Keine lange Leitung

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Etwas länger als ein Vierteljahr ist es schon wieder her, als ich in meinem Beitrag „Kurve zu hoch“ darüber geschrieben habe, dass auf der Strecke Hamburg-Rostock zur Zeit keine Rollstuhlfahrer im Regionalexpress mitgenommen werden. Der 3. Leserkommentar ergänzte noch ein paar Fakten.

Der Grund für die Nichtmitnahme ist so banal und gleichzeitig so bescheuert, dass man vermuten könnte, es sei Fasching oder erster April. Nein, es ist Aschermittwoch (also alles vorbei) und den ersten April haben wir auch noch nicht.

Der Hamburger Hauptbahnhof ist bekanntlich nicht allzu breit, dafür recht lang. In einigen Gleisen halten daher zwei Züge gleichzeitig. Im Abschnitt A der Zug, der den Bahnhof in Richtung Norden verlässt, in Abschnitt B der Zug, der den Bahnhof in Richtung Süden verlässt. So hält im Gleis 6A der Zug nach Kiel und im Gleis 6B der Zug nach Rostock. Oder umgekehrt, das ist aber auch völlig banane.

Der Rostocker Zug steht mit dem letzten Wagen in der Kurve außerhalb der Bahnhofshalle. Und der letzte Wagen ist ausgerechnet der Steuerwagen, das ist jener mit dem einzigen Rollstuhlabteil. Und der mit dem Fahrzeug verbundenen Einstiegsrampe (ansonsten gibt es nur Eingänge mit Stufen). Durch den Halt in der Kurve lässt sich die Rampe nicht mehr ausfahren und deswegen verweigert die Bahn hier konsequent seit über einem Jahr die Mitnahme von Rollstuhlfahrern – aus Sicherheitsgründen.

Die einfachste Lösung, die einem Laien einfällt: Einfach den Zug drehen. So dass der Steuerwagen am anderen Ende des Zuges ist. Dann würde die Lok in der Kurve stehen und der Steuerwagen mittig in der Bahnhofshalle. Dort ist der Bahnsteig gerade, die Rampe könnte ausgefahren werden. „Geht nicht“, sagt die Deutsche Bahn. Grund: Nachts wird der Zug in Schwerin abgestellt und muss dabei an das Stromnetz angeschlossen werden. Wird er stromlos abgestellt, wird morgens nicht geheizt und die ersten Reisenden frieren.

Die Strippe für den Strom kann nur mit dem Steuerwagen verbunden werden. Steht der Steuerwagen an letzter Position, ist die Strippe nicht lang genug. Somit muss er an erster Position stehen. Da der Zug nicht jeden Tag zwei Mal komplett gedreht werden kann, ergibt sich aus der zu kurzen Strippe zwangsläufig die Wagenreihenfolge (letzter Wagen mit Rampe in der Kurve) für den Hamburger Hauptbahnhof. Voilà.

Es werden also, ja, sowas ist möglich, über mehr als ein Jahr keine Rollstuhlfahrer mitgenommen, weil eine Heizungsstrippe am Abstellgleis zu kurz ist. Wie immer sickert das Problem nur durch zunehmende Beschwerden von Betroffenen an die Öffentlichkeit.

Einschlägige EU-Richtlinien schreiben vor, dass in die Planung solcher gravierenden Veränderungen („Du kommst hier net rein, aus Sicherheit!“), von denen Menschen mit Behinderungen betroffen sind, mit den örtlichen Behindertenvertretungen abzustimmen sind. Ist es geschehen? Nein.

Die Presse interessierte sich für diese Vorgänge nicht. Drei große in Hamburg erscheinende Tageszeitungen wollten darüber nicht berichten.

Die von der Bahn benannte Aufsichtsbehörde des Landes ist, anders als die Bahn es anfangs darstellt, doch nicht zuständig. Sie leitet eine entsprechende Anzeige (Verstoß gegen die Beförderungspflicht) zur direkten Bearbeitung an die Betroffene (die Deutsche Bahn) weiter – nicht etwa an die zuständige Aufsichtsbehörde des Bundes. Darf ich das bei meinem nächsten Knöllchen wegen Geschwindigkeitsüberschreitung auch für mich beanspruchen? Ich bearbeite meine Anzeigen auch gerne selbst, wie meine Freundin Pippi Langstrumpf: „Erst sag ich es ganz freundlich. Und wenn ich dann noch nicht hören will, gibt es Haue.“

Die Senatskoordinatorin für die Belange der Menschen mit Behinderungen in Hamburg beauftragt ihre Mitarbeiterin, sich der Sache anzunehmen. Diese leitet die Sache an einen Experten eines örtlichen Nahverkehrsverbundes weiter und bittet ihn als Fachmann, tätig zu werden. In der Tat ist wohl er derjenige, der am Ende auf Abhilfe drängt. Allerdings geht dessen Antwort bei der Senatskoordinatorin unter. Erst auf Nachfrage kommt im dritten Anlauf die Meldung, dass das Problem inzwischen abgestellt sein soll: Man habe die Wagen mit mobilen Überfahrbrücken bestückt, die vom Zugbegleiter über den Zwischenraum gelegt werden sollen.


Das Eisenbahnbundesamt als tatsächlich zuständige Aufsichtsbehörde prüft die ganze Sache „von Amts wegen“ – bekommt aber von der Bahn gar nicht erst eine Antwort. Es fragt beim Beschwerdeführer an, ob er vielleicht inzwischen etwas gehört hat… Hat er nicht. Die Bahn spricht nicht mit ihm.

Erst auf mehrfache Nachfrage wird ihm von der Senatskoordinatorin ein Fax zur Verfügung gestellt, mit dem die Deutsche Bahn die Sache als erledigt bezeichnet: Man habe „mit Nachdruck auf die Auslieferung mobiler Überfahrbrücken gewartet“, um „einen positiven Bearbeitungsstand mitteilen zu können.“ Soll heißen: Wir sitzen die Sache aus, bis über ein Jahr nach Beginn des Chaos endlich eine Lösung vorhanden ist. Einen Zwischenbericht, in dem man zugeben müsste, dass man seit über einem Jahr keine Rollstuhlfahrer befördert, ist nicht so gut für das Image.

Apropos „ein Jahr“: Im Schreiben stellt die Deutsche Bahn die Sache so dar, als wenn das Problem nur einen Monat bestanden habe und man bereits vorausschauend auf das drohende Problem zugegangen sei. Erst „mit Fahrplanwechsel Dezember 2010“ habe sich dieses Problem ergeben und man habe sich „bereits im laufenden Jahr 2010 um die Beschaffung von Überfahrbrücken bemüht“, wobei es jedoch zu unbeeinflussbaren Lieferschwierigkeiten gekommen sei. Tatsächlich besteht das Problem aber bereits seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2009 und man war ein Jahr lang überfordert.

Gestern nun wollte ich auf dem Rückweg nach Hause in Bergedorf in den Regionalexpress von Rostock nach Hamburg einsteigen. Die Mitnahme wurde ohne Angabe von Gründen abgelehnt. Das Problem ist also keineswegs abgestellt. Da der Aufzug zur S-Bahn auch nicht funktionierte, dauerte meine Fahrt zum Hauptbahnhof nicht 8 Minuten (mit dem RE), sondern über eine Stunde – mit Bus und U-Bahn über Mümmelmannsberg.

Klar, die Mobilität von Rollstuhlfahrern ist für unsere Gesellschaft eine Herausforderung. Der Aufwand, den einige Leute aus der Szene hier betreiben, ist beachtlich. Dennoch muss man ins Verhältnis stellen, dass ich an einem Tag bis zu zwei Stunden länger unterwegs bin (Hin- und Rückfahrt im schlimmsten Fall über Mümmelmannsberg), weil eine Strippe zu kurz ist. Das summiert sich – da ist es irgendwann mal effektiver, ein paar Briefe oder Blogeinträge zu schreiben.

Und wie der Verlauf und die Reaktionen zeigen, sehe ich nicht „uns Rollifahrer“ in der Schuld, dass so ein Aufriss sein muss: Es reicht eben nicht, dass man auf das Problem zeigt. Man merkt nicht „von selbst“, dass das so nicht geht. Es müssen vielmehr über Monate erst etliche Behörden eingeschaltet werden, bis der Druck groß genug ist, sich mal irgendwas zu überlegen.

Ob die momentane, bisher von mir nur auf dem Papier gesehene Lösung nun der Bringer sein wird, wird die Zukunft zeigen. Am Abstellgleis in Schwerin jedenfalls hat die Deutsche Bahn nach wie vor keine lange Leitung.

Lügenbaronesse

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Der Bericht über die neun Tage im Krankenhaus hat noch mindestens ein zweites Kapitel: Marion. Marion ist 14 und lag wegen irgendeiner Oberarmverletzung im Krankenhaus. Sie sagte mir, jemand habe sie im Streit mit dem Messer verletzt gehabt – aus dem, was die Ärzte während der Visite so von sich gaben, ergab sich, dass sie gestürzt war, ein Knochen dabei gebrochen war.

Sie hatte auch schonmal Tritte in den Unterleib bekommen, wäre dabei fast verblutet und könne deswegen keine Kinder mehr bekommen. Ihr Vater sei ein berühmter Geschäftsmann und sehr reich, ihre Mutter sei auf einer Beautyfarm in Australien und man könne sie da nicht erreichen, deswegen bekäme sie keinen Besuch. „Was ist mit Mitschülerinnen? Hast du keine Freunde?“

Doch, sie habe über 500 Freunde bei Facebook (hatte aber was dagegen, dass ich sie als Freundin hinzufüge) und die Mitschüler dürften leider nicht kommen, weil in ihrer Klasse gerade etwas ansteckendes rumgehe und damit solle keiner ins Krankenhaus. Sie bekam aber auch keine Anrufe und nur ganz selten mal eine SMS – auf ein Schrotthandy, das vor 5 Jahren mal 20 Euro gekostet hat. Ihr iPhone hat die Mutter mitgenommen nach Australien, nachdem sie ihr eigenes einem bedürftigen Kind geschenkt habe. Ihre große Schwester käme sie besuchen, hin und wieder. Die kam auch: Es war eine Sozialarbeiterin vom Jugendamt.

Und sie habe schweres Asthma und Diabetes. Der ließe sich nur ganz, ganz schwer behandeln und deswegen habe sie so eine Insulinpumpe implantiert bekommen. Und sie habe so eine Muskelkrankheit, wegen der sie manchmal auch im Rollstuhl sitzen müsste. Aber nur so tageweise oder Wochen, höchstens mal ein paar Monate. Sie habe genauso einen tollen Rolli wie ich…

Ich wusste, dass fast nichts von alledem stimmte. Ganz am Anfang habe ich einen Moment gezögert, aber mir wurde ziemlich schnell klar, dass sie in einer Welt lebt, in der sie vermutlich elementare Dinge wie Liebe, Zuwendung, Geborgenheit vermisst. Die Eltern leben von Hartz IV, mindestens einer Alkoholiker, Marion ist schlecht in der Schule, vielleicht schon auf kriminellen Abwegen – und vielleicht hat ihr wirklich mal jemand in den Bauch getreten und vielleicht ist auch an irgendeinem der anderen Themen ein Funken Wahrheit dran.

Ich hätte es so gerne gesehen, dass sie einfach die Wahrheit sagt und mit mir über das redet, was sie wirklich bewegt. Aber ich fürchte, das können Menschen nicht, die krankhaft lügen. Ich fürchte auch, dass sie aus einem Austausch über ihr wahres Leben überhaupt keinen Nutzen ziehen würde. Ich hatte das Gefühl, dass sie dringend Trost und Zuwendung brauchte, gleichzeitig aber davon ausging, dass ihr das für ihre wahren Probleme nicht zustand. Wertlos schien sie sich zu fühlen, so, wie sie wirklich war.

Sie tat mir so Leid. Ich habe mit ihr geredet, habe sie ernst genommen, habe ihr das Gefühl gegeben, ich glaube ihr den ganzen Blödsinn, und habe sie einfach immer nur erzählen lassen. Vermutlich fördert man damit noch diese Erkrankung. Als ich entlassen wurde, haben wir Handynummern ausgetauscht und ausgemacht, dass ich sie einlade, wenn ich, sobald es etwas wärmer ist, wieder mit meinen Leuten eine Grillparty am See mache. Und wenn ihr mal ganz und gar die Decke auf den Kopf fallen würde, dürfe sie auch mal eine Nacht bei mir schlafen. Woraufhin sie wörtlich sagte: „Pass auf, dass du nicht meine beste Freundin wirst.“

Sie war nicht anstrengend. Man konnte sich normal mit ihr unterhalten. Sie war nicht nervig. Im Gegenteil, sie konnte toll und fesselnd erzählen. Witzig. Intelligent. Aber eben nicht aus ihrem Leben, sondern aus ihren Träumen. Insgeheim habe ich sie „Lügenbaronesse“ getauft. Vermutlich wäre es besser gewesen, ihr keinen näheren Kontakt anzubieten.

Brigitte

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Wie gestern schon angekündigt, muss ich unbedingt von meinen letzten neun Tagen berichten. Es ist sehr schlimm für mich, nicht schreiben zu können…

Ich lag nach meiner OP in einem Vierbettzimmer. Nicht unbedingt toll, es war aber so groß, dass man zumindest noch etwas Privatsphäre hatte. Ich würde mal tippen: Etwa 50 Quadratmeter (7 x 7 Meter), rolligerechte Dusche und WC gingen pro Zimmer von einem Vorflur ab, das habe ich noch nicht mit eingerechnet. Vor dem Fenster standen lediglich ein paar Bäume, also schöne Aussicht hatte man nicht.

Ein Bett wurde in meinen neun Tagen drei Mal neu belegt, das waren immer nur kurze Aufenthalte, in einem weiteren Bett lag Marion (14), in einem lag Brigitte (60+) und im vierten die Stinkesocke (18). Marion hatte irgendwas mit einem Oberarm, Brigitte hatte was mit einer Bandscheibe – und Stinkesocke hatte ein paar Schrauben locker.

Obwohl … nee, eigentlich hatte Brigitte die Schrauben locker. Und zwar alle, die sich irgendwie lösen können. Ich weiß, Lästerei gehört sich nicht, aber ich muss es dennoch loswerden. Ich weiß nicht, was schlimmer war, die Schmerzen nach der OP oder diese Frau ertragen zu müssen. Ich habe ja öfter mal solches Glück bei meinen Krankenhausaufenthalten.

Sie war adlig. So tat sie zumindest. In Wirklichkeit war sie vermutlich nur infoweit adlig, als ihre Mutter ein Adler war. Ihr Vater war ein Fasan. Okay, der Spruch ist von Sascha Grammel geklaut, aber genau an seinen Freiherr vom Furchensumpf erinnerte mich Brigitte. Die Frisur stimmte, sie kratzte sich auch permanent irgendwo und egal, was passierte: Sie war stets davon überzeugt, dass sie jemand ärgern, provozieren oder angreifen wollte, dass sie nicht ernst genommen oder ihr nicht genug Respekt gezollt werden würde, dass ihre Umwelt ungezogen ist und überhaupt die ganze Gesellschaft nur noch aus einem elendigen Haufen Versager und Jammerlappen besteht.

Dass ein paar Mal pro Tag auf dem Krankenhausgelände der Rettungshubschrauber landete und startete, empfand sie als Zumutung. Dabei flog er den Landeplatz grundsätzlich von der anderen Seite an und startete auch immer in die vom Krankenhaus abgewandte Richtung. Natürlich nervt das, aber wenn man bedenkt, warum das Ding startet und landet, wird man das doch wohl in Kauf nehmen können. Immerhin fliegen die damit ja nun nicht zum Brötchenholen.

Wenn nachts die Schwester reinkam, fing Brigitte laut zu pöbeln an, dass sie schlafen wolle. Danach waren alle wach. Die Schwester kam wirklich leise rein, mit einer Taschenlampe, leerte im Dunkeln meine Wunddrainage aus. Ich habe das, bis Brigitte zu schreien anfing, nicht mal mitgekriegt. Überhaupt waren die Schwestern und Pfleger dort sehr nett. Viele kamen aus dem osteuropäischen und russischen Raum, aber alle sprachen Deutsch und waren – nett.

Auch das Essen war okay. Für Krankenhausessen war es durchweg gut. Morgens frische Brötchen, Obst, Saft, verschiedene Marmelade, Honig … nee, man kann wirklich nicht klagen. Es sei denn, man heißt Brigitte und ist adlig. Und ich wette, zu Hause frühstückt sie gar nicht.

Sie redete den ganzen Tag und versuchte ständig, mich in Gespräche zu verwickeln. Diese handelten dann davon, dass der Nachbar zu Hause seine Blumen nicht pflegt, dass irgendwo in ihrer Straße seit Wochen eine Laterne defekt ist oder ihre Nachbarin fast blind ist und gerne bestimmte Musik hört. Jeder zweite Satz war entweder: „Was sollen die Leute davon denken“ oder „Das gehört sich doch nicht.“

Sie suchte unbedingt Anschluss und wurde, wenn man höflich versuchte, sie ein wenig auf Distanz zu halten, immer aufdringlicher. Irgendwann wusste ich mir in meiner Genervtheit nicht mehr anders zu helfen und brachte diesen Spruch: „Man, sind Sie sabbelig. Nehmen Sie sich doch mal 10 Euro und gehen Sie zum Frisör.“ – Es bewirkte genau das Gegenteil, sie meinte, ich sei ungezogen, hätte keine Erziehung genossen und „ein Straßenkind“.

Ich hatte mein Handy am Bett. Drei Mal hat sie Schwestern und Ärzte darauf angesprochen, dass ich ja ein Handy hätte und das sei ja verboten. Sie wolle mich nicht verpetzen, aber es ginge ums Prinzip. Die Stationsärztin: „Grundsätzlich haben Sie Recht, aber wir sehen das nicht so eng, wenn keine technischen Geräte im Raum sind. Das Handyverbot ist eher zur Sicherheit, dass man im Bedarfsfall darauf verweisen kann, ohne lange diskutieren zu müssen.“

Dann hatte ich Butterkekse in meinem Nachtschrank. Und mir hin und wieder mal einen in den Mund gesteckt und Marion auch einen angeboten. Sagt Brigitte doch zu der Schwester: „Sie hat da Naschkram im Nachtschrank. Ich habe das genau gesehen! Ich wollte nur Bescheid sagen.“ – Wo sind wir denn hier? So eine ähnliche Bettnachbarin hatte ich schonmal! Und ein wenig erinnerte sie mich auch an meine Tante. Aber wenn schon in der Schule niemanden mehr interessiert, ob man im Unterricht isst (sofern man beim Antworten den Mund leer hat und keine dampfenden Speisen mit reinbringt), warum sollte ich dann hier keine Butterkekse essen?

Einen Tag habe ich mir was zu essen bringen lassen. Eine Gruppe Jungs im Rollstuhl hatte mich „entdeckt“ und besuchte mich regelmäßig und fragte, ob ich auch was bestellen möchte. So bekam ich zwischendurch mal was mit Reis und Hühnchenfleisch, das war sehr lecker. Brigitte: „Ich habe Angst, dass Sie erwischt werden.“ – Ich zuckte nur mit den Schultern – wer sollte mich erwischen? Das war doch nichts verbotenes. Die Nachtschwester hat die Aluschale weggeräumt und Brigitte fragte sie: „Wissen Sie, was das ist? Sie hat sich Essen bestellt mit den anderen Leuten.“ – Ich habe nur noch müde gelächelt und mir meinen Teil gedacht. So ein blödes Waschweib. Die Nachtschwester hat gegrinst. Brigitte erklärte dann irgendwann, sie hätte Sorge um mich und würde denken, ich gefährde meinen Therapieerfolg. Sie petze nur aus fürsorglichen Gründen. Es fehlte nur der Spruch: „Früher hätte es so etwas nicht gegeben.“ Immerhin konnte sie sich am nächsten Tag bei der Chef-Visite verkneifen, nochmal auf mein externes Essen hinzuweisen. Sagte sie. Sie habe überlegt, ob sie es sagen solle, aber sie wolle mir ja nicht schaden. Ob sie so überhaupt nicht merkt, wie lächerlich sie sich macht?

Ich bekam nach der OP vorbeugend Cipro, ein Antibiotikum, das bei mir ziemliche (Achtung lecker) Blähungen auslöst. Davon abgesehen, dass ich das meistens ohnehin nicht kontrollieren kann (Querschnitt sei Dank), würde ich auch als Nicht-Querschnitt keinerlei Veranlassung sehen, mit meinen ganzen Schläuchen etc. aus dem Bett aufzustehen, um auf dem Klo zu pupsen. Im Alltag sage ich bei Leuten, die mich nicht kennen, meistens einmal „Entschuldigung“, ich muss ja nicht jedem erklären, dass ich das nicht kontrollieren kann. Aber auch dazu sehe ich im Krankenhaus keine Veranlassung. Zumal das unter der Bettdecke war und der Raum groß genug war, belüftet wurde… okay. Brigitte, nach meinem zweiten hörbaren Pups: „Sind Sie das andauernd? Ich finde das nicht in Ordnung, hier sind auch andere Leute mit im Zimmer.“ – „Ist mir egal, was Sie finden.“ – Zwei Sekunden später klickte die Schwesternklingel. Als die Schwester kam, war sie nach 10 Sekunden wieder draußen: „Das müssen Sie unter sich ausmachen.“

Ende vom Lied (sprichwörtlich): Ich habe munter rumgepupst und Brigitte hat jedes Mal entweder empört mit der Zunge geschnalzt, sich empört geräuspert oder so Ausrufe wie: „Na! Sag mal! Also wirklich!“ zum Besten gegeben. Nach einiger Zeit haben sich Marion und ich immer gegenseitig die Schuld zugeschoben: „Das war sie.“ – „Nein sie.“ – Einer 14-jährigen macht sowas ja eine Zeitlang Spaß, als auch das langweilig wurde, haben wir das dann komplett ignoriert. Brigitte bis zum Schluss nicht.

Und wo wir schon bei solchen Ekelthemen sind, was wäre Jules Blog, wenn ich das aussparen würde: Als der Dauerkatheter draußen war, sollte ich anfangs wieder intermittierend selbst kathetern, später dann zusammen mit der Schwester aufs Klo. Bettpfanne oder ähnliches fällt bei Querschnitten grundsätzlich aus. Erstens kommen sie alleine nicht drauf, zweitens kann das Metall schon bei einmaliger Anwendung die Haut verletzen. Hautverletzungen in dem Bereich heilen mitunter über Wochen nicht ab.

Es war morgens, ich sollte duschen, viele sollten duschen, es war entsprechend viel los, ich hatte geklingelt, weil ich zusammen mit der Schwester aufs Klo wollte (alleine durfte ich noch nicht), es kam aber niemand. Ich sagte zu Marion: „So, hoffentlich kommen die jetzt bald, sonst pinkel ich ins Bett.“ – Brigitte fühlte sich berufen und sagte: „Das machen Sie nicht! Sie werden jawohl ein bißchen Anstand haben. Das ist eine Zumutung für uns alle, die hier noch im Zimmer liegen.“ – „Ich muss aber dringend und kann das nicht mehr lange halten.“

Nun muss man wissen, dass es eine Schwesternklingel gibt und auch einen Patientennotruf über eine zentrale Notrufanlage. Man könnte die Schwester auch noch intern auf ihrem mobilen Telefon anrufen – wenn man die Nummer weiß. Bei der Schwesternklingel leuchtet es rot über der Tür und piept auf dem Flur, beim Notruf wird eine Sprechverbindung mit dem Pförtner hergestellt, der dann wiederum auf dem schnurlosen Telefon, dass die Schwestern mit sich herumtragen, eine Durchsage machen kann (der kennt die Nummer sicher!) oder zur Not gleich den Arzt anpiept oder die Feuerwehr ruft oder ähnliches. „Ich muss pinkeln“ ist eindeutig die Kategorie „Schwesternklingel“, auch wenn es dringend ist.

Brigitte drückte den Notruf und erzählte dem Pförtner, dass ihre Mitpatienten gleich „unter sich nässt“ und das doch menschenunwürdige Zustände seien. Der Pförtner antwortete nur: „Klingeln Sie bitte nach der Schwester. Mehr kann ich von hier nicht für Sie tun. Knack. Aus.“

Ich sagte zu Marion: „Was meinst du … ob die Schwestern böse sind, wenn das Kissen dabei auch nass wird?“ – Marion merkte, dass ich Brigitte damit verarschen wollte, schielte mehrmals zu ihr rüber und grinste. Brigitte saß da mit offenem Mund und glaubte vermutlich, ihren Ohren nicht zu trauen. Ich schob das Kopfkissen an meinen oberen Bettrand. „Ich rette das mal aus der Gefahrenzone. Und die Decke leg ich auch mal so hin, dass ich nirgendwo draufliege. Es reicht ja, wenn das Laken nass wird. Hoffentlich sickert es nicht bis auf den Fußboden durch.“ Blödsinn – es lag ja was aufsaugendes drunter und die Matratze war wasserdicht eingeschweißt.

Brigitte verzog das Gesicht und klopfte abwechselnd mit ihren Händen auf ihre Bettdecke. „Das ist so schlimm, das ist so schlimm“, rief sie. Haschmich! – Ich unterhielt mich nur mit Marion. „Das wird bestimmt nicht schlimm. Hast du schonmal mit Absicht ins Bett gemacht?“ – „Mit Absicht noch nicht. Obwohl, als ich klein war, habe ich das, glaube ich, mal gemacht, um meine Mutter zu ärgern oder gegen irgendwas zu protestieren. Aber da muss ich etwa 3 oder 4 Jahre alt gewesen sein.“

Brigitte war völlig außer sich. „Wollen Sie sich jetzt wirklich mit Absicht einnässen? Die Schwester kommt doch bestimmt gleich.“ – Ich sagte zu Marion: „Ich überlege gerade, was besser ist. Wenn man auf der Seite liegt oder wenn man auf dem Rücken liegt. Oder lieber auf dem Bauch?“ – Marion antwortete: „Ich würde es auf dem Rücken liegend machen. Bauch ist eklig und auf der Seite verteilt sich das so weit nach oben und unten.“

Wie gesagt, ich habe das nicht endlos unter Kontrolle und kann mich noch so sehr anstrengen, irgendwann automatisiert sich das. Der Zeitpunkt war dann auch gekommen, es wurde schön warm am Rücken… Ich tat aber weiterhin so, als wäre das noch nicht passiert und ärgerte Brigitte, indem ich mit Marion aushandelte, wann ich das denn machen sollte. „Am besten zählst du von 10 rückwärts runter und bei 0 gehts dann los.“ – Marion zählte. „2 – 1 – Nullkommasiebenfünf – Nullkommafünf – Nullkommazwofünf – Nullkommaeinszwofünf.“ – „Kommazahlen waren nicht abgesprochen, ich habe bei Nullkommasiebenfünf schonmal angefangen.“ – „Und wie isses so?“ – „Ja, schön warm am Po und so, fühlt sich ein bißchen an wie die Sitzheizung im Auto oder wie ein defektes Wasserbett, aber insgesamt … mal was anderes.“ – „Ob ich das auch mal ausprobieren sollte?“

Es war natürlich alles nur Blödsinn. Erstens merke ich das am Po so gut wie gar nicht, zweitens wollte das Marion nicht ausprobieren. Aber Brigitte glaubte das. Als die Schwester endlich reinkam und sich gerade entschuldigen wollte, dass es etwas länger gedauert hat, ergriff Brigitte das Wort und sagte: „Ich würde sie zur Strafe drei Stunden in ihrer Suppe liegen lassen. Das war komplett mit Absicht!“ – Ich sagte: „Zum Glück haben Sie hier nichts zu sagen.“ – Die Schwester fragte, ob das Bett nass sei und entschuldigte sich mindestens fünf Mal, es habe aber einen Notfall gegeben und sie hätte nicht früher kommen können. Es täte ihr sehr leid.

Brigitte konnte es nicht lassen: „Sie hat das mehrmals angekündigt, dass sie das jetzt mit Absicht macht! Die beiden haben sogar einen Countdown gemacht. Sie haben das doch auch gehört?“ fragte sie die vierte Zimmerbewohnerin. Die redete kaum, sagte dann aber: „Sie haben doch nen Knall.“ – Die Schwester jedenfalls sagte: „Sie sind eine ziemliche Petze, oder?“ – „Es stimmt aber!“ – „Das ist mir ganz egal, ob das stimmt. Sie sollten sich mal ein bißche mehr um ihre Sachen kümmern.“

Sie schob mich mitsamt dem Bett in den Duschraum, damit ich mich dort gleich umsetzen konnte, ohne noch meinen Rollstuhl nass zu machen. Ich erklärte ihr dann, dass es zwar den Countdown gegeben hatte, dass das aber nur Spaß war, in dem Moment war schon alles gelaufen, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Schwester sagte: „Sie müssen sich nicht rechtfertigen. Ich wüsste nicht, wie ich als Querschnitt zurecht kommen würde und solange ich das nicht weiß, halte ich ganz gepflegt meine Klappe. Auch wenn ich das Bett alle 10 Minuten beziehen müsste.“ – „Naja, wir haben hauptsächlich die Frau gegenüber geärgert. Die nervt den ganzen Tag.“ – „Ich glaube, ich weiß, was Sie meinen. Aber ich darf dazu nichts sagen.“ – Klar.

Brigitte jedenfalls erzählte mir dann auch noch ungefragt, dass sie ja in einer Wohnungsverwaltung gearbeitet hat, und sie auch öfter mit „solchen Leuten“ zu tun gehabt hat, die als Rollifahrer eine Wohnung suchen. Es sei nicht immer einfach gewesen. In der Nachbarschaft habe mal ein Spastiker gewohnt, der sei „immerhin nicht dumm“ gewesen. Mir hätte eigentlich nur noch ein Ausflug in die Nazi-Zeit gefehlt – das wäre bestimmt lustig geworden, nachdem sie ohnehin schon paar Mal geäußert hatte, dass sie die ganzen ausländischen Krankenschwestern nicht gut fände. „Die klauen bestimmt auch mal was“, meinte sie. Ich kann dazu nur eins sagen: Mir haben sie nichts geklaut. Und mich haben sie zuvorkommend behandelt. Und nun kann ich endlich das Thema „Brigitte“ zu den Akten legen. Danke, Blog.

Platten und Schrauben

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Da war noch was. Richtig! Da waren noch Platten in der Schulter und zwei Schrauben im Schlüsselbein. Die irgendwann nochmal raus sollten, dringend sei es allerdings nicht. Ich hatte mir die Osterferien, die in Hamburg in der nächsten Woche beginnen (nein, da ist noch nicht Ostern, keine Sorge), ausgeguckt und mich entsprechend auf die Warteliste setzen lassen. Eigentlich sollte ich dann nach einer Woche wieder fit sein – so eine zwanzigminütige OP haut doch eine Stinkesocke nicht aus dem Rollstuhl.

Dachte ich. Aber es kam natürlich alles wieder anders als ich dachte.

Am Samstagmorgen (19.02.) klingelte morgens bei mir das Telefon: Ob ich am kommenden Dienstag zur OP kommen könnte, wollte eine Mitarbeiterin des Krankenhauses wissen, die offenbar die OP-Planung machte. Sie sagte mir, dass wir zwar „in den Osterferien“ grob festgehalten hatten, jedoch sei man dort komplett ausgelastet. Man könnte mir den 21. November anbieten – oder eben kommenden Dienstag. Dort sei jemand abgesprungen. Keine Ahnung, ob der 21. November nur deshalb ins Spiel kam, damit ich freiwillig die Lücke schließe, oder ob die wirklich so ausgefüllt sind, jedenfalls wurde ich am Montag, den 21. Februar stationär aufgenommen und nach Voruntersuchungen, Vorgespräch und einer ersten schlaflosen Nacht im Einzelzimmer (man macht sich ja doch so den einen oder anderen Kopf, was bei einem Routine-Eingriff so alles schief laufen kann) am Dienstagmorgen als erste auf der Liste operiert.

Um 7.45 Uhr lag ich im OP und bekam von einer sehr netten Narkoseärztin erklärt, dass es in meinem Arm gleich heiß oder kalt werden könnte, um 9.30 Uhr erinnere ich mich an eine Uhr, die im Aufwachraum an der Wand hing, und an eine Krankenschwester, die mich (vermutlich zum wiederholten Mal) aufforderte, das Atmen nicht zu vergessen. So richtig orientiert war ich dann wieder gegen kurz vor 12. Ich lag in einem Viererzimmer, meine Schulter war mit weißen Verbänden verklebt und zwei Schläuche schauten heraus, in einen lief Flüssigkeit aus einer Wasser-Infusion, aus dem anderen kam der Schweinkram dunkelrot wieder raus, wurde in einen Beutel unter meinem Bett geleitet und alle paar Stunden in einen Eimer ausgekippt. An einem weiteren Schlauch hing noch ein Gefäß, an meiner Hand hing ein Tropf und untenrum hatten sie mir einen Dauerkatheter gelegt. Bitte nicht bewegen.

Die Ärztin, die zur Visite kam, sagte nur einen Satz: „Die haben da ganz schön manövriert.“ Super. Und genauso fühlte ich mich auch. Am Tag 1 nach der OP ging es mir erstmal noch am besten, am Tag 2 nach der OP wusste ich nicht mehr, wie ich liegen sollte (ich durfte mich ja nicht bewegen), abends wurde dann aber wenigstens diese Spül-Drainage gezogen, nachdem es nicht mehr blutete, am Tag 3 nach der OP kam der Dauerkatheter raus und am Tag 4 nach der OP die zweite Drainage, in die nur das Blut ablief und die Infusionsnadel wurde gezogen. Tägliche Katheter- und Verbandspflege, das Ziehen dieser Drainage, die Schmerzen: Ich bin nicht zimperlich, aber die haben mich da echt gequält. Insbesondere, als diese Spüldrainage raus kam – es war nur ein Ruck, aber ich habe zwei Minuten lang auf dem Bett gelegen, die Tränen kullerten mir nur so über die Wangen und ich hörte die Engel im Himmel singen. Selten solche fiesen Schmerzen gehabt.

Seit vorgestern bin ich wieder zu Hause. Seit heute geht es mir so, dass ich sagen würde: Das Gröbste ist überstanden. Es ziept noch ein bißchen, hin und wieder piekst es auch noch in der Schulter, allgemein fühlt sich da noch alles etwas wund an, aber es geht mir wieder einigermaßen gut. Ab nächster Woche kann ich wohl wieder alleine mit dem Auto zur Physio fahren. Und am Wochenende danach langsam wieder mit Sport anfangen – wohl dosiert, sagt der Arzt. Ich habe in den neun Tagen trotz allem einigen Spaß gehabt und ein paar Leute kennen gelernt, über die ich unbedingt noch etwas schreiben möchte. Aber nicht mehr heute. Ich bin insgesamt noch sehr geschlaucht.