Der wilde Wilde Westen

10 Kommentare4.127 Aufrufe

Neulich blieben wir beim Fernsehen in unserem WG-Gruppenraum einen Moment lang an einer Sendung hängen, in der Ausschnitte aus der legendären ZDF-Hitparade von vor 30 Jahren gezeigt wurden. Wir amüsierten uns über eine Band, inzwischen habe ich nachgeschaut, sie hieß „Truck Stop“, die sang: „Der wilde Wilde Westen fängt gleich hinter Hamburg an…“

Ich finde, diese Band hat Unrecht. Inzwischen fängt der wilde Westen direkt in Hamburg an. Am letzten Freitag fuhr ich mit meinem Viano, der inzwischen nicht mehr zugeparkt war, quer durch Hamburg zu einer verkehrsmedizinischen Untersuchung. Ich bin von der Führerscheinbehörde aufgefordert worden, jetzt, rund zwei Jahre nach meiner Fahrprüfung und nach Vollendung des 18. Lebensjahres, mich erneut körperlich auf Fahrtauglichkeit untersuchen zu lassen. Ein Spektakel, das viele Menschen mit körperlicher Behinderung immer wieder über sich ergehen lassen müssen, wenn sie ihre Fahrerlaubnis (erlangen oder) behalten wollen. Irrsinnig ist es aus meiner Sicht aber dann, wenn sich an den körperlichen Einschränkungen nichts mehr ändert. Vor allem, weil die ganze Geschichte jedes Mal ein paar Hundert Euro kostet und man das natürlich selbst bezahlen muss.

Auf dem Weg dorthin glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen. Vor mir fuhr ein Smart, dessen (geteilte) untere Heckklappe geöffnet war. Aus dieser Hecköffnung kamen drei Bindfäden heraus und an diesen Bindfäden hatte der Fahrer drei jeweils zwei Meter hohe Tannenbäume befestigt. Vermutlich die Reste vom Feste. Diese zog er, rund 50 km/h fahrend, wie einen Schlitten hinter sich her. Die Bäume rutschten über den Asphalt und tanzten wild hin und her, streiften und berührten parkende Autos … ich dachte mir so: Wenn der jetzt mal scharf am Zebrastreifen bremsen muss, überholen diese Bäume mit dem Stamm voraus das Auto und erschlagen den Fußgänger. Oder holen im Vorbeifahren einen Radler von seinem Drahtesel. Ganz zu schweigen von den Kratzern im Lack, wenn die Bäume an parkenden Autos vorbeischrammen. Ich sag ja: Wilder Westen.

Andere Leute machen so einen Schwachsinn und ich muss mich auf meine körperliche Fahreignung untersuchen lassen. Ich könnte schon wieder kotzen. Ich saß in einem Wartezimmer, neben mir eine ältere, sehr korpulente Frau. Knarrender Holzfußboden, hohe Decke, Halogenspots leuchteten auf Bilder an der Wand, zwischen ein paar Stühlen lagen auf Mini-Tischen ein paar alte Zeitschriften. Die alte Frau torkelte auf die Toilette. Ein älterer Mann im weißen Kittel kam rein, winkte mich ohne ein Wort mit dem Zeigefinger zu sich heran und trottete vorweg. Mein Herz klopfte bis in den Hals, schließlich könnte dieser Mann ja (irrtümlich?) feststellen, dass ich zum Autofahren körperlich nicht (mehr) geeignet bin.

Er schloss die Tür hinter mir, bat mich, vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Er setzte sich langsam und stöhnend auf seinen Stuhl, dann schaute er mich an. „Wieso sitzen Sie in einem Rollstuhl?“ – „Hm. Ich kann nicht laufen.“ antwortete ich. Er fragte weiter: „Seit wann ist das so?“ – „Seit zweieinhalb Jahren etwa.“ – „Geht gar nicht mehr?“ fragte er.

War das jetzt ein psychologischer Test, wie ich mit meiner Behinderung umgehe? Welche Einstellung ich dazu habe, was ich realisiert habe? Rechnen muss man bei solchen Untersuchungen ja mit allem. Oder hatte der die Akte nicht gelesen? Wieso gerate ich immer an solche Leute? Ich blieb freundlich. „Nein, geht gar nicht mehr. Querschnitt halt.“ – Er guckte mich mit großen Augen an. „Querschnitt? So so. Querschnittssymptomatik meinen Sie. Hat das mal ein Neurologe festgestellt?“

„Die behandelnde Klinik hat das festgestellt, welcher Arzt und welche Fachrichtung der jetzt hatte, weiß ich nicht.“ – Der Typ nickte. „Wo haben Sie denn Ihre Hörhilfe? Oder nehmen Sie die nur beim Fahren rein?“ – „Wie bitte?“ – Der Typ sprach lauter: „Ihre Höööörhilfe!“ – Ich runzelte die Stirn. „Ich hab keine Hörhilfe. Ich brauche auch keine.“ – Er fing an, in der Akte zu blättern. „Sie haben doch aber eine Auflage im Führerschein, dass Sie eine Hörhilfe links tragen müssen.“

„Davon weiß ich ja noch gar nichts.“ – Der Typ seufzte. „So wird das nichts“, sagte er. Ich kramte meinen Führerschein raus. „Da steht nichts von Hörhilfe. Welche Codenummer soll das sein? Das sind alles nur die Auflagen für meine Handbedienung. Servolenkung, Handbetätigung für Gas und Bremse, da ist nichts mit Hörhilfe.“ – Es klopfte an der Tür. Eine Frau in weißem Kittel kam rein. „Sind Sie Julia …?“ – Ich nickte.

„Dann kommen Sie mal mit. Herr Kollege, das ist meine Patientin. Ihre sitzt im Wartezimmer.“ Ich glaubte zu träumen. Kopfschüttelnd fuhr ich ohne ein weiteres Wort hinter der Frau hinterher. Ich kam an der korpulenten Frau im Wartezimmer vorbei. Sie trug links ein Hörgerät. Ich dachte nur leise: „Ich werd hier wahnsinnig.“

Die Frau, schätzungsweise Ende 50, nahm mich mit in ihr Zimmer, gab mir die Hand, schloss hinter mir die Tür, musterte meinen Rolli und sagte: „Sportlich, sportlich. So, was ist denn von Ihrem Querschnitt noch übrig geblieben? Hat sich da was verändert?“ – Ich schüttelte den Kopf. „Kaum. Man gewöhnt sich halt dran im Laufe der Zeit. Aber die körperlichen Funktionen und Ausfälle sind gleich geblieben.“ – „Ich möchte einmal ihren Blutdruck messen und Ihnen einmal Blut abnehmen. Haben Sie öfter Kreislaufprobleme?“ – Ich schüttelte den Kopf. Nach 10 Minuten war alles vorbei.

Die Ärztin sagte: „Wenn jetzt im Blut nicht noch irgendwas komisches zu sehen ist, hat sich das für Sie erledigt. Ich habe keine Zweifel an Ihrer Fahreignung.“ – „Danke. Ich hätte noch eine Bitte: Könnte man eventuell diese Intervalle der Wiedervorstellung verlängern? Bei mir ändert sich doch nichts mehr.“ – „Das entscheidet immer die Behörde, ob sie Sie nochmal begutachten lässt. Bei frischen Querschnitten und sehr jungen Leuten macht man das meistens noch einmal, aber ich werde jetzt auch schreiben, dass das nicht erforderlich ist. Dann werden Sie zu 95% auch nicht mehr angeschrieben.“ – „Vielen Dank.“ Und tschüss.

Heute nun lese ich in der Zeitung einen weiteren Artikel zum wilden Westen Hamburgs. Gestern soll eine Frau, Anfang 30, mit einem Opel Corsa in Lurup mitten auf der Kreuzung eine Vollbremsung gemacht haben, um zu provozieren, dass eine andere Frau mit ihrem Golf hinten draufsemmelt. Es kam nicht zum Unfall, aber an der nächsten roten Ampel stieg die Golffahrerin aus und fragte die Corsafahrerin vor ihr, ob sie noch ganz bei Trost sei. Einzige Antwort der Corsafahrerin: Sie nahm die Golffahrerin auf die Haube und fuhr mit ihr einige hundert Meter durch die Gegend, bis andere Fahrzeuge sich dem Corsa in den Weg stellten. Die Corsafahrerin kippte die Golffahrerin bei Mc Donalds in die Einfahrt und versuchte, den vierspurigen Rugenbarg (mit bebautem Mittelstreifen!) diagonal zu überqueren. Dabei blieb sie in der Mittelbebauung hängen und wurde dann von anderen Fahrzeugen eingekesselt. Vorher hatte sie noch eine andere Frau im Rückwärtsgang angefahren.

Dieser Vorfall ereignete sich übrigens fast genau dort, wo mich vor zweieinhalb Jahren die Crash-Oma auf die Haube genommen hat, um mir zu zeigen, wer Vorfahrt hat. Gibt es da böse Ströme unter oder über der Kreuzung? Oder handelt es sich bei der aktuellen mutmaßlichen Täterin um eine Verwandte oder Bekannte der Crash-Oma?!

Die Nummer 300

3 Kommentare3.878 Aufrufe

Ja, es ist schon wieder soweit. Ich habe schon wieder 100 Einträge geschrieben. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal die 300 erreichen würde.

Inzwischen waren über 125.000 Besucher hier, davon alleine 75.000 im letzten halben Jahr, das sind zur Zeit durchschnittlich 400 Besucher pro Tag. Am Anfang waren es vier. Wo soll das noch hinführen?

In meinen Statistiken habe ich gerade gesehen, dass hier neuerdings auch Leute aus Japan regelmäßig diese Seiten aufrufen. Über Tansania hatte ich mich ja schonmal gewundert, aber jetzt auch noch Japan…

Die meisten Kommentare hatte bisher übrigens mein Eintrag zum 18. Geburtstag: Ganze 55 Leser schrieben etwas dazu! Darüber, wie auch über alle anderen netten Kommentare, freue ich mich besonders.

In diesem Sinne: Auf die nächsten 100!

Einer dieser Tage

17 Kommentare4.772 Aufrufe

Heute war wieder einer dieser Tage, den man am besten ganz und gar vom Kalender streicht. Zumindest von meinem Kalender.

Heute morgen fuhr ich zur Schule, mit meinem Viano. Als erstes wunderte ich mich über eine Kontrollleuchte, die mir anzeigte, dass vorne rechts der Scheinwerfer nicht funktionierte. Also fuhr ich in der Freistunde schnell zur Vertragswerkstatt. Gleich wechseln? Nö, geht nicht, zu viel zu tun. Und Garantie ist das auch nicht, das unterliegt dem natürlichen Verschleiß. Ey hallo? Die Funzel ist noch nicht mal ein halbes Jahr alt.

Also fuhr ich mit der Bahn zurück zur Schule. Auf dem Bahnhof kam dann so ein Typ auf mich zu, von dem ich nicht wusste, was er (nicht) genommen hatte. Seine Jeans sah aus, als hätte er sich damit einmal gepflegt in den Matsch gelegt. Als er auf mich zukam, fuhr ich erstmal ein Stück weiter. Dann eierte um eine Infosäule herum und ging wieder hinter mir her. „Ey Schnecke, wollen wir zusammen was trinken gehen?“ – Ich sagte: „Nee lass mal, ich muss noch fahren.“ Und entfernte mich ein Stückchen.

Er kam hinter mir her. „War ja nicht böse gemeint!“ – „Nee schon gut.“ Ich fuhr wieder ein Stück in die andere Richtung. Er kam wieder hinter mir her. „War nicht böse gemeint!“ – „Ja, hab ich verstanden. Alles in Ordnung.“ Wieder entfernte ich mich. Eine Minute verging, dann kam er erneut zu mir: „Wollen wir wirklich nicht was trinken gehen?“ – „Darauf habe ich schon geantwortet, jetzt ist mal gut.“

„Ich wollte ja nur mal fragen!“ sagte er. „Das wird man ja wohl mal dürfen. Wie lautet denn die Antwort?“ – „Die Antwort lautet ‚Nein, ich möchte nicht.'“ – Er schaute mich an, als hätte ich ihn übel beschimpft. Dann kam er wieder auf mich zu, wollte mich umarmen. Ich rollte zurück. Er hatte seine Bewegungen nicht mehr so ganz unter Kontrolle, stolperte und fiel hin. Ich entfernte mich ein Stück. Dann stand er wieder auf, kam in schnellem Schritt auf mich zu und wollte mich wieder umarmen. Ich brüllte ihn an: „Jetzt lassen Sie mal gut sein!!“ – Ein Typ mit einer HSV-Jacke mischte sich ein, stellte sich vor die Nervensäge, drückte ihn mit der Hand von mir weg. „So, du gehst jetzt mal drei Meter weiter und lässt die Frau mal in Ruhe. Sonst werde ich böse.“ Ein zweiter Typ stellte sich zwischen den Störer und mich, nahm mit mir Blickkontakt auf. „Das stellen wir jetzt mal ab“, sagte er. Ich bedankte mich.

Der Typ schwafelte noch mindestens zehn Mal, dass er es ja nicht böse meine, die HSV-Jacke nickte immer wieder. Dann kam endlich die Bahn. Ich suchte mir gleich einen anderen Waggon. Thema erledigt.

Als ich mittags nach der Schule das Auto wieder abholte, wunderte ich mich über die Rechnung: 42 Euro für einmal Glühbirne wechseln. Was für eine Abzocke!

Nach dem Mittag wollte ich mit Sofie noch zum Einkaufen und zur Apotheke. Ich hatte deswegen extra draußen geparkt und nicht in der Tiefgarage. Selbstverständlich hatte mich jemand so eingeparkt, dass ich nicht mehr in mein Auto kam. Okay … wir haben ja noch ein zweites Auto. Also fuhren wir mit dem Golf, den wir ja für die WG behalten hatten.

Die Straße direkt vor dem Supermarkt ist zweispurig (eine pro Richtung), neben der Fahrbahn ist ein Rad- und ein Fußweg. Die Fahrbahn ist relativ breit, es wird hier gerne schneller gefahren, entsprechend auch gerne geblitzt. 50 ist erlaubt, Tacho 55 fuhr ich. Hinter mir fuhr ein VW Bus extrem dicht auf, keine Ahnung, ob er mich anschieben wollte …

Auf dem Radweg fuhr ein Vater mit seinem Kind. Der Vater vorweg, das Kind, schätzungsweise 6 Jahre alt, auf einem Kinderfahrrad hinterher. Plötzlich, ohne Vorwarnung, ohne dass das Kind irgendwo anders hinschaut, ohne irgendeinen Anschein, biegt das Kind nach links ab, fährt den Bordstein runter und ist dabei, die Fahrbahn diagonal zu überqueren. Und kreuzt dabei selbstverständlich unseren Fahrweg.

Wie aus Reflex, wie ein Automat habe ich gehupt und voll gebremst. Was sonst sollte ich auch tun? Das Kind drehte sich blitzartig um, hatte sich wohl durch das Gehupe erschrocken und stürzte. Mitten auf meiner Fahrspur. Und ich bremste. Bremste. Hinten knallte es. Scheibenklirren. Knirschen. Ich bremste. Bremste. Es nahm kein Ende. Das umgefallene Fahrrad, das Kind, das mit erschrockenem Blick auf mein Auto schaute, das immernoch bremste, ich glaube, dieses Bild werde ich so schnell nicht mehr vergessen. Ich erinnere mich nur noch an einen Gedanken: „Wann kommen wir endlich zum Stehen?“ Je dichter wir in Richtung dieses Kindes kamen, umso größer wurden meine Zweifel, ob wir es noch rechtzeitig schaffen würden. Ich versuchte, nach links so weit wie möglich in den Gegenverkehr zu lenken. Das Auto fuhr nur geradeaus. Ich verzog das Gesicht, erwartete jeden Moment das Knirschen, wenn das Auto auf das Fahrrad trifft. Das alles waren nur wenige Sekunden.

Ich weiß nicht, ob es zwanzig Zentimeter waren oder nur zehn. Das Knirschen blieb aus. Wir standen. Kind nicht berührt. Hinter uns kreischten Bremsen. Ich dachte nur: „Bloß nicht uns jetzt noch auf das Kind schieben.“ Das Kind stand auf, schreiend, ließ das Fahrrad liegen und rannte dem Vater hinterher. Der hatte sich inzwischen umgedreht, in einem großen Bogen gewendet und kam zurückgeradelt. Sprang vom Rad, nahm das schreiende Kind auf den Arm. Ich guckte Sofie an, die auf dem Beifahrersitz saß. Sie war leichenblass. Ich war total zitterig.

Auf der anderen Fahrbahnseite waren die Autos angehalten. Ein Typ machte unsere Tür auf. „Sind Sie verletzt?“ – Ich schüttelte den Kopf. Ende vom Lied: Auto Totalschaden (schluchz), Sofies Rollstuhl, der im Kofferraum stand, Totalschaden (Rahmen verzogen), stundenlang gezittert, jede Menge Ärger. Gegen 16 Uhr hat uns der Abschlepptyp nach Hause gefahren, ohne eigenes Auto, ohne Einkauf. Aber das Kind ist, von ein paar Schrammen von seinem eigenen Sturz abgesehen, unverletzt. Und das ist das Wichtigste. Alles andere lässt sich ersetzen. Auch wenn ich schon nur sehr wehmütig mein erstes eigenes Auto hergebe. Ein letztes Foto:

Zu viel Energie

6 Kommentare5.768 Aufrufe

Wenn man in Hamburg in eine Mietwohnung einzieht und keinen Stromversorger wählt, kommt mit Entnahme von Strom aus der Steckdose automatisch ein Vertrag über eine Grundversorgung mit einem ehemals städtischen Energieversorger zustande. Da wir mit der Organisation der WG erstmal andere Sorgen hatten, als uns um einen vernünftigen Stromversorger zu kümmern, ließen wir das für einige Wochen zu. Bis auf den etwas erhöhten Preis ist das auch kein Problem, da der Vertrag jeweils zum Monatsende gekündigt werden kann.

Irgendwann stellten wir dann fest, dass derselbe Versorger einen attraktiven anderen Tarif hat, der einerseits nur minimal Atomstrom, dafür mehr umweltfreundliche Energien beinhaltet, andererseits ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis hat (im Vergleich zu anderen halbwegs seriösen Anbietern). Also schlossen wir einen entsprechenden Vertrag, der eine Kündigungsfrist von 12 Monaten hatte.

Bereits zum Jahresende, wenige Wochen nach dem Vertragsabschluss, erhielten wir eine saftige Preiserhöhung. Wir kündigten fristlos, denn nun war dieser Tarif alles andere als günstig. Stattdessen liebäugelten wir mit einem neuen städtischen Energieversorger, der ein attraktives Angebot hatte. Nach kurzer Beratung und Abstimmung schlossen wir online einen neuen Vertrag (nur online möglich).

Am Tag darauf bekamen wir schriftlich mitgeteilt, dass die Bestellung eingegangen sei und bearbeitet werde. Nach vier Wochen, kurz vor Lieferbeginn, teilte der neue Energieversorger mit, dass er nicht zum angestrebten Wechseltermin mit der Energielieferung beginnen könne, da wir eine dreimonatige Kündigungsfrist bei unserem bisherigen Energieversorger einzuhalten hätten. Das habe dieser so mitgeteilt und den „Portierungsauftrag“ abgelehnt. Frank schrieb per Fax zurück, dass es sich, wie im Antrag angegeben, um eine fristlose Kündigung wegen Preiserhöhung gehandelt hatte.

Nach weiteren zwei Wochen kam die Antwort, dass es „aus technischen Gründen“ dennoch erst in drei Monaten zum gewünschten Lieferbeginn kommen könne. Gleichzeitig teilte uns das bisherige Energieunternehmen mit, dass wir uns seit wenigen Tagen wieder in der Grundversorgung befänden und bedankte sich für diese Wahl. Ein pikanter Zufall, dass das Unternehmen, das den Portierungsauftrag ablehnte und das nun von uns als Kunden der Grundversorgung profitiert, aus Versehen dasselbe ist. Der Schaden, der uns entstanden ist, liegt aber unter 20 Euro – nicht lohnenswert, dafür eine Klage einzureichen, sagt Frank. Sollten sie das bei jedem Kunden machen, was man natürlich niemals unterstellen darf, und sollten sie davon ausgehen, dass die meisten Kunden sich wegen 20 Euro nicht streiten wollen, könnte man fast einen sehr guten Neben-Gewinn machen.

Frank machte sich aber immerhin die Mühe, den Schriftverkehr mit einem kurzen Anschreiben an die Bundesnetzagentur zu faxen, mit der Bitte um Überprüfung. Nach drei Monaten kam ein vorgefertigtes Schreiben als Antwort, dass bei der Überprüfung des Sachverhaltes keine Unregelmäßigkeiten festgestellt werden konnten…

Nachdem wir nun einen neuen Antrag zum Wechsel aus der Grundversorgung in die Versorgung über das neue städtische Energieunternehmen gestellt hatten, teilte man uns mit, dass in drei Monaten tatsächlich Lieferbeginn sein würde. Als Entnahmestelle der Energie wurde eine Adresse in Buchholz in der Nordheide genannt. Da wohnen wir aber nicht und da wollen wir auch nicht jedes Mal hinfahren, um uns die Haare zu föhnen. Beim näherem Hinsehen fiel auf, dass man in dem Schreiben auch die Kundendaten einer Frau in Buchholz in der Nordheide übermittelt hatte. Auf Franks telefonische Nachfrage beim Datenschutzbeauftragten des Unternehmens teilte dieser mit, dass es sich um eine Datenpanne gehandelt hat und die Kundendaten dieser einen Frau sämtlichen Neukunden als Anschlussdaten übermittelt worden sind. Die betroffene Kundin sei darüber informiert worden und nehme es mit Humor…

In der Zwischenzeit ist fast ein Jahr vergangen. Vier Tage vor Weihnachten bekamen wir Post von unserem städtischen Energieversorger, dass er ab 1. Februar die Strompreise um 9,25% erhöhen möchte, wegen des Gesetzes über erneuerbare Energien.

Einen Tag nach Weihnachten bekamen wir noch einen Brief, in dem der städtische Energieversorger diese Änderungskündigung zurücknahm. Es handelte sich um eine Panne in der Datenverarbeitung.

Zwei Tage später bekamen wir noch einen Brief unseres städtischen Energieversorgers, dass er ab 1. Februar die Strompreise um nunmehr 10,00% erhöhen möchte, wegen des Gesetzes über die erneuerbaren Energien. In der letzten Erhöhung habe sich ein Fehler eingeschlichen.

Noch zwei Wochen später nahm der städtische Energieversorger auch diese Änderungskündigung wieder zurück, da ihm aufgefallen sei, dass sie mit der Sechswochenfrist in seinen AGBs nicht vereinbar sei. Gleichzeitig gab er aber bekannt, die Strompreiserhöhung von 10,00% gelte nunmehr ab 1. März 2011, also einen Monat später. Es habe eine Panne bei der Datenverarbeitung gegeben.

Wenn nun jemand auf die erste Preiserhöhung gekündigt hat, ist die Kündigung unwirksam, denn die Preiserhöhung wurde ja zurückgenommen. Wenn nun jemand auf die zweite Preiserhöhung gekündigt hat, ist die Kündigung ebenfalls unwirksam, denn auch die wurde ja 14 Tage später zurückgenommen. Erst die dritte Kündigung hätte Bestand. Meistens kündigt man ja nicht selbst, sondern beauftragt einen potentiellen neuen Anbieter damit.

Welcher neue Anbieter kann dem Chaos noch folgen und bekommt dieses Hin- und Hergehühner in seine Datenbanksanwendungen gezimmert? Noch dazu, wenn es sich um Unternehmen oder Tarife handelt, die online abgeschlossen werden (und nur die könnten eine ernstzunehmende Konkurrenz für unseren städtischen Energieversorger sein, alle telefonisch betreuten Angebote sind meist teurer)? Ich will ja erneut nichts unterstellen, aber einen fiesen Geschmack hinterlässt es doch im Mund, oder?

Frank sagt, er kennt sich in diesen Bereichen nicht so gut aus. Aber er wäre für die Einführung einer Änderungssperre: Wenn ein Unternehmen seinen Stromtarif geändert hat, darf es erst im übernächsten Quartal erneut erhöhen, auch wenn die Preiserhöhung zurückgenommen wurde. Das heißt: Ist die erste Preiserhöhung falsch und muss diese zurückgenommen werden, darf es mindestens drei Monate keine neue Preiserhöhung mehr geben. Falls es so eine Vorschrift nicht schon gibt und wir sie nur noch nicht kennen.