Lotte und die Sexualität

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Am Wochenende hatte ich Besuch von Lotte. Lotte ist Mitte 20, Rollifahrerin mit einer angeborenen Querschnittlähmung (Spina bifida), mir von gemeinsamen Trainingslagern flüchtig bekannt und kommt aus dem südlichen Niedersachsen. Sie hatte angefragt, ob es in Hamburg bei einem von uns einen Übernachtungsplatz gibt, denn sie wäre für ein berufliches Seminar in Hamburg und würde sich gerne mit uns treffen und vielleicht auch an einem Abend nochmal gemeinsam trainieren (Handbike oder Rennrolli).

Da sich eine Übernachtungsmöglichkeit in unserer WG immer findet, haben wir ihr kurzerhand gesagt, dass wir uns auf ihren Besuch freuen. Nun schnupft Cathleen immernoch vor sich hin, Simone war nicht in Hamburg und von den anderen Leuten hatte niemand Zeit, so dass ich am Freitagabend mit Lotte alleine über die Radwege der Elbdeiche gedonnert bin. Etwas kühl, reichlich dunkel, aber insgesamt sehr positiv (Sport macht glücklich!) kamen wir wieder am Parkplatz an und verluden unsere Sportgeräte ins Auto. Wir beschlossen, in einer naheliegenden Sporthalle kurz zu duschen und danach gemeinsam essen zu gehen.

Sie war sehr interessiert an mir, fragte jede Menge über mich und mein Leben mit meiner Behinderung. Irgendwann kamen meine Fragen auf ihren Beruf. „Ich habe Sozialpädagogik studiert“, meinte sie. Neugierig fragte ich weiter, ob sie einen Job habe. Sie nickte. Ich wusste zunächst nicht, warum sie so zögerlich antwortete und ich wollte auch nicht in irgendeinen Fettnapf treten. Sie sagte, sie arbeite bei einem großen, bundesweit tätigen Verein als Sexualassistentin. Mir fiel fast die Gabel aus der Hand. Ich hatte mich noch nie mit dem Thema beschäftigt und in meinem Kopf kreisten erstmal die wildesten Gedanken. Prostituierte? Schmuddelkram? Gesetzeswidrig? Ausnutzen von Menschen mit kognitiven Einschränkungen? Diese junge Frau, die bis eben noch absolut seriös und normal wirkte, soll beruflich mit Behinderten ins Bett gehen?!

Lotte ist sportlich, hat trotz ihrer angeborenen Behinderung einigermaßen übliche Körperproportionen, ist schlank, hat ein hübsches Gesicht mit einer Haut, auf die ich sofort neidisch werden könnte, dunkelbraune, schulterlange, glatte Haare, braune Augen, schöne Zähne, trotz Triathlon eher zarte Hände, eine angenehme Stimme, ein herzliches Lachen; wirkt sehr intelligent und reflektiert, humorvoll; insgesamt jemand, mit dem ich, wäre ich ein Mann, sofort ein Date verabreden würde. Zumal sie sagt, sie sei Single.

„Was macht eine Sexualassistentin?“ fragte ich.

„Das ist sehr verschieden, da es keine geregelte Ausbildung dafür gibt. Ich habe ein Jahr in der Schweiz ontop den Job gelernt. Wie immer, wenn so etwas nicht geregelt ist, gibt es Spreu und Weizen. Ich kann dir nur erzählen, wie es bei uns ist.“

Ich nickte auffordernd. Sie fuhr fort: „Mein Angebot richtet sich an diejenigen, die wegen ihrer Behinderung keinen Zugang zur eigenen Sexualität haben oder haben können. Denen helfe ich dabei, wenn sie mich konkret damit beauftragen.“

„Gehst du mit denen ins Bett?“ fragte ich. Die Socke konnte sich darunter nur wenig vorstellen. Asche auf mein Haupt.

„Quatsch.“ erklärte sie geduldig. „Ich selbst empfange keinerlei sexuellen Reize und ich biete auch meinen Körper nicht dafür an. Ich würde niemals mit jemandem intim werden, auch Oralverkehr, Petting oder Küssen scheiden vollkommen aus. Ich ziehe mich weder aus dabei noch darf mich der- oder diejenige anfassen. Ich bin keine Prostituierte, sondern eine Sexualassistentin. Auf diese Trennung lege ich unheimlich großen Wert.“

„Wie läuft denn so etwas ab? Wie kommst du an deine Kunden oder wie kommen die Kunden an dich?“

Sie war noch geduldiger: „Also, meine Klienten wenden sich an die Organisation, an den Verein, für den ich arbeite, entweder weil sie davon erfahren und selbst recherchiert haben, oder weil sie von irgendwem, zum Beispiel vom Hausarzt, vom Psychologen, vom Gesundheitsamt oder von der Telefonseelsorge dorthin vermittelt werden. Dort spricht eine Psychologin oder ein Psychologe mit demjenigen und bietet dem Klienten Gespräche an und dann, möglicherweise, je nach Vorgeschichte und konkreten Problemen, den Kontakt zu mir an. Manchmal gibt es vorgeschaltet auch noch eine ärztliche Untersuchung, wenn sein Problem möglicherweise körperliche Ursachen hat, die er abgeklärt haben möchte.“

Ich nickte. „Und dann?“

„Dann kommt es zu einem ersten Kontakt mit mir. Dabei lege ich eine eigene Karteikarte für denjenigen an und versuche anhand eines Fragebogens zu verstehen, wo sein sexuelles Problem ist und wie man ihm beispielsweise helfen kann. Das bespreche ich dann mit ihm und versuche, eine Lösung zu finden.“

„Was für Probleme oder Lösungen gibt es denn da?“

„Oft sind es Lösungen oder Ansätze, die für Leute wie dich oder mich völlig banal erscheinen, die für den Klienten aber unheimlich viel bedeuten. Beispielsweise sind viele Menschen mit angeborener Behinderung niemals aufgeklärt worden. Wissen nicht, wie ein Vibrator funktioniert. Und haben auch keine Motavation, es herauszufinden. Oder Ängste. Oder keine Möglichkeiten. Haben von der erzkonservativen Mutter, die nicht wollte, dass ihr kognitiv eingeschränkter Sohn draußen am Laternenmast rammelt, immer wieder nachdrücklich erfahren, dass Masturbation verboten ist. Wenn man denen dann erzählt und mit Infobroschüren mit Bildern und einfacher Sprache erklärt, dass sie sich doch da unten anfassen dürfen und wie sie ihre Ejakulation neutralisieren können, ist für die viele schon die halbe Welt wieder in Ordnung.“

„Wahnsinn.“ staune ich.

„Es gibt auch viele körperlich eingeschränkte Menschen, die ihren defekten Körper nicht mögen und ihre sexuellen Bedürfnisse im Kopf verdrängen. Und körperlich wirklich leiden. Vor allem Frauen. Und es gibt viele Menschen, die körperlich nicht in der Lage sind zu masturbieren und auch so wenig einfallsreich sind, dass sie kein geeignetes Hilfsmittel finden. Und es gibt eben diejenigen, die es auch mit Hilfsmitteln nicht können. Körperlich nicht können. Das ist dann in der Tat diejenige Gruppe, die von mir per Hand befriedigt wird, möglicherweise auch immer wieder, über Monate und Jahre. Allen anderen helfe ich einige Male, damit sie sich am Ende selbst helfen können. Mit Gesprächen, Anleitungen, Aufklärung, Tipps und Tricks, Hilfsmitteln – es kann auch sein, dass ich Menschen, die wegen einer Krankheit oder Behinderund die Wohnung nicht verlassen können, etwas aus dem Sexshop besorge oder bestellen lasse, wenn derjenige auch keine Kreditkarte oder kein Internet hat. Wir haben einen Shop bei uns in der Nähe und da bin ich schon Stammkundin.“

„Das heißt, sexuelle Handlungen sind eher die Ausnahme?“ frage ich.

„Absolut. Die sind wirklich auf die Personen beschränkt, die dauerhaft körperlich nicht in der Lage sind, sich das selbst zu machen. Auch nicht mit Hilfsmitteln. Die auch keinen Partner und keine Partnerin finden. Und die meistens darunter enorm leiden.“

„Bezahlen dich deine Klienten direkt?“ möchte ich wissen.

„Nein. Ich bekomme von keinem direkt Geld und ich darf auch nichts annehmen. Nicht mal ein Stück Schokolade. Derjenige zahlt an meine Organisation zwischen 7,50 € und 50 € pro Hausbesuch, je nach seinem Verdienst und seinen Möglichkeiten, und bekommt mich dafür eine Stunde lang. Allerdings werde ich niemals direkt gebucht, sondern immer über einen Psychologen oder eine Psychologin unserer Einrichtung. Direkte Buchungen sind verboten. Es darf kein Abhängigkeitsverhältnis entstehen und es muss eindeutig dokumentiert sein, was derjenige möchte, am besten in einem schriftlichen Vertrag. Das, was ich mache, bewegt sich rechtlich auf einem ganz schmalen Grat. Dadurch, dass es als Therapie von unserer Organisation übernommen wird, muss es sich klar abgrenzen von der Prostitution.“

„Therapie – das hört sich ja so an, als wäre Sexualität eine Krankheit“, zweifle ich.

„Nicht die Sexualität ist die Krankheit, sondern das Leiden unter der fehlenden Sexualität.“

„Wird das von den Krankenkassen übernommen?“ frage ich.

„Nein, wir finanzieren uns nur über private Spenden, Fördergelder, Eigenanteile und Mitgliedsbeiträge von Förderern – wobei niemand Mitglied sein darf, wenn er diese Leistungen in Anspruch nehmen will.“

„Hast du schonmal jemanden abgelehnt?“ möchte ich wissen.

„Ja, das kommt vor. Es kommt ja niemals beim ersten Treffen zu einem sexuellen Kontakt. Sondern derjenige bekommt mich vom Psychologen vermittelt und bestellt mich beim Psychologen ein zweites Mal. Wenn Aufklärung und Tipps und Tricks nicht reichen, oder die Schulung, wie man Hilfsmittel anwendet, gibt es irgendwann mal eine sinnliche Massage. Und die Aufforderung, bei sich im Intimbereich weiter zu machen. Und wenn das dann auch nicht klappt trotz aller Motivation oder anhand der körperlichen Einschränkungen deutlich wird, dass das nix werden kann, auch nicht mit Hilfsmitteln, bestellt man mich ein drittes Mal und dann kommt es frühestens dazu, dass ich auch im Intimbereich aktiv werde bei demjenigen oder derjenigen.“

Eine ältere Frau vom Nachbartisch schaute, obwohl wir uns leise unterhielten, herüber und schüttelte den Kopf. Lotte fuhr fort: „Ablehnen muss ich regelmäßig diejenigen, die privates und geschäftliches nicht trennen. Die mich berühren wollen, die sich in mich verlieben, die mich als Prostituierte verstehen – oder die hygienische Bedenken zulassen. Weil sie sich nicht richtig waschen oder ähnliches. Die kriegen dann die Auflage, beim nächsten Mal sauber zu sein und notfalls dafür zu sorgen, dass sie jemand wäscht oder badet, und wenn das nicht fruchtet, lehne ich das ab. Es gibt hin und wieder auch Leute, die sind mir nicht geheuer, die lehne ich dann auch ab. Es kommt aber unter dem Strich nicht sehr häufig vor. Über 5%, aber weit unter 10%.“

„Ist das nicht auch gefährlich?“

Lotte schüttelte den Kopf. „Dadurch, dass die erst beim Psychologen sind, weiß man ja vorher, wie die so drauf sind. Ich habe noch nicht einen Fall gehabt, wo ich Angst hatte, in etwas reingeraten zu sein, was ich nicht mehr kontrollieren kann.“

„Und kann man das wirklich immer trennen? Also gibt es nicht auch mal Leute dazwischen, wo du dir mehr vorstellen könntest?“

„Nein“, kam als prompte Antwort, „definitiv nicht. Ich gehe nicht mit diesem Gedanken daran. Es gibt in der Tat Menschen, bei denen fällt es mir leichter als bei anderen. Aber ich selbst empfinde dabei nichts. Es hat auch, anders als ich anfangs vermutet hatte, keine Auswirkungen auf meine eigene Sexualität. Ich kann das wirklich sehr sauber trennen und muss (und will) auch nicht an irgendwelche Klienten denken, wenn ich selbst im Bett liege und mich befriedige.“

„Wie bist du zu diesem Job gekommen und was verdient man dabei?“

„Ich habe in meinem Studium die Möglichkeit gehabt, in ein solches Projekt reinzuschauen. Nahezu unfreiwillig. Das war halt ausgeschrieben und eins von den wenigen, die noch übrig waren. Ich hatte erst total eklige und befremdliche Vorstellungen davon, aber dann habe ich mir überlegt: Wir haben in Deutschland inzwischen so klare Gesetze zum Schutz von Menschen mit Behinderung vor sexuellen Übergriffen, da wird niemand gewerbsmäßig irgendwas veranstalten, was nicht vertretbar ist. Also überwindest du jetzt mal deine Vorurteile und schaust dir das an. Und dann habe ich das getan und es hat Klick gemacht. Später, als ich meinen Abschluss hatte, bin ich an meinen heutigen Arbeitgeber rangetreten und habe mich mit diesem Projekt beworben – und damit quasi dort meine eigene Stelle geschaffen. Ich bekomme etwas über 3.100 € brutto im Monat plus meine Fahrtkosten zu den Klienten.“

„Das ist doch recht ordentlich, wie ich finde. Kommst du denn da überhaupt überall rein?“ frage ich.

„Die meisten Leute haben ja selbst eine Behinderung und wohnen in einem barrierefreien Haus oder einer Einrichtung. Manche kommen auch zu uns in die Therapieeinrichtung, dort gibt es einen Raum mit einer Liege wie bei der Krankengymnastik, nicht der Burner, aber inzwischen recht wohnlich gestaltet, das klappt schon alles.“

„Gibt es etwas, wofür oder wogegen du kämpfst?“

„Es gibt Menschen mit kognitiven Einschränkungen, deren Sexualtrieb immernoch mit Medikamenten unterdrückt wird, weil die erzkonservative Familie glaubt, damit allen Problemen bequem aus dem Weg gehen zu können. Dabei ist das seit den 1980er-Jahren verboten. Aber es finden sich immernoch Ärzte, die Mittel wie Androcur für Menschen mit kognitiven Einschränkungen zur Unterdrückung des Sexualtriebs verordnen. Offiziell gibt es dann andere Gründe dafür oder es wird offiziell jemand anderem verordnet und mein Klient bekommt es dann ins Essen gemischt und alle wundern sich, warum ihm Titten wachsen.“

„Das gibt es doch nicht. Was macht man dagegen?“

„Offiziell melden und hoffen, dass es aufhört.“

Überwältigt von diesen vielen für mich völlig neuen Informationen und Eindrücken stellte ich meine letzte Frage: „An welchen Psychologen muss ich mich wenden, wenn ich von dir einen Hausbesuch haben möchte?“ – Lotte schaute mich mit großen Augen an. Dann fügte ich hinzu: „War nur ein unprofessioneller Scherz. Ich finde das unheimlich spannend. Ich glaube nicht, dass so ein Job was für mich wäre, zumal ich mit meiner eigenen Sexualität noch genug eigene Probleme habe. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das etwas gutes und sinnvolles ist. Nachdem ich im ersten Moment doch etwas skeptisch war.“

Tatsächlich fehlt die Strippe

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Ob per Mail, als Kommentar unter meinen Postings, ob persönlich oder über Dritte: Das häufigste Feedback, das ich auf Beiträge, in denen es um Alltäglichkeiten geht, die jedoch im Zusammenspiel mit meiner Behinderung einen fragwürdigen bis unerträglichen Charakter annehmen, bekomme, ist: „So ein Wahnsinn. Das geht gar nicht. Gut, dass du darüber schreibst.“

Schreibe ich eine Mail an eine offizielle Stelle, bekomme ich im Regelfall die Reaktion: „Sie sind die Erste, die darauf hinweist. Täglich kommen so viele Menschen mit Behinderung damit in Kontakt, dass ich mir kaum vorstellen kann, warum das noch niemandem aufgefallen sein soll.“

Vor knapp einem Vierteljahr schrieb ich in einem Beitrag über eine öffentliche Toilette auf einem Busbahnhof, die sich von innen nicht verriegeln ließ, so dass im ungünstigsten Fall der automatische Türöffner von außen betätigt wurde und einem dutzende bis hunderte Leute für dreißig Sekunden beim Klogang zuschauen konnten. Ein Leser hatte sich daraufhin bei einer Behörde beschwert, die jedoch auch erstmal dem letzten Absatz entsprechend reagiert hatte. Was ich wiederum in einem weiteren Beitrag kommentierte.

Inzwischen stellte sich offiziell heraus, siehe auch den letzten Kommentar zum ursprünglichen Beitrag, dass dort „tatsächlich ein Baufehler vorliegt“. Tatsächlich! Tatsächlich ist das, was ich schreibe, nicht einfach frei erfunden. Wer hätte das gedacht! Obwohl sich vor mir noch niemand darüber an offizieller Stelle beschwert hat. Vielleicht, weil er, genauso wie ich, keinen Bock hatte, erstmal aufwändig seine Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen zu müssen. In meinem Blog kann ja jeder Leser glauben, was er will.

Ach übrigens, by the way, viele öffentliche barrierefreien Toiletten dürften gar nicht betrieben werden. Bauordnungen sind zwar von Bundesland zu Bundesland verschieden, oft gibt es zu wenigen gesetzlichen Paragrafen noch ausführliche zusätzliche technische Ausführungsbestimmungen, aber insgesamt gilt fast überall in der Bundesrepublik Deutschland: Öffentliche barrierefreie Toiletten müssen mit einem Notrufsystem ausgerüstet sein. Das heißt: Wenn drinnen jemand stürzt und alleine nicht wieder hoch kommt, muss er sich bemerkbar machen können. Oft reicht dabei, dass draußen vor der Tür ein Blinklicht und eine Tröte losgehen, die anderen Menschen den Hilfebedarf signalisieren.

Nur sollte dann so ein Notruf, wenn er schon vorhanden sein muss, auch auslösbar sein. Daher wird gefordert: Der Notruf muss auch am Boden liegend betätigt werden können. Die Notruf-Einrichtung soll daher an mindestens einer Stelle des Raumes in einer Höhe von etwa 20 Zentimetern über dem Boden auslösbar sein.

Ein preisgünstiger Kompromiss ist es, einen Schalter mit einer Strippe knapp unter der Decke anzubringen und die Strippe an der Wand entlang bis zum Boden herabhängen zu lassen.

In der Mehrzahl der von mir benutzten barrierefreien WC-Anlagen ist diese Anforderung eindeutig nicht erfüllt. Die Strippen werden hochgebunden, entfernt oder gekürzt. Warum? Weil das WC auch von anderen Menschen benutzt wird, die sich nicht vorstellen können, was ein Notrufsystem auf Klo zu suchen hat und die Strippe mit der Kette verwechseln, über die man früher die Spülung ausgelöst hat. Weil die Raumpflegerin beim Wischen in der Schnur hängen bleibt und jedes Mal Alarm auslöst. Weil irgendwelche Knalltüten die Strippe abreißen und niemand so etwas ersetzt.

Besonders toll ist der Zustand in einem großen Verbrauchermarkt. Dort ist unter der Decke auch ein solcher Schalter installiert. An diesem Schalter klebt seit etwa einem Jahr die Kordel, noch original zusammengezwirbelt in einer kleinen Plastiktüte. Da fragt man sich doch, wer die Bau-Abnahme durchgeführt hat! Und warum sich darüber noch niemand beschwert hat…

Entschuldigung angenommen

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Jana, Simone und ich stehen im S-Bahnhof Dammtor, die Bahn fährt ein, die Türen öffnen sich. Hinter der ersten Tür: Lauter Fahrräder. Hinter der zweiten Tür: Lauter Fahrräder. Hinter der dritten Tür: Lauter Fahrräder. Hinter der vierten Tür: Lauter Menschen. Hinter der fünften Tür: Etwas weniger Menschen. Also schnell rein, bevor der Zug abfährt. Jana vorweg, zack, drinnen, eine Sache von zwei bis drei Sekunden. Cathleen sofort hinterher, zack, ebenfalls drinnen. Nun komme ich: Ich schaffe es, mit den Vorderrädern in den Waggon, die Hinterräder bleiben in dem Spalt zwischen Bahnsteig und Wagen stehen. Ich stehe also mitten in der Tür, die Hände an den Haltegriffen am Wagen, warte ab, dass die Leute, die drinnen stehen, etwas aufrücken. Es wäre genug Platz. „Entschuldigung, könnten Sie ein kleines Stück weitergehen, damit wir alle reinpassen?“ rufe ich einmal laut.

Träge setzt sich die Masse in Bewegung. Jeden frei werdenden Zentimeter nutzen Jana und Cathleen, um aufzurücken und mir den Einstieg zu ermöglichen. Es fehlen nur noch zehn Zentimeter. „Gehen Sie doch bitte mal etwas weiter durch“, sagt Jana energisch. „Wir steigen nächste Station wieder aus, nur meine Freundin möchte auch noch mit. Ein paar Zentimeter bitte.“

Niemand rührt sich. In dem Moment kommt die Ansage: „Zurückbleiben bitte!“ Und die Türen schließen. Während ich dazwischen stehe. Für die Nicht-S-Bahn-Fahrer sei erklärt, dass auch diese Türen eine (inzwischen kenne ich das Wort) „Drängeleinrichtung“ haben. Das heißt, anders als beim Bus, wo die Tür wieder aufgeht, sobald sie auf ein Hindernis stößt, verfolgen die Türen in der S-Bahn unbeirrbar ihr Ziel. Sie zerquetschen zwar keinen, aber wenn man seine Finger zwischen Greifreifen und Tür bekommt, tut es schon arg weh. Also nehme ich die Hände auf den Schoß und warte ab. Nach zehn Sekunden Gepiepe öffnet der Fahrer die Türen wieder. Dann endlich rücken die Leute zwanzig Zentimeter auf und ich komme auch noch in den Waggon.

Das war vor drei Monaten im Sommer. Gestern abend stehe ich am S-Bahnhof Elbgaustraße und warte darauf, dass ich einsteigen darf. Der Zug steht bereits im Gleis, da er dort aber startet, ist noch kein Zugführer da und die Türen sind noch geschlossen. Der Zugführer, ein Typ um die 50 Jahre, kommt den Bahnsteig entlang, steuert direkt auf mich zu. Ich war vorbereitet auf die sonst übliche Frage: „Brauchen Sie Hilfe beim Einsteigen?“ – Es kam was ganz anderes. „Ich glaube, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen.“

Stirnrunzeln. Verblüffung. „Wieso das?“ – „Waren Sie das nicht vor ein paar Wochen am Dammtor? Mit ein paar anderen Rollifahrern? Ich glaube, ich habe Sie in der Tür eingeklemmt.“ – „Ah, ja, doch, ich erinnere mich.“ – „Ja, das tut mir Leid. Ich habe gepennt. Das war 3 Minuten vor Feierabend, letzte Schicht, ich hatte schon meine Jacke an, alles gepackt, und dann ein Langzug, 27 Türen auf drei kleinen Monitoren, dadurch, dass sie da festhingen, bewegte sich auch nichts, ich habe das nicht gesehen. Erst als ich keine Quittung bekam, dass alle Türen zu sind, dachte ich: ‚Welche Spielkinder halten denn da wieder die Türen fest?‘ Das ist sonst die Regel. Und dann sah ich Sie da festhängen.“

„Ist ja nichts passiert. So ein Rolli ist ja stabil, der Zug fährt mit offenen Türen nicht los, alles halb so wild. Ich kam nicht rein, weil die Leute nicht aufrückten. Und zurück kam ich auch nicht mehr, weil ich bereits in dem Spalt stand zwischen Bahnsteig und Zug. Die Türen davor waren voller Fahrräder, dadurch dauerte das alles länger.“

„Ich habe mir richtige Vorwürfe gemacht. Ich dachte, Sie beschweren sich. Wenn man dann die Filme ausgewertet hätte, das hätte mich meinen Job kosten können. Ich habe nächtelang nicht geschlafen. So etwas passiert mir nicht nochmal. Seitdem gucke ich noch genauer. Einmal auf das, was sich bewegt, und dann, ob da nicht irgendwo jemand drinsteht. Jede einzelne Tür. Man muss so aufpassen, da kann ja auch mal jemand gestürzt sein und in der Tür liegen oder so etwas. Das ist noch nie vorgekommen, aber man muss da echt sehr viel aufmerksamer sein.“

„Ist ja alles halb so wild. Macht ja jeder Mal einen Fehler. Es ist nichts passiert. Entschuldigung angenommen.“ Er schien erleichtert, man sah, dass ihm diese Entschuldigung ein wichtiges Bedürfnis gewesen zu sein schien. Zu Hause habe ich das natürlich gleich Cathleen und inzwischen auch Jana erzählt. Dass der sich darüber so einen Kopf gemacht hat! Wahnsinn. Das war schon fast übertrieben. Aber genau das fehlt eben vielen Menschen mit Scheiß-Egal-Haltung! Ich finde, an ihm können sich einige Leute eine Scheibe abschneiden. Ich hoffe, er kann inzwischen wieder ruhig schlafen.

Selbstgerechte Socke

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Es ist respektlos, sich über einen alten Mann lustig zu machen, der es nicht für möglich hält, dass junge Menschen eine Behinderung haben, ohne fremde Hilfe am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können (und zwar so, dass es kaum auffällt) und nicht über ihre Behinderung definiert werden möchten.

Es ist respektlos, seine Neugier nicht befriedigen zu wollen, ihn über die Eigentumsverhältnisse seiner Mitmenschen im Unklaren zu lassen, trotz Aufforderung nicht ernsthaft mit ihm sprechen zu wollen und seinen eingeschränkten Blickwinkel für eine spöttische Vorführung zu missbrauchen.

„Behinderte sind wie Beamte – immer im Dienst.“ – Der Spruch stammt von unserem Sportvereins-Häuptling. Sorry, den hatte ich für ein paar Minuten vergessen. Vielleicht war ich beflügelt von dem Gefühl meines Auftriebs im Wasser, von der Freiheit, mich ohne Hilfsmittel frei bewegen zu können, von der mich umschlingenden Wärme des Wassers, und wollte mich einfach nicht so schnell zurückholen lassen in die Realität.

Vielleicht hatte ich aber auch einfach nur Lust, mal jemanden zu ärgern. Meine Kräfte mit ihm -oder noch perverser- an ihm zu messen. Vielleicht sogar auf unfaire Art. Möglicherweise war ich auch einfach nur genervt oder gar enttäuscht, nicht mal im Schwimmbad eine Viertelstunde Ruhe zu bekommen von Fragen, Sprüchen oder dummen Witzen, die meine Behinderung betreffen.

Selbstverständlich stehe ich inzwischen -innerhalb wie außerhalb dieses Blogs- hierfür jederzeit wieder zur Verfügung. Selbstverständlich beantworte ich inzwischen wieder jedem Menschen, und sei er mir auch noch so unbekannt, alle Fragen, die ihm auf der Zunge brennen. Es stört mich auch nicht, wenn er von mir intimste Details wissen will, während ich nicht mal weiß, wie er heißt und wer er ist. Als Behinderte muss man brav sein und immer freundlich lächeln, tut es auch noch so weh.

Ich bilde mir ein (ja, ich bin so selbstbewusst-arrogant-selbstgerecht), inzwischen ein sehr gutes Gespür dafür entwickelt zu haben, wann jemand wirklich mitfühlend und anteilnehmend (und das meine ich jetzt nicht im Sinne von bedauernd oder bewundernd, sondern als ein gegenseitiges Geben und Nehmen) mit mir in ein gemeinsames Gespräch oder einen Schriftverkehr kommen möchte, und wann jemand glaubt, mich wie in einem Verhör ausfragen zu dürfen. Im ersten Fall habe ich null Probleme damit, über wirklich jedes Thema zu reden. Und sind sie auch noch so peinlich, aufwühlend oder tiefgründig.

Mich interessieren sehr wohl die Meinungen meiner Freunde, meiner Umwelt und auch die mir bis dahin unbekannter Menschen. Ich habe auch kein festgefahrenes Meinungsbild. Im Gegenteil, vieles überarbeite und überschreibe ich immer wieder. Manche Themen, in denen ich mir sehr unsicher bin, nahezu täglich. Sexualität ist beispielsweise ein Thema aus meinem Arbeitsspeicher.

Hingegen befinden sich einige meiner Standpunkte, und da mag möglicherweise ein Eindruck der Selbstgerechtheit entstehen, wie in einem Stein eingemeißelt. Es gibt einige elementare Meinungen, die diskutiere ich nicht. Dazu gehören beispielsweise einige Menschenrechte. Die, muss ich es betonen, nicht nur für mich, sondern selbstverständlich genauso für jeden anderen gelten.

Ob ein Rollstuhlfahrer grundsätzlich im Linienbus mitgenommen werden darf – da lasse ich einfach keine zwei Meinungen zu. Würde ein Fußgänger im übrigen auch nicht – nur darüber denkt niemand nach, weil niemand auf die Idee käme, Fußgänger vom Busfahren grundsätzlich auszuschließen. Das heißt aber nicht, dass ich Busfahrer unfreundlich behandele oder nach dem Aussteigen nicht grundsätzlich nochmal vorne vorbeifahre und ihm ein „Dankeschön“ reinrufe. Und das heißt auch nicht, dass ich mich über Bestimmungen hinwegsetzen würde, die es mir verbieten, in einen Linienbus einzusteigen. Nur würde diese Bestimmung trotzdem nicht meiner Meinung entsprechen.

Ich weiß, dass es unter den Menschen -ob mit oder ohne Behinderung- etliche Ar***löcher gibt. Kleine und große. Ich bilde mir ein, keins zu sein. Viele andere bilden sich das vielleicht genauso ein, obwohl wieder andere sie als solches sehen würden. Manch einer will vielleicht sogar eins sein und ist sogar stolz darauf. Ob man selbst ein Ar***loch ist, ist schwierig einzuschätzen, wenn man nicht gerade dem Wunsch nachgeht, eins zu sein. Ich denke immer: Solange mich ganz viele Menschen zur Begrüßung feste knuddeln, einige davon mich dabei fast aus dem Stuhl kippen, solange Kinder aus eigenem Antrieb auf mich zu stürmen, mit mir spielen oder mich necken wollen, solange sich Menschen bei mir aus tiefstem Herzen bedanken, kann ich nicht zu den größten Ar***löchern gehören.

Es kann sehr gut sein, dass ich einen Menschen heute als Idioten ansehe und morgen merke, dass er ja doch ganz nett ist. Es kann auch sein, dass jemand heute mein Freund und morgen nicht mehr mein Freund ist. Es kann auch sein, dass ich heute Texte von mir lese, die ich morgen nicht noch einmal so schreiben würde. Es kann jedoch nicht sein, dass ich auf meinen Spaß verzichte. Auch und gerade wenn er nicht immer politisch korrekt ist.

Ich möchte weiterhin gerne meinen Blog schreiben. Ich möchte, dass er gerne gelesen wird. Ich freue mich über Kommentare. Ich freue mich auch über Fragen und Anmerkungen, auch über Kritik. Ich freue mich über ehrliches Interesse an mir und auch an meiner Behinderung. Und ich begrüße meinen 100.000 Besucher!