Sieben an einem Tag

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Ist ja nicht das erste Mal, dass ich es erwähne: Ich lese grundsätzlich alle Kommentare meiner Leserinnen und Leser, freue mich meistens darüber und nehme den einen oder anderen mir auch zu Herzen. Manchmal liefern sie mir auch eine Idee, etwas auszuprobieren: Ich habe mir vorgenommen, einen Tag lang mal alle Begegnungen mit fremden Leuten, bei denen es zu einem Wortwechsel kommt, sofort danach, ggf. mit Stichworten als Gedankenstütze, zu notieren, nur höflich und freundlich zu sein und Leute, von denen ich mich herabgesetzt, diskriminiert oder beleidigt fühle, sachlich zu kritisieren – sofern ich überhaupt etwas sage.

Morgens war ich mit Nadine zum Frühstücken verabredet, anschließend wollten wir gemeinsam shoppen, danach zusammen zur Physiotherapie und abends zum Schwimmtraining. Nadine ist in meinem Team, hat einen inkompletten tiefen Querschnitt nach einem unverschuldeten Fahrradunfall, kann mit Unterschenkelorthesen laufen, allerdings nicht rennen und nicht frei stehen (ohne sich festzuhalten). Ihr Gangbild erinnert ein wenig an das einer Ente.

Szene 1: Der Bus kommt, ein Schnellbus, bei dem man üblicherweise vorne die Fahrkarten vorzeigen muss, der Fahrer fährt dicht an den Bordstein heran, senkt den Bus ab und öffnet die hintere Tür. Ich fahre hinein, ziehe mich an den Türgriffen die etwa acht Zentimeter hohe Stufe hinauf, stelle mich an den vorgesehenen Platz und mache die Bremsen fest. Nadine setzt sich links neben mir auf einen Sitz. Die Tür geht zu, aber bevor der Bus losfährt, kommt eine Lautsprecherdurchsage: „Die junge Frau, die eben hinten eingestiegen ist, bitte mal den Fahrausweis vorzeigen!“ – Ich drehte mich um und hatte über den Innenspiegel Blickkontakt zum Fahrer. Da ich nicht weiter nach vorne rollen konnte, rief ich: „Sie gehört zu mir.“ – Begleitpersonen von Rollstuhlfahrern werden frei befördert. Abermals kam eine Durchsage: „Junge Frau, kommen Sie doch mal bitte zu mir nach vorne.“ – Der Bus stand. Ich sagte zu Nadine: „Hier, nimm gleich mit“, und drückte ihr mein Portmonee in die Hand. Nadine latschte nach vorne, kramte meinen Ausweis raus. „Das ist der Ausweis von Ihrem Schützling. Ich wollte Ihren Fahrausweis sehen“, hörte ich den Fahrer sagen. Hat er Schützling gesagt?! Nadine antwortete: „Ich bin die Begleitperson. Sie hat eine Begleitperson frei. Ist dort vermerkt.“ Ohne Worte gab er ihr den Ausweis zurück, fuhr ab.

Szene 2: Wir wollen Badeanzüge für beide und eine Schwimmbrille für Nadine kaufen. Die Größe und das Modell, das ich haben möchte, ist reduziert, also hole ich gleich drei Stück aus dem Regal. 18 Euro für einen Markenanzug ist wirklich gut. An der Kasse lege ich die drei Teile plus meine EC-Karte auf den Tisch. Die Kassierin, eine Frau um die 50, guckt mich an und fragt: „Gleich drei Stück? Haben Sie denn soviel Geld dabei?“ – Ich tippe wortlos auf meine EC-Karte. „Wollen Sie das Schwimmen anfangen? Ich finde das ja toll, dann kommen Sie ein wenig unter Leute.“ – „Ich trainiere mehrmals pro Woche und früher oder später lösen sich die Teile auf. Bei Ihrem Angebot nehme ich gleich drei Stück mit, das lohnt sich ja.“ Oha, die Behinderte kann in ganzen Sätzen sprechen. – „Ach Sie schwimmen regelmäßig, ja das finde ich ja toll. Wissen Sie, mein Mann saß eine Zeitlang auch im Rollstuhl. Der hatte Schwierigkeiten mit der Hüfte. Aber der hat sich zum Glück wieder erholt. Hatten Sie einen Unfall?“ – „Ja.“ – „Das hört man viel, bei jungen Leuten. Führerschein gerade neu, übermütig, und schon ist es passiert. In der Nachbarschaft hat auch einer gleich das Auto der Eltern zu Schrott gefahren. Alles in Grus und Mus. Aber ihm ist zum Glück nichts passiert. Aber um das Auto ist es ärgerlich.“ – „Ja, das stimmt. Bei mir war es ein Unfall auf dem Schulweg. Eine Autofahrerin hat mich angefahren.“ – „Das ist ja immer mein Alptraum, dass mir irgendwann mal ein Kind vor das Auto läuft. Wie oft liest man das, dass Kinder zwischen Autos hervorkommen und dann hast du als Autofahrer keine Chance. Du hast keine Chance. 54 Euro macht das.“

Szene 3: Wir stehen in einem Burgerladen und bestellen. Wir bekommen zwei Tabletts. Da Nadine sowieso schon Probleme mit dem Laufen hat, trägt sie keine Tabletts. Die Gefahr, dass das Getränk darauf umkippt oder sie mitsamt dem Essen hinfällt, ist viel zu groß. Also setzt sie sich hin und ich nehme die Tabletts nacheinander auf den Schoß und bringe sie zum Tisch, muss mich dabei allerdings durch die Schlangen der wartenden Leute kämpfen. „Tschuldigung, darf ich mal durch? Tschuldigung, könnten Sie mich mal bitte durchlassen? Entschuldigung, könnten Sie einen Schritt zurückgehen?“ – Nadine hat sich hinter einen Tisch gequetscht und in der Zeit, in der ich die Tabletts geholt habe, vor dem Tisch den Stuhl weggeschoben. Da kommt eine Frau zu uns und pöbelt Nadine an. „Sie lassen sich von ihrer Bekannten das Tablett an den Tisch bringen? Was für eine Erziehung haben Sie denn genossen? Gar keine? Entschuldigung, aber da steigt mir der Hut hoch.“ – Nadine sitzt mit offenem Mund da, ich erwidere höflich: „Das ist schon in Ordnung so. Wir haben das aufgeteilt.“ – „Ich will das gar nicht hören. Sie sind doch abhängig von ihr. Es ist doch unglaublich, dass Sie das Mädchen im Rollstuhl derart ausnutzen.“ – „Sie nutzt mich nicht aus und ich möchte jetzt essen und kein Theater. Ja? Tschüß.“ – Wir essen, in der Zwischenzeit stellt die Frau sich an. Als sie zurück kommt, setzt sie sich ausgerechnet an den Tisch neben uns und fängt an, mich anzustarren. Reicht mein dickes Fell, um das zu ignorieren?

Szene 4: Ich möchte ein Brot vom Bäcker mitnehmen, stehe an. Ich bestelle ein Brot, gebe das Geld über die Glastheke. Nadine bekommt das Brot mit den Worten: „Stecken Sie ihr das mal hinten rein?“ – Gemeint war wohl der Rucksack…

Szene 5: Wir sitzen im Bus nach Hause, ich auf dem Rollstuhlstellplatz, Nadine links neben mir in der letzten Sitzreihe vor der Mitteltür. Plötzlich steigt ein älterer Mann ein, kommt von vorne bis zur Mitte durch und macht Nadine an: „Setz Dich mal woanders hin.“ – „Wie bitte?“ – „Das ist mein Sitzplatz, ich bin schwerbehindert, ich muss nah an der Tür sitzen und kann nicht lange stehen. Mach schon, sonst falle ich hin.“ – Es waren mindestens 20 weitere Plätze frei, auch der direkt gegenüber, auch die vier auf der anderen Seite der Tür. Nadine rückte zum Fenster durch. Der Typ setzte sich hin, hob seinen Holzstock und tippte mit dessen Ende oben gegen die Deckenverkleidung, an die ein Symbol „Sitzplatz für Schwerbehinderte“ angeklebt war. „Da stehts. Für Doofe schon extra ohne Text.“ – Nadine antwortete: „Schaun Sie mal, dahinten sind auch noch Schwerbehindertenplätze frei. Ich weiß nicht, warum Sie ausgerechnet den besetzten Platz belegen wollen.“ – „Das will ich dir sagen: Zu unserer Zeit ist man als Jugendlicher noch aufgestanden, wenn gebrechliche Leute in den Bus stiegen. Du hast auf diesem Sitzplatz überhaupt nichts zu suchen.“ – „Haben Sie schonmal in Betracht gezogen, dass es auch Jugendliche mit Behinderung gibt?“ – „Pass auf, du!“ Er machte eine fordernde Handbewegung: „Zeig mir mal deinen Ausweis.“ – Nadine holte ihren Ausweis aus der Jackentasche. Der Typ wurde kreidebleich. Aber anstatt sich mal zu entschuldigen, kam: „Das kann ich ja nicht riechen! Woher soll ich wissen, dass du ausnahmsweise hier sitzen darfst. Ist der Ausweis überhaupt echt? Du kannst doch laufen.“

Szene 6: Wir sind auf dem Weg von der Physiotherapie zum Schwimmen und warten vor demselben Aufzug, von dem ich auch schon in den letzten Beiträgen geschrieben hatte. Dann stehen wir mit drei Rollstuhlfahrern in der Kabine (die anderen beiden kannte ich nicht), damit ist die Kabine voll. Nadine latscht über die Treppe. Die Tür geht zu, da springt noch eine ältere Dame dazwischen. Die Tür geht wieder auf. „Komme ich noch mit?“ – „Nee, das passt nicht mehr.“ – „Och das geht noch.“ – „Nein, das passt wirklich nicht mehr.“ – „Ich muss meine Bahn kriegen.“ – „Ja, wir auch. Am besten warten Sie kurz, wir beeilen uns mit dem Aussteigen.“ – „Warten Sie, ich quetsch mich hier dazwischen.“ – Sie drängelte sich zwischen meine Füße und Kabinenwand, hielt sich an meiner Schulter fest. Sie musste sich weit nach vorne beugen, da hinter ihrem Po die Haltestange war. Und sie stank nach Knoblauch. Die Tür ging zu. „Wissen Sie, der Aufzug wurde nämlich nicht nur für Rollstühle eingebaut. Ich habe zwei neue Hüften bekommen und ich kann die steile Treppe nicht laufen.“ – „Das mag ja sein, nur wenn voll ist, ist voll.“ – „Geht doch auch so.“ – „Ich weiß aber nicht, ob ich mich von jedem anfassen lassen möchte.“ – „Nun stellen Sie sich mal nicht so an. Sie sind zwar behindert, aber ja nicht aus Zucker, nä?! Sag ich immer zu meinen Leuten, wenn die mich mit Samthandschuhen anfassen.“ – Die Kabinentür öffnete sich, die beiden anderen Rollifahrer rangierten nach draußen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich stand hinten an der Wand und direkt vor mir waren die Füße der Frau, außerdem hielt sie sich an mir fest. „Sie zuerst!“, befahl sie. – „Ich komm so nicht von der Stelle. Sie stehen direkt vor mir. Sie müssten sich da schon irgendwie raushangeln und wenn es geht, ohne sich dabei auf mich aufzustützen, sonst fallen wir nämlich beide um.“ – Ihre Hand war auf meiner Schulter nämlich eindeutig hinter dem Schwerpunkt des Stuhls. „Was Sie einer alten Frau so alles zumuten“, beklagte sie sich. – „Ich hab doch gesagt: Warten Sie kurz.“ – „Ach halt den Schnabel.“ – „Wie war das?“ – „Du hast mich schon verstanden.“ – Nadine stand mit einem Fuß in der Tür, damit der Aufzug nicht wieder losfuhr. Jetzt stützte sich die Frau mit beiden Händen auf mich auf, einmal an der Schulter, einmal auf meinem Oberschenkel. Schrittchen für Schrittchen bewegte sie ihr Füße zwischen Rollstuhl und Kabinenwand hinaus, ihr halbes Körpergewicht auf mich gestützt, gerade hinstellen konnte sie sich wegen der Haltestange nach wie vor nicht. Dann konnte sie endlich rausgehen. Nach zwei Schritten blieb sie stehen und drehte sich um. Ich rangierte meinen Stuhl mit zwei Dutzend Minibewegungen plus zwei Mal hochspringen aus der eingekeilten Position, als sie mich anmachte: „Siehst du, geht doch wunderbar.“ – Gleich spring ich dir ins Gesicht… Nadine stand hinter ihr, immernoch den Fuß in der Tür. Lohn der Zurückhaltung: Die Frau erreichte im schnellen Schritt die S-Bahn, quetschte sich gerade noch so durch die sich schließenden Türen und wir … standen draußen und mussten auf den nächsten Zug warten.

Szene 7: Wir kommen aus der Schwimmhalle. Jana hat angeboten, uns mit dem Auto mitzunehmen. Janas Auto ist aber zugeparkt von einem Smart, der sich zwischen die beiden auf den breiten Behindertenparkplätzen parkenden Autos auf die Linie gestellt hat. Da der Eingang um diese Zeit geschlossen ist, müssen wir über eine Wiese zum Notausgang und dort an die Scheibe klopfen. Nach zwanzig Minuten ist der Fahrer gefunden, ein junger Mann, der seine Serie unterbrechen musste, um nur mit Badehose und Handtuch bekleidet, sein Auto wegzufahren. Als er fertig war, kam folgender Kommentar: „Bekomme ich jetzt einen Aufkleber von der Frank-Elstner-Stiftung ‚Ein Herz für Behinderte‘?“

Es soll nicht so stehen bleiben, dass der Eindruck entsteht, alle Menschen seien böse. Viele halten mir Türen auf, bieten mir freundlich ihre Hilfe an, sind nett. Aber zwischen den vielen netten gibt es täglich auch jede Menge Idioten. Und die versammeln sich grundsätzlich bei mir und labern mich an. Oder bei anderen Rollifahrern – und die Anzahl ist gemessen an der Dauer, die ich unterwegs war, im Durchschnitt. Ich weiß nach wie vor keinen Rat: Reinfressen will ich das jetzt nicht jeden Tag in mich und zu heftig reagieren trifft möglicherweise den falschen. Vielleicht sollte ich einen Schreikurs mitmachen. Oder mal wieder einen Triathlon – leider ist gerade Winter. Shit.

Diskriminieren – aber richtig

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Es ist schon spannend zu lesen, wie einige meiner Leserinnen und Leser diskutieren und ihre Ansichten vertreten. Und wie sich so eine Diskussion verselbständigt und immer weitere Kreise zieht. Und vor allem: Wer sich so alles persönlich angesprochen fühlt. Die Rede ist von meinem letzten Beitrag.

Ich glaube schon, dass ich mich mit deutscher Sprache sehr gut ausdrücken kann, sofern die deutsche Sprache eine gute (im Sinne von differenzierte) Ausdrucksweise überhaupt zulässt. Ich weiß auch, dass Sprache nicht nur deskriptive, sondern auch wertende Funktionen hat, auch bei der Beschreibung rationaler Elemente.

Zunächst finde ich sehr wichtig zu unterscheiden, wann Sprache deskriptiv und wann wertend eingesetzt werden soll. Ich finde, dass ein Absender sich größte Mühe zu geben hat, damit der Empfänger das Gesagte so versteht wie der Absender es meint. Man darf dabei aber zwei Dinge nicht außer Acht lassen: Einige Empfänger wollen partout beschreibende Aussagen als wertend verstehen und einige Personen sind überhaupt nicht Empfänger einer Nachricht, fühlen sich aber angesprochen und beziehen den Inhalt auf sich selbst.

Ohne jede Frage: Ich bin sehr dafür, Sprache bewusst einzusetzen und bestimmte Wörter gar nicht erst in den Mund zu nehmen. Ich bin auch dafür, die Verwendung bestimmter Wörter durch Aufklärung einzudämmen. Die Wörter „Schwuchtel“, „Hure“, „Neger“, „Schlampe“ und „Slutwalk“ gehören nicht in meinen Sprachgebrauch, „Krüppel“ allenfalls als Beispiel, wie sich Sprache durch die Verwendung von Euphemismen verändert.

Was ich überhaupt nicht leiden kann, sind Menschen, die sich selbst zu einer Art Hoheit aufspielen, die gleichzeitig festlegt, welche Regeln gelten, feststellt, wann diese Regeln überschritten wurden und den mutmaßlichen Regelverletzer anschließend am besten noch anklagen und verurteilen. Entsprechend muss immer die Frage zulässig sein, ob die Mehrheit der (angesprochenen) Betroffenen etwas ablehnt und verurteilt, oder ob irgendjemand Benimmregeln vermitteln will.

Behinderung ist nach gängiger Meinung die Wechselwirkung körperlicher Beeinträchtigung mit Barrieren der Umwelt (sinngemäß, verkürzt). Also bin ich behindert. Und nicht gehandicapt oder sonstwas. Eine gute Freundin hat eine deformierte Hand, eine andere ein Bein ab und eine weitere vorhin eingekackt. Die stank aus allen Knopflöchern und wurde, bis sie geduscht hatte, auf genau diesen Gestank reduziert. Wie es mir ging, als ich das erste oder das letzte Mal eine Magen-Darm-Grippe hatte, weiß ich noch genau und dass ich vorhin fast in die Ecke vomiert habe, als ich ihr in der Dusche mit Einmalhandschuh und -waschlappen den Arsch (nein, für mich kein Ausdruck verrohter Sprache, sondern als neutral im herkömmlichen Sinne) gewaschen habe, weil sie das wegen ihres vergleichsweise hohen Querschnitts nicht konnte, auch. Das habe ich auch thematisiert. Damit konnten wir beide besser umgehen als wenn ich es mit Tränen in den Augen verschwiegen hätte. Trotzdem ist sie für mich ein Mensch und ich habe sie sehr lieb.

Ich habe nichts gegen Behinderte. Aber wenn sie stinken, müssen sie damit rechnen, auch dann auf ihren Gestank reduziert zu werden, wenn sie das gar nicht zu vertreten haben. Und ich fange jetzt auch keine Diskussion an, ob die Umwelt so etwas ertragen muss. Muss sie nicht. Ein Behinderter, der eingekackt hat, gehört nicht in eine Theatervorstellung. Diese Ausgrenzung muss er aushalten.

Ich habe niemals gesagt, dass ich etwas gegen dicke oder fettleibige Menschen habe. Ich habe auch zu keinem Zeitpunkt eine Ansprache an alle Menschen gerichtet, deren BMI irgendeinen Wert übersteigt. Ich habe eine übergewichtige Person auf exakt der Ebene angesprochen, auf der sie mich Sekunden zuvor ebenfalls angesprochen hat. Nachdem ich über das Vordrängeln fast noch einen Scherz gemacht habe und die Beleidigung davor bewusst überhört hatte. Und ich halte diesen Umgang mit dieser einen Frau nach wie vor für angemessen. Einen diplomatischen Hinweis auf ihr Fehlverhalten hatte sie kurz zuvor bereits mit einer Beleidigung (duzen, verniedlichen, nicht ernst nehmen) abgetan. Hätte ich zum Ausdruck gebracht (höflich oder unhöflich), dass ich mich von ihr diskriminiert fühle, hätte sie vermutlich dumm gelächelt oder mich als Weichei, das mit seiner Behinderung nicht klarkommt, abgestempelt. Nein, ich denke, das hat gesessen und vielleicht denkt sie so mal darüber nach.

Ich will mich jetzt nicht rausreden, denn meine Absicht war schon, dass sie „fett“ als negative Eigenschaft versteht. Nicht ohne Grund rennt sie mit Walkingstöcken durch die Gegend. Allerdings ist „fett“ in meinen Augen nicht unbedingt negativ. Die derzeit korrekte Übersetzung der medizinischen Bezeichnung „Adipositas“ ist „Fettleibigkeit“. Ebenso wie die Frage „Warum sitzt du im Rollstuhl?“ ohne den Kontext, die vorangegangene Beleidigung und den abschätzigen Blick nicht unbedingt negativ behaftet sein muss – von der Beschränkung der Person auf den Rollstuhl und der Indiskretion mal abgesehen. So ein Rollstuhl hat auch viele Vorteile.

Und, was hinzu kommt: Ich überlege in aller Regel schon sehr genau, was ich sage. Meistens bin ich auch diejenige, die sich aufregt, wenn beim Training irgendein Halbstarker die heute in vielen Schulen übliche sexualisierte Sprache gebraucht. Andererseits fühle ich mich, trotz aller mit dem Internetblog verbundenen „Berühmtheit“ nicht in der Rolle eines perfekten Menschens, der sich immer korrekt verhält. Und manchmal bin ich auch schlicht mit meinem Latein am Ende, zum Beispiel, wenn ein Angestellter meiner Rehaklinik, Afrikaner mit Unfallquerschnitt, unter jede SMS „LG, Black“ schreibt, zu seinem Geburtstag eine Runde Schokoküsse („am liebsten würde ich allen, die heute mit mir feiern, persönlich einen Kuss geben, aber ich bin erkältet und damit belassen wir es mal bei den Negerküssen aus dem Pappkarton“) verteilt und mir erzählt, die meisten Menschen, die ihn wegen seiner Hautfarbe diskriminieren, wollten nur ihn persönlich provozieren oder davon ablenken, dass sie mit seinem Rollstuhl nicht klar kämen. „Zum Glück wissen sie nicht, dass ich hetero bin. Wenn man mich schon diskriminiert, dann bitte richtig.“

Tolle neue Woche

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Die Woche fängt gut an, sagte der Mann, der am Montag gehängt werden sollte.

Es ist völlig egal, ob ich zur Zeit zur Schule, zur Arbeit oder sonstwo hin muss – ich hasse sie, die Leute, die mir an einem Montagmorgen ungefragt erklären müssen, dass ja eine neue Woche begonnen hätte. Als Rollstuhlfahrerin hat man ja unfreiwillig eine Art Beamtenstatus. In einem mehr oder weniger schmerzhaften Akt wird man zu dem, was man später ist, bekommt vom Staat darüber eine amtliche Ernennungsurkunde und einen Dienstausweis (ab nächstem Jahr aus Plastik und in Scheckkartenform), auf dessen Rückseite der Dienstgrad eingetragen wird und der einem (mitunter) die freie Mitfahrt in öffentlichen Nahverkehrsmitteln garantiert, einen je nach Dienstgrad manuell oder elektrisch angetriebenen Dienstwagen und das eine oder andere mehr.

Uniformen sind zum Glück abgeschafft, man ist ja auch so gut zu erkennen, allerdings muss man eben auch ertragen, dass sich all jene, die auch Briefträger und Polizisten vorsorglich grüßen oder in ein oberflächlich-bürgernahes Wortgeplänkel verstricken, zu einem hingezogen fühlen und einen entweder nach dem Weg, nach der Ursache der Behinderung, dem Preis des Rollstuhls oder sogar nach der eigenen Fruchtbarkeit fragen und anschließend mit der eigenen Lebensgeschichte oder der des Nenn-Onkels, der selbst sechs Wochen im Rollstuhl saß, konfrontieren. An einem Montagmorgen ist es besonders schlimm. Und bin ich einmal schlecht gelaunt und reagiere nicht auf solche dummen Ansprachen, schließlich muss es nicht pausenlos kommentiert werden, dass der Aufzug kommt, das Wetter neblig ist oder ich schöne Haare unter der Mütze habe, tun die Leute so, als hätten sie mit ihren Steuern meine Freundlichkeit beglichen und wären gerade um eine bereits bezahlte Leistung betrogen worden. „Sie reden auch nicht mit jedem, oder?“ – Ein „Halt die Fresse“ hab ich mir nur leise gedacht und so getan als sei ich gehörlos.

Irgendwann bin ich auf meinem Weg zur Physiotherapie am Bahnhof Bergedorf angekommen, stehe vor dem deutlich zu klein geratenen Aufzug und warte. Noch acht Kinderwagen vor mir, noch sechs, noch vier – mit Glück passen zwei gleichzeitig in die Kabine. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, bin ich dran, die Tür geht auf, da drängelt sich von der Seite eine ältere Frau mit breitem Arsch und zwei kaputten Skistöcken vorbei, steigt mir fast über meinen Schoß. „Vorsicht! Ich mach Nordic Walking!“ – Es juckte mir in den Fingern, aber ich stoppte meinen Rollstuhl. Es wäre kein Problem gewesen, sie lang hinschlagen zu lassen, ich hätte nur nichtbremsen müssen. „Und ich mach Nordic Rollstuhling und kann mich auch hinten anstellen“, konnte ich mir nicht verkneifen. Sie grinste doof und meinte: „Schätzelein, ich werde kalt, wenn ich so lange warten muss.“

Ich hatte bereits gedrückt, die Tür schloss sich, da fängt sie an, an den Knöpfen herumzufummeln. Drückt nochmal die „0“ statt der „-1“, was zur Folge hat, dass die Tür sich nochmal öffnet. Anschließend drückte sie nochmal auf „Tür auf“ und rief: „So, Abfahrt, Tür zu! Die Kiste ist vielleicht lahmarschig. Ich werd kalt!“ – Dann endlich fuhren wir. „Warum sitzt du im Rollstuhl?“, fragte sie und drehte sich zu mir. Das war jetzt eindeutig zu viel. Ich antwortete: „Warum bist du so fett?“ – Ihr fielen fast die Augen aus dem Kopf. „Unverschämtheit“, blubberte sie. Der Aufzug war angekommen. Wutschnaubend stiefelte sie aus der Kabine.

Meinen Bus hatte ich verpasst. In 10 Minuten kam der nächste. Ich stand dümmlich vor der hinteren Tür. Hatte der Fahrer mich nicht gesehen, als er die Haltestelle angefahren hatte? Ich drückte auf den Knopf mit dem Rollstuhlsymbol. Nichts passierte. Ich blickte nach vorne, winkte in Richtung seines Außenspiegels und nuschelte ein leises „Huhu“ in meinem Schal. Nichts. Ich rollte zur vorderen Tür, wo der Fahrer die Fahrausweise der Einsteigenden einzeln kontrollierte und entsprechend beschäftigt war. Ich rief durch die Menschentraube hindurch: „Können Sie mal bitte hinten aufmachen und absenken?“ – „Ich komm gleich nach hinten!“ – „Es reicht, wenn sie die Tür aufmachen und absenken!“

Ich fuhr wieder nach hinten. Die Tür blieb zu. Okay, dann warten wir eben erstmal, bis der Bus voll ist. Endlich, als vorne alle eingestiegen waren, ging die Tür auf, der Fahrer kam raus. „Absenken würde reichen, dann komme ich so rein.“ – „Das dürfen Sie nicht.“ – „Bitte?“ – „Das ist zu gefährlich. Ich klappe die Rampe aus. Ist kein Problem, dann kann ich auch mal aufstehen und mich bewegen. So, machen Sie mal etwas Platz, die Frau im Rollstuhl will auch noch mit und die muss sich dort drüben hinstellen. Sie da, suchen Sie sich mal einen anderen Stehplatz, ja? Wo wollen Sie aussteigen?“ – „Unfallkrankenhaus.“ – „Ich komme dann zu Ihnen und helfe Ihnen raus.“ – „Jaja.“ So ein Blödsinn. Würde er einfach den Bus absenken, käme ich so rein und raus. Aber nein … er braucht Bewegung. Und alles glotzt. Es ist sicherlich nett gemeint, aber ich helf ihm doch auch nicht beim Busfahren. Das würde mit Sicherheit auch an seinem Ego kratzen.

Für Ronja, meine Physiotherapeutin, hatte die Woche auch klasse begonnen. Sie hat erfahren, dass sie ab Januar in einem anderen Bereich eingesetzt wird. Bisher hatte sie nur mit Querschnitten zu tun, dann soll sie nur noch Muskelaufbau bei Leuten machen, die an der Hand operiert worden sind. Sie ist totunglücklich und hat in meiner Stunde drei mal angefangen zu weinen. Sie tut mir so leid. Aber ich habe schon eine Idee. Mal sehen, ob das klappt…

Little Dolly und ein Bad im See

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Einige kriegen eben nie genug – ich gehöre auch dazu. Letztes Wochenende war ein tolles Trainingslager, dieses Wochenende war ursprünglich ein nächtliches Training am Elbdeich geplant, das wurde aber nun wegen des besagten Trainingslagers gestrichen. Nur bleibt es uns ja unbenommen, trotzdem zu trainieren. Allerdings dann auf dem Wanderweg, nicht auf der Fahrbahn. Das wäre ohne Begleitfahrzeug oder Straßensperre lebensgefährlich. Gerade auf dieser Deichstraße rasen die Autofahrer nämlich gerne.

Ursprünglich wollten Yvonne, Simone, Cathleen, Nadine, Kristina, Merle und ich uns treffen, also fast mein komplettes Team, dann hatten aber Yvonne, Nadine und Merle kurzfristig wegen eines grippalen Infekts wieder abgesagt. Dafür rief mich die Mutter von Lisa an, ob ihre Tochter auch teilnehmen dürfte und ob es möglich wäre, dass sie hinterher nochmal bei uns schläft. Natürlich war das möglich. Ob ich einmal eine halbe Stunde Zeit für sie hätte. Huch? So offiziell?!

Entsprechend saßen wir am Freitagabend in meinem Zimmer, zusammen mit Lisa und Cathleen. Lisas Mutter fand unsere WG toll, sagte, sie hätte sich das ganz anders vorgestellt. Lisa sagte: „Mama, lenk nicht vom Thema ab. Ich will das hier so schnell wie möglich hinter mich bringen.“

Lisa erzähle zu Hause regelmäßig mit strahlenden Augen vom Training. Auf der Fahrt vom Trainingslager nach Hause habe sie ohne Punkt und Komma erzählt, wie toll das alles war. Die Mutter meinte, sie habe Angst um ihr Kind. Es klinge bestimmt merkwürdig, aber sie bräuchte mal jemanden, der sie versteht und ihr sage, dass das mit ihrer Tochter alles richtig laufe, sie in besten Händen sei und sie sich zu viele Sorgen mache.

Ich fragte sie, wo denn genau ihr Problem sei. Wieso sie annehme, dass etwas falsch laufen könnte. Sie meinte, die Kontakte, die ihre Tochter in den letzten Jahren geknüpft habe, hätten sie so glücklich gemacht. Ihre Tochter sei nicht wiederzuerkennen. Lisa saß daneben und meinte: „Nicht so sentimental, Mama. Ich werd einfach nur erwachsen. Aber ich bleib trotzdem deine Tochter und du und Papa sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Das hab ich dir gestern schon gesagt.“ – Ich musste schon wieder schmunzeln.

Die Mutter erzählte mir, dass ihr Mann und sie beide berufstätig seien und sich eine angestellte Erzieherin täglich zu Hause um Lisa kümmere. Mit ihr Hausaufgaben mache, mit ihr zur Therapie fahre. Ihr Kind habe eine Behinderung und es sei alles anders als bei anderen Kindern, aber trotzdem hoffe sie, dass sie alles richtig gemacht hätte. Nur eines verstehe sie nicht: Lisa sagt, eins der tollsten Dinge beim Training ist, dass man sich so benehmen dürfe, wie man wollte, ohne dafür Ärger zu bekommen. Und dann erzähle sie zu Hause stolz, was sie alles angestellt habe. „Warum ist ihr das so wichtig? Warum hat sie das Bedürfnis danach? Sie darf das zu Hause nicht, aber warum vermisst sie das offenbar so?“

Ich habe gesagt: „Ich würde mir da wirklich nicht solche Sorgen machen. Solange sie das zu Hause alles stolz erzählt und auch weiß, wann sie was machen darf und wann nicht, finde ich alles in Ordnung. Alles, was verboten ist, hat doch seinen Reiz, vor allem in ihrem Alter. Ich finde das völlig normal, dass sie Grenzen austestet. Eines Tages merkt sie, dass sie selbst für ihr Verhalten verantwortlich ist und dass die Jungs, die jetzt noch lachen und es cool finden, wenn sie laut rülpst, plötzlich von dem Schweinkram genervt sind. Und dann lässt sie es wieder.“

„Ich habe Angst, dass sie sich mit ihrem Verhalten schadet und irgendwann Außenseiterin ist.“ – Ich antwortete: „Das glaube ich nicht. Sie ist doch so ein herzlicher Mensch und wird von allen gemocht. Außerdem ist gerade in diesen Gruppen eine ganz große Toleranz. Das passt schon alles. Und vielleicht stößt sie tatsächlich irgendwann mal an die eine oder andere Grenze. Dann muss sie das lernen. Davor kann man sie nicht beschützen. Aber deswegen ist sie ja nicht gleich Außenseiterin.“

Ich glaube, ich habe die Mutter beruhigen können. Sie knuddelte Lisa zum Abschied und sagte: „Ruf an oder schreib eine SMS, wenn was ist!“ – „Ja, Mama.“ – „Und pass auf dich auf.“ – „Ja, Mama.“ – „Und sei lieb, hörst du?“ – „Mama! Ich bin immer lieb.“

Auf zum Volksfest. Cathleen, Simone, Lisa und ich. Da wir keine Fußgänger dabei hatten, die uns in irgendein Fahrgeschäft hätten helfen können, konnten wir nur gucken und uns mit Gummitierchen und anderem ungesunden Zeug eindecken. Wir waren mal wieder die unfreiwillige Attraktion. „Oh, habt ihr aber tolle Rollstühle! Und so bunt! Kai-Uwe, guck mal! Die Rollstühle! Guck mal, die sind ganz ohne Begleitung hier! Oder die Begleitung kauft gerade was für sie ein. Einen Motorradunfall können die nicht gehabt haben, dafür sind sie noch zu jung. Bestimmt Kinderlähmung.“ – Na klar. Ich schaltete auf Durchzug.

Nach dem Volksfest rollten wir auf Lisas ausdrücklichen Wunsch noch einmal über die Reeperbahn, die ja bekanntlich direkt nebenan ist. Als wir wieder an jenem Laden ankamen, vor dem wir vor eineinhalb Jahren schon einmal mit ihr standen, blieb sie stehen, zog mich zu sich ran und flüsterte mir ins Ohr: „Ich möchte so gerne so einen Vibrator. Deswegen wollte ich hier nochmal her. Ich war schonmal alleine hier, aber ich darf in den Laden nicht rein. Darf ich dir Geld geben und du kaufst mir den? Bitte!“

Ich dachte, ich träume. Ich bin nicht oft perplex, aber in dem Moment war ich es und wusste gar nicht mehr, wie ich reagieren sollte. „Was gibt es für Geheimnisse?“ fragte Simone. Lisa antwortete: „Wenn ich das jetzt erzählen würde, wäre es ja kein Geheimnis mehr. Ich sags dir später.“ – Ich fragte sie: „Das gibt aber mindestens 200 verschiedene Typen und dazwischen ganz viel Schrott. Hast du dich denn schonmal informiert, was der können soll?“

Lisa nickte. „Ich möchte einen, der heißt Little Dolly. Und den möchte ich am liebsten in blau. Und ein Ladegerät muss man extra dazu kaufen. Ich geb dir 50 Euro, das müsste reichen.“ – Obwohl Lisa versuchte, möglichst leise zu sprechen, ahnte Simone sofort, worum es ging. Sie fragte: „Willst du dir hier was kaufen?“ – Lisa antwortete: „Frag nicht, das ist mir peinlich.“ – „Na komm, wenn du sowas willst, musst du auch dazu stehen.“ – „Ich weiß, das ist trotzdem peinlich.“

Ich machte den Vorschlag, zu einem anderen Geschäft zu rollen, das nicht so schmuddelig aussah wie der Laden, vor dem wir gerade standen, und das mir vor allem wesentlich besser sortiert zu sein schien. Am Ende saßen wir in der U-Bahn, als sie ihr Handy rauskramte und meinte: „Ich muss das unbedingt meiner Muddi schreiben.“ – Ich hoffte nur, sie würde mir nicht den Kopf abreißen. Als wir in der WG angekommen sind, musste Lisa erstmal allen Leuten, die sie kennt, erzählen, dass sie auf dem Volksfest und auf der Reeperbahn war und was sie sich gekauft hatte. Ich habe keine Ahnung, ob sie einfach nur so ein Ding besitzen will, weil sie dann erwachsener oder cooler oder sonstwas ist – oder ob ihr das Teil hilft, ihre doch sehr starke Spastik in den Armen und Händen zu kompensieren. Während sie auf dem Gästebett lag (Cathleen schlief mit bei mir im Bett und Lisa daneben auf einem ausblasbaren Gästebett), las sie die Betriebsanleitung und meinte: „Wahnsinn, der muss vor dem ersten Mal 12 Stunden durchgehend aufgeladen werden.“

Am Samstagnachmittag waren Simone, Cathleen, Kristina, Lisa und ich zum Training mit dem Rennrolli auf dem Elbdeich verabredet. Nach langem Ausschlafen und ausgiebigem Frühstück sagte Lisa plötzlich: „Wollen wir nach dem Training im See schwimmen?“ – Simone antwortete: „Du machst vor, ich mach nach.“ – „Wieso?“ – „Der See ist arschkalt, wir haben fast Winter. Da kriegst du einen Kälteschock, sobald du einen Zeh reinhältst.“ – „Es gibt doch auch Leute, die sich ein Loch ins Eis schlagen und dann im Eiswasser baden!“ – „Die gehen aber auch hinterher in die Sauna oder zumindest heiß duschen.“ – „Können wir nicht in dem Vereinshaus heiß duschen?“ – „Das ist kilometerweit vom See entfernt. Inzwischen bist du erfroren.“ – „Schade.“

Nachdem wir eine halbe Stunde lang über andere Themen geredet hatten, fing Lisa wieder von dem Thema an: „Kann ich nicht mit Neo im See schwimmen gehen?“ – „Ach Lisa. So dick, wie der Neo sein müsste, damit du nicht frierst, eignet der sich nicht mehr zum Schwimmen. Unsere Schwimmneos sind alle nur sehr dünn. Das Wasser ist zu kalt, um draußen zu schwimmen.“ – „Wie kalt ist denn der See? Guck mal, die Sonne scheint doch richtig toll.“ – „Der wird höchstens noch 10 Grad haben. 14 Grad muss er haben, damit überhaupt ein Wettkampf, bei dem dann der Neo Pflicht ist, stattfinden dürfte. Bei Schülern müsste der See sogar 19 Grad haben. Ende Mai kannst du mal wieder fragen. Solange können wir nur in der Halle schwimmen. Wieso willst du denn unbedingt draußen schwimmen?“

Lisa schmollte. „Ich hab zum Geburtstag einen eigenen Neo bekommen und mit dem durfte ich noch nie schwimmen.“ – „Hast du den etwa mit?“ – Lisa nickte. „Ich dachte, wir könnten das mal ausprobieren.“ – „Und was sagt deine Mutter dazu?“ – „Die wollte mich stundenlang davon abbringen, dass ich den einpacke, weil sie meinte, mit mir geht bei der Kälte keiner mehr schwimmen. Warum müssen sich immer alle Erwachsenen einig sein?“

Cathleen sagte: „Pass auf, ich mach dir einen Vorschlag. Du nimmst den mit zum See, ziehst dich um, krabbelst ein paar Zentimeter rein und wenn du es nicht mehr aushältst, krabbelst du wieder raus.“ – „Alleine hab ich dazu keinen Bock.“ – „Ich krabbel mit.“ – Ich sagte: „Ihr habt einen Schatten. Ihr holt euch da den Tod.“ – Simone sagte: „Ich mach auch mit.“

Nun wollte ich kein Spielverderber sein. Lange nichts Verrücktes mehr gemacht… Nach unserem Training saßen wir also auf dem Boden meines Autos, zogen uns um und rollten vom Parkplatz zum Strand. Zwei Taucher waren dabei, ihr Equipment im Auto zu verstauen. „Wollt ihr schwimmen gehen?“ – „Ja, wieso?“ – „Nur die Harten kommen in den Garten – oder was?!“ – „Genau. Ich frier nur vom Bauch aufwärts. Dann ist es halb so schlimm. Sie hat einen neuen Neo, den will sie dieses Jahr unbedingt nochmal ausprobieren. Wisst ihr, wieviel Grad das Wasser hat?“ – „Elf Komma Acht, haben wir vorhin gemessen.“ – „Och, das geht aber noch!“

Und tatsächlich, nach dem ersten Schock war es okay. Die Luft war durch die Sonne relativ warm, weit über 10 Grad, das machte eine Menge aus. Am schlimmsten war die Kälte am Handrücken und im Gesicht, aber am Körper war es okay. Wir waren insgesamt rund fünf Minuten im Wasser und sind sogar ein ganzes Stück geschwommen. Dann mussten wir aber dringend wieder raus. Ab zum Auto, die nassen Sachen ausziehen, in ein großes Handtuch einwickeln, abrubbeln, warme Sachen anziehen und die Thermoskanne mit dem Tee hervorholen. Schön, dass mein Auto eine Standheizung hat. Wie war das? Was nicht tötet, härtet ab. Mir war danach angenehm warm und Lisa hat sich gefreut wie eine Scheekönigin.