Das Monster im Rollstuhl

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Wie sie hierher gekommen war, wusste ich nicht. Wie ich hierhin gekommen war, wusste ich auch nicht. Das spielte auch keine Rolle. Wir waren zur selben Zeit am selben Ort und redeten miteinander. Sie hatte ihr Fahrrad gestoppt, ein einfaches Damenrad, war vom viel zu hoch eingestellten Sattel noch vorne abgestiegen, stand vor den Pedalen mit beiden Füßen auf dem Gehweg und hielt ihre Tretmühle mit beiden Händen am Lenker fest. Geschockt sah sie aus, den Tränen nahe. Als wäre sie gerade eben nochmal mit dem Leben davon gekommen. Tja, man sollte aufpassen, wenn man mit dem Fahrrad eine Straße überquert. So etwas kann selbst an beampelten Überwegen böse enden. Vor allem der Kontakt zwischen Auto und Radfahrer bietet jede Menge gefährliches Potential. Dass sie mit dem Fahrrad gegen die Fahrtrichtung, also auf der linken Seite der Straße, unterwegs ist, fällt mir gar nicht auf. Ich bin viel zu sehr, und damit höchst angestrengt, damit beschäftigt, aufzupassen, dass ich mich nicht verplapper. Denn auch wenn sie es ahnte: Erzählen wollte ich es ihr nicht, dass ich ihr den Kamikaze-Fahrer, der sie vor inzwischen gut 10 Minuten beinahe mit dem Auto umgebügelt hatte, auf den Hals gehetzt hatte. Es war vielleicht besser, wenn ich ein Alibi hatte.

Die Frau hatte Angst vor mir. Vor mir, dem Monster im Rollstuhl. Ich beruhigte sie: „Frau H., Sie müssen doch keine Angst vor mir haben. Ich tue Ihnen doch nichts. Habe ich Ihnen jemals irgendwas getan?“ Nein, hatte ich nicht. Das wusste sie. Das beruhigte sie. Aber sie war sich dennoch irgendwie sicher, dass ich für die inzwischen drei Attentate auf sie verantwortlich bin. Nur der letzte, eindeutige Beweis fehlte. Es standen Zweifel im Raum, insbesondere durch mein jeweiliges Alibi. Und aus irgendeinem Grund lebte sie immernoch. Aber ich quälte sie. Und insgeheim freute mich das. Obwohl ich das, was ich getan hatte, schon einigermaßen heftig fand.

Sie stand mit ihrem Fahrrad auf dem Gehweg vor einem Einfamilienhaus, dessen Vorgarten von einer hüfthohen Hecke umgeben war. Das Haus kannte ich. In Sichtweite verlief die Straße unter einer Eisenbahnbrücke hindurch, und einige hundert Meter weiter würde man an diejenige Kreuzung gelangen, an der ich vor rund zwei Jahren meinen Unfall hatte. Vor diesem Haus war ich sicher: Hier haben wir uns damals, während meines Prozesses, mit dem Gericht zu einem Ortstermin getroffen. Erstmal in sicherer Entfernung, so wollte es der vorsitzende Richter, der befürchtete, ich, die Geschädigte, könnte mit alledem überfordert sein. Eigentlich wollte er mich gar nicht dabei haben, aber ich bestand darauf. Aber sich in sicherer Entfernung zu treffen und dann gemeinsam zum Unfallort zu gehen, war doch ein guter Kompromiss.

Heute traf ich hier Frau H., die, mit ihrem Fahrrad unterwegs, gerade einem Attentat entkommen war. Einem von mir geplanten Attentat. Inzwischen sagte sie wieder und wieder, dass sie sich nicht sicher sei, ob ich nicht die Drahtzieherin der Anschläge auf sie sei. Und dass das alles Wahnsinn sei. Als der Tanklaster explodierte, wurden über 500 Menschen getötet, einer schwer verletzt. Die Zahl „über 500“ hörte ich von ihr zum ersten Mal, bisher waren mir aus den Medien nur 23 Tote bekannt, und das waren schon viel zu viele unschuldige Opfer. Ich sagte es noch einmal: „Ich habe damit nichts zu tun.“ Frau H. wollte mir nicht so richtig glauben, das erkannte ich an ihrem Gesichtsausdruck. Aber irgendwie schien sie sich auch unsicher, wie sie mit mir, dem Monster im Rollstuhl, umgehen sollte.

So angestrengt ich auch darüber nachdachte, mir fiel nicht mehr ein, welches Attentat ich zuerst auf sie verübt hatte. Ich war mir aber sicher, dass dieses das dritte war. Auch war mir nicht klar, warum die Polizei mich angesichts der vielen Toten bei der Tankerexplosion noch nicht ermittelt und festgenommen hatte. Zumal ich vielleicht die einzige wäre, die ein starkes Motiv (Rache) hätte, dieser Frau etwas anzutun. Vielleicht wartet man noch auf einen eindeutigen Beweis, erklärte ich mir plausibel. Und am liebsten würde ich ja auch ungeschoren davonkommen. Dass die Eisenbahnbrücke eigentlich an einer ganz anderen Stelle liegt, fiel mir nicht auf. Aber immerhin fuhr meine Unfallgegnerin, Frau H., inzwischen mit dem Fahrrad. Ob sie das im wahren Leben auch tut oder weiterhin ohne Führerschein mit Pkws unterwegs ist … wer weiß das schon?!

Jemand rüttelte mehrmals heftig an meiner Schulter. Dann, plötzlich, öffnete ich die Augen. Helles Licht blendete mich. Ich war total benommen, orientierungslos. Wusste nicht, in welcher Situation ich mich befand, wusste nicht, ob ich lag, stand oder flog, wusste nur, dass die Situation nicht gut für mich war und ich dringend fliehen müsste. Schnell weg hier, egal wie. „Schschscht, Jule, ganz ruhig, gaaaanz ruhig, hey, alles ist gut, Jule, ganz ruhig, ich bin bei dir. Du hast nur geträumt. Du bist zu Hause in deinem Bett, alles ist gut.“ Oh. Mein. Gott.

Schweißgebadet. Mein Kissen war pitschnass geschwitzt, meine Haare klebten im meinem Gesicht. Mir war heiß und ich fror gleichzeitig. „Hab ich geschrien?“ fragte ich schlaftrunken Sofie, die nur mit einem T-Shirt bekleidet in ihrem Rollstuhl neben meinem Bett stand. „Wie am Spieß“, antwortete sie. „Was träumst du dir denn bloß immer für einen Scheiß zusammen?“ – „Ich weiß es auch nicht“, antwortete ich, zu verwirrt für irgendwelche Analysen. Meine Haut am linken Arm juckte. Mein T-Shirt klebte an meiner linken Körperhälfte bis zur Schulter. Als ich mich aufrichten wollte, merkte ich, dass ich in einer großen Pfütze lag. „Bäh!“, sagte ich und schob mein Kopfkissen nach oben aus der Gefahrenzone. Warf meine Decke zurück.

„Oh“, staunte Sofie. „Warte, ich hol dir ein Handtuch.“ Es war mir egal, was sie denken würde. Die ganze Situation war schon irre genug. Und wir kennen uns nun, glaube ich, schon lange genug, als dass mir das noch peinlich sein müsste. Sie kam mit zwei Handtüchern auf dem Schoß aus dem Bad zurück. „Willst du kurz duschen und ich bezieh dir das Bett frisch?“ fragte sie. Nett gemeint. Aber ich wusste, ich würde nur in dem Moment so durch den Wind sein. Bald wäre alles wieder vorbei und ich könnte ganz normal, frisch geduscht und in einem frisch bezogenen, nach Persil duftenden Bett wieder weiterschlafen.

Während meiner Psychotherapie haben wir sehr oft über meinen Unfall gesprochen. Ich erinnere mich an ihn nicht. Die Alpträume, die ich manchmal habe, werden seltener. Manchmal sind es innerhalb von vier Wochen drei, manchmal passiert zwei Monate lang gar nichts. Dass meine Unfallgegnerin in diesen Alpträumen vorkommt, ist nicht neu. Ich dokumentiere meine Alpträume (auf Wunsch meiner Psychologin), wenngleich nicht alle so ausführlich wie den heutigen, und ich zähle inzwischen den achten mit Beteiligung der Crash-Oma. Und wie meine Psychologin schon beim letzten Mal sagte, wird auch dieser nicht der letzte gewesen sein. Nicht der letzte Alptraum und nicht der letzte Traum, in dem die Crash-Oma vorkommt.

So eine Psychotherapie wird ja gerne mal belächelt, nur ich finde nach wie vor, dass sie mir hilft. Sie ist nicht das, was ich häufiger höre und vor allem von meinem Vater gehört habe: Nämlich das Suchen nach Bestätigung durch eine lebensfremde Akademikerin mit Doppelnamen. Für lebensfremd halte ich meine Psychologin, selbst nach einem Reitunfall querschnittgelähmt, nicht, und einen Doppelnamen hat sie auch nicht. Sie bestärkt mich zwar häufig in dem, was ich tue, aber das ist nicht der wesentliche Inhalt unserer Stunden. Sie ist eigentlich nur diejenige, die mich dazu anhält, meine Seele zu bürsten. Wie bei jemandem mit langen Haaren, der sie nach dem Waschen nicht durchkämmen will, weil es am Ende so ziept – dabei wissen wir alle, dass es sein muss, weil die Haare sonst verfilzen. Die Alternative eines Kurzhaarschnitts gibt es bei der Seele halt nicht. Meine Psychologin ist diejenige, die mir den Spiegel vorhält und mir zeigt, wo noch gebürstet werden muss. Ohne Spiegel gehts halt nicht.

Ja, ich wünschte, meine Unfallgegnerin wäre härter bestraft worden. Daraus mache ich kein Geheimnis. Nicht härter im Sinne einer noch höheren Freiheitsstrafe (die war ja schon verhältnismäßig hoch), sondern spürbarer. Eine Bewährungsstrafe ohne weitere Auflagen kratzt die Frau doch nicht. Sieht man ja schon daran, dass sie sich mit krimineller Energie einen Ersatzführerschein besorgt hat und später mit dem angeblich verlorenen ersten Lappen trotz Fahrverbot weiter Auto gefahren ist. Die Frage ist auch, ob sie die Sanktionen, die der Staat als Bestrafungsmöglichkeiten für solche Fälle zur Verfügung hat, überhaupt beeindrucken können. Obwohl ich denke, dass sie ein paar Monate im Knast doch vielleicht kratzen und zum Nachdenken anregen könnten. Doch egal, das Thema ist abgeschlossen.

Ich habe sehr bewusst den Ausdruck „Monster im Rollstuhl“ gewählt, um mich in diesem Alptraum zu beschreiben. Und gleichzeitig auch meine Distanz zu diesem Monster auszudrücken. Möglicherweise ist das notwendig, bevor irgendein Leser aus diesem Blog-Eintrag eine Amoklage konstruiert und mir das SEK ins Haus schickt. Nein, Kinners, ich bringe keine Leute um. Ich entführe weder Tankwagen noch hetze ich andere Leute in Autos auf Menschen, die mit dem Rad unterwegs sind. Ich besorge mir auch keine Schusswaffen und ich besuche auch nicht die Frau, die mich körperlich (und sehr offensichtlich auch seelisch) sehr verletzt hat. So dramatisch und zerstörerisch und gefährlich die Inhalte dieser Alpträume auch wirken und so eindrucksvoll sie mich auch manche Nacht beschäftigen, so skurril sind sie doch am Morgen danach. Auch, dass ich mich mit dieser Frau unterhalte: Selbst wenn sie eines Tages doch noch auf die Idee käme, sich doch noch bei mir entschuldigen zu wollen, hätte ich wirklich null Bedarf, mich mit ihr zu treffen, und vielleicht noch ihr schlechtes Gewissen zu therapieren (oder, um den Traum noch einmal aufzugreifen, sie davon zu erlösen).

Nein, nochmal ganz im Ernst: Diese Alpträume und auch deren Inhalte, insbesondere irgendwelche Rachegelüste, auch sehr heftige, sind normal. Ich habe lange Zeit im Koma gelegen, habe eine schwere Verletzung davon getragen, bin aus meinen sozialen Bindungen herausgerissen worden und war ein Jahr in Kliniken eingesperrt. Musste Rollstuhlfahren lernen, mit körperlichen Einschränkungen zurecht kommen und eigentlich ein komplett neues Leben beginnen. Es wird noch Jahre dauern, bis ich das komplett verarbeitet habe. Aber: Ich habe ein komplett neues Leben begonnen, eins aus dem ich mich wider Erwarten nicht in mein bisheriges zurücksehne, eins mit dem ich sehr gut zurecht komme. Ich möchte mein Abi schaffen, ich habe meine Leute, mit denen ich befreundet bin oder die ich sogar sehr lieb habe, ich habe meinen Sport, den ich trotz körperlicher Einschränkungen ausüben kann und der mich richtig herausfordert, ich bin finanziell abgesichert, ich liebe mein WG-Zimmer, ich werde gemocht, gekrault, um Rat und Meinung gefragt – lediglich zwei Dinge könnten besser sein: Erstens würde ich gerne endlich mal mit jemandem ins Bett gehen und zweitens möchte ich gerne nächsten Monat Sommeranfang haben. Alles klar?

Ich werde jetzt noch zwei Stündchen in meinem frisch bezogenen Bettchen schlafen, bevor mich der Schulalltag wieder einfängt. Und falls nun wirklich noch jemand nicht genug beschwichtigt wurde und ernsthafte Zweifel verblieben sind, mein Traum könnte mit der Wirklichkeit verschmelzen, oder ich sei nicht in der Lage, mich ausreichend zu kontrollieren, darf er mir gerne eine Mail schreiben. Dazu einfach in der rechten Spalte neben meinem Profilfoto auf „Mein Profil vollständig anzeigen“ klicken und an die auf der sich dann öffnenden Profilseite hinterlegte Mailadresse eine kurze Nachricht schicken – mit Name und Telefonnummer. Sofern es sich um eine offizielle Behördennummer handelt, garantiere ich einen Rückruf…

Schneewittchen und die 7 Rollis

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Eigentlich meinte ich, ich hätte mit der Begleitung unserer Amerikaner meinen Reeperbahn-Soll für dieses Quartal erfüllt, aber wenn es einen guten Grund gibt, stürze ich mich selbstverständlich auch ein zweites oder drittes Mal ins blinkend rote Getümmel.

Und diesen guten Grund gab es tatsächlich. Catharina, von der ich über ein Vierteljahr nichts gesehen oder gehört habe (bis auf ein einziges Mal bei der Physio, da war sie jedoch mittendrin und ich wollte sie nicht stören), rief mich an, sie sei am Dienstag entlassen worden. Sie habe ein neues Handy, daher habe nur sie meine Nummer, ich ihre aber nicht. Sie habe eine Wohnung in Hamburg-Harburg bekommen, nicht schön, aber fürs Erste reiche es. Ihr falle die Decke auf den Kopf. Ihre Leute seien allesamt so überfürsorglich, das sei zwar von Montag bis Freitag okay, aber bitte nicht auch noch am Wochenende. Sie wollte wissen, ob ich am Wochenende nicht ein paar rollende Leute zusammentrommeln könnte für einen netten Abend auf dem Kiez.

„Na klar“, habe ich ihr geantwortet. Bloß nicht fragen, warum Kiez, bloß nicht überlegen, ob wirklich jemand Zeit haben könnte. Wenn jemand versucht, auf eigenen Beinen … pardon … Rädern zurecht zu kommen, nachdem er sich vor einem Vierteljahr noch umbringen wollte, das erste Wochenende allein zu Hause ist und von sich aus zum Hörer greift, um irgendwas anderes zu tun als dumm rumsitzen, dann kann die Antwort nur „na klar“ heißen. Finde ich.

Simone, Cathleen, Sofie, Frank, Jana, Catharina und ich – sechs spontane Zusagen. Ohne dass meine Leute von Catharina wussten – das blieb bis zuletzt eine angekündigte Überraschung. Sofie meinte, sie würde Besuch bekommen von Vanessa, die würde aber auch gerne mitkommen, sei jedoch als einzige keine Rollifahrerin. Habe zwar eine angeborene Querschnittlähmung (Spina bifida), die jedoch so tief lokalisiert und zudem inkomplett sei, dass sie laufen könne. Bißchen wackelig, aber es sei okay. Sie würde aber aus einem anderen Grund noch auffallen, jedoch sei das ihre Überraschung, sagte Sofie, wenn ich so ein Geheimnis um die siebte Person machen würde.

Wir trafen uns im Hauptbahnhof. Catharina wurde von ihrer Mutter begleitet, der es sichtbar schwer fiel, ihre Tochter an eine Horde Rollstuhlfahrer abzugeben. Allerdings erkannte sie Cathleen, Sofie und mich als diejenigen wieder, die ihrer Tochter vor einem Vierteljahr zum Schwimmen verholfen haben. Sie sagte aber nichts weiter mehr dazu. „So Mama, jetzt verkrümel dich doch mal, ich schaff das schon alleine. Du bist zu alt für die Party.“ – Klare Worte. Die Mutter verschwand. Fehlte nur noch Vanessa.

Plötzlich tauchte zwischen uns ein Mädchen auf, schätzungsweise 13 oder 14 Jahre alt, vielleicht auch erst 11 oder 12. Einerseits wirkte sie schon sehr weit entwickelt (deutliche Brust), andererseits war sie sehr klein, höchstens 135 cm. Ich war im Sitzen kaum kleiner als sie im Stehen. Trug neongelb-camouflage-farbene Rave-Pants, Buffalostiefel, Zebrajacke mit Kapuze, gepflegte, blonde, schulterlange Haare, keine Schminke, ein Kaugummi im Mund, drei Piercings in der linken äußeren Ohrmuschel … bitte was? Mit 14?! Ich weiß, es gibt kein Mindestalter, aber wessen Eltern erlauben einem Kind unter 14 bitte solche Piercings? Und vor allem, welches halbwegs seriöse Studio pierct Kinder? Ich habe bestimmt nicht viele konservative Einstellungen, aber Kinder piercen oder mit irgendwelchen Tatoos schmücken – das geht mal gar nicht. Sorry.

Egal, war ja nicht mein Kind. Das Mädel wuselte wie ein kleiner Terrier zwischen uns herum, tickte mir auf die Knie, sprang weiter zu Sofie, tickte ihr auf die Knie, sprang weiter zu Frank, tickte ihm auf die Knie und rief keck und mit frecher Stimme: „Na?! Merkst du das?“ Frank reagierte gelassen: „Na du Wirbelwind, hast du denn deine Hausaufgaben schon fertig?“ Das Mädel streckte ihm die Zunge raus, sprang zurück zu Sofie, stieg mit einem Fuß auf die Haltebuchse ihres Vorderrads, drückte sich hoch und setzte sich mit einer Drehung auf ihren Schoß. Umarmte Sofie halb und fragte: „Duhu? Holst du mir ein kühles Bier? Ich hab gerade Bock auf eins, aber der Typ am Kiosk wollte nicht mit mir reden. Wie immer.“ Sie verdrehte die Augen.

Cathleen und ich schauten uns stirnrunzelnd an. „Wollt ihr auch eins? Ich schmeiß ne Runde“, sagte sie. „Oh nee“, dachte ich mir, „kann mal einer dieses nervige Kind wegschicken?“ – Sofie antwortete ihr: „Okay, ich hol dir eins. Will noch jemand was vom Kiosk?“ Das konnte nicht ihr Ernst sein. Obwohl … vermutlich wollte sie ihr ein Malzbier holen und sie dann verabschieden. Irgendwie wurde es auch allerhöchste Zeit, dass diese Vanessa endlich kommt, damit wir weiter konnten. Sofie fuhr zu einem SB-Markt und kam mit acht Flaschen Bier im Ruckack wieder. Sie verteilte sie, nachdem sie die Kronkorken an der Bremse ihres Rollstuhls geöffnet hatte. Das konnte jetzt nicht ihr Ernst sein, dass sie dem Mädchen Bier gab! Als Sofie ihr die Flasche gab und das Mädchen diese sofort ansetzte und einen tiefen Zug nahm, stammelten Simone, Cathleen und ich nur noch ein „Ähhh hallo?“ in Richtung Sofie heraus. Das Mädchen rülpste laut. Sofie sprach sie an: „Mahlzeit. Übertreibs nicht.“ Sofie grinste. Das Mädchen grinste auch. Irgendwas war hier faul.

Plötzlich grinste das Mädchen nicht mehr, sondern drückte mir ihre Flasche in die Hand. „Nimm. Schnell.“, sagte sie. Verdattert nahm ich die Flasche, bevor sie mir das Bier über die Hose kippte. Sie kniete sich hin, band demonstrativ ihre Schuhe zu. Hinter uns trottete eine Polizeistreife vorbei. Als sie weiterging, stand sie wieder auf und wollte ihr Bier zurück. „Danke. Ich habe keinen Bock, schon wieder kontrolliert zu werden.“ – „So. Wollen wir los?“, fragte Sofie. Ich antwortete: „Warten wir nicht noch auf Vanessa?“

Sofie grinste. „Darf ich vorstellen? Das ist Vanessa.“ Das Mädchen hielt die Bierflasche vom Körper weg und verbeugte sich tief. Fast bis zur Erde. Wir stellten uns alle einmal vor. Als wir losfuhren und dieses Mädchen vor uns her lief, fiel mir auf, dass das Mädchen komisch lief. Es wackelte mit dem Po, ging irgendwie seltsam. Nicht wirklich breitbeinig, aber irgendwie holte sie den meisten Schwung aus der Hüfte und irgendwie hob sie ihre Füße auch unnatürlich weit hoch. Tiefer Querschnitt – trägt vermutlich orthopädische Schienen unter der Hose. Aber sie war schnell. Ich passte Sofie ab und fragte sie: „Wie alt ist Vanessa?!“ Sofie grinste. „Dreiundzwanzig. Aber sie benimmt sich manchmal wie zehn. Das Showprogramm war meine Überraschung.“ Die war ihr gelungen.

Als wir in der S-Bahn saßen, wollte die unbedingt mit uns anstoßen. „Auf einen feucht-fröhlichen Abend“, meinte sie. Irgendwie gefiel mir ihre freche Art. Sie hatte sich bei Sofie auf den Schoß gesetzt, quer über beide Beine, und ließ ihre Unterschenkel gegen die Speichen von Sofies Rad baumeln. Fragte sie, wie es ihr geht, war plötzlich total nett. An der Stadthausbrücke stiegen Sicherheitsleute ein. „Die Fahrkarten bitte!“ Die Rollstuhlfahrer wurden nicht kontrolliert, aber von Vanessa wollten sie eine Fahrkarte. „Begleitperson“, sagte Sofie. Der Typ nickte. Sah das Bier. Deutete drauf. „Äh, wie alt bist du?“ fragte er.

„Ich halt nur für sie die Flasche“, antwortete sie und deutete auf Sofie. „Oder haben Sie mich trinken sehen?“ Der Typ verdrehte die Augen, schüttelte den Kopf und ging weiter. Vanessa schmollte und sagte: „Das fehlte noch, dass der mir mein Bier wegnimmt.“ Und nahm einen weiteren Zug aus der Flasche. „Bis Reeperbahn müssen die leer sein, da ist Glas nicht erlaubt“, sagte sie. Alle Achtung! Ich hätte nicht gedacht, dass sie sowas so genau nimmt. Das hatte allerdings mit der nächsten Überraschung zu tun und die war nicht mehr weit.

Da die S-Bahn-Station nicht barrierefrei war, mussten wir über die Rolltreppen nach draußen. Ich fragte Catharina, ob wir gemeinsam jemanden anprechen sollten, der sich zur Sicherheit hinter sie stellt. „Nein, hoch kann ich alleine. Nur runter bin ich mir noch etwas unsicher.“ Supi.

Vanessa stiefelte vorweg, wurde fast von einem Typen umgelaufen, der sich umdrehte, um sich nochmal zu vergewissern, dass da wirklich sieben Leute im Rolli über die Vergnügungsmeile zogen. „Guck mal, ne Horde Behinderte“, rief er seinen Leuten zu. Vanessa schüttelte den Kopf, stiefelte weiter. Plötzlich fing sie an zu singen: „Schneewittchen und die sieben Rollis…“, meinte dann aber: „Nee, irgendwas ist da verkehrt.“ Dieser Zwerg (wie sie sich selbst nannte) hatte meinen Humor. Wir kamen an dem ersten Fachgeschäft für alle möglichen Spielzeuge vorbei (also kein Ramschladen) und mussten unbedingt hinein. „Mal sehen, ob die auch Dildos für Zwerge haben“, witzelte sie. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass sie Witze dieser Art schon lange nicht mehr hören kann. Aber solange sie selbst solche Sprüche klopft, war alles okay.

Der Laden war groß genug, um ihn mit 7 Rollis befahren zu können. Zwergendildos hatten sie keine, dafür aber viele andere lustige Sachen. Catharina ging es gut, sie amüsierte sich und schien glücklich zu sein. Als wir wieder rauskamen, warteten bereits zwei Polizisten auf uns. Vanessa kam als letzte aus dem Laden und wurde prompt umzingelt. „Guten Abend. Eine kurze Personenkontrolle.“ Vanessa war sichtlich genervt und stampfte mit einem Fuß auf. „Oh menno, wir sind noch nicht mal 10 Minuten hier!“ Einer der Polizisten antwortete sofort: „Kinder in deinem Alter haben sich in solchen Läden gar nicht aufzuhalten. Wissen deine Eltern, wo du bist?“

„Ja. Ich habe ihnen erzählt, dass ich mit ein paar Freunden über die Reeperbahn ziehe und sie haben mir viel Spaß gewünscht.“ sagte sie und kramte in ihrer Bauchtasche nach ihrem Portemonnaie. Sofie lachte. „Jaja“, sagte der eine Polizist und deutete auf ihre Brusttasche. „Nimm mal bitte die Hände da raus.“ Sie gehorchte aufs Wort, funkelte die beiden Polizisten an und sagte: „Ich will dir nur meinen Ausweis zeigen, okay? Ich hab keine Waffen dabei. Keine Spritzen, kein Pfefferspray, nix. Ich mach jetzt vorsichtig den Verschluss auf, lass die Tasche auf den Boden fallen, schiebe sie dir mit dem Fuß rüber und dann darfst du sie herzlich gerne durchsuchen.“

„Du hattest schon öfter mit der Polizei zu tun?“ fragte der Polizist. – „Täglich“, antwortete Vanessa. Sofie lachte erneut. Vanessa schob ihm die Tasche zu. „So, bitte, darfst du durchsuchen.“ – „‚Sie‘ bitte, ja?“ – „Darfst ‚du‘ durchsuchen“, wiederholte Vanessa. Der Polizist belehrte sie: „Es heißt ‚Sie‘.“ – Vanessa antwortete: „Du duzt mich ja auch. Ich bin dir aber nicht böse und du wirst auch gleich merken, warum.“ – „Sollten Sie über 16 sein, entschuldige ich mich bei Ihnen.“ – „Nein nein, es ist alles gut so wie es ist.“ Der Polizist zog sich Lederhandschuhe an und begann mit spitzen Fingern, die Bauchtasche zu durchsuchen. Vanessa verdrehte die Augen. „Da ist nichts drin! Keine Spritzen, keine scharfen Gegenstände. Mensch, seh ich so unseriös aus?“ Der Polizist fand ihr Portmonnaie, fand den Personalausweis. Reichte ihn seinem Kollegen. Der hatte schon sein Funkgerät in der Hand, als der andere Polizist den Führerschein kurz in die Hand nahm und wieder wegsteckte, dann den Schwerbehindertenausweis von Vanessa in der Hand hielt. Damit dürfte ja eigentlich erklärt sein, dass es vielleicht gesundheitliche Gründe haben könnte, dass sie so klein ist und damit noch viel zu jung aussieht. Aber dann hielt er plötzlich eine Chipkarte in der Hand und sagte zu seinem Kollegen: „Du. Warte mal eben. Guck mal.“

Der antwortete nur: „Ach du Scheiße.“ Vanessa nickte. „Genau.“ Der Polizist fragte: „Sind Sie Polizeibeamtin?“ Ich guckte Vanessa verwundert an. Sie antwortete: „Nee, Kollege, Tarifangestellte. Erkennt man daran, dass auf meinem Ausweis kein Dienstgrad draufsteht. Schwerbehinderte werden in aller Regel in unserem Verein nicht verbeamtet und Zwerge haben im Vollzugsdienst auch nichts zu suchen, okay? Und wenns euch recht ist, würde ich dann gerne mit meinen Freunden weiterziehen. Im Gegensatz zu euch bin ich nämlich heute schon fertig mit meinem Dienst und ich habe das Gefühl, hier laufen noch ganz viele richtige Verbrecher rum.“ – „Ja sofort. Ich frage nur noch einmal über Funk nach, dann dürfen Sie sofort weiter.“ – „Ach Kollege, eben waren wir doch noch beim Du.“ Der Typ war völlig durch den Wind. Brabbelte irgendwas ins Funkgerät. Dann kam zurück, dass alles in Ordnung sei, Vanessa bekam ihren Ausweis wieder, die Polizisten entschuldigten sich noch mindestens drei Mal und wünschten uns einen schönen Abend. Und wir sollten nicht böse sein.

Kaum waren die außer Sichtweite, mussten wir sie natürlich fragen, was das mit dem Ausweis auf sich hatte. „Ich bin Verwaltungsangestellte bei der Polizei, ganz einfach. Habe eine Verwaltungsausbildung gemacht und arbeite nun zwischen trockenen Akten. Sowas gibts auch bei den Bullen. Für den Vollzugsdienst bin ich zu frech, zu klein, zu wackelig und unter den engen Uniformhosen tragen meine Windeln auch zu sehr auf. Nein, im Ernst, man muss ja gewisse gesundheitliche und sportliche Voraussetzungen mitbringen und ich scheitere schon an der Körpergröße.“ Simone wollte wissen, ob sie denn nicht wenigstens die schweren Jungs verhören dürfte. „Natürlich nicht. Wenn der beim Verhör ausrastet, bin ich dem doch gar nicht gewachsen. Körperlich nicht, und entsprechend ausgebildet bin ich auch nicht. Ich könnte höchstens spucken oder versuchen, unter dem Messer durchzutauchen.“ Und dass sich alle Polizisten untereinander duzen, darüber wurden wir auch noch aufgeklärt. Auch über die Grenzen eines Bundeslandes hinweg. Klingt doch mal nett.

Muss ich erwähnen, dass Vanessa, um den Geldautomaten bedienen zu können, auf meinen Schoß klettern musste? Muss ich erwähnen, dass Vanessa in der Großen Freiheit zum zweiten Mal von der Polizei kontrolliert wurde? Allerdings ließen die ziemlich schnell von ihr ab, als sie erklärte, schon einmal kontrolliert worden zu sein. Die Beamten ließen sie den Perso rausholen, schauten drauf und begnügten sich damit. Vanessa meinte, auf der Reeperbahn wurde sie an einem Abend schon bis zu acht Mal von den Bullen kontrolliert. Sie sei auch schon abgetastet und durchsucht worden. Gestern blieb es bei den 2 Malen. Und: Es wollte kein einziger Geschäftsmitarbeiter ihren Ausweis sehen. Lediglich an einigen Clubs standen Einlasskontrollen. Zusammen mit den vielen Zwergenwitzen, der Tatsache, dass sie im Supermarkt nirgendwo dran kommt, nicht mal alleine Geld abheben kann (weil man zwar mit ausgestrecktem Arm an den Schlitz kommt, aber den Bildschirm nicht erkennt, genauso wie Rollifahrer), fand ich es erstaunlich, wie fröhlich sie das trotzdem wuppt. Ich würde irre werden, wenn mich alle drei Minuten jemand fragt, ob ich schon 18 bin.

Aber das war dann zu fortgeschrittener Stunde egal. Wir hatten einen super Abend. Haben Billard gespielt am Hamburger Berg, haben uns bis kurz vor 2 Uhr noch eine Liveband angehört und hatten jede Menge Spaß. Bauchtaschen sollte man übrigens auf dem Kiez nicht sichtbar tragen. Viele Prostituierte machen das auch und vielleicht steht ja einer der Freier auf Zwerge, meinte Frank, der sich dafür prompt einen festen Faustschlag gegen seinen Oberarm abholte. Irgendwann stellte man fest, dass Simone kaum größer ist, aber wegen ihres Rollstuhls wesentlich höher sitzt. Und Catharina mit uns sehr glücklich war, denn sie bedankte sich etliche Male für den schönen Abend. Am Ende bin ich auch so richtig happy aber erschöpft ins Bett gefallen.

Natascha

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Den Kommentaren auf meinen gestrigen Beitrag über den arschigen Nachbarn zufolge, haben die meisten Leser mich doch so verstanden, wie ich es sagen wollte. Dass ich nicht gegen alle Hartz-4-Empfänger wettere, sondern lediglich gegen einen ganz bestimmten. Und gegen den nicht, weil er Hartzie ist, sondern weil er ein Arsch ist. Aber das Thema ist aus meiner Sicht erstmal geklärt.

Und damit kann ich ja zum nächsten Schlag ausholen. Als Angehörige einer gesellschaftlichen Randgruppe habe ich mir ein neues Opfer aus einer anderen gesellschaftlichen Randgruppe ausgesucht, um auf ihm herumzuhacken. Gestern der Arbeitslose, heute jemand, der sich in seinem Körper unwohl fühlt. Man beachte meine Ironie.

Aus Sicht meines Vaters wurden Homo- und Bisexuelle als Kind mal zu heiß gebadet oder sind von der Wickelkommode gefallen. Ihn würde es schon zur Verzweifelung treiben, dass seine Tochter mit einer anderen Frau im Bett liegt und kuschelt. Bekleidet und ohne jeglichen sexuellen Hintergrund (so etwas soll es geben!) jemand anderen zu massieren oder zu kraulen, wenn man ihn lieb hat, gerne mag, wäre für meinen Vater absolut undenkbar. Dass die Tochter, die das macht, auch noch behindert ist und die Empfängerin dieser Zärtlichkeit möglicherweise auch noch, wäre möglicherweise das Tüpfelchen auf dem i, möglicherweise auch eine Entschuldigung – ich weiß es nicht, möchte nicht darüber nachdenken und werde es meinen Eltern auch niemals erzählen. Dem Rest meiner Familie auch nicht, denn dort wird man auch nicht anders denken. Ich bin aber auch sehr froh, sagen zu können, dass ich zumindest in dieser Hinsicht auf deren Meinung keinen Wert mehr lege.

Eine derartige Haltung gegen Homo- und Bisexualität erlebe ich leider viel zu häufig, vor allem bei älteren Menschen. Ich weiß, dass sich homosexuelle Menschen früher sogar fast automatisch strafbar gemacht haben. Unglaublich. Unverständlich. Nein, homosexuell bin ich nicht. Bisexuell vielleicht. Vielleicht ein bißchen, vielleicht auch mehr. Ich weiß es nicht. Es ist mir aber auch relativ schnuppe. Wenn mir also jemand erzählt, er sei homo- oder bisexuell, ist es in etwa so, als würde mir jemand erzählen, dass es draußen regnet. Habe ich trockenes Wetter erwartet, überrascht es mich. Aus der Fassung schlagen würde es mich allenfalls, wenn es saure Gurken oder krumme Nägel regnen würde.

Dass es Menschen gibt, die sich in ihrem Körper mit ihrem von der Natur vorgegebenen Geschlecht nicht wohl fühlen, ist mir auch bekannt. Ich bin ganz froh, ein Mädel zu sein. Im Stehen pinkeln könnte ich sowieso nicht, also ist alles okay. Dass sich manche Menschen Kleidung des anderen Geschlechts anziehen, finde ich sogar spannend. Einer von vielen Gründen, warum man mich jedes Jahr wieder auf dem Christopher-Street-Day findet. An einem See, an dem wir manchmal trainieren, läuft auch immer ein Typ in Ballett-Kleidern rum oder geht sogar damit schwimmen. Früher, vor meiner Behinderung, hätte ich geglotzt. Ungläubig, wie ein Straußenvogel, dem sie ein Ei aus dem Nest geklaut haben. Heute, wo ich Füße mit 8 Zehen und Hände mit 3 Fingern gesehen habe, mit Hautlappen geschlossene Rückendefekte, so groß wie ein Bierdeckel, oder eitrige Druckgeschwüre mit freier Aussicht bis zum Knochen, haut mich doch kein Typ im Tutu mehr aus dem Stuhl. Der entlockt mir vielleicht noch ein herzliches Schmunzeln.

Ich weiß allerdings, dass viele Menschen sich nicht hineinversetzen können, wie es in Menschen aussieht, die sich in ihrer Haut nicht wohlfühlen. Ich kann es auch nicht, um das diesmal gleich vorweg zu schieben. Aber ich kann vorbehaltlos akzeptieren, dass es einen enormen, vielleicht sogar schmerzhaften oder unerträglichen Druck geben kann. Dass man alles geben würde, um im „richtigen“ Körper sein zu dürfen. Hormonpräparate einführt, Operationen in Kauf nimmt, unheimlichen gesellschaftlichen Druck erfährt – ich beneide diese Menschen nicht. Ich sehe ein ernsthaftes Problem.

Ich merke schon, das Thema, auf das ich kommen möchte, ist so sonderbar, dass die Einleitung immer länger wird. Auf den Punkt: Es gibt auch Menschen, die sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen, ohne dass es sich dabei um das von der Natur vergebene Geschlecht dreht. Sondern denen geht es um die Makellosigkeit, die Vollkommenheit, die Gesundheit, die sie nicht akzeptieren können. Die einen solchen Leidensdruck erzeugt, dass man, ähnlich wie derjenige, der lieber zum anderen Geschlecht gehören würde, gerne … ja … behindert wäre. Dass man alles geben würde, um ein Bein weniger zu haben, Querschnitt zu sein – für die meisten Menschen unvorstellbar, aber das gibt es. Und „Body Integrity Identiy Disorder (BIID)“ nennt man sowas.

Wenn nun, um an anderer Stelle wieder einzusteigen, mein Vater und viele andere Menschen auf dieser Welt Homosexualität schon nicht akzeptieren können, sich mit Leuten mit „falschem“ Geschlecht noch schwerer täten, muss man wohl diejenigen Leute einzeln suchen, die Verständnis dafür hätten, dass jemand gerne behindert wäre. Am allermeisten würde mich irritieren, dass ich (heute nicht mehr, vor einiger Zeit schon noch) sehr viel dafür gegeben hätte, meinen Unfall rückgängig zu machen, und dass es nun plötzlich jemanden gibt, der genau entgegengesetzt denkt.

Insofern kann ich zumindest sehr gut nachvollziehen, dass derartig „gepolte“ Menschen in unserer Gesellschaft so gut wie keine Chance haben, irgendwie Fuß zu fassen. Sobald sie erzählen, wie sie ticken, werden sie ausgegrenzt. Also ertragen sie entweder den Leidensdruck, anders sein zu wollen, oder beginnen, die Gesellschaft mit dem zu füttern, was sie hören will, um diesen „anders gepolten“ Menschen zu akzeptieren. Und das kann nur sein: „Ich bin wirklich behindert.“

Und so ist kein Mensch mit Behinderung davor gefeit, irgendwann in seinem Leben mal mit jemandem konfrontiert zu werden, der auf den ersten Blick dieselbe Behinderung hat wie man selbst, auf den zweiten Blick einen aber um die damit erreichte Vollkommenheit beneidet – und einem das Blaue vom Himmel lügt. Und ja, es gibt einen aktuellen Anlass.

Natascha heißt sie, ist 32 Jahre alt und Rollstuhlfahrerin. Tauchte vor einiger Zeit bei unserem Training auf, erzählte uns von einem schlimmen Autounfall, wurde in unserer Trainings-Clique aufgenommen, rollte mit uns ins Kino, erfuhr sehr viele persönliche Dinge von jedem einzelnen – und hat uns von A bis Z belogen. Nix Querschnitt, nix Autounfall. Das war wie ein Schlag ins Gesicht.

Inzwischen hat sich bei uns das erste Gewitter gelegt. Inzwischen wissen wir, dass sich vor uns auch schon einige andere Vereine, die Medien und die Justiz mit ihr beschäftigt haben. Bisher hat sie jedes Mal, wenn sie „erwischt“ worden ist, sämtliche Kontakte abgebrochen, ist in die nächste Großstadt geflüchtet, um ein neues Leben zu beginnen. Und hat dort die nächsten Leute genarrt. Soll das endlos so weitergehen?

Unser Vereins-Chef, den ich bekanntlich sehr schätze, war absolut fassungslos. Seine Vertreterin, die ich ebenfalls sehr gerne mag und zu der ich auch persönlich eine sehr enge freundschaftliche Beziehung habe, war ebenfalls sehr mitgenommen und stand über Tage einen gehörigen Schritt neben sich. Weniger wegen der Tatsache, angelogen worden zu sein, sondern vielmehr als sie ihre wahre Geschichte gehört haben. Anders als bisherige Vereine, mit denen Natascha zu tun hatte, haben die beiden sich lange mit einzelnen, später dann auch bei einer Versammlung mit allen beraten und haben Natascha in einem Dreiergespräch, während sie sie wissen ließen, dass sie erneut aufgeflogen ist, ein zweites Mal die Hand gereicht.

Es sei, so unser Vereins-Chef, im Sinne der gesamten Szene, dass wir Natascha nicht erneut den Boden unter den Füßen wegziehen, sondern ihr Hilfe anbieten. Nur wir könnten es glaubwürdig tun. So ist er eben. Jemand, der täglich versucht, die Welt zu retten. Er hat ihr eine (meine!) Psychologin vermittelt, nach einer Wartezeit kann sie dort in eine Therapie einsteigen. Es gibt einen Professor in Lübeck, der sich intensiv mit dieser Krankheit beschäftigt. Inzwischen hat Natascha ihre Lebens- und Leidensgeschichte aufgeschrieben. Das war eine Bedingung für die Therapie. Die wirkliche.

Natascha bekommt von mir irgendwann ihre zweite Chance. Sie bekommt von allen aus unserem Verein ihre zweite Chance. „Alle oder keiner“ hieß es bei der entsprechenden Versammlung, bei der Natascha nicht dabei war. Und am Ende waren es alle, die bereit sind, ihr zu helfen. Wenngleich etliche nur sagten: „Ich werde sie ohne Vorbehalte dulden. Mehr bringe ich zum jetzigen Moment nicht zustande.“ Nachdem ich ihre Geschichte gelesen habe, bin ich ihr nicht mehr böse. Auch soll sie irgendwann eine zweite Chance von mir bekommen. Im Moment sind die Wunden einfach noch zu frisch.

Hartz IV und keine Eva

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Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich hier völlig unbeliebt mache, muss ich mal etwas zur allgemeinen Hartz-4-Diskussion loswerden. Ich werde von unserem Nachbarn, der von ALG 2 lebt, fast jedes Mal, wenn ich ihn sehe, darauf angesprochen, dass man behindert sein müsste, um als Arbeitsloser in diesem Land genug Geld zu haben. Die Aussage an sich muss man wohl nicht diskutieren und meine erste Antwort, dass wir ja gerne mal tauschen könnten, verkneife ich mir inzwischen auch, weil es einfach keinen Sinn macht, sich mit ihm zu unterhalten.

Derselbe Nachbar erzählt uns auch gerne mal die neuesten Behindertenwitze. Im Prinzip haben wir alle nichts gegen solche Witze, auch wenn es immer schon ein wenig seltsam ist, wenn ein nicht behinderter Mensch, der sonst weiter nichts mit einem zu tun hat, sie erzählt. Aber der hier kam wohl kürzlich im Fernsehen, in welchem Zusammenhang auch immer, jedenfalls habe ich ihn danach schon öfter gehört: „Was ist der Unterschied zwischen einer Pizza und einem Rollstuhlfahrer? Die Pizza schreit nicht, wenn man sie in den Ofen schiebt.“

Ja nee, is klar. Am besten eignen sich dafür Gas-Öfen, falls beim Reinschieben die Flamme ausgeht… Hat mal jemand einen Baseballschläger? Herrje, was gibt es doch für Wichser auf dieser Welt!

Heute stand dieser besagte Nachbar in unserer Tiefgarage, und als ich reinrollte, stand er gerade an meinem Auto und schaute hinein. Er grüßte nicht, sondern fragte gleich: „Na, Leihwagen?“ Ich schüttelte den Kopf. „Hat Papa Staat finanziert, wa?“ Ich schüttelte nochmal den Kopf. „Wer dann? Du selbst verdienst doch nichts. So groß kann deine Rente doch nicht sein, wie alt bist du jetzt?“

Ich antwortete frech: „Ich wüsste nicht, was dich das angeht, Nachbar.“ – „Man wird jawohl mal fragen dürfen, oder? Schließlich fährt ja nicht jede 18-jährige so ein Auto!“ Hmm… wenn er weiß, wie alt ich bin, wieso fragt er dann? Mein einziger Kommentar: „Geh mal ausm Weg.“

Ich habe kürzlich mal eine Aufstellung gemacht, was ich in den letzten Monaten ausgegeben habe. Pro Monat sind das meistens zwischen 1.000 und 1.200 Euro. Wenn ich jetzt bedenke, dass ich als Hartz-4-Empfängerin 359 Euro plus die Miete von 341 Euro bekäme, sind zusammen exakt 700 Euro; dass ich pro Monat rund 100 Euro für Kraftstoff und rund 200 Euro für Versicherung des Autos bezahle, frage ich mich gerade, was ich in meiner Rechnung übersehe.

Hätte ich das Auto nicht, würde ich mit der Bahn fahren. Oder mit dem Handbike. Es wäre alles beschwerlicher, auf jeden Fall, aber ich würde, wenn ich so zurecht kommen müsste, auch zurecht kommen. Viele Wege fahre ich ja schon freiwillig mit Bus und Bahn und Handbike. Ich könnte zumindest hier in der Großstadt auf ein Auto verzichten. Unter deutlichen Einbußen am Komfort, aber ich kann es mir vorstellen.

Okay, ich müsste mir als Fußgänger eine Fahrkarte kaufen, die ich als Rollstuhlfahrerin ja im Nahverkehr nicht benötige. Eine Monatskarte für Hartz-4-Empfänger kostet derzeit rund 38 Euro, die wären nochmal abzuziehen. Und ich habe auch nicht jeden Monat mit 1.000 Euro gelebt, sondern manchmal auch mit 1.200 Euro. Aber: Ich habe sehr gut gelebt. Ich habe nicht darauf geachtet, möglichst sparsam zu leben, im Gegenteil. Ich habe mir Klamotten gekauft (nicht viele, ich habe beispielsweise nur drei Paar Schuhe und drei Jacken, eine für warm, eine für kalt, eine für Regen, fünf oder sechs Hosen, …), ich bin sehr oft mit Freunden Essen gewesen, manchmal im Kino, habe Tagesausflüge gemacht, Eis gegessen, unterwegs was zu trinken gekauft – und ich kaufe nicht mal im Discounter ein.

Ich hätte also, wenn ich darauf angewiesen wäre, noch locker Einsparpotenzial. Am meisten macht vermutlich aus, wenn man zusammen und in großen Mengen kocht, sich Lebensmittel einfriert und überwiegend Wasser aus dem Hahn mit Sprudel trinkt. Wie das bei mir oder in meiner WG der Fall ist.

Das soll bitte keiner falsch verstehen! Ich will auch nicht als zweite Eva Herman daherkommen und jemandem Lebenstipps geben. Auch möchte ich nicht von ALG 2 leben müssen. Aber ich bin überzeugt, dass ich das hinbekäme, wenn es mal dazu kommen sollte, und hoffe, niemals eines besseren belehrt zu werden.