Noch eine Erziehungsmaßnahme

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Ganz so extrem wie bei Marion aus Marias Einrichtung war es bei uns nicht. Dennoch hat Frank zwei Tage vor Weihnachten kurzen Prozess gemacht und eine Mitarbeiterin, die eine Etage tiefer insbesondere für die Pflege der Zwillinge zuständig ist, gefeuert, nachdem diese sich geweigert hatte, die beiden nach einer Weihnachtsfeier auszuziehen und ins Bett zu bringen. Sie seien für spätestens 22.00 Uhr für einen telefonischen Abruf verabredet gewesen, letztlich hätten sie sie aber erst um 0.30 Uhr angerufen.

Die Zwillinge haben um 20.30 Uhr per SMS gefragt, ob es auch okay wäre, wenn sie erst nach Mitternacht kämen. Eine Antwort haben sie nicht bekommen, hatten um 21.00 Uhr und um 21.30 Uhr noch einmal angefragt und haben weiterhin keine Antwort bekommen. Um 0.00 Uhr haben sie sich ein Taxi gerufen und sind nach Hause gefahren. Die Pflegekraft, die dafür bezahlt wird, dass sie die beiden ins Bett bringt, hat sich, als die beiden anriefen, geweigert zu kommen. Es sei schon zu spät. Sie müssten alleine klar kommen. Letztlich haben sie dann andere Leute ins Bett gebracht.

Die Angestellte hat eine Rufbereitschaft, bekommt dafür Geld. Da sie in der Nähe unseres Hauses wohnt, geht sie in der Bereitschaftszeit nach Hause und lässt ihr Handy an. Das ist so abgesprochen. Sie war aber der Meinung, nach 22.00 Uhr gebe es nur noch Notfälle. Und das sei kein Notfall gewesen, da kalkulierbar. Man müsse sich die Bewohner „erziehen“.

Sie hätte aber zumindest die SMS entsprechend beantworten können. Die Frau hat einen Arbeitsvertrag angenommen, bei dem sie Assistenz leisten soll, und zwar eindeutig rund um die Uhr. Sie wird dafür aus meiner Sicht angemessen bezahlt, hatte einen regulären Arbeitsvertrag, war aber zum Glück noch in der Probezeit.

Kalte Dusche

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Noch nicht reif genug zu sein, um alle möglichen Schwierigkeiten vorauszusehen, kann ein Vorteil sein. Noch nicht schlau genug zu sein, um zu erkennen, wo ein Holzweg beginnt, ebenfalls. Manchmal können Reife und Weisheit von Nachteil sein – dann nämlich, wenn sie einem Angst machen und man vor lauter Angst sich nicht mehr traut, auf sein Herz oder seinen Bauch zu hören.

Es ist unprofessionell, zu einer Klientin eine persönliche (freundschaftliche) Beziehung aufzubauen oder zu unterhalten. Es ist noch unprofessioneller, eine Klientin spüren zu lassen, dass man sie lieb hat. Und es hätte mich meinen Job gekostet, hätte ich das, was ich getan habe, in einem Job getan.

Maria hat in der letzten Woche bei mir geschlafen. Ich hatte mit ihr seit Ende meines Praktikums in ihrer Einrichtung noch ein paar Mal Kontakt per Mail, letzte Woche haben Cathleen und ich sie abgeholt, einen supertollen Tag und einen noch schöneren Abend zusammen verbracht und ihr nebenbei einen ganz, ganz großen Wunsch erfüllt: Sie hat sich einen Wellness-Abend gewünscht, denn für mehr als duschen, Haare waschen und Zähne putzen ist in ihrer Einrichtung kaum Zeit.

So waren Cathleen, Maria und ich zu dritt in einer großen Badewanne (die Zwillinge eine Etage tiefer haben eine riesige Pflegebadewanne), hatten sehr viel Spaß, haben Maria überall rasiert, Nägel geschnitten, Ohren geputzt, ihr eine Haarkur verpasst, sie hinterher bei mir aufs Bett gelegt und schön eingecremt von Kopf bis Fuß, ihr die Augenbrauen und einige überflüssige Härchen gezupft und sie zu zweit bestimmt eine Stunde lang massiert. Sie lag da so friedlich und entspannt, dass ich ein paar Mal auf ihren Brustkorb geschaut habe, um festzustellen, ob sie überhaupt noch atmet.

Anschließend haben wir zu dritt in meinem Bett gelegen und sie bei einem DVD-Abend mit Gurkenscheiben, Karottenstückchen und anderen kohlenhydratarmen Lebensmitteln (mit Gruß an ihren insulinpflichtigen Diabetes) abgefüllt. Wir hatten jede Menge Spaß und sind irgendwann einfach eingeschlafen. Einmal bin ich in der Nacht aufgewacht, habe mich gewundert, wieso mein Bein unter der Decke raushängt und wieso auf dem Fernseher Streifen flimmern, habe die beiden Übel kurzerhand behoben und weitergeschlafen.

Als wir am nächsten Tag auf dem Weg zurück in ihre Einrichtung waren, hat sie uns mindestens ein Dutzend Mal erzählt, wie toll sie den Abend fand. Besonders die Massage: „Das war so entspannend und so angenehm, ihr hättet mit mir machen können, was ihr wollt.“ – Woraufhin ich antwortete: „Für einen Moment hatte ich schon überlegt, ob ich meine Reitgerte aus dem Schrank hole.“ – Bei Maria dauert es immer drei, vier Sekunden, bevor sie eine Reaktion zeigt. So hatte Cathleen schon Lachtränen in den Augen, bevor Maria überhaupt eine Miene verzogen hatte. Sie lachte nicht, sondern antwortete: „Beim nächsten Mal hätte ich gerne dich als Domina und Cathleen als Krankenschwester. In weißer Latexschürze.“ – Ein älterer Mann guckte sie entsetzt an und ging im Waggon eine Tür weiter. Cathleen antwortete: „Dann kriegst du aber als erstes von mir einen Einlauf.“

Als wir Maria wohlbehalten wieder ablieferten, wurden wir Zeuge einer unglaublichen Szene. Wir rollten über den Flur, vorbei an einem Stationsbadezimmer, und drinnen schrie eine (der Stimme nach) ältere Frau wie am Spieß. Da der Raum gefliest ist, hallte das Geschrei entsprechend von den Wänden wider und lieferte eine unheimliche Atmosphäre. Eine tiefe Frauenstimme unterbrach das Geschrei mit noch lauterem Gepöbel: „Wo sollst du hingehen, wenn du musst?!“ – Da keine Antwort kam, gab sie vor: „Auf die Toi…“ – Die andere Stimme ergänzte: „…lette.“ – Die erste Stimme fragte wieder: „Wohin? Auf die“ – Die andere Stimme ergänzte eher hastig: „… die Toilette.“ – Ich war kurz davor, dort reinzustürmen und nachzuschauen, was da abging, in dem Moment sagte die Frau, die vorher gepöbelt hatte, aber leise: „Siehst du, du weißt es doch.“

Also fuhren wir erstmal in Marias Zimmer. Ich fragte Maria: „Was ist denn da los?“ – „Ach, das ist Sabine, wahrscheinlich hat sie wieder eingekackt.“ – Ich schluckte. „Und wieso schreit die so?“ – Maria antwortete: „Vermutlich kalte Dusche!?“ – Ich fragte nach: „Wie – kalte Dusche…“ – „Na, kalte Dusche! Erziehungsmaßnahme.“ – „Wie jetzt, die wird kalt abgeduscht, weil sie in die Hosen gekackt hat?! Das ist jetzt nicht dein Ernst.“ – „Sabine ist geistig nicht mehr die Hellste, aber weiß eigentlich, was wohin gehört. Sie setzt es nur nicht immer um. Weil sie es vergisst, weil sie es vielleicht doch nicht so schnallt, keine Ahnung. Nur das solltest du halt bei Marion nicht machen. Ich weiß das. Sabine weiß das aber nicht. Beziehungsweise kapiert es nicht oder vergisst es wieder.“

Marion, eine Frau schätzungsweise Anfang 60, kurze graue Haare, eher männliche Statur, tiefe Stimme, unangenehm streng. Ich hatte mit ihr als Kollegin nur zwei Mal während meines Praktikums zu tun, beide Male hat sie mich für irgendeine Aufgabe aus dem Haus geschickt. Sie war die einzige, die mir kein „Du“ angeboten hatte. Eine andere Kollegin sagte mal, Marion sei keine examinierte Kraft, sondern eine der Hausfrauen, die man in den 60er-Jahren reihenweise angeworben hatte, als es zu wenig Pflegepersonal in Behinderteneinrichtungen gab.

Ich fragte Maria: „Also jetzt nochmal: Marion duscht Sabine absichtlich kalt ab, um ihr eine Lektion zu erteilen?“ – Maria antwortete: „Ja. Aber beweis das mal.“ – „Woher weißt du denn das?“ – „Das hat hier jeder schonmal miterlebt.“ – „Aber wieso meldest du denn das nicht?“, wollte Cathleen wissen. – „Wie soll ich das beweisen? Sie wird alles abstreiten und hinterher ist alles genauso wie es war. Die werden doch eher ihr glauben als mir. Die Auswirkungen, wenn das schief läuft, kann man doch gar nicht überblicken. Ich bin doch immer wieder und vermutlich noch Jahre lang von ihr und ihrer halbwegs guten Laune abhängig.“

Ich fragte mich, wieso ich von alledem während meines Praktikums nichts mitgekriegt hatte. Ich fuhr zum Stationszimmer, klopfte, erzählte Katja, der Stationsleiterin, dass ich Maria wohlbehalten wieder zurückgebracht hatte. Ich fragte sie: „Sag mal, wer schreit denn da im Bad so? Das hört sich ja an als wenn jemand geschlachtet wird.“ – „Das ist Sabine, die schreit manchmal so, wenn sie geduscht wird.“ – „Als ich hier war, hat sie nie so geschrien, oder? Warum meldest du nicht, was da abläuft!?“ – „Ich weiß es nicht. Ich bin 25 und Stationsleiterin, sie ist über 60. Sie hat keinen Respekt vor mir. Es steht Aussage gegen Aussage und im Zweifel gilt die Unschuldsvermutung.“ – „Och Katja! Tolle Ausrede. So wird sie auch nie Repekt kriegen! Die kannst du doch nicht alles machen lassen! Du hast doch eine Verantwortung für die Leute!“

In dem Moment kam Marion um die Ecke. „Na? Wer hat Verantwortung?“ – Ich schluckte. „Wir alle, oder?“ – „Naja, mal mehr, mal weniger. Ich bringe jetzt den Klaus ins Bett.“ – „Hoffentlich hat der nicht auch eingekackt!“ schoss es wütend aus mir heraus. Marion grinste nur dumm, sagte: „Der macht sowas nicht.“ – „Hat wohl Angst vor kalten Duschen.“ – „Kalte Duschen haben noch keinem geschadet. Sie regen den Kreislauf an, pumpen sauerstoffreiches Blut ins Hirn. Das ist manchmal nicht verkehrt.“ – „Bisher war es von mir nur eine Vermutung, aber für mich klingt das gerade wie ein Geständnis. Hat Sabine da wirklich gerade eine kalte Dusche bekommen?“ – „Und wenn schon. Wie ich schon sagte, kalte Güsse regen den Kreislauf an.“

Über ihren Anwalt hat Marion drei Tage später gegenüber der Heimleitung erklären lassen, dass sie Sabine nicht mutwillig kalt abgeduscht habe. Sie könne lediglich nicht verhindern, dass manchmal kurzzeitig kaltes Wasser aus dem Schlauch käme, vor allem zu Beginn des Duschens. Zu „Erziehungszwecken“ sei von ihr niemals kaltes Wasser gegen Bewohner der Einrichtung eingesetzt worden.

Das erzählte mir der Heimleiter kurz danach am Telefon. Ich kochte: „Wenn ich jemanden abdusche, der zumindest zeitweilig nicht rafft, wohin man seinen Darm entleert, habe ich doch mindestens einen Finger im Wasserstrahl und kontrolliere so die Temperatur, oder? Könnte ja auch mal zu heiß werden. Und wenn ich merke, dass das Wasser (noch) kalt ist, halte ich dann den Strahl auf denjenigen oder eher erstmal gegen die Wand?“ – „Das ist eine saudumme Ausrede, das wissen wir hier alle, Jule. Wir haben vor Jahren extra Thermostatmischer teuer einbauen lassen, damit das Wasser nie zu heiß wird. Am Anfang kommt es natürlich trotzdem erstmal kalt. Mehr als eine Abmahnung ist aber trotzdem nicht drin. Gemessen an der dürftigen Beweislage haben wir uns damit schon sehr weit aus dem Fenster gehängt. Den Ausschlag hat Marias Aussage gegeben.“

Ich wurde hellhörig. Der Leiter der Einrichtung erzählte mir am Telefon, Maria habe ihn aufgesucht und erklärt, sie sei von Marion vor etwa zwei Jahren komplett mit eingepinkelten Klamotten in eine kalte Badewanne gesetzt worden. „Die Frau steht unter Beobachtung. Beim nächsten kleinen Ding fliegt sie raus. Mehr können wir im Moment nicht machen.“ – „Und Maria?“ – „Wird nicht mehr von Marion betreut. Wir haben ihr untersagt, die Frau auch nur anzuschauen. Sie wird auch niemals mehr alleine Dienst bei uns machen. Wir haben den Vorfall übrigens auch der zuständigen Heimaufsicht gemeldet. Wir nehmen das sehr ernst.“

Na hoffentlich. So ganz traue ich dem Frieden nicht. Ich werde den Kontakt zu Maria jedenfalls so schnell nicht abbrechen. Im Gegenteil.

Und noch ein Verein

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Als ich vor knapp drei Wochen darüber schrieb, für Ronja, meine Physiotherapeutin, eine Idee zu haben, habe ich nicht wirklich damit gerechnet, dass es mehr als nur eine Idee wird. Aber getreu dem Motto ‚Wer nicht wagt, der nicht gewinnt‘ habe ich vor drei Wochen Frank und Sofie davon erzählt, dass Ronja ab 01.01.12 nur noch in der Handchirurgie eingesetzt werden soll, nicht mehr in dem Bereich, für den sie sich eigentlich beworben hatte. Sie hat sich trotz ihrer Behinderung, mit Unterstützung der Arbeitsagentur und in fast doppelt so langer Zeit wie üblich, durch die Physiotherapeutenausbildung durchgekämpft, war so überglücklich, ihren Traumjob gefunden zu haben und sich gegen eine Kollegin, die ihre Fähigkeiten nicht anerkennen wollte, durchgesetzt zu haben – und nun das. Von einem überglücklichen Kampfzwerg, der fast immer strahlt und lacht, nie fehlt, der durch seine interessante, besondere Art viele, viele Stammpatienten gewonnen hat, zu einem Häufchen Elend, das völlig unglücklich eine absolut monotone Muskelaufbau-Arbeit am Fließband erwartet. Laut ihrer Kollegin bleibe dort niemand länger als ein halbes Jahr. Man mache im Zehnminutentakt den ganzen langen Arbeitstag immer das gleiche. Man mobilisiere Patienten direkt nach einer OP in den ersten paar Tagen, bis sie in ambulante Therapie entlassen werden. Man sehe nie den endgültigen Erfolg, nur die ersten minimalen Fortschritte.

Meine erste Idee war, ob man es nicht schaffen könnte, eine Physiotherapiepraxis zu finden, die Ronja einstellt, während man hier in unserem Wohnprojekt eins der drei Dienstzimmer (auf jeder Etage ist ein Aufenthaltsraum / Büro für die mobilen Pflegedienste, die einige sehr schwer eingeschränkte Menschen ambulant versorgen) zu einem Praxisraum ausgestaltet. Ronja würde einfach hier ihren Job machen und ihre Patienten behandeln (Hausbesuch in einer Einrichtung oder als offizielle Außenstelle) und darüber hinaus noch einige Stunden bei ihrem Arbeitgeber arbeiten. Die Idee war nicht gut, denn sowas ist nicht erlaubt (oder zumindest nicht so einfach möglich). Also zumindest nicht, wenn man das später mit der Krankenkasse abrechnen will. Und da die Mehrzahl Physiotherapie auf Rezept (aber nicht als Hausbesuch, weil mobil genug) bekommt, macht es keinen Sinn, wenn man nur privat abrechnen könnte. Zumal dann auch gewisse Voraussetzungen erfüllt sein müssten … die Idee drohte bereits im Keim zu ersticken.

Vorletzte Woche hatten wir (also eher Frank) dann doch Ronja zu uns eingeladen und sie mit einer neuen Idee konfrontiert. Manchmal ist auch er etwas unberechenbar. Ich hatte zuvor mehrmals gefragt, welchen Sinn das noch machen sollte, wenn diese ursprüngliche Möglichkeit nicht funktionierte. Er meinte, er wolle sich informieren, ob sie nicht selbst noch Ideen hätte und welche Zukunftspläne sie habe. Aus einem Gespräch könnte sich ja das eine oder andere ergeben. In Wirklichkeit hatte er aber bereits andere Ideen, weitere Recherchen unternommen und wollte in erster Linie Ronja persönlich kennenlernen. Und bis dahin nichts in den Raum stellen, wofür sie später dann vielleicht doch nicht die geeignete Kandidatin gewesen wäre.

Fakt ist, dass auf dem Gelände, auf dem wir wohnen, früher eine Fabrikanlage stand. Derzeit steht nur noch das ehemalige Kerngebäude. Es ist über 100 Jahre alt. Vor etlichen Jahren ist das Gebiet von Industrie- in Gewerbegebiet umgewidmet worden, vor wenigen Jahren dann in ein Wohngebiet mit Gewerbeflächen. Auf unserem Grundstück ist noch ein großes Ladengeschäft mit relativ viel Publikumsverkehr, das liegt neben unserem Gebäude, bei uns im Erdgeschoss ist eine Muckibude, im ersten OG arbeitet (wohnt?) ein Künstler, der malt und töpfert, im zweiten OG war bis vor kurzem ein Fotoatelier. Der Inhaber ist jedoch insolvent (mir erschien es, als hätte er einfach keinen Bock mehr, immer wenn man ihn sah, war er am Rumheulen, dass alles Scheiße ist) und geht zum 31.12.11 raus. Vom dritten bis fünften Stock ist unser Verein mit unserem Wohnprojekt drin. Alle sind Mieter, das ehemalige Fabrikgebäude gehört einem Geschäftsmann aus Hamburg.

Nun hatte Frank bereits gefragt, ob der Eigentümer die zweite Etage möglicherweise an eine Praxisgemeinschaft vermieten wollte. Frank hatte mit ihm darüber gesprochen und der fand die Idee gut. Wir alle wussten von nichts, selbst Sofie war sehr überrascht. Er fragte Ronja ziemlich schnell, ob sie jemanden kennen würde, der sich vorstellen könnte, mit ihr zusammen eine neue Praxis aufzubauen. Sie meinte, sie habe noch nie darüber nachgedacht, aber sie habe eine Freundin, Christine, die seit ihrer Ausbildung sich lediglich mit 400-Euro-Jobs über Wasser halte und die könnte sie fragen.

Im Film würde man jetzt eine Überblendung in eine neue Szene machen, durch die dann unten die Wörter „2 Wochen später“ hindurch laufen. Ich mache das anders: Heute nun scheinen etliche Weichen gestellt zu sein. Der Vermieter wäre bereit, die rund 200 m² für zunächst drei Jahre für unglaubliche 7,50 € pro Quadratmeter als Gewerberäume zu vermieten und vorher die Etage komplett zu renovieren (was dringend sein muss). Der vorherige Mieter hatte noch 9,50 € bezahlt. Mietbeginn könnte der 01.04. sein, eventuell früher.

Es gibt drei examinierte Physiotherapeutinnen, Ronja, Christine und eine Karoline, plus eine Ergotherapeutin, Maja, die ebenfalls mit einsteigen will. Neben dem Verein, der unser Wohnprojekt betreibt, soll es nun noch einen weiteren Verein geben, der diese Physiotherapiepraxis trägt. Das ist nicht ganz so einfach, da dieser Verein einerseits eine Zulassung bei den Krankenkassen beantragen muss (jeweils eine würde dann auf eine Physiotherapeutin und eine Ergotherapeutin beantragt). Damit müssen alle Patienten behandelt werden, die in die Praxis kommen wollen. Andererseits müssen aber mindestens knapp zur Hälfte Menschen mit Behinderungen behandelt werden (Auflage des Finanzamtes – sonst ist die Organisation über einen Verein nicht möglich). Ergo muss immer sichergestellt sein, dass genügend Leute aus den eigenen Reihen sich dort behandeln lassen, damit der Terminkalender damit schon zur Hälfte voll ist. Der Rest der Termine dürfte dann frei vergeben werden. Insgesamt darf am Ende des Jahres kein Gewinn abfallen.

Die entsprechende Satzung kam am Freitag vom Finanzamt zurück: Eine solche Satzung würde den Anforderungen genügen, sie würde also anerkannt werden. Die Praxiseinrichtung soll über einen Kredit finanziert werden, der in den ersten fünf Jahren zurückzuzahlen ist. Die Bank hat für eine solche Anfrage grünes Licht gegeben, weil sich parallel eine Stiftung bereit erklärt hat, ein Drittel der Grundausstattung zu bezuschussen und für ein weiteres Drittel (also die Hälfte des Kredites) eine Bürgschaft zu übernehmen – im Rahmen eines Gründungszuschusses. Auflage: Es müssen mindestens zwei der fest eingestellten Mitarbeiter schwerbehinderte Menschen sein, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt chancenlos wären. Die Stiftung sieht dieses bei Maja (nach einer Rückenmarksentzündung mit inkompletter Querschnittlähmung) und bei Kristin (Koordinationsstörung) gegeben, bei Ronja nur begrenzt, da sie derzeit Arbeit hätte.

Es war auch noch zu klären, ob der Wettbewerb unter Einrichtungen oder unter Physiotherapeuten beeinflusst werden könnte. Das hat man aber auch verneint, insofern würden, vorausgesetzt die Räume entsprechen den Anforderungen, der Verein wird wirklich gegründet und zugelassen, die Leute werden eingestellt etc., für beide Bereiche (Ergotherapie und Physiotherapie) jeweils eine Kassenzulassung vergeben.

In den letzten zwei Wochen haben wir alle vier Leute kennen gelernt und uns diverse Male getroffen, alle sind sehr nett und haben große Lust, etwas nachhaltiges auf die Beine zu stellen. Insbesondere Ronja ist seit Wochen nur noch aufgeregt wie ein kleiner Flummi. „Hoffentlich schaff ich das alles, hoffentlich kann ich das, …“ – aber auch: „Ich habe immer davon geträumt, eines Tages mal mit einer Kollegin eine eigene Praxis aufzumachen. Ich habe aber nie für möglich gehalten, dass das irgendwann mal Realität werden würde. Alleine schaffe ich es nicht, also brauche ich jemanden, der an mich glaubt. Ich werde euch nicht enttäuschen.“

Weiteres Bonbon: Es soll ein Kraftraum eingerichtet werden, damit hier auch Gerätetraining möglich ist. Das wird Rollstuhlfahrern doch sehr oft verschrieben und es wäre ein Wahnsinn, das bei einer Praxiseinrichtung auszusparen. Und aus einer Praxisauflösung könnte eine nahezu neue, voll funktionsfähige Schmetterlingswanne übernommen werden, und zwar für einen Bruchteil des Neupreises. Und der wäre so enorm, dass es sich nicht lohnen würde. Allerdings muss dazu noch ein Statiker kommen, denn so eine Wanne wiegt gefüllt fast 2 Tonnen…

Irgendwie freue ich mich so derbe für Ronja. Mir geht das alle paar Minuten durch den Kopf, obwohl ich davon so gut wie gar nicht betroffen bin. Doch, in einem Punkt schon: Ich würde meine Physiotherapie und mein Krafttraining aus meiner Klinik in ihre Praxis verlegen. Und ich glaube, das wäre eine gute Entscheidung.

Der Achte

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Ich wurde ja mehrmals gefragt, ob ich ständig so etwas erlebe, wie im Beitrag Sieben an einem Tag beschrieben. Die Antwort lautet: Ständig. Wirklich ständig. Nicht täglich, aber zumindest in so kurzen Abständen, dass es eintönig werden würde, wenn ich ständig darüber schreibe. Immerhin gibt es zwischenzeitlich auch wieder tolle und nette Dinge, sie überwiegen auch, aber gerade heute steht es mir schon wieder bis zum Hals.

Ich möchte von meiner Physiotherapie zum Bahnhof fahren, warte an der Haltestelle auf den Bus, der soll in vier Minuten kommen. Mit mir warten noch zwei andere Leute. Der Bus kommt, der Fahrer öffnet die Tür, senkt den Bus ab, ein Typ steht auf und will die Rampe ausklappen. Ich sage zu ihm: „Neenee, lassen Sie drin, das geht auch so!“ – Er klappt die Rampe trotzdem aus. Okay, ich fahre hinein, bedanke mich bei ihm, er klappt hinter mir die Rampe wieder ein, ich stelle mich auf den vorgesehenen Platz, mache die Bremsen fest, Schneeflocken werden vom Wind durch die offene Tür gepeitscht…

Nichts passiert. Vorne geht die Tür ein paar Mal auf und wieder zu, hinten bleibt sie offen. Irgendwann steht die Busfahrerin auf, geht am Bus entlang zur hinteren Tür, ruckelt an der Rampe, springt ein paar Mal darauf herum, geht wieder nach vorne, setzt sich wieder hin, steht wieder auf, kommt mit einem Handfeger nach hinten, klappt die Rampe aus und fegt mit dem Handfeger den Eingangsbereich. Ein Typ pöbelt: „Fahren wir nochmal weiter oder was?“ – Die Fahrerin antwortet: „Wenn ich die Tür zukriege, fahren wir auch weiter, ja. Im Moment klemmt hier was.“ – „Mach mal hinne da, ich hab noch Termine heute.“

Nachdem die Fahrerin gefühlte 10 Liter Sand und Streugut unter der Rampe herausgefegt hat und sie noch einmal knirschend schließt, noch einmal darauf herumspringt, noch einmal nach vorne geht, noch einmal vergeblich versucht, die Tür zu schließen, den ganzen Bus aus stellt (Licht aus, Lüftung aus, Motor aus, alles aus) und wieder neu startet, die Tür trotzdem sich nicht schließt, senkt sie den Bus wieder ab, macht alle Türen auf und sagt über Lautsprecher: „Liebe Fahrgäste, der Bus ist kaputt, bitte steigen Sie alle aus und warten Sie auf den nächsten Bus. Es tut mir leid, aber ich kann es nicht ändern.“

Rund 40 Leute stiegen mit verdrehten Augen, unter Gemurmel und Gemurre aus dem Bus aus, stellten sich in das Glashäuschen, für mich war leider kein Platz mehr, nur noch so, dass ich trotzdem nass wurde, die Busfahrerin spielte an der Notentriegelung herum, klappte die Tür mit der Hand zu, schloss sie mir einem Vierkant ab, startete den Bus noch einmal neu – und tschüss. Nächster Bus: In 16 Minuten. Nicht zu ändern.

„Die könnten ja wenigstens mal einen Ersatzbus schicken“, meinte der Typ, der schon im Bus rumgepöbelt hatte. Alle anderen ignorierten das. Und dann ging es los: „Und das alles nur wegen dir hier“, sagte er und funkelte mich an. Ich erwiderte: „Ja sorry, tut mir Leid, aber ich kann auch nichts dafür, wenn das Ding plötzlich kaputt geht. Ich würde jetzt auch lieber im warmen Bus sitzen und nach Hause fahren anstatt hier rumzustehen.“ – „Jaaa, schön nach Hause fahren, was? Ich komm zu spät zur Arbeit und du hast Probleme, dass du nicht schnell genug zum Mittagessen kommst.“ Er redete sich in Rage. „Ich glaub, es hackt. Wer hat denn den Bus kaputt gemacht? Ich oder du? Vor dir sind tausend Leute eingestiegen und alles hat funktioniert und jetzt kommst du und…“

Mehrere Leute gingen bereits auf Abstand und stellten sich lieber drei Schritte weiter ins Schneegestöber. Ein Mann mit ausländischem Akzent sagte: „So komm, nu lass mal die Frau in Ruhe. Die kann nun wirklich nichts dafür.“ – „Ey, bist du ihr Vater? Willst du Stress oder was? Was mischt du dich da ein!“ – „Ist gut jetzt. Wir wollen alle keinen Stress, okay? Lass uns auf den nächsten Bus warten, mehr können wir im Moment nicht tun.“ – Ich nutzte die Chance, um mich ein paar Meter zu entfernen. Lieber voll im Schneesturm stehen als von dem noch irgendwas abzukriegen.

Der Typ kam auf mich zu, blieb zwei Meter vor mir stehen. „Schämst du dich jetzt?“ – Ich tat so, als wenn ich ihn nicht hörte und guckte auf der gegenüberliegenden Straßenseite einem Welpen hinterher, der versuchte, die Schneeflocken einzeln mit seinem Maul zu fangen. Dann spuckte er mich an. Nun war es genug. Ich rollte rund zwanzig Meter von ihm weg. Er kam nicht hinterher. Ich beschloss, „zu Fuß“ zum S-Bahnhof zu fahren. Die Strecke ging über Kilometer bergab. Nur der Wind war etwas blöd. Aber nach fünf Minuten hörte es auf zu schneien und die Sonne schien – das war dann wohl die richtige Entscheidung. Schließlich ist draußen die Luft auch wesentlich besser als im Bus…