Lieber ohne Finderlohn

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Ich fuhr gestern abend mit der S-Bahn (S 3) stadteinwärts, als neben mir ein Mann, Mitte 30, stand und aufgeregt telefonierte. Worum es ging, wusste ich nicht, es hörte sich geschäftlich an. Er sprach von irgendwelchen Projekten und von Leuten, die er ins Boot geholt hatte oder noch ins Boot holen wollte. Das konnte ich trotz Musik im Ohr deutlich verstehen. An der Haltestelle Reeperbahn verließ er sehr eilig den Waggon. Als die Bahn bereits weitergefahren war, fiel mein Blick plötzlich auf eine Reisetasche, die derjenige scheinbar mit hineingebracht, aber nun geöffnet stehen gelassen hatte. Ein Herr saß mit dem Rücken zur Tasche auf der Sitzbank. Ich fragte ihn sicherheitshalber, ob es seine Tasche sei. Nicht, dass ich da etwas nicht richtig in Erinnerung habe und noch jemandem die Tasche wegnehme!

Ich schaute vorsichtig hinein, ohne die Tasche zu berühren: Es guckten keine Drähte raus und der Inhalt sah auch recht ungefährlich aus. Unter anderem ein Notebook und eine Geldbörse. Ich entschloss mich, dass es sich wohl eher um vergessenes Reisegepäck als um eine Bombe handeln könnte, nahm die Tasche auf den Schoß, schloss den Reisverschluss und stieg am Hauptbahnhof aus. Auch wenn die Versuchung groß war, erstmal reinzuschauen, vielleicht dazu vorher noch kurz auf die Toilette zu gehen … nein, ich konnte meiner Neugier widerstehen und rollte direkt zur Sicherheitswache hinter dem Bahnhof. Dort sitzen in einem Container jeweils ein Beamter der Landes- und der Bundespolizei.

„Ich möchte gerne eine Fundsache abgeben, an wen muss ich mich da wenden?“ – „Haben Sie die in der Bahn oder S-Bahn gefunden?“ – „S-Bahn.“ – „Dann können Sie das bei mir machen.“ – „Wissen Sie, wem die gehört?“ – „Nee. Vermutlich einem Mann, der Reeperbahn ausgestiegen ist.“

Der Mann nahm die Tasche an sich und begann am PC ein Protokoll zu schreiben. Wann und wo gefunden? Um welche Zeit? Gefühlte 1000 Fragen. Ihren Personalausweis bitte. Dann packte er die Tasche aus und schrieb in das Protokoll Zeile für Zeile, was alles drin war. Und die Liste war lang. Ein teures Laptop, ein iPad mit mobilem Internet, eingeschaltet, Diktiergerät, Akten, Schreibzeug, zwei Zeitschriften, eine Geldbörse mit über 700 € Inhalt, Kreditkarten und Personalausweis, eine angebrochene Tüte Salmiakpastillen, ein offener Briefumschlag mit genau 1.000 € drin, ein wenig Kokain, ein Pornoheft mit übergewichtigen Frauen drauf, ein Deostift und ein zerfledderter Stadtplan.

Inzwischen war ich froh, nicht noch einen Abstecher zum Klo gemacht zu haben. „Wie sah denn der Mann aus, von dem sie glauben, dass er die Tasche mit reingebracht hat? Haben Sie gesehen, dass er die Tasche dorthin gestellt hat?“ Nein, hatte ich ja alles nicht. Ich sagte ihm, dass ich vermute, dieser Typ könnte es gewesen sein. Der stand neben der Tasche und ging eilig an der Reeperbahn raus. Die Tasche könnte natürlich auch vorher schon dort gestanden haben. Was weiß denn ich?

Der Mann meinte, es könnte sein, dass ich in den nächsten 48 Stunden Besuch von Kriminalbeamten bekomme, die das alles auch noch einmal hören wollen. Es könnte sein, dass die sich die Aufzeichnungen der Kameras holen. Sollen sie tun. Ich habe nur eine Fundsache abgegeben und werde mir beim nächsten Mal überlegen, ob ich die Fundsache nicht lieber demjenigen zuordne, der dort sitzt. Spannend wäre natürlich zu wissen, ob bei der Berechnung des Finderlohns auch der Schwarzmarktwert des Kokains mit einfließt. Noch spannender wäre allerdings, ob ich eine schusssichere Weste brauche, wenn ich den Eigentümer besuche, um den Finderlohn abzuholen. Wobei die Menge eher deutlich für einen Konsumenten sprach als für einen Händler. Aber man weiß ja nie, insofern … verzichte ich lieber auf meine 50 € und ziehe mir erstmal einen Joint rein. (War ein Scherz, ja? Die einzigen Tüten, die ich kenne, sind Mülltüten. Und zwar echte.)

Vergessene Rollis

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Wunderbar in die Reihe der Begegnungen der dritten Art fügt sich auch noch ein Ehepaar ein, das wir gestern in einer Therme, demselben Schwimmbad, in dem ich am letzten Wochenende doch nur Mitleid erhalten habe, kennenlernen durften. Ich möchte natürlich nicht, dass mein Blog zu einem Mecker-Blog wird oder meine Leser über Kurz oder Lang den Eindruck bekommen, ich würde nur noch von Idioten erzählen oder mein Leben nur noch als Dasein zwischen merkwürdigen Leuten verstehen. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass wir jede Menge Spaß dabei hatten, unseren verhinderten Saunabesuch nachzuholen.

Jana, Cathleen, Simone, Sofie, Frank und ich sowie Laura, eine laufende Freundin von Jana, hatten einen tollen Tag, kräftig geschwitzt und vor allem uns trotz aller Anstrengungen, die so ein paar Saunagänge mitbringen, gut erholt. Es war erstaunlich leer dort, böse Zungen könnten behaupten, es lag an uns, und so hatten wir verschiedene Saunen, ein kaltes Schwimmbecken, Ruheräume und Bar einige Male komplett für uns alleine.

Den Vogel abgeschossen hat allerdings, und das muss ich einfach aufschreiben, weil es nicht nur mal wieder zeigt, dass die schräg denkenden Menschen eben nicht in einer zu vernachlässigenden Minderheit sind, sondern auch, weil die Situation so urkomisch war, dass ich sie im Nachhinein eigentlich nicht vergessen möchte, ein Ehepaar, beide schätzungsweise Mitte bis Ende 60, das uns zunächst in einem warmen Pool des textilen Bereichs herumdümpeln sah.

Man muss dazu erwähnen, dass wir selbstverständlich nicht mit Rollstühlen ins Wasser gehen und auch unsere Alltagsrollstühle in der Schwimmhalle verwenden. Über das Sitzkissen kommt ein wasserdichter Bezug. Die alternativ bereitgestellten Duschrollstühle sind in aller Regel nicht zum Selbstfahren geeignet. In das Schwimmbecken gelangt man, indem man sich von der Sitzfläche nach vorne vor den Stuhl auf den Fußboden (oder besser auf die Kante des Schwimmbeckens) setzt und sich hineingleiten lässt. Idealerweise machen das alle Rollifahrer nacheinander, während der nächste jeweils den frei gewordenen Rollstuhl zur Seite stellt, damit nicht alles vollgeräumt ist. Allenfalls der letzte Rolli steht dann noch im Weg, nur hatten wir ja noch eine Fußgängerin mit, die dann auch diesen noch zur Seite schieben konnte. Insofern parkten sechs Rollstühle brav unter den Palmen neben einer Wand und warteten auf ihren Wiedereinsatz.

Der erwähnte Typ sprach mich auf eine Entfernung von rund drei Metern laut an, ob ich wüsste, wer denn die ganzen Rollstühle dort an den Rand gestellt hätte. Offensichtlich war dieses Ehepaar erst seit wenigen Minuten überhaupt in der Anlage. Nun kann man sich fragen, was er mit der Frage bezweckt, denn eigentlich kann ihm das ja egal sein; man kann sich fragen, ob er sich nicht denken kann, dass die Stühle zu den Personen gehören, die da gerade schwimmen; man könnte aber auch meinen, er wollte wissen, welche von den sieben Personen laufen kann, denn es stehen ja nur sechs Rollis da und im Wasser schwimmen sieben Leute. Da ich aber nicht wusste, wer welchen Stuhl an die Seite gestellt hatte, schüttelte ich -wahrheitsgemäß- mit einem dümmlichen Lächeln auf den Lippen den Kopf. Und damit nahm das Schauspiel seinen Lauf. Er sagte: „Hm. Das ischa gediegen. Die müssen doch zu irgendwem gehören! Nicht, dass die hier jemand vergessen hat!“

Ich tickte Sofie an, die sich gerade mit Jana unterhielt. Sie schaute mich an. „Sag mal, Sofie, weißt du, wem diese ganzen Rollstühle gehören?“ – Sie sah den Typen, der mit fragender Miene inzwischen direkt neben mir stand, und fragte: „Was denn für Rollstühle?“ – Der Typ erwiderte: „Na die da am Rand. Die muss ja irgendjemand vergessen haben!“ – Sofie blickte nach links und nach rechts, als suchte sie irgendwas, dann antwortete sie: „Nö. Keine Ahnung. Stehen die denn im Weg?“ – Der Typ antwortete hektisch: „Nein nein, nur vielleicht muss man mal jemandem Bescheid sagen, der die da wegschiebt! Ich kann mir nicht vorstellen, dass das so erlaubt ist.“

Achso. Erlaubt. Sofie sprach Frank an, der sich eigentlich auch gerade unterhielt. „Frank, weißt du vielleicht, wer die ganzen Rollstühle hier vergessen hat? Der Herr macht sich Sorgen, ob das so erlaubt ist.“ – Frank zeigte, ohne eine Miene zu verziehen, auf die Rollstühle und fragte dumm: „Die dahinten?“ – Sofie und der Typ nickten im Takt. Frank fuhr fort, ohne mit der Wimper zu zucken: „Ja, das kann ich dir sagen. Die sind von diesen Behinderten, die sie vorhin hier rausgeworfen haben wegen dem Sonntags-Schwimmverbot.“

Der Typ war naiv und dumm und … und machte nur große Augen. „Sonntags-Schwimmverbot?“ – Frank antwortete: „Ja! Die Behinderten dürfen doch seit einiger Zeit sonntags nicht mehr Schwimmen gehen. Da ist doch neulich so eine neue Verordnung rausgekommen, weil das ja auch meistens sonntags so voll ist und irgendwann will man ja auch einfach mal seine Ruhe haben und nicht ständig überall Rücksicht nehmen müssen. Gerade so in Thermen und Saunen und so. Das reicht ja, wenn man das unter der Woche überall hat.“ Dann lehnte er sich nach vorne und sagte leise hinter vorgehaltener Hand: „Einer von denen hatte sich sogar eine Frikadelle mit reingebracht und wollte sie hier im Becken essen.“ Dann lehnte er sich wieder zurück und schüttelte leicht empört mit dem Kopf.

Der Typ starrte ihn mit offenem Mund an, dann schluckte er. Der glaubte Frank jedes Wort. Jana fuhr fort: „Das hab ich auch gelesen. Ich glaube nur, dass das auch dadran liegt, dass sie immer zum Wochenende neues Badewasser einlassen und die wollen nicht gleich am ersten Tag, dass alles wieder dreckig wird.“ Der Typ nickte noch aufgeregter. Frank fuhr fort: „Ja, viele Behinderte waschen sich ja auch nicht. Können sie oft ja auch gar nicht richtig. Aber wenn denn solche Leute sich in so ein Becken setzen…“ Frank schüttelte sich einmal. „Mag man gar nicht drüber nachdenken.“ Der Typ lehnte sich zurück und sagte: „Ja ja, es ist nicht alles gut, was die modernen Tage so mit sich bringen.“ Seine Frau fügte hinzu: „Früher wären die auch überhaupt nicht reingekommen mit ihren ganzen Rollwagen.“

Cathleen, noch nicht mal volljährig, fügte nachdenklich hinzu: „Das waren noch Zeiten.“ Niemand verzog eine Miene. Einen Moment später ging der Typ aus dem Wasser, fasste an Janas Rolli an die Rückenlehne, rüttelte dran und meinte: „Steht auch kein Name dran oder so. Ich werde dem Bademeister mal Bescheid sagen.“ Er und seine Frau verschwanden. Zwei Minuten später kam tatsächlich ein Bademeister zu uns und fragte, ob wir einen Rolli zu viel hätten. Ein Typ sei zu ihm gekommen und habe etwas von einem herrenlosen Rollstuhl gefaselt. Frank schüttelte den Kopf und meinte, es sei alles in Ordnung. Damit endet der erste Akt.

Der zweite Akt des Schauspiels begann, als wir das Ehepaar im textilfreien Bereich wiedertrafen. Und zwar nach einem Saunagang in einem nicht allzu warmen Außenschwimmbecken. Der Typ schwamm auf Frank zu und sagte: „Sie haben uns aber schön verkohlt. Aber das geschieht uns ganz recht, wir hätten ja selbst mal darauf kommen können, dass die Rollstühle zu ihnen gehören.“ – Frank erwiderte diplomatisch: „Das wäre zumindest recht naheliegend gewesen.“ – Der Typ konnte es aber nicht sein lassen mit seiner dummen Fragerei und wollte wissen: „Sie sehen aber alle gar nicht so behindert aus! Keinem fehlt ein Bein oder gar zwei.“

„Oder drei“, fügte Sofie hinzu und Frank grinste, genau wissend, worauf sie anspielte. Inzwischen war ich aber kurz davor, den Typen einmal durchschütteln zu wollen. Ob eher dünne Beine wegen fehlender Muskeln, großer Rückennarbe oder beidem zusammen – irgendwie kann man doch … ach vergiss es! Es ist so hohl! Der Typ sagte: „Nein, aber mal im Ernst: Haben Sie so Prothesen?“

Würde man dann im Rolli fahren? Würde man mit denen Schwimmen gehen? Argh!!! Wenn Leute bloß nicht immer so viel Stuss labern würden. Nicht auskennen ist ja eine Sache, aber dann noch mitreden wollen und sich dabei so überhaupt nichts vorstellen können – das nervt! Frank deutete auf Sofie und sagte: „Sie hat ihre neulich verloren beim Schwimmen. Dann trieben plötzlich zwei Beine im Wasser rum. Das gab ein Geschrei, sage ich ihnen.“ Der Typ glaubte ihm schon wieder. Zumindest für zwei Sekunden, dann runzelte er die Stirn.

Ich nutzte diese Denkpause für das Finale: „Sag mal Frank, weißt du eigentlich, ob das Wasser gechlort ist?“ – Er antwortete ernst: „Ich glaube schon, wieso?“ – „Ich hab grad aus Versehen ins Wasser gestrullert und nun hab ich Angst, dass alle anderen sich anstecken und demnächst auch im Rollstuhl sitzen müssen.“ Ich zog eine ängstliche Miene und biss mir auf die Unterlippe. Cathleen und Simone verschluckten sich schon vor Lachen. Der Typ ging kopfschüttelnd davon. Vermutlich wird er ab sofort nicht mehr an die guten Geister dieser Erde glauben und beim nächsten Hexenschuss an mich zurückdenken.

Danach war eine Bombenstimmung. Wehe, jetzt spielt hier einer den Moralapostel. Dann erzähl ich nie wieder was. 😉

Mal wieder zwei Tage Klinik

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Mein so genannter „Uro-Check“ war dran. Mindestens einmal im Jahr sollte bei Querschnittgelähmten geprüft werden, ob Nieren und Blase in Ordnung sind. Besondere Beachtung finden dabei die Druckverhältnisse in der Harnblase, die durch die fehlende Verbindung zum Gehirn gerne mal falsch (eingestellt) sein können und mittel- bis langfristig schwere Nierenschäden verursachen können.

Zwei Tage stationär ins Krankenhaus … hatten wir ja lange nicht. Ich habe mir gestern und heute ausgesucht, da das mit der Schule am besten passte. Ich kam mit einem 14 Jahre alten Mädel zusammen auf ein Zimmer. Das Mädel ist letzten Sommer in einem öffentlichen Brunnen baden gegangen, ausgerutscht und mit dem Rücken auf irgendeinen Mauervorsprung gedonnert. Kompletter Querschnitt unterhalb des 7. Brustwirbels – nicht schön. Hätte schlimmer kommen können, aber eine Querschnittlähmung knapp unterhalb der Brust bedeutet immer die völlig fehlende Rumpfkontrolle. Sobald sie im Sitzen einer antickt, kippt ihr Oberkörper mit der Brust auf die Knie. Das wird sie natürlich irgendwann über die Arme und eine vernünftige Sitzposition kompensieren können, aber der Weg zum unabhängigen Leben ist deutlich länger als er es bei mir war. Dennoch war sie erstaunlich gut motiviert und musste mir als erstes vorführen, wie sie sich, mit dem Rollstuhl nach hinten umgefallen, selbständig wieder aufrichtet. Ohne rauszukrabbeln. So ganz ohne Rumpfmuskeln ist das schon recht beeindruckend.

Ich musste nur einen Becher abgeben, einmal Blut abnehmen lassen, einmal Ultraschall, dann war der erste Tag schon gelaufen. Am nächsten Morgen kam eine Blasendruckmessung, die ist etwas unangenehmer. Man muss zum Glück nicht hinschauen, wie da jemand bei einem da unten rumfummelt, da man, wie beim Frauenarzt, auf einem Stuhl liegt und gegen die Decke blickt. Und dort lief Fernsehen. Aber wenn man da über einen Katheter Wasser in die Blase gespritzt bekommt und dann dort irgendwelche Druckwerte gemessen werden und die Blasennerven dann noch über eiskaltes Wasser schön gereizt werden sollen, ist das alles andere als angenehm. Ich wäre denen vor krampfartigen Schmerzen fast vom Stuhl gesprungen. Aber am Ende kam heraus: Alles in Ordnung.

Seit 2 Stunden bin ich wieder zu Hause. Es fühlt sich an, als hätte ich mir einen heftigen Blaseninfekt eingefangen. Ich habe das Gefühl, alle drei Minuten auf Klo zu müssen, aber das ist normal und gibt sich in den nächsten Stunden wieder. Morgen ist alles vergessen – bis auf den Termin in einem Jahr.

Fette Beine

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Heute war wieder einer dieser Tage, an dem ich nicht so genau wusste, ob ich einen Traum oder die Wirklichkeit erlebe. Kurzer Hinweis: Es war die Wirklichkeit. Alpträume hatte ich seit meinem „Attentat“ auf meine Unfallgegnerin keine mehr.

Sofie und ich waren bei einem blau-weißen Discounter mit eigenem Sortiment einkaufen und standen an der Kasse an. Drei Kassen waren geöffnet, die Schlange reichte trotzdem durch den halben Laden. Man merkte, es war Monatserster. Wir wollten eigentlich schon vor einer Woche einkaufen, um genau das Gewühle zu vermeiden, aber irgendwie hat es zeitmäßig nie richtig gepasst.

Wir hatten insgesamt vier große Klappkisten schon rausgeschleppt und hatten die letzten vergessenen drei Kleinteile auf dem Schoß. Als Rollifahrer hat man ja nur begrenzte Tragekapazitäten, muss sich im Zweifel also mehrmals anstellen. Wir standen hinter einem Herrn im Anzug, übergewichtig, Halbglatze, schätzungsweise Mitte 50. Ihm war etwas zu warm…

Bei Sofie klingelt das Handy. Frank ist dran, Sofie geht ran, weil sie vermutet, er könnte noch schnell einen Herzenswunsch äußern. Plötzlich dreht sich der Typ vor uns um, mustert uns von oben bis unten, deutet auf Sofie, die immernoch telefoniert, und sagt: „Warum fährt sie im Rollstuhl?“ Ich zucke nur gelangweilt mit den Schultern und nicke mit dem Kopf in Richtung der Schlange. „Es geht weiter“, sage ich. Eigentlich deutlich genug, die Geste, oder?

Nö. Er schaut einmal nach vorne, schiebt seine Einkaufskarre einen halben Meter weiter, dreht sich wieder zu uns und spricht Sofie direkt an: „Sitzt du wirklich im Rollstuhl?“ Sofie macht eine abweisende Handbewegung, dreht sich mit dem Oberkörper weg, immernoch telefonierend. Dann brüllt dieser Typ los: „Ich hab dich was gefragt!!!“ Ich bekam es richtig mit der Angst zu tun. Aber Sofie blieb cool: „Ich hab jetzt keine Zeit für solchen Scheiß.“ Oha, die Frau kann ja richtig patzig werden…

Der Typ zog ein grimmiges Gesicht und starrte Sofie an, als wenn er sie fressen wollte. Dann legte sie auf und der Typ hakte sofort ein: „Willst du wissen, warum ich das frage?“ – Sofie antwortete nur: „Nö. Da geht es weiter.“ Der Typ schob seinen Einkaufswagen wieder einige Zentimeter vor, drehte sich nochmal um. Und sagte: „Das sehe ich an deinen Beinen, die sind für eine Rollstuhlfahrerin viel zu dick.“ Mir fiel fast das Kinn runter. Hatte der ein Rad ab?

Sofie imponierte das überhaupt nicht: „Das ist ja schön.“ Drehte sich um. Hinter uns standen zwei junge Männer, um die 20 Jahre alt, von denen einer dem anderen gerade erzählte, dass er letzten Monat seine Großeltern in der Türkei besucht und noch im Meer gebadet hätte. Einer von beiden hatte zwei Becher Joghurt in der Hand. Sofie fragte sie: „Wollt ihr nicht vor?“ – „Oh ja, vielen Dank, sehr nett.“

Nun fing der Typ an, über die beiden hinweg weiterzupöbeln: „Willst du auf meine Frage nicht mal antworten? Oder müsstest du dann verraten, dass du in Wirklichkeit gar nicht behindert bist?“ Die beiden Jungs vor uns unterbrachen ihre Unterhaltung. Sofie antwortete: „Jetzt ist es bald mal genug.“ Der Typ setzte nochmal nach: „Du machst dich höchst verdächtig.“

Jetzt sagte der eine junge Mann zwischen uns zu dem Typen: „Alter, mach die Frauen nicht an, guck nach vorne, da gehts weiter.“ Der Typ riskierte eine dicke Lippe: „Wer redet denn mit dir? Bist du Türke oder Kurde?“ Ich dachte mir so: Gleich rastet einer von beiden aus und haut dem ein paar aufs Maul. Aber nein, die beiden schauten sich an. Der eine fragte: „Sag mal, hörst du das auch?“ – „Irgendwas brummt hier, oder?“ – „Ja, ganz eigenartig.“ – „Ist bestimmt die Eistruhe.“ – „Bestimmt.“ – „Oder ein Müllauto.“ – „Nö, Müllauto nicht. Das wird die Eistruhe sein.“ – „Willst du ein Eis?“ – „Nicht aus einer brummenden Eistruhe. Das ist mit nicht geheuer.“

Der Typ drehte sich nochmal zu uns und sagte laut: „Das ist doch sagenhaft, dass man auf eine einfache Frage keine Antwort bekommt. Bist du nun behindert oder nicht?“ Der eine junge Mann sagte erneut und diesmal ziemlich nachdrücklich: „Da vorne spielt die Musik!“ Unglaublich!!! Und dann ging er auch noch um die beiden Männer herum, stellte sich vor Sofie und fragte erneut: „Warum hast du so fette Beine?“ Jetzt platzte Sofie der Kragen: „Herrje! Sind Sie nicht ganz dicht oder was? Ich frag Sie doch auch nicht, wieso Sie trotz Diabetes Schokolade einkaufen! Lassen Sie mich in Ruhe und kümmern Sie sich um sich selbst, damit haben Sie genug zu tun.“ Etliche Leute schauten herüber oder drehten sich um, falls sie nicht sowieso schon die ganze Zeit guckten. Der Typ hatte nicht genug: „Es ist schon erstaunlich…“ – Sofie unterbrach ihn: „Ach halt die Klappe!“

Sie sagte zu mir: „Lass uns eine Reihe weitergehen.“ Dumm, dass wir schon so weit vorne waren und uns nochmal neu hätten anstellen müssen. Ein anderer Herr mit Hut mischte sich ein: „Nun lassen Sie doch mal die Mädchen in Ruhe. Was soll denn das.“ In diesem Moment sah ich hinter der Kasse einen Mann im weißen Kittel, der sich mit verschränkten Armen das Schauspiel anschaute. Als ich ihn anschaute, kam er in unsere Richtung und bahnte sich gegen den Strom den Weg durch die wartende Schlange. Stellte sich neben die beiden jungen Männer und lehnte sich mit verschränkten Armen mit dem Gesäß gegen das Laufband. Und wartete. Dann sagte der ältere Herr: „Was glotzen Sie so blöd? Haben Sie nichts zu tun?“

Als hätte der darauf gewartet, antwortete er: „Da vorne steht ein Herr vom Sicherheitsdienst. Dem geben Sie gleich mal ihren Namen. Und dann war es heute das letzte Mal, dass Sie hier eingekauft haben.“ – „Ich denke gar nicht dran.“ – „Gut, dann sind Sie vorläufig festgenommen und warten mit uns auf die Polizei zwecks Personalienfeststellung.“ Der Typ ließ alles stehen und liegen und ging wutschnaubend nach draußen. Sowohl der Mitarbeiter als auch der Typ vom Sicherheitsdienst ließen ihn ziehen. Der Mitarbeiter im weißen Kittel drängelte sich wieder durch die Schlange und sagte zur Kassiererin: „Der Spinner hat hier ab sofort Lokalverbot. Ich will den hier nicht mehr sehen.“ Die Kassiererin nickte.

Nebenan war ein Getränkemarkt. Hätten wir gewusst, was uns dort erwartet, wären wir zwischendurch noch woanders durchgebummelt. In dem Getränkemarkt arbeitet ein junger Mann mit einer kognitiven Einschränkung. Sein Job: Älteren und gehbehinderten Kunden die Kisten ins Auto laden oder, falls nötig, auch gleich den Einkaufswagen mit den Kisten drauf schieben. Der Typ nimmt seine Aufgabe bierernst, Sofie spricht ihn immer schon mit „Chef“ an. Er wäre am liebsten der Chef, klar. Ich glaube, der Typ ist derjenige, der auf dem ganzen Grundstück das meiste Trinkgeld bekommt. Er macht einen guten Job. Wenn gerade niemand gebrechlich genug aussieht, fegt er in seinem blauen Kittel und mit einem Besen in der Hand zum 20. Mal den Weg. So auch heute. Sofie sprach ihn an: „Hallo Chef, alles klar bei Ihnen?“ Er nickte aufgeregt. „Könnten Sie meiner Freundin und mir wohl bei ein paar schweren Kisten helfen?“ – „Aber selbstverständlich, junge Frau, das kann sofort losgehen!“, kam als Antwort. Mit leichtem Sprachfehler. Der Besen wurde weggestellt.

Wenn er uns hilft, kaufen wir immer gleich auf Vorrat ein. Acht Kisten. Während wir durch den Laden gingen, begegneten wir dem Typen von eben. Und er konnte es nicht lassen, nochmal anzufangen: „Ah, ich sehe, behindert und behindert passt gut zusammen. Nur dass sie da“, er deutete auf Sofie, „eine Spinnerin ist.“ Er hatte noch nicht fertig gesprochen, da bog in forschem Schritt ein anderer Typ, ebenfalls ein ziemlicher Schrank (wenn man im Getränkemarkt arbeitet, bekommt man wohl automatisch ziemlich ausgeprägte Muskeln) im blauen Kittel aus dem Lager kommend um die Ecke. Ob er dem vorbeugen wollte, dass unser behinderter Schrank dem das Mundwerk poliert oder ob er seinem Kollegen beistehen wollte, weiß ich nicht. Jedenfalls stellte er sich vor unseren Streithahn, streckte den Arm in Richtung Tür und sagte: „Raus. Sofort. Und lass dich hier nicht wieder blicken. Zisch ab.“ – Der Typ holte Luft, aber der Mitarbeiter fuhr ihm gleich über den Mund: „Ich will nichts hören. Raus. Hau ab!“

Während der Streithahn seinen Einkaufswagen stehen ließ und langsam in Richtung Ausgang trottete, ging der Mitarbeiter, die Fäuste geballt und die Brust rausgestreckt im Abstand von 50 Zentimetern hinter ihm her. Er laberte irgendwas. „Noch ein Ton und ich feuer dir ein paar. Raus jetzt. Und zwar zackig. Wirds bald.“ Als er wiederkam, erzählte ich ihm, dass der Spinner nebenan eben auch schon Hausverbot bekommen hatte. „So ein Wichser. Aber das liegt heute irgendwie am Wetter. Das ist schon der Dritte heute. Einer hat hier randaliert, der nächste war volltrunken und wollte hier im Laden rauchen.“

Ich beschwere mich ja so oft über meine Umwelt. Fehlende Zivilcourage und so. Das waren doch mal zwei sehr erfreuliche Beispiele, wo jemand mal Popo in der Hose hatte. Was mir immernoch nicht klar ist, ist, was die Aktion von dem Typen sollte. Was sollte das bringen? Selbst wenn Sofie einige Schritte laufen könnte, wäre es doch ihre Entscheidung, wann sie ihren Rollstuhl benutzt und wann nicht! Aber vermutlich war der Typ ohnehin ein bißchen krank im Kopf. Insofern lohnt es sich nicht, sich noch darüber aufzuregen. Aber die Zivilcourage der beiden Mitarbeiter war mir ein Posting wert.