Der muhende Helmut

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„Dreh dich nicht um, sondern küss mich und du wirst geheilt.“ Für einen Moment überlegte ich, ob ich die Frauenstimme kannte und mir nur irgendwer einen blöden Scherz spielte. Aber ich kannte die Frauenstimme nicht und auch die Hand auf meiner Schulter war mir unangenehm. Ich drehte mich um, schaute nach oben und sah ein ziemlich ranziges Geschöpf, eine vermutlich obdachlose Frau Mitte 40, schmutzige Fingernägel, Zahnlücken und speckige Haare. Sie trug eine abgewetzte dunkelrote Jacke und um den Hals ein graues Tuch. Es war 20 Sekunden vor dem Halt im Hamburger Hauptbahnhof und ich stand direkt an der Tür, zum Aussteigen bereit, in der S 31.

„Nehmen Sie mal bitte Ihre Hände weg. Ich mag nicht angefasst werden.“

„Jetzt hast du dich ja doch umgedreht“, lallte sie. „Nun ist es zu spät für eine Heilung und du wirst ein Leben lang in diesem Stuhl sitzen müssen.“

„Damit hatte ich mich sowieso schon abgefunden“, konterte ich. „Würden Sie jetzt mal die Hand von meiner Schulter nehmen?“ fauchte ich sie an. In dem Moment fing sie an zu brüllen und durch den Wagen zu laufen. „Meine Kräfte stauen sich ungenutzt!“

Ich schaute auf den Mann, der hinter mir stand und bereits einen Stöpsel aus dem Ohr gezogen hatte, um mitzukriegen, was hier abgeht. „Was hat die denn geraucht?“ fragte er kopfschüttelnd.

„Auf jeden Fall irgendwas, was sich ganz offensichtlich nicht mit ihren kleinen bunten Pillen verträgt.“ antwortete ich. Eine Frau, die auch aussteigen wollte und schräg hinter mir stand, fing an zu kiechern.

Auf der Rolltreppe hatte ich die ranzige Frau wieder hinter mir. „Soll ich dich festhalten oder kannst du das alleine?“ fragte sie und drückte gegen meine Schiebegriffe. „Finger weg!“ brüllte ich sie an. „Ich habe Ihnen eben schon einmal gesagt, Sie sollen mich nicht anfassen!“

Als ich in der U-Bahn war, saß am Ende des Wagens Helmut. Bekannt wie ein bunter Hund, weil er scheinbar jeden Tag in der U-Bahn sitzt. Ich habe ihn nun schon mehrmals gesehen. In seinem Hackenporsche hat er immer seinen halben Hausstand dabei, dazu eine Plastikmaske, die er sich zwischendurch immer mal wieder vor sein Gesicht hält und ruft: „Hier kommt Helmut. Ich bin eine Kuh!“ Und dann bläst er in eine Plastiktröte hinein, die ein Geräusch macht, als wenn eine Kuh muht. Das allerdings so laut, dass alle im Wagen zusammenzucken und sich umdrehen. Er wiederholt noch einmal: „Hier kommt die Kuh!“ und bläst noch mehrmals in die Tröte.

Wie immer: Einige Leute fingen zu grinsen an, andere schauten ihn ernst an. Ich bekam Blickkontakt mit einer jungen Frau. Sie verdrehte die Augen und ich kommentierte: „BSE, Rinderwahnsinn, irgendwie sowas.“ Sie lachte. Vielleicht ist es eine sehr einfache oder gar schon ungezogene Art, sich über andere Menschen lustig zu machen. Ich finde es jedoch sehr spannend, andere Menschen zu beobachten. Viele verhalten sich sehr unauffällig, aber einige wenige sorgen für jede Menge Spaß und Unterhaltung auf einer sonst so eintönigen Fahrt. Und wer sich so skurril verhält wie der muhende Helmut, muss auch damit rechnen, dass man sich über ihn lustig macht.

Wahrnehmbare Häufung

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Als ich vorgestern auf dem Weg zum Schwimmtraining mal wieder nicht mit einem öffentlichen Bus fahren durfte, weil schon ein weiterer Rollstuhlfahrer drinnen stand und der Busfahrer den Aufstand probte (er habe eine Vorschrift zu beachten, wonach nur ein Rollstuhlfahrer mitgenommen werden dürfe), wusste ich noch nicht, dass ich einen Stein ins Rollen bringen würde. Jedes Mal, wenn mir so etwas passiert, schreibe ich inzwischen einen (auf meinem PC bereits fertig gespeicherten und nur noch mit den aktuellen Daten zu füllenden) Brief an den jeweiligen Verkehrsbetrieb – mit Durchschrift an die zuständige Verkehrsbehörde. Alle anderen Rollstuhlfahrer aus der WG und etliche weitere Leute, die ich vom Verein kenne, machen das inzwischen genauso, weil es einfach nervt, wenn es immer von der Laune eines Busfahrers abhängig ist, ob man mitgenommen wird oder -wie in diesem Fall- 40 Minuten auf den nächsten Bus warten muss.

Bisher bekam ich immer nur als Antwort, dass man mit dem jeweiligen Fahrer gesprochen habe und man hoffe, künftig sei damit alles in Ordnung. Die Behörde hingegen bedankte sich bisher immer und schrieb, dass der Verkehrsbetrieb auf die Mitnahmepflicht hingewiesen worden sei und man davon ausgehe, dass es sich um einen bedauerlichen Einzelfall gehandelt hat.

Heute jedoch bekam ich von der Behörde kein Standardschreiben, sondern einen persönlich verfassten Brief, in dem man mir mitteilte, dass man wegen einer „wahrnehmbaren Häufung dieser Vorfälle“ dem Verkehrsunternehmen „aufgegeben“ habe, innerhalb von 14 Tagen „Maßnahmen einzuleiten, die eine nachhaltige Schulung seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die aktuelle Rechtslage“ sicherstelle. Man habe das Unternehmen darauf hingewiesen, dass in einem Wiederholungsfall „ein Bußgeldverfahren eingeleitet“ werden könne. So weit sind wir also inzwischen. Steter Tropfen höhlt den Stein?!

Winterspuren

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Endlich komme ich wieder alleine aus dem Haus. Weil die Gehwege und Nebenstraßen noch vereist sind (teilweise 10 bis 15 Zentimeter dick), kam ich nicht „zu Fuß“ vor die Tür. Zumindest nicht alleine. Ich hätte mit dem Auto zur Schule, zum Einkaufen, zur Therapie fahren können, denn am jeweiligen Ziel wäre mit Sicherheit irgendeine Stelle besser geräumt gewesen als vor unserer Haustür (wo wir zu allem Überfluss auch noch dafür selbst bezahlen) – wenn nicht das elektrische Rolltor zur Tiefgarage seit Wochen defekt wäre. Andere Mieter haben ihr Auto so lange nach draußen gestellt, nur zu den Parkplätzen wäre ich eben wegen der vereisten Wege auch nicht gelangt. Allenfalls mit fremder Hilfe.

Seit heute funktioniert das Rolltor wieder. Der Vermieter hat – und das gibt es wohl heutzutage eher selten – jeden Mieter schriftlich darauf aufmerksam gemacht, dass er wegen dieses Defektes die komplette Monatsmiete für den Stellplatz aus Kulanzgründen erlassen bekommt. Bei denjenigen, wo der Stellplatz zur Wohnung gehört, schreibt er dem Mietkonto einmalig 60 Euro gut. Er bittet um Entschuldigung. Das finde ich mal einen fairen Zug, auch wenn die Einschränkungen, die ich durch dieses Theater hatte, um ein vielfaches höher waren als diese 60 Euro. Aber das liegt ja zum größten Teil an meiner Behinderung, und die hat er ja noch weniger zu verantworten als das defekte Rolltor.

So konnte ich heute gleich mit meinem Rollstuhl zum Sanitätshaus fahren, um dort die Winterspuren beseitigen zu lassen. Zwei neue Vorderräder, vier neue Kugellager, zwei neue Antriebsräder und ein neuer Kissenbezug plus Arbeitslohn und Steuer: Knapp 2.100 Euro. Der teuerste Punkt sind die Antriebsräder mit fast 500 Euro pro Stück. Insbesondere das Fahren durch / über das scharfkantige Eis auf den Gehwegen hat Felge und Greifreifen so in Mitleidenschaft gezogen, dass eine Reparatur nicht mehr möglich ist und beide Räder komplett ersetzt werden müssen. Das Salz hat nicht nur den Kugellagern (die rausgeschlagen und neu eingeklebt werden müssen), sondern auch den Steckachsen und den (ebenfalls geklebten) Aufnahmehülsen den Rest gegeben und sie in eine zusammenhängende Einheit verwandelt. Sogar an den Speichen hat sich Rost gebildet und teilweise tropfte aus den Lagern schon die fette braune Soße. Der Mitarbeiter des Sanitätshauses rief bei meinem Kostenträger (der Unfallkasse) an und wollte eine Reparaturfreigabe (die er ab 200 Euro immer braucht). Die Unfallkasse wollte erstmal einen Kostenvoranschlag und als der durchgefaxt war, kam prompt der Rückruf: Die Unfallkasse schickt einen Sachverständigen. Wenn ich warte oder wiederkomme, ist er in einer Stunde da.

Also habe ich mich entschieden zu warten. Das Sanitätshaus hat einen Aufenthaltsraum, wo ich Getränke und Fernsehen serviert bekam, nach 45 Minuten klopfte ein Typ wie ein Bär mit Vollbart an und meinte, er sei der Gutachter. Der Mitarbeiter vom Sanitätshaus kam dazu, mein Rollstuhl kam erneut auf die Werkbank. Er drehte einmal an den Antriebsrädern, schaute in irgendwelche Listen und rief vom Handy bei meiner Unfallkasse an. Ergebnis des Gutachtens: Wirtschaftlicher Totalschaden. Der Stuhl ist gerade mal ein Jahr alt. Er sagte zu mir: „Sie dürfen mit Ihrem Rollstuhl doch nur aus der Wohnung raus, wenn es draußen trocken ist und kein Schnee liegt. Wussten Sie das nicht?“ Ich starrte ihn entsetzt an. Er zwinkerte mir zu. „War ein Scherz. Das ist bestimmt schon der vierzigste Stuhl, den ich diese Woche aus dem Verkehr ziehe. Und Ihrer sieht noch recht harmlos aus. Die Dinger sind einfach nicht für solches Wetter gebaut. Regen geht gerade noch, Schnee ist schon Mist und wenn dann noch Split und Salz gestreut werden, können Sie gleich schonmal 500 Euro Kosten einplanen. Wenn man sich dann noch über vereiste Fußwege und zentimeterdicke Eiskanten quälen muss, wie es in Hamburg diesen Winter überall Realität war, geben Sie jedem Stuhl den Rest. Dafür sind die nicht gebaut.“

„Und nun?“ fragte ich.

„Ganz einfach, Sie kriegen einen neuen Stuhl und der alte kommt in die Presse. Entweder nochmal den gleichen oder sonst lassen Sie sich mal zum Helium beraten. Den kann ich im Moment empfehlen. Ich schreibe eine entsprechende Empfehlung. Den Rest klären Sie hier mit dem Sanitätshaus. Ich muss weiter. Schönen Tag noch!“ Und tschüss.

Das kann doch wohl nicht wahr sein. Der Stuhl ist ein Jahr alt, hat rund 4.000 Euro gekostet und wird nach einem Jahr weggeschmissen. Kann man nicht erwarten, dass die Dinger etwas länger halten? Auch wenn der Winter schon extrem war – so richtig toll finde ich das nicht. Der, den er mir empfohlen hat, sieht natürlich toll aus, wie ich finde.

Der Gedankenleser – alles nur geträumt

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Manchmal, wenn ich zum Sport, zur Physiotherapie oder zur Nachbetreuung in das Querschnittzentrum fahre, in dem ich fast ein Jahr stationär behandelt wurde, läuft mir der Chefarzt über den Weg. Meistens grüßt er, manchmal drückt er mir die Hand, fragt, wie es mir geht. Manchmal sieht man ihn mit Stöpseln im Ohr beim Betriebssport auf irgendwelchen Fitnessgeräten turnen, manchmal fährt er mit lauter Musik im Auto vom Gelände. Weiter kenne ich ihn nicht. Einmal war ich in seinem Zimmer, vielleicht für zwei Minuten, als ich ihn fragen musste, ob ich von der Klinik aus in ein Trainingslager fahren darf (siehe hier).

Heute morgen klingelte mein Telefon und es meldete sich eine extrem tiefe Männerstimme, die ich zuerst überhaupt nicht einordnen konnte. Ich lag noch im Bett. Dann verstand ich den Namen, konnte ihn verknüpfen und saß in Millisekunden aufrecht. Es war der Chefarzt der Klinik, der wissen wollte, ob ich ihm einen Gefallen tun könnte. In seiner Klinik werde eine Patientin betreut, die über fast drei Jahre lang im Koma gelegen hat und nun, nach erfolgreicher neurologischer Reha wegen Komplikationen noch einmal bei ihm operiert worden ist. Sie ist seit einem Unfall ebenfalls querschnittgelähmt und hat niemanden, der sie besucht. Er meinte, dass sie in meinem Alter sei und ob ich nicht mal mit zusammen mit einer Freundin dieser Patientin einen Besuch abstatten könnte, wenn ich mal wieder „im Hause“ wäre. Damit sie etwas mehr Anschluss finde.

Kurzerhand erzählte ich Cathleen und Simone davon, beide wollten mit. Also brachen wir ganz spontan sofort auf. Als wir im Krankenhaus ankamen, dauerte es fast 30 Minuten, bis wir sie endlich gefunden hatten. Doch dann war es sehr nett. Am Anfang war sie erst etwas distanziert, als sie hörte, dass der Chefarzt uns gebeten hatte, mal vorbei zu schauen, aber ich hielt es nicht für gut, ihr etwas vorzulügen. Schließlich hat er weder darum gebeten und außerdem ist sie ja nicht dumm und kann sich auch eins und eins zusammenrechnen, wenn nach mehreren Jahren Therapie aus dem Nichts plötzlich drei Rollifahrerinnen in etwa ihrem Alter aufkreuzen.

Zuerst fragte sie, warum wir denn im Rollstuhl sitzen würden, doch dann begann sie, von ihrem Schicksal zu erzählen. Sie ist mit ihren Eltern, die bei einem Verkehrsunfall beide verstorben sind, in einem Auto gewesen, als ein Geisterfahrer sie frontal erfasste. Eigentlich käme sie aus Bayern, einige Angehörige leben in Israel und in Amerika, die ganze Familie sei zerstritten und es gebe nur noch eine Oma, die aber im Pflegeheim lebe, dement sei und sie nicht besuchen könne. An den Unfall habe sie gar keine Erinnerung, sie habe aber alle Zeitungsartikel nachträglich besorgt und gesammelt.

Am heftigsten fand ich ihre Geschichte, wie sie die Zeit im Koma erlebt hatte. Sie sagte, sie habe alles mitbekommen, was um sie passiert ist. Sie habe mal oberflächlich, mal tief und fest geschlafen und viel geträumt. Sie habe oberflächlichen und tiefen Schlaf trennen können und habe im oberflächlichen Schlaf alles um sie herum mitbekommen. Dass das ein Traum ist und sie „mal aufwachen müsste“, hat sie aber erst sehr spät realisiert. Sie habe alles aus ihrer Umwelt immer automatisch in ihre Träume eingebaut. Wenn irgendwo etwas piepte, träumte sie, sie sei beim Einkaufen an einer Scannerkasse. Wenn Wasser rauschte, träumte sie, sie sei schwimmen. Als man sie regelmäßig mit dem Bett vor die Tür ins Grüne schob, träumte sie, dass sie im Urlaub sei und sich sonne. Wenn irgendwo die Tagesschau lief, träumte sie, sie wäre bei ihren Eltern zu Hause und diese würden nebenan fernsehen. Wenn jemand mit ihr sprach, verstand sie das und antwortete im Traum. Natürlich nicht laut, sondern eben nur geträumt. In den Träumen sei sie einem richtig geregeltem Leben nachgegangen. Alles war super, alles passte, Party mit Freunden, Urlaub, alles prima.

Sie wurde lange Zeit beatmet und immer, wenn dieses Gerät zu heftig eingestellt war, habe sie sich gefühlt, als wenn sie hyperventiliert. Dann träumte sie, sie hätte Streit mit ihrer Mutter und würde bitterlich weinen, niemand würde sie verstehen. Oft weinte sie so lange, bis eine Ärztin vorbei kam und mit ihr sprach, danach war es wieder okay. Cathleen fragte, ob sie sich erinnern konnte, wie sie aufgewacht ist.

„Ja, sehr genau sogar. Ich habe irgendwann realisiert, dass ich schlafe und träume. Und da habe ich mich fest entschieden, die Augen zu öffnen und wach zu werden. Plötzlich war ich wach.“

Ich wollte wissen, wie man so etwas realisiert. Sie antwortete: „Das bahnte sich lange Zeit an und kam dann doch sehr plötzlich. Ich wurde beatmet und scheinbar wurden die leichten Schlafphasen immer oberflächlicher. In diesen Phasen habe ich zeitweilig selbst mitgeatmet. Das hat die Beatmungsmaschine erkannt und die Ärzte darauf aufmerksam gemacht. Die haben dann der Beatmungsmaschine gesagt, dass sie nur dann beatmen soll, wenn ich nicht selbständig atme. Wenn ich selbst atme, soll sie nur assistieren. Immer, wenn ich die Luft anhielt, schaltete die Maschine von assistierter Beatmung auf passive Beatmung um und machte dabei einen Piepston, der sich wie ein bedauerndes ‚Ohhhhh‘ anhörte. Immer, wenn ich versuchte, selbst zu atmen und ein paar Atemzüge regelmäßig geatmet hatte, piepste die Maschine wieder und machte ein Geräusch wie ein fröhliches ‚Uiiiiiii‘. Am Anfang träumte ich, ich würde Tauchen lernen und würde eine Ausbildung an einer Pressluftflasche machen. Aber dann fand ich diese Erklärung selbst blöd und überlegte im Traum hin und her, welches technische Gerät ständig meine Atmung kommentieren würde. Ich fand keine Antwort.“

Ich fand ihre Geschichte extrem interessant und spannend. Sie fuhr fort: „Ich erinnere mich sehr genau, dass mich ständig jemand mit Namen ansprach und mir sagte, dass ich aufwachen sollte. Ich würde träumen und ich sollte doch mal die Augen öffnen. Während dieser Zeit träumte ich, ich wäre auf Klassenfahrt und in meiner Klasse gab es ein Mädchen mit gleichem Vornamen und das würde schlafwandeln. Ich diskutierte immer und immer wieder mit meinem Lehrer, dass man schlafwandelnde Leute nicht aufwecken sollte. Er sagte mir dann, dass das bei ihr eine besondere Art des Schlafwandelns ist. Sie schlafwandle mit geschlossenen Augen, deswegen dürfe man sie ansprechen. Das mit dem Nicht-Ansprechen gelte nur bei offenen Augen. Ich habe ihm das geglaubt und die Ansprache nicht auf mich bezogen. Auch dass ich angefasst und gestreichelt wurde, habe ich nicht auf mich bezogen. Im Traum war da eine Mitschülerin, die in diesen Situationen, teilweise waren wir in dunklen Höhlen, Angst hatte und sich an mir festhielt. Wenn jemand mich nicht streichelte, sondern mich antippte oder kniff, träumte ich, mich würden Mitschüler ärgern. Dass die Ärzte am Bett dann noch diskutierten, dass ich auf die Kniffe mit verstärkten Augenbewegungen reagieren würde, habe ich immer kommentiert mit den Worten: ‚Ihr Arschlöcher, das tut ja schließlich auch weh.‘ Aber natürlich war das nur im Traum, wo die Ärzte meine Mitschüler waren.“

Sie erzählte: „Das ganze Koma beschäftigte ich mich also nur damit, mich nicht angesprochen zu fühlen. Bis dann endlich jemand Tacheles redete. Mich fest am Handgelenk packte, mich mit Vor- und Zunamen ansprach und sagte: ‚Jetzt hört mir mal alle zu und versetzt euch mal in die Lage einer Patientin im Krankenhaus. Angeschlossen an ein Beatmungsgerät, das immer piept, wenn man nicht mehr mitatmet. Und haltet alle mal aus Spaß für einen Moment die Luft an. Wie beim Schwimmen. Bitte alle einmal mitmachen. Es ist wichtig. Auch du. Alle!‘ Ich hielt die Luft an. Das Gerät piepte. ‚Und weiteratmen.‘ Das Gerät lobte mich wieder.“

„Das ist ja ein irrer Trick. Wer kommt denn auf so etwas?“ fragte ich. Sie fuhr fort: „Das machten wir einige Male. Als er weg war, bekam ich Panik. Ich träumte, alleine an einem Forschungsraum zurückgelassen worden zu sein, angeschlossen an einem Gerät, das ständig meine Atmung kontrollierte und immer piepte, wenn ich die Luft anhielt. Ich wollte rufen nach dem Lehrer, nach meinen Mitschülern, aber es ging nicht. In dieser Panik raste mein Puls und löste den nächsten Alarm aus. Ich merkte, dass plötzlich jemand meinen Schweiß von der Stirn wischte, meine Hand nahm und mit mir redete: ‚Du bist in einem Krankenhaus, du musst keine Angst haben.‘ Ich träumte, an mir würden Medikamente erforscht werden. Ich wollte um mich schlagen und mir alle möglichen Schläuche rausziehen und wurde am Bett festgeschnallt. Das mit dem Festschnallen ist wirklich passiert, auch in der Realität. Ich hatte richtige Alpträume.“

Wahnsinn. „Dann endlich kam dieser Mann wieder, der wollte, dass ich die Luft anhielt. Inzwischen träumte ich, ich wäre im Krankenhaus in einer Forschungsreihe und mit Medikamenten vollgepumpt. Ich wollte mit ihm diskutieren, aber er hörte mir einfach nicht zu. In Wirklichkeit sprach ich ja auch nicht. Er sagte, dass ich mit ihm nur kommunizieren könnte, wenn ich meine Augen bewegen würde. Wenn ich ‚Ja‘ sagen wollte, sollte ich den Kopf still halten und nach rechts blicken. Ich blickte nach rechts und er reagierte wirklich darauf. Ich merkte, wie mir jemand immer wieder die Augen öffnete. So sagte ich ihm, dass es mir schlecht ginge, dass ich unheimliche Ängste hätte, dass ich das sofort beenden möchte, was auch immer man hier mit mir täte. Er fragte mich, ob ich mich angesprochen fühlte. Ob ich ihm mal vertrauen könnte. Ob ich verstehen würde, dass ich im Krankenhaus sei. Ich hätte einen Unfall gehabt und würde im Koma liegen. Ich antwortete dann immer: ‚Nein!‘ weil ich dachte, er würde mich verwechseln. Die hätten die Akte verwechselt, ich wäre falsch in ein Forschungsprojekt reingekommen und mit Medikamenten vollgepumpt. Und irgendwann fragte er mich, ob ich durch einen großen Irrtum hier liegen würde. Und ich dachte: ‚Endlich versteht er mich.‘ und schaute nach rechts. Dann sagte er immer und immer wieder, dass ich im vertrauen müsste. Dass ich träumen würde. Dass ich einen Unfall hatte. Dass ich im Koma liegen würde. Und dass ich beatmet werden würde und dieses Gerät piept, wenn ich die Luft anhalte. Wenn ich mir ganz fest vornehmen würde, wach zu werden und die Augen aufzureißen, könnte es klappen. Ich sollte es einmal probieren, ich hätte doch nichts zu verlieren. Beim dritten Mal war ich wach. Er sagte mir später, er habe sich ein halbes Jahr mit mir beschäftigt und es war nicht das dritte, sondern mindestens das fünfzigste Mal.“

Sie zeigte uns einen Artikel aus irgendeiner Zeitschrift, in dem über diesen Mann berichtet wurde. Überschrift: „Der Gedankenleser.“

Wir haben verabredet, uns noch einmal zu treffen in der nächsten Woche. Als Cathleen, Simone und ich im Bus zurück saßen, hat keiner mehr ein Wort gesagt. Wir alle waren wohl völlig überwältigt von dieser Geschichte. Nicht negativ. Aber auch nicht positiv. Nachdenklich halt. Ich überlegte, ob ich mal so einen Job machen möchte später. Unheimlich spannend hört es sich an. Aber ob die Gedankenleser so oft Erfolg haben? Gerade vor kurzem habe ich einen Artikel in der Presse gesehen, in dem es darum ging, dass ein Mann nach Jahren aus dem Koma erwacht war, weil man eine falsche Diagnose gestellt hatte. Ich glaube, es war in Belgien. Ich werde mich mit dem Thema auf jeden Fall nochmal intensiver beschäftigen.

Und mir über kurz oder lang die Frage stellen müssen, ob ich zur Zeit in einem realen Leben lebe – oder vielleicht auch in einem Koma-Traum?! Ein unheimlicher Gedanke, eines Tages aus dem Leben aufzuwachen und zu realisieren, dass die letzten Jahre nur ein Traum waren und es Menschen, vielleicht sogar Familienangehörige und Freunde gibt, die immer wieder an mein Bett gekommen sind, weil sie die Hoffnung hatten, eines Tages würde ich aus meinem Koma erwachen. Und dass das, was ich gerade erlebe, nicht wirklich passiert. Ich glaube, wenn man diesen Gedanken intensiv genug verfolgt, ist er geeignet für ein gutes Drehbuch – oder für einen Absprung in die Schizophrenie.