Catharina schwimmt

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Yes. Mit etwas Glück: Morgen nachmittag. Mit etwas weniger Glück: Übermorgen vormittag. Das hängt jetzt davon ab, ob der Hautarzt morgen Zeit für mich hat und alle seine Untersuchungen machen kann – oder eben nicht. Wenn nicht, werde ich spätestens am Donnerstag entlassen, wurde mir fest versprochen.

Inzwischen habe ich Catharina ohne große Mühe davon überzeugen können, dass wir zusammen schwimmen gehen. Eigentlich sollte sie im Rahmen der medizinischen Reha schon öfter mit ihrem Physiotherapeuten ins Schwimmbad, das hat sie jedoch abgelehnt und jedes Mal einen irren Aufstand geprobt. Irgendwann erzählte sie mir dann, dass sie Wasser noch nie mochte und schon als Kind nicht baden gegangen ist. In der Schule gab es keinen Schwimmunterricht (das ist ja heute schon fast die Regel) und insofern war sie mit ihren 23 Jahren noch nie in ihrem Leben in einem Schwimmbecken oder im Meer! Ich wollte es erst nicht glauben, aber ich wollte sie dann auch nicht zu sehr bloßstellen. Das kann doch nicht wahr sein, dass jemand in seinem Leben noch nie nass geworden ist, außer vom Regen oder von der Dusche. Ich würde eingehen wie eine Blume, die man vergisst zu gießen, wenn ich nicht mehr schwimmen dürfte.

Was bei ihr gefruchtet hat, war meine Darstellung, dass ich finde, mich im Wasser frei und nicht-behindert bewegen zu können. Ich habe ihr gesagt, dass ich ganz fest davon überzeugt bin, dass sie schwimmen lernen wird. „Ich habe nicht mal einen Bikini“, sagte sie. Ich wollte auch nicht alleine mit ihr ins Wasser, das war mir dann doch zu gefährlich, da ich unmöglich einen ausgewachsenen Menschen im Wasser festhalten kann mit meiner eigenen Querschnittlähmung; ich wollte aber auch keinen Therapeuten dabei haben, der der Aktionen einen offiziellen Charakter gibt.

Also habe ich Sofie und Cathleen organisiert, die beiden kannte sie ja schon, und Cathleen hat ihr auch noch vorher einen Badeanzug gekauft. Das Gute war: Wir waren (von der Pflicht-Rettungsschwimmerin, die am Rand Sudoko rätselte, abgesehen) völlig alleine. Badeanzug passte wie angegossen, Gummi-Rutschbrett auf die Beckenkante, Hintern rüber, … und nun? „Dreh dich auf den Bauch und lass dich langsam reingleiten. Und dann hältst du dich am Beckenrand fest.“ – „Ich glaub, ich will doch nicht.“ – „Vertrau mir.“ Bevor ich bis drei zählen konnte, drehte sie sich und rutschte auf dem Bauch ins Wasser, klammerte sich an einer Stange fest. Nur der Kopf schaute noch raus. „Die Abkühlung ist genial“, meinte sie.

„Traust du dich, dein Gesicht ins Wasser zu legen?“ fragte ich sie nach einiger Zeit. Sie guckte mich entgeistert an, Cathleen machte es vor, Sofie auch, sie versuchte es zaghaft und verschluckte sich gleich. „Ja … nicht einatmen, du Nuss. Atme mal gezielt ins Wasser rein, mach mal ein paar Blubberblasen.“

Nach einer halben Stunde hatte ich sie soweit, dass sie sich flach auf den Rücken legte, den Kopf in meine Hand, und die Decke anschaute. Und ich konnte sie soweit ins Wasser legen, dass nur noch Mund, Nase und Augen aus dem Wasser schauten. Und dann schwebte sie für einen Moment schwerelos im Wasser. Bevor sie zu zappeln anfing, griff ich wieder ihren Kopf und hielt ihn sicher aus dem Wasser raus. „Hast du das mitbekommen, du bist eben ganz alleine geschwommen?“

Jetzt hatte ich den Ehrgeiz in ihr geweckt. Sie wollte es noch einmal probieren und noch einmal und noch einmal. Und dann kam die Quietsche-Ente ins Spiel. Sie selbst sollte bestimmen können, wann ich sie wieder festhalte, ohne dass sie den Mund aufmachen musste. Sobald sie die Quietsche-Ente drückte, quietschte es und ich halte sie wieder fest. Ansonsten schwebt sie solange im Wasser, wie sie es will und riskiert auch, dass ihr der eine oder andere Wasserschwall über das Gesicht läuft. Solange sie sich nicht bewegt, ist das Gesicht in Rückenlage ja nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche. Ich musste ihr noch ein paar Mal sagen, dass sie senkrecht zur Decke schauen muss, sonst funktioniert es nicht, weil sie dann automatisch auch im Rücken und in der Hüfte mit einknickt, aber dann schwebte sie minutenlang alleine im Wasser.

So heiß wie es war, war noch keinem kalt, so dass ich ihr auch noch zeigte, wie sie sich vom Rücken auf den Bauch dreht. Einfach eine Hand mit angewinkeltem Arm über die Brust hinweg zur gegenüberliegenden Schulter führen und mit dem Daumen von außen gegen den Oberarm tippen. Alles andere passiert automatisch. Und dann: Zugreifen. Das konnte sie sofort und war nun in der Lage, am Ende jeder Bahn nach dem Beckenrand zu greifen.

Und nun kam die Übung, die am meisten Mut erforderte. Einfach mal das Wasser mit den Händen an der Hüfte vorbei in Richtung Füße schieben. Und siehe da: Catharina schwamm. Sehr unbeholfen, sehr unsicher, aber sie kam vorwärts. Sofie war inzwischen aus dem Wasser geklettert und warf fünf große Rettungsringe ins Wasser. Hinterher erzählte sie, dass das lediglich ein psychologischer Trick ist, um die lange Bahn in mehrere kleine Abschnitte zu unterteilen. Catharina griff nicht einmal nach einem solchen Ring, sondern arbeitete selbständig daran, sich effektiver nach vorne zu bewegen. „Wenn du dir das Wasser im letzten Schwung noch unter den Po schiebst, gibt dir das so viel Auftrieb, dass du in dem Moment sicher einatmen kannst, ohne dabei Wasser zu schlucken.“

Nach zwei Stunden mussten wir aus dem Wasser. Ich hatte Angst um meine Haut, irgendwann wird es auch kalt und Catharina war am Ende ihrer Kräfte. Als wir aus dem Wasser geklettert waren und uns lauwarm abduschten und abseiften, sagte Catharina: „Ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffen würde.“ – „Ich freue mich richtig darüber, dass du das geschafft hast. Wenn du jetzt richtig gut übst, bist du schon bald soweit, dass du ganz alleine schwimmen gehen kannst. Völlig unabhängig von anderen Menschen.“ – „Hast du morgen nochmal Zeit?“

Als wir aus der Schwimmhalle kamen, standen draußen im Flur die Eltern. Die Mutter fiel ihrer Tochter gleich um den Hals, der Papa stand da und heulte. Sie hatten das Spektakel, zumindest die letzten Minuten, vom Flur gesehen. Im Flur sind mehrere große Fenster, durch die man in die Schwimmhalle gucken kann. „Ich freue mich so, dass du endlich Anschluss gefunden hast.“ hörte ich die Mutter irgendwann sagen, während wir beschlossen hatten, die Familie mal alleine zu lassen. „Solche Eltern hätte ich mir damals gewünscht“, sagte ich nachdenklich zu Sofie.

„Man kann nicht alles haben“, antwortete sie. Und ermahnte mich quasi durch die Blume noch einmal, sich an den Dingen zu erfreuen, die mir das Leben schenkt – und nicht neidisch dem hinterher zu trauern, was nicht geht. Auch wenn das, was nicht geht, oft sogar elementare Dinge sind. Sicherlich hat sie nichts dagegen, wenn ich es benenne, statt es zu verdrängen. Aber dennoch hat sie Recht: Man kann nicht alles haben.

Einladung ins Bistro

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Geplant ist, dass ich nächste Woche nach Hause entlassen werde. Wenn nicht noch wieder irgendwas dazwischenkommt, klappt das auch.

Zur Zeit geht es hier nur noch darum, die frisch verheilte Haut noch ärztlich zu überwachen und nach meiner langen „immobilen Phase“, wie die Sporttherapeutin es nennt, ganz gezielt Muskel- und Konditionsaufbau zu betreiben. Das heißt: Ich bin verstärkt in ein Programm aus Krankengymnastik, Schwimmen, Sport, Gerätetraining und Massagen eingebunden. Die Therapeuten sagen, es sei deutlich zu erkennen, dass ich lange flach gelegen habe (ich merke das selbst natürlich auch), aber es sei auch sehr deutlich zu erkennen, dass ich vorher sehr intensiv Sport gemacht habe. Dadurch regeneriere sich der Körper erheblich schneller.

Wie alle frischen Querschnitte und wie alle Querschnitte, die mit einer Hautverletzung behandelt werden, musste ich mich auch nochmal wieder einem Aufklärungsprogramm unterziehen und mir in mehreren Vorträgen anhören, wie wichtig es ist, dass man auf seine Haut aufpasst. „Hauptsache Haut“ kann ich inzwischen vorsingen und ich finde es auch ein bißchen albern, dass ich nach nicht mal einem Jahr diesen ganzen Zirkus nochmal wieder mitmachen muss. Es war ja nicht meine Schuld, dass ich diese Verletzungen bekommen habe. Aber immerhin weiß ich nun wieder, dass meine Haut die wichtigsten 2m² meines Lebens sind.


Ich liege zur Zeit mit Catharina in einem Zimmer. Sie ist 23, vom Pferd gefallen und durchläuft gerade die Phase der Niedergeschlagenheit und des sozialen Rückzugs. Während man, frisch verletzt, im Krankenhaus liegt, hat man, so meine eigene Erfahrung, so gut wie keine Vorkenntnisse über eine Querschnittlähmung. Wenn man sich endlich mit der eigenen Situation beschäftigt, schaut man in aller Regel auch nicht über den Tellerrand hinaus. Erst wenn man die Situation akzeptieren konnte und den Kontakt zu anderen Querschnitten, auch zu „neuen“ Frischverletzten, hat, beschäftigt man sich (oft) intensiver mit der ganzen Thematik. Insofern weiß und realisiert Catharina nicht, dass sie schon einen großen Weg in ihrer Bewältigungsarbeit zurückgelegt hat und ihre Niedergeschlagenheit und Zickigkeit eigentlich ein sehr gutes Zeichen sind. Mit der richtigen Therapie und der nötigen Hilfe von Mitmenschen, die sie akzeptieren und sie etwas pushen, ist sie nicht mehr weit davon entfernt, ihre Situation anzunehmen.

Wenn ich jetzt, nach gut einer Woche, mitbekomme, dass sie meine nervenaufreibenden Bemühungen der letzten Tage auch nur wenige Zentimeter auf einen richtigen Weg geschoben haben, bin ich sehr glücklich. Und heute schien es erstmals so.

Catharina liegt seit mehreren Wochen hier und war, als ich das Bett neben ihr bezog, absolut unerträglich. Absolut mies drauf, in einer völligen Scheiß-Egal-Haltung, ich bin das arme Würstchen und wenn du mich nicht ertragen kannst, dann schlaf doch auf dem Flur oder schieb mich raus. Jeder Wimpernschlag war mit theatralischem Leid verbunden und ihr ganzes Leben hatte keinen Sinn mehr. Sie war (und ist) in der Phase, in der mir damals die Schwestern den Namen „Stinkesocke“ gegeben haben. Weil (Stink-) Stiefel im Bett nicht erlaubt sind.

Sie sammelte die Tabletten, die sie eigentlich gegen ihre Blasenlähmung nehmen sollte, um sich damit eine Überdosis verpassen zu können. Und machte daraus auch kein Geheimnis. „Ich bring mich sowieso bald um.“ Das war der heutige Gipfel. Dass sie mir damit nur ein müdes Lächeln entlocken konnte, passte ihr nicht in den Plan. „Wann ist es soweit?“ – „Ich warte noch auf den passenden Moment.“ – „Mach es doch gleich, dann hast du es hinter dir.“ – „Wenn ich es jetzt mache, klingelst du nach den Schwestern.“ – „Ich kann auch solange ein Eis essen gehen, dann hast du deine Ruhe.“ – „Ja. Iss ne Kugel mehr, dann habe ich mehr Zeit.“ – „Willst du erst noch beten oder was?“ – „Nee, nur sicher sein, dass es auch gewirkt hat, bevor du wieder da bist.“ – „Ich lass mir ne Stunde Zeit. Wo ist dein Abschiedsbrief? Oder soll ich deinen Eltern mündlich was ausrichten?“

„Meine Eltern sind mir egal.“ – „Du ihnen aber nicht.“ – „Doch.“ – „Nein.“ – „Egal. Wenn ich tot bin, kriege ich das nicht mehr mit.“ – „Das stimmt. Und du machst es ja für dich, nicht für sie.“ – „Was?“ – „Na das Umbringen. Du tust das ja für dich. Nicht für sie. Man muss auch mal an sich selbst denken.“ – „Du nimmst mich nicht ernst oder? Ich mach das wirklich.“ – „Ich nehm dich ernst, nur was soll ich dazu sagen, Catharina? Wenn du dich umbringen willst, werde ich dich davon nicht abhalten können, ich kann ja schließlich nicht bis aufs Klo dir überall hinterher fahren. Wenn das jemand will, schafft er es auch. Selbst wenn es mir und den Ärzten und Therapeuten hier gelingt, dich einige Zeit davon abzuhalten, du wirst ja hier nicht Jahre lang liegen bleiben, und irgendwann hast du dann deinen Moment, in dem es keiner verhindern kann. Daher habe ich für mich – völlig rational – entschieden, Leute von ihrem Suizid nicht mehr abzuhalten. Wenn sie es tun wollen, finde ich es persönlich schade, dass sie ihr Leben wegwerfen, aber es ist ihre freie Entscheidung. Die muss ich akzeptieren.“

„Welches Leben denn? Was ist das denn für ein Leben mit einer Querschnittlähmung?“ – „Gute Frage. Willst du eine Antwort?“ – „Nein.“ – „Das ist konsequent. Schließlich willst du dich ja umbringen. Dann musst du es auch nicht mehr wissen.“ – „Genau.“ – „So, gibt es nun einen Abschiedsbrief? Du könntest deinen Eltern ja wenigstens mitteilen, dass sie nicht Schuld daran sind. Sie werden sich nämlich genau das die nächsten Jahre sonst vorwerfen. Und ihnen vielleicht schreiben, dass du sie lieb hast. Mir wäre es wichtig, dass meine Angehörigen verstehen, warum ich mich umgebracht habe.“ – „Mir nicht.“ – „Dann bist du ein ziemliches Arschloch. Dich kosten die drei Sätze keine zwei Minuten. Deine Eltern trauern um dich die nächsten Jahre. Zwei Minuten für einige Sätze, die deinen Eltern, die dich aufgezogen haben und dich lieben, die nächsten Jahre ein kleines bißchen leichter machen. Und komm mir jetzt nicht mit dem Argument, deine frische Querschnittlähmung rechtfertigt das Arschloch-Sein. Da habe ich als ebenfalls Querschnitt ein Wörtchen mitzureden und meine Freunde, die auch Querschnitte sind und ebenfalls keine Arschlöcher, würden dir auch widersprechen. Weißt du, ich habe ja Verständnis dafür, dass es dir dreckig geht und jeder Gedanke irgendwie weh tut. Aber man kann sich auch ein bißchen Mühe geben, dem Leben eine Chance zu geben. Bevor man sich umbringt, kann man zumindest mal versuchen, mit dem Leben klar zu kommen. Wenn du in drei Monaten mitkriegst, dass das nach wie vor alles keinen Sinn hat, kannst du immernoch in den Sack hauen. Aber dann musst du später wenigstens nicht mit dem Gedanken leben, du hättest nicht alles versucht.“

„Wenn ich tot bin, muss ich mit keinen Gedanken leben.“ – „Weißt du das? Aber das führt jetzt zu weit, ich weiß es auch nicht. Aber du wirst dir ein Leben lang Gedanken machen, wenn du dich vom Balkon fallen lässt und unten mit dem Hals zuerst in der Hecke aufkommst und hinterher dann als beatmeter Querschnitt nicht mal mehr die Chance hast, dir selbst die Schläuche zu ziehen, weil das einzige, was du noch bewegst, deine Augen sind.“ – „Ich mach das ja so, dass es klappt.“ – „Dann frag mal die Leute ein Stockwerk höher, die da liegen, weil sie es nicht geschafft haben. Die waren sich auch totsicher. Meinst du, ich krieg nicht mit, dass du deine Tabletten sammelst? Meinst du eigentlich, die Leute hier sind so blöde, dir Tabletten zu geben, mit denen du dich umbringen kannst? Meinst du eigentlich, du bist die einzige, die hier unter solchem psychischen Druck steht? Wach doch mal auf und kümmer dich mal um andere Dinge als um dein Selbstmitleid. Lern doch mal Leute richtig kennen und gib ihnen eine Chance, dich kennen zu lernen. Ich kriege nachher von zwei Mädels Besuch, eine ist in deinem Alter. Lass uns doch einfach mal zusammen ins Bistro rübergehen und was nettes essen, statt hier ständig diesen Kantinenfraß reinzuschaufeln und einfach bißchen quatschen. Paar Leute beobachten, einfach mal rauskommen. Gib dir selbst doch mal eine Chance.“

„Kein Bock.“ – „Du wirst von selbst nie Bock dazu haben. Aber dann liegst du hier in drei Monaten noch und starrst die Decke an. Gib dir doch einfach mal einen Ruck und mach was, wozu du keinen Bock hast, um diesen beschissenen Depri-Kreislauf zu durchbrechen.“ – „Ich schaff das aber nicht.“ – „Da rollst du fast von alleine hin. Das ist eine Fachklinik hier, da ist alles ebenerdig und mit Aufzügen ausgestattet. Du hast drei erfahrene Leute dabei und bist auf einem Krankenhausgelände.“ – „Ich habe doch nicht mal vernünftige Klamotten hier.“ – „Du wirst jawohl ein T-Shirt und eine Sporthose haben. Die anderen gehen da auch nicht im kleinen Schwarzen hin.“ – „Das ist alles lieb gemeint, aber ich bin doch überhaupt nicht mobil. Ich kann kaum Rollstuhlfahren, vielleicht kippe ich noch raus oder kriege Kreislaufprobleme oder meine Blase spielt verrückt und ich pinkel da vor allen Leuten unter den Tisch. Nein danke.“

„Wenn du deine Blasentabletten mal regelmäßig nehmen würdest, statt sie zu horten, würdest du auch nicht ständig alles vollpissen.“ Sie schluckte. Das hat gesessen. „Aber wenn das dein einziges Problem ist, ziehst du dir eine Windel an, dann läuft auch nichts unter den Tisch. Kreislaufprobleme und Rollstuhlfahren lasse ich nicht gelten. Du bist in Begleitung, was soll da passieren.“ – „Ich zieh doch keine Windel an, bin ich ein Baby?“ – „Nein, aber du sollst ja auch keine Babywindel anziehen, sondern eine für Erwachsene. Und jetzt pass auf, was du sagst und lass dir einfach mal einen guten Rat geben von jemandem, der auch mal in deiner Situation war und nicht mit ansehen kann, wie du dir das Leben schwer machst.“ – „Wenn mich das zu sehr anstrengt, hau ich sofort wieder ab.“ Ach nee. – „Wenn dich das zu sehr anstrengt, schiebe ich dich höchstpersönlich wieder ins Zimmer. Versprochen.“ – „Du willst mich schieben? Du sitzt doch selbst im Rollstuhl.“ – „Was hat das damit zu tun? Ich zeig dir nachher, dass das geht.“

Während ich mein Laptop auf dem Schoß hatte, sah ich sie im Augenwinkel vor sich hinbrüten. Nach fünf Minuten klappte ich das Ding zu, setzte mich in den Rollstuhl um und sagte: „Ich hol mir jetzt ein Eis und melde uns vom Abendessen ab. Möchtest du auch ein Eis?“ – „Nee lass mal.“ – „Magnum?“ – „Oah!!! Willst du mich hier zu meinem Glück zwingen oder was?“ – „Also Magnum?“ – „Magnum. Damit du endlich Ruhe gibst. Das ist ja unerträglich.“ Grins. Meinetwegen bringe ich ihr auch ein Eis mit, damit ich endlich Ruhe gebe. Und wenn das Eis noch so scheiße schmeckt…

Um von meinem Zimmer zum Kiosk zu kommen, muss man einmal quer durch das gesamte Gebäude, durch unzählige (automatische) Türen und Gänge, Hin und Zurück sind das rund ein Kilometer Fahrstrecke. Da man etliche Male links-rechts-links-rechts abbiegen muss und die Türen meistens auch nicht so schnell öffnen, wird man als Rollifahrer ziemlich ausgebremst und muss sich mit seiner Geschwindigkeit sehr zurückhalten. Für die größten Heizer hängen in den Ecken schon Spiegel unter der Decke, damit man sehen kann, wen man hinter der Ecke gleich über den Haufen fährt. Trotzdem ist es eben keine Rennstrecke. Dennoch will ich nicht verschweigen, dass ich alles drangesetzt habe, um Catharina nicht unnötig lange alleine zu lassen. Ich war mir, ehrlich gesagt, nicht sicher, ob sie die Gunst dieses Momentes nutzen würde, um sich die ganzen Tablettenvorräte auf einmal einzuwerfen. Und umso erleichterter war ich, als ich beim Zurückkommen sah, dass sie es nicht getan hatte, sondern sich über das Eis freute. Grübelnd, zurückhaltend, aber sie packte es sofort aus und aß es.

Als wir fertig waren, fiel mir ein: „Ich wollte doch der Schwester das Essen absagen!“ Setzte mich nochmal in den Rollstuhl und rechnete mit Catharinas Widerrede. Sie kam nicht. Als ich im Schwesterzimmer ankam, fragte ich: „Ich kriege gleich noch Besuch von Cathleen und Sofie. Dürfen wir Catharina mitnehmen ins Bistro?“ – „Catharina?“ – „Ja.“ – „Catharina will mit?!“ – „Jaha!“ – „Ähhh… ja. In Begleitung darf sie, hat die Ärztin gesagt. Aber lasst sie bitte nicht alleine.“

Zurück im Zimmer interessierte sich Catharina sofort für das Ergebnis. Betont genervt fragte sie: „Und nun? Darf ich mit?“ – „Ich hab dich jetzt abgemeldet für das Essen hier.“ Sie nickte. Und schluckte.

Und dann war es irgendwann soweit und vier Rollifahrer eierten quer durch das Gebäude in Richtung Bistro. Eher in Schneckengeschwindigkeit, aber dennoch mit einem Ziel vor Augen. Vor seinem Zimmer begegneten wir dem Chefarzt. „Oh, auf Erkundungstour?“ – „Wir wollen das Bistro stürmen“, erwiderte ich. – „Das ist eine gute Idee. Ich habe gehört, die Croques kann man empfehlen. Und sie sollen guten Wein haben.“ – „Danke für den Tipp. Wir lassen uns überraschen. Schönes Wochenende!“

Als wir bestellt hatten, fing Sofie zu erzählen an, dass sie sich verspätet hatten, weil eine Familie sie mit ihrem Van zugeparkt hatten. Sie waren so nah an Sofies Autotür herangefahren, dass Sofie nicht mehr ins Fahrzeug kam. „Und was machst du dann?“ fragte Catharina interessiert. – „Polizei rufen, abschleppen lassen. In diesem Fall hat es sich gelohnt, da in dem Auto noch ein Rollstuhl-Parkausweis lag, der auf die verstorbene Mutter ausgestellt war. Den haben die Bullen gleich beschlagnahmt.“

Catharina machte große Augen. „Woher bekommt man eigentlich so einen Parkausweis?“ fragte sie. Wie gesagt, sie ist nicht mehr weit davon entfernt, ihre Situation anzunehmen. Ich wünsche ihr, dass sie es packt. Wenn ich sie in einem Jahr oder in zwei Jahren wiedersehen würde als einen lebensfrohen Menschen, der seine Behinderung akzeptiert hat und mit ihr irgendwie zurecht kommt, könnte es meine Einladung ins Bistro gewesen sein, die sie auf diesen Weg gebracht hat. Ich weiß zwar, dass sie in der nächsten Woche vielleicht durch etwas anderes ebenso auf den richtigen Weg gesetzt worden wäre; ich weiß auch, dass sie vielleicht noch wieder umfällt und der Weg vom Suizidgedanken zum lebensfrohen Menschen weiter ist als der ins Bistro; ich weiß aber auch, dass ich verdammt stolz darauf wäre, jemandem im entscheidenen Moment einen allerersten Lebenssinn zurückgegeben zu haben.

What a day

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What a day! Was für ein Tag! Irre. Ich bin föllig vertig. Aber: In Hamburg! Yeah! Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich ganz viele weite Felder und in ganz weiter Entfernung die roten S-Bahn-Züge hin- und herfahren. Und alle paar Stunden donnert der Hubschrauber über das Gebäude. Wie habe ich es vermisst!

Ich soll nicht stundenlang sitzen. Also ein Liegend-Krankentransport. Ein Krankenwagen aus Hamburg sollte mich abholen. Gegen 12 Uhr. Um 16 Uhr sollten wir in Hamburg sein. Völlig utopisch, denn die Mühle fährt ja nicht schneller als … ja wie schnell eigentlich? Fahren Krankenwagen 80, 100 oder ist das nicht begrenzt? Es war jedenfalls so ein VW Bus mit langem Radstand und Hochdach. Immerhin klimatisiert, aber doch recht eng. Am besten war der Typ, der die ganze Zeit neben mir gesessen hat, kein Wort gesprochen, aber die ganze Zeit mit seinem Handy Tetris gespielt hat. Ich habe jetzt noch das Geräusch im Kopf.

Jedenfalls standen die exakt um 9.45 Uhr auf der Matte. Und machten einen Zwergenaufstand, warum ich meine Sachen noch nicht fertig gepackt hatte. Wer denn von 12 Uhr geredet hätte, bis 12 habe man ihnen gesagt. Eigentlich wollten sie am Vorabend herfahren, schlafen und heute morgen um 6 zurück. Alles klar. So oder so: Wenigstens waren die Papiere fertig und meine sieben Sachen packe ich notfalls auch in 7 Minuten zusammen.

Übrigens: Ich habe ein neues Wort gelernt (präferieren) und muss es doch gleich mal zum Besten geben: Wer mich kennt, weiß, dass ich immer den unkomplizierten Weg präferiere. Heißt: Diskussionen, ob der Rollstuhl im Krankenwagen mitgenommen werden kann oder ob dafür ein anderes Fahrzeug nötig ist, führt man besser nicht mit mir. Da der eine Sanitäter glaubte, das doch tun zu müssen, war ich gleich in passender Stimmung. Es war nicht der Tetris-Sanitäter, sondern der Fahrer, dennoch: „Meinen Sie, der bleibt jetzt hier oder was?“ – „Ja wir nehmen den nicht mit.“ – „Dann haben Sie jetzt wohl eine Leerfahrt. Weil dann fahr ich auch nicht mit.“ Laber laber, wussten wir nicht, können wir nicht, dürfen wir nicht, am Ende konnten sie doch. Das war also schonmal überflüssig.

Zweite überflüssige Diskussion: „Wurde Ihnen schon ein Dauerkatheter gelegt?“ – „Nein.“ – „Dann hole ich eben noch die Schwester, damit sie Ihnen einen legt.“ – „Ähhh… Gegenvorschlag. Wir nehmen Katheter mit Beutel mit und halten auf einem Rastplatz und ich mache das bei Bedarf selbst.“ – „Ausgeschlossen, wir sind für Sie verantwortlich. Wenn Sie sich dabei verletzen!“ – „Ähm, ich habe das die letzten 2 Monate nur so gemacht?!“ – „Ja trotzdem, dann war ja ein Arzt dabei.“ – „Nein?!“ – „Sie sind aber erst 17, also bestimmen wir.“ – „Gleich fahren Sie wirklich alleine.“

Der Typ kam mit der Schwester wieder. „Nein, die Patientin kathetert sich selbst. Dauerkatheter macht man bei jungen Patienten eigentlich nicht mehr. Halten Sie einfach mal auf einem Rastplatz an.“ La la la… erst 17 *pfeif* Ich fragte die Schwester: „Können Sie mir denn noch so 3 bis 8 Stück mitgeben?“ – „Haben wir im Auto“, fuhr der Sanitäter dazwischen. Wow, sind die gut ausgerüstet. Ich fragte skeptisch: „Sicher? In meiner Größe? Mit Beutel?“ Die Schwester löste die Situation auf: „Nehmen Sie lieber die mit, die Sie kennen. Sie kriegen von uns welche und sollten auch nur die nehmen, die Sie vom Arzt verordnet bekommen haben.“

Hätten wir das also auch geklärt. Von dem Tetris-Gepiepe mal abgesehen, war die Fahrt relativ entspannt. Um 16.20 Uhr waren wir in Hamburg, ich bekam mein Bett im Zweierzimmer (zusammen mit einer anderen Patientin, die vor einigen Wochen vom Pferd gefallen ist und jetzt Rollstuhlfahren lernt) und bekam noch am selben Abend Besuch von meinen Leuten. Gummibärchen, Kekse, Klamotten, ein großes Foto-Poster für die Wand, 1 Stick mit ganz vielen Bildern drauf und frischer Mucke … eigentlich wollte ich nur noch 14 Tage bleiben. Ich habe erstmal bestimmt 15 Minuten lang alle geknuddelt und gedrückt, was bin ich froh, wieder hier zu sein. Kein ostdeutscher Dialekt mehr, sondern den trockenen Hamburger Humor, den ich so liebe. Mir fällt ein großer Stein vom Herzen.

5 Minuten statt 100 Jahre

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Im Moment gehe ich noch davon aus, übermorgen nach Hamburg zurück zu kommen. Ab 12 Uhr soll der Krankentransport kommen, um 16 Uhr soll ich in Hamburg sein. Wie sie das schaffen wollen, ist mir zwar ein Rätsel, aber ich muss ja nicht fahren. Außerdem ist es so, dass der Chefarzt wohl offiziell doch noch nicht zugestimmt hat (erst hieß es, er habe zugestimmt und auch schon unterschrieben, nun heißt es wieder, er habe noch nicht zugestimmt), laut Oberarzt sei das aber nur eine Formsache. Was freu ich mich, wenn ich endlich hier raus bin!

Der heutige Tag war wieder erste Klasse. Ich darf ja nun stundenweise aufstehen und brauche seit heute mittag auch diese Startrek-Klamotten nicht mehr tragen (nachdem ich auf die Redshirts, die ich bis dahin noch nicht kannte, hingewiesen habe, will man sich bemühen, die Kleidung künftig in mintgrün zu bestellen; allerdings war es ja mehr eine Tight als ein Shirt und zudem sehr dunkel, nämlich bordeauxrot, so dass ich davon ausgehe, noch etwas länger leben zu dürfen), aber ich soll unbedingt darauf achten, dass mein Anti-Dekubitus-Sitzkissen im Rollstuhl korrekt aufgeblasen ist und ich keine Hosen trage, die im Gesäßbereich oder an der Oberschenkel-Rückseite Falten werfen könnten. Und bitte weder Unterhosen noch Pampers drunter, meinte die Ärztin. Wenn das meine Currywurst-Tante wüsste, dass ich mich ohne Unterwäsche unters Volk mische…

Ich war gerade auf dem Rückweg in mein Zimmer, um mich zur Entlastung meiner Gesäßpartie (nicht -party) auf mein Bett zu legen, da brüllt mich die Schwester an, ob ich noch gesund sei, den Aufzug zu benutzen! Wenn der stehen bleibt und ich über Stunden fest hänge, bedeute das: „Arsch wund, nochmal 100 Jahre stationär!“

Da ich keine Hosentasche hatte, konnte ich dadrin auch keinen Stinkefinger ausfahren, sondern musste mich zusammenreißen. Soll ich etwa den ganzen Tag den Gang auf und ab fahren und die Spender mit dem Desinfektionsmittel zählen oder was?! Oder jeden im Vorbeifahren einmal betätigen und messen, wie weit sie sprühen, wenn man keine Hand drunter hält?! Wie kann man zum Dienstschluss nur so garstig sein!?!

Nach der Mittagspause war ich natürlich wieder draußen, bin auf dem Rückweg, stehe im Aufzug, die Tür schließt sich, der Aufzug fährt nach oben, hält auf meiner Etage – und Feierabend. Tür bleibt zu. Nein, oder? Nix. Keine Reaktion mehr. Alle Knöpfe gedrückt, Tür-auf-Taste gedrückt, nix. Und nun? Wie lange, sagte die Schwester, würde hier die Rettung dauern? Stunden?

Alarmknopf gedrückt, die Telefonzentrale meldet sich: „Stecken Sie im Aufzug fest?“ – „Kann man so sagen.“ – „In welchem Aufzug?“ – „Nummer 24.“ – „Das ist schon das dritte Mal heute. In welchem Stockwerk?“ – „Zwo.“ – „Bitte?“ – „Zwei.“ – „Drei?“ – „Nein zwei.“ – „Ich schicke den Hausmeister rum. Bleiben Sie ruhig. Ihnen wird gleich geholfen. Sie brauchen keine Angst zu haben. Sie bekommen genug Luft und die Kabine kann auch nicht abstürzen.“ Gut, dass sie das sagt. Bis eben hatte ich darüber noch nicht nachgedacht.

Mein größtes Problem war gar nicht mal die Zeit, ich hatte mein Minutenkontingent für den Nachmittag noch lange nicht ausgeschöpft, selbst eine halbe Stunde eingeschlossen zu sein sollte meiner Haut nicht übertrieben zusetzen, vor allem, weil es bisher auch alles gut verläuft. Nein, mein größtes Problem war, dass ich zurück wollte, um auf die Toilette zu gehen. Ja, genau, da war es wieder, mein Problem. Thema Nummer 1. Meine Blase machte sich bereits bemerkbar und ein drei- bis zehnminütiger Countdown hatte bereits begonnen. Immerhin hatte ich zum Mittag meine Tabletten genommen, so dass diese ihre Wirkung gerade voll entfalteten und vielleicht eher zehn als drei Minuten bedeuteten.

Während ich auf den Hausmeister wartete, überlegte ich mir, wie ich am besten dem sich anbahnenden Ereignis begegnen sollte. Möglichkeit 1: Einfach abwarten, was passiert. Hat den Nachteil, dass ich anschließend duschen, mein Sitzkissen neu beziehen, den Bezug waschen, das Innenleben abspülen und desinfizieren, den Rollstuhl abspülen, die Polster trocknen, meine Klamotten auswaschen und dumme Fragen beantworten darf. Hat den Vorteil, dass es am wenigsten Empörung auslösen dürfte. Kann ja mal passieren, vor allem, wenn man im Aufzug eingeschlossen ist.

Möglichkeit 2: Auf den gepolsterten, abwischbaren, in der Kabinenwand fest installierten Klappsitz umsetzen und dort abwarten, was passiert. Hat den Nachteil, dass ich anschließend duschen und meine Klamotten auswaschen muss. Hat den Vorteil, dass mein Rollstuhl trocken bleibt, denn ich würde mich natürlich von der Schwester mit einem abwischbaren Dusch-/Toilettenstuhl abholen lassen. Nobel geht die Welt zugrunde. Hätte aber den gravierenden Nachteil, dass, wenn in dem Moment, wo ich auslaufe, der Hausmeister die Fahrstuhltür öffnet … ja wie sieht denn das aus und wie soll ich ihm den Wasserfall erklären?

Möglichkeit 3: Hose bis zu den Oberschenkeln runterziehen, im Rollstuhl so weit nach vorne rutschen, dass … ihr wisst schon. Hätte den Vorteil, dass ich nichts waschen müsste, hätte aber den Nachteil, dass ich erklären müsste, woher die Sauerei auf dem Fußboden kommt. Und wenn dann noch in dem Moment der Hausmeister die Tür aufmacht und Sandalen trägt…

Schiss-Socke bereitete sich mit Herzklopfen auf die Möglichkeit 1 vor. Aber, und das ist doch mal eine gute Nachricht, es kam nicht so weit. Nach nicht mal fünf Minuten gab es plötzlich Gepolter und Geklacker an der Tür, dann hatte der Hausmeister mit einem Dreikant die Tür geöffnet. Da der Aufzug direkt auf der Ebene stand, konnte ich so rausrollen. „Ich muss dringenst auf Klo“, sagte ich, bedankte mich noch kurz und war weg. Was für eine Erleichterung!

Gut, dass es nur fünf Minuten waren – und keine 100 Jahre, wie die Schwester noch vor wenigen Stunden prophezeit hatte.