei der Boulevardpresse. Man muss sich ja nicht alles gefallen lassen. Ich bin gespannt, ob die etwas schreiben.

Kampf der Giganten

2 Kommentare1.172 Aufrufe

Ich habe drauf gewartet, jetzt ist es endlich da: Das Video vom letzten Rollstuhlbasketballspiel in Wetzlar. Man muss es gesehen haben. Die beiden besten deutschen Mannschaften kämpfen um den Sieg. Etliche Dreipunktewürfe (Distanz mehr als 6,25 Meter, dazu der Höhenunterschied beim Rollstuhlbasketball von rund 1,50 Meter) wie am Schnürchen und eine Bombenstimmung mit 4.000 Zuschauern in der restlos ausverkauften Arena sind immer wieder eine Reise wert. Auch wenn Wetzlar von Hamburg mit dem Zug etwas schwierig zu erreichen ist.

Bitte schaut Euch das Video an – es lohnt sich.

Na? Zuviel versprochen?

Tod einer Sozialtherapeutin

5 Kommentare1.340 Aufrufe

Seit meiner Entlassung aus dem Krankenhaus hilft mir -bis ich 18 bin- eine Sozialtherapeutin, in ein selbständiges Leben zu finden. Frau W. habe ich zuletzt vor 14 Tagen gesehen, letzten Dienstag fragte mich eine andere Mitarbeiterin der Einrichtung am Telefon, ob ich eine Woche ohne diese Hilfe auskommen würde, da Frau W. krank sei. Selbstverständlich komme ich mal eine Woche ohne Frau W. aus, selbstverständlich auch zwei oder drei. Ich bin ohnehin dafür, diese Besuche zu meinem 18. Geburtstag einzustellen, da ich mich selbstständig genug fühle. Im Gegensatz zu Cathleen, die ihre Sozialtherapeutin (von einer anderen Einrichtung) sehr in Anspruch nimmt, was auch okay ist und wofür sie ja auch bezahlt wird.

Aber zurück zu meiner Frau W. Bei mir stellte sich heute ihre Nachfolgerin vor. Frau S., keine zehn Jahre älter als ich, gerade mit dem Studium fertig und ohne jede Berufserfahrung. Und ohne jedes Feingefühl. Ich bin, was meine Behinderung angeht, sicher nicht zimperlich, aber da ist sie gleich angeeckt. Und als ich sie dann fragte, ob sie mir was zu Frau W. sagen könnte, immerhin hat sie sich noch nicht mal von mir verabschiedet, erwähnte sie nahezu beiläufig, dass sie sich in der letzten Woche umgebracht hätte.

Bitte was?! Ja. Beim Job ein Sparbuch einer Klientin eingesteckt, beim Geld abheben geschnappt worden, verhört worden, aus dem Job fristlos rausgeflogen, eine Nacht gegrübelt, keinen Ausweg gesehen, Suizid. Stand sogar in der Zeitung – die ich nicht lese. Wie kann so etwas sein?!

Ich bin völlig geplättet. Völlig neben der Spur. Davon abgesehen, dass ich es ihr nicht zugetraut hätte und sehr verwirrt bin, dass ich mich so getäuscht haben könnte in einem Menschen – da macht jemand einen Job, bei dem er Menschen, die durch irgendein Ereignis (es muss ja nicht unbedingt ein Unfall mit Querschnittlähmung sein) aus ihrem Lebensmittelpunkt geschoben werden und zurück in ein geordnetes Leben, in ein gesellschaftliches Miteinander wollen, dabei hilft, ihre zum Teil nahezu unüberwindbaren Probleme zu lösen – und dann ist jemand so naiv, dass er glaubt, mit gestohlenem Geld glücklich oder sorgenfrei zu werden?

Und dann lässt sie sich erwischen und schafft es dann nicht, reinen Tisch zu machen? Klar, der Job ist weg. Der gute Ruf auch. Ich persönlich hätte mir nicht vorstellen können, ihr weiterhin zu vertrauen, wenn sich diese Geschichte denn wirklich so zugetragen hat. Aber deshalb sich umbringen? Sein Leben wegwerfen?

Nun, es kann jeder mit seinem Leben machen was er will. Es steht mir auch nicht zu, darüber zu urteilen. Ich kenne die Fakten nicht, nur Gerüchte und Halbwahrheiten aus der Zeitung. Ich bezweifel aber, dass diese Entscheidung eine gute war. Wäre ich die Betroffene, wäre ich vermutlich fuchsteufelswild und endlos sauer. Ich würde nach einer harten Strafe rufen. Es geht überhaupt nicht, dass ein Mensch, der für einen irgendwie „Bedürftigen“ soziale Dienste erbringt, diesen bestiehlt. Ich hätte mich vermutlich dafür stark gemacht, dass sie nicht mehr in diesem Job arbeiten darf. Aber mit einer Bewährungsstrafe hätte ich leben können. Trotz eines solchen Vergehens bleibt sie ein Mensch. Auch wenn sie Schuld auf sich geladen hat.

Mit meinen Leuten in der WG habe ich sehr intensiv über diese Neuigkeit gesprochen. Alle waren fassungslos über diese so heftige Tat. Auch wenn ich meine Gedanken einige Stunden später wieder ein wenig geordnet habe – unbegreiflich bleibt es mir wohl für immer. Ich kann vor allem nicht begreifen, dass ich sie vor zwei Wochen noch scheinbar völlig sorgenfrei gesehen habe. Mit ihr geredet habe, mich verabschiedet habe bis zur nächsten Woche. Und dann sowas?!

Ein Rennrollstuhl für 1.500 Euro

4 Kommentare1.256 Aufrufe

Um die Frage zu beantworten, ob man sich einen neuen Rennrollstuhl zulegt, muss man sich erstmal selbst die Frage stellen, ob man diesen Sport überhaupt langfristig und professionell machen möchte. Denn so ein Sportgerät kostet in einfachster brauchbarer Ausstattung mindestens 5.000 Euro. Da ich noch nicht hundertprozentig weiß, wie ich in den nächsten zwei Jahren mit der Schule zurecht komme, ob ich mich in meiner Leistung entsprechend steigern kann, ob ich überhaupt die Zeit habe, intensiv zu trainieren, ob dieser Sport für mich das richtige ist und ob mein Körper ein dauerhaftes intensives Training akzeptiert, wäre es aus meiner Sicht verfrüht, so viel Geld dafür auf den Tisch zu legen.

Aber eine Entscheidung musste her, denn den Rennrollstuhl, den ich bisher leihweise nutzen konnte, sollte verkauft werden. Die Eigentümerin brauchte das Geld. Insofern kam mein Verein gestern abend gleich mit zwei Nachrichten auf mich zu: Erstens könnte ich den Stuhl nicht mehr länger leihweise nutzen und müsste ihn gereinigt und gewartet zurückgeben, zweitens würde man den Stuhl als Vereinseigentum kaufen und ihn mir dann wieder leihweise zur Verfügung stellen.

So sicher bin ich mir dann aber doch, dass ich die geforderten 1.500 Euro für einen Stuhl, der dann mir privat gehören würde, investieren wollte. Man muss zwar kein Geld zum Fenster rausschmeißen – eigentlich könnte ich ja froh sein, wenn mir der Verein „meinen“ Stuhl kauft und ihn mir dann, wann immer ich ihn brauche, verleiht. Aber: Ich würde ihn dann halt nicht alleine benutzen. Wenn ich mal nicht zum Training käme oder irgendwo Materialmangel herrscht (auf Wettkämpfen etc.), könnte es gut sein, dass auch andere Vereinssportler ohne eigenen Rennrollstuhl dieses Gerät ausgeliehen bekommen.

Gehen wir mal davon aus, dass auch alle so sorgfältig damit umgehen wie ich, so müsste ich doch jedes Mal meine Einstellungen wieder finden. Bei Defekten wäre ich diejenige, die dann überraschend keinen Stuhl hat oder erstmal Reifen flicken muss. Und dann eben nicht zu guter Letzt der hygienische Aspekt. Sicher benutzt jeder sein eigenes Sitzkissen und selbstverständlich wird der Stuhl nach jedem Einsatz gereinigt. Aber trotzdem möchte ich mir nicht vorstellen, dass direkt vor mir schon jemand anderes trainiert hat, alles völlig verschwitzt oder vom Regen durchnässt ist, und ich mich dann in einen feuchtwarmen Rollstuhl setzen muss. Ganz zu schweigen von anderen Sekreten oder Körperflüssigkeiten, die während Wettkämpfen oder intensivem Straßentraining bei einigen Athleten ihren Lauf nehmen.

So konnten wir uns kurzerhand darauf einigen, dass ich den Rennrollstuhl privat anschaffe und der Verein für die eingesparten 1.500 Euro ein weiteres Sportgerät, nun für den noch jüngeren Nachwuchs, im nächsten Frühjahr anschafft. Nach Zustimmung meiner Eltern darf ich nun einen gebrauchten Rennrollstuhl mit internationaler Karriere (wer hat sowas schon?) mein Eigen nennen.

Zu einer der vermutlich letzten Nachtfahrten vor dem Wintereinbruch sind Cathleen, Kristina, Merle, Nadine, Simone, Yvonne und ich heute nacht aufgebrochen. Es war angenehm warm, aber doch zu kalt, um kurzärmlig zu fahren. Die Straßen waren nass, aber es regnete zunächst nicht. Die Strecke, Länge rund 18 Kilometer, kannte ich noch nicht: Aus Niendorf am Airport vorbei, durchs Niendorfer Gehege, Farnhornweg bis Luruper Chaussee und dann mit einem Knick zu unserem Zielpunkt in der Nähe des Volksparks.

Tatjana hatte große Lust auf Konditionstraining und wollte uns in vier Intervallen zu je vier Minuten in Höchstgeschwindigkeit durch die Nacht donnern sehen. Nach einem allgemeinen Aufwärmprogramm waren einzelne Streckenabschnitte wie gemacht dafür. Aber leider machte uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung. In einigen Straßen lief das Wasser wegen des Laubs zum Teil so schlecht ab, dass wir wegen tiefer Wasserpfützen langsam fahren mussten. In der Volksparkstraße fuhren drei Chaoten mit Kleinbussen mit so hoher Geschwindigkeit neben uns durch eine Wasserpfütze, dass wir drei Mal hintereinander regelrecht geduscht wurden. Yvonne und Simone kreischten laut – das Wasser war natürlich eiskalt. Und vor allem dreckig. Dieses unfreiwillige Bad zwang uns, erstmal langsam aus dem Bereich rauszufahren, dann aber anzuhalten und uns zumindest einmal grob die Haare, das Gesicht und die Hände abzutrocknen.

Ich hatte das Gefühl, meine ganzen Haare wären voller Sand. Insofern war ich auch nicht böse drum, als es in der Elbgaustraße zu regnen anfing. Die Luft war relativ warm, im zweistelligen Bereich, wir schwitzten durch das intensive Training und die warme Dusche war nicht mehr weit. Man könnte fast sagen, dass der Regen angenehm war. Auf jeden Fall nach der Schmutzwasserdusche.

Nadine und Kristina waren die ersten, die aus ihren Rollstühlen ausstiegen, alles stehen und liegen ließen und unter die heiße Dusche watschelten. Nadine und Kristina können trotz ihrer Lähmung gehen – und vor allem im Stehen duschen. Als Cathleen und ich mit Hilfe von Tatjana in den Duschraum kamen, standen dort im flackernden Licht zweier defekter Leuchtstoffröhren zwei Frauen, die auf dem Weg dorthin alle vom Regen und von der Matschdusche durchnässten Klamotten von sich gerissen und auf dem Fußboden verteilt hatten. Da lag eine Hose, hier lag ein BH und dorthinten trieben Armwärmer in Richtung Abfluss.

Ich nahm nur meinen Helm ab und packte die Funkeinheit weg, dann setzte ich mich in kompletter Montur unter die Dusche. Es war sowieso schon alles nass und wenigstens wurden so der ganze Sand und Dreck und einzelne Blätter, die bei dem Matschangriff über uns gegossen wurden, ausgespült und würden nicht zu Hause das Sieb unserer Waschmaschine verstopfen. Cathleen machte es mir nach, Simone, die kurz danach reingerollt kam, meinte nur: „Was macht ihr denn da? Ein Wetlook-Match?“

Natürlich haben wir uns beim Duschen noch ausgezogen, denn wir wollten ja auch sauber werden. Im Gegensatz zu der Sporthalle in Wandsbek, in der wir manchmal nach einem Straßentraining duschen, ist hier das Wasser wenigstens angenehm warm. Simone kam nach dem Training mit zu uns nach Hause. Bis spät in den Sonntag hinein träumten wir von unserer Strecke: