Doch nur Mitleid

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Nachdem ich in den letzten Tagen so viel geschrieben habe, mache ich es heute etwas kürzer: Er will nichts von mir. Er hat auch nichts für mich übrig, außer Mitleid. Muss ich mal so krass sagen.

Wir haben uns ganz normal getroffen, da war auch noch alles nett, sind eine halbe Stunde mit dem Auto gefahren, dass er als Technikfreak so einen umgebauten Touran interessanter findet als mich, mag ich ihm auch noch nachsehen, aber dann, an der Kasse:

„Wir nehmen ohne Sauna, oder?“ – Jana antwortete gleich: „Nö, eigentlich wollte ich auch in die Sauna. Warum sollten wir ohne nehmen?“ – „Ich will nicht mit euch in die Sauna. Schwimmen ist okay, aber Sauna? Da sind alle nackt und davor habe ich Angst. Nee, im Ernst, dann bin ich derjenige, der die Rollstühle rausschiebt, da komme ich mir am Ende wie euer Betreuer vor.“

„Die können drinnen stehen bleiben, die Sauna ist groß genug und die Dinger werden in den 10 Minuten nicht so heiß.“ – Ich hatte eigentlich sehr gute Laune, hatte den „Betreuer“ überhört und wollte einen Spruch machen, meinte zu Jana: „Solange ich heiß werde, reicht mir das.“ Daraufhin sagt Lars: „Nee, lasst mal. Ich glaube, ihr macht euch gerade falsche Hoffnungen. Ich wollte ein bißchen Schwimmtraining machen und danach ein wenig relaxen, und ich freue mich sehr, dass wir es, wenn auch in so einer kleinen Gruppe, aber immerhin es ist ein Anfang, mal geschafft haben, die Barrieren zwischen Fußgängern und Rollstuhlfahrern abzubauen. Ich finde es schlimm, wenn Behinderte nur wegen ihrer Behinderung von solchen Sachen ausgeschlossen werden.“

Zum Glück hatten wir getrennte Umkleidekabinen. Ich war mit Jana zusammen in der Behindi-Gruppenumkleide und sie hat mich erstmal in den Arm genommen und getröstet. „Komm, wir machen uns einen schönen Tag und zeigen ihm mal, wer hier wirklich schneller schwimmt. Ich lade dich nachher auf ne Pommes oder ein Eis ein, wenn es der Frust erfordert, auch auf beides, aber sei einfach froh, dass er dir das nicht erst beim 10. Treffen mitteilt.“

Och menno. Warum ist das so schwierig?

Ein neuer Versuch

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Über ein Dreivierteljahr ist es jetzt her, dass ich mit Jan zusammen war. Nach unserer plötzlichen Trennung im Januar habe ich nie wieder was von ihm gehört oder gelesen. Wir waren auch nur kurz zusammen und mehr als geknutscht und gefummelt haben wir auch nicht wirklich. Inzwischen bin ich darüber hinweg.

Lars ist im Oktober 25 geworden. Argh, sieben Jahre. Er ist solo. Er ist Fußgänger. Er hat im Sommer regelmäßig in und um denselben See trainiert wie wir. Ja, Freiwasserschwimmen. Radfahren. Hat schon an einigen Triathlons mitgemacht, auch wenn die meisten Fußgänger ja erst wesentlich später (30 aufwärts) damit anfangen. Ich habe mich einige Male mit ihm unterhalten. Er war regelmäßig bei uns und hat sehr interessiert zugeschaut, wenn wir trainiert haben. Blieb oft noch lange Zeit nach seinem Training. Hat mit uns am See gegrillt. Viel erzählt, viel geredet. Über sich. Seine Einstellungen. Über uns. Über seine Faszination vom Sport. Hat sich für mich interessiert. Hat mir (nur mir!) irgendwann seine Nummer gegeben, falls wir mal Interesse hätten, in kleinerer Gruppe Fußgänger und Rollifahrer zusammen zu trainieren (Biken oder Schwimmen), soll ich ihn mal anrufen. Oder einfach nur so, wenn ich mal Langeweile hätte…

Ich kann immernoch nicht einschätzen, ob ich für ihn nur „interessant“ bin, weil er Sportler im Rolli so faszinierend findet, ob er auf junges Gemüse steht, ob ich mir alles nur einbilde, ob er vielleicht irgendwas anfangen und schauen, wie es sich entwickeln würde – oder ob er vielleicht zu jenen Leuten gehört, die auf gelähmte Mädels stehen und so einen Behindi-Fetisch haben.

Ich habe ihn endlich angerufen. Jetzt, wo es arschkalt und bald Winter ist, könnten wir ja gar nicht mehr draußen trainieren. Ich würde unser gemeinsames Training und vor allem die Abende am Lagerfeuer oder beim gemeinsamen Grillen vermissen. Ja, er freue sich doch sehr, dass ich ihn anrufe, er habe lange gehofft und nun aber inzwischen schon fast die Hoffnung aufgegeben. Ich fragte ihn, ob wir nicht mal zusammen trainieren wollen, zum Beispiel in einer Schwimmhalle. Er sagte: „Na klar, sofort!“ Ähm … ja.

Schisssocke mal wieder. Falscher Weg. Was wollen wir zusammen in einer überfüllten Schwimmhalle, in der zehn Vereine sich acht Bahnen teilen? Zweiter Anlauf. Eindeutiger. „Oder wollen wir vielleicht auch mal so schwimmen gehen in einer kleineren Gruppe?“ – „Ja, da bin ich gerne dabei.“ – „Also wir wollten jetzt am Wochenende in eine Therme, da ist ein Sportbecken und so ganz viel Relax-Kram und auch ein Saunabereich. Also so richtig zum Entspannen. Bisher eine Freundin und ich, aber wir wollten noch mehr Leute fragen und … ich würde mich freuen, wenn du da auch mitkommst.“

Herzklopfen. Spannung. Siedet. Erreicht den Höhepunkt. „Ja. Gerne. Wann treffen wir uns wo?“

Morgen. Jana kommt mit. Ganz alleine traue ich mich nicht. Fremder Mann und so… Sie fährt mit ihrem Auto. Wir treffen uns bereits alle in Hamburg auf einem Supermarktparkplatz an der Autobahn, paar Minuten von hier, die Therme liegt außerhalb. Zuletzt gesehen habe ich Lars vor drei Wochen bei unserem letzten Outdoor-Schwimmtraining. Habe ein Foto von ihm auf meinem Desktop, seine Telefonnummer immer in meinem Portemonnaie, hatte seine Nummer schon paar Mal ins Handy getippt, dann aber in letzter Sekunde doch eher auf die rote als auf die grüne Taste gedrückt, weil ich mich nicht getraut habe. Argh!

Wenn ich mir nicht alles falsch eingebildet habe, macht mir dieser Typ schon seit Ewigkeiten schöne Augen. Er ist etwa 1,80 groß, hat eine sportliche Figur, braune kurze Haare, braun-grau-grüne Augen … ich will ihn. Und ich werde ihn morgen so derbe anbaggern, dass er inzwischen vergeben oder dumm sein muss, wenn er nicht mitkriegt, was ich von ihm will. Jana ist bereits eingeweiht.

Dumm ist, dass ich selbst gar nicht weiß, was ich will. Eigentlich will ich alles. Wenn er gut oder sogar der richtige ist, will ich ihn unbedingt enger kennenlernen und ich kann mir auch vorstellen, wieder eine Beziehung anfangen. Wenn er „privat“ ganz doof ist, war es einen Versuch wert. Wenn er nichts ernstes von mir will aber … ich habe mir heute Kondome gekauft. Ich glaube nicht, dass ich sie brauchen werde, zu 98% nicht. Aber die 2% sollen nicht an fehlenden Gummis scheitern.

Allerdings bin ich mir sehr sicher, dass ich, sollte ich morgen diese Packung öffnen, eher doch keine Beziehung mit ihm anfangen will. Ach, ich weiß eigentlich gar nichts. Ich möchte nur, dass es ein schöner Nachmittag wird. Ohne irgendwelche komischen Störungen. Okay? Beine, Spastik, Haut, Blase, Darm, … okay!?! Benehmt euch.

Geschmacklos

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Obdachlos ist jemand, der unfreiwillig und trotz entsprechender Bemühungen keinen Wohn- und Schlafraum findet. Im weiteren Sinne auch jemand, der solche Bemühungen aufgegeben hat, aber dennoch mit seiner Lebenssituation auf der Straße nicht glücklich ist.

Kurzum: Jemand, der in einer unglücklichen, oft quälenden, meistens perspektivlosen Lage ist und der, meistens zumindest, ganz dringend intensive Hilfe bräuchte. Vielleicht nicht persönliche, denn die wird ja von einzelnen Betroffenen oft abgelehnt, wohl aber allgemeine.

Wenn nun mit diesem Begriff, den ich mit Elend, Leid und Not, Existenzängsten und noch vielem mehr, was man in wenigen Worten nicht ausgewogen darstellen kann, verbinde, ein Immobilienunternehmen wirbt, das sich darauf spezialisiert hat, Luxusvillen in den teuersten Vierteln Hamburgs zu vermitteln, ist dieses Unternehmen nicht nur „bald obdachlos“, sondern aus meiner Sicht jetzt schon geschmacklos.

Für mich wäre so eine Anzeige ein Grund, meine Traumwohnung nicht zu nehmen. Und hätte ich mehr Zeit, würde ich gerne mal recherchieren, wie viele neue Luxushäuser oder Luxuswohnungen in letzter Zeit gebaut wurden, nachdem an der Stelle billiger Wohnraum abgerissen wurde.

Mal wieder Amerika

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Nachdem unser Besuch aus Amerika bereits wieder auf der anderen Seite des Ozeans angekommen und in der Schule wieder geschlagen *hust* wird, muss ich unbedingt meine heutige Begegnung mit einer Amerikanerin aufschreiben.

Ich war aus Zeitgründen mit dem Auto zur Therapie ins Krankenhaus gefahren, war anschließend noch mit einer Freundin etwas essen, wir haben lange gequatscht, dann wollte ich nach Hause. Auf dem Weg zur Autobahn fuhr vor mir eine A-Klasse mit Wiesbadener Kennzeichen, vermutlich ein Mietwagen. Da das Fahrzeug nur etwa 30 km/h fuhr, musste ich abbremsen.

An einer grünen Ampel bremste dieses Auto dann noch plötzlich scharf, völlig unerwartet aus Tempo 30 auf Null runter. Sorgenvoll schaute ich schon in den Rückspiegel, ob das hinter mir alle mitkriegen. Ich kannte den Grund nicht, also wartete ich einige Sekunden ab. Die hinter mir sahen auch nicht, was los war, da mein Auto dafür zu hoch ist, also kam auch von hinten kein hupender Kommentar. Dann legte, wie sich später rausstellte eine Fahrerin, den Rückwärtsgang ein. Automatikfahrzeug, denn trotz (leicht) getretener Bremse rollte es zentimeterweise rückwärts. Ich hupte, hatte keine Lust auf irgendeine Berührung.

Als die Ampel rot wurde, fuhr sie weiter. Bei Rot über die Kreuzung. Allerdings kam zu dieser späten Stunde niemand aus der Seitenstraße. Hinter der Kreuzung wurde die Straße vierspurig (ab hier Bundesstraße), sie fuhr mittig auf dem gestrichelten Streifen zwischen den beiden Fahrspuren. Mit Tempo 20. Und dann eierte sie auch mal über die durchgezogene Linie in die beiden Gegenfahrspuren. Ein entgegenkommendes Fahrzeug blendete einmal auf, fuhr dann vorsichtig an der A-Klasse vorbei. Ich dachte mir nur: „Volltrunken.“

Als die Ampel wieder grün würde, fuhr ich weiter, rechts auf eine Tankstelle. Rollstuhl raus, zusammenbauen, für 85 Euro Diesel tanken, dann, um mit dem Rollstuhl an den Nachtschalter zu kommen, erstmal das Feuerholz aus dem Weg schieben, mit Kreditkarte bezahlen, unterschreiben, zurück zum Auto, Rollstuhl verladen, Tageskilometerzähler nach 814 Kilometern (knapp 9 Liter Durchschnittsverbrauch, bin sehr zufrieden) auf Null stellen, weiterfahren.

Zirka 300 Meter weiter stand, auf der gestrichelten Linie, die A-Klasse mit Warnblinklicht. Drinnen saß jemand, hielt sich ein Handy ans Ohr. Ich fuhr vorsichtig auf der rechten Seite vorbei, halb über eine Bushaltebucht. So langsam kamen mir Zweifel, ob ich hier nicht mal aktiv werden müsste. Wer weiß, ob dieses Fahrzeug nicht als nächstes durch den Gegenverkehr fährt und jemanden frontal erwischt? Ich fuhr vorbei, auf die nächste Grundstückseinfahrt und beobachtete das Geschehen im Rückspiegel. Dann fuhr dieses Fahrzeug mit Warnblinklicht weiter, weiterhin beide Fahrstreifen benutzend. Es waren nur ganz vereinzelt noch andere Fahrzeuge unterwegs. Dann fuhr diese A-Klasse auf der falschen Seite an einer Mittelinsel vorbei, dann frontal auf den Bordstein der Gegenseite zu, fuhr mit den Vorderrädern hoch, fuhr zurück, wendete, und fuhr in die Gegenrichtung weiter. „Wenigstens nicht auf die Autobahn“, dachte ich mir. Noch während ich überlegte, ob ich hinterher fahren sollte, wendete dieses Fahrzeug noch einmal und stand nun wieder mit der Schnauze in meine Fahrtrichtung. Immernoch mit eingeschalteter Warnblinkanlage, wieder mittig auf beiden Fahrstreifen.

Dann fuhr das Auto mit dem rechten Vorderrad rechts auf den Radweg und blieb so stehen, es wurde wieder telefoniert. Dann fuhr das Auto im Rückwärtsgang, jetzt nur noch mit Blinker links, auf der Fahrbahn rund 200 Meter zurück, dann blieb es wieder mittig stehen. Jetzt wurde es mir wirklich zu dumm, ich rief über Handy (mit Freisprecheinrichtung) die Polizei an. „Wie heißen Sie? Haben Sie ein Kennzeichen? Und woher wollen Sie wissen, ob der Fahrer betrunken ist?“ – „Ich weiß es nicht, ich sage nur, dass da jemand total merkwürdig fährt und ich den Verdacht habe, er könne betrunken sein oder Drogen genommen haben.“ – „Was heißt ‚merkwürdig‘?“ – „Naja, mitten auf der Fahrbahn stehen bleiben, paar Mal wenden, über den Gehweg fahren, an grünen Ampeln stehen bleiben, dafür aber dann bei rot Gas geben, es macht insgesamt einen sehr dubiosen Eindruck.“

„Wo steht das Fahrzeug jetzt?“ – „Mit Warnblinklicht mittig auf beiden Fahrstreifen in Richtung Autobahn.“ – „Und Sie stehen wo?“ – „Kurz dahinter, auf einer Grundstückseinfahrt. Und jetzt wendet das Fahrzeug wieder und fährt wieder stadteinwärts. Allerdings in der falschen Fahrspur und wieder mit Warnblinklicht.“ – „Können Sie da mal hinterher fahren?“ – „Wenn Sie das wollen, fahre ich da hinterher.“ U-Turn über alle 4 Fahrstreifen, zurück stadteinwärts. Die A-Klasse wendete erneut. „Der wendet nochmal. Ich wende dann auch nochmal wieder.“ – „Auf welcher Höhe sind Sie jetzt?“ – „Etwa auf Höhe des Fahrradmarktes.“ – „Ja, fahren Sie bitte hinterher.“ – „Der fährt auf das Betriebsgelände einer Firma. Da kommt allerdings nach 50 Metern eine Schranke. Jetzt wendet er wieder, vor der Schranke. Vor, zurück, vor, zurück, jetzt doch noch weiter auf die Schranke zu, jetzt im Rückwärtsgang wieder raus, ich fahre hier mal weg, bevor ich noch angekarrt werde.“

Die Fahrt ging wieder stadteinwärts. Ich musste nochmal einen U-Turn über alle vier Spuren machen. Dann überfuhr die A-Klasse eine Mittelinsel mit einem Hinterrad, fuhr dann wieder an den rechten Fahrbahnrand, mit einem Vorderrad auf den Radweg, blieb wieder stehen. Ich blieb in sicherer Entfernung dahinter. „Wir stehen jetzt auf Höhe der Tankstelle. Fahrtrichtung stadteinwärts, die A-Klasse steht mit einem Vorderrad auf dem Radweg und blinkt links.“ Man hörte, wie auf der anderen Seite der Leitung jemand am PC mitschrieb. Dann kam von vorne ein VW Passat, und zwar auf unserer Spur, quasi im Gegenverkehr. Schaltete mehrfach kurz Fernlicht ein, als würde er was suchen. Ich dachte mir: Entweder ist das eine Zivilstreife oder einer aus derselben Familie. Sind die hier alle irre?!

Am Ende der Straße bog ein Streifenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht ein, kam mit hoher Geschwindigkeit herangefahren, hielt auf der gegenüberliegenden Seite. Der Passat war in der Tat eine Zivilstreife. Insgesamt fünf Polizisten kümmerten sich um diese A-Klasse, dann wurde ich gefragt, was ich denn gesehen hätte. Man tat ein wenig so, als wäre ja gar nichts los, die steht ja da ganz friedlich. „Das ist eine ältere Frau, die kommt aus Amerika und findet sich wohl nur schwer zurecht. Das Auto ist ein Mietwagen. Alkohol oder Drogeneinfluss Fehlanzeige.“ – „Okay!? Die ist hier mitten auf der Fahrbahn stehen geblieben, bei Rot durchgefahren, hat mehrmals gewendet, Mittelinseln überfahren, …“ – „Aber sie hat niemanden gefährdet und nichts beschädigt. Sie findet sich schwer zurecht. Wir wünschen Ihnen noch einen schönen Abend. Aber rufen Sie ruhig wieder an, wenn Sie glauben, jemand könnte getrunken haben. Dafür sind wir ja da.“

Ganz sicher nicht. Nächstes Mal sind andere dran.