Eine Nacht im Krankenhaus

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Die Weihnachtstage habe ich bei mir in der WG verbracht. Liam und Frank haben zwei Tage vor Heilig Abend noch einen kleinen Weihnachtsbaum besorgt, keinen aufblasbaren, sondern einen im Eimer, den man hinterher einpflanzen kann, Lina und Sofie haben ihn geschmückt, es war recht nett. Cathleen war am Heilig Abend bei ihrer Mutter, Liam und Lina waren bei Liams Eltern. Sofie, Frank und ich haben es uns im Gruppenraum gemütlich gemacht, gemeinsam gegessen, geredet, sind anschließend zum Gottesdienst in den Hamburger Michel gefahren. Ich habe es schon erwartet: Die Kirche war bis auf den letzten Platz belegt. Wenn man jetzt erwähnt, dass es sich um den vierten Gottesdienst an diesem Tag handelte und die Kirche 2.500 Plätze hat, kann sich wohl jeder vorstellen, was dort los war. Aber die Leute waren ruhig und nett, die kleinen Kinder, die sonst oft lauter sind als der Pastor, waren alle schon im Bett.

Am ersten Weihnachtstag habe ich erstmal ausgeschlafen, mittags haben wir alle zusammen gegessen, bevor Sofie und Frank zu Sofies Mutter und Lebensgefährten verschwunden sind. Am zweiten Weihnachtstag hatten wir in der WG ein gemeinsames Frühstück und dazu auch einige Freunde eingeladen.

Nachgedacht oder gegrübelt habe ich eigentlich nicht viel. Letztes Jahr Weihnachten habe ich im Krankenhaus verbracht, mich mehr oder weniger amüsiert über einen Pfleger, der als Weihnachtsmann verkleidet und „Ho Ho Ho“ rufend über die Flure tobte, an einem Videoabend in der Sporthalle teilgenommen und Frust geschoben. Vor zwei Jahren habe ich mit meinen Eltern gefeiert, als 15-jährige mich über alle möglichen Geschenke gefreut, da war die Welt noch in Ordnung. 😉

Dieses Jahr habe ich (noch) nichts vom Weihnachtsmann bekommen. Ich war halt nicht brav genug. Innerhalb der WG schenken wir uns nichts, das haben wir von vornherein so festgelegt, und das finde ich auch gut so. Jeder hat was zu einem gemeinsamen Bunten Teller, der im Gruppenraum auf dem Tisch steht, dazugegeben. Ansonsten habe ich noch eine Kleinigkeit für meinen Jan, den ich erst in der nächsten Woche wieder sehe, da er bei seinen Eltern in Regensburg ist.

Das ist für mich aber auch nicht überraschend. Wenn ich an den übrigen Tagen des Jahres keinen Kontakt zu meiner Familie haben will, muss das auch nicht an Weihnachten sein, auch wenn überall propagiert wird, dass es sich um das Fest der Liebe, der Familien und der Versöhnung handele. Unsere Probleme sind so schwerwiegend, dass sie sich nicht mit einem Weihnachtsfest lösen können.

Nicht verstanden hat das meine Mutter, die mich am 2. Weihnachtstag nachmittags anrief. Mal wieder auf dem Handy und mit unterdrückter Rufnummer. Sie wollte mir noch einmal ein schlechtes Gewissen machen, indem sie mich darauf hinwies, dass sie ja im Moment in der Klinik sei, ausgerechnet über Weihnachten, und ich würde sie nicht besuchen. Es sehe für sie so aus, als wenn ich, jetzt wo ich genug eigenes Geld habe, keinen Kontakt zu ihnen mehr nötig hätte. Der Vorwurf ist natürlich heftig, aber es muss ja immernoch eine Steigerung geben, wenn man Gespräche erzwingen will. Sie hat es nicht verstanden, vermutlich kann sie es nicht verstehen. Als ich aufgelegt hatte, habe ich einen Moment darüber nachgedacht, mir eine neue Handynummer zu besorgen.

Ich will es gar nicht kommentieren. Ich habe es auch nicht kommentiert, als meine Großtante, die mit der Currywurst, plötzlich vor der Tür stand und rein wollte. Sofie hatte die Tür geöffnet, meine Großtante aber gar nicht erst reingelassen, sondern mich zur Tür geschickt. Ich dachte: „Sollte sie jetzt das Weihnachtsfest zum Anlass nehmen, sich zu entschuldigen, lässt du sie rein. Auch wenn sie nicht deine Ansichten hat, ich möchte, dass man mich versteht, dass sich langfristig etwas ändert, also gib ihr eine Chance.“ Aber sie grüßte nicht mal, sondern wollte gleich mit den Worten „ich muss mit dir reden“ an mir vorbei stapfen. Was nicht funktionierte, da ich mich, bevor ich die Tür geöffnet habe, geschickt positioniert und den Rollstuhl festgebremst habe, so dass die Tür nicht weiter aufging. Also rappelte sie gegen die Tür. Leider etwas unglücklich mit dem Kopf. Sie flippte gleich aus: „Du spinnst ja wohl!“

Ich erwiderte: „Entschuldigung, aber du bist gegen die Tür gelaufen! Was möchtest du? Auf ‚mit dir reden‘ habe ich keinen Bock. Das eskaliert jedes Mal.“ Sie hielt sich den Kopf, aber es blutete nicht. „Das nehme ich dir übel. Mich hier als alte gebrechliche Frau im Flur abzufertigen und mir die Tür vor den Kopf zu schlagen. Du brauchst dich bei mir nicht mehr zu melden. Und auch nicht um Geld betteln. Glaube ja nicht, dass du von mir noch einen Cent bekommst!“

Was sollte das jetzt schon wieder? Ich melde mich bei ihr sowieso nicht. Und zum letzten Mal habe ich von ihr 50 Euro geschenkt bekommen, das war exakt vor zwei Jahren zu Weihnachten, dazwischen hat sie für mich eben eine Currywurst bezahlt und mir ein paar Socken, weiß mit rosa Streifen von Tschibo, ins Krankenhaus mitgebracht. Und eine Illustrierte. Habe ich je nach Geld gebettelt? Ich kann mich nicht daran erinnern. In den letzten zwei Jahren auf keinen Fall. Auf meinem Sparbuch liegen über 10.000 Euro, von dem fest angelegten Unfallgeld mal ganz zu schweigen. Wieso sollte ich da um Geld betteln?! Irgendwie sind die alle irre. Und der Hinweis auf ihre Gebrechlichkeit … sie rennt kilometerweit mit ihrem Wanderverein und weist eine Rollstuhlfahrerin auf ihre Gebrechlichkeit hin. Skurriler geht es kaum.

Also schloss ich die Tür und ließ sie draußen labern. Als ich mich umdrehte, stand Sofie am Ende des Flurs, machte eine Scheibenwischergeste und murmelte: „Die haben doch alle ein Rad ab.“

Jetzt, als die Tür zu war, fiel mir ein, dass auch meine Mutter am Telefon schon eine Bemerkung über Geld gemacht hatte. Wahrscheinlich haben die beiden miteinander telefoniert und darin liegt auch der Besuch der Großtante begründet. Ein Glück, dass ich sie nicht reingelassen habe. Nun stand sie im Flur, lehnte sich gegen die Tür, klopfte und murmelte: „Mach die Tür auf, ich weiß, dass du dahinter stehst.“ Genial. Ich ließ sie stehen und fuhr in mein Zimmer.

Abends wollte ich mich gerade ausziehen, als plötzlich Krach im Flur war. Ich hörte Liam irgendwas energisch rufen, konnte das aber nicht verstehen, da Musik lief. Ich drehte die Musik leise und lauschte. In dem Moment sprang meine Zimmertür auf und mein Vater stürmte rein. Er brüllte mich an: „Hast du Tante … die Tür an den Kopf geschlagen? Überlege dir genau, was du jetzt sagst.“ Ich zog erstmal den Kopf ein, sagte dann: „Sie ist gegen die Tür gelaufen.“

Jetzt stand er direkt vor mir. Er hatte eine Fahne. Ich hatte Angst. „Ich frage noch einmal: Hast du Tante … die Tür an den Kopf geschlagen?“ Liam stand in der Zimmertür, sprach meinen Vater an: „Herr …!“ Bevor er irgendwas sagen konnte, ging er auf ihn zu, Liam ging zwei Schritte rückwärts, mein Vater knallte die Tür zu. Nun kam er wieder auf mich zu: „Ich warte auf eine Antwort!“ Ich erwiderte: „Ich habe dir schon eine Antwort…“ Weiter kam ich nicht, dann bekam ich eine Ohrfeige. Die saß. Aber richtig. Mit erhobener Hand stand er vor mir: „Hast du ihr die Tür an den Kopf geschlagen oder nicht? Überlege dir genau, was du sagst!“

Ich antwortete: „Sie ist gegen die Tür gelaufen!“ Er wollte mit der anderen Hand zuschlagen, aber ich riss die Arme hoch. „Nimm die Arme runter“, brüllte er mich an. Das fehlte noch. Ich schrie nach Liam, schrie um Hilfe. Mein Vater wollte mir den Mund zuhalten, war aber wohl von der Kippfreudigkeit meines Rollstuhls überrascht. Ich bekam das Übergewicht und fiel nach hinten und rollte aus dem Stuhl raus. Ich glaube wirklich, dass er davon selbst überrascht war. „Du zerstörst unsere ganze Familie, merkst du das nicht?“ Zum Glück hatte mich nirgendwo gestoßen bei meinem freien Fall. Ich robbte ein Stück zur Wand, setzte mich rückwärts gegen Bett und Wand, kauerte mich zusammen. Er versetzte meinem umgefallenen Rollstuhl einen Tritt, so dass er halb unter meinen Schreibtisch donnerte. Ich war erschrocken und ängstlich zugleich über dieses Gewaltpotential, das ich bisher so noch nicht erleben musste.

Er ging wutschnaubend und Türen knallend raus. Das ganze hatte keine zwei Minuten gedauert. Ich heulte und als ich hochzog, merkte ich einen metallischen Geschmack im Mund. Ich blickte an mir herab. Mein T-Shirt war voller Blut. Es war meine Nase, die blutete. An meinen Rollstuhl kam ich nicht. An die Taschentücher auf dem Nachttisch auch nicht. Ich versuchte, das Blut mit den Fingern abzuwischen, aber es lief ohne Ende. Ich rief nach Liam. Niemand kam. Hörte mich keiner? Dann ging die Tür einen Spalt auf. „Ist er noch drin?“ – „Nein, er ist raus“, antwortete ich. Liam kam rein. Sah mich. Sagte: „Ach du Scheiße.“ In dem Moment klingelte es an der Tür. Er rannte hin, ich rief ihm hinterher: „Lass ihn draußen!“

Dann hörte ich hektische Schritte auf dem Flur. „Wo ist das?“ – „Hier gleich die Tür.“ Die Polizei. Irgendwann muss ich in dem Verein noch Mitglied werden. So oft wie im letzten Jahr hatte ich nie in meinem Leben mit den Bullen zu tun. Die ganze Falschparkerei, eingeschlossen in Aufzügen, verrückte Nachbarn, abgetretene Außenspiegel, … so langsam reichte es. Eine Frau, Mitte 20, kam auf mich zu. Ihrem Kollegen sagte sie: „Ruf mal nen Arzt.“ Sie hockte sich neben mich. „Nehmen Sie mal den Kopf auf die Brust. Ist vermutlich nur die Nase. Zähne sind noch alle drin?“

Keine Ahnung. Doch, Zähne waren noch drin. Keine Ahnung, wieso die Nase überhaupt blutete, die hatte eigentlich gar nichts abgekriegt. „Bleiben Sie mal sitzen. Hier sind Papiertücher, nur erstmal drunter halten. Sonst geht es Ihnen gut? Haben Sie sonst irgendwo Schmerzen?“ Ich schüttelte den Kopf. Ich war eigentlich auch gegen großes Tamtam, die Nase fühlte sich nicht gebrochen an und würde wohl jeden Moment wieder aufhören zu bluten.

Nun kamen noch mehr Polizisten. Was für eine Aufregung! Die beiden wurden aber gleich wieder weggeschickt. „Der ist abgehauen. Handelt sich wohl um den Vater.“ – „Na dann: Frohe Weihnachten!“ sagte der andere. Ich war zitterig, fing an zu frieren. Zwei Mal gab mir die Polizistin neue Taschentücher. Ein Teil des Blutes lief im Rachen runter und verklebte dort. Das war ziemlich eklig. Irgendwie hörte es überhaupt nicht auf. Dann kam eine ganze Horde Leute ins Zimmer. Einer stellte sich vor, sagte, er sei der Notarzt. Ich solle mal die Taschentücher wegnehmen. Er schaute mir in den Mund. Er wackelte an meiner Nase und fragte, ob das weh täte. Tat es nicht. Er fragte mich, was passiert sei. Ich sagte ihm, dass ich eine Ohrfeige bekommen hätte und aus dem Rollstuhl gefallen sei. Aber eigentlich nicht auf die Nase. Er legte mir eine Infusion in den Arm. So ein Zirkus! Dann meinte er, dass ich mal für ein paar Minuten die Nasenflügel zusammendrücken sollte.

Nach drei Minuten hörte die Blutung auf. Ich musste mich auf eine Trage legen und sollte mit ins Krankenhaus. Ich wollte eigentlich nicht, aber die Polizistin meinte, es sei besser. Ich wurde in den Rettungswagen verladen, der Notarzt stieg zwar erst mit ein, verabschiedete sich dann aber von mir. Ich fragte: „Wo bringen Sie mich denn hin?“ – „Ins Albertinen-Krankenhaus.“ – „Nee, dorthin möchte ich nicht. Können Sie mich nicht nach … fahren? Dort war ich bis vor kurzem und die haben die ganzen Unterlagen da. Außerdem sind die auf Querschnitte spezialisiert.“ – „Was meinen Sie mit Querschnitt?“ – „Na meine Querschnittlähmung.“ – „Sie sind querschnitzgelähmt?“ Oh. Mein. Gott. „Ja, fahren Sie mich bitte nach …?“ Die beiden schauten sich an. „Ich muss das klären, wir dürfen immer nur das nächste aufnahmebereite Krankenhaus anfahren.“ – „Naja, es muss ja aber auch geeignet sein. Ich reagiere ja alleine schon auf viele Medikamente ganz anders, fängt beim Blutdruck an.“

Der andere Typ kam wieder, hatte eine Mappe in der Hand. „Sie müssten hier einmal unterschreiben, dass Sie die Kosten für den Transport übernehmen, wenn Ihre Kasse nicht zahlt.“ Ich unterschrieb und los ging es. Einmal quer durch Hamburg. Die Straßen hatten offenbar einige Frostschäden davon getragen, ich kam mir vor wie auf einem Kamel. Eine halbe Stunde später wurde ich ausgeladen. „Das kenne ich hier“, dachte ich mir. Ich wurde in einen Raum geschoben, wurde von einem Arzt, den ich nicht kannte, untersucht. Kopf bewegen, Arme bewegen, Rücken abklopfen, abhören, … nichts spannendes festzustellen. „Ich möchte gerne noch ein paar Bilder von Ihrem Kopf machen“, sagte er. Also musste ich noch in eine Röhre. Da war aber auch nichts zu sehen.

Danach bekam ich ein Bett auf meiner alten Station, ein Zimmer zusammen mit einer anderen Frau, die aber schon schlief. Es wurde einmal Blutdruck gemessen. Ich soll klingeln, wenn mir übel würde. „Ein Klogang und eine Pampers wären ganz gut“, sagte ich. Nein, ich sollte nicht aufstehen. „Können Sie sich kathetern?“ Na sicher. Licht aus, schlafen konnte ich aber nicht. Was für eine Nacht! Was für ein Theater wegen ein wenig Nasenbluten! Und wofür habe ich eigentlich die Ohrfeige bekommen? Irgendwann schlief ich dann doch ein.

Um sechs tobte die Schwester rein. Was habe ich das vermisst in den lezten sechs Monaten! Wenn mir nicht mehr übel sei, könnte ich nach Hause. Der Arzt käme gleich und würde mich noch einmal ansehen, dann könnte ich gehen. Sie war gerade aus der Tür, da kam ein Arzt rein. Den kannte ich auch nicht. Wenn mir nicht mehr übel sei, könnte ich nach Hause. „Wieso übel? Mir war nicht übel. Ich hatte Nasenbluten.“ – „Ja. Ich ziehe Ihnen noch die Kanüle aus dem Arm, dann können Sie los.“ – „Ich muss erstmal organisieren, wie ich nach Hause komme. Mein Rollstuhl ist zu Hause und ich habe auch niemanden, den ich jetzt anrufen und fragen könnte.“ – „Nee, Sie kriegen einen Transportschein und wir bestellen Ihnen ein Fahrzeug.“ Zehn Minuten später bekam ich meine Papiere und zwei dicke Sanitäter mit einem fahrbaren Sitz kamen rein. Ich wurde in einen VW-Bus verladen, der eine Sanitäter setzte sich neben mich auf einen Klappsitz und dann ging es los.

Um kurz vor acht Uhr war ich wieder zu Hause. In meinem Zimmer sah es aus! Auf der Erde jede Menge Verpackungen von irgendwelchen medizinischen Sachen, vollgeblutete Tücher – wie auf einem Schlachtfeld. Ich wurde aufs Bett gehoben. Mein Rollstuhl lag noch immer unter dem Schreibtisch. Der eine Sanitäter holte ihn hervor. Das eine Rad, gegen das mein Vater getreten hatte, hatte so eine Acht, dass das Rad am Rahmen schleift. Hallo?! Stahlfelge, Titangreifreifen? Verbogen? Wie gut, dass ich den Tritt nicht abgekriegt habe!

Leider habe ich keine Ersatzräder. Ersatzschlauch, Ersatzreifendecke ja, aber kein komplettes Rad. Mein Glück war, dass im Abstellraum noch ein alter Rollstuhl von Sofie stand, den ich mir erstmal unter den Nagel gerissen habe. Leider lassen sich die Räder verschiedener Rollstühle wegen verschiedener Steckachsen nur begrenzt untereinander tauschen, leider hat man keinen Anspruch auf einen zweiten Rollstuhl und auch nicht auf ein zweites Paar Räder. Da alleine schon die Räder fast 1.000 Euro kosten, habe ich mir bisher keine gekauft. Das wird sich jetzt aber wohl ändern.

Erstmal habe ich eine Mülltüte aufgemacht, um den ganzen Kram in meinem Zimmer loszuwerden, dann das ganze Blut vom Laminat geschrubbt, mich gewaschen (duschen soll ich heute nicht) und kaum war ich wieder in meinem Zimmer, klingelte es an der Tür. Hätte mein Vater oder sonst irgendwer aus meiner Familie vor der Tür gestanden, hätte ich nicht geöffnet. Liam kam gleich um die Ecke, noch in Schlafsachen. Es war die Polizei. Zwei andere Beamte. Sie wollten wissen, wie es mir ginge und ob mein Vater nochmal aufgetaucht sei. „Nicht, dass ich wüsste“, sagte ich.

„Ihm wurde ein Platzverweis ausgesprochen. Sollte er hier in den nächsten 14 Tagen vor der Tür auftauchen, rufen Sie bitte gleich die Polizei und sagen am Telefon, dass es sich um jemanden handelt, der einen Platzverweis bekommen hat. Dann kommen wir ganz schnell. Ich will mich in Ihr Privatleben nicht einmischen, es geht mich auch nichts an, aber an Ihrer Stelle sollten Sie sich überlegen, ob Sie nicht bei Gericht eine Verfügung beantragen, dass er hier nicht auftauchen darf. Dann können Sie selbst entscheiden, wann Sie ihn sehen wollen.“ Ich sagte, dass ich darüber nachdenken werde und mich mit meinem Anwalt abspreche. Dann verschwanden sie wieder.

Ich habe keine Lust mehr. Auf diesen ständigen Zirkus. Ich möchte meine Ruhe haben. Ich weiß, es ist nicht so einfach und ich weiß auch, dass man sich seinen Problemen stellen muss. Aber ich finde, so langsam ist das Maß jetzt mal voll. Ich bin 17. Und ich finde, allmählich wird das alles zu viel für eine 17-jährige. Mensch, andere Leute in meinem Alter… ach, lassen wir das. Erstmal schlafen.

Die erste Nacht mit Jan

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Gestern war das letzte Schwimmtraining vor den Weihnachtstagen. Das ist auch kein großes Kunststück, wenn der 23.12. auf einen Mittwoch fällt. Ein Kunststück war hingegen, eine geeignete Schwimmhalle zu finden, da etliche Hamburger Bäder am Tag vor Heilig Abend bereits vorzeitig schlossen oder den üblichen Vereinsbetrieb außerhalb der regulären Öffnungszeiten bereits eingestellt hatten.

Die einzige Möglichkeit bot das Festland in der Holstenstraße, was aber unser Verein wegen der teuren Eintrittspreise nicht so gerne sieht. Hier kostet das Schwimmtraining pro Person 2,46 Euro nur für Eintritt. In unseren „üblichen“ Trainingsbädern zahlen wir 1,48 Euro für jeden. Bei zehn Leuten sind das mal eben 10 Euro mehr, da kommen im Jahr mal schnell 500 Euro zusammen. Aber manchmal geht es eben nicht anders, wenn kein „billiges“ Bad mehr geöffnet hat – und im Festland gibt es den schönen Warmwasserpool! 🙂

Dem Rat von Sofie folgend (siehe ihren Kommentar hier), habe ich Jan vorher schon per SMS eingeladen, nach dem Training noch mit zu mir zu kommen. Und er hat zugesagt! Das fand ich so genial. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite war mir klar, dass sich das Zeitfenster für das gefürchtete Gespräch über meine Inkontinenz damit langsam schloss. Ich hoffte inständig, dass das nicht unser erster und letzter Abend werden würde oder dass sich gleich am Anfang unüberwindbare Hindernisse in unsere Beziehung drängen würden.

Es kam aber -wie immer- ganz anders. Simone, Yvonne, Cathleen, Nadine, Kristina, Merle, Jan, Kevin, Marco, Rolf, ich und Trainerin Tatjana hatten allesamt einen Tag vor Heilig Abend nichts besseres zu tun, als ein wenig Platz für den Weihnachtsspeck zu generieren und warteten auf den Einlass. Beim Festland, erbaut in 2009, gibt es leider nur eine Umkleidekabine für Rollstuhlfahrer. Daneben einen rollstuhlgerechten Raum mit Dusche (samt Klappsitz), Waschbecken und WC. Beide Räume gehen von einem Flur ab, der durch eine Tür vom Hauptgang abgetrennt ist. Meistens teilen sich die Frauen auf die beiden Räume auf, während die Jungs sich in dem Flur umziehen. Die „normalen“ Umkleiden, Duschen und Toiletten sind nicht rollstuhlgerecht.

Cathleen, Simone und ich quetschten uns in den Duschraum. Wie schon öfter (siehe auch hier), war mal wieder die Toilette defekt. Es ist doch sagenhaft, dass sie einer Gruppe Rollstuhlfahrer an der Kasse den Eintritt abnehmen und mit keinem Sterbenswörtchen erwähnen, dass das einzige rollstuhlgerechte WC außer Betrieb ist! Wir haben uns darüber nun schon mindestens drei Mal beschwert. Entsprechend konnten wir drei nur duschen. Aber ich hatte eine entsprechende Steilvorlage für mein Problem.

„Jungs, Klogang fällt aus, Toilette ist mal wieder kaputt“, sagte ich, als ich die Tür zum Flur öffnete. „Nadine hat bestimmt Katheter mit Beutel mit, aber das nützt euch ja nicht viel.“ scherzte ich weiter. Nadine erzählt das jedem, das ist kein großes Geheimnis. Zur Aufklärung für meine nicht fachkundigen Leser: Kathetern müssen alle, deren Blase durch Medikamente oder durch die Schädigung im Rückenmark etc. gelähmt ist und sich daher nicht selbständig oder nicht vollständig entleert. Kathetert wird immer nur kurz, das heißt, das Ding wird sofort nach Gebrauch wieder entfernt und weggeworfen. Die einfache Variante besteht nur aus einem sterilen und in Kochsalzlösung getränkten Plastikschlauch, den man auf dem Klo sitzend durch die Harnröhre schiebt (nein, das tut nicht weh), die kompliziertere Variante ist für alle Leute, die das auf dem Klo nicht hinkriegen (weil sie nicht frei sitzen können, weil sie das nicht sehen etc.), die hat dann am Ende einen Beutel mit Rücklaufventil, in dem der Urin aufgefangen wird. Frauen können Männerkatheter verwenden, aber nicht umgekehrt, da Männer die deutlich längere Harnröhre haben (20 cm zu 3 cm bei Frauen) und Frauenkatheter in der Regel zu kurz sind. Lediglich der Durchmesser sollte in etwa stimmen.

Allgemeines Gemecker folgte, auch die Tür zum Umkleideraum ging auf und Yvonne beschwerte sich, ich behielt aber Jan im Auge und den schien das überhaupt nicht zu stören. Auf dem Weg zum Schwimmbecken, der sich durch einen endlosen Flur zieht, nahm ich mein Schicksal in die Hand und sprach ihn an (frei nach dem Motto: Wer fragt, der führt): „Musst du eigentlich kathetern?“ Er schüttelte den Kopf. „Nee, zum Glück nicht. Ich habe das so unter Kontrolle. Außerdem war ich zu Hause erst.“ Oh nee. Knirsch. Damit stiegen die Chancen, dass er keine Antenne für solche Probleme haben könnte. „Und Du?“

Ich biss mir fast auf die Lippe. Dann druckste ich herum: „Ich muss auch nicht kathetern, ich bekomme sie auch so komplett leer.“ – „Aber ohne Pressen hoffentlich?“ fragte er besorgt. Zur Aufklärung: Bei neurologischen Erkrankungen oder Schäden am Rückenmark ist es nicht gut, wenn die Blase mit übermäßigem Druck entleert wird, da dadurch Urin aus der Blase in die Nieren zurückgepresst werden kann. Spätestens bei einem Harnwegsinfekt bedeutet das automatisch auch einen Infekt der Nieren.

„Ja, ohne Pressen“, sagte ich. Argh, das lief in die falsche Richtung. Ich fügte schnell hinzu: „Ich muss eher aufpassen, dass es sich nur dann entleert, wenn ich das auch wirklich will.“ So, nun war es raus. Er guckte mich an: „Achso, verstehe.“ Dann trennten sich unsere Wege kurz. Wir mussten durch je einen Vorraum, von dem aus die nicht-rollstuhlgerechten Duschen abzweigten. Die Vorräume waren bereits nach Geschlechtern getrennt. Auf der anderen Seite trafen wir uns wieder. Die zehn Sekunden Trennung waren ganz gut, ich überlegte mir, nicht weiter auf das Thema einzugehen, sondern seine Reaktionen zu beobachten. Er sprach das Thema auch nicht mehr an, sondern wir begannen mit dem Schwimmtraining.

„Wenden am Bahnende“ stand auf dem Plan, so ein Blödsinn, wenn wir für Triathlon trainieren. In Seen und Flüssen wird in der Regel nicht gewendet und wenn doch, dann meistens an einer Boje und nicht mit einer Rolle wie am Beckenrand. Aber es gibt natürlich auch Wettkämpfe, bei denen ein festes Schwimmbecken herhalten muss. Also übten wir alle die Wende am Beckenrand. Am ätzendsten fand ich dabei das Wasser in meinem Ohr.

Am Ende verschwanden Jan und ich noch wieder in dem heißen Pool, den wir, da es schon kurz vor 21 Uhr war und dieser Pool zusammen mit dem Kinderbereich um 21 Uhr schließt, für uns alleine hatten. Eng umschlungen knutschten wir und drückten uns fest gegeneinander. Er hielt mich mit beiden Händen am Po fest, ich hatte meine Arme um seine Schultern gelegt. Ich hätte noch endlos so weitermachen können, aber die Schwimmmeisterin warf uns raus. Die anderen waren schon fertig mit Umziehen, Cathleen fragte vorsichtig, ob sie mit uns zurückfahren dürfte. „Na klar.“

Ich wusste nicht, ob wir uns zusammen im gleichen Raum umziehen sollten. Ich war recht froh, dass er mir die Entscheidung abnahm und sagte: „Du darfst zuerst duschen, wenn du möchtest.“ Vielleicht wollte er mir damit auch die Frage entlocken, ob wir nicht zusammen duschen wollen – aber das können wir ja auch nächstes Mal noch machen. Ich duschte mich, dann ließ ich ihn mit seinen kompletten Klamotten in den Duschraum, während ich mich mit Cathleen in die Umkleide begab. Cathleen schaute mir zu. Ich bat sie, da sie ja diesen Blog auch kennt, Sofie anzusprechen, dass wir bereits drüber gesprochen hätten. Nicht, dass sie noch ein Gespräch darüber anfängt…

Sofie kam zu Hause auch gleich auf mich zu und bat, mich kurz unter vier Augen sprechen zu dürfen. Ich war erstaunt. „Jan kennt deinen Blog ja noch nicht, oder? Da musst du drigend aufräumen. Ich kenne dein Passwort nicht, sonst hätte ich das schon getan. Da haben rund ein Dutzend Leute rumgeschmiert.“ Ich nutzte die Chance, ihr gleich mitzuteilen, dass ich ihm das gesagt hätte. „Und?“ wollte sie wissen.

„Keine Reaktion bisher“, antwortete ich.

Da man nach dem Schwimmen hungrig ist, machten wir uns auf die Schnelle eine Pizza selbst. Den Teig hatte ich vorher schon vorbereitet, nur noch belegen und ab in den Ofen. Dann holte ich eine normale Unterhose aus meinem Zimmer, verschwand im Bad, schmiss die Pampers weg, duschte mich untenrum kurz ab, zog mich an und nahm meine Beute mit in mein Zimmer. Wir wollten Fotos gucken auf dem Laptop.

„Wollen wir uns aufs Bett setzen?“ fragte ich. Er nickte. „Schön breit, das Bett.“ Grins. „Willst du hier schlafen?“ nutzte ich meine Chance, ihn entscheiden zu lassen. Seine spontane Antwort: „Darf ich denn?“ – Was hat er vor?! „Kommt drauf an, ob du lieb bist“, gab ich zurück. Aus dem ‚Fotos gucken‘ wurde nicht viel, es war mehr Geknutsche und Gefummel. Als er mir unter das T-Shirt gehen wollte, hielt ich ganz still, machte die Augen zu und genoss. Er traute sich aber nicht weiter als bis kurz über den Bauchnabel. Ich bekam eine Gänsehaut, so schön war das.

Gegen Mitternacht wollten wir ins Bett gehen. Er verschwand im Bad, ich kümmerte mich schnell um meinen Blog und löschte alles, was irgendwie Mist war oder sich auf den Mist bezog. (Ist ja immer schlecht, wenn solche Bezug nehmenden Beiträge alleine da stehen, auch wenn der Beitrag sonst in Ordnung ist.)

Er war nicht darauf vorbereitet, bei mir zu schlafen (ist das nun ein gutes, ein schlechtes oder ein beabsichtigtes Zeichen?) und hatte ein T-Shirt und eine Shorts an. Ich machte es ihm nach und wir beide verschwanden im Bett. Ich hoffte, meine Blase würde sich in dieser Nacht benehmen. Wenn Simone oder Cathleen bei mir im Bett schläft, hatten wir bisher immer eine Pampers an, schließlich muss man den anderen nicht ungefragt an einem Bad teilnehmen lassen. Bei Jan wollte ich es erstmal so versuchen und ihn vielleicht später noch darauf ansprechen.

Ich legte mich auf die eine Seite, deckte mich zu. Jan krabbelte hinterher, kroch unter seine Decke. Es dauerte keine zehn Sekunden, bis eine Hand unter meine Bettdecke kam. Er streichelte mir den Bauch unter meinem T-Shirt. Seine Hand war warm und weich. Ich rutschte etwas dichter an ihn heran. Er zog mich fest an sich und umklammerte mit seinen Armen meinen Körper. Wir lagen nun Bauch an Bauch. Und knutschten uns die Lippen wund. So fühlte es sich zumindest irgendwann an, als die Uhr auf drei zuging.

„Wollen wir schlafen?“ fragte er irgendwann. Ich nickte. „Willst du auf mir liegen?“ fragte er mich. „Und auf meinem Bauch einschlafen?“ Verlockende Idee.

„Dann geh ich aber vorher nochmal auf Klo. Sicher ist sicher“, antwortete ich. Er nahm das so hin. Als ich wiederkam, krabbelte ich zu ihm unter die Bettdecke, legte mich auf ihn, mein Ohr auf seine Brust. Ich konnte seinen Herzschlag hören. Es war weich und warm. Ich spürte aber noch was anderes spannendes an meinem Bauch. Wir beide schliefen friedlich ein. Nach rund einer Stunde war mein Arm taub, deshalb legte ich mich neben ihn, aber trotzdem so, dass ich ihn berührte, und legte einen Arm über ihn.

Heute morgen um 10 wachte ich auf. Mein erster Griff versicherte: Es war alles trocken. Allerdings habe ich morgens nach dem Aufwachen nie viel Zeit bis zum Klo. Und ich sollte dabei auch besser nicht über ihn rübersteigen. Ich bat ihn, mich einmal schnell durchzulassen. Es kam kein „Och, ist doch gerade so schön“, kein „Keine Panik“ oder ähnliche Diskussionsstarts, sondern er setzte sich hin, ließ mich mit einem Küsschen auf den Mund durchkrabbeln, zack, saß ich in meinem Stuhl. Dabei pupste ich natürlich laut. Ich hoffte, dass er das nicht gehört hatte, aber er grinste gleich und sagte: „Puuuuups!“ Und ließ sich wieder auf sein Kopfkissen fallen.

„Entschuldigung.“ sagte ich. „Ich habe das leider nicht so unter Kontrolle.“ Er sagte gar nichts. Ich musste erstmal ins Bad. Als ich wiederkam, lag er auf dem Bett, hatte die Bettdecke zurückgeschlagen und das T-Shirt ausgezogen. Was für eine Einladung. Ich krabbelte wieder ins Bett, knutschte ihm die Brust und legte mich wieder so hin wie wir gestern abend eingeschlafen sind. Ich wollte das unbedingt nochmal klären. „Das passiert mir leider öfter mal.“ sagte ich. – „Was?“ fragte er. – „Na, Puuuuups!“

„Ich stell mir das lustig vor beim Bewerbungsgespräch“, witzelte er. „Oder bei einem Vortrag vor der Klasse.“ – „Mir reicht schon, wenn das in der ersten Nacht mit dem Freund passiert“, antwortete ich.

„Du hast heute nacht auch schon zwei Mal gepupst“, sagte er. Ich hob meinen Kopf und blickte ihn entsetzt an. „Wie peinlich!“ – „Bei dem einen Mal hast du dazu noch mit dem Mund geschmatzt – als würdest du gerade Gummibärchen essen. Daraus habe ich geschlossen, dass es dir gut geht.“ Boa, war der gemein. Ich legte mich wieder auf seine Brust. Ich merkte, wie ich rot anlief und mein ganzes Gesicht glühte. Er streichelte mir über die Haare. „Darf ich dich Pupsi nennen?“

Ey hallo? „Ich finde das nicht witzig, dass du dich darüber lustig machst.“ fauchte ich ihn an. Er antwortete: „Ich mache mich nicht lustig, ich nehme das mit Humor. Solltest du auch tun. Du sagst ja selbst, du kannst es nicht ändern.“ Schon. Richtig. Aber trotzdem möchte ich nicht mit einem solchen Kosenamen aufgezogen werden. Ich überlegte einen Moment, entschied mich dann aber für Diplomatie: „Ich finde das trotzdem nicht gut. Stell dir vor, ich hätte ins Bett gepisst. Dann würdest du mich jetzt ‚Pissi‘ nennen, oder was? Das verletzt mich.“

Dann kam die unglaubliche Antwort: „Nö, dann hätte ich zurückgepisst“, sagte er und lachte dabei, als wenn er den Witz des Tages erzählt hätte. Hatte er vielleicht auch, ich weiß es nicht. Ich fand das alles überhaupt nicht witzig, denn ich habe mir tagelang einen Kopf gemacht, damit genau so eine Situation nicht eintritt. Er nahm mich und meine Probleme nicht ernst, sondern machte sich darüber lustig. Ganz toller Freund.

„Ich geh mal Frühstück machen“, sagte ich. „Ich weiß nicht, ob du duschen möchtest in der Zwischenzeit, ich muss heute vormittag noch einige Dinge erledigen.“ – „Och Pupsi“, sagte er, „nun hab dich nicht so. Wir hatten so einen tollen Abend und so eine schöne Nacht und nun regst du dich über einen Pups auf.“ – „Ich rege mich nicht über den Pups auf, sondern über deine beschissene Reaktion. Du machst dich über mich lustig, und darauf habe ich keinen Bock.“

„Das ist nunmal so bei den Rollstuhlfahrern“, sagte er. „Wenn du aus dem Stuhl kippst, lachen auch alle. Es sei denn, dir passiert was ernstes. Dann helfen dir alle und zwar ohne dass du überhaupt einmal darum bitten musst. Du kannst dir aussuchen, ob du deine Behinderung akzeptierst und über sie und vor allem über dich lachen kannst, oder ob du sie ernst nimmst und sie dein Leben bestimmen lässt. Du kannst es doch nicht ändern. Du pupst sowieso, ob du willst oder nicht. Also sei einfach du selbst, und wenn dir danach ist und die Situation komisch ist, dann lache drüber, sonst ignoriere es einfach, und sollten Leute dabei sein, die das nicht wissen, dann entschuldige dich, um dein Gesicht zu wahren.“

Ich schluckte. Der Monolog ging weiter. „Bei deiner Behinderung sind peinliche Sachen vorprogrammiert. Einmal liegst du auf der Straße, der Rollstuhl auf dir drauf, einmal hältst du die Bahn auf, weil sich eine Rampe verkeilt hat oder sich plötzlich nicht mehr einfahren lässt, einmal müssen dich ein halbes Dutzend Leute eine Treppe hochtragen, einmal brauchst du fünf Anläufe, um dich aus einem Schwimmbecken rauszuheben, einmal kommst du als einzige nicht durch eine schmale Tür oder durch die schmale Kasse im Supermarkt, einmal siehst du als einzige nichts, einmal stolpern Leute in der überfüllten U-Bahn über dich, einmal pupst du laut und alle kriegen es mit und einmal pinkelst du dir vor allen Leuten in die Hosen. Alle Leute gaffen, Kinder suchen die Hand ihrer Mutter und fragen, warum die Frau oder der Mann das tut oder warum das so ist und du würdest am liebsten sehen, wenn alle weitergehen oder zumindest nicht blöde gaffen oder gar noch Fragen stellen würden. Oder noch besser: Dich einfach in Luft auflösen. Das geht aber nicht. Das wurde nicht erfunden. Man kann also sich nur der Situation stellen. Das gelingt am einfachsten, wenn jemand aus der Szene oder auch gute Freunde dabei sind und man gemeinsam darüber lachen kann. Das gelingt aber auch, wenn man über sich selbst und seine Behinderung lachen kann. Kann man das nicht, geht man irgendwann seelisch kaputt und entwickelt sich zu einem alten, jähzornigen Greis, der aufs Amt stürmt und alle runterputzt, weil ihm 10 Prozentpunkte für eine Voll-Invalidität fehlen. Oder weil die Rollstuhlrampe vor dem Gebäude um 0.8 Zentimeter zu schmal ist – einen Zollstock haben solche Leute immer dabei.“

Ich schluckte nochmal. „Trotzdem möchte ich nicht ‚Pupsi‘ genannt werden. Ich finde es ja sehr gut, wenn dich das nicht stört. Aber man muss es nicht auch noch betonen.“ – „Da hast du vielleicht recht. Vielleicht habe ich etwas überzogen reagiert, als du dich dafür entschuldigt hast und ich merkte, dass dir das ziemlich peinlich ist. Aber trotzdem möchte ich, dass du darüber einmal nachdenkst.“

Das werde ich mit Sicherheit tun. Aber erstmal werden wir jetzt Heilig Abend feiern. Er mit seiner Familie, ich mit einigen Leuten aus der WG. Wir wollen auch noch in die Kirche. Ich freue mich auf einen schönen Abend.

Überforderte Schisssocke

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Kaum beginnt der beknackte Schnee draußen zu tauen, bin ich auf dem besten Weg zu neuem Glatteis. Seit gut drei Wochen bin ich inzwischen mit Jan zusammen, er kann gut küssen, er fasst sich gut an, wenn wir im Whirlpool eng aneinander ein paar Zärtlichkeiten austauschen, er schmeckt lecker, er riecht gut … ich will mehr!

Doch ich verzweifel im Moment an einer sehr schwierigen Entscheidung: Soll ich mit ihm vorher darüber sprechen, dass und warum ich außerhalb meiner vier Wände Pampers trage – oder findet er das am besten selbst raus? Dass einige Rollstuhlfahrer und vor allem Rollstuhlfahrerinnen so die nicht ganz so gesellschaftsfähigen Folgen ihrer Undichtigkeit diskret neutralisieren, wird ihm sicherlich bekannt sein. Aber wird es ihn schocken? Wird er damit umgehen können oder wird er hoffen oder gar davon ausgehen, dass ich zu den modernen Kathetermäuschen gehöre, die sich – durch blasenlähmende Medikamente oder regelmäßige Botoxspritzen in die Blasenwand – untenrum komplett dicht machen lassen?

Ich weiß von zwei guten Freundinnen, dass genau dieses Problem alles auf einen Schlag beenden könnte. „Ich melde mich dann mal wieder…“ Ich habe Angst, dass Jan sich die Frage stellen könnte, warum ich das noch vor dem ersten Fummeln anspreche, wenn es doch eigentlich gar keine Probleme damit gibt – und vermuten könnte, dass ich mich als Katze im Sack verkaufen möchte.

Von vielen Leuten außerhalb der Rolliszene bekam ich zu fast 100% den Rat, es vorher anzusprechen und offen darüber zu reden. Aber so einfach ist das nicht. Nicht, weil ich nicht über das Thema reden kann. Sondern weil ich denke, etwas falsch zu machen und ihn entweder zu unterschätzen oder ihn zu überfordern. Ich kann ihn einfach nicht einschätzen. Letztlich wäre es mir am liebsten, ich würde beiläufig auf dieses Thema kommen. Oder jemand aus meinem Umfeld würde es erwähnen und ich könnte Jans Reaktion sehen und dann einhaken. Mir fehlt der Anlass, warum ich mit ihm darüber reden sollte. Es soll eben nicht so wirken, als wenn ich davon ausgehe, er habe Vorurteile oder als wenn ich damit Probleme hätte. Gleichzeitig muss ich noch erklären oder zumindest durchblicken lassen, warum ich das überhaupt anspreche.

Diejenige, die ich mir noch am besten vorstellen könnte, mir bei dem Gespräch zu helfen, rät mir davon ab, es überhaupt vorher anzusprechen. Ich wünschte echt, ich hätte es hinter mir.

Ein Nein zur Therapie

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Ich habe mich inzwischen mit meiner Psychologin darauf geeinigt, mich aus der Therapie meiner Mutter komplett herauszuhalten. Das heißt: Ich werde sie weder besuchen, noch an Familien- oder Mutter-Kind-Therapien teilnehmen. Wir haben fast eine Stunde lang nur darüber geredet, ob ich das tun sollte oder nicht. Letztlich kristallisierte sich das immer mehr heraus, was ich schon von Anfang an dachte: Ich möchte meinen zukünftigen Weg nicht zusammen mit meiner Mutter gehen.

Es ist letztlich eine sehr schwere Entscheidung und es ist mit Sicherheit keine lang-, sondern eher eine mittelfristige. Diese mittelfristige Entscheidung musste aber sein, denn nur mit kurzfristigen Ausreden oder neuen Hoffnungen von einer Woche auf die nächste hätte meine Mutter nicht leben können. Es ist aber wichtig, dass sie weiß, woran sie ist.

Ich habe mich so entschieden, weil ich der Überzeugung bin, dass ich meiner Mutter nicht helfen werde, wenn ich an ihrer Therapie teilnehme oder sie regelmäßig besuche. Ob ich dabei bin oder nicht – der Schlüssel zum Erfolg und zum Fortschritt ihrer Therapie liegt anderswo. Ich bin überzeugt, dass sie auch ohne mich ihr Problem auf bestmögliche Weise löst und es auch mit mir ungelöst lassen könnte. Der Weg ohne mich ist sicher ein anderer und vielleicht auch anfangs ein schwierigerer. Aber es gibt einen Weg.

Auf der anderen Seite bin ich nach über einem Jahr intensiver Therapie heute an einer Stelle meines Weges, wo die ersten Freunde zu mir sagen: „Die Stinkesocke macht ihr Ding inzwischen. Am Anfang dachte ich noch: Na, ob sie das wirklich schon alles so verkraftet hat? Oder ob da noch der herbe Rückschlag kommt? Aber nun bin ich zuversichtlich, dass sie sich in ihrem Umfeld und in ihrem Leben wohl fühlt.“

Ich bin mir relativ sicher, dass ich auf einem guten Weg bin. Ich bin mir relativ sicher, dass mich die üblichen Dinge des Alltags, und seien sie noch so chaotisch, nicht einfach aus der Bahn werfen. Ich sehe nicht die Gefahr, in ein tiefes Loch zu stürzen. Ich sehe im Moment auch kein Potential für eine handfeste Krise. Sicher, wer weiß, wann ich den ersten Trennungsschmerz verkraften muss, wann ich einen fetten Harnwegsinfekt, eine fette Druckstelle oder andere heftige Komplikationen bekomme oder was sonst noch so alles passiert? Aber ich denke eben, ich bin auf einem guten Weg.

Ich bin mir aber ebenso relativ sicher, dass eine Therapie mit meiner Mutter mich von diesem Weg abbringen könnte. Sie vertritt, sei es durch ihre Überzeugung, sei es durch ihre Krankheit, Ansichten, die ich nicht teilen kann und nicht teilen möchte, die sich aber auch nicht verdrängen oder klären lassen. Sie hätte die Kraft, mein jetziges Leben in Unordnung zu bringen.

Damit meine ich nicht, dass ich mich nicht mit meiner Behinderung, meinem Leben, meinen Einschränkungen auseinandersetzen möchte. Ich meine damit, dass ich für mich einen Zugang zu meinem neuen Leben gefunden habe, den sie (genauso wie mein Vater) bisher immer in Frage, ins Lächerliche oder ins Unglaubwürdige gezogen hat. Ich müsste am Ende vermutlich für meine eigene Existenz argumentieren. Die Kraft habe ich nicht. Und das ist der Punkt, an dem ich egoistisch genug bin, meiner Mutter den Wunsch nach Besuch und gemeinsamer Therapie ihrer Erkrankung abzuschlagen.