Flotter Dreier und schlechtes Benehmen

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In der Schule steppt zur Zeit der Bär. Am letzten Freitag dieses Monats gibt es Halbjahreszeugnisse, wenige Tage davor sind Zeugniskonferenzen, die letzte reguläre Klausur ist gerade geschrieben, nun müssen noch etliche Nachschreibetermine koordiniert werden. Mein Glück: Ich muss nicht eine einzige Klausur nachschreiben, da ich die Mindestzahl von „einzubringenden Ergebnissen“ erreicht habe. Insofern habe ich nach zwei anstrengenden Wochen erstmal Zeit zum Durchatmen. Aber nur einmal kurz: Im kommenden Halbjahr geht es wegen Studienprojekt, Studienfahrt und einem Praktikum nochmal richtig rund – neben der üblichen Anzahl Klausuren wohlgemerkt.

Das Wochenende war aber erstmal vollkommen gelungen. Wir waren mal wieder im Trainingslager, wieder in Niedersachsen, aber dieses Mal nicht in Hannover. Dafür aber wieder mit den Athleten aus Niedersachsen zusammen, was ich sehr gut fand. Ich musste mich am Freitag ausnahmsweise mal um nichts kümmern, alle anderen Teilnehmer hatten ihre eigenen Fahrmöglichkeiten gefunden, so konnte ich völlig entspannt direkt von der Schule auf die Autobahn und war trotz kurzem Stau bereits um kurz nach drei Uhr da. So gerne ich auch mit anderen Leuten zusammen fahre oder sie mitnehme, so nett kann es auch mal sein, wenn das Auto nicht bis unter das Dach vollgeladen ist und man alles vorher genau organisieren muss!

Das Sportzentrum lag in einem kleinen Kaff, ein paar Kilometer von der Autobahn entfernt, wurde Mitte der Achtziger erbaut und vor einigen Jahren umfangreich saniert. Alle Zimmer rollstuhlgerecht – sowas hab ich noch nicht gesehen. Nicht nach DIN-Norm, aber so, dass Sportler im Rollstuhl sich absolut frei bewegen können und keinerlei Hilfe brauchen. Ich war richtig begeistert! Es war nicht besonders luxuriös, eher sehr einfach, aber dennoch sehr gepflegt und vor allem sehr sauber. Das Essen wurde direkt vor Ort zubereitet und war absolut lecker, großes Buffet, einfach, aber sehr gut.

Kleine Anekdote am Rande: Eine Teilnehmerin aus Niedersachsen kam sehr spät, weil sie eine Autopanne hatten, die Küche hatte schon lange zu, sie fragte beim Einchecken, ob sie vielleicht noch einen Apfel oder eine Banane bekommen könnte, weil sie so großen Hunger habe und auch direkt aus der Ganztagsschule hierher gefahren war. Ich hatte erwartet: „Da hinten ist ein Automat, da gibt es Kekse, Schokolade etc.“ – Stattdessen kam: „Ich mache Ihnen noch schnell ein kleines Tellerchen fertig.“ Und dann hat die Frau (ein Ehepaar leitet die Einrichtung) ihr noch mehrere belegte Brote gemacht, frische Gurkenscheiben, eine Tomate, zwei Äpfel … die meinte es eben gut. War so eine eher rundliche Frau Anfang 60, die sonst immer mit Schürze in der Küche stand und kochte.

Auch beim Essen selbst: Können wir noch Milch bekommen? – Zack, stand die Milch da. Hinterher: Können wir eine Kiste Wasser für das Training bekommen? – Paar Minuten später brachte der Chef fünf Kisten Mineralwasser auf einer Sackkarre in die Sporthalle. „Bitte am Sonntag das Leergut vor den Schuppen stellen.“ – Wir sind da echt verwöhnt worden.

Lisa war auch dabei. Sie kam kurz nach mir. Beziehungsweise: Die Mutter brachte sie. Die Mutter fuhr aber nicht selbst, sondern das machte die Chauffeurin. Ja, richtig gelesen. Eine S-Klasse-Limousine mit Fahrerin. Wenigstens nicht noch in Uniform mit Mütze… Und ihre Sportgeräte? Kamen in einem VW-Bus hinterher, ebenfalls von einem Angestellten gefahren. Ich lernte endlich auch mal die Mutter von Lisa einen Moment länger kennen. Den Vater, er war dieses Mal nicht dabei, hatte ich schon ein paar Mal gesehen und gesprochen. Ich fand beide Elternteile sehr nett.

Die Mutter interessierte sich natürlich, wo ihre Tochter am Wochenende untergebracht war und mit wem sie in einem Zimmer schlafen würde. Viele andere Eltern brachten ihre Kinder auch selbst vorbei und schauten sich das an. Lediglich die älteren Sportler kamen alleine oder mit anderen, älteren Teilnehmern zusammen. Dieses Mal waren auch die „Senioren“ mit bei uns untergebracht. Insgesamt waren wir fast 50 Leute.

Es gab Viererzimmer, die aber nur zu zweit belegt werden mussten. Wir entschieden uns trotzdem, zu dritt ein Zimmer zu nehmen: Cathleen, Simone und ich. Beziehungsweise: In der zweiten Nacht waren wir zu viert. Brauchten allerdings doch nur drei Betten. Cathleen war sich mit einem Typen aus Niedersachsen einig geworden, dass sie kuscheln möchten… Kein Küssen, keine Liebe, kein Sex … aber kuscheln. Und fummeln. Schätze ich. Man bekam davon aber nichts mit. Beide hatten was an, es war dunkel, man hörte nichts, beide waren zugedeckt – allerdings störte sich eine Trainerin aus Niedersachsen daran und machte eine große Szene. Sie hat wohl durch Zufall mitgekriegt, dass die beiden im selben Bett geschlafen haben.

Sie mache sich strafbar wegen Förderung von sexuellen Handlungen Minderjähriger. Meine Güte! Ich bin vielleicht nicht die geborene Jugendleiterin, aber solange sie nicht ungeschützt poppen, sondern nur kuscheln und ein bißchen unter der Decke angezogen fummeln und das noch so diskret, dass es eigentlich keiner mitkriegt … könnte es auch sein, dass sie sich nur gewärmt haben, denn es war nachts eher kühl in den Räumen.

Aber die Trainerin machte sowieso aus allem ein Drama. Fand ich persönlich. Ihr Trainerkollege hat mit seiner Freundin zusammen ein Zimmer gehabt und dort auch eine dritte Person drin gehabt, die wiederum mit der Freundin eng befreundet war. Ob die dadrin einen flotten Dreier gemacht haben oder sich einfach nur gut verstanden haben, ist mir völlig banane. Sollen sie doch. Vielleicht bin ich dafür zu jung, um daran etwas schlimmes zu sehen. Trainer und Freundin waren Mitte 30, die Dritte war 27. Er müsse mit gutem Beispiel voran gehen, forderte die Trainerin aus Niedersachsen. Er hätte ein Einzelzimmer nehmen müssen. Das „Problem“ war nur, dass sich, bis auf diese Trainerin, absolut niemand daran gestört hat.

Absolut knuffig war aber wieder Lisa. Am Freitag hatten wir abends noch Training in der Halle (auf der Rolle), das Draußen-Training musste wegen Regen ausfallen. Es ist noch nicht warm genug, um bei Regen draußen fahren zu können. Sobald es aber an den nächsten Tagen trocken sein würde, würden wir auch draußen trainieren. Lisa fragte mich nun, als sie neben mir auf der Rolle stand: „Sag mal, gilt das eigentlich immernoch, dass man sich beim Training benehmen darf, wie man will?“

Ich wusste nicht so ganz, was sie mit der Frage erreichen wollte. „Wie meinst du das?“ – „Na, ihr habt mir mal was von ‚Rotzraketen‘ erzählt. Also dass man in die Gegend rotzen darf, wenn man beim Training kein Taschentuch hat.“ – Ich guckte entsetzt. „Aber nicht in der Halle, das ist eklig! Da fragst du jemanden von den Fußgängern, ob er dir ein Taschentuch an deinen Trainingsplatz bringt und dann putzt du deine Nase im Rollen und legst dir das Paket Taschentücher gleich auf den Schoß. Das fällt weder runter noch fliegt es weg, du stehst ja auf der Stelle.“

„Das meinte ich gar nicht“, sagte Lisa. „Ich meinte draußen. Morgen oder so, wenn es aufgehört hat zu regnen, und wir draußen auf der Straße trainieren. Da darf man sich dann doch so benehmen wie man will, oder?“ – „Da darfst du dann Rotzraketen abschießen.“ – „Und darf man zum Beispiel auch laut rülpsen? Also ganz laut?“ – Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. Sie lachte verlegen mit. „Ich meine ja nur so ganz theoretisch.“

„Naja, man kann das auch leise machen, wenn das sein muss. Aber wenn du das unbedingt willst, machst du das halt laut. Willst du das denn?“ Ich bekam den Eindruck, als wenn Lisa eine Möglichkeit suchte, dem geforderten immer-guten Benehmen von Zuhause zumindest zeitweilig zu entfliehen. Was sie zwei Minuten später auch durchblicken ließ. „Immer, wenn ich aus Versehen mal einen kleinen Pups mache, sagen meine Eltern, dass es langsam Zeit wird, erwachsen zu werden. Und dass ich mich entschuldigen soll.“

„Im Grunde ist es ja so: Man macht das eigentlich nicht so, dass andere das mitkriegen. Hier ist das ein bißchen anders, weil gerade die Querschnitte das nicht unter Kontrolle haben. Aber gerade wenn denen das nicht unter Freunden passiert, die das schon kennen, entschuldigen sich hier auch die meisten, obwohl die eigentlich gar nichts dafür können.“ – Lisa sagte: „Ich kann dafür auch nichts, manchmal kriechen die einfach so aus dem Po.“ – Die halbe Halle lachte und insbesondere einige von den älteren Herren jenseits der 40 hatten Lachtränen in den Augen. Lisa verzog hingegen keine Miene, als sie das erzählte…

„Wahrscheinlich traue ich mich sowieso nicht. Was sollen die anderen denn von mir denken. Aber ich würde mich schon gerne mal so richtig daneben benehmen.“ – Klaus, ein alter Hase, erklärte ihr: „Vor allem sollst du beim Wettkampftraining lernen, alle diese Situationen zu beherrschen. Stell dir vor, du fährst auf einem Wettkampf, bist 2 Kilometer vor der Zielgeraden, und dann läuft plötzlich die Nase. Willst du dann aufhören? Oder erstmal lange überlegen? Dann musst du dich auf das Gewinnen konzentrieren, weil dein Gegner direkt im Nacken sitzt und er jede Unkonzentriertheit ausnutzt und sofort überholt. Und dann ist es von Vorteil, wenn du trainiert hast, wie man ohne Taschentuch die Nase putzt. Denn den Preis gewinnst du für schnelles Fahren und nicht für gutes Benehmen. Das ist bei solchem Sport mal völlig unwichtig.“

Inzwischen ist Lisa 15 Jahre alt. Trotzdem verknüpft sie Neues oft nur sehr langsam. Man könnte sagen, der Euro fällt centweise. Jedenfalls haben diese Worte des alten Hasen bewirkt, dass Lisa beim nächsten Training alles ausprobieren musste. Und mit „alles“ ist wirklich alles gemeint. Alles, was man sonst nicht macht. Das war so süß, weil sie das alles total vom Training abgelenkt hat, sie total verlegen gemacht hat, aber am Ende war sie stolz wie Oskar, dass sie das alles hingekriegt hatte.

So stolz, dass sie am Sonntag ihre Mama mit den Worten empfing: „Mama, ich habe es geschafft! Ich habe meine erste Rotzrakete abgefeuert!“ – Wir standen gerade mit mehreren Leuten in einem Gruppenraum und alles lachte. Ich hatte die Befürchtung, die Mutter würde sagen, wir verderben ihre Tochter oder bringen ihr schlechtes Benehmen bei, oder ähnliches, aber das Gegenteil war der Fall. Die Mutter war bestens informiert und fragte: „Ist das das, wo man sich ein Nasenloch zuhält und dann seinem Hintermann einen Klecks aufs Hemd macht?“

Sie sagte, sie fände es gut, dass sich hier ihre Tochter mal austoben könne und mal aus dem ganzen Alltagstrott herauskäme. Die Reaktion hatte ich absolut nicht erwartet. Die Mutter fügte hinzu: „Solange du weißt, wann du im Trainingslager bist und wann zu Hause am Esstisch, ist alles gut.“ – Cathleen, bekannt für ihre direkte Art, fügte hinzu: „Siehste, Lisa, und irgendwann ist es auch nicht mehr peinlich zu erzählen, was man macht, wenn es unterwegs kein Klo gibt.“ – Lisa lief dunkelrot an, die Mutter sagte: „Das müssen wir jetzt aber nicht ausführen, ich kann es mir schon denken. Hoffentlich hast du deine Sachen hinterher ausgespült.“

Lisa nickte aufgeregt, nicht wissend, dass sie damit verraten hatte, was sie eigentlich vor ihren Eltern geheim halten wollte. Ich wiederhole mich gerne: Sie ist einfach soooo süß. Sie antwortete: „Ich hab gleich mit all meinen Sachen geduscht. Das ging ganz gut.“ – Die Leute krümmten sich schon vor Lachen. Mit dieser naiven Art stiehlt sie echt jedem die Show. Und wenn dann noch die Frage kommt: „Hab ich jetzt einen Witz gemacht?!“

Zurück in Hamburg. Es ist noch nicht mal ein Monat des neuen Jahres vorbei und ich habe bereits mein erstes Trainingslager hinter mich gebracht. Meinen ersten Abend in einer Hütte mit Lagerfeuer in der Mitte. Mein erstes Training unter freiem Himmel bei zweistelligen Temperaturen und richtig tollem Sonnenschein. Und meinen ersten längeren Blog-Eintrag. In diesem Jahr 2011.

Falsche Rücksicht

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Heute war Markus in Hamburg. Er ist weiter auf der Suche nach einer Stelle und hat wohl, nachdem alles bisherige nichts geworden ist, erneut einen Job in Aussicht. Nach seinem Vorstellungsgespräch trafen wir uns, allerdings nur sehr kurz am Hauptbahnhof bei Jim Block. Jim Block ist eine (eher etwas gepflegtere) Schnell-Restaurant-Kette in Hamburg, bei dem Männer Burger und Frauen Salat essen können.

Ich holte mir einen Burger, er sich einen Salat. Und dann quatschten wir erstmal. Über sein Vorstellungsgespräch, bei dem er ein gutes Gefühl hatte. Wir beide hoffen, er kann am 1. Februar in Hamburg zu arbeiten anfangen. Über alles mögliche weitere. Über alles mögliche, worüber man in so kurzer Zeit beim Essen reden kann. Nach einem dicken Knutscher musste er sich dann schon fast beeilen, seinen Zug zu bekommen.

Ich mache mir gerade 1000 Gedanken. Als er mir am Telefon sagte, er würde in Hamburg sein, wusste ich schon, dass er hinterher kaum Zeit haben würde. Er hatte diesen Vorstellungstermin mitten zwischen andere Termine geschoben. Ich wäre für eine bloße Umarmung, für einen Kuss zum Hauptbahnhof gefahren. Und wenn wir uns nur 2 Minuten sehen können. Er wollte, dass ich mir diesen Aufwand nicht zumute. Ich weiß, er meinte das bestimmt eher mit Besorgnis, aber ich fühle mich nicht wohl, wenn ich ihn quasi anlügen muss, dass ich sowieso gerade in der Gegend bin. Am Ende hat er sich riesig gefreut, also auch ehrlich. Irgendwie muss ich das hinkriegen, dass er auf mich keine „falsche“ Rücksicht nimmt.

Und nun mache ich mir weitere 1000 Gedanken, ob er auf mich Rücksicht nimmt, weil er mich liebt oder ob er auf mich Rücksicht nimmt, weil ich behindert bin. Egal weshalb, ich möchte die Entscheidung, ob es sich lohnt, für ihn quer durch die Stadt zum Bahnhof zu gurken, selbst treffen. Und ich wäre selbst dann hingefahren, wenn es hätte passieren können, dass ich ihn verpasse. Die Chance, ihn zwei Minuten zu sehen, hätte mir schon gereicht.

Frohes Neues

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Inzwischen ist alles überstanden. Der Jahreswechsel war eindeutig anstrengender als das Weihnachtsfest. Aber er war auch mindestens doppelt so schön. Ach, übrigens, frohes neues Jahr!

Am Silvesternachmittag fuhr ich ins Krankenhaus, zu Laura, von der ich noch nicht einmal eine Handynummer hatte. Könnte sein, dass sie sich das inzwischen anders überlegt hat, könnte sein, dass ich völlig umsonst dorthin gurke. Durch das Tauwetter waren alle Straßen mit dem Auto normal befahrbar. Trotzdem gab es immernoch Leute, die mit 28 km/h über die Bundesstraßen fuhren und jede rote Ampel mitnahmen. Einerseits neugierig, andererseits genervt kam ich auf der Station an.

„Du bist ja wirklich gekommen“, begrüßte sie mich, als hätte sie bis zum Schluss Zweifel gehabt, ob sie jemand derbst verladen haben könnte. Nach einer Umarmung sagte sie: „Ich will so schnell wie möglich hier raus. Kannst du mir ein Handtuch leihen?“ – Ich nickte. – „Ätzend, ich hab noch nie seit meinem Unfall eine Jeans angezogen. An den Beinen ist sie viel zu weit und an der Hüfte viel zu eng. Ich krieg nicht mal den Knopf richtig zu.“

„Das ist nicht gut“, sagte ich. „Das ist ein sicheres Rezept für die erste Druckstelle.“ – „Hat die Schwester auch schon gesagt, aber ich kann doch nicht in Sporthose auf eine Party.“ – „Sicher kannst du das, meinst du, das interessiert jemanden, wenn die wissen, dass du noch stationär in der Klinik bist?“ – „Ich weiß nicht?“ – Ich schüttelte den Kopf. – „Okay, dann zieh ich mich nochmal um“, sagte sie, schnappte sich ihre Sporthose und bat mich, schonmal vorzufahren.

Wie kommt man auf den hohen Beifahrersitz eines Viano? Wie muss ich mich festhalten, damit ich nicht in jeder Kurve wegen fehlender Rumpfmuskulatur halb aus dem Sitz purzel und mich im Sicherheitsgurt aufhänge? Wie bekomme ich meine Augen wieder auf eine normale Größe, wenn ich gerade sehr erstaunt über den behindertengerechten Umbau des Fahrzeuges bin? Und wie bekomme ich den Mund wieder zu, der wegen der Faszination über ein komplett mit den Händen bedienten Pkw offen steht? Laura hatte eine halbe Stunde Zeit dafür und es gerade so eben geschafft…

Wir waren noch nicht vom Klinikgelände, als sie fragte: „Kannst du damit im Notfall auch eine Vollbremsung machen?“ – „Na sicher. Man muss das Auto genauso bedienen können wie andere Menschen, die ihre Füße einsetzen. Sonst bekommt man keinen Führerschein.“ – Sie schluckte: „Ja sicher. Wie schnell fährt der?“ – „Laut Tacho etwa 225. Aber ich mag solche Geschwindigkeiten nicht.“ – „Ich auch nicht. Und von 0 auf 100?“ – „Laut Hersteller in 9 Sekunden. Und anschließend muss man tanken.“ – „Verbraucht der viel?“ – „Also in den Tank passen ungefähr 70 Liter Diesel und der Verbrauch hängt stark davon ab, ob ich viele kurze Strecken fahre, ob nur in Hamburg oder auch auf der Autobahn, ob Winter ist oder Sommer und wie oft ich die Standheizung benutze. Die kürzeste Strecke, die ich bisher gefahren bin, waren etwa 750 Kilometer und die längste war knapp 1.100 Kilometer. Mit einem Tank.“

Um 19 Uhr begannen wir mit dem Raclette-Essen. Zwei Raclette-Geräte auf dem Tisch im Gruppenraum (mit Küche), nach 30 Minuten ging der erste Rauchmelder los… Es hat sehr gut geschmeckt, wir waren insgesamt zu zwölft. Um halb elf sind wir dann in Richtung Landungsbrücken aufgebrochen, hatten mit einigen völlig abgefüllten Menschen zu tun, einer hatte sich bis auf die Unterhose ausgezogen, eine andere trug Minirock und Top, ein schmieriger Typ wollte ausgerechnet mit Laura fi**en, wie er mehrmals in der Bahn zum Besten gab. Laura fragte nur: „Was gibt es hier in Hamburg bloß für komische Typen?“

Das Feuerwerk über dem Hamburger Hafen hat ihr dann aber doch noch super gefallen, sie bekam nebenbei einen sehr lebendigen Eindruck davon, dass man mit dem Rollstuhl doch fast überall hinkommt, wenn man weiß, wie, hat sich einmal komplett in den matschigen Schnee gelegt, als sie rückwärts einen Bordstein runterrollte, den sie nicht gesehen hat (man muss dazu sagen, dass er im Dunkeln auch schlecht zu sehen war und auch nur etwa 4 bis 5 Zentimeter Höhe hatte). Es wehte ein eiskalter Wind, obgleich die Temperatur sonst im Plusbereich war und es auch leicht nieselte. Kein wirklich schönes Wetter.

Entsprechend hielten wir uns auch nur knapp eine Stunde am Hafen auf und fuhren sofort danach wieder zurück. Inzwischen funktionierten mal wieder etliche Aufzüge und Rolltreppen nicht mehr.

Als wir endlich wieder zu Hause waren, zog mich Laura zur Seite: „Ich brauch deinen Rat.“ Sie machte einen überforderten Eindruck. Ich fragte: „Was ist passiert?“ – Sie seufzte nur einmal tief. – „Du hast deine Schlafsachen in der Klinik vergessen?“ – Sie schüttelte den Kopf. – „Deine Katheter?“ – Sie schüttelte nochmal den Kopf. – „Dein Tabletten?“ – Nochmal Kopfschütteln. – „Du hast eingepinkelt.“ – Sie guckte mich mit großen Augen an, als hätte sie gerade Gefallen an dem Ratespielchen gefunden und gehofft, ich würde die Lösung erst in einigen Stunden herausbekommen, um die Konfrontation mit der ernüchternden Wahrheit so lange wie möglich hinauszögern zu können. – „Was mach ich denn jetzt?“

„Na duschen gehen, würde ich sagen“, antwortete ich. „Hast du eine trockene Hose mit oder willst du eine von mir haben?“ – „Was denken denn die anderen, wenn ich da plötzlich mit einer Hose von dir auftauche?“ – „Die denken, du hast eingepinkelt und keine Wechselhose dabei gehabt.“ – „Ich will das nicht.“

Cathleen kam um die Ecke und hatte offenbar die letzten Worte mitgehört. „Wer hat eingepinkelt und keine Wechselsachen dabei gehabt?“ fragte sie, so direkt, wie es eben ihre Art ist. Ich schaute zu Laura hinüber, die war kurz davor, loszuheulen. Sagte gar nichts mehr und starrte ins Leere. „Willst du eine Hose von mir haben?“ fragte Cathleen. Laura sagte immernoch nichts. Cathleen rollte zu ihr und nahm sie in den Arm. „Komm, geh duschen, ich such dir was von mir raus.“ – „Ich glaub, ich geh nach dem Duschen gleich ins Bett. Damit mich keiner mehr sieht.“

„So ein Blödsinn, Laura“, sagte ich. „Das ist nun echt Quatsch. Da musst du durch, auch wenn es am Anfang noch so schwer fällt. Als mir das zum ersten Mal passiert ist, wäre ich auch am liebsten im Erdboden versunken. Heute lächel ich einmal drüber. Da ist es nur noch lästig, aber nicht mehr schlimm. Echt, Laura, probier es aus. Geh offensiv damit um. Da werden vielleicht welche schadenfroh lachen, zwei machen einen Spruch, dann gibst du einfach drauf raus und tust so, als hättest du das mit Absicht gemacht, und in fünf Minuten ist alles vergessen. Vertrau mir. Bitte.“

Wir fuhren zurück in den Gruppenraum, Laura mit einer Wechselhose von Cathleen auf dem Schoß. Frank fragte: „So was ist, wollen wir jetzt endlich mal was spielen?“ – Laura antwortete: „Später, ich will erstmal duschen.“ – Frank fragte: „Oh, frierst du? Dann würde ich eine Badewanne empfehlen.“ – Laura sagte: „Nee, ich hab mich angepinkelt.“ – Simone kommentierte mit einem Grinsen und einem langgezogenen: „Pfui.“

Laura antwortete: „Ja, ich weiß. Ich hab gefroren und wollte mir den Po wärmen.“ – Simone sagte: „Du spürst die Wärme doch gar nicht bei deinem Querschnitt.“ – Laura konterte: „Ja, das habe ich dann auch irgendwann gemerkt.“ – Alles lachte. Einschließlich Laura. Frank sagte: „Wenn das so ist, empfehle ich dann doch eher die Dusche als die Badewanne.“ – Situation gerettet, Laura hatte wieder beste Laune.

Um fünf gingen wir ins Bett. Vier Leute fuhren zu sich nach Hause, die hatten es nicht weit, der Rest schlief auf Isomatten, Feldbetten und aufblasbaren Gästebetten. Um halb drei nachmittags gab es Frühstück. Anschließend brachte ich Laura zurück in die Klinik. Ein bißchen traurig war sie schon beim Abschied. Aber sie sagte selbst, dass sie noch einiges erarbeiten müsste, um so mobil zu werden wie wir es alle sind. Wenn diese auswärtige Übernachtung ihr dafür den nötigen Schub gegeben hat, würde es mich sehr freuen.