Einer dieser Tage

17 Kommentare4.555 Aufrufe

Heute war wieder einer dieser Tage, den man am besten ganz und gar vom Kalender streicht. Zumindest von meinem Kalender.

Heute morgen fuhr ich zur Schule, mit meinem Viano. Als erstes wunderte ich mich über eine Kontrollleuchte, die mir anzeigte, dass vorne rechts der Scheinwerfer nicht funktionierte. Also fuhr ich in der Freistunde schnell zur Vertragswerkstatt. Gleich wechseln? Nö, geht nicht, zu viel zu tun. Und Garantie ist das auch nicht, das unterliegt dem natürlichen Verschleiß. Ey hallo? Die Funzel ist noch nicht mal ein halbes Jahr alt.

Also fuhr ich mit der Bahn zurück zur Schule. Auf dem Bahnhof kam dann so ein Typ auf mich zu, von dem ich nicht wusste, was er (nicht) genommen hatte. Seine Jeans sah aus, als hätte er sich damit einmal gepflegt in den Matsch gelegt. Als er auf mich zukam, fuhr ich erstmal ein Stück weiter. Dann eierte um eine Infosäule herum und ging wieder hinter mir her. „Ey Schnecke, wollen wir zusammen was trinken gehen?“ – Ich sagte: „Nee lass mal, ich muss noch fahren.“ Und entfernte mich ein Stückchen.

Er kam hinter mir her. „War ja nicht böse gemeint!“ – „Nee schon gut.“ Ich fuhr wieder ein Stück in die andere Richtung. Er kam wieder hinter mir her. „War nicht böse gemeint!“ – „Ja, hab ich verstanden. Alles in Ordnung.“ Wieder entfernte ich mich. Eine Minute verging, dann kam er erneut zu mir: „Wollen wir wirklich nicht was trinken gehen?“ – „Darauf habe ich schon geantwortet, jetzt ist mal gut.“

„Ich wollte ja nur mal fragen!“ sagte er. „Das wird man ja wohl mal dürfen. Wie lautet denn die Antwort?“ – „Die Antwort lautet ‚Nein, ich möchte nicht.'“ – Er schaute mich an, als hätte ich ihn übel beschimpft. Dann kam er wieder auf mich zu, wollte mich umarmen. Ich rollte zurück. Er hatte seine Bewegungen nicht mehr so ganz unter Kontrolle, stolperte und fiel hin. Ich entfernte mich ein Stück. Dann stand er wieder auf, kam in schnellem Schritt auf mich zu und wollte mich wieder umarmen. Ich brüllte ihn an: „Jetzt lassen Sie mal gut sein!!“ – Ein Typ mit einer HSV-Jacke mischte sich ein, stellte sich vor die Nervensäge, drückte ihn mit der Hand von mir weg. „So, du gehst jetzt mal drei Meter weiter und lässt die Frau mal in Ruhe. Sonst werde ich böse.“ Ein zweiter Typ stellte sich zwischen den Störer und mich, nahm mit mir Blickkontakt auf. „Das stellen wir jetzt mal ab“, sagte er. Ich bedankte mich.

Der Typ schwafelte noch mindestens zehn Mal, dass er es ja nicht böse meine, die HSV-Jacke nickte immer wieder. Dann kam endlich die Bahn. Ich suchte mir gleich einen anderen Waggon. Thema erledigt.

Als ich mittags nach der Schule das Auto wieder abholte, wunderte ich mich über die Rechnung: 42 Euro für einmal Glühbirne wechseln. Was für eine Abzocke!

Nach dem Mittag wollte ich mit Sofie noch zum Einkaufen und zur Apotheke. Ich hatte deswegen extra draußen geparkt und nicht in der Tiefgarage. Selbstverständlich hatte mich jemand so eingeparkt, dass ich nicht mehr in mein Auto kam. Okay … wir haben ja noch ein zweites Auto. Also fuhren wir mit dem Golf, den wir ja für die WG behalten hatten.

Die Straße direkt vor dem Supermarkt ist zweispurig (eine pro Richtung), neben der Fahrbahn ist ein Rad- und ein Fußweg. Die Fahrbahn ist relativ breit, es wird hier gerne schneller gefahren, entsprechend auch gerne geblitzt. 50 ist erlaubt, Tacho 55 fuhr ich. Hinter mir fuhr ein VW Bus extrem dicht auf, keine Ahnung, ob er mich anschieben wollte …

Auf dem Radweg fuhr ein Vater mit seinem Kind. Der Vater vorweg, das Kind, schätzungsweise 6 Jahre alt, auf einem Kinderfahrrad hinterher. Plötzlich, ohne Vorwarnung, ohne dass das Kind irgendwo anders hinschaut, ohne irgendeinen Anschein, biegt das Kind nach links ab, fährt den Bordstein runter und ist dabei, die Fahrbahn diagonal zu überqueren. Und kreuzt dabei selbstverständlich unseren Fahrweg.

Wie aus Reflex, wie ein Automat habe ich gehupt und voll gebremst. Was sonst sollte ich auch tun? Das Kind drehte sich blitzartig um, hatte sich wohl durch das Gehupe erschrocken und stürzte. Mitten auf meiner Fahrspur. Und ich bremste. Bremste. Hinten knallte es. Scheibenklirren. Knirschen. Ich bremste. Bremste. Es nahm kein Ende. Das umgefallene Fahrrad, das Kind, das mit erschrockenem Blick auf mein Auto schaute, das immernoch bremste, ich glaube, dieses Bild werde ich so schnell nicht mehr vergessen. Ich erinnere mich nur noch an einen Gedanken: „Wann kommen wir endlich zum Stehen?“ Je dichter wir in Richtung dieses Kindes kamen, umso größer wurden meine Zweifel, ob wir es noch rechtzeitig schaffen würden. Ich versuchte, nach links so weit wie möglich in den Gegenverkehr zu lenken. Das Auto fuhr nur geradeaus. Ich verzog das Gesicht, erwartete jeden Moment das Knirschen, wenn das Auto auf das Fahrrad trifft. Das alles waren nur wenige Sekunden.

Ich weiß nicht, ob es zwanzig Zentimeter waren oder nur zehn. Das Knirschen blieb aus. Wir standen. Kind nicht berührt. Hinter uns kreischten Bremsen. Ich dachte nur: „Bloß nicht uns jetzt noch auf das Kind schieben.“ Das Kind stand auf, schreiend, ließ das Fahrrad liegen und rannte dem Vater hinterher. Der hatte sich inzwischen umgedreht, in einem großen Bogen gewendet und kam zurückgeradelt. Sprang vom Rad, nahm das schreiende Kind auf den Arm. Ich guckte Sofie an, die auf dem Beifahrersitz saß. Sie war leichenblass. Ich war total zitterig.

Auf der anderen Fahrbahnseite waren die Autos angehalten. Ein Typ machte unsere Tür auf. „Sind Sie verletzt?“ – Ich schüttelte den Kopf. Ende vom Lied: Auto Totalschaden (schluchz), Sofies Rollstuhl, der im Kofferraum stand, Totalschaden (Rahmen verzogen), stundenlang gezittert, jede Menge Ärger. Gegen 16 Uhr hat uns der Abschlepptyp nach Hause gefahren, ohne eigenes Auto, ohne Einkauf. Aber das Kind ist, von ein paar Schrammen von seinem eigenen Sturz abgesehen, unverletzt. Und das ist das Wichtigste. Alles andere lässt sich ersetzen. Auch wenn ich schon nur sehr wehmütig mein erstes eigenes Auto hergebe. Ein letztes Foto:

Zu viel Energie

6 Kommentare5.550 Aufrufe

Wenn man in Hamburg in eine Mietwohnung einzieht und keinen Stromversorger wählt, kommt mit Entnahme von Strom aus der Steckdose automatisch ein Vertrag über eine Grundversorgung mit einem ehemals städtischen Energieversorger zustande. Da wir mit der Organisation der WG erstmal andere Sorgen hatten, als uns um einen vernünftigen Stromversorger zu kümmern, ließen wir das für einige Wochen zu. Bis auf den etwas erhöhten Preis ist das auch kein Problem, da der Vertrag jeweils zum Monatsende gekündigt werden kann.

Irgendwann stellten wir dann fest, dass derselbe Versorger einen attraktiven anderen Tarif hat, der einerseits nur minimal Atomstrom, dafür mehr umweltfreundliche Energien beinhaltet, andererseits ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis hat (im Vergleich zu anderen halbwegs seriösen Anbietern). Also schlossen wir einen entsprechenden Vertrag, der eine Kündigungsfrist von 12 Monaten hatte.

Bereits zum Jahresende, wenige Wochen nach dem Vertragsabschluss, erhielten wir eine saftige Preiserhöhung. Wir kündigten fristlos, denn nun war dieser Tarif alles andere als günstig. Stattdessen liebäugelten wir mit einem neuen städtischen Energieversorger, der ein attraktives Angebot hatte. Nach kurzer Beratung und Abstimmung schlossen wir online einen neuen Vertrag (nur online möglich).

Am Tag darauf bekamen wir schriftlich mitgeteilt, dass die Bestellung eingegangen sei und bearbeitet werde. Nach vier Wochen, kurz vor Lieferbeginn, teilte der neue Energieversorger mit, dass er nicht zum angestrebten Wechseltermin mit der Energielieferung beginnen könne, da wir eine dreimonatige Kündigungsfrist bei unserem bisherigen Energieversorger einzuhalten hätten. Das habe dieser so mitgeteilt und den „Portierungsauftrag“ abgelehnt. Frank schrieb per Fax zurück, dass es sich, wie im Antrag angegeben, um eine fristlose Kündigung wegen Preiserhöhung gehandelt hatte.

Nach weiteren zwei Wochen kam die Antwort, dass es „aus technischen Gründen“ dennoch erst in drei Monaten zum gewünschten Lieferbeginn kommen könne. Gleichzeitig teilte uns das bisherige Energieunternehmen mit, dass wir uns seit wenigen Tagen wieder in der Grundversorgung befänden und bedankte sich für diese Wahl. Ein pikanter Zufall, dass das Unternehmen, das den Portierungsauftrag ablehnte und das nun von uns als Kunden der Grundversorgung profitiert, aus Versehen dasselbe ist. Der Schaden, der uns entstanden ist, liegt aber unter 20 Euro – nicht lohnenswert, dafür eine Klage einzureichen, sagt Frank. Sollten sie das bei jedem Kunden machen, was man natürlich niemals unterstellen darf, und sollten sie davon ausgehen, dass die meisten Kunden sich wegen 20 Euro nicht streiten wollen, könnte man fast einen sehr guten Neben-Gewinn machen.

Frank machte sich aber immerhin die Mühe, den Schriftverkehr mit einem kurzen Anschreiben an die Bundesnetzagentur zu faxen, mit der Bitte um Überprüfung. Nach drei Monaten kam ein vorgefertigtes Schreiben als Antwort, dass bei der Überprüfung des Sachverhaltes keine Unregelmäßigkeiten festgestellt werden konnten…

Nachdem wir nun einen neuen Antrag zum Wechsel aus der Grundversorgung in die Versorgung über das neue städtische Energieunternehmen gestellt hatten, teilte man uns mit, dass in drei Monaten tatsächlich Lieferbeginn sein würde. Als Entnahmestelle der Energie wurde eine Adresse in Buchholz in der Nordheide genannt. Da wohnen wir aber nicht und da wollen wir auch nicht jedes Mal hinfahren, um uns die Haare zu föhnen. Beim näherem Hinsehen fiel auf, dass man in dem Schreiben auch die Kundendaten einer Frau in Buchholz in der Nordheide übermittelt hatte. Auf Franks telefonische Nachfrage beim Datenschutzbeauftragten des Unternehmens teilte dieser mit, dass es sich um eine Datenpanne gehandelt hat und die Kundendaten dieser einen Frau sämtlichen Neukunden als Anschlussdaten übermittelt worden sind. Die betroffene Kundin sei darüber informiert worden und nehme es mit Humor…

In der Zwischenzeit ist fast ein Jahr vergangen. Vier Tage vor Weihnachten bekamen wir Post von unserem städtischen Energieversorger, dass er ab 1. Februar die Strompreise um 9,25% erhöhen möchte, wegen des Gesetzes über erneuerbare Energien.

Einen Tag nach Weihnachten bekamen wir noch einen Brief, in dem der städtische Energieversorger diese Änderungskündigung zurücknahm. Es handelte sich um eine Panne in der Datenverarbeitung.

Zwei Tage später bekamen wir noch einen Brief unseres städtischen Energieversorgers, dass er ab 1. Februar die Strompreise um nunmehr 10,00% erhöhen möchte, wegen des Gesetzes über die erneuerbaren Energien. In der letzten Erhöhung habe sich ein Fehler eingeschlichen.

Noch zwei Wochen später nahm der städtische Energieversorger auch diese Änderungskündigung wieder zurück, da ihm aufgefallen sei, dass sie mit der Sechswochenfrist in seinen AGBs nicht vereinbar sei. Gleichzeitig gab er aber bekannt, die Strompreiserhöhung von 10,00% gelte nunmehr ab 1. März 2011, also einen Monat später. Es habe eine Panne bei der Datenverarbeitung gegeben.

Wenn nun jemand auf die erste Preiserhöhung gekündigt hat, ist die Kündigung unwirksam, denn die Preiserhöhung wurde ja zurückgenommen. Wenn nun jemand auf die zweite Preiserhöhung gekündigt hat, ist die Kündigung ebenfalls unwirksam, denn auch die wurde ja 14 Tage später zurückgenommen. Erst die dritte Kündigung hätte Bestand. Meistens kündigt man ja nicht selbst, sondern beauftragt einen potentiellen neuen Anbieter damit.

Welcher neue Anbieter kann dem Chaos noch folgen und bekommt dieses Hin- und Hergehühner in seine Datenbanksanwendungen gezimmert? Noch dazu, wenn es sich um Unternehmen oder Tarife handelt, die online abgeschlossen werden (und nur die könnten eine ernstzunehmende Konkurrenz für unseren städtischen Energieversorger sein, alle telefonisch betreuten Angebote sind meist teurer)? Ich will ja erneut nichts unterstellen, aber einen fiesen Geschmack hinterlässt es doch im Mund, oder?

Frank sagt, er kennt sich in diesen Bereichen nicht so gut aus. Aber er wäre für die Einführung einer Änderungssperre: Wenn ein Unternehmen seinen Stromtarif geändert hat, darf es erst im übernächsten Quartal erneut erhöhen, auch wenn die Preiserhöhung zurückgenommen wurde. Das heißt: Ist die erste Preiserhöhung falsch und muss diese zurückgenommen werden, darf es mindestens drei Monate keine neue Preiserhöhung mehr geben. Falls es so eine Vorschrift nicht schon gibt und wir sie nur noch nicht kennen.

Flotter Dreier und schlechtes Benehmen

9 Kommentare5.074 Aufrufe

In der Schule steppt zur Zeit der Bär. Am letzten Freitag dieses Monats gibt es Halbjahreszeugnisse, wenige Tage davor sind Zeugniskonferenzen, die letzte reguläre Klausur ist gerade geschrieben, nun müssen noch etliche Nachschreibetermine koordiniert werden. Mein Glück: Ich muss nicht eine einzige Klausur nachschreiben, da ich die Mindestzahl von „einzubringenden Ergebnissen“ erreicht habe. Insofern habe ich nach zwei anstrengenden Wochen erstmal Zeit zum Durchatmen. Aber nur einmal kurz: Im kommenden Halbjahr geht es wegen Studienprojekt, Studienfahrt und einem Praktikum nochmal richtig rund – neben der üblichen Anzahl Klausuren wohlgemerkt.

Das Wochenende war aber erstmal vollkommen gelungen. Wir waren mal wieder im Trainingslager, wieder in Niedersachsen, aber dieses Mal nicht in Hannover. Dafür aber wieder mit den Athleten aus Niedersachsen zusammen, was ich sehr gut fand. Ich musste mich am Freitag ausnahmsweise mal um nichts kümmern, alle anderen Teilnehmer hatten ihre eigenen Fahrmöglichkeiten gefunden, so konnte ich völlig entspannt direkt von der Schule auf die Autobahn und war trotz kurzem Stau bereits um kurz nach drei Uhr da. So gerne ich auch mit anderen Leuten zusammen fahre oder sie mitnehme, so nett kann es auch mal sein, wenn das Auto nicht bis unter das Dach vollgeladen ist und man alles vorher genau organisieren muss!

Das Sportzentrum lag in einem kleinen Kaff, ein paar Kilometer von der Autobahn entfernt, wurde Mitte der Achtziger erbaut und vor einigen Jahren umfangreich saniert. Alle Zimmer rollstuhlgerecht – sowas hab ich noch nicht gesehen. Nicht nach DIN-Norm, aber so, dass Sportler im Rollstuhl sich absolut frei bewegen können und keinerlei Hilfe brauchen. Ich war richtig begeistert! Es war nicht besonders luxuriös, eher sehr einfach, aber dennoch sehr gepflegt und vor allem sehr sauber. Das Essen wurde direkt vor Ort zubereitet und war absolut lecker, großes Buffet, einfach, aber sehr gut.

Kleine Anekdote am Rande: Eine Teilnehmerin aus Niedersachsen kam sehr spät, weil sie eine Autopanne hatten, die Küche hatte schon lange zu, sie fragte beim Einchecken, ob sie vielleicht noch einen Apfel oder eine Banane bekommen könnte, weil sie so großen Hunger habe und auch direkt aus der Ganztagsschule hierher gefahren war. Ich hatte erwartet: „Da hinten ist ein Automat, da gibt es Kekse, Schokolade etc.“ – Stattdessen kam: „Ich mache Ihnen noch schnell ein kleines Tellerchen fertig.“ Und dann hat die Frau (ein Ehepaar leitet die Einrichtung) ihr noch mehrere belegte Brote gemacht, frische Gurkenscheiben, eine Tomate, zwei Äpfel … die meinte es eben gut. War so eine eher rundliche Frau Anfang 60, die sonst immer mit Schürze in der Küche stand und kochte.

Auch beim Essen selbst: Können wir noch Milch bekommen? – Zack, stand die Milch da. Hinterher: Können wir eine Kiste Wasser für das Training bekommen? – Paar Minuten später brachte der Chef fünf Kisten Mineralwasser auf einer Sackkarre in die Sporthalle. „Bitte am Sonntag das Leergut vor den Schuppen stellen.“ – Wir sind da echt verwöhnt worden.

Lisa war auch dabei. Sie kam kurz nach mir. Beziehungsweise: Die Mutter brachte sie. Die Mutter fuhr aber nicht selbst, sondern das machte die Chauffeurin. Ja, richtig gelesen. Eine S-Klasse-Limousine mit Fahrerin. Wenigstens nicht noch in Uniform mit Mütze… Und ihre Sportgeräte? Kamen in einem VW-Bus hinterher, ebenfalls von einem Angestellten gefahren. Ich lernte endlich auch mal die Mutter von Lisa einen Moment länger kennen. Den Vater, er war dieses Mal nicht dabei, hatte ich schon ein paar Mal gesehen und gesprochen. Ich fand beide Elternteile sehr nett.

Die Mutter interessierte sich natürlich, wo ihre Tochter am Wochenende untergebracht war und mit wem sie in einem Zimmer schlafen würde. Viele andere Eltern brachten ihre Kinder auch selbst vorbei und schauten sich das an. Lediglich die älteren Sportler kamen alleine oder mit anderen, älteren Teilnehmern zusammen. Dieses Mal waren auch die „Senioren“ mit bei uns untergebracht. Insgesamt waren wir fast 50 Leute.

Es gab Viererzimmer, die aber nur zu zweit belegt werden mussten. Wir entschieden uns trotzdem, zu dritt ein Zimmer zu nehmen: Cathleen, Simone und ich. Beziehungsweise: In der zweiten Nacht waren wir zu viert. Brauchten allerdings doch nur drei Betten. Cathleen war sich mit einem Typen aus Niedersachsen einig geworden, dass sie kuscheln möchten… Kein Küssen, keine Liebe, kein Sex … aber kuscheln. Und fummeln. Schätze ich. Man bekam davon aber nichts mit. Beide hatten was an, es war dunkel, man hörte nichts, beide waren zugedeckt – allerdings störte sich eine Trainerin aus Niedersachsen daran und machte eine große Szene. Sie hat wohl durch Zufall mitgekriegt, dass die beiden im selben Bett geschlafen haben.

Sie mache sich strafbar wegen Förderung von sexuellen Handlungen Minderjähriger. Meine Güte! Ich bin vielleicht nicht die geborene Jugendleiterin, aber solange sie nicht ungeschützt poppen, sondern nur kuscheln und ein bißchen unter der Decke angezogen fummeln und das noch so diskret, dass es eigentlich keiner mitkriegt … könnte es auch sein, dass sie sich nur gewärmt haben, denn es war nachts eher kühl in den Räumen.

Aber die Trainerin machte sowieso aus allem ein Drama. Fand ich persönlich. Ihr Trainerkollege hat mit seiner Freundin zusammen ein Zimmer gehabt und dort auch eine dritte Person drin gehabt, die wiederum mit der Freundin eng befreundet war. Ob die dadrin einen flotten Dreier gemacht haben oder sich einfach nur gut verstanden haben, ist mir völlig banane. Sollen sie doch. Vielleicht bin ich dafür zu jung, um daran etwas schlimmes zu sehen. Trainer und Freundin waren Mitte 30, die Dritte war 27. Er müsse mit gutem Beispiel voran gehen, forderte die Trainerin aus Niedersachsen. Er hätte ein Einzelzimmer nehmen müssen. Das „Problem“ war nur, dass sich, bis auf diese Trainerin, absolut niemand daran gestört hat.

Absolut knuffig war aber wieder Lisa. Am Freitag hatten wir abends noch Training in der Halle (auf der Rolle), das Draußen-Training musste wegen Regen ausfallen. Es ist noch nicht warm genug, um bei Regen draußen fahren zu können. Sobald es aber an den nächsten Tagen trocken sein würde, würden wir auch draußen trainieren. Lisa fragte mich nun, als sie neben mir auf der Rolle stand: „Sag mal, gilt das eigentlich immernoch, dass man sich beim Training benehmen darf, wie man will?“

Ich wusste nicht so ganz, was sie mit der Frage erreichen wollte. „Wie meinst du das?“ – „Na, ihr habt mir mal was von ‚Rotzraketen‘ erzählt. Also dass man in die Gegend rotzen darf, wenn man beim Training kein Taschentuch hat.“ – Ich guckte entsetzt. „Aber nicht in der Halle, das ist eklig! Da fragst du jemanden von den Fußgängern, ob er dir ein Taschentuch an deinen Trainingsplatz bringt und dann putzt du deine Nase im Rollen und legst dir das Paket Taschentücher gleich auf den Schoß. Das fällt weder runter noch fliegt es weg, du stehst ja auf der Stelle.“

„Das meinte ich gar nicht“, sagte Lisa. „Ich meinte draußen. Morgen oder so, wenn es aufgehört hat zu regnen, und wir draußen auf der Straße trainieren. Da darf man sich dann doch so benehmen wie man will, oder?“ – „Da darfst du dann Rotzraketen abschießen.“ – „Und darf man zum Beispiel auch laut rülpsen? Also ganz laut?“ – Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. Sie lachte verlegen mit. „Ich meine ja nur so ganz theoretisch.“

„Naja, man kann das auch leise machen, wenn das sein muss. Aber wenn du das unbedingt willst, machst du das halt laut. Willst du das denn?“ Ich bekam den Eindruck, als wenn Lisa eine Möglichkeit suchte, dem geforderten immer-guten Benehmen von Zuhause zumindest zeitweilig zu entfliehen. Was sie zwei Minuten später auch durchblicken ließ. „Immer, wenn ich aus Versehen mal einen kleinen Pups mache, sagen meine Eltern, dass es langsam Zeit wird, erwachsen zu werden. Und dass ich mich entschuldigen soll.“

„Im Grunde ist es ja so: Man macht das eigentlich nicht so, dass andere das mitkriegen. Hier ist das ein bißchen anders, weil gerade die Querschnitte das nicht unter Kontrolle haben. Aber gerade wenn denen das nicht unter Freunden passiert, die das schon kennen, entschuldigen sich hier auch die meisten, obwohl die eigentlich gar nichts dafür können.“ – Lisa sagte: „Ich kann dafür auch nichts, manchmal kriechen die einfach so aus dem Po.“ – Die halbe Halle lachte und insbesondere einige von den älteren Herren jenseits der 40 hatten Lachtränen in den Augen. Lisa verzog hingegen keine Miene, als sie das erzählte…

„Wahrscheinlich traue ich mich sowieso nicht. Was sollen die anderen denn von mir denken. Aber ich würde mich schon gerne mal so richtig daneben benehmen.“ – Klaus, ein alter Hase, erklärte ihr: „Vor allem sollst du beim Wettkampftraining lernen, alle diese Situationen zu beherrschen. Stell dir vor, du fährst auf einem Wettkampf, bist 2 Kilometer vor der Zielgeraden, und dann läuft plötzlich die Nase. Willst du dann aufhören? Oder erstmal lange überlegen? Dann musst du dich auf das Gewinnen konzentrieren, weil dein Gegner direkt im Nacken sitzt und er jede Unkonzentriertheit ausnutzt und sofort überholt. Und dann ist es von Vorteil, wenn du trainiert hast, wie man ohne Taschentuch die Nase putzt. Denn den Preis gewinnst du für schnelles Fahren und nicht für gutes Benehmen. Das ist bei solchem Sport mal völlig unwichtig.“

Inzwischen ist Lisa 15 Jahre alt. Trotzdem verknüpft sie Neues oft nur sehr langsam. Man könnte sagen, der Euro fällt centweise. Jedenfalls haben diese Worte des alten Hasen bewirkt, dass Lisa beim nächsten Training alles ausprobieren musste. Und mit „alles“ ist wirklich alles gemeint. Alles, was man sonst nicht macht. Das war so süß, weil sie das alles total vom Training abgelenkt hat, sie total verlegen gemacht hat, aber am Ende war sie stolz wie Oskar, dass sie das alles hingekriegt hatte.

So stolz, dass sie am Sonntag ihre Mama mit den Worten empfing: „Mama, ich habe es geschafft! Ich habe meine erste Rotzrakete abgefeuert!“ – Wir standen gerade mit mehreren Leuten in einem Gruppenraum und alles lachte. Ich hatte die Befürchtung, die Mutter würde sagen, wir verderben ihre Tochter oder bringen ihr schlechtes Benehmen bei, oder ähnliches, aber das Gegenteil war der Fall. Die Mutter war bestens informiert und fragte: „Ist das das, wo man sich ein Nasenloch zuhält und dann seinem Hintermann einen Klecks aufs Hemd macht?“

Sie sagte, sie fände es gut, dass sich hier ihre Tochter mal austoben könne und mal aus dem ganzen Alltagstrott herauskäme. Die Reaktion hatte ich absolut nicht erwartet. Die Mutter fügte hinzu: „Solange du weißt, wann du im Trainingslager bist und wann zu Hause am Esstisch, ist alles gut.“ – Cathleen, bekannt für ihre direkte Art, fügte hinzu: „Siehste, Lisa, und irgendwann ist es auch nicht mehr peinlich zu erzählen, was man macht, wenn es unterwegs kein Klo gibt.“ – Lisa lief dunkelrot an, die Mutter sagte: „Das müssen wir jetzt aber nicht ausführen, ich kann es mir schon denken. Hoffentlich hast du deine Sachen hinterher ausgespült.“

Lisa nickte aufgeregt, nicht wissend, dass sie damit verraten hatte, was sie eigentlich vor ihren Eltern geheim halten wollte. Ich wiederhole mich gerne: Sie ist einfach soooo süß. Sie antwortete: „Ich hab gleich mit all meinen Sachen geduscht. Das ging ganz gut.“ – Die Leute krümmten sich schon vor Lachen. Mit dieser naiven Art stiehlt sie echt jedem die Show. Und wenn dann noch die Frage kommt: „Hab ich jetzt einen Witz gemacht?!“

Zurück in Hamburg. Es ist noch nicht mal ein Monat des neuen Jahres vorbei und ich habe bereits mein erstes Trainingslager hinter mich gebracht. Meinen ersten Abend in einer Hütte mit Lagerfeuer in der Mitte. Mein erstes Training unter freiem Himmel bei zweistelligen Temperaturen und richtig tollem Sonnenschein. Und meinen ersten längeren Blog-Eintrag. In diesem Jahr 2011.

Falsche Rücksicht

7 Kommentare4.074 Aufrufe

Heute war Markus in Hamburg. Er ist weiter auf der Suche nach einer Stelle und hat wohl, nachdem alles bisherige nichts geworden ist, erneut einen Job in Aussicht. Nach seinem Vorstellungsgespräch trafen wir uns, allerdings nur sehr kurz am Hauptbahnhof bei Jim Block. Jim Block ist eine (eher etwas gepflegtere) Schnell-Restaurant-Kette in Hamburg, bei dem Männer Burger und Frauen Salat essen können.

Ich holte mir einen Burger, er sich einen Salat. Und dann quatschten wir erstmal. Über sein Vorstellungsgespräch, bei dem er ein gutes Gefühl hatte. Wir beide hoffen, er kann am 1. Februar in Hamburg zu arbeiten anfangen. Über alles mögliche weitere. Über alles mögliche, worüber man in so kurzer Zeit beim Essen reden kann. Nach einem dicken Knutscher musste er sich dann schon fast beeilen, seinen Zug zu bekommen.

Ich mache mir gerade 1000 Gedanken. Als er mir am Telefon sagte, er würde in Hamburg sein, wusste ich schon, dass er hinterher kaum Zeit haben würde. Er hatte diesen Vorstellungstermin mitten zwischen andere Termine geschoben. Ich wäre für eine bloße Umarmung, für einen Kuss zum Hauptbahnhof gefahren. Und wenn wir uns nur 2 Minuten sehen können. Er wollte, dass ich mir diesen Aufwand nicht zumute. Ich weiß, er meinte das bestimmt eher mit Besorgnis, aber ich fühle mich nicht wohl, wenn ich ihn quasi anlügen muss, dass ich sowieso gerade in der Gegend bin. Am Ende hat er sich riesig gefreut, also auch ehrlich. Irgendwie muss ich das hinkriegen, dass er auf mich keine „falsche“ Rücksicht nimmt.

Und nun mache ich mir weitere 1000 Gedanken, ob er auf mich Rücksicht nimmt, weil er mich liebt oder ob er auf mich Rücksicht nimmt, weil ich behindert bin. Egal weshalb, ich möchte die Entscheidung, ob es sich lohnt, für ihn quer durch die Stadt zum Bahnhof zu gurken, selbst treffen. Und ich wäre selbst dann hingefahren, wenn es hätte passieren können, dass ich ihn verpasse. Die Chance, ihn zwei Minuten zu sehen, hätte mir schon gereicht.