Königin der Niederlande

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Heute morgen hatten wir ein Schulprojekt in der City. Eigentlich wollten wir uns um 7.30 Uhr im Bahnhof Altona treffen, da aber auf meiner Linie wieder alles drunter und drüber ging, verpätete ich mich. Meine Leute fuhren gerade aus Altona los, als ich am Diebsteich losfuhr, also eine Sekunde zu spät, um umzusteigen. Nun musste ich doch noch den Umweg über Altona nehmen, auch wenn die anderen schon weg waren.

Mit mir in der Bahn war ein junger Mann mit Down-Syndrom. Er fährt öfter auf dieser Strecke, arbeitet scheinbar irgendwo in Altona und jedes Mal, wenn er mich sieht, nimmt er seine Schirmmütze ab, verbeugt sich tief und sagt in seiner nuscheligen, aber lauten Sprache: „Guten Morgen, schöne Frau!“ Mehr passiert in aller Regel nicht. Einmal hat er mir erzählt, dass er im Verein schwimmt und sich heute mittag nach der Arbeit beeilen müsse, weil der Sport nicht auf ihn warte. Irgendwie finde ich ihn goldig.

In Altona stiegen wir gemeinsam aus. Er wollte den Bahnhof verlassen, ich wollte gegenüber auf die nächste S-Bahn warten, die hier eingesetzt wird. Eine Traube Polizisten, mit Maschinenpistolen bewaffnet, streifte über den Bahnsteig. Fünf Mann, einer davon schien das zu beaufsichtigen oder sich ein Bild davon zu machen, er trottete in einigem Abstand hinterher und hatte ein Klemmbrett dabei, auf dem er eifrig schrieb. Im Gegensatz zu den anderen Leuten war er wesentlich älter und hatte goldene Sternchen auf seinen Schultern.

Mein „Freund“ mit Down-Syndrom lief auf die vier Polizisten zu, verbeugte sich, nahm die Mütze ab und rief: „Guten Morgen! Ich möchte auch Polizist werden.“ – Einer der Beamten stellte sich stramm auf und sagte im fast schon militärischen Tonfall: „Wie ist Ihr Name, junger Mann?“ – Mein „Freund“ antwortete, überhaupt nicht schüchtern: „Ich heiße Max, bin 22 und wohne in Hamburg.“ – Der Polizist antwortete: „Max, ich werde Ihre Bewerbung weitergeben an Herrn Polizeidirektor Jungblut. Der ist bei uns für Personal zuständig.“ – Max verbeugte sich noch einmal theatralisch und sagte: „Vielen Dank! Ich muss weiter, die Arbeit ruft!“ Dann lief er davon.

Ich musste schmunzeln. Inzwischen fuhr die S-Bahn ein, die hier eingesetzt wird. Ich stieg ein und schloss hinter mir die Tür. Im Waggon roch es nach ausgelaufenem Bier. Irgendeiner hatte wenigstens ein Fenster geöffnet. Durch das Fenster verstand ich jedes Wort der Unterhaltung, die die Polizisten draußen führten. Der Typ mit den goldenen Sternchen fragte seinen Kollegen: „Was war das für ein Mann, Müller?“ (Keine Ahnung, wie er hieß, es war irgendein Allerweltsname wie Meyer, Müller, Schulze.)

„Ach, nur so ein kleiner Komiker, Chef!“ – „Ein Komiker?“ fragte der Mann mit den goldenen Sternchen nach, die Hände mit dem Klappbrett hinter dem Rücken verschränkt und mit strengem Blick.

„Ja“, fuhr der Polizist fort. „Er will bei uns anfangen. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, erzählt er mir, dass er gerne zur Polizei will. Ich sage ihm dann immer, dass ich seine Bewerbung an Herrn Polizeidirektor Jungblut weiterleiten werde. Dann freut er sich und rennt weiter zur Arbeit. Der arbeitet in den Elbe-Werkstätten.“

„Und wer ist dieser Direktor Jungblut?“ – „Keine Ahnung, Chef. Ich habe ihn vor ein paar Monaten erfunden.“ Dieser Chef war mir unsympathisch. Er musterte seinen Kollegen etliche Zeit von oben bis unten. Dann sagte er: „Sagen Sie mal, Müller, halten Sie das eigentlich für einen sensiblen Umgang mit einem behinderten Menschen? Mit einem, den das Leben benachteiligt?“

Der Kollege Müller antwortete: „Naja, vielleicht nicht ganz, aber was soll ich tun? Er spricht mich an, nur um das zu hören. Ich sage ihm das, er ist glücklich und läuft weiter. Was kann ich in dem Augenblick anderes für ihn tun?“ – „Zuallererst sollten Sie aufhören, solche Menschen als ‚Komiker‘ zu bezeichnen, ja? Versetzen Sie sich mal in die Lage dieses jungen Mannes.“

Der Polizist schloss die Augen, nickte kaum sichtbar und sagte: „Jawohl, Chef.“ Ich schätze, er wird sich seinen Teil gedacht haben.

Ich finde es nicht verkehrt, dass sich der Chef dafür einsetzt, dass man mit behinderten Menschen anständig umgeht. Gerade behinderte Menschen kommen doch eher mal in eine Notlage, in der sie Hilfe benötigen. Ich kann aber, allen Beschwerdeführern zum Trotz, bisher eindeutig überwiegend positiv von meinen Begegnungen mit der Trachtentruppe berichten. Nicht, dass ich viel Wert darauf lege, mit denen in Kontakt zu kommen, aber wenn es sein musste, habe ich die Leute überwiegend hilfsbereit und freundlich erlebt.

Insofern finde ich es zwar richtig, dass darauf geachtet wird und dass man in dem Verein entsprechend schult, nur sollte man es auch nicht übertreiben. Ich finde, der Herr Müller hat sehr gut reagiert. Er hat ihm keine konkreten Versprechungen gemacht, er ist auf Max eingegangen, der hat sich ernst genommen gefühlt – wenn bloß alle Menschen so reagieren würden wie Herr Müller, wäre ich verdammt glücklich!

Natürlich nimmt er ihn in der Sache nicht wirklich ernst. Und wenn Max fragt, ob er wirklich eine Chance hat, sollte er ihm keine Hoffnung machen. Aber Müller nimmt diesen Menschen ernst. Indem er sich nicht über ihn lustig macht oder sich abwendet, sondern mit ihm 30 Sekunden Smalltalk führt, Max ein gutes Gefühl für einen tollen Start in den Tag gibt, ohne dass er sich einen Zacken aus der Krone gebrochen hat und ohne dass ihm jemand auf den Keks gegangen ist. Das, finde ich, ist sehr wertvoll.

So ähnlich ist es mit Felix, der in einer der Jungendsportgruppen meines Vereins ist. Er erzählt mir regelmäßig, er sei der Heimleiter der Einrichtung, in der er wohnt. Felix hat eine kognitive Einschränkung und sitzt zudem im Rollstuhl. Ich könnte ihm jetzt beweisen, dass er nicht der Heimleiter ist, ich könnte ihn auslachen, ich könnte mich gar nicht mit ihm unterhalten – oder ich nehme ihn ernst. Nicht inhaltlich, denn das kann nicht ernst sein. Aber es kann ein Spiel sein, das ich mitspielen kann. „Heimleiter, okay … Ich hab davon keine Ahnung, was muss denn so ein Heimleiter den ganzen Tag machen? Das ist doch bestimmt ein harter Job!“

„Ein sehr harter Job. Ich muss so den ganzen Tag im Büro sitzen und Briefe schreiben und stempeln und so. Ich habe ganz viele Stempel in meinem Büro, guck mal, diese hier.“ Und dann holt er einen Zettel raus, auf dem er mit einem ausgedienten Stempel, auf dem das Wort „Abschrift“ steht (wobei das „t“ schon fehlt, was vermutlich der Grund ist, warum man den ausrangiert hat) mindestens 100 Mal abgedrückt hat. In meiner Schreibtischschublade lag bis vor kurzem noch ein ausgedienter Datumsstempel. Der ging bis 2009. Ich hab ihm den geschenkt, damit er immmer das Datum stempeln kann – als Erleichterung für sein Büro. Ein paar Wochen später kam sein Vater auf mich zu und meinte, das sei ein großartiges Geschenk gewesen. Jeden Morgen nach dem Aufstehen, hätten die Betreuer der Einrichtung gesagt, müsste als allererstes das richtige Datum eingestellt werden…

Ein anderes Mädchen, ich schätze sie auf 10 bis 12, möchte später einmal Königin der Niederlande werden. Nun weiß ich einerseits, was die Eltern ständig im Fernsehen schauen, andererseits, was uns in den nächsten Jahren noch erwartet…

Frustrierte Behinderte

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Vor genau einer Woche habe ich bei unserem Vermieter angerufen. Nein, nicht wegen der Frage, wann Jana endlich einziehen darf, das liegt ja nicht an ihm, sondern am Wohnungsamt (ja, immernoch), sondern weil die Sammel-Entlüftung des Hauses defekt ist.

In den Küchen gibt es Dunst-Abzugshauben und in einigen Bädern Abluftschächte, die alle zusammen in einen Raum geführt werden, in dem ein riesiger Ventilator steht, der den gesammelten Mief nach draußen befördert. Dieser Raum befindet sich unter dem Dach des Hauses. Und aus diesem Raum kommen seit einiger Zeit merkwürdige Geräusche. Ein unregelmäßiges Stampfen, durchschnittlich einmal pro Minute, manchmal über zwei Minuten gar nicht, dann wieder im Abstand von fünf Sekunden drei, vier Mal hintereinander. Es dröhnt durch das ganze Haus und hört sich an, als würde beispielsweise eine Aufzugskabine auf einen Gummipuffer im Schachtsockel auffahren und die dabei entstehenden Schwingungen durch irgendwelche Metallträger durch den ganzen Schacht übertragen werden. Irgendetwas hydraulisches, schweres, das fest an Metallträgern angebracht ist und unregelmäßig wiederkehrend finale Bewegungen macht.

An der verschlossenen Metalltür zu dem Raum steht ein Schild, das auf einen elektrischen Betriebsraum hinweist. Die Geräusche kommen sicher aus diesem Raum, wenn man direkt davor steht, hört man passend zu diesem Stampfen lautes Klacken. Als würde ein großes Relais schalten. Klick-Klack, Bumm, Klick-Klack. Und dann wieder eine Zeitlang nichts, dann wieder Klick-Klack, Bumm, Klick-Klack. Tag und Nacht, permanent. Und dieses „Bumm“ hört man durch das ganze Haus. Nervtötend. Die Lüftung funktioniert ansonsten jedoch einwandfrei.

Wie gesagt, vor einer Woche hatte ich bereits beim Vermieter angerufen. Da dieses Geräusch nicht aufhört, dachte ich mir, frage ich mal nach, wann man mit einer Reparatur rechnen kann.

„Welche Entlüftungsanlage?“ – „Na, ich hatte vor einer Woche bei Ihnen angerufen, weil hier im Haus […] die Entlüftungsanlage defekt ist. Aus dem Raum, in dem der Lüfter steht, kommen laute Geräusche, die sehr stören.“ – „Hatten Sie da schonmal angerufen?“ – „Ja, wie gesagt, vor genau einer Woche.“ – „Moment mal.“

Wartemusik.

„Hören Sie? Da war der Hausmeister vor Ort, der hat aber nichts feststellen können.“ – „Hm. Und nun?“ – „Was ‚und nun‘?“ – „Naja, wie geht das jetzt weiter?“ – „Ich verstehe nicht ganz.“ – „Es geht um die Entlüftung hier im Haus, da ist irgendwas defekt.“ – „Ja, das sagten Sie bereits.“ – „Ja, und ich fände es gut, wenn das repariert werden könnte.“ – „Ja, wie ich Ihnen schon sagte, der Hausmeister war vor Ort und hat keinen Fehler feststellen können.“

„Ja, nur damit ist das Problem ja jetzt nicht gelöst.“ – „Komisch ist nur, dass Sie die einzigen sind, die glauben, dass da etwas defekt ist. Der Hausmeister hat die Entlüftung bei Ihrer Nachbarin kontrolliert, die funktioniert einwandfrei. Und Sie hängen an demselben Strang.“ – „Es geht ja nicht um die Entlüftung…“

Sie unterbrach mich. „Nicht? Ich denke, davon reden wir die ganze Zeit. Sie wissen aber schon, warum Sie hier anrufen?“ – „Nun werden Sie mal nicht frech.“ Im Hintergrund hörte ich jemanden „Na, na!“ sagen. Die schien besonders kiebig zu sein. Ich fuhr fort: „Es geht nicht darum, ob die Luft aus der Wohnung gesogen wird, das funktioniert einwandfrei. Es geht um das Gerät, das unter dem Dach steht, das ist defekt und macht laute Geräusche. Und das nervt.“ – „Ja, wie schon gesagt, der Hausmeister hat sich das angesehen und konnte keinen Fehler feststellen. Wir können da leider nichts machen.“

„Naja, wir waren doch oben mit mehreren Leuten und haben das gehört, dass das eindeutig aus diesem Raum kommt.“ – „Sie kommen da oben doch gar nicht rein.“ – „Man hört es laut und deutlich im Hausflur!“ – „Ja, wie gesagt, der Hausmeister war dort und hat nichts feststellen können.“ – „Der hätte doch mal klingeln können und dann wären wir dort gemeinsam hochgefahren. War er denn in dem Raum drin? Dann hätte er das doch hören müssen.“ – „Ich gehe schon davon aus, dass der Herr … seine Arbeit ordentlich macht. Hören Sie, wir haben hier wirklich viel zu tun. Die Lüftungsanlage ist in Ordnung, mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

Dann wurde der Hörer unsanft aufgelegt. Normalerweise (ISDN) erübrigt sich damit das Auflegen für mich. Im Display erscheint für 3 Sekunden „hat aufgelegt“, dann legt mein Telefon automatisch auf und ich erspare mir das Drücken der roten Taste (schnurloses Telefon). Nur dieser Hinweis kam nicht. Wollte sie mir noch etwas sagen oder hatte sie das Telefon weitergereicht? Ich lauschte noch einmal in den Hörer und wurde unfreiwillig Zeuge, wie die Kollegin, die kurz zuvor schon „Na, na!“ gesagt hatte, die Mitarbeiterin ziemlich ruppig zusammenfaltete.

„Sag mal, weißt du eigentlich, mit wem du da gerade telefoniert hast?“ – Eine dritte Stimme sagte: „Mensch, Karin, lass sie leben, sie fällt noch unters Jugendschutzgesetz.“ – „Ist mir doch egal, unter was sie fällt. Aber ich finde es zum Kotzen, so mit einer Kundin zu sprechen, die bei uns anruft, weil sie möchte, dass wir ihr helfen. Und dann sowas, ich könnte dich, du.“ – „Ich habe doch extra im Hausmeisterbuch nachgeguckt und da steht ‚vor Ort keine Feststellungen‘. Ich dachte doch bloß…“ – „Du dachtest? Wenn du gedacht hättest, hättest du nicht so einen Scheiß gebaut! Weißt du eigentlich wer das ist? Das ist eine 18 Jahre alte Frau, sitzt im Rollstuhl, und sie wohnt in einer unserer Wohnungen. Und sie zahlt dein Gehalt. Selbst wenn der Hausmeister da vor Ort nichts gefunden hat, dann muss der da eben noch einmal rausfahren und sich das zeigen lassen! Du kannst sie doch aber nicht so behandeln als wäre sie bescheuert!“ – „Der Chef hat gesagt, wir sollen keine unnützen Kosten verursachen.“ – „Richtig. Und unnütze Kosten wären zum Beispiel, wenn sie ihre Miete um 50% kürzt, weil sie nachts kein Auge mehr zukriegt. Da wohnt ein Anwalt mit in der Wohnung. Die Leute sind doch nicht dumm!“ – „Der Hausmeister war aber schon da! Hier steht es! ‚Vor Ort keine Feststellungen.‘ Was ist denn, wenn da wirklich nichts ist und die sich das nur ausdenkt, um sich wichtig zu machen oder weil sie frustriert ist wegen ihrer Behinderung und einfach was sucht zum Rummeckern?“ – „Dann gibst du dem Chef einen Hinweis, dass du glaubst, dass das so ist, und dann soll der entscheiden, wie es weitergeht. Dir steht so eine Entscheidung nicht zu. Und jetzt rufst du da an und entschuldigst dich, von mir aus sag ihr, du hattest gerade zu viel auf einmal zu tun, und da kommt selbstverständlich der Hausmeister nochmal raus! Und dann soll er dort klingeln und sie ihm das zeigen.“

Spätestens jetzt war es an der Zeit, aufzulegen. Das Gespräch war nicht für mich bestimmt, aber wenn schon weltweit geheime Daten an die Öffentlichkeit gelangen … hatte dieses „Leck“ immerhin den Nutzen, dass ich nicht umsonst zwei Stunden lang eine böse Mail an ihren Chef schreiben musste. Die Auszubildende (?) entschuldigte sich zwar nicht telefonisch, dafür stand aber eine Stunde später der Hausmeister auf der Matte. Und zeigte mir ein Dokument, auf dem stand: „Entlüftung prüfen.“ Nicht mehr, nicht weniger. Er sagte: „Das habe ich beim ersten Mal mitbekommen. Ich habe in der Nachbarwohnung geschaut, bei Euch war niemand zu Hause. Dass es um Geräusche aus dem Raum oben ging, konnte ich ja nicht riechen.“

Wir fuhren gemeinsam nach oben. Als er die Tür öffnete, hörte man schon das Klicken und das Stampfen, das durch das ganze Haus dröhnte. Es handelte sich um einen mechanischen Verschluss, der durch eine elektrisch gesteuerte Hydraulik offen gehalten wird. Bei Ausfall der Lüftung oder bei Auslösen der Brandmeldeanlage / Rauchmelder werde die Stromzufuhr unterbrochen, der Druck der Hydraulik sinke schlagartig ab und die Verschlussklappe falle durch eine mechanische Feder zu. Dadurch werde sichergestellt, dass bei einem Brand kein Kamineffekt entstehe. Diese Hydraulik überprüfe sich einmal pro Tag von selbst durch Schließen und Öffnen der Klappe und immer dann, wenn eine Lichtschranke anzeige, dass sich etwas in der Öffnung befinde, führe diese Klappe ebenfalls einen Selbsttest durch. Um zu prüfen, ob im Brandfall alles funktioniere oder ob das vielleicht verschmutzt ist oder sich Tiere dort hinein verirrt haben. Wenn das nicht funktioniert, werde das optisch und akustisch im Treppenhaus signalisiert. Nun müsse man prüfen, warum diese Anlage diesen Selbsttest ständig durchführe – das ist das Geräusch, was man im ganzen Haus höre. Wenn diese Klappe zufalle und sich dann hydraulisch wieder öffne. Das passiere innerhalb von Sekundenbruchteilen.

Der Hausmeister schaltete den ganzen Kram aus und öffnete das dazugehörige Aggregat – und stellte sehr schnell fest, dass sich ein Stück Papier in der Lichtschranke verfangen hatte. Immer wenn das durch die Lichtschranke wedelte, führte die Anlage diesen Selbsttest durch, um zu prüfen, ob sich die Klappe schließen ließ. Und nun, als der Hausmeister diesen Fetzen entfernt hatte, lief alles wieder wie am Schnürchen. Und ich werde die erste Nacht wieder ohne Störung schlafen können. So viel zum Thema „frustrierte Behinderte“. Diese Auszubildende kann froh sein, dass ihre Kollegin sie schon zur Schnecke gemacht hat. Dadurch bleibt mir das erspart.

Keine Sozialeinrichtung

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Von einer anderen Rollifahrerin hatten wir den Tipp bekommen, zum Schwimmen und Saunen eine etwa 60 Kilometer entfernte Therme zu besuchen. Sie sei für Rollstuhlfahrer optimal, vom Preis okay, die lange Anfahrt würde sich lohnen. Da ich im Winter inzwischen gerne mit einigen Leuten in die Sauna gehe, wollte ich es ausprobieren. Sofie und Jana wollten auch mit.

Also sind wir heute am späten Vormittag aufgebrochen. Die Straßen waren frei, wir haben es sofort gefunden, und tatsächlich: Fünf Rolliparkplätze direkt vor dem Eingang. Besser konnte es kaum sein. Zwei waren noch frei, drei allerdings von Leuten ohne Ausweis belegt. Ich entschied mich für den ganz linken, dann habe ich wenigstens die Garantie, dass sich links neben mir niemand mehr in 10 Zentimeter Abstand neben meine Fahrertür stellt.

Ich hatte gerade meinen Rollstuhl ausgeladen, war nach hinten gerollt, um die anderen beiden Rollstühle aus dem Kofferraum zu holen, als rechts neben uns der letzte freie Rolliplatz belegt wurde. Zwei Frauen stiegen aus, um die 70. Sie parkten auf der Trennlinie zwischen „ihrem“ Parkplatz und „meinem“, so dicht, dass Jana und Sofie nicht mehr aus dem Auto kommen würden. Ich sprach die Fahrerin an: „Entschuldigung, so dicht dran, wie sie jetzt stehen, kommen meine Leute jetzt aber nicht mehr aus dem Auto.“ – Prompt kam die Antwort: „Die können doch rüberkrabbeln.“

Ey hallo? „Ähm, würden Sie Ihr Auto bitte ein bißchen weiter weg parken? Das sind Behindertenplätze und es hat seinen Grund, dass die etwas breiter sind. Wir können so nicht mehr ein- und aussteigen.“ Das interessierte die nicht! Die gingen ohne mit der Wimper zu zucken in das Schwimmbad, ich stand doof da mit offenem Mund und schaute hinterher. Ich hob Janas Rollstuhl wieder in den Kofferraum, schmiss die Klappe zu, düste hinter den Frauen hinterher. Direkt vor der Kasse holte ich sie ein. „Entschuldigung, Sie haben mich gerade eingeparkt, wären Sie bitte jetzt mal so freundlich und würden Ihr Auto umparken?“ – Sie ignorierte mich weiter. Ich stellte mich ihr direkt in den Weg. „Hallo!!!“

Sie wandte sich an die Dame an der Kasse: „Behinderte sollten nicht Autofahren. Da kommt nichts bei raus.“ Sie blinzelte der Kassiererin zu. Jede Wette, die kannten sich gut. „Zwei Tageskarten mit Sauna bitte.“ Und die Frau an der Kasse sagte natürlich nichts. Sondern händigte ihr die zwei Karten aus, die beiden trotteten um mich herum und ließen mich stehen. Ich fuhr wieder zum Auto zurück, stieg wieder ein. Sofie fragte: „Was ist denn jetzt mit der Tante da?“ – „Behinderte sollten nicht Autofahren, dabei kommt nichts raus.“ – „Hat sie gesagt?“ – „Nicht zu mir, zu der Kassiererin.“ – „Und was sagt die?“ – „Nix, die hat ihr die Karten ausgehändigt und nun saunt man.“ – „Nee.“ – „Doch.“ – „Ich glaubs nicht. Hat die überhaupt einen Ausweis?“ – „Nö, aber ist ja ein Privatparkplatz, solange es den Eigentümer nicht stört, kann sie da ja parken wie sie will.“ – „Ich hab schon wieder die Schnauze voll.“

Also fuhren wir wieder vom Parkplatz runter auf einen anderen Parkplatz, wo noch weitere Behindi-Plätze frei waren. Zwanzig Minuten hat uns das Theater gekostet. Dann standen wir endlich an der Kasse. „Na, haben Sie noch einen anderen Parkplatz gefunden?“ fragte die Frau an der Kasse und grinste breit.

„Ja, nur die Frau hat uns eingeparkt, als wir schon beim Aussteigen waren. Dadurch durften wir alles wieder einladen und uns einen neuen Parkplatz suchen, nur weil sie ohne Ausweis über zwei Parkplätze parkt.“ – „Jetzt haben Sie ja einen. Wir möchten hier keine Aufregung, verstehen Sie?“ – „Naja, an mir liegt das nicht!“ – „An mir auch nicht, ich habe einen Parkplatz. Seit heute früh um Acht.“ Es war sinnlos.

„Drei Rollstuhlfahrer mit Sauna bitte, als Tageskarte.“ – „Wo ist denn Ihre Begleitung?“ – „Haben wir nicht, wir kommen so zurecht.“ – „Sie müssten schon eine Begleitung mit rein nehmen, ohne Begleitung schaffen Sie das nicht.“ – „Was schaffen wir nicht?“ – „Sie sind ohne Begleitung nicht mobil im Nassbereich und unser Personal hat am Sonntag keine Zeit dafür.“ – „Eine Freundin von uns sitzt auch im Rollstuhl und kommt hier regelmäßig, auch ohne Begleitung. Sie sagt, das sei kein Problem.“ – „Das ist dann Ihre Entscheidung, ich habe Sie gewarnt. Wir können Ihnen leider nicht behilflich sein.“ – „Ja, ist okay. Wollen Sie die Ausweise sehen?“

„Wofür? Ermäßigung gibt es nicht, wir sind ein privates Schwimmbad und keine Sozialeinrichtung.“ – Sofie konterte: „Sie meinen, Sie behandeln alle Gäste gleich?“ – Die Frau guckte grimmig. Wir zahlten den normalen Hochsaison-Preis für drei Tageskarten mit Sauna, bekamen unsere Chips und durften hinein. Die Rollstuhlkabine war verschlossen, jemand zog sich darin um. Also warteten wir. Nach 20 Minuten klopfte Sofie: „Entschuldigung, wie lange wird es noch dauern?“ – Keine Antwort. Aber es zog sich jemand darin um, das konnte man bei einem Blick unter die Tür sehen. Vielleicht waren diejenigen gehörlos? Wir warteten nochmal 10 Minuten, klopften noch einmal, keine Reaktion. Eine halbe Stunde brauchte eigentlich kaum jemand, vielleicht war etwas passiert? Wir rollten zurück zur Kasse: „Die einzige Behindertenumkleide ist seit über 30 Minuten belegt, könnten Sie da vielleicht mal nach dem Rechten schauen lassen?“ – „Außer Ihnen sind noch andere behinderte Gäste hier, die dürfen sich in Ruhe umziehen. Wie ich schonmal sagte, wir wollen hier keine Aufregung.“ – „Haben Sie noch eine andere große Kabine für uns? Gruppenumkleide oder so etwas?“ – „Wir sind eine Therme, kein Schulbad.“

„Vergiss es“, murmelte mir Sofie zu. Jana schüttelte inzwischen nur noch den Kopf. Als wir wieder an der Kabine waren, war sie frei. Also alle rein, umziehen. Dafür war nun die einzige Dusche und das einzige Behindi-WC besetzt. Nach 20 Minuten Warten gingen wir ungeduscht durch eine Nebentür. Wir hatten ja morgens zu Hause geduscht und andere Leute duschen auch nicht. Der gute Wille war ja da. Nach einer Runde Schwimmen fuhren wir in den Saunabereich, zogen unsere Badesachen aus, Handtuch umgewickelt, wollten raus durch die Minusgrade zur Sauna – Fehlanzeige. Die Tür war verschlossen. Nur der Weg über die Stufen war geöffnet, der über die Rampe jedoch nicht. „Da können Sie leider nicht raus, die Rampe ist spiegelglatt“, ließ uns die Mitarbeiterin wissen, die dort Aufsicht machte.

„Und nun?“ fragte ich. Die Antwort kam prompt: „Haben Sie keine Begleitung dabei, die Sie eben die Stufen runterwuchten kann?“ – „Runterwuchten?“ fragte ich stirnrunzelnd. Ich bin doch kein Möbelstück auf einer Sackkarre. Oder habe ich etwa Übergewicht?

„Weißt Du was?“ fragte Jana. „Ich würde sagen, wir ziehen uns wieder an, fahren nach Hause, kochen was schönes und legen uns zusammen vor den Fernseher. Ich wollte einen entspannten Sonntag, und das hier tut mir nicht gut.“ Sofie nickte. Jetzt hatte ich mich so auf die Sauna gefreut! Vermutlich die anderen beiden auch, aber ich konnte Jana gut verstehen. Es gibt Dinge, die muss man sich einfach nicht antun.

Die einzige rolligerechte Dusche war immernoch belegt (oder vielleicht auch außer Betrieb), also zogen wir uns ungeduscht wieder an und verließen auf dem kürzesten Weg das Schwimmbad. „Dann hätten Sie ja auch für 90 Minuten lösen können“, beriet uns die Frau an der Kasse. Sofie antwortete: „Ich würde sagen, Sie erstatten einmal komplett alle drei Karten. Ihre Sauna ist ja nur über Stufen zu erreichen heute – wegen Glätte. Darauf hätten Sie uns beim Lösen der Karte aufmerksam machen müssen.“ – „Ich habe doch gesagt, dass Sie nicht ohne Begleitung zurecht kommen. Aber Sie mussten ja alles besser wissen. Scheint eine Krankheit zu sein. Bei Rollstuhlfahrern.“ – Antwort von Sofie: „Noch ein Wort und ich kotz Ihnen auf die Theke. Schönen Tag noch.“

Immerhin hatte uns auf dem Rückweg niemand eingeparkt. Als wir alle wieder zu Hause waren, entschieden wir uns für super leckeren Obstsalat. Und einen netten DVD-Abend. Eins ist sicher: Diese Therme sieht uns nicht wieder. Da lobe ich mir doch das Ding, in das wir sonst immer fahren. Da ist man freundlich und zuvorkommend.

Kurve zu hoch

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Die EU hat im Oktober 2007 eine Verordnung herausgebracht, in der es um die Rechte und Pflichten von Fahrgästen im Eisenbahnverkehr geht. Darin heißt es in Artikel 19 („Anspruch auf Beförderung“) unter anderem: „Die Eisenbahnunternehmen und die Bahnhofsbetreiber stellen unter aktiver Beteiligung der Vertretungsorganisationen von Personen mit Behinderungen und Personen mit eingeschränkter Mobilität nicht diskriminierende Zugangsregeln für die Beförderung von Personen mit Behinderungen und Personen mit eingeschränkter Mobilität auf.“

Wenn ich von meiner Physiotherapie aus der Klinik zurück nach Hause fahre, nehme ich gerne den Regionalexpress (sofern ich nicht mit dem Auto fahre). Dort wird man als Rollifahrer aber seit etwa einem halben Jahr konsequent nicht mehr mitgenommen. Lediglich mit dem Hinweis, dass es verboten sei. Auf Franks schriftliche Anfrage, womit das begründet werde, antwortet die Deutsche Bahn inzwischen schriftlich: „Diese Entscheidung wurde aus Sicherheitsgründen für unsere Rollstuhlfahrer getroffen. Hintergrund: Die fahrzeuggebundenen Rampen fahren nicht weit genug aus, um auf der Bahnsteigkante aufzuliegen. Der Bahnsteig in Hamburg […] ist höher als auf kleineren Bahnhöfen und liegt zudem in der Kurve. Stellt man die Rampe auf niedrigen Bahnsteig ein, fährt diese weiter aus, rastet aber nicht in Endstellung ein und darf somit nicht benutzt werden. Zu diesem Thema gab es in Hamburg […] einen Vor-Ort-Termin, auf dem vereinbart wurde, die Rollstuhlfahrer bei einer Anmeldung bis auf Widerruf so zu informieren.“

Nun gibt es diese Doppelstockwagen mit fahrzeuggebundener Einstiegshilfe seit 20 Jahren. Und den Hamburger Hauptbahnhof mit den heutigen Bahnsteigen mindestens genauso lange. Sofie erzählt, sie sei früher täglich mit solchen Wagen gependelt und es habe niemals Probleme gegeben.

Schön, dass es beim Eisenbahnbundesamt (Aufsichtsbehörde) ein neues Referat gibt, das sich nur mit Fahrgastrechten beschäftigt. Es bekommt nun diesen Brief mit der Bitte um Stellungnahme und vor allem auch mit der Bitte zu prüfen, inwieweit die örtlichen Behinderten-Organisationen wie vorgeschrieben an dieser Entscheidung beteiligt worden sind. Warum möchte ich fast wetten, dass das nicht der Fall ist? Warum möchte ich ebenso fast wetten, dass es das Problem mit der Kurve nicht geben würde, wenn der Zug anders herum fährt (also mit umgekehrter Wagenreihenfolge)? Und warum möchte ich darüber hinaus noch beinahe wetten, dass bei einem gemeinsamen Vor-Ort-Termin mit einer solchen Organisation irgendwem das eingefallen wäre?


Hoffentlich ziehen sie denen mal so richtig den Hosenboden stramm.