Spielwiese für Ferkel

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Jule fällt vom Glauben ab. Ein bißchen.

Okay. So ganz „ohne“ bin ich auch nicht. Das ist wohl niemand. Ich lege auch keinen Wert darauf, besonders „brav“ zu sein oder vielleicht noch als „keusch“ oder „prüde“ abgestempelt zu werden.

Ich bin ein wenig in der blöden Situation, durch meinen Unfall aus der üblichen Entwicklung herausgeworfen worden zu sein. Vorher hatte ich eben noch keinen Typen abbekommen. Hatte aber auch nie so das ultimative Verlangen. Vielleicht den einen oder anderen heimlichen Wunsch, aber mehr eben nicht.

Ich gebe zu, durch meine Querschnittlähmung in dieser Hinsicht nach wie vor sehr verunsichert zu sein. Angst zu haben, einem Typen möglicherweise nicht das bieten zu können, was er gerne von mir möchte, oder das zuzumuten, was er auf keinen Fall von mir möchte. Daher würde ich mich selbst am ehesten als „schüchtern“ bezeichnen. In diesem Zusammenhang.

Es braucht eben alles seine Zeit. Und das kann ich auch nach wie vor akzeptieren, obwohl es aktuell mal wieder einen Typen gibt, den ich gerne … mal näher kennenlernen … würde und wo ich mir vorgenommen habe, diesen Wunsch oder dieses Verlangen auch mal etwas intensiver und nachdrücklicher zu zeigen. Oder vielleicht sogar noch deutlicher. Mal sehen.

Ich verheimliche nicht, dass ich mich, wenn auch nicht regelmäßig, aber dennoch „wohlproportioniert“ selbst befriedige. Das machen viele, wenn auch nicht alle, aber eben viele – und alle, mit denen ich darüber gesprochen habe. Dass ich mir das da unten mal mit einem Spiegel angeschaut habe, nicht nur beim Kathetern, wo man natürlich auf Anhieb die richtige Öffnung finden muss, um einen sterilen Katheter durch die Harnröhre zu schieben, sondern auch aus anderem Interesse, ich glaube, da bin ich auch nicht die einzige. Spielzeug hat auch der eine oder andere zu Hause, knackigen Jungs schauen auch andere Mädels hinterher und wenn ich mir, im Whirlpool liegend, vorstelle, mit dem Typen gegenüber gleich duschen gehen zu wollen – sowas kennt wohl jede(r).

Sehr überrascht war ich jedoch, als mir eine gute Freundin (Fußgängerin) kürzlich erzählte, sie stelle regelmäßig Pornovideos ins Internet. Relativ anonym, der Anbieter kenne zwar ihren Namen, aber die Kunden selbstverständlich nicht. Man sehe aber ihr Gesicht und sie sage hin und wieder auch mal was, aber der Wohnort werde nicht genannt und sie bemühe sich, nichts zu zeigen, woraus sich eindeutig der Wohnort bestimmen ließe. Ich habe mir bei ihr einige ihrer Clips angeschaut, Pornos halt. Sie fummelt an sich rum, mit Fingern, mit Spielzeug, zeigt sich beim Duschen, mit Rasierschaum. Keine besonderen Sachen wie SM oder sowas. Oder ich habe diese Sachen vielleicht nicht zu Gesicht bekommen – egal. Nein, ich nenne weder die Webseite noch ihren Nicknamen.

Pro Klick zahle ein User aus dieser Plattform je nach Länge zwischen einem und zehn Euro, sie selbst verdiene durchschnittlich pro Clip rund 100 Euro. Manchmal nur 20, manchmal auch bis zu 300. Sie fragte mich, ob ich auch mal mitmachen wollte. Man könnte mich als Freundin vorstellen, die mal mitmachen wollte, oder, darauf würden sicherlich viele Leute abfahren, als behindertes Mädel, das niemanden abkriegt und es mal so richtig von der besten Freundin besorgt haben will. Was wir dort machen, sei rein „geschäftlicher“ Natur und den Gewinn, den dieser Clip einspielt, würde ich zu 100% von ihr durchgereicht bekommen.

Es war ihr voller Ernst. Mein Blick konnte nicht ungläubig genug sein, ich musste mehrmals dankend ablehnen. So etwas kommt für mich ja nun überhaupt nicht in Frage. Dass ich im Internet etliche intime Details erzähle, ist eine Sache, aber beim Masturbieren und beim Sex wäre ich dann doch gerne unbeobachtet. Vor allem hält mich die Kundschaft ab, die sich dort überwiegend rumtreibt und genötigt fühlt, Kommentare abzugeben. Allesamt nicht nur unter der Gürtellinie, sondern derbster Dirty-Talk. Meine Freundin meinte, das sei dort so üblich. Na vielen Dank.

Ich habe nichts dagegen, dass sie so etwas tut. Es muss jeder selbst wissen, wem er sich wie zeigt. Ich bin ja auch schonmal halbnackt nachts Rennrolli gefahren aus eindeutig sexueller Motivation. Aber für mich wäre es nichts und ein bißchen hat es mich, obwohl ich das tolerieren kann, was sie macht, … „erschüttert“ wäre das falsche Wort, nennen wir es mal „aufgewühlt“.

Ich möchte aber gerne mal einen Versuch starten. Nein, nicht mit Clips. Sondern etwas anderes. Unter meinen alltäglichen Beiträgen lösche ich ja, derzeit wieder verstärkt, einige Kommentare raus. Das habe ich bei den vergangenen Postings gemacht, das werde ich auch bei den künftigen Postings so handhaben. Nur bei diesem nicht. Ich bitte meine Leser darum, alles das zu fragen, was du schon immer fragen wolltest. Egal was.

Ich möchte es wissen, geballt und gesammelt. Unter diesem Beitrag. Ob ich das alles beantworten werde, weiß ich noch nicht. Das hängt von den Fragen ab. Ich werde mir aber Mühe geben. Vielleicht beantworte ich das auf einer extra angelegten Seite, auf einer Art „Spielwiese für Ferkel“. Vielleicht lösche ich den Beitrag auch in zwei Wochen wieder.

Ich bitte aber jeden, der was schreibt, so fair zu sein und einen sachlichen Umgangston zu wählen, erstens; und zweitens einmal kurz ehrlich aufzuschreiben, warum das so interessant ist. Ihr wollt von mir möglichst eine ehrliche Antwort, dann seid auch bitte selbst ehrlich und schreibt dann eben, dass ihr so einen Fetisch habt. Oder sonstwas.

Es ist ein Experiment und ich bin gespannt.

Bewerberflut

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Es ist absolut unglaublich, aber Jana wartet noch immer auf die Entscheidung vom Amt, ob sie in unsere WG einziehen darf. Inzwischen seit über einem Vierteljahr.

Hintergrund: In Hamburg darf Wohnraum, der mit öffentlichen Mitteln barrierefrei erbaut oder umgebaut wurde, nur mit Zustimmung des Wohnungsamtes vermietet werden. Die Berechtigung dafür bekommen aber wegen des großen Andrangs (über 180 so genannte Notfälle auf der Warteliste für barrierefreie Wohnungen) nur Menschen, die keine zumutbare Wohnung haben. Über die Zumutbarkeit entscheidet ein Amtsarzt nach Vorlage eines hausärztlichen Attests.

Das heißt: Interessenten, die aus persönlichen Gründen umziehen wollen, kommen weder auf die Liste, noch bekommen sie überhaupt die Berechtigung, eine andere Wohnung barrierefreie anzumieten. Bei Jana wird also nun seit einem Vierteljahr geprüft, ob gesundheitliche Gründe für den Umzug sprechen.

Dann kommt noch hinzu, dass diese Wohnungen nur an einen Rollstuhlfahrer vermietet werden dürfen. An zwei oder mehr Rollstuhlfahrer darf dieselbe Wohnung nur vermietet werden, wenn diejenigen in einem Verwandtschaftsverhältnis stehen. Also wenn ein verlobtes Paar, beide Rollifahrer, eine gemeinsame barrierefreie Wohnung anmieten will, geht das nicht. Es sei denn, man lässt nur eine der beiden Personen berücksichtigen, dann bekommt man aber auch nur eine Wohnung, deren Größe auf eine Person ausgelegt ist (bei Rollstuhlfahrern maximal 60 m²).

Wir haben nun eine Ausnahmegenehmigung bekommen (bei der WG-Gründung), da hier von allen ärztliche Atteste vorlagen, dass durch diese Wohnform gegenseitige Hilfe möglich ist, die sonst kostenpflichtig von Dienstleistern erbracht werden müsste. Da man ohnehin Probleme hatte, diese große Wohnung zu vermieten, haben wir diese Ausnahmegenehmigung erhalten. Und es sieht so aus, als wenn die zweite Wohnung in diesem Haus, die genauso groß ist und ebenfalls seit über einem Jahr leer steht, auch bald an eine Rolli-WG vermietet wird. Der Vermieter bemüht sich jedenfalls in dieser Richtung.

Aus dieser Ausnahmegenehmigung leitet das Wohnungsamt aber auch ab, dass es uns ständig neue WG-Bewerber vorbei schicken darf. Und so bimmeln hier im Durchschnitt zweimal täglich seit Wochen irgendwelche Leute, die sich das Zimmer anschauen wollen. Bei über 180 Notfällen auf der Liste könnte dieses Theater auch noch etwas länger dauern. Und es wird auch klar, warum Jana ihre Berechtigung nicht bekommt, denn dann wäre dieser Platz ja weg.

Inzwischen waren wohl rund 30 bis 40 Bewerberinnen und Bewerber hier, die aber allesamt ungeeignet waren. Entweder schwer pflegebedürftig (eigenes Bad hat das Zimmer zwar, aber eben keine Möglichkeit, auch nachts eine Pflegeperson getrennt wachen zu lassen), oder vom Kopf her nicht in der Lage, alleine zu wohnen. Die kamen dann mit Betreuer und es wurde gefragt, ob wir Hilfestellungen leisten könnten. Hallo?! Morgens ist hier niemand, wir sind alle in der Schule oder im Job, das geht alleine aus dem Grund schon nicht. Ganz zu schweigen davon, dass es uns hier allenfalls um Hilfe auf Gegenseitigkeit geht. Sich intensiv um einen Menschen mit kognitiven Einschränkungen zu kümmern, kann, bei allem, was diese Menschen zurückgeben, nicht als gegenseitige Unterstützung angesehen werden.

So langsam nervt es.

Leistungsdiagnostik in Hannover

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Normalerweise kann ich Egoisten nicht verstehen. Normalerweise sage ich immer, dass ich mich als Egoistin nicht wohlfühlen würde. Heute ist ein Tag, an dem ich den einen oder anderen Egoisten verstehen kann.

Es fing alles ganz harmlos an. Einige Sportler waren zu einem Sichtungstraining nach Hannover eingeladen worden. Um 9 Uhr sollten wir startklar in der Halle stehen, also hatten wir (Cathleen, Yvonne, Kristina, Merle und ich) erst überlegt, ob wir bereits gestern abend hinfahren und dort schlafen. Als Egoistin hätte ich das gemacht. Aber ich habe auf andere Rücksicht genommen, die gestern noch bis spät abends wichtige Termine hatten.

Andere waren in diesem Fall Leute aus Niedersachsen. Vier Bremer hatten gestern abend in Hamburg einen Termin und suchten noch eine Mitfahrgelegenheit, ein Mädchen aus Kiel ebenfalls. Zwei der Bremer und das Mädchen aus Kiel waren mit dem Zug nach Hamburg gekommen, zwei weitere Bremer mit dem Auto: Im Opel Omega Kombi war die Rückbank umgeklappt, um das ganze Equipment mitzukriegen, also verblieben nur noch zwei Sitzplätze.

Kristina fuhr mit ihrem Auto und wollte Merle mitnehmen und eine der beiden Bremerinnen. Das ging nur so, da diese Bremerin noch ein paar Schritte laufen konnte. Dadurch mussten in Kristinas Passat Kombi nur die ganzen Sportrollstühle und kein Alltagsstuhl. Nur so blieb hinten ein einzelner Sitzplatz frei – dann war das Auto bis unter das Dach voll.

Die Kielerin und die zweite Bremerin sollten bei mir mitfahren, genauso wie Cathleen und Yvonne. Ein hinterer Einzelsitz musste auch bei mir draußen bleiben, sonst hätten auch wir nicht alles mitbekommen. Die Sportstühle der Bremer waren alle im Omega, die der Hamburger im Vereinsbus, der völlig separat fuhr – somit mussten also nur die Alltagsstühle von Cathleen, der Kielerin, der Bremerin und mir (Yvonne kann paar Schritte laufen), das Bike und der Rennrollstuhl der Kielerin sowie sämtliche Klamotten in mein Auto. Was für eine Materialschlacht!

Wir hatten gesagt, wir treffen uns alle um 5 Uhr in Altona. Dann sind Fußgänger dabei, die die Fahrzeuge vollpacken können. Ich muss nicht freiwillig als Querschnitt die ganzen sperrigen Sportgeräte verladen. Da bin ich dann doch mal egoistisch… Yvonne hat bei uns in der WG geschlafen, also fuhren wir um 4.45 Uhr bei uns zu Hause los. Um 4.50 Uhr klingelt mein Handy, die Bremerin, Steffi, ist dran. Sie stehe jetzt an der Haltestelle Elbgaustraße, ob wir sie einsammeln könnten. Sie habe verschlafen und irgendwie fahren um diese Zeit noch nicht so viele S-Bahnen…

Also einen U-Turn auf der sechsspurigen Kieler Straße, zurück zur Elbgaustraße. Dort am vorderen Ende der Busspur gehalten, hintere Schiebetür auf, sie solle auf einen Sitz rüberkrabbeln, ihren Rolli reinziehen, sich anschnallen, Tür zu. Alles weitere machen wir in Altona. Nö, sie könne nicht hinten sitzen, da werde ihr schlecht. Auch nicht für zehn Minuten. Wenn ich wolle, dass sie mir das Auto vollkotzt, könnten wir das gerne machen, sonst bestehe sie drauf, vorne zu sitzen. Und dann lachte sie, als wenn der unmögliche Tonfall nur Spaß wäre. Sowas um kurz vor 5 auf nüchternen Magen!

Also krabbelte sie auf einen hinteren Sitz, zog den Rolli rein, aber dann musste Cathleen erstmal nach hinten klettern, sich bei Yvonne auf den Schoß setzen, damit Steffi nach vorne klettern konnte. Und dann mussten sich Yvonne und Cathleen wieder entknoten. Das dauert bei Querschnittgelähmten nunmal gefühlte fünf Minuten. Da schon alle Türen zu waren, ahnte auch der Busfahrer, der hinter uns kam, nicht, dass es noch länger dauern würde, fuhr bis auf 10 Zentimeter auf und startete ein Hupkonzert. Samstagmorgen um 5, wenn noch alles schläft. Und Steffi pöbelte aus dem Fenster zurück: „Ey du hast jawohl ein Rad ab, mach nicht so einen Lärm, wir sind behindert, ja?“ Oh. Mein. Gott.

Dann kamen wir endlich los, Steffi beschwerte sich noch, dass der Sitz unbequem sei und sie nicht wisse, wie oft sie eine Pause brauche, dass in Hamburg auch um 5 Uhr schon Ampeln in Betrieb seien und überhaupt. Da in der Alsenstraße zur Zeit gebaut wird, mussten wir parallel über Kaltenkirchener Platz fahren, was aber um diese Zeit genauso schnell ging. Direkt am Bahnhof Altona kamen wir aus einer Seitenstraße auf den Parkplatz (Paul-Nevermann-Platz), dort war nicht nur ein abgesenkter Bordstein, über den wir fahren mussten, sondern auch ein Vorfahrt-achten-Zeichen. Das steht allerdings rund 30 Meter vor der Kreuzung und derjenige, der Vorfahrt hat, hat gar kein Verkehrszeichen. Und derjenige, der dort in dem Moment kam, dachte, es sei rechts-vor-links und hielt an. Steffi brüllte mich laut an: „Nun fahr! Du hast Vorfahrt! Fahr doch endlich!“ Ich antwortete: „Er hat Vorfahrt. Aber wenn er nicht fährt, fahr ich jetzt tatsächlich.“ Und tastete mich langsam vor. Mir war der wartende Schrott-Golf nicht geheuer, nicht dass der plötzlich Gas gibt und ich die Schuld habe. Aber es passierte nichts. Erstmal nichts.

Denn als wir am Treffpunkt ankamen, meinte Steffi, die uns durch ihre blödsinnige Verschlaf-Aktion 15 Minuten Verspätung eingebracht hatte: „Tschuldigt die Verspätung, aber unsere Fahrerin hat ihren Führerschein noch sehr frisch.“ Ich dachte, ich höre nicht richtig. Ich erwiderte: „So langsam glaube ich, du bist nicht so ganz frisch. Noch so ein Spruch und du fährst mit der Bahn.“ – Steffi: „Hey, nun hab dich nicht so, ich hätte auch sagen können, das liegt daran, dass du behindert bist.“ Das sollte witzig sein?! Na, ich weiß nicht. Yvonne, die hinten angeschnallt auf ihrem Sitz saß, tippte sich gegen die Stirn.

Die Kielerin war sehr nett. Sie war mit gerade mal 16 Jahren die jüngste in unserem Auto, aber sie hatte eindeutig das bessere Benehmen. Obwohl ich das nie erwartet hätte, bekam ich sofort eine große Tafel Schokolade, in Geschenkpapier eingepackt, in die Hand gedrückt. Das sei fürs Mitnehmen, meinte sie. Ohne mich sei sie aufgeschmissen gewesen und hätte nicht mitfahren können. Obendrauf waren vier Tankgutscheine über jeweils fünf Euro festgeklebt. Sie setzte sich in die zweite Reihe ans Fenster, schnallte sich an und war glücklich. „Ich kann noch was auf den Schoß nehmen“, meinte sie, als die letzten Klamotten nicht mehr in den Kofferraum passten.

Um 5.45 Uhr kamen wir endlich los. Das Bremer Auto fuhr vorweg, dann ich, Kristina hinter mir. Wir kamen sehr gut durch und waren um 7.15 Uhr bereits kurz vor Hannover. In Hamburg fuhren wir bei 5 Grad los, mehrmals zwischendurch piepte die Außentemperaturanzeige in meinem Cockpit, weil die Temperatur unter 3 Grad absank. Steffi regte sich schon auf, dass es Schwachsinn sei und nerve, sie wolle schlafen, ich erwiderte, dass man ja trotzdem vorsichtig fahren könnte. Sie sagte nur schnippisch: „Noch vorsichtiger?“ Ich hatte echt keinen Bock mehr auf die Frau, die mich permanent anzickte. Wieso fahre ich übervorsichtig, wenn ich hinter dem Bremer Omega hinterher fahre und der kein einziges Mal auf mich warten muss?

An einer Kreuzung mussten wir an einer roten Ampel warten, dahinter lag die Straße zwischen Feldern. Es war stockdunkel, Straßenlaternen standen nur an der Kreuzung, dahinter und auf den Feldern natürlich nicht. Ich wollte die Uhrzeit wissen und schaute auf mein Cockpit, als ich sah, dass die Außentemperatur -1.5 Grad betrug. Und die Straße war feucht. Die Ampel wurde grün, wir fuhren los. Der Omega vor uns war sehr zügig unterwegs und … war der besoffen? Ähm – nein – der brach hinten aus! Erst nach rechts, dann nach links, dann wieder nach rechts, jedes Mal ein Stückchen mehr. „Was macht der denn?“ fragte Steffi. Ich vernahm ein Klickern, dann flimmerte in meinem Cockpit ein großes gelbes Ausrufezeichen auf. ESP? Was ist hier los? Der Omega rauschte auf seinem Schlingerkurs nahezu quer zur Fahrtrichtung mit dem Heck in einen Straßengraben, mähte einen Begrenzungspfosten um, wirbelte jede Menge Gras und Matsch hoch und knickte ein Ortsschild um, das ihn letztlich wieder auf die Fahrbahn schob.

Beim Bremsen merkte ich dann, was ich Sekunden vorher bereits befürchtet hatte: Die Straße war spiegelglatt. Es kam zwar halbwegs überraschend, aber das Anhalten war mit Winterreifen und ABS absolut kein Problem. Ich schaute vorsichtig in den Rückspiegel, aber Kristina hatte genug Abstand gehalten. Alles gut. Ich fuhr etwas auf den Grünstreifen und schaltete das Warnblinklicht ein. Auch wenn eigentlich nichts passiert war, war ich schon ziemlich zitterig und vieles hätte ich dafür gegeben, dass Steffi einfach nur die Klappe hält. Nein, sie öffnete ihr Fenster und brüllte raus in die dunkle Nacht: „Hast du abgefahrene Sommerschlappen drauf oder was?“ Dann drehte sie sich zu mir und sagte: „Hat er aber guuuuut abgefangen. Echt. Guuuuut abgefangen.“ Und nickte 20 Mal, um sich das selbst noch zu bestätigen. Ich hätte ihr am liebsten ein paar Socken in den Mund gestopft. Was war daran gut abgefangen?!

Von hinten kam Kristina zu Fuß angewackelt. Sie hielt sich beim Gehen schon an meinem Auto fest. „Das ist spiegelglatt hier!“ sagte sie. Steffi kommentierte weiter: „Du bist ja ein richtiger Blitzmerker!“ Auweia.

Wir beschlossen, den Omega samt seiner zwei Insassen alleine auf die Polizei warten zu lassen (wegen des Ortsschilds und vielleicht rufen die ja auch mal den Streudienst) und vorsichtig weiter zu fahren. Was Steffi gar nicht recht war, denn ihre Sportstühle waren ja im Omega. Da mein Auto aber voll war, war mir das so ziemlich egal. Das einzige, was zur Debatte stand, war, ob ich sie im nächsten Ort raussetze und sie mit einem Taxi weiterfährt… Aber ich bin ja nicht egoistisch (genug).

Es war wirklich nur die eine Stelle so glatt. Dahinter war wieder alles normal und als wir nach Hannover reinfuhren, hatten wir auch schon wieder 4 Grad plus. Ich bin nur froh, dass es mich nicht erwischt hat. Egoistin. Immerhin hatte sich der Omega-Fahrer die komplette Beifahrerseite gebügelt mit der Aktion. Er meinte, das sei ein Totalschaden, bei dem alten Auto.

In der Sporthalle angekommen, wurden wir von Simone begrüßt, die schon seit gestern in Hannover war. Um Punkt 9 Uhr ging es los: Es sollte eine Leistungsdiagnostik auf einem Rollen-Ergometer stattfinden. So richtig mit Laktat(?)-Test, man wurde aufwändig verkabelt und musste über ein Mundstück mit Schlauch dran atmen. Das ganze Spektakel ging pro Person über 30 Minuten und beinhaltete eine Aufwärmphase, eine Steigerungsphase mit mehreren Intervallen und zwei Höchstleistungsminuten kurz vor Schluss. Plus Ausfahren, anhalten, Ruhe.

Da „nur“ drei Ergometerplätze für insgesamt 18 Leute da waren, war der Vormittag entspannt. Die Leute, die ihr Equipment im deutlich verspäteten Omega hatten, waren zuletzt dran. Nach dem Mittagessen mussten wir im Nieselregen Handbiken. Die Leute mit den besten Perspektiven haben die Chance, in einen Bundesnachwuchskader zu kommen. Man werde schriftlich benachrichtigt. Ich rechne mir keine Chancen aus, die anderen Hamburgerinnen auch nicht, aber man kann es ja mal mitmachen und hat vor allem dann auch eine gute Analyse, die man später zu Vergleichen heranziehen kann.

Der Tag war ansonsten recht nett, die Rückfahrt war auch entspannt, Steffi fuhr ja direkt mit dem ICE nach Bremen zurück, so dass wir auch wesentlich mehr Platz im Auto hatten. Die Kielerin warfen wir in Altona wieder raus. Sie blieb richtig nett und sie darf herzlich gerne wieder mitfahren, wenn sie mal wieder eine Gelegenheit sucht.

Eine Anekdote über Steffi muss ich aber noch loswerden, und ich warne vor, es geht mal wieder um das Lieblingsthema einiger meiner Stammleser. Ich erzähle es trotzdem, kündige aber gleichzeitig an, Fetisch-Kommentare gleich zu löschen. Also genießt es einfach und spart euch die Mühe. Über alle anderen Kommentare freue ich mich selbstverständlich, wie immer.

Also: Steffi steht auf diesem Ergometer, das sind zwei Rollen, in die der Rennrollstuhl reingestellt wird. Die Rollen sind mit einem Computer verbunden und können gebremst werden, so dass Steigung und Gefälle real nachempfunden werden können. Natürlich sitzt man in seinem Stuhl in Sportkleidung und natürlich sollte man in so engen Stühlen auf alles verzichten, was die Haut wundscheuern kann. Das betrifft vor allem Querschnittgelähmte, die das Wundscheuern nicht merken, deren Haut sich deutlich schneller verletzt und die wesentlich länger mit der Heilung verletzter Haut zu tun haben. Auf der Straße heißt es konsequent: Pampers weg. Die scheuert wund, schnürt ein, führt zum Wärmestau, löst sich auf. Nicht alle tragen sowas, einige beeinflussen die Blase auch über Medikamente, aber das funktioniert eben nicht bei allen.

Bei Steffi auch nicht. Nun überlege ich mir natürlich, dass ich bei diesem Test ja Höchstleistung bringen soll, genauso schwitze – also auch hier lieber ohne Windel. Aber ich kann ja direkt vorher nochmal auf die Toilette und der Test dauert ja auch nur maximal 30 Minuten. Das sollte man wohl trockenen Fußes hinbekommen, selbst wenn man gar nichts aktiv kontrollieren kann. Falls nicht, wird auch niemand was sagen, dann kleckerts halt auf den Fußboden, irgendeiner schmeißt zwei, drei Lappen hin, hätte ich kein Mundstück im Mund, würde ich noch „sorry“ sagen, aber mehr Aufmerksamkeit bekommt die Sache nicht. Weder vom Sportler, noch von den Leuten, die da arbeiten und sichten.

Wie man schon ahnen kann, war Steffi die einzige, die dort einen See gemacht hat. Also flogen zwei, drei Lappen auf den Fußboden unter ihren Po, als sie mit ihrer Testung fertig war, wurde, bevor der nächste drankam, einmal nass gewischt. Dann kam sie zu uns und fragte, ob wir das eben mitbekommen hätten, sie sei supergut gefahren. Jaja *augenverdreh*. Und deswegen schwitze sie auch immer so. Daraufhin sagte Yvonne: „Och, so verschwitzt siehst du aber gar nicht aus.“ Tja, schlecht, wenn man den halben Morgen rumzickt, dann zickt irgendwann auch mal jemand zurück. „Nein“, fuhr sie fort, „ich meine gar nicht so sehr an der Stirn, sondern am Po.“ Sie habe am Po so sehr geschwitzt, dass es schon runtergetropft sei… Yvonne schaute sie an und man entnahm ihrem Blick, dass sie nicht wusste, ob das ein Spaß oder Ernst war. Steffi meinte es ernst. Es dauerte drei Sekunden, dann konnten sich Yvonne, Simone, Cathleen, Kristina, Merle und ich vor Lachen nicht mehr aufrecht halten. So fies das auch klingen mag, ich glaube, der Spruch wird unser neuer Running Gag – mindestens bis 2014.

Es geht auch ohne Druck

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Wow. Als wir von einem Monat gesammelt in eine Fallgrube stürzten … nein, als wir vor einem Monat in einem rund 10 Zentimeter tiefen Loch im Gehweg hängen blieben und uns auf die Nase legten, konnte ich mir nicht verkneifen, die S-Bahn Hamburg, zu der dieser Weg gehört, per Mail ein Foto davon zu schicken. Frank meinte, ich solle dazu schreiben, dass sie froh sein können, dass es nur ein Foto und keine Schmerzensgeldforderung ist, aber das habe ich mir verkniffen. Ich wollte wissen, was passiert, wenn man nett darauf hinweist. Ohne Druck.

Einen Monat später musste ich erneut diesen Weg fahren und war schon darauf gefasst, gleich wieder ein tiefes Loch umfahren zu müssen. Aber nein: Wenngleich ich keine Antwort auf meine Mail bekommen habe, haben sie wenigstens das Loch geschlossen. Man sieht noch die Markierung für den Bautrupp. Okay, man hätte auch mal fegen können, aber wollen wir mal nicht kleinlich sein.