Ein gebrauchtes Wochenende

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Was gibt es bloß für Idioten auf dieser Welt? Ich kaufe in einem Elektronik-Warenhaus einen original verschlossenen und vom Hersteller versiegelten Karton, in dem sich Toner für meinen Laserdrucker befinden soll, mache den zu Hause auf und drinnen ist nur Müll. Offenbar hatte den Karton vorher jemand von unten aufgefummelt, das Orinalteil herausgenommen, eine mit Sand gefüllte Milchtüte, abgelaufen am 31.03.11, hinein gepackt, den Karton sauber erst mit Flüssigkleber, anschließend mit durchsichtigem Klebeband wieder zugeklebt und dann den Kram zurückgebracht – vermutlich unter der Behauptung, den falschen Toner erwischt (oder gar ausgehändigt bekommen) zu haben. Und anschließend mit Bargeld, einem Warengutschein oder dem Toner für seinen Firmendrucker in der Hand das Warenhaus verlassen…

Und Stinkesocke hat 170 Euro für einen Kombisparpack mit vier bunten Kartuschen abgedrückt und damit irgendeiner Schweinebacke seinen Kram finanziert. Nur wenn ich da jetzt wieder hinfahre und die Story zum Besten gebe, glaubt mir das sowieso niemand. Am Ende unterstellt man mir noch den Betrugsversuch. Folglich habe ich ordentlich Leer- ähm… Lehrgeld bezahlt und weiß nun, dass man auch versiegelte Kartons am besten gleich vor Ort auspackt, wenn man keine schonmal gebrauchte Ware erhalten möchte.

Schonmal gebraucht war am letzten Wochenende allerdings nicht nur der Toner, sondern irgendwie alles. Das ganze Wochenende war aus der Second-Hand-Schublade. Morgens sollte Zeugnisausgabe sein. Ein Dutzend Leute haben sich gewundert, wieso unsere Schule die Zeugnisse eine Woche vor den anderen Schulen ausgibt. Fünf Mal nachgefragt: Nö, hat alles seine Richtigkeit. Am letzten Freitag dann: „Wieso heute? Häh? Könnt ihr nicht lesen?!“ – Egal. Jetzt gibt es sie doch erst am Dienstag. Hätte mich auch gewundert. Unterricht war aber auch nicht, weil keiner der Lehrer noch Bock hat.

Anschließend bin ich zum Hausarzt gefahren. Ich wollte nur die Verlängerung von zwei Dauerverordnungen rausholen und eine Überweisung zum Dermatologen: Ich habe am rechten Unterschenkel einen Leberfleck, der einmal pro Jahr angeschaut werden soll. Zwei andere wurden schonmal entfernt, allerdings mit harmlosem Befund. Meine Hausärztin hat allerdings Urlaub (was ich vorher nicht wusste) und in der Praxis wütete wartete die Vertretung. „Ja, das ist ja viel Geldschneiderei, eigentlich müssen Sie das bezahlen, wo ist denn der Leberfleck?“ – „Was muss ich bezahlen?“ – „Naja, das Anschauen der Leberflecke, und da sich rumgesprochen hat, dass es bei einem konkreten Verdacht kostenlos ist, gehen uns alle Leute auf den Keks mit irgendwelchen Geschichten von sich verändernden Leberflecken, nur damit sie eine Überweisung bekommen und die 30 Euro auf Privatrechnung nicht bezahlen müssen.“

Ich war drauf und dran, der ein paar passende Worte zu sagen. Würde der Dermatologe dann alle Leberflecke anschauen oder nur den einen? Bringt das dann was? Hat man dann was gespart? Habe ich das nötig? Also. – „Dann müssen Sie sich noch einen Augenblick hinsetzen und warten“, sagte sie. Ich sitze schon, dachte ich. Aber dann warte ich eben.

Nach knapp 90 Minuten kam ich als letzte dran. Sie schaute sich mein Bein an, ich wollte eigentlich nur noch wieder los, als sie in einem vorwurfsvollen Ton sagte: „Was haben Sie da denn?!?“ – „Wieso, was hab ich da denn?“ – „Ziehen Sie mal die Hose aus. Und die Schuhe. Und die Socken. Und dann legen Sie sich mal hier hin.“ Dann fing sie an, an meiner Fußsohle zu kitzeln. „Merken Sie das?“ – „Äh, was? Ich habe eine Querschnittlähmung, ich merke da nichts.“ – „Fassen Sie mal an, das rechte Bein ist viel heißer als das linke!“ – „Ja, das habe ich manchmal.“ – „Wenn ich hier drauf rumdrücke, merken Sie nichts, oder?“ – „Neihein!“ – „Und hier auch nicht, oder?“ – „Nein, und überhaupt an den Beinen sowieso nichts. Was machen Sie da jetzt und was soll das werden?“ – „Der rechte Unterschenkel ist völlig überwärmt und der Fußknöchel auch. Und wenn ich hier reindrücke, drücke ich Wasser weg. Nehmen Sie Entwässerungsmittel? Und wieso tragen Sie keine Thrombosestrümpfe?“

„Das hat noch nie jemand für wichtig erachtet.“ – „Sie müssen sofort ins Krankenhaus.“ – „Was?“ – „Ja. Das ist absolut gefährlich. Da kann es ernsthafte Komplikationen geben!“ – Ich bekam Angst. Was für Komplikationen? Was hatte ich da? Wieso hatte das noch nie jemand gemerkt? Sollte ich froh sein, dass die da so ein geschultes Auge hat und das sofort erkennt? – „Sie fahren jetzt mit dem RTW ins nächste Krankenhaus, das muss sofort untersucht werden.“

Na super. Lange keine Komplikation gehabt, lange keine Notaufnahme gesehen, lange nicht mit dem Rettungswagen gefahren. Ich wurde gegen meinen Wunsch in das nächst gelegene Krankenhaus gegurkt, und wie sich später herausstellte, lag der Beutel, in den ich alle meine persönlichen Sachen packen sollte, und mein Rucksack noch in der Arztpraxis. Einschließlich Papiere, Schlüssel, Handy. Obwohl die Sanitäter gesagt haben, sie nehmen das mit. Nach vier Stunden (!) kam dann ein Arzt, der sagte, dass er sich nicht auskennt und mich wegen meiner Querschnittlähmung in ein anderes Krankenhaus verlegen möchte. Noch eine Fahrt mit dem Krankenwagen, als ich da endlich im Untersuchungsraum angekommen war, wurde erst noch ein Arzt aus dem Bereitschaftsdienst von zu Hause geholt und dann, so gegen 21.30 Uhr, stand fest, dass eine Kontrastmitteluntersuchung gemacht werden muss, die aber in dem Krankenhaus auch nicht gemacht werden konnte, weil es kein Notfall ist und zwischen meinem Kostenträger und dem Krankenhaus kein Vertrag besteht. Hätten die mich gleich in „mein“ Krankenhaus gebracht, wo ich von Anfang an hin wollte, wäre alles kein Problem gewesen.

Als ich in „meiner“ Klinik ankam, hatte ein Arzt Dienst, den ich schon aus meiner stationären Zeit kannte und der immer sehr cool und nett war. „Was soll da sein? Das ist Unsinn. Da machen wir jetzt ein vernünftiges Ultraschall, ich hole noch eine Kollegin dazu, die schaut sich das mit an und dann sehen wir weiter.“ – Ende vom Lied: Nichts los. Absolut nichts. Nichts als heiße Luft. Keine Wassereinlagerungen, keine Thrombose, Blut unauffällig, lediglich zurückgebildete Muskeln an den Beinen. Um halb zwei nachts bestellte man mir ein Taxi, stellte mir einen Beförderungsschein aus und ich durfte nach Hause.

Als ich heute in der Praxis anrief, um zu klären, wann ich meine Sachen abholen könnte, wurde mir dann noch erzählt, dass die noch am selben Abend per Kurier ins Krankenhaus geschickt wurden. Stundenlang habe ich bis eben damit verbracht, meine Sachen zusammen zu suchen. Das könnte ich jetzt noch über drei Seiten beschreiben, aber ich kürze es ab: Am Ende waren sie im ersten Krankenhaus bei den Fundsachen. Nun habe ich endlich mein Handy wieder, mein Auto, mein Geld – Wahnsinn!!

Eigentlich wollte ich dieses Wochenende in ein Trainingslager. War vorher noch mit einer Freundin verabredet, die vergeblich durch die halbe Stadt geeiert ist und auf mich gewartet hat. Ich habe gerade mein I-am-fed-up-T-Shirt aus der Waschmaschine geholt. Ich glaube, das ziehe ich gleich nass an…

Carlo zum Nulltarif

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Wie die Hamburger Morgenpost weiß, wird angeblich gegen Carlo von Tiedemann (wer kennt ihn nicht) wegen des Verdachts der Unfallflucht ermittelt. Er wird in der gestrigen Ausgabe mit den Worten „Ich dachte, ich hätte beim Parken einen Ford angebumst“ zitiert. Ob nun ein Schaden entstanden ist und ob tatsächlich eine Unfallflucht vorliegt, ist nicht geklärt bzw. nicht entschieden – bisher hat sich nicht mal ein Geschädigter gemeldet.

Was mich auf diese Sache aufmerksam machte und weswegen ich überhaupt auf diesen Zeitungsartikel eingehe: Von Tiedemann wird zitiert, er habe vor einer Veranstaltung seinen Tiguan umgeparkt. „Ich hatte eine Veranstaltung mit Behindertenchören in Planten un Blomen moderiert, die konnten natürlich nix zahlen, und ich hab mir vier Stunden ’nen Wolf abgesabbelt.“

Ähm, Carlo, wie meinst denn du das? Was hat die Liquidität von Behinderten mit dem Parkplatz zu tun? Hattest du kein Kleingeld für den Parkschein dabei? Sag nächstes Mal Bescheid, ich komme vorbei und kauf dir ein Ticket. Kein Problem.

Nicht angekommen

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Dass die Hannoveraner nicht die Helden sind, wenn es um die Organisation eines Trainingslagers geht, weiß ich spätestens seit dieser Aktion. Dass andere niedersächsische Vereine es jedoch auch nicht schaffen, legt die Vermutung nahe, dass es sich um ein landesweites Problem handeln könnte *stänker*. Eigentlich könnte ich jetzt zum nächsten Thema überleiten, denn über das Trainingslager ist eigentlich schon alles gesagt…

… aber ich bin gerade etwas verliebt in meinen plastischen Erzählstil. Daher fang ich damit an, dass wir mit dem ICE hingefahren sind und Simone, Cathleen und ich zunächst im Hauptbahnhof von der freundlichen Mitarbeiterin des Service-Points, zu der Rollstuhlfahrer kommen müssen, nachdem sie sich mindestens 48 Stunden vor der Reise für ebendiese angemeldet haben, gebeten wurden, nicht alleine zum Zug zu fahren, denn auf dem Weg dorthin könnten wir ins Gleis fallen. Wörtlich.

Wegen einer Signalstörung baute der Zug bis Hannover bereits 47 Minuten Verspätung auf, so dass unser Anschlusszug lange zuvor bereits ohne uns davongerollt war. Am Ende kamen wir zwei Stunden später am Zielort an als geplant. Ich freute mich, überhaupt noch anzukommen und war relativ entspannt, da ich vorher meine Hotelreservierung (an diesem Wochenende sollten wir im Hotel übernachten) mit meiner Kreditkarte bestätigt hatte – „wir kommen auf jeden Fall.“

Anders ging es einem Rollifahrer, der gerade erst 16 war, zum ersten Mal alleine unterwegs war und den Tränen nahe im Bahnhof stand. Wir kannten ihn von einem anderen Camp, er kam aus Schleswig-Holstein. Seine Muddi würde bereits herumtelefonieren von zu Hause aus. Cathleen und Simone nickten: Wir sagten ihm zu, dass wir notfalls das Zustellbett, das wir in unser Zweierzimmer geordert hatten, für ihn freiräumen und zu dritt im Doppelbett pennen – dann hätte er als Vierter im Zimmer das Zustellbett für sich alleine.

„Wir sind komplett ausgebucht, aber wir haben selbstverständlich auch ihre Kreditkarte nicht belastet“, sagte man auch uns. Wie kann sowas sein? – „Wir haben doch gesagt, wir kommen auf jeden Fall. Dass es 23 Uhr wird und nicht 21 Uhr, das liegt an der Bahn. Sie haben uns doch ein Zimmer bestätigt.“ – „Fragen Sie mal drei Straßen weiter, da ist noch ein Hotel.“

Dass das das erste und letzte Mal war, dass wir in diesem Hotel schlafen würden, war in diesem Moment klar, also lohnte es sich, einen kleinen Aufstand zu proben. „Fragen Sie doch mal für uns drei Straßen weiter, schließlich haben wir einen Vertrag! Haben Sie denn wirklich gar nichts mehr frei?“

„Nur noch eine Suite, die kostet aber 120 Euro mehr pro Nacht.“ – Das riecht nach Abzocke. „Ich schlage vor, sie überlassen uns die Suite zum Zimmerpreis. Ist ja nicht unsere Schuld, wenn Sie Ihr Hotel überbelegen.“ – „Das kann ich leider nicht machen.“ – „Dann nehmen wir die Suite und klären morgen früh mit ihrem Chef den Preis.“ – „Ich sehe gerade, wir haben doch keine Suite mehr frei.“ – „Ach nee, so plötzlich? Woran haben Sie das jetzt gesehen?“ – „Die Schlüssel sind alle weg.“ – „Da hängt doch noch einer.“ – „Das ist die Luxus-Suite. Die darf ich nur mit Einverständnis des Hotelinhabers vergeben.“

„Gut. Was kostet die pro Nacht?“ – „460 Euro pro Nacht plus Frühstück.“ – „Kommen wir da rein mit Rollstühlen?“ – „Theoretisch schon.“ – „Und hat die eine Badewanne?“ – „Die hat einen Whirlpool.“ – „Gut, die nehmen wir. Rufen Sie bitte ihren Chef an.“ – „Das kann ich nicht machen.“ – „Hier ist meine Kreditkarte, wir nehmen das Ding. 460 Euro ist gebont, Frühstück kriegen wir in der Sporthalle. Lassen Sie schonmal das Badewasser ein.“ – „Es tut mir Leid, dass wir überbelegt sind, und ich kann auch Ihre Enttäuschung verstehen, aber ich kann leider nichts machen.“ – „Wir nehmen die Luxussuite. Zu viert.“ – „Wollen Sie die jetzt wirklich haben? Sie müssten die auch zahlen. Der Preis ist nicht verhandelbar.“ – „Ja, wo muss ich unterschreiben? Ich ärger mich doch nicht mit so einem blöden Hotel ab, das seine Zimmer nicht zählen kann.“

„Ich möchte von allen die Personalausweise kopieren und bei ihrer Kreditkarte würden wir 10.000 Euro anfragen. Anfragen, nicht belasten. Belasten würden wir nur 460 Euro, es sei denn, Sie würden morgen die Suite völlig zerstört zurückgeben.“ – Irre. „Ja, machen Sie das.“ – Plötzlich musste er doch niemanden mehr fragen…

Keine halbe Stunde später saßen/lagen wir mit vier Leuten in einem absolut geil beleuchteten runden Whirlpool unter einem künstlichen Sternenhimmel. Bewegen konnte sich keiner, aber wir wollten ja auch nur entspannen. Den Typen aus Schleswig-Holstein brachte es sichtbar durcheinander, mit drei nackten Mädels in einem Whirlpool zu sitzen. Cathleen massierte ihm die Schultern, irgendwann setzte sie sich bei ihm auf den Schoß und verlangte, dass er ihre Schultern massiert.

Die Suite hatte außer dem Bad und einer separaten Dusche zwei Räume. In einem stand ein Sofa, in dem anderen ein überdimensioniertes Bett mit vier Kissen und einer großen Decke. Drei Leute konnten dort nebeneinander liegen, ohne dass es eng werden würde, aber Cathleen bestand darauf, dass unser junger Schleswig-Holsteiner nicht auf dem harten Sofa schlafen müsse. „Wollen wir nackt schlafen?“, fragte sie.

„Hast du gerade Hormonstörungen?“ fragte Simone. – „Ich schlaf nicht nackt“, sagte ich. Fehlte noch, dass nachts meine Blase verrückt spielt und das Hotel am Ende doch noch ein paar Tausender nachbelastet. Schließlich lagen wir zu dritt im Bett und der Typ auf dem Sofa und alle hatten etwas an. Was solche Whirlpool-Suiten so alles auslösen können…

Am nächsten Morgen wollten wir auschecken. Die Rechnung betrug nicht 460 Euro, sondern 520 Euro. Vier mal Frühstück – wir hatten doch gesagt, wir essen in der Halle?! Nach dreimaliger Bitte und 10 Minuten Wartezeit kam der Chef aus dem Frühstücksraum. Ein Krawattentyp Anfang 60. Er sagte nichts, sondern zog nur die Augenbrauen hoch und schaute uns fragend an. Ich sagte: „Es war nicht die Rede davon, dass wir Frühstück abnehmen müssen. Das haben wir auch nicht unterschrieben. Es müsste doch eigentlich reichen, wenn wir auf eigene Kosten upgraden, weil Sie überbelegt sind.“ – „Wieso überbelegt?“ – „Wir hatten ein Zimmer reserviert und bekamen vom Nachtdienst um kurz nach 11 angeboten, es drei Straßen weiter zu versuchen.“

„Sie hätten Ihre Reservierung mit einer Kreditkarte bestätigen können, dann wäre das nicht passiert.“ – „Das hatten wir gemacht.“ – „Das kann nicht sein.“ – Wie schön, dass Stinkesocke immer alle Papiere dabei hat. Ich reichte sie ihm über den Tresen. „Und er hier hatte dasselbe Problem. Das war auch bestätigt.“ (Wie wir inzwischen erfahren hatten.) – „Zeigen Sie mal her. Das ist doch nicht möglich.“ – Er verschwand mit den Papieren. Nach 5 Minuten kam er zurück, hatte unseren Belegungsvertrag von gestern abend in der Hand und gab ihn uns zurück. „Sie sind unsere Gäste. Sie sind eingeladen. Haben Sie noch Zeit für das Frühstück oder dürfen wir Ihnen etwas für unterwegs zusammenstellen?“

Wir lehnten dankend ab, denn wir hatten es wirklich eilig. Als wir an der Halle ankamen, waren da zwar rund 60 Teilnehmer, aber die Trainer, die in der Ausschreibung angekündigt waren, hatten sich zum größten Teil wegen Magen-Darm-Grippe krank gemeldet. Eine ältere Frau, die beim Ausrichter arbeitet, meinte, es sei besser so, als wenn wir alle angesteckt werden würden. Wahnsinn. Zwei unerfahrene Trainerinnen für 60 Teilnehmer.

Immerhin sollte ein Qualifizierungslauf stattfinden, an dem ich unbedingt teilnehmen wollte. 1.500 Meter auf einer Tartanbahn mit versetztem Start, so dass man also seine Bahn halten muss. Entsprechend muss man natürlich auch die so genannte Kurvenvorgabe in seinem Rennrolli einstellen, das ist eine kleine Schraube, mit der man einen Radius vorgeben kann, mit dem der Rolli durch eine Kurve fährt. Wenn man das richtig macht, muss man zu Beginn der Kurve einen Hebel umlegen und zum Ende der Kurve den Hebel wieder zurückstellen. Das muss man aber sehr präzise einstellen und im richtigen Moment auslösen, sonst fährt man aus der Bahn und wird disqualifiziert.

Kann es sein, dass in der zweiten Runde Leute durch die Bahn trödeln? Ein älteres Ehepaar, das auf die andere Seite des Platzes wollte und die Abkürzung mitten durch die Bahnen nahm, zwang mich und eine Hessin zur Vollbremsung. Zehn Meter radierte Linie auf der Bahn sollten als Beweis eigentlich ausreichen – also Protest. Man muss sich sehr schnell entscheiden, ob man weiterfährt oder aufhört. Ich habe mich für das Aufhören entschieden, die Hessin für das Weiterfahren. Hätte sie auch aufgehört, wären die Chancen hoch gewesen, dass das Rennen wiederholt wird oder mit einem neutralen „CLD“ (cancelled) in die Wertung eingeht. So stand bei mir, weil mein Protest keinen Erfolg hatte (die andere war ja weitergefahren), ein „DNF“ (did not finish = nicht angekommen), was gleich hinter „DSQ“ (disqualified) und „DNS“ (did not start) die drittnegativste Bewertung ist und mal eben darüber entscheiden könnte, ob man einem bestimmten Kader angehört oder nicht.

Am Ende wurden aber drei Rennen doch noch aus der Wertung genommen, unter anderem meins. Grund: Die zweite hatte auf dem Papier eine schnellere Zeit als die erste. Warum, das ließ sich nicht mehr nachvollziehen. Eigentlich war geplant, dass wir abends nach Hannover zurückfahren, dort die zweite Nacht schlafen und am Sonntag dort gemeinsames Schwimmtraining machen, aber sämtliche Hamburger sagten ihre Übernachtung per Handy ab, zogen ihre I-am-fed-up-T-Shirts an und fuhren nach Hause. Da wir eine Fahrkarte mit Zugbindung hatten, mussten wir noch nachlösen – aber wir hatten schließlich zwei Übernachtungen gespart und einen netten Abend im Whirlpool. Bleibt noch zu erwähnen, dass die Rückfahrt ohne weitere Zwischenfälle verlief und der Sonntag in Hamburg genial war. Aber davon erzähle ich ein anderes Mal.

Behindis unter sich

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Durch meinen Blog, genauer gesagt durch die Frage eines Lesers, genauer gesagt eines treuen Lesers und eifrigen Kommentators, … habe ich in den letzten Wochen sehr intensiv über die Frage nachgedacht, ob ich in meiner Freizeit überwiegend Kontakt zu anderen Rollstuhlfahrern habe und -falls das so ist- warum das so ist. Und warum das ein häufig beobachtetes Phänomen ist oder -falls es gar kein Phänomen ist- warum dieser Eindruck, diese Beobachtung, entsteht.

Ich musste deswegen so intensiv darüber nachdenken, weil ich immernoch glaube, dass es auf diese Frage keine pauschale Antwort gibt. Ich merke lediglich, dass mein Alltag und die Gestaltung meines „Umfeldes“ von sehr vielen Faktoren beeinflusst wird, auf die ich teilweise überhaupt keinen Einfluss habe, und dass es daher einer ungeheuren Kraft bedürfte, wenn ich daran etwas ändern wollte.

Ich habe für mich nicht den Eindruck, dass ich nur oder überwiegend mit Rollstuhlfahrern zu tun habe. Im Gegenteil. In meinem Alltag kommen wesentlich mehr Fußgänger vor als Rollstuhlfahrer. Aber ich merke, dass ich in einer Stunde Stadtbummel als Rollstuhlfahrerin mehr erlebe als an einem Tag Stadtbummel als Fußgängerin. Rollstuhlfahrer sind in unserer Gesellschaft noch immer etwas sehr eigenartiges und besonderes und viele Leute wissen einfach nicht, wie sie damit umgehen sollen, dass in ihrer Nähe jemand mit einer Behinderung ist. Dadurch kommt es fast permanent zu Situationen und Gegebenheiten, die man als Fußgänger nicht hat. Entsprechend mehr gibt es auch zu erzählen.

Viele Menschen, die meinen Blog lesen, schreiben und antworten mir, dass sie viele Einblicke bekommen haben, die ihnen bisher verwehrt blieben. Für die sie sich auch gar nicht interessiert hatten, denen sie überhaupt keine Bedeutung zugemessen hatten. Und damit sind oft gar nicht mal irgendwelche Super-GAUs gemeint, sondern alltägliche Begebenheiten. Wenn ich mich mit Fußgängern aber nicht ohne weiteres über alltägliche Begebenheiten austauschen kann, mit anderen Rollstuhlfahrern aber schon, liegt, glaube ich, auf der Hand, dass die Wellenlänge unter Rollifahrern oft sofort stimmt, während beim ersten Kontakt zu Fußgängern oft erstmal die Wellenlänge bestimmt werden muss.

Was nicht bedeutet, dass sich alle Rollifahrer untereinander verstehen. Sondern was bedeutet, dass der Einstieg, das Kennenlernen leichter fällt. Das verknüpft damit, dass viele Menschen mit Behinderungen auch noch weitere Probleme haben, die sich auf die Kommunikation auswirken, dass viele Fußgänger starke Berührungsängste haben und diese mit sonderbarsten Verhaltensweisen kompensieren (von Weglaufen über Volltexten, Ausfragen, Anmachen, Herz ausschütten, Bedauern, für dumm halten bis hin zu jenen Besserwissern, die mir ungefragt erklären wollen, wie der Aufzug, die Rampe, mein Rollstuhl oder gar mein Leben funktioniert), dass Gleich und Gleich sich von Natur aus schon gerne gesellt und dass zwei Rollifahrer, die zusammen sitzen und quatschen 1000 Mal mehr Beachtung bekommen als zwei Sparkassenangestellte in zivil – ich glaube, das alles löst diesen Eindruck aus.

Vielleicht kommt auch noch dazu, dass einige nicht den Mut, die Kraft oder die Lust haben, neue oder andere Kontakte zu knüpfen, vielleicht kommt auch noch dazu, dass viele mit dem glücklich sind, was sie haben. Und es kommt hinzu, dass jeder Mensch einzigartig ist, anders mit dem Thema umgeht, aus anderen Gründen mehr oder weniger Freunde hat. Gemeinsamkeiten kann ich also nicht so viele finden, dass man daraus schon eine „Regel“ ableiten könnte.

Ich weiß lediglich, dass ich heute mehr Freunde habe als vor meinem Unfall. Deutlich mehr, die im Rollstuhl sitzen, aber auch deutlich mehr, die nicht im Rollstuhl sitzen. Und das finde ich gut. 🙂