Tag der geschlossenen Türen

8 Kommentare2.325 Aufrufe

Das war ja wieder eine Aktion … ich sage nur: Schwimmtraining. Da ich ja zur Zeit kein Auto habe, musste ich mit dem Rolli und dem ganzen Gepäck zur U-Bahn. Dort ging der Aufzug nicht, also mit dem Bus zur nächten Station, dann bis zum Hauptbahnhof, dort umsteigen (erster Aufzug, zweiter Aufzug, über die Straße, dritter Aufzug) in die S-Bahn, drei Stationen weiter, noch ein Aufzug, zum Bus, noch drei Stationen – endlich da. 90 Minuten für eine Strecke, für die ich mit dem Auto höchstens 20 Minuten brauche.

Über einen gefrorenen Matschweg bergauf in in den Eingangsbereich der Schwimmhalle, durch eine Drehtür, da der Behinderteneingang abgeschlossen ist (sonst steht der bei der Kälte ständig offen), erreicht mich ein Anruf von einer Kollegin aus dem Team: Sie sind zu zweit im Auto, mit zwei Rollifahrern, und es sind alle Behindertenplätze belegt. Ob ich mal in die Tiefgarage runterkommen und beim Aussteigen helfen könnte. Okay.

Normalerweise sind wir nicht in dieser Schwimmhalle, nur ausnahmsweise. Und zum Glück bleibt es auch bei wenigen Ausnahmen im Jahr. Das Bad ist zwar eins der neuesten in Hamburg und für Rollifahrer wohl mit am besten geeignet, aber vieles ist dennoch schlichtweg eine Zumutung. Eine Feuerschutztür zwischen Aufzug und Eingangshalle: So schwergängig, dass man sich mit voller Kraft dagegen lehnen muss, um sie zu öffnen. Und dann geht sie, da die Wand eine Rundung hat, nur bis rund 60° auf. Dann stößt sie gegen einen Stopper, der mitten im Gang montiert wurde. Als Rollstuhlfahrer muss man also erstmal vom Aufzug ins Treppenhaus, wenden, und von dort zur Tür. Vom Aufzug direkt geht nicht, weil der Türflügel einem entgegen schwenkt und, wie gesagt, nur zur 60° sich öffnen lässt (und nicht zu 90-100, wie sonst üblich).

Der nächste Aufreger: Es gibt zwar zwei Kassen, aber nur eine Einlass-Spur. Das heißt: Alles quält sich durch eine kleine Klapptür. Es ist in der Regel auch nur eine Kasse offen. Fußgänger können mir ihrer Karte am Drehkreuz zahlen, das geht relativ fix, nur passen Rollis ja nicht durchs Drehkreuz. Also anstellen. Zwölf Minuten, obwohl wir nur einmal die Karte vorzeigen müssen.

Dann das nächste Ärgernis: Die Rolli-Umkleide ist in einem Bereich, der morgens für Schulbetrieb genutzt und abends in der Regel abgeschlossen wird. So auch heute. Also muss einer durch das ganze Schwimmbad wieder zurückeiern, um an der Kasse zu fragen, ob mal einer die Zwischentür aufschließen könnte. „Ja, ich schicke eine Kollegin.“ – Nach fünf Minuten muss nochmal einer hineiern: „Oh, war die Kollegin noch nicht da? Ich ruf nochmal an.“

Eine Rolli-Umkleide für alle, mit den Türen gibt es dasselbe Problem wie am Eingang. Die Türen schwenken entweder so auf, dass man erstmal um den Türflügel herum fahren muss oder es handelt sich um Schiebetüren, die so verzogen sind, dass sie sich nicht abschließen lassen. Oder sie sind – zu Reinigungszwecken – dauerhaft abgesperrt. Dazu sind von den 10 Schränken, die im Behindertenbereich stehen, sechs defekt. Man sollte es nicht glauben, aber die Batterien sind leer, so die Angestellte. In der Tat gehören in die über 1.000 Schränke pro Tür 3 Einwegbatterien, die den Strom liefern, um nach Einschieben der Karte das Schloss verriegeln zu können. Früher hat man mit der Hand am Schlüssel gedreht, ohne Batterie, heute ist ein kleiner Motor in dem Schloss, der absperrt und den Schlüssel abwirft. Hoffentlich hat das Bad einen eigenen Sondermüllcontainer für die leeren Batterien…

Die Putzmaschine hat vor dem Notausgang eigentlich auch nichts zu suchen, und warum ist der Raum mit der einzigen Behindertendusche und dem einzigen Behindertenklo abgesperrt? – „Das WC ist defekt“, weiß die Mitarbeiterin. – So langsam werde ich sauer. „Achso. Kann man das nicht am Eingang sagen? Bevor wir uns umziehen?“ – „Hat der Kollege das nicht gesagt? Das tut mir Leid, vielleicht wusste er es nicht oder es war zu viel los. Wir helfen Ihnen zur Not auf das normale WC.“ – Ist klar. Da passt mein Rolli nicht mal durch die Tür. Immerhin ging die Dusche.

Anschließend rollten wir einer nach dem anderen durch den Schulumkleidebereich zur Schwimmhalle und … wen wundert es … auch dort war die Tür abgeschlossen. Also musste wieder einer den ganzen Weg zurück, zur Kasse, im Badeanzug, nass, frierend, um zu bitten, dass auch die anderen Zwischentür aufgeschlossen wird. „Ist bei Ihnen heute Tag der geschlossenen Türen?“ fragte unsere Trainerin. Ob wir heute nochmal zum Schwimmen kommen würden?

Wir kamen. Und unsere Trainerin überzog kackfrech die Trainingszeit, um die Verspätung wieder auszugleichen. Und, wen wundert es? Nach unserem Training war die Zwischentür schon wieder abgeschlossen. Laut Schild ‚wegen Reinigungsarbeiten‘. Also nochmal wieder Bescheid sagen. Diesmal innerhalb der Halle. Dann endlich zur warmen Dusche (die Tür zum Raum war auch wieder abgeschlossen, aber wir wussten ja, dass es nur wegen der defekten Toilette war, und da das ein Schloss war, das man mit einer Münze öffnen konnte, taten wir das auch) und als wir zum Ausgang kamen, hatte unsere Trainerin den Typen an der Kasse wohl schon so klein gefaltet, dass er keinen Pieps mehr sagte, als wir, mehr als 45 Minuten zu spät, die Schranke passierten.

Und dann wieder 90 Minuten mit Bus und Bahn zurück. Insgesamt war ich über fünf Stunden für einmal Schwimmen unterwegs – so ein Wahnsinn. Aber das Training war schön – inhaltlich, meine ich.

Einmal Spiegel, einmal Flucht

18 Kommentare2.349 Aufrufe

Endlich sind die neuen Trainingsklamotten fertig! Wir bestellen über einen Sponsor aus Sachsen, der individuell schneidert – und der schickt dann große Pakete an den Vereinssitz. Ich durfte gestern dort vorbei fahren und die beiden großen Kartons abholen. Ein netter Herr mit Sackkarre hat mir die Kartons ins Auto geladen, ich musste nicht mal aus dem Auto aussteigen, sondern nur anrufen, dass ich vor der Tür stehe. Supi.

Als ich mein Auto wieder von Gelände zirkel (die Einfahrt ist sehr eng, das ist immer Millimeterarbeit), höre ich plötzlich ein metallisches Klacken, schaue instinktiv nach rechts und sehe den Flügel des Eisentors, der sich im Wind gelöst hat, auf meine Beifahrerseite zukommen. Oh nein. Schnell beschleunigen hätte mir vermutlich die komplette Seite zerschrammt, also tat ich instinktiv das Richtige: Bremsen. Millisekunden später: Rumms. Der Torflügel knallte mit vollem Schwung gegen mein Auto. Glück im Unglück: Er traf den rechten Außenspiegel, der weitestgehend in sich zusammenfiel. Ein Typ kam angelaufen, hielt das Tor fest, hakte es wieder ein. Ich fuhr mein Auto aus der Gefahrenzone. Nun musste ich doch noch aussteigen. In der Tat: Zu einer Berührung mit dem Lack ist es nicht gekommen. Es war „nur“ der Spiegel.

Ich ließ mir den Namen des Typen geben, der das beobachtet hatte, und rollte in die Geschäftsstelle. Die dortige Mitarbeiterin verstand mich nicht (oder wollte mich nicht verstehen), meinte: „Wenn Sie gegen das Tor fahren, was haben wir damit zu tun? Ist es verbogen?“ – „Naja, ich habe gestanden, als das Tor sich bewegte und außerdem bin ich für den Verein unterwegs.“ – „Ja, aber Sie dürfen doch im Torbereich gar nicht stehen.“ – „Ich möchte, dass Sie das aufnehmen und Ihrer Versicherung melden.“ – „Ich kann das nicht aufnehmen, ich wüsste nicht mal, wie das geht. Fahren Sie mal nach Hause und wenn Sie dann immernoch der Meinung sind, uns trifft ein Verschulden, können Sie uns das ja schriftlich einreichen.“

Im selben Moment öffnete sich schräg hinter mir eine Glastür. Ein Herr vom Vorstand, wie immer mit Anzug, Krawatte, polierten Schuhen und irgendeiner Mappe in der Hand, wie immer in Eile. Wollte in Richtung Treppenhaus, sah mich, machte einen Abstecher in meine Richtung, streckte mir die Hand hin und sagte: „Hallo Jule, was macht der Triathlon? Geht es Ihnen gut? Ich bin gerade ein bißchen in Eile.“ – „Danke, von dem Schreck auf dem Parkplatz eben abgesehen, geht es mir gut. Ihnen auch?“ – „Mir geht es gut, danke. Was für ein Schreck?“ – „Euer Parkplatztor ist gegen mein Auto geweht. Ich hab hier gerade zwei Kartons für unser Team abgeholt.“ – „Scheiße.“ – Er wendete sich zu der Mitarbeiterin hinter dem Tresen und sagte: „Rufen Sie mal Frau … an, die soll mal eben mit runter gehen und Fotos machen und dann gleich die Meldung für die Versicherung schreiben. Ja? Jule, das tut mir leid, aber das wird sich alles regeln. Die Kollegin meldet das unserer Versicherung. Ich bin sehr in Eile, schönen Tag noch.“ – „Danke.“

Wie das plötzlich alles funktioniert, wenn man nur den richtigen fragt… Da wurde brav eine Versicherungsanzeige aufgenommen, Fotos gemacht, und am Ende stellte sich noch raus, dass der Zeuge für den Verein den Rasen mäht. Ich bekam eine Kopie der Meldung und fuhr mit einem kaputten Außenspiegel zum nächsten Termin. Stellte mein Auto an der Willy-Brandt-Straße in einer Parkbucht ab und kletterte, um nicht im fließenden Verkehr zu landen, quer durch mein Auto und stieg durch die Schiebetür auf der Beifahrerseite aus.

Vier Stunden später kam ich wieder zu meinem Parkplatz. Dachte ich. Oder? Hier müsste doch mein Auto stehen. Wo ist es geblieben? Ich überlegte hin und her, ob ich es wirklich dort abgestellt hatte. Hatte ich einen Filmriss? Bin ich bescheuert? Falsche Straßenecke? Ich fuhr ein Stückchen weiter, aber je weiter ich fuhr, um so sicherer war ich mir, dass ich genau dort geparkt hatte, wo jetzt ein Golf stand. Okay, das auch noch: Abgeschleppt. Vermutlich konnte wieder irgendeiner meinen Ausweis nicht entdecken in der großen Windschutzscheibe oder kannte die Regel nicht, dass man mit dem Behindertenausweis am Parkscheinautomaten keinen Parkschein lösen muss.

Okay, zwei Kilometer an der frischen Luft zum nächsten Polizeikommissariat sollten mir gut tun. „Was, wenn mein Auto geklaut wurde?“, fragte ich mich. Und schob den Gedanken schnell wieder zur Seite. Vor der Polizeiwache waren rund 10 Stufen, aber es kam jemand raus und öffnete ein Rolltor, durch das ich in das Gebäude kam. Ich musste mich einen Moment gedulden, dann kam ich dran. Ich bemühte mich, cool zu bleiben. „Ich suche mein Auto. Dort, wo ich es abgestellt hatte, ist es nicht mehr.“ – „Wo haben Sie es denn abgestellt?“ – „Willy-Brandt-Straße, Höhe Gröninger.“ – „Wohnen Sie dort?“ – „Nein.“ – „Dann hätten Sie doch nicht extra hierher kommen müssen. Nächstes Mal rufen Sie an, dann schicken wir einen Streifenwagen.“ – „Ist schon okay so, bißchen Bewegung schadet nicht.“ – „Ich sehe hier: Ihr Fahrzeug wurde abgeschleppt. Das hat den fließenden Verkehr behindert.“ – „Bitte was?“ – „Haben Sie vielleicht die Handbremse nicht angezogen?“ – „Das ist ein Automatikfahrzeug und man bekommt den Zündschlüssel nur raus, wenn man auf ‚P‘ stellt. Also ausgeschlossen.“ – „Ich frage bei den Kollegen mal nach, die das veranlasst haben. Kleinen Moment.“

Der Typ verschwand, einen Moment später kam ein anderer Typ aus einer Tür. „Sind Sie die Halterin von dem Viano?“ – Ich nickte. – „Ja, Ihr Fahrzeug mussten wir abschleppen. Können Sie mir kurz sagen, wann Sie das Fahrzeug dort abgestellt haben und wie?“ – „Naja, wann, vor etwa vier Stunden und wie … auf dem Parkplatz halt. Ganz normal.“ – „Das Fahrzeug stand nicht auf der Fahrbahn, oder?“ – „Natürlich nicht.“ – „Sicher?“ – „Sicher. Ich bin über die Beifahrerseite ausgestiegen und habe extra dicht am Bordstein geparkt, damit das mit dem Rollstuhl klappt ohne dass ich mich auf die Nase lege.“ – „Hatte ihr Fahrzeug irgendwelche Schäden, als Sie das abgestellt haben?“ – „Nö. Keine. Doch, der Außenspiegel rechts ist kaputt.“ – „Rechts oder links?“ – „Rechts. Wieso?“ – „Also auf der Beifahrerseite oder auf der Fahrerseite?“ – „Beifahrerseite. Da ist vorhin ein Tor gegen geweht. Das ist auch aufgenommen worden von demjenigen, der vermutlich dafür aufkommen muss.“

„Also. Bei anderen würde ich sagen: ‚Setzen Sie sich erstmal hin.‘ Aber Sie sitzen ja schon. Wir haben Ihr Auto sichergestellt, genauso wie den Opel Omega davor. So wie es aussieht, ist ein größeres Fahrzeug, vermutlich ein Lkw, gegen Ihr Auto gefahren und hat es erheblich beschädigt und auf das davor stehende Fahrzeug aufgeschoben. Das ist die schlechte Nachricht. Und die noch schlechtere: Der Verursacher ist flüchtig. Vielleicht war es ein großes oder schweres Fahrzeug mit Anhänger und der Fahrer hat es nicht mitbekommen, vielleicht liegt auch eine Flucht vor.“ – „Na super. Was heißt ‚erheblich beschädigt‘?“ – „Nun, ich bin kein Gutachter, aber ich würde mal tippen: Totalschaden. Haben Sie eine Vollkasko?“ – „Der Schaden ist weniger das Problem als die Tatsache, dass das das zweite Auto innerhalb eines Jahres ist, das mir einer komplett zerlegt und dass ich ohne Auto kaum mobil bin.“

Ich musste mit in einen Nebenraum, dann sollte meine Aussage aufgenommen werden. Während wir schrieben, wann und wo ich wie das Auto abgestellt hatte, kam der Typ plötzlich rein, mit dem ich als erstes gesprochen habe. „Kommst du mal?“, fragte er den Kollegen. Als dieser wieder reinkam, meinte er: „Es gibt doch noch eine gute Nachricht. Die Kollegen haben Videobänder gesichert, auf denen der Crash zu sehen ist. Ob das Kennzeichen zu erkennen ist, weiß ich nicht, aber das Fahrzeug gehört wohl zu einer Spedition. Das nimmt jetzt alles seinen Lauf und es gibt gute Chancen, den Fahrer zu ermitteln. Sie sollten sich auf jeden Fall einen Anwalt nehmen.“

„Was unternehmen Sie denn jetzt?“ – „Man wird jetzt erstmal grob die Videobänder sichten und so genannte Prints erstellen und dann die Spedition aufsuchen und dort nach dem Fahrzeug Ausschau halten.“ – „Wann passiert das?“ – „Na ich schätze mal, die Kollegen werden da schon vor Ort sein. Der Schaden ist ja schon erheblich.“

Genau. Erheblich. Meine persönlichen Sachen durfte ich noch nicht bekommen, aber mich rief heute, also am Tag danach, ein Gutachter an, der etwas über den Behindertenumbau wissen wollte. „Haben Sie davon noch Rechnungen?“, fragte er mich. Auf meine Nachfrage meinte er, dass er sich vor Ende seiner Arbeit nicht zur Sache äußert, aber nach dem ersten Anschein ist es ein Totalschaden, da die gesamte Karrosserie sich verzogen und in sich verdreht hat.

Als ich heute beim Verkehrsunfalldienst anrief, wo der Fall inzwischen liegt, meinte der Sachbearbeiter, dass man auf jeden Fall das Unfallfahrzeug ermittelt und sichergestellt hätte, so dass es auch einen Haftpflichtigen gibt. Der Fahrer, der laut Fahrtenbuch gefahren sein soll, behauptet zwar im Moment, er sei gar nicht gefahren, aber es ist natürlich fraglich, ob ihm das weiterhilft. Ein Kollege von Frank hat heute von mir die Unterschrift bekommen, um mich zu vertreten.

Kleine Anfrage

5 Kommentare1.959 Aufrufe

Schon mehrmals habe ich über befreundete Rollifahrer aus meinem Verein geschrieben, die in ein Miezhaus eingezogen sind, das laut örtlicher Tageszeitung nicht so barrierefrei ist wie man es eigentlich erwarten könnte. Zuletzt habe ich mich vor knapp zwei Wochen gefragt, was für ein Experte bei der Bauabnahme übersehen haben soll, dass sich Rollstuhlfahrer in dem barrierefreien Bau gar nicht bewegen können.

Demnächst beschäftigt sich der Hamburger Senat mit diesem Haus, beziehungsweise wegen des Hauses mit dem Arbeitgeber des Experten. Der wahlkreismäßig gewählte Abgeordnete der Hamburger Bürgerschaft stellte, ebenfalls vor zwei Wochen, eine schriftliche so genannte Kleine Anfrage an den Senat. Man darf gespannt sein, was dabei herauskommt.

Nur die Ohren

5 Kommentare2.068 Aufrufe

Da stehen eine 15jährige Freundin von mir und ich am Bahnhof und warten auf den Zug. Um nicht so auszukühlen, haben wir uns in einen beheizten Bereich gestellt, direkt neben einen Supermarkt. Die Freundin kenne ich vom Sport, sie wollte sich heute mit mir treffen und ich habe den Eltern versprochen, sie zur Bahn zu bringen. Wir unterhalten uns und albern herum, als plötzlich eine Frau direkt auf uns zugestiefelt kommt und fragt: „Na, sucht ihr eure Eltern?“

Bitte?! Sehe ich aus wie 12? Ich sagte: „Nein.“

Damit hatten wir den Anstoß für eine Unterhaltung gegeben. Es kam die nächste Frage: „Ganz schön kalt hier, oder?“ – „Geht so, wir haben uns extra hierhin gestellt, da ist es warm.“ – „Müsst ihr schon immer in dem Rollstuhl sitzen?“ – „Nein.“ – „Achso, hattet ihr einen Unfall?“ – „Ich hatte einen Unfall und sie kann laufen, aber nicht so lange.“ – „Achso. Und mit dem Sex klappt alles?“ – Meiner Freundin, sie möge mir entschuldigen, wenn ich sie als Landei bezeichne, fielen fast die Augen aus dem Kopf. Was sollte ich jetzt mit ihr diskutieren, ob ich darüber reden möchte, ich sagte einfach: „Alles in bester Ordnung.“

Sie sprach meine Freundin an: „Bei dir auch?“ – „Jaja. Alles gut.“ – „Och, das freut mich. Im Rollstuhl sitzen ist ja eine Sache, aber wenn man wenigstens nochmal richtig fi**en kann, das verschafft schon ein Stückchen Lebensqualität. Wobei Männer ja mehr leiden als Frauen, wenn sie nicht können. Aber…“

Ich fuhr ihr in die Parade: „Wir wollen das mal nicht weiter ausweiten, das Thema, ja?“ – „Ach, das muss dir nicht unangenehm sein, das macht doch jeder. Ist etwas ganz menschliches. Hast du einen Freund?“

Also doch diskutieren. Ich antwortete: „Geht Sie das was an?“ – „Also keinen. Und du? Hast du einen Freund? Oder vielleicht eine Freundin? Gibt es ja auch, eine Freundin von mir ist auch Lesbe. Das ist heute etwas ganz natürliches.“ – „Ist gut jetzt. Ich möchte mich mit Ihnen nicht mehr unterhalten. Lassen Sie mich bitte in Ruhe.“

Sie starrte mich 10 Sekunden lang mit einem Psychoblick an, dann ging sie weiter und nuschelte sich irgendwas in den nicht vorhandenen Bart. Als sie dreißig Meter weg war, guckte ich meine Freundin an. „Na du Lesbe?“, nahm ich sie hoch. Sie antwortete: „Hat die einen Schatten?“ – „Irgendwelche Pillen nicht genommen.“ – Meine Freundin lachte. Die Frau drehte sich um, musterte uns, kam zurück in unsere Richtung. Ich sagte zu meiner Freundin: „Komm, nichts wie weg.“

Wir suchten das Weite. Zum Glück tauchte die Frau nicht wieder auf. Ich setzte meine Freundin in den richtigen Zug (eigentlich hätte sie das auch alleine gekonnt, aber ich hatte es den Eltern ja versprochen) und fuhr wieder nach Hause. Während ich im Bus saß, musste ich an den Kinofilm von gestern denken, bei dem ein hoch gelähmter Mann als einzig erogene Zone seine Ohren hatte. So ein Halsquerschnitt ist schon Asche, vor allem, wenn der Betroffene auch noch Phantomschmerzen hat. Also Schmerzen spürt in Gliedmaßen oder Körperbereichen, die er eigentlich nicht spürt. So etwas habe ich zum Glück nicht.

Aber sich bei einem hoch gelähmten Körper nur auf die Ohren zu beschränken … ich weiß nicht. Genauso, wie man vom Ansehen eines Pornos heiß werden kann, kann man auch davon heiß werden, wenn man sich in einem Bereich streichelt, den man eigentlich gar nicht mehr merkt. Oder dort eben gestreichelt wird. Ich hatte kürzlich die Diskussion mit einer anderen querschnittgelähmten Sportlerin darüber, ob einem der Teil des Körpers „gehört“, den man nicht fühlt, den man nicht kontrollieren kann, der zum Teil ein Eigenleben führt (Muskelkontraktionen etc.) und ob es ein Missbrauch dieses Körperteils ist, wenn man sich selbst zum Beispiel mit Fingern oder gar einem Gegenstand streichelt oder sich gar penetriert, um auf indirektem Weg sexuelle Lust zu verspüren – statt es auf direktem Weg in einem Bereich zu machen, über den man noch Empfinden hat (Brüste etc. – oder eben die Ohren). Eine interessante Frage, wie ich finde.

Kaum war ich zu Hause, springt mir ein aktueller und recht guter Artikel in der Süddeutschen Zeitung entgegen, über das Tabu „Sex“ bei Körperbehinderung. Da fällt mir ein, dass ich mich lange schon mit Lotte nicht mehr getroffen habe. Das gilt es, bald nachzuholen.