Barrierefrei heißt nicht barrierefrei

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Barrierefreier Wohnraum ist (nicht nur) in Hamburg Mangelware. Ich habe schon oft darüber geschrieben, über die fehlende Notwendigkeit für private Hausbauer, ein Haus barrierefrei zu bauen, über die vielen Bestimmungen, die es zu beachten gilt, wenn jemand barrierefrei bauen möchte, über die Mehrkosten, die das wiederum unattraktiv machen – kurzum: Barrierefrei baut in aller Regel nur, wer sozialen Wohnraum baut und auf öffentliche Mittel zurückgreifen kann.

In Hamburg bestimmt damit auch eine Behörde, wer in diese Wohnungen einziehen darf. Barrierefreier Wohnraum wird zentral vergeben und um überhaupt in dieses Vergabeverfahren aufgenommen werden zu können, sind diverse Kriterien zu erfüllen. Ein Wohnungswechsel (auf Deutsch: Umziehen) ist zum Beispiel nur aus medizinischen Gründen möglich, also nur, wenn die bisherige Wohnung aus medizinischen Gründen nicht mehr geeignet ist. Ein Zuzug aus anderen Bundesländern (zum Beispiel für Studenten) in eine mit öffentlichen Mitteln geförderte barrierefreie Wohnung in Hamburg ist nicht vorgesehen.

Gehört man zu den Glücklichen, die auf die Warteliste der zentralen Wohnungsvergabe gelangt sind, bekommt man in den nächsten Monaten und Jahren einige Wohnungsangebote zugeschickt. Eine große Auswahl hat man dabei natürlich nicht, offiziell heißt es: Wer drei Wohnungsangebote ohne triftigen Grund ablehnt, fliegt wieder von der Liste. Welche Gründe triftig sind, möchte ich mal offen lassen – mit Blick auf die „medizinische Begründbarkeit“ eines Umzugswunsches kann ich es mir aber lebhaft vorstellen.

Ich will nach drei langen Absätzen auf eine Sache hinaus: Dass die vermittelte Wohnung nicht im Erdgeschoss liegt, dürfte als Ablehnungsgrund nicht ausreichend sein. Das Gegenargument wird sein: Es sind in allen Häusern Aufzüge vorhanden.

So weit, so schlecht. Ich bin nun als Rollstuhlfahrerin darauf angewiesen, dass dieses technische Gerät einwandfrei funktioniert. Bleibt das Ding stehen, komme ich nicht mehr aus meiner Wohnung. Oder schlimmstenfalls gar nicht erst hinein. Wie lange dieser Zustand andauert, hängt davon ab, ob einerseits der Hauseigentümer einen Wartungsvertrag abgeschlossen hat, der eine zeitnahe Entstörung vorsieht (nicht innerhalb von 72 Stunden, sondern vielleicht schon innerhalb von 12), andererseits ob die Ersatzteile greifbar sind.

Im Fall unseres neuen Wohnprojektes hat der Hauseigentümer einen 72-Stunden-Vertrag abgeschlossen. Die Organisation, die die einzelnen Zimmer wiederum an Rollifahrer vermietet, ist auch nur Mieter, nicht Eigentümer, kann also nur durch „politischen Druck“ einigen Einfluss auf den Hauseigentümer nehmen. Was aber im Moment auch nichts nützt, da ein Ersatzteil nicht verfügbar ist. Seit einer Woche.

Die Aufzüge in dem Haus sind nagelneu. Frank hatte bei den Verhandlungen mit dem Hauseigentümer seinerzeit als sehr wichtig betont, dass die Aufzüge voneinander unabhängig steuerbar sein müssen. Das heißt: Im Alltag, wenn beide funktionieren, ist es ja okay, wenn nur einer kommt, sobald jemand drückt. Es ist ja Quatsch, dass man beide Aufzüge getrennt voneinander rufen kann und dann an jeder Etage immer beide Aufzüge gerufen werden, der Ungeduldige in den ersten einsteigt und der zweite Aufzug fährt umsonst dorthin – bzw. hält in einer Tour vergeblich. „Auf jeden Fall!“, betonte die Aufzugsfirma. Sobald ein Aufzug ausfällt, fährt der andere.

Pustekuchen. Die Steuerung, die dort eingebaut worden ist, ist ausschließlich auf so genannten Zwillingsbetrieb ausgelegt. Das heißt: Ist ein Aufzug gestört, ist auch der zweite aus. Das Programm, das im Störfall den einen Aufzug unabhängig von dem anderen fahren lässt, muss nachbestellt und eingespielt werden. Kostenpunkt: Rund 1.500 Euro. Seriös, seriös!!! Und der Hauseigentümer möchte das nicht nachkaufen.

Aber: Es wäre im Moment auch egal. Zur Zeit warten wir auf eine Platine, die für die Steuerung verantwortlich ist, und zwar sowohl im Einzel- als auch im Zwillingsbetrieb. Das heißt: Auch mit dem Programm-Update würden die Dinger zur Zeit still stehen.

Für alle Rollifahrer bedeutet das zur Zeit: Niemand kommt seit rund einer Woche aus oder in seine Wohnung. Franks Organisation hat nun immerhin (bisher auf eigene Kosten) einen ambulanten Krankentransportdienst beordert, der die Leute mit einem Krankensitz die Treppe hoch- und runterträgt. Zu nicht unerheblichen Kosten kommt jedes Mal ein Krankenwagen und mit ihm zwei Leute, ein Typ mit Rückenschmerzen und ein Chick im Freiwilligen Sozialen Jahr…

Schön, dass alle bis auf zwei sich noch in dem Monat befinden, wo sie noch auf ihre bisherige Wohnung / Zimmer bei den Eltern etc. zurückgreifen können. Nächsten Monat ist das anders. Und so kommt dann auch die Frage auf, wie das wohl wäre, wenn wir nicht bei Frank, sondern bei einem kommerziellen Unternehmen gemietet hätten. Die Antwort ist ganz einfach: Die Mehrkosten für diesen Krankentransportdienst müsste der Rollstuhlfahrer selbst zahlen. Nach einem Gerichtsurteil dürfte der rollifahrende Mieter einer Wohnung im 2. OG nach einer Mängelrüge und verstrichener Frist von drei Werktagen eine Mietminderung von 15% geltend machen. Das wären bei einer fiktiven Kaltmiete von 400 Euro: Ganze 2 Euro pro Tag. Wie niedlich!

Das Gericht hat dabei geurteilt, dass die Gründe, warum für den Rollstuhlfahrer die Mietsache (Wohnung) unbenutzbar seien, nicht alleine vom Vermieter zu vertreten seien. Gründe, die in der Person des Mieters liegen, bleiben bei einer Mietminderung grundsätzlich (Rechtsprechung des BGH) unberücksichtigt. Und wenn die Wohnung sonst in Ordnung ist, bedeutet „Treppe laufen“ höchstens 15% nach drei Werktagen vergeblichen Wartens.

Solange also nicht explizit „barrierefreier Wohnraum, einschließlich seiner barrierefreien Erreichbarkeit“ vermietet wird, ist der Wohnraum zwar barrierefrei gebaut, aber noch lange nicht barrierefrei erreichbar. Barrierefrei heißt also nicht unbedingt barrierefrei. Fällt der Aufzug aus, kommt der Rollstuhlfahrer weder rein noch raus. Das Risiko trägt der Rollstuhlfahrer fast vollständig alleine, und es gibt außer den Hinweis auf Moral und Gewissen (der bei öffentlichen Vermietern mit Hunderten Angestellten aber nicht bei jedem ankommt) keine Möglichkeit, Druck auszuüben.

Während Frank sich nun intensivst bemüht, das Theater abzustellen, weiß ich aus meiner Szene (als ich von dieser Sache erzählte), dass andere (insbesondere öffentliche) Vermieter durchaus gleichgültiger sind. Ist da ein Ersatzteil nicht greifbar, ist man gut bedient, wenn man sich ein Hotel leisten kann oder nette Freunde hat, die einen ein paar Tage bis Wochen aufnehmen.

Öffentliches Internet

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Natürlich trifft man im Internet immer wieder auf Leute, die einen privaten Blog lesen und dann die Frage stellen, ob so viel privates ins Internet gehört. Über diese Frage könnte man endlos diskutieren und am Ende gibt es trotzdem keine übereinstimmende Meinung. Ich habe für mich die Entscheidung getroffen, mein privates Tagebuch ins Internet zu stellen. Das mache ich seit drei Jahren.

Diese Entscheidung kann ich nur für mich selbst treffen. Andere, die es betrifft, muss ich vorher fragen, wenn ich etwas aus ihrem Privatleben ins Internet stelle. Grundsätzlich frage ich alle Leute, sobald ich etwas schreibe, was möglicherweise nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist.

Außerhalb meines Freundeskreises kennt niemand meinen Partner. Aus dem, was hier steht, kann niemand Rückschlüsse auf die reale Person ziehen. Innerhalb meines Freundeskreises weiß natürlich jeder, wer er ist. Bleibt also die Frage zu beantworten: Dürfen meine Freunde und Bekannten wissen, was sich bei uns abspielt?

Ich sage: Ja. In dieser Form, wie ich es geschrieben habe (und die habe ich mir schon überlegt), dürfen sie es wissen. Ich rede nicht alles schön oder bevormunde andere Menschen, indem ich ihnen nur selektive Informationen gebe, von denen ich glaube, dass sie für sie geeignet sind. So fällt auch keiner aus allen Wolken oder macht sich ein falsches Bild.

Ich bin strikt dagegen, über jemanden zu lästern. Aber ich bin sehr dafür, über jemanden zu reden. Gut wie auch schlecht. Solange es die Wahrheit ist, kann sich niemand bei mir darauf verlassen, dass ich ihn schone. Genauso wie ich übrigens auch nicht geschont werden möchte: Ich möchte, dass Leute mir ehrlich gegenüber sind und mich nicht lieb anlächeln, wenn sie mich Scheiße finden. Ich erzähle aber auch oft Dinge, über die ich mich freue oder erzähle, wie toll ich den einen oder anderen Menschen finde.

Was wiederum nicht heißt, dass ich Geheimnisse ausplaudere. Wenn mir jemand etwas vertraulich erzählt (oder nur deswegen erzählt, weil er glaubt, ich behalte es für mich), dann rede ich auch nicht darüber. Wenn aber mein Freund denkt, er kann sich beliebig (daneben) benehmen, sehe ich keinen Grund, das vertraulich zu behandeln.

Markus und ich haben übrigens inzwischen mehrmals sehr intensiv über diese Nacht am See diskutiert. Bisher allerdings ohne ein Ergebnis, mit dem wir leben können. Ich fühle noch immer meine Grenzen nicht ausreichend respektiert, er meint nach wie vor, dass ich meiner Behinderung zu viel Raum in meinem Leben gebe, sie mein Leben zu sehr bestimmen lasse.

Ich gehe mit einem Typen ins Bett, wenn ich ihn liebe, und zwar auch körperlich. Ich muss ihn auch körperlich attraktiv finden (was nicht unbedingt „vollkommen“ oder „nichtbehindert“ bedeuten muss). Ich habe ihn gefragt, ob das bei ihm genauso ist. Ich habe keine Antwort bekommen. So muss ich raten: Da er mit mir Sex hatte, mehr als einmal, kann er dabei meine körperliche Behinderung ausblenden? Oder mag er mich (meinen Körper) trotz, mit oder wegen meiner körperlichen Behinderung?

Ich wüsste es gerne. Ich bin eine Frau und möchte das hören. Mein Herz (oder gerne auch mein Bauch) möchte das hören. Aber ich bekomme keine Antwort auf die Frage.

Zum Nachtisch Zoff

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Manchmal können Männer so richtige Arschlö**er sein. Wirklich. Unsäglich. Wir haben uns so richtig heftig gezofft. Und bevor er sich nicht deutlich entschuldigt, braucht er hier nicht wieder angeschissen zu kommen. Ja, wir haben den ersten Stress schon, bevor Markus überhaupt eingezogen ist.

Ich hatte vor, zum Schwimmtraining zu fahren und anschließend meinen 3. „alternativen Geburtstag“ mit ein paar Leuten an einem See zu feiern. Mit Grillwurst, Fleisch, Salaten, Brot, Spielen, paar Getränken, viel Spaß… Es hatten richtig viele Leute nicht nur zugesagt, zu kommen, sondern auch, etwas zu essen und zu trinken mitzubringen.

Zunächst wurde das Schwimmtraining abgesagt. Stattdessen würde sich die Möglichkeit bieten, auf unserer Strecke tagsüber zu trainieren. Die Fußgänger hätten für Samstag eine Sondernutzung genehmigt bekommen: Nächstes Wochenende ist in Hamburg Triathlon angesagt und es handelt sich um die letzte Möglichkeit, nochmal richtig zu trainieren. Wir (Rollifahrer) nehmen jedoch an dem Hamburger Triathlon nicht teil. Ich selbst war zwar noch nie dabei, habe aber von anderen aus der Szene bereits gehört, dass das ein riesiger Krampf sein soll.

Rollifahrer dürfen nur auf der Sprintdistanz teilnehmen, das Schwimmen ist auf (aus meiner Sicht lächerliche) 500 Meter verkürzt. Die Rennstrecke hat eine 180-Grad-Wende, bei der man Fremdhilfe benötigt, gleich nach der Wechselzone gibt es eine Abfahrt, die es (vor allem mit vom Schwimmen noch nassen Flossen) in sich hat, dazu kommen diverse Engstellen, bei denen man sich weder begegnen noch überholen darf. Insbesondere im Rennstuhl hat man aber lange Überholwege – man kommt also nur an bestimmten Stellen wirklich aneinander vorbei und fährt sonst stur hintereinander her. Ein Kilometer geht dann noch über Sandweg … reichts?

Aber die Trainingsmöglichkeit wollten wir natürlich nutzen. Dadurch geriet der Zeitplan ein wenig durcheinander. Als ich Markus anrief, um ihm das zu erzählen, hatte er schon sonderbare Laune. Dann wollte er wissen, ob ich in langen oder in kurzen Klamotten trainieren will. Da mehr als 20 Grad waren: Kurz. Ob ich ihm den Gefallen tun könnte, in langen Sachen zu trainieren. „Ich glaube, dann bin ich hinterher wie aus dem Wasser gezogen.“ – Er fände das erotisch. Es sei sexy, wenn ich nach dem Training völlig verschwitzt bin.

Okay, es war ja schließlich auch etwas windig. Ich muss schon aufpassen, dass ich mich nicht lächerlich mache vor allen Leuten, wenn ich da als einzige in langen Sachen ankomme. Und ich muss noch mehr trinken. Aber wir konnten ja endlos Trinkflaschen wechseln. Das war auch dringend nötig, ich glaube, ich habe in den 90 Minuten über 4 1/2 Liter (einschließlich Iso) gesoffen. Ich war wirklich wie aus dem Wasser gezogen, der Schweiß leckte mir vom Gesicht, es war schon fast grenzwertig. Ich wollte mich abkühlen und mit den anderen eine Runde im See schwimmen gehen, aber Markus hatte was anderes vor. Er zog mich auf den Parkplatz, hinter mein Auto.

Klar, wenn er mich schon bittet, für ihn „heißer“ zu trainieren als sonst, hat ihn mein Anblick wohl ziemlich angemacht. Nur fühlte ich mich so nicht in der passenden Stimmung und hätte mich gerne erstmal etwas frisch gemacht. Intensiv küssen, wenn man vom Training kommt und alles im Mund schmeckt wie … bäh …, angefasst werden, wenn man völlig durchnässt ist, etliche Male Schweiß und Schnodder aus dem Gesicht im Arm abgewischt hat, sich unvermeidbarerweise ein paar Mal selbst angerotzt und mindestens einmal auch noch selbst angepinkelt hat – da habe ich dann doch gewisse Hemmungen. Er nicht. Er wollte zwischen Auto und Gebüsch über mich herfallen, was ich unter anderen Umständen auch unheimlich reizvoll gefunden hätte, aber mir war einfach nicht danach.

Ich habe aber keine Diskussion angefangen, sondern habe versucht, das Geschehen in eine andere Richtung zu lenken und ihm ein „Alternativprogramm“ angeboten. Bin also sitzen geblieben und habe das versucht, was man in der Höhe halt am besten hinbekommt. Das war dann irgendwie nicht richtig, dann habe ich vorgeschlagen, dass wir im See schwimmen gehen und im Wasser oder danach mal schauen, ob uns jemand beobachtet. Er wollte dann, dass ich mit meinen Trainingsklamotten schwimmen gehe. Immerhin müssten die ja auch wieder sauber werden. Diese nassen Sachen auf der Haut … wären sehr erotisch. Er trägt mich auch ins Wasser. „Und falls es dir peinlich vor den anderen ist, kannst du gerne so tun als würde ich dich gegen deinen Willen ins Wasser werfen.“

Okay, okay. Mach. Cathleen und Simone waren auch gleich so ins Wasser „gesprungen“ und ich finde es ja auch durchaus reizvoll. Aber eher spontan als geplant. Egal. Er zog sich seine Badeshorts an, nahm mich auf den Arm und lief mit mir ins Wasser. Wir schwammen eine eher große Runde, dann drängte er mich zwischen Schilf und einen privaten Steg ab, wo er stehen konnte. Er hielt mich fest, begann, mir meine Sachen auszuziehen. Da ich komplett unter Wasser war, ließ ich ihn machen. „Du hast ja gar nix drunter!“, sagte er, als er den Reißverschluss bis zwischen die Schulterblätter runtergezogen hatte. Hab ich nie. So große Ti**en habe ich nicht, dass ich im Sitzen unbedingt einen Sport-BH brauche. „Gefällt dir das?“, fragte ich schelmisch. Welchem Mann gefällt das nicht?!

„Hast du unten auch nix drunter?“ fragte er. – „Das findest du auch noch raus“, zog ich mich grinsend aus der Affäre. Natürlich habe ihm nicht verraten, dass die anderen auch alle nix drunter haben. Gibt wohl auch keinen Fußgänger-Radler, der unter seiner Funktionskleidung noch einen Baumwollschlüpfer trägt… als Sportstudent müsste er sowas eigentlich wissen. Egal. Nur wurden wir beobachtet. Von einem über der Stelle gelegenen Feldweg konnte man uns sehen und es gingen ständig Leute vorbei. Insofern fand ich unter Wasser fummeln okay, aber jetzt erst ganz nackig ausziehen und vielleicht noch mehr, am hellichten Tag, auch wenn es etwas abseits gelegen war und ich durchaus ein wenig exhibitionistisch veranlagt bin – das war mir zu viel.

Wir verließen das Wasser, ich zog mich um, wir setzten uns zu den anderen, die Stimmung war gut. Alle hatten Hunger, wir warfen den Grill an, quatschten, es war, nachdem beim Training erst noch ein paar Tropfen gefallen waren, tollstes Sommerwetter. Ein Sonnenuntergang am See, herrlich. Ich kuschelte mich an Markus, hatte eigentlich schon wieder vergessen, dass er vorhin so komisch war, vielleicht war er einfach nur mal für ein paar Minuten komisch drauf, er kraulte mir den Kopf – ich hätte meine Enttäuschung nicht mehr erwähnt und in den nächsten Stunden auch vergessen.

Inzwischen wurde es dunkel, es war gegen 23.30 Uhr, als plötzlich eine (wie könnte es bei meinen magnetischen Fähigkeiten anders sein) Polizeistreife, die wohl nur mal nach dem Rechten schauen wollte, anhielt und ausstieg. Es war nicht der uns bekannte Dorfpolizist, sondern zwei jüngere Beamte. Auf dem spiegelglatten Wasser schwamm in etwa 30 Meter Entfernung vom Ufer ein Rettungsring, den Chaoten vor zwei Stunden von seinem Platz entfernt und dort hineingeworfen hatten. Die Chaoten waren nur inzwischen weggefahren und so waren wir erstmal die Verdächtigen: „‚Waren wir nicht‘ kennen wir schon. Wenn das Ding nicht in 3 Minuten wieder an seinem Platz ist, nehmen wir eine Anzeige auf wegen Missbrauch von Noteinrichtungen. Das ist eine Straftat, für die es bis zu zwei Jahre Gefängnis geben kann.“

Frank antwortete: „Sofie, kannst du mir schonmal meinen Ausweis rübergeben? Ich glaube nicht, dass der Ring von alleine aus dem Wasser kommt und dann mache ich zur Anzeige gleich eine Zeugenaussage. Ich kann die Täter beschreiben und würde sie bei einer Gegenüberstellung auch wiedererkennen. Das waren so ein paar Proleten und einer aus der Clique fuhr einen getunten Golf mit einen großen Schriftzug auf der Heckscheibe.“ – Tatjana stand auf. „Lass gut sein, Frank, ich watschel eben ins Wasser und hol das Ding raus. Bevor ich irgendwann seitenweise schreiben darf, geh ich lieber einmal kurz aufräumen.“

Während Tatjana den Ring aus dem Wasser holte, fuhr einer der Beamten fort: „Und Grillen ist hier übrigens auch nicht erlaubt. Sie verstoßen damit gegen einen Erlass der Bezirksverwaltung aus dem Jahr 1974.“ – So ein Schwachsinn. In den letzten zwei Stunden hatten hier mindestens 20 Grills gestanden. Frank kam in Stimmung: „Ach du Scheiße, da war ich ja noch gar nicht auf der Welt!“ – „Deswegen haben die hier ja auch Schilder aufgestellt.“ – „Für den Deich dahinten, ja. Aber hier auch? Das hab ich gar nicht gesehen. Und nu? Müssen wir nun Bußgeld zahlen? Oder belassen Sie es bei einer mündlichen Verwarnung?“ – „Wir nehmen jetzt Ihre Personalien auf und wenn wir hier heute nacht einen Feuerwehreinsatz bekommen, geht die Anzeige in den Vorgang.“ – „Das nenn ich mal einen fairen Deal.“

„Dann hätte ich gerne mal Ihren Ausweis gesehen“, sagte der Beamte und zückte sein Notizbuch. Frank reichte ihm seinen Perso. „Wenn dann der geschäftliche Teil abgeschlossen ist und Sie an Ihre nächste Pause denken – mögen Sie da lieber Wurst oder lieber ein Nackensteak? Die Flattertiere sind leider schon aus.“ – „Wir wollen mal ernst bleiben, ja?“ – „Ich meine das durchaus ernst. Wir haben noch zwei Stücke übrig.“ – Der andere Beamte sagte: „Wir dürfen nichts annehmen, das ist nett gemeint.“ – Frank antwortete: „Eine scheußliche Vorschrift. Wenn es die nicht geben würde, hätten Sie dann lieber eine Wurst oder lieber ein Stück Fleisch?“ – Der erste Polizist, der offenbar noch wesentlich neuer im Job war, sagte: „Es gibt diese Vorschrift aber nunmal und deswegen stellt sich die Frage nicht.“ – Der zweite schielte auf unseren Grill und fügte hinzu: „Wenn ich zu Hause grille, dann hab ich allerdings am liebsten so ein richtiges Stück Fleisch. Vorher mariniert, gut durch – lecker. Meine Familie hat heute abend auch gegrillt, aber Dienst ist ja nunmal Dienst.“

Frank sagte: „Kommt, wir machen den beiden schnell zwei Teller fertig. Am besten auf so einen tiefen Plastikteller, damit das im Wagen nicht ausläuft. Ich kann das nicht mit ansehen. Wir mampfen hier und die haben Steine im Magen.“ – Jetzt sagte auch der ältere: „Wir dürfen das echt nicht annehmen. Es ist nett gemeint. Hier ist ihr Ausweis zurück. Schönen Abend noch.“ – Frank ließ nicht locker: „Aber Sie könnten mir vielleicht einen Gefallen tun? Ich bin Rollifahrer und würde gerne diese beiden Teller zum Müll bringen. Die sind übrig geblieben. Wir sind alle pappsatt und das Fleisch … das soll ja so über Nacht nicht liegen bleiben. Könnten Sie die auf dem Weg zum Streifenwagen bitte in die Mülltonne werfen? Sie würden mir einen großen Gefallen tun.“ – „Sie sind echt ein Racker. Was feiern Sie hier eigentlich?“ – „Ihren Geburtstag“, sagte Frank und zeigte auf mich. Ich winkte einmal schüchtern.

„In dem Alter darf man ja noch fragen, wie alt, oder?“ fragte der ältere von beiden. Ich antwortete: „Es ist nicht wirklich mein Geburtstag. Gestern vor drei Jahren hatte ich meinen Unfall, seitdem bin ich querschnittgelähmt. Mich hat eine Frau plattgefahren, weil sie an der Ampel ihr Recht durchsetzen wollte. Sie glaubte, ich hätte rot. Hatte ich aber nicht. Ich wäre dabei beinahe draufgegangen. Daher feier ich jetzt jedes Jahr zwei Mal Geburtstag.“ – Der Typ guckte mich mit großen Augen an, blickte auf die leeren Rollstühle neben den Decken, schluckte einmal, sagte: „Aha. Na dann schöne Feier noch. Und danke, ne?!“ Dann zogen sie von dannen, jeder einen Teller mit Fleisch und Salat in der Hand. Das landete natürlich nicht im Mülleimer.

Sofie fragte: „Und was ist, wenn das hier heute nacht wirklich brennt?“ – „Dann müssten sie beweisen, dass ich das angezündet habe. Ich weiß ja nicht mal, wem der Grill gehört. Das war eine reine Erziehungskiste, damit wir hier nachher alles sauber hinterlassen und die Glut ablöschen. Nun haben wir unsere Ruhe und die ihr Stück Fleisch und alles ist in Butter.“

Gegen halb eins fuhren einige nach Hause. Da Zelten nicht erlaubt war, schlief der Rest auf dem Parkplatz in den Autos. Bei mir passt locker eine Matratze hinein, bei Frank und Sofie (Passat Kombi) auch, bei Jana (Touran, zusammen mit Cathleen und Simone) und bei Yvonne (Megane, mit Nadine) auch. Ich überredete Markus zu einer Runde Mitternachtsbaden. Das Wasser war anfangs kalt, kurz danach aber herrlich. Da am See keine Laternen stehen, ist es wirklich fast stockdunkel. Jetzt zieh ich mich im Wasser auch gerne nackig aus. So ein langsam ins Wasser laufender Sandstrand ist enorm vorteilhaft, vor allem, wenn man von dort aus weite Teile des Weges einsehen kann und wir wirklich die einzigen sind. Eine Ente war die einzige, die sich lauthals beschwerte. Es war sehr schön.

Danach wurde mir schnell kalt. Markus zog seine Badehose wieder an, mich nahm er nackt auf den Arm. Ich klammerte mich an ihm fest, den Badeanzug in meiner Hand. Wir mussten über die Wiese, über die Straße, einen Berg runter zum Parkplatz. Wir parkten an einer Seite, die anderen Fahrzeuge waren alle auf dem Platz bunt verteilt. Ich hatte extra vorher die Innenbeleuchtung und die automatische Außenbeleuchtung beim Betätigen der Fernbedienung ausgeschaltet, damit beim Öffnen der Heckklappe nicht alles hell erleuchtet ist. Markus warf mich auf die Matratze, zog seine Shorts aus, machte sich den Sand von den Füßen und kam hinterher gekrabbelt. Bis dahin war alles gut, von dem komischen Start abgesehen, ein Traumabend.

Aber nun wollte er noch einmal Sex. Es wäre auch okay gewesen, nur … nicht im Auto auf der Matratze. Es lag zwar was wasserdichtes drunter, ich hatte sogar auch ein Ersatzlaken dabei, für alle Fälle, aber ich hatte beim Grillen und auch davor schon so viel getrunken, dass … Auf dem Rasen draußen, auf einem Handtuch, hinter dem Auto, unter dem Sternenhimmel – für ihn zu hart. Am Strand – für ihn zu sandig. Ich hätte ihn auch im Auto nochmal verwöhnt, nur eben nicht „herkömmlich“, weil ich da gerne eine Pampers anziehen wollte, und das so schnell wie möglich – für ihn schön, aber er wollte einen Kick. Er wollte mich richtig. Nie würde er mich richtig bekommen. Immer müsse man Rücksicht nehmen auf „diese Scheiße“. Ich könne nicht richtig aus mir herauskommen, ich hätte Probleme mit meiner Behinderung.

„Gleich schläfst Du draußen. Das ist mein Auto.“ – Er drehte sich weg. Plötzlich schlief er. Wie kann er in der Situation einschlafen?! Gegen sechs Uhr weckte er mich, indem er mir den Bauch streichelte. Ich kuschelte mich an ihn ran, wollte in seinem Arm weiterschlafen. Er war schon wieder … und wollte mir die Pampers runterstreifen. Argh!!! „Es ist das gleiche wie gestern abend. Wenn du mir das Ding ausziehen willst, dann nur draußen. Hier drinnen bleibt es dran.“ – Er meinte, ich rieche so geil, meine Haut sei so erotisch, ich fühle mich so gut an, es sei so gemein, neben mir liegen und leiden zu müssen. Sicherlich ein tolles Kompliment, aber trotzdem … ich solle mich doch mal fallen lassen, das Bettlaken könnte man waschen – die gleiche Diskussion nochmal. Und dann wurde er beleidigend. Und stellte Fragen, ob sich Cathleen oder Sofie auch so anstellen würden. Und dann kam der Schlussatz: Behinderte müssen sich nicht wundern, dass sie keine Partner finden. Es sind nicht die Partner, die sich anstellen, sondern die Behinderten selbst.

„Markus, weißt Du was? Um Viertel vor Acht fährt da vorne der erste Linienbus. Bis dahin kannst Du gerne noch eine Stunde schwimmen gehen, aber hier ist jetzt Schluss für dich.“ – „Was heißt das?“ – Meine Antwort steht im ersten Absatz.

Ich habe seitdem nur geheult und inzwischen einen absoluten Dröhnschädel. Eigentlich wollten wir gemeinsam frühstücken, aber ich habe mich vor allen vom Acker gemacht. Gestern noch hatte ich gedacht, mein Leben einigermaßen im Griff zu haben. So schnell ändern sich Dinge.

Drei Jahre lang

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Gestern mittag gab es bei mir übrigens Gyrosbaguette. Insider wissen, was das bedeutet. Inzwischen, ich kann es kaum glauben, ist es drei Jahre her, seit sich mein Leben von einem auf den anderen Tag radikal verändert hat.

Inzwischen bin ich häufig gefragt worden, ob ich an meinem Leben gerne etwas ändern würde. Dazu kann ich nur erneut sagen: Was ich ändern kann, das ändere ich. Was ich nicht ändern kann, daran versuche ich mich auch nicht. Sicherlich sollte man nicht resignieren und glauben, man könne an vielen Dingen sowieso nichts ändern und so jede Bemühung, jede Anstrengung von vornherein unterlassen. Man muss schon sachlich bleiben bei der Beurteilung, ob man etwas verändern kann. Aber wenn klar ist, dass sich etwas nicht ändern lässt, dann gibt es auch noch andere Dinge, mit denen man sich gehaltvoller beschäftigen kann.

Was ich damit sagen will: Ich zerbreche nicht an der Frage, wann ich wieder laufen kann. Ich lasse mir auch keine Hoffnung machen, dass da irgendwelche Forschungen laufen oder Geräte entwickelt werden, mit denen irgendwas geht. Wenn mir irgendwann einmal etliche ehemalige Querschnitte auf ihren zwei Beinen entgegen gewatschelt kommen, lasse ich mir durch den Kopf gehen, ob diese Therapie auch für mich in Frage kommt. Bis dahin sollen sich andere mit dem Thema beschäftigen, das so alt ist wie die Querschnittlähmung an sich.

Ich frage mich auch nicht, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn dieser Unfall nicht passiert wäre. Ich weiß es nicht. Vielleicht wäre die Beziehung zu meinen Eltern auch aus anderen Gründen zerbrochen. Weil ich einen afrikanischen Partner gefunden oder mit einem Mädel mein erstes Mal gehabt hätte. Weil ich kriminell geworden wäre oder magersüchtig unter dem Druck des Lebens, weil ich die Schule geschmissen oder in irgendeine politische Szene gewechselt hätte. Vielleicht hätte ich meinen Freiwilligendienst in einer Behindertengruppe gemacht und dabei festgestellt, in einem falschen (gesunden) Körper geboren worden zu sein – wie Natascha, die fest davon überzeugt ist, dass sie in einen Rollstuhl gehört, obwohl sie eigentlich laufen kann.

Nataschas stationäre Therapie blieb ohne Erfolg. Es bleibt uns Behindis nur, zu akzeptieren, dass sie Rollstuhlfahrerin ist, obwohl sie laufen kann. Und trotzdem möchte ich nicht tauschen. Es ist okay, so wie es ist.

Meine Behinderung hat mich reifer gemacht, ehrgeiziger, selbstbewusster, entschiedener. Sie hat mir Hass und Liebe vermittelt, sie hat mir gezeigt, dass Menschen viel facettenreicher sind als ich es je gedacht hätte. Sie hat mich mit wunderbaren Leuten zusammengeführt, sie hat meinem Leben (so seltsam das klingt) einen ungeheuren Halt gegeben. Einfach, weil sie vieles ausgeschlossen hat, was vorher Option hätte sein können, weil sie mir viele Entscheidungen abgenommen hat. Und weil sie mich zu einer deutlichen Positionierung genötigt hat.

Ich werde gleich zum Schwimmtraining fahren. Es ist wunderschönes Wetter draußen. Anschließend feiere ich mit ein paar Leuten meinen „Geburtstag“ (nach). Der Grill fragt schon alle paar Minuten nach seinem Einsatz. Hoffentlich fängt er aus lauter Ungeduld nicht gleich schon im Auto zu qualmen an. Ich freu mich drauf!