Giftblätter und Giftnudeln

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Am Freitag gab es Halbjahreszeugnisse. Zuerst die gute Nachricht: Ich habe mich in keinem einzigen Fach verschlechtert. (In Klammern die Noten vom Vorjahr.)

Deutsch 14 (14, 13)
Mathematik 10 (10, 10)
Englisch 14 (13, 14)
Pädagogik 13 (13, 12)
Psychologie 12 (12, 12)
Französisch n.e. (n.e., n.e.)
Spanisch n.e. (n.e., n.e.)
Biologie: 10 (09, 09)
Chemie: 09 (09, 06)
Politik, Gesellschaft, Wirtschaft: 09 (08, 07)
Kunst: befreit
Musik: befreit
Darstellendes Spiel: befreit
Religion: n.e. (n.e., n.e.)
Philosopie: 08 (n.e., n.e.)
Sport: 15 (befreit, befreit)

Ja. Richtig gelesen. Uschi hat mir in Sport 15 (in Worten: fünfzehn!) Punkte gegeben. Also volle Punktzahl. Es gab nur noch zwei andere Leute, die ebenfalls 15 Punkte in Sport bekommen haben. Eine ist Leistungsturnerin, der andere spielt in einem Bundesnachwuchskader Fußball. Sofort, also wirklich keine 2 Minuten nach Verteilung der Zeugnisse, fingen die ersten Mitschülerinnen zu labern an, dass sie mir diese 15 Punkte nicht gönnen. Es ist wirklich immer wieder dasselbe Spiel. Und es sind immer wieder dieselben Leute. Und sie schießen jedes Mal aus dem Abseits. Und lernen nichts dazu.

Wie bei „stille Post“ flüsterten sich die Leute zu: „Jule hat 15 Punkte in Sport bekommen. Das geht gar nicht.“ Inzwischen ignoriere ich das weitestgehend, bis dann solche Sprüche kamen wie: „Die hat sich nicht getraut, 14 zu geben, weil ihr dann Behindertenhass unterstellt worden wäre.“ Oder: „Uschis Liebling.“ Oder: „Bei Behinderten kannst du halt keine Leistung beurteilen, da zählt dann nur, ob du mitgemacht hast und die 15 motiviert dann für das nächste Jahr. Das ist alles nur Psychologie, da kommt unser eins gedanklich nicht mit.“ Ich konnte mir nicht verkneifen, den Stinkefinger zu zeigen. Viel lieber noch hätte ich ihr meinen halbvollen Joghurtbecher diagonal durch den Raum auf den Schoß gefeuert. Und die Wasserflasche hinterher. Die tun so, als wenn die 15 Punkte, die ich bekomme, von ihren Punkten abgezogen werden. Ich fand mich in Philosophie auch besser als 08 Punkte, besser als meine Nachbarin, die 10 Punkte hat, trotzdem mache ich da nicht so einen Alarm.

Immerhin: Ich hörte in dem ganzen Getuschel auch zwei oder drei Leute, die sagten: „Find ich völlig berechtigt. Ist doch wohl nur Schwimmen beurteilt. Und im Kraulen hängt sie uns alle ab. Und sie schwimmt ohne Beinschlag.“ Oder einer: „Ihr kotzt mich so an mit eurem Gewäsch.“ – Ich hasse es, wenn sich Leute meinetwegen streiten. Oder meinetwegen schlechte Stimmung ist. Mit Neid und Missgunst oder Engstirnigkeit kann ich ja noch einigermaßen leben. Und ich hasse das, wenn ich dabei knallrot im Gesicht werde. Weil es mir peinlich ist und weil ich mich ärgere. Und jeder das auch noch sieht. Während ich versuchte, aufmerksam zuzuhören, merkte ich nicht, dass der Lehrer vorne auch aufmerksam zuhörte. Es war sowieso gerade sehr laut, da alle über ihre Zeugnisse quatschten. Nur als mein Blick einmal nach vorne schweifte, sah ich das. Und nach und nach schauten auch die Lästerschwestern nach vorne und eine nach der anderen brach mitten im Satz ab. Gewissensbisse?

Es wurde stiller und stiller. Bis irgendwann niemand mehr redete und alle nach vorne schauten. Der Lehrer zeigte auf alle fünf Lästerschwestern und zählte nacheinander durch: „Eins, zwei, drei, vier, fünf. Sie kommen bitte mal nach vorne.“ – Murren, Stühle rücken, unmotiviertes Nachvornetrotten. Die erste der fünf Giftnudeln bekam einen Stift in die Hand gedrückt. „Sie malen bitte einen Gliederungspunkt an die Tafel und schreiben dahinter Ihr stärkstes Argument, warum eine Schülerin mit einer körperlichen Behinderung keine Höchstpunktzahl in Sport bekommen kann.“ Er deutete auf die zweite: „Sie sind die nächste.“

Ich machte mich auf den Weg nach draußen. „Wo wollen Sie hin?“ fragte mich der Lehrer. – „Auf die Toilette. Ich muss mich übergeben.“ Ich fuhr auf den Flur und donnerte die Tür hinter mir ins Schloss. Kaum war die Tür zu, ging sie wieder auf. Meine Tischnachbarin kam hinterher. Ich hörte nur noch ihre letzten Worte: „Wir kotzen zusammen.“ Dann krachte die Tür abermals ins Schloss. Ich fragte sie: „Willst du einen heißen Kakao?“ Wir fuhren zum Kakaoautomaten, setzten uns ans Fenster und ließen uns die Sonne aufs Gesicht scheinen. Nach gefühlten drei Minuten sagte ich, ohne die Augen zu öffnen: „Ich könnte denen manchmal so derbe die Fresse polieren.“

Meine Banknachbarin sagte: „Ich verstehe nicht, was das soll. Das kann denen doch scheißegal sein, was du für eine Note bekommst. Vor allem wissen sie doch, dass sie sich mit dieser blöden Tour auf ganz dünnes Eis begeben. Die wissen doch, wie Herr … tickt, das ist doch schon vorprogrammiert, dass die jetzt Ärger kriegen. Anstatt dann einfach mal die Klappe zu halten und drüber nachzudenken, warum ich keine 15 Punkte in Sport habe.“

„Ach die merkt doch nichts mehr. Weißt du, wenn ich von 40 Schwimmstunden gefühlte 25 nicht dabei bin, weil ich jede zweite Woche meine Tage habe, dann ist das in meinen Augen nicht mal ausreichend. Wenn ich dann in einem Bikini ankomme, der so geschnitten ist, dass er, sobald ich bißchen Gas gebe, verrutscht, dann kann man doch schon fast unterstellen, dass die schon zu Hause eingeplant hat, keine Leistung zu bringen. Dass ihr da pro Stunde mindestens ein Mal die Äppel rausfallen, imponiert doch beim dritten Mal nicht mal mehr einem Schmierlappen als Sportlehrer. Hat mindestens sechs verschiedene Bikinis, nimmt ihren iPad mit in die Schwimmhalle, aber hat keine 25 Euro für einen schlichten Badeanzug übrig. Und genauso wie ihre Einstellung ist auch ihre Leistung. Und dann reicht es eben nicht für 15 Punkte. Weißt du, wieviele sie hat?“

Meine Banknachbarin schüttelte den Kopf. „Ist mir auch egal. Ich bin ja mal gespannt, was die da an die Tafel schreiben.“ Wir tranken unsere Becher leer und beschlossen, wieder reinzufahren. Als erstes machte ich ein Handyfoto vom Tafelbild. Die einzelnen Punkte:

• Körperbehinderte können keine körperlichen (Höchst-) Leistungen erbringen
• Behinderte und nicht Behinderte kann man in den Leistungen nicht vergleichen
• Nicht behinderte Lehrerin kann Leistung von Behinderten nicht objektiv beurteilen
• Behinderte bekommen einen Mitleidsbonus
• Behinderte sind „seelisch verwundet“ wegen ihres Körpers und eine Bewertung des Körpers als Schulnote ist gemein und nicht zielführend, deshalb nur Bestnoten
• Behinderte haben viele Fehlzeiten und deshalb wird in nicht so wichtigen Fächern wie Sport ausgeglichen
• Behinderte stehen wegen ihren Bedürfnissen (besondere Dusche, Einzelumkleide etc.) im Fokus und werden verstärkt wahrgenommen
• Lehrer sind geneigt, bauliche Barrieren und fehlendes Leistungsangebot durch gute Benotung „auszugleichen“
• Behinderte müssen besonders motiviert werden
• Es ist politisch ein heißes Thema, wenn Behinderte kritisiert werden. Daher Note eher zu gut.

Strukturierter und fundierter, als ich zunächst dachte. Dann kam die Aufgabe: „Sie fünf werden sich in der nächsten Woche zusammensetzen und am kommenden Freitag ein 45-Minuten-Referat halten, in dem genau diese 10 Thesen beleuchtet werden. Parallel suchen Sie bitte im Internet in den einschlägigen Schulgesetzen und deren Anlagen nach den Kriterien für eine Leistungsbeurteilung im schulischen Sportunterricht und stellen die nötigen Zusammenhänge her. Die zweiten 45 Minuten diskutieren wir das Thema. Die Kriterien für die Leistungsbeurteilung schreiben Sie bitte stichwortartig auf ein DIN-A4-Blatt zusammen und geben mir das vorher zum Kopieren. Wenn Sie das im Internet nicht finden, sprechen Sie mich am Dienstag im Lehrerzimmer an, dann suchen wir gemeinsam. Machen Sie im Referat bitte deutlich, wer von Ihnen was genau erarbeitet hat, denn die Arbeit wird bewertet.“

Man darf gespannt sein, oder? Ich bin gespannt.

Viel zu glücklich

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Da bin ich gestern zum Krafttraining und zur Physiotherapie in der Klinik, sitze in einer riesigen Sporthalle, in der an den Seiten etliche (ich glaube, es sind 62) Kraft- und Trainingsgeräte installiert sind, und zwar auf einem Teil, auf dem man gezielt seine Schultermuskulatur trainieren kann. Gezieltes Muskeltraining ist bei mir wichtig, da ich ja durch das Rollstuhlfahren und die ständigen Transfers meine Arm-, Rücken- und Schultermuskulatur einseitig belaste und es ohne regelmäßiges Training der anderen (entgegengesetzten) Muskeln schnell zu Verschleißerscheinungen kommt. Und meine Arme brauche ich noch ein wenig…

Insofern habe ich ein von einem Sporttherapeuten ausgearbeitetes Bewegungsprogramm und muss nacheinander an verschiedene Geräte und dort entsprechende Übungen machen. Zwar nicht unter direkter Anleitung, aber unter Aufsicht. Damit man auch alles richtig macht.

Jedenfalls rollen und rennen da immer ganz viele Leute herum, einige hatten eine Knie-OP, andere Knochenfrakturen, manche haben eine neue Hüfte bekommen, und so weiter – nicht alle sitzen im Rollstuhl. Da geht ein Typ, braungebrannt, um die 50, ein weißes Handtuch locker über die Schultern gelegt, vor meinem Gerät vorbei, sieht meinen Rollstuhl, grinst mich an, schnappt sich diesen und rollt ihn vor sich her. Ich: „Hallo?! Wo wollen Sie damit hin? Lassen Sie den mal stehen!“

Der Typ guckt mich an: „Ich wollte den zu den anderen da hinten an den Rand stellen!“ Am Halleneingang stehen immer so ein paar Gurken herum, für Rollstuhltraining, für spontanes Basketballspiel, für alles mögliche. Was fällt dem Typen ein?! Ich sagte: „Nein, lassen Sie den mal stehen hier bitte.“ Ich glaube, ich spinne.

„Der steht doch hier nur im Weg rum“, antwortete er und ging weiter. – „Sie stellen jetzt sofort meinen Rollstuhl hier wieder her!“ befahl ich ihm in energischem Tonfall, der sich einigermaßen deutlich über den eher lauten Grund-Geräuschpegel (Gelaber, Trainingsgeräte, Musik) in der Halle hinweghob. André, der Sporttherapeut, der gerade am Schreibtisch saß und „Hallenaufsicht“ hatte, wurde auf das Spektakel aufmerksam und schaute herüber. Er guckte mich auf eine Entfernung von rund 25 Metern irritiert bis fragend an und zuckte mit den Schultern. Ich deutete auf den Typen, der mit meinem Rolli abhaute. André verdrehte die Augen, machte eine Scheibenwischergeste und erhob sich aus seinem Drehstuhl.

Der Typ schaute mich an. „Ist das Ihr Rollstuhl?“ – „Ja, stellen Sie ihn bitte wieder hierhin.“ – „Das ist nicht Ihr Rollstuhl.“ – „Stellen Sie ihn bitte wieder hier hin!“ – „Sie sitzen nicht im Rollstuhl, Sie nehmen mich auf den Arm.“ – Genervt sagte ich es nocheinmal: „Stellen Sie jetzt meinen Rollstuhl hier wieder hin!?!“ – In Gedanken trat ich ihm gerade einmal so kräftig in den Hintern, dass er im hohen Bogen aus der Halle flog. André war im Anmarsch, sozusagen auf halber Strecke. Der Typ guckte mich mit großen Augen an, die Hände immernoch an meinem Rollstuhl. Ich wiederholte: „Den Rollstuhl. Hier. Wieder hinstellen!“

André erreichte die Nervensäge: „Was ist hier los?“ – Der Typ drehte sich um. „Ich wollte den Rollstuhl zu den anderen da hinten stellen. Der steht hier im Weg rum.“ – Ich fass es nicht. André antwortete: „Der gehört der Frau und Sie stellen den da jetzt wieder hin und machen Ihre Übungen weiter, ja?“ – „Aber die Frau muss doch nicht wirklich in einem Rollstuhl sitzen, oder? Sie sieht so glücklich aus!“

Meine Geduld war am Ende. „André!“ sagte ich genervt. Der nahm dem Mann meinen Rollstuhl aus der Hand, stellte ihn wieder vor mein Gerät und schob den Typen weg. „Jetzt ist mal genug. Sie können hier nicht die anderen Patienten belästigen. Machen Sie Ihre Übungen und dann gehen Sie wieder auf Station. Um den Rest kümmern wir uns schon.“ – „Ich wollte ja niemanden belästigen. Aber die junge Frau sieht so glücklich aus. Muss die wirklich im Rollstuhl sitzen? Warum denn bloß? Hatte sie einen Motorradunfall? Bestimmt mit ihrem Freund, so jung, und er hat nicht aufgepasst.“ – André sagte noch einmal energisch: „Es reicht!“

Muss ich irgendwelchen dahergelaufenen Typen, die versuchen, meinen Rollstuhl zu klauen *zwinker*, mein Lebensschicksal erklären? Nein, muss ich nicht. Ich schreibe einen Blog im Internet und schreibe über alles mögliche. Ich rede viel mit anderen Menschen und ich rede auch und intensiv über meine Behinderung. Wenn es jemanden interessiert. Ich erwarte nicht, dass sich mein Gesprächspartner jemals mit dem Thema beschäftigt hat, ich erwarte keine politisch korrekten Ansichten, ich erwarte nicht, dass er mitfühlt, versteht oder gute Tipps gibt. Ich kann mit dummen Sprüchen leben, mit Gaffern, mit Überforderten. Aber dass jemand wegen meiner guten Laune meine Behinderung in Frage stellt, das geht nun wirklich mal zu weit. Das finde ich schlichtweg empörend und erniedrigend. Das ist etwas, was mich trifft.

Der wilde Wilde Westen

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Neulich blieben wir beim Fernsehen in unserem WG-Gruppenraum einen Moment lang an einer Sendung hängen, in der Ausschnitte aus der legendären ZDF-Hitparade von vor 30 Jahren gezeigt wurden. Wir amüsierten uns über eine Band, inzwischen habe ich nachgeschaut, sie hieß „Truck Stop“, die sang: „Der wilde Wilde Westen fängt gleich hinter Hamburg an…“

Ich finde, diese Band hat Unrecht. Inzwischen fängt der wilde Westen direkt in Hamburg an. Am letzten Freitag fuhr ich mit meinem Viano, der inzwischen nicht mehr zugeparkt war, quer durch Hamburg zu einer verkehrsmedizinischen Untersuchung. Ich bin von der Führerscheinbehörde aufgefordert worden, jetzt, rund zwei Jahre nach meiner Fahrprüfung und nach Vollendung des 18. Lebensjahres, mich erneut körperlich auf Fahrtauglichkeit untersuchen zu lassen. Ein Spektakel, das viele Menschen mit körperlicher Behinderung immer wieder über sich ergehen lassen müssen, wenn sie ihre Fahrerlaubnis (erlangen oder) behalten wollen. Irrsinnig ist es aus meiner Sicht aber dann, wenn sich an den körperlichen Einschränkungen nichts mehr ändert. Vor allem, weil die ganze Geschichte jedes Mal ein paar Hundert Euro kostet und man das natürlich selbst bezahlen muss.

Auf dem Weg dorthin glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen. Vor mir fuhr ein Smart, dessen (geteilte) untere Heckklappe geöffnet war. Aus dieser Hecköffnung kamen drei Bindfäden heraus und an diesen Bindfäden hatte der Fahrer drei jeweils zwei Meter hohe Tannenbäume befestigt. Vermutlich die Reste vom Feste. Diese zog er, rund 50 km/h fahrend, wie einen Schlitten hinter sich her. Die Bäume rutschten über den Asphalt und tanzten wild hin und her, streiften und berührten parkende Autos … ich dachte mir so: Wenn der jetzt mal scharf am Zebrastreifen bremsen muss, überholen diese Bäume mit dem Stamm voraus das Auto und erschlagen den Fußgänger. Oder holen im Vorbeifahren einen Radler von seinem Drahtesel. Ganz zu schweigen von den Kratzern im Lack, wenn die Bäume an parkenden Autos vorbeischrammen. Ich sag ja: Wilder Westen.

Andere Leute machen so einen Schwachsinn und ich muss mich auf meine körperliche Fahreignung untersuchen lassen. Ich könnte schon wieder kotzen. Ich saß in einem Wartezimmer, neben mir eine ältere, sehr korpulente Frau. Knarrender Holzfußboden, hohe Decke, Halogenspots leuchteten auf Bilder an der Wand, zwischen ein paar Stühlen lagen auf Mini-Tischen ein paar alte Zeitschriften. Die alte Frau torkelte auf die Toilette. Ein älterer Mann im weißen Kittel kam rein, winkte mich ohne ein Wort mit dem Zeigefinger zu sich heran und trottete vorweg. Mein Herz klopfte bis in den Hals, schließlich könnte dieser Mann ja (irrtümlich?) feststellen, dass ich zum Autofahren körperlich nicht (mehr) geeignet bin.

Er schloss die Tür hinter mir, bat mich, vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Er setzte sich langsam und stöhnend auf seinen Stuhl, dann schaute er mich an. „Wieso sitzen Sie in einem Rollstuhl?“ – „Hm. Ich kann nicht laufen.“ antwortete ich. Er fragte weiter: „Seit wann ist das so?“ – „Seit zweieinhalb Jahren etwa.“ – „Geht gar nicht mehr?“ fragte er.

War das jetzt ein psychologischer Test, wie ich mit meiner Behinderung umgehe? Welche Einstellung ich dazu habe, was ich realisiert habe? Rechnen muss man bei solchen Untersuchungen ja mit allem. Oder hatte der die Akte nicht gelesen? Wieso gerate ich immer an solche Leute? Ich blieb freundlich. „Nein, geht gar nicht mehr. Querschnitt halt.“ – Er guckte mich mit großen Augen an. „Querschnitt? So so. Querschnittssymptomatik meinen Sie. Hat das mal ein Neurologe festgestellt?“

„Die behandelnde Klinik hat das festgestellt, welcher Arzt und welche Fachrichtung der jetzt hatte, weiß ich nicht.“ – Der Typ nickte. „Wo haben Sie denn Ihre Hörhilfe? Oder nehmen Sie die nur beim Fahren rein?“ – „Wie bitte?“ – Der Typ sprach lauter: „Ihre Höööörhilfe!“ – Ich runzelte die Stirn. „Ich hab keine Hörhilfe. Ich brauche auch keine.“ – Er fing an, in der Akte zu blättern. „Sie haben doch aber eine Auflage im Führerschein, dass Sie eine Hörhilfe links tragen müssen.“

„Davon weiß ich ja noch gar nichts.“ – Der Typ seufzte. „So wird das nichts“, sagte er. Ich kramte meinen Führerschein raus. „Da steht nichts von Hörhilfe. Welche Codenummer soll das sein? Das sind alles nur die Auflagen für meine Handbedienung. Servolenkung, Handbetätigung für Gas und Bremse, da ist nichts mit Hörhilfe.“ – Es klopfte an der Tür. Eine Frau in weißem Kittel kam rein. „Sind Sie Julia …?“ – Ich nickte.

„Dann kommen Sie mal mit. Herr Kollege, das ist meine Patientin. Ihre sitzt im Wartezimmer.“ Ich glaubte zu träumen. Kopfschüttelnd fuhr ich ohne ein weiteres Wort hinter der Frau hinterher. Ich kam an der korpulenten Frau im Wartezimmer vorbei. Sie trug links ein Hörgerät. Ich dachte nur leise: „Ich werd hier wahnsinnig.“

Die Frau, schätzungsweise Ende 50, nahm mich mit in ihr Zimmer, gab mir die Hand, schloss hinter mir die Tür, musterte meinen Rolli und sagte: „Sportlich, sportlich. So, was ist denn von Ihrem Querschnitt noch übrig geblieben? Hat sich da was verändert?“ – Ich schüttelte den Kopf. „Kaum. Man gewöhnt sich halt dran im Laufe der Zeit. Aber die körperlichen Funktionen und Ausfälle sind gleich geblieben.“ – „Ich möchte einmal ihren Blutdruck messen und Ihnen einmal Blut abnehmen. Haben Sie öfter Kreislaufprobleme?“ – Ich schüttelte den Kopf. Nach 10 Minuten war alles vorbei.

Die Ärztin sagte: „Wenn jetzt im Blut nicht noch irgendwas komisches zu sehen ist, hat sich das für Sie erledigt. Ich habe keine Zweifel an Ihrer Fahreignung.“ – „Danke. Ich hätte noch eine Bitte: Könnte man eventuell diese Intervalle der Wiedervorstellung verlängern? Bei mir ändert sich doch nichts mehr.“ – „Das entscheidet immer die Behörde, ob sie Sie nochmal begutachten lässt. Bei frischen Querschnitten und sehr jungen Leuten macht man das meistens noch einmal, aber ich werde jetzt auch schreiben, dass das nicht erforderlich ist. Dann werden Sie zu 95% auch nicht mehr angeschrieben.“ – „Vielen Dank.“ Und tschüss.

Heute nun lese ich in der Zeitung einen weiteren Artikel zum wilden Westen Hamburgs. Gestern soll eine Frau, Anfang 30, mit einem Opel Corsa in Lurup mitten auf der Kreuzung eine Vollbremsung gemacht haben, um zu provozieren, dass eine andere Frau mit ihrem Golf hinten draufsemmelt. Es kam nicht zum Unfall, aber an der nächsten roten Ampel stieg die Golffahrerin aus und fragte die Corsafahrerin vor ihr, ob sie noch ganz bei Trost sei. Einzige Antwort der Corsafahrerin: Sie nahm die Golffahrerin auf die Haube und fuhr mit ihr einige hundert Meter durch die Gegend, bis andere Fahrzeuge sich dem Corsa in den Weg stellten. Die Corsafahrerin kippte die Golffahrerin bei Mc Donalds in die Einfahrt und versuchte, den vierspurigen Rugenbarg (mit bebautem Mittelstreifen!) diagonal zu überqueren. Dabei blieb sie in der Mittelbebauung hängen und wurde dann von anderen Fahrzeugen eingekesselt. Vorher hatte sie noch eine andere Frau im Rückwärtsgang angefahren.

Dieser Vorfall ereignete sich übrigens fast genau dort, wo mich vor zweieinhalb Jahren die Crash-Oma auf die Haube genommen hat, um mir zu zeigen, wer Vorfahrt hat. Gibt es da böse Ströme unter oder über der Kreuzung? Oder handelt es sich bei der aktuellen mutmaßlichen Täterin um eine Verwandte oder Bekannte der Crash-Oma?!

Die Nummer 300

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Ja, es ist schon wieder soweit. Ich habe schon wieder 100 Einträge geschrieben. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal die 300 erreichen würde.

Inzwischen waren über 125.000 Besucher hier, davon alleine 75.000 im letzten halben Jahr, das sind zur Zeit durchschnittlich 400 Besucher pro Tag. Am Anfang waren es vier. Wo soll das noch hinführen?

In meinen Statistiken habe ich gerade gesehen, dass hier neuerdings auch Leute aus Japan regelmäßig diese Seiten aufrufen. Über Tansania hatte ich mich ja schonmal gewundert, aber jetzt auch noch Japan…

Die meisten Kommentare hatte bisher übrigens mein Eintrag zum 18. Geburtstag: Ganze 55 Leser schrieben etwas dazu! Darüber, wie auch über alle anderen netten Kommentare, freue ich mich besonders.

In diesem Sinne: Auf die nächsten 100!