Ein Satz mit X

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Ein Satz mit X: Das war wohl nix. Nachdem ich am letzten Wochenende bei Jan schlafen wollte, das aber letztlich daran scheiterte, dass die Wohnung arschkalt war und er keine vernünftige Decke zum Zudecken hatte (siehe hier), hatte er sich nicht mehr bei mir gemeldet. An sein Handy ging er nicht dran, SMS beantwortete er nicht – und solche Spielchen, dass ich Freunde anrufen lasse oder selbst mit unterdrückter Rufnummer anrufe, mache ich nicht. Wenn er nicht mit mir reden will, werde ich das nicht erzwingen. Ich hätte nur gerne verstanden, warum er nicht mit mir reden möchte. Ob er sauer ist, ob ihm das alles unangenehm und peinlich ist, ob er mich hasst, ob er mich noch liebt – mich eine Woche lang im Unklaren zu lassen, finde ich alles andere als prickelnd.

Ich könnte jetzt auch sagen, dass ich unsere Beziehung nach einer Woche Unklarheit beendet habe. Das trifft es aber nicht, auch wenn ich ernsthaft mit dem Gedanken gespielt habe. Nein, ich habe gestern erfahren, dass er zum 1. Februar nach Süddeutschland zieht. Eine Freundin vom Sport erzählte mir heute, dass er sich bei einem Team in der Oberpfalz erkundigt hat, ob er dort künftig trainieren kann. Als ich dann noch fünf Mal nachfragte, meinte sie, dass er dort wohl eine Steffi kennen gelernt hätte, schon vor einiger Zeit. Bei einem Trainingslager.

Ich kommentiere das nicht weiter. Außer: So oberflächlich, dass er es mir nicht erzählen muss, kann es ja nicht gewesen sein, wenn er nun gleich dorthin zieht. Er hat mich inzwischen bei Facebook aus seinen Freunden gelöscht. Dafür steht sie als „neue Beziehung“ drin und jede Menge Kommentare, er liebe sie über alles.

Im Moment ist meine Erleichterung darüber, dass wir nicht miteinander geschlafen haben, eindeutig größer als der Schmerz über meine erste Trennung. Ich bin ein bißchen geschockt, ich verstehe das alles nicht wirklich, ich fühle mich betrogen. Ich finde es schade. Aber so richtig schmerzhaft finde ich es im Moment nicht. Vielleicht ist es auch am besten, wenn ich gar nicht weiter nachfrage.

Hilfsbedürftigkeit und Hilfsbereitschaft

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Dass es noch weiter schneien soll, wurde angekündigt. Also sind Sofie und ich zum Großeinkauf losgezogen. Wer weiß, ob wir mit unseren Rollstühlen in den nächsten Tagen aus dem Haus kommen, wenn das eintritt, was die Wettervorhersage verspricht. Liam ist für zwölf Tage bis nächsten Freitag auf einer Fortbildung im Breisgau und sonnt sich, während hier oben die Welt untergeht.

In so einen Kombi geht ja jede Menge rein. Im dicksten Schneesturm fuhren wir zurück – bis zur Tiefgaragen-Einfahrt. Das Tor war eingefroren. Also mussten wir auf der Straße parken. Es hat fast eine Viertelstunde gedauert, bis wir überhaupt aus dem Auto ausgestiegen waren. Sofie konnte auf der Beifahrerseite gar nicht raus, weil ich dort mit ihrem Rollstuhl vor mir nicht den Bordstein hoch kam, also musste sie auf meinen Sitz rutschen und dort aussteigen.

Die Straße ist nicht geräumt, fette Eisschichten liegen unter dem frischen Schnee. Die Reifenspuren, in denen die Autos regelmäßig fahren, waren schonmal aufgetaut. Bei dem Versuch, im rechten Winkel durch diese Spuren zu kommen, fuhren wir uns fest und bekamen uns weder selbst noch gegenseitig wieder hinaus. Während die Vorderräder im Eis versanken, rutschten die Hinterräder auf dem glatten Schnee. Unsere Straße ist eine Sackgasse, daher kommen nicht viele Autos. Das erste Auto, das kam, fuhr um uns herum. Der Fahrer half nicht.

Dann kam ein Junge, ich vermute etwa 12 Jahre alt. Ich sprach ihn an: „Du, kannst du uns bitte helfen?“ – „Was krieg ich dafür?“ – „Einen Backs“, antwortete Sofie schlagfertig. Der Junge guckte sie entsetzt an. „Kannst weitergehen, entschuldige, dass wir dich um Hilfe gebeten haben.“ fügte sie hinzu. Völlig sprachlos ging er weiter.

Inzwischen schneiten wir so langsam ein. Dann kam eine Frau mit ihren Kindern aus dem Nachbarhaus, setzte ihre beiden Kinder ins Auto. Bevor sie einstieg, schlurfte sie zu uns. „Kann ich euch helfen?“ – „Würden Sie uns bitte einmal helfen, hier aus der Fahrrinne wieder rauszukommen?“

Das größte Problem war, dass sie selbst ständig wegrutschte. Als sie Sofie über den Gehweg auf den relativ ebenen Weg zum Haus geschoben hatte und zu mir zurück kam, fragte sie mich: „Und der Einkauf im Auto? Wie kommt der jetzt ins Haus?“ – „Keine Ahnung, wir fragen nachher irgendjemanden. Vielleicht wird ja auch das Garagentor repariert, dann können wir das selbst.“ – „Ich trag euch das eben rein.“ sagte sie, während sie mich in Richtung von Sofie schob.

„Nee, das ist nett gemeint, vielen Dank. Wir sind schon froh, dass wir von der Straße runter sind.“ – „Ich muss mich bei mir zu Hause auch immer um den Einkauf kümmern, also wo soll das ganze Zeug hin? Ich sage eben kurz meinen Kindern Bescheid.“ – „Nein, lassen Sie mal. Das ist mir echt unangenehm.“ – „Ruhe jetzt. Wer weiß, wann das Garagentor wieder funktioniert. Bis dahin ist die Milch eingefroren und geplatzt.“

Sie ging zu ihren Kindern und sagte: „Ich muss den beiden eben helfen. Ich komme gleich wieder.“ Dann trug sie doch tatsächlich den kompletten Einkauf, den wir glücklicherweise schon gleich in mehreren Klappkisten verstaut hatten, inklusive der ganzen Getränkekisten bis zum Eingang. Das dauerte letztlich keine drei Minuten, aber ich hätte fast geheult, so unangenehm war mir das.

Das Tor wurde rund zwei Stunden später repariert. Inzwischen steht das Auto wieder in der Tiefgarage. Schon Scheiße, wenn man so behindert ist.

Gerade gestern diskutierte ich mit einer Fußgängerin darüber, dass es Rollstuhlfahrer gibt, die fremde Hilfe als selbstverständlich ansehen und diese zum Teil sogar schon regelmäßig in den Tagesablauf einplanen und für völlig selbstverständlich halten. Für solche Zeitgenossen kann ich mich wirklich nur fremdschämen. Selbstverständlich ist es beschissen, fremde Hilfe zu benötigen und um diese auch noch bitten zu müssen, obwohl einem das schon endpeinlich ist. Aber trotzdem gehören sich Freundlichkeit und Dankbarkeit.

Meine Diskussionspartnerin hat am Bahnhof einer Rollstuhlfahrerin geholfen, die sich von ihr rund 45 Minuten durch die Stadt schieben lassen und sie dabei noch in einem unmöglichen Tonfall herumkommandiert hat. Als Krönung war sogar noch ein Abstecher auf eine Toilette drin, wo die Rollstuhlfahrerin verlangt hat, auf die Toilette umgesetzt zu werden, festgehalten zu werden, da sie nicht frei sitzen könnte – am liebsten hätte sie noch den Hintern abgewischt bekommen. Eine Beschwerde, dass das Hemd hinterher nicht richtig in der Hose steckt, war auch noch drin. Unglaublich, was sich manche Leute rausnehmen.

Ja, manchmal benötigt man als Rollstuhlfahrer fremde Hilfe. Ich finde es schön, dass die meisten Menschen hilfsbereit sind. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich jung und weiblich bin. Ich würde niemals auf die Idee kommen, fremde Hilfe vorauszusetzen oder mich, wenn ich Hilfe bekomme, nicht anständig dafür zu bedanken. Und ich würde nur dann um Hilfe bitten, wenn es wirklich gar keinen anderen Weg mehr gibt. Und mit „gar keinen“ meine ich wirklich „gar keinen“. Dazu gehört auch, dass ich mich nicht aus Bequemlichkeit von anderen Menschen schieben lasse und vor allem, dass ich nicht etwa wildfremde Leute frage, ob sie mit mir auf die Toilette gehen. Sowas geht gar nicht.

Giftblätter

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Eigentlich sollten wir sie schon am Dienstag bekommen und dann für den Rest der Woche frei haben, aber das Chaos mit dem Umzug in den letzten Teil des Neubaus unserer Schule machte mal wieder einen Strich durch alle Rechnungen. Heute war es nun endlich so weit. Mein erstes Zeugnis nach meiner einjährigen Zwangspause kann sich sehen lassen, finde ich. Eigentlich hieß es, wir bekommen in Klasse 11 noch Notenzeugnisse, nun haben wir doch Zeugnisse mit Punkten bekommen. Irgendwie hat da keiner den Durchblick. Ist mir aber auch egal, die Klausuren wurden schließlich auch schon einheitlich mit Punkten bewertet.

Deutsch: 13
Mathematik: 10
Englisch: 14
Pädagogik: 12
Psychologie: 12
Französich: n.e.
Spanisch: n.e.
Biologie: 09
Chemie: 06
Politik, Gesellschaft, Wirtschaft: 07
Kunst: befreit
Musik: befreit
Darstellendes Spiel: befreit
Religion: n.e.
Philosopie: n.e.
Sport: befreit

Meine Abiprüfung möchte ich gerne in Pädagogik, Deutsch, Biologie und Englisch machen. Die 9 Punkte in Biologie ärgern mich ein wenig, zumal ich 11 und 10 Punkte in den Klausuren hatte. Aber vermutlich laber ich nicht genug dummes Zeug im Unterricht, so dass das am Ende dabei raus kommt. Genauso in Deutsch. 12 und 15 Punkte … naja, ich will nicht meckern. Ich freue mich über das Zeugnis.

Mathe 10? No comment. Am geilsten finde ich, dass sie bei „befreit“ immer ein Sternchen gemacht haben und unten dann als Erklärung neben dem Sternchen steht: „Nach schulärztlichem Attest eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit.“ Über die Formulierung bin ich nicht glücklich. Ich überlege mir noch, wie ich damit umgehen will.

Dafür gönnt man mir wenigstens unter „Ordnung und Verhalten“ ein „stets sehr gut“ – wenn die wüssten, was sie nicht wissen… Immerhin hat es keinen Punktabzug gegeben, weil ich im Unterricht ein paar Mal aus Versehen laut gepupst habe. Ich bin mal gespannt, wann Frau Bummel mich nach dem Zeugnis fragt. Ich habe lange nichts mehr von ihr gehört.

Eisiger Wind, sexy Po

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Heute wurde es etwas wärmer. Wir haben nur noch so zwei bis vier Grad unter Null. Dafür aber einen eisigen Wind, der ekligen Schneegriesel durch die Straßen peitscht. Inzwischen reicht es mir und vielen anderen Rollifahrern echt. Nirgendwo kommt man mehr vernünftig hin, man ist ständig vom Schnee durchnässt, kalt und vor allem: Sämtliche Lager, Steckachsen etc. am Rollstuhl geben ihren Geist auf. Sobald der Schnee weg ist, ist die nächste Grund-Instandsetzung nötig.

Weil sie Straßenglätte vorausgesagt haben, bin ich lieber wieder mit Bus und Bahn zur Physio gefahren. Als Ronja mit meiner Massage fertig war und ich zur Einzeltherapie rücklinks auf der Liege lag, kam schon wieder eine Bemerkung über meine Bekleidung. „Seit du die engeren Hosen trägst, kann ich deine Beine viel besser sehen. Das ist wichtig.“ Ich nickte etwas genervt. „Du hast aber auch die richtigen ausgewählt. Es gibt eine Sorte, die sind aus solchem Synthetik-Zeugs, da brauchen die Finger nur ein kleines bißchen rauh zu sein und schon bleibt man am Stoff hängen mit der Haut. Aber bei dir fühlt sich das richtig glatt und angenehm an.“

„Hier ist aber auch irgendwelches Synthetik-Zeugs drin“, erwiderte ich. Sie meinte: „Ja, aber es gibt so moderne Sachen, da ist das so. Die kosten auch gleich viel mehr.“ – „Ja, 119 Euro, die habe ich auch gesehen, als ich diese gekauft habe. Die waren mir zu teuer.“ – „Ja, das ist voll der Irrsinn.“ Da sie mich nervte, nervte ich zurück: „Aber du hast ja gesagt, diese sind sexy.“

„Ja, das stimmt wirklich. Ich finde, das sieht richtig knackig aus. Auch so am Po und so.“ Hallo?! Jetzt wird es aber charmant. Jedem Typen hätte ich für die plumpe Anmache die kalte Schulter gezeigt und mir einen neuen Physiotherapeuten gesucht, bei ihr … naja … sie hat eben geistige oder -wie es korrekt heißt- kognitive Einschränkungen. Da wirkt es eher unbeholfen bis lustig. „Meinst du meinen Windelpo?“ Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu lachen. Das wäre fies.

„Nein, so insgesamt meinte ich. Die Windel ist mir egal, die haben ja einige Patienten.“ – „Ja genau. Darf ich mal was direktes fragen? Stehst du auf Frauen?“ Die Reaktion kam prompt: „Äh nein?! Ich habe einen Freund! Wieso?“ – „Ich dachte, weil du mich knackig und sexy findest.“ – „Oh nein, ich steh nicht auf Frauen. Ich hoffe, du hast dir keine Hoffnungen gemacht und bist jetzt enttäuscht! Das tut mir leid!“

Jetzt musste ich wirklich lachen. Sie guckte nur irritiert. „Nein nein, alles okay.“ Die Frau ist echt genial. Während sie eng anliegende Hosen knackig und sexy fand, kam ich mir eher so vor:


Beim anschließenden Schwimmtraining vom Verein ist Jan nicht aufgetaucht. Seit Sonntagmorgen habe ich von ihm nichts mehr gehört oder gelesen. Ich habe heute eine SMS geschrieben, ob er noch lebt und noch mit mir redet, aber auch darauf habe ich bis jetzt keine Antwort bekommen.