Startrek für die Wissenschaft

9 Kommentare3.867 Aufrufe

Inzwischen ist es amtlich: Ich werde nächste Woche nach Hamburg verlegt! Vermutlich am Mittwoch. Dann soll ich noch 14 Tage stationär in einer Anschlussbehandlung bleiben und wieder fit werden und dann darf ich endlich wieder nach Hause. Nach über zwei Monaten! Bin ich froh!

Als sich abzeichnete, dass ich wieder aufstehen soll und wieder in ein normales Bett mit normaler Antidekubitusmatratze (also keine Hüpfburg und keine Wechseldruckmatratze mehr, sondern Schaumstoff) darf, kamen zwei Mädels an mein Bett, die eine Doktorarbeit schreiben und im Rahmen dieser erforschen, wie sich Scherkräfte auf die lange geschonte und daher nun besonders empfindliche Haut auswirken – und vermeiden lassen. Gerade die verletzte Haut ist ja deshalb abgeheilt, weil keinerlei Druck von außen auf sie gewirkt hat (oder so wenig wie möglich, eben durch die Verteilung des Drucks über diese komische Matratze). Nun ist wieder (zuerst stundenweise) das Körpergewicht drauf und nun wird es spannend, sobald eine Falte oder ähnliches unter dem Oberschenkel ist. Gerade beim selbständigen Umsetzen vom Rollstuhl auf das Bett oder auf die Toilette kann die Haut in den ersten Tagen übermäßig strapaziert werden. Das fehlte mir natürlich noch, dass ich mir hier noch die nächste Stelle hole und dann wieder flach liege.

Diese beiden Mädels erforschen nun, ob man dieses anfängliche Risiko dadurch mindern kann, dass man die Patienten übergangsweise für vier bis fünf Tage in ein enganliegendes, dehnbares Kleidungsstück steckt, dass die Haut eng umschließt. Man mache damit äußert gute Erfolge.

Ich dachte mir: Warum nicht?! Obwohl es bescheuert aussieht und ich mir vorkomme als würde ich als Quetschwurst in einem Startrek-Film mitspielen, ist bisher zumindest noch alles gut gelaufen. Ich habe jetzt einen Fummel an, der von den Fußspitzen bis zum Hals meinen Körper einhüllt in einen eng anliegenden Synthetikstoff. Nur die Schultern und die Arme sind frei. Und der Kopf natürlich…

Bordeaux-Rot. Obenrum kann ich mir zum Glück ein T-Shirt drüberziehen, dann sieht das nicht ganz so beknackt aus. Lena fällt vor Lachen fast jedes Mal aus dem Stuhl, wenn sie mich sieht. Insgesamt habe ich zwei solche Dinger bereit gestellt bekommen und ich muss das nun Tag und Nacht tragen. Ein wenig erinnert mich das an mein Bodysuit vom Schnellfahrtraining, das man ja auch bis über die Schultern führt, damit die Hose nicht rutscht. Aber da sind wenigstens die Füße frei.

Ich dachte erst, man würde mehr schwitzen in dem Ding, aber das scheint wohl recht atmungsaktiv zu sein. Das Problem ist nur: Ja, richtig, du ahnst es schon. Alleine ausziehen kann ich es nicht, Pampers drunter tragen kann man auch nicht (dann würde man ja wieder Falten produzieren) – muss ich mehr erzählen? Immerhin habe ich zwei Stück und die Dinger trocknen wahnsinnig schnell, so dass ich einen am Waschbecken ausspülen und zum Trocknen über die Bettkante hängen kann, während ich den anderen trage. Bevor der zweite nass ist, ist der erste wieder trocken. Man kann es nur noch mit Humor nehmen: Hurra, was bin ich froh, wenn der Zirkus vorbei ist.

Jetzt muss nur noch alles wie geplant klappen, die Haut muss sich so benehmen, wie man es von ihr erwartet, das Wetter muss mitspielen, dann liege ich in spätestens sechs Wochen am Strand in der Sonne, beide Stinkefinger zum Himmel gestreckt!

Countdown

1 Kommentar3.873 Aufrufe

Wenn alles klappt, werde ich nächsten Montag oder nächsten Dienstag nach Hamburg verlegt. Dort soll ich dann noch zwei Wochen im Krankenhaus bleiben (so eine Art Anschlussbehandlung) und werde dann Ende Juni entlassen. Der Chefarzt hat zwar noch nicht zugestimmt, aber der Oberarzt sagte heute bei der Visite, dass es nur daran liegt, dass er in Urlaub war und sich damit noch nicht beschäftigt hat. Ich schätze, ich kann das alles erst dann glauben, wenn ich wieder zu Hause bin. Trotzdem zähle ich jetzt schon die Tage. Ich werde morgen nochmal nachfragen, was der Chefarzt gesagt hat. Ich kann es nicht mehr erwarten und möchte so schnell wie möglich hier raus. Vor allem bei dem schönen Wetter!

Wo ist der Strand? Ostsee, ich will zu dir! Hörst du mich rufen? Ich will in dir schwimmen, an deinem Strand im warmen weichen Sand liegen, mich bräunen lassen, ein leckeres Eis essen, braungebrannten Typen hinterher gucken, meine Leute um mich herum haben, coole Spiele spielen, schlafen, gekrault werden und überhaupt!!!

Ich vermisse meine Leute, mein Zimmer, meinen PC, laut Musik hören, auf dem Balkon sitzen, Fernsehen, meine Schule (man sollte es nicht glauben), mein Training, mein kuscheliges Bett, meine Badewanne, mein Auto – einfach alles.

Und ich hasse langsam immer mehr, mein „Schlafzimmer“ mit fremden Leuten teilen zu müssen. Über das Wochenende hatte ich eine rund 70-jährige Oma hier drin, die mir so derbe auf den Wecker gegangen ist, dass ich fast geplatzt wäre. Sie wollte mir in einer Tour alles recht machen und ich konnte machen, was ich wollte, ich habe sie nicht auf Distanz bringen können. Ständig kam sie an mein Bett und bedauerte mich. „Soll ich dir ein Eis kaufen? Bei dem schönen Wetter den ganzen Tag im Bett liegen, ich bin froh, dass ich laufen kann. Willst du nicht doch ein Eis?“

Selbst als ich irgendwann ungnädig wurde und sie nur noch angepflaumt habe („nein, hab ich auch schon 20 Mal gesagt, langsam muss mal gut sein“, „halten Sie jetzt mal bißchen Abstand hier, Sie gehen mir auf den Wecker“) fing sie an: „Ich kann verstehen, dass du frustriert bist, wäre ich auch, wenn ich nicht aufstehen könnte. Und Du willst wirklich kein Eis?“ ARGHHH! Zum Glück ist sie seit gestern wieder weg.

Inzwischen darf ich für vier halbe Stunden pro Tag aus dem Bett in den Rollstuhl. Endlich bekomme ich auch meine Physiotherapie wieder vernünftig auf einer Liege und nicht mehr im weichen Bett. Es ist so eine Wohltat, mal wieder sitzen zu dürfen. Am Anfang hat mir mein Kreislauf das noch ziemlich übel genommen, aber inzwischen geht es ganz gut.

Nachdem mich einige Leser per Mail angeschrieben haben und gefragt haben, warum diese Tasse Tee solche Folgen haben kann, will ich das gerne nochmal erklären: Durch meine Querschnittlähmung bewege ich meine Beine nicht, allenfalls passiv. Entsprechend schlecht durchblutet ist das alles, vor allem die Haut. Verletzt man sich so einen schlecht durchbluteten Teil (was oft doppelt gefährlich ist, weil man es einfach nicht merkt, wenn man zum Beispiel auf einem spitzen Gegenstand sitzt), dauert es oft Wochen oder gar Monate, bis das wieder abheilt. Hinzu kommt, dass die Haut unter Druck überhaupt nicht abheilt, sondern sich eher noch weiter zurückbildet. Deswegen muss die verletzte Haut permanent entlastet werden. Eine einfache Falte im Bettlaken kann dann schon ganz böse Folgen haben.

Naja, und bei Verbrühungen an den Oberschenkeln, und zwar großflächig sowohl vorne wie auch hinten, ist es nicht nur sehr schwierig, die ganze betroffene Haut ständig zu entlasten, sondern es heilt auch so gut wie überhaupt nicht. Am Anfang hat es alles nur knallrot vor sich hin genässt, aber inzwischen sieht es wieder aus wie Babypopo. Und die beiden Infekte, die ich noch dazu bekommen habe, haben dem ganzen natürlich nochmal den letzten Kick gegeben.

Begegnungsverkehr

2 Kommentare3.868 Aufrufe

In Holzminden (Niedersachsen, in der Nähe von Hameln) hat heute ein Elektrorollstuhl-Fahrer im Begegnungsverkehr, wie es im Polizeibericht so schön heißt, zwei Omas mit ihren Gehwagen von der Piste gebügelt und ins Blumenbeet geschickt.

Die erste Dame (77) schob, genauso wie die zweite Dame (92), jeweils ihren Gehwagen vor sich her, als ein Mann in einem Elektrorollstuhl ihnen entgegen kam. Nachdem er die erste Oma umgenietet hatte, sollte man annehmen, dass er alles unternimmt, um die leicht verletzte Dame wieder aus dem Blumenbeet zu bekommen und den Schaden wiedergutzumachen. Stattdessen heizte er weiter und nietete noch eine zweite Oma um, die ebenfalls in einem Blumenbeet zu Fall kam. Beide Frauen wurden leicht verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Der Rollstuhlfahrer flüchtete unerkannt.

Was für ein A… Gut, ich fahre keinen E-Rolli. Aber immerhin einen Rolli. Und natürlich kommt es vor, dass mal Leute nicht schauen und trotz dreimaligem „Vorsicht!“ über einen stolpern. Weil sie nach hinten gucken und nach vorne gehen. Aber dann stehe ich bereits. Es ist mir noch nie passiert, dass ich jemanden aktiv angefahren habe, selbst im dichtesten Gedränge nicht. Wenn Leute über mich stolpern, dann ausschließlich, weil sie nicht gucken.

Sollte es irgendwann mal dazu kommen, dass durch meine Unachtsamkeit irgendjemand hinfällt oder von mir in meinem Rollstuhl angefahren wird, werde ich eins mit Sicherheit nicht tun: Weiterfahren, als wäre nichts geschehen. Das ist absolut asozial und ich kann mir auch unter meinen Leuten bei niemandem vorstellen, dass er so etwas tun würde. Das hat echt großes Fremdschämpotential.

Ich weiß nicht, wie das in diesem Fall war, aber ich kann mir vorstellen, dass dieser E-Rollstuhl-Fahrer hinten den Aufkleber „King Of The Road“ befestigt hatte. So kommen sich nämlich manche, gerade ältere, behinderte Menschen vor. Weg da, hier komme ich. Ich hoffe, dass man denjenigen ermittelt, den Tathergang klärt und ihn dann zu einer angemessenen Strafe verdonnert. Rücksicht auf Behinderte ist hier absolut überflüssig.

Es nimmt kein Ende

2 Kommentare4.016 Aufrufe

Es ist doch nicht zu glauben, oder? Jetzt habe ich mir noch einen fetten Magen-Darm-Virus eingefangen. Inzwischen ist das Gröbste überstanden, ich schlafe noch viel, aber ich fühle mich wieder relativ gut.

Am letzten Sonntagabend ging es los. Wie aus heiterem Himmel wurde mir plötzlich übel. Lena hatte sich und mir aus der Kantine ein Croque geholt (immer nur dieses Tütenbrot geht einem irgendwann ziemlich auf den Geist) und das hatte ich erst im Verdacht. Vielleicht war irgendeine der Zutaten verdorben. Igitt, habe ich mich elendig gefühlt. Irgendwann klingelte ich dann mal nach einer Schwester, die meinte, ich würde nicht gut aussehen und sie holt einen Arzt.

Der Arzt kam, ich erzählte ihm von meinem Verdacht, nämlich dass das Croque vielleicht schlecht gewesen sein könnte, er meinte aber, es würde sich um einen Virus handeln, der im Moment umgehe. Ob ich spucken müsste, wollte er wissen. Ich zuckte nur mit den Schultern, ich konnte nicht einschätzen, was die nächste Stunde so bringen würde.

Das größte Problem war wohl, dass ich nach wie vor nicht aufstehen darf. Und nun kotz mal im Liegen… in einem Bett, in dem man wie auf einer Kinder-Hüpfburg schwebt und in dem die Matratze ringsherum mit einem Metallgitter eingefasst ist. Meine Zimmernachbarin wurde in ein anderes Zimmer verlegt, die Tür zum Flur blieb offen und ich bekam einen Eimer ans Bett gestellt. Wenn ich spucken müsste, sollte ich klingeln. Dann käme sofort jemand.

Um 3 Uhr nachts war es dann zum ersten Mal so weit. Eine Schwester hielt den Eimer, die andere meinen Kopf und dann ab über die Bettkante. Ich möchte den Job nicht machen müssen, ich glaube, ich würde mitkotzen. Tat aber keine von beiden. Um diese ekligen Dinge nicht unnötig auszuschmücken, fasse ich zusammen, dass nach dem 6. Mal kotzen und inzwischen gefühlten 8 bis 12 neuen Bettlaken (denn schließlich heißt es ja nicht nur Magen-, sondern auch Darm-Grippe, und wer glaubt, dass man mit einer Querschnittlähmung da unten irgendwas unter Kontrolle hat, irrt bekanntlich) um 7 Uhr ein Arzt reinkam und meinte: „Mäuschen, was ist denn hier los?!“ Peinlich war mir in dem Moment gar nichts mehr, ich war so fertig mit der Welt, dass mir alles egal war.

„Ich lege Ihnen jetzt eine Infusion, weil sie mehr Flüssigkeit verlieren als uns lieb ist. Und dann bekommen Sie von mir etwas, damit das Gekotze aufhört. Davon werden Sie schön schlafen und wenn Sie heute mittag aufwachen, ist alles vorbei.“ Na hoffentlich. Mir war alles egal. Als ich mittags wieder aufwachte, war mir nicht mehr übel, ich hatte keinen Durchfall mehr, dafür war ich wieder komplett verkabelt und ich hatte laut Monitor eine Pulsfrequenz von 135 und eine Körpertemperatur von 39.3°C.

Das Fieber ging am Dienstag wieder runter, ich habe nur geschlafen und geschwitzt wie ein Schwein. Seit gestern sind die Kabel wieder ab und ich kann wieder tun und lassen, was ich will. Aber ich bin körperlich noch sehr matschig drauf. Vor allem habe ich von dem ganzen Gekotze extremen Muskelkater im Schulterbereich! Das ist schon nicht mehr witzig. Sobald ich Niesen oder Husten muss, zwiebelt das durch den ganzen Schultergürtel, durch die Arme, bis in die Finger. Sowas hatte ich auch noch nie. Oh Mann, ich will endlich nach Hause!!!