Ziemlich beste Freunde

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„Am liebsten den um 20.20 Uhr.“ – „Nein, der ist ausverkauft. Für 23.10 Uhr hätten wir noch Karten.“ – „Okay, dann gehen wir vorher noch was essen. Wir sind 16 Rollstuhlfahrer und eine Begleitperson, also 17 Leute insgesamt. Gibt es da schon Gruppenrabatt?“ – „17 Rollstuhlfahrer? Unmöglich. Wir haben nur zwei Rollstuhlplätze.“ – „Wie jetzt? Kommen Sie schon, wir wollen den sehen. Wir setzen uns auf die normalen Sitzplätze um.“ – „Sie brauchen doch die Rollstühle im Evakuierungsfall.“ – „Wir krabbeln raus, wenn es brennt.“

Eine Kollegin blickt ihr von hinten über die Schulter. „Das ist Saal 1, der hat acht Rollstuhlplätze. Das sind aber trotzdem nicht genug. Wieviele sind Sie?“ – „16 Rollis, ein Fußgänger. Und wir wollen alle zusammen sitzen.“ – „Puh. Aber Sie können sich alle umsetzen, ja?“ – „Klar. Wir haben ja auch eine Fußgängerin, die kann uns helfen.“ – „Dann buche doch die beiden Reihen vor den Rolliplätzen komplett für die Gruppe und dann müssen die Rollstühle so an die Seiten geschoben werden, dass die Notausgänge frei bleiben. Das passt schon, die sind ja alle schmal und klein.“

„Dann reserviere ich Ihnen jetzt diese Reihen hier“, sie zeigte auf ihren Bildschirm, „komplett für Sie alleine und bekomme 128 €. Zahlen Sie bar oder mit Karte?“ – „Mit Karte.“ – Der Drucker spuckte 17 Eintrittskarten aus. Bingo.

Um 20.30 Uhr trafen wir uns mit allen Leuten, mit dabei auch Simone, Yvonne, Cathleen, Sofie, Nadine, Kristina, Merle, Sarah und Jana, bei einem Italiener im Stadtteil St. Georg. Maria war auch dabei und ließ sich von Nadine schieben – das nächste, was Maria braucht, ist ein elektrischer Rollstuhl, damit sie unabhängig mobil ist. Sobald die andere Arie mit dem Zimmer geklärt ist, nehmen wir das in Angriff.

Sofie und ich fragten, ob er Platz für 16 Rollstuhlfahrer hätte, was er aber sofort verneinte. Also fuhren wir weiter zu einem leckeren Hamburger Burgerladen, wo sofort jemand die Stühle von vier Tischen wegräumte und meinte, wir sollten uns einfach schon an die Tische setzen und von dort bestellen, obwohl es eigentlich ein SB-Restaurant ist. „Ich bringe Ihnen das an den Tisch.“

Maria saß zwischen mir und Sofie und wurde von uns abwechselnd gefüttert, das klappte problemlos. Ihre Cola trank sie mit einem Stohhalm. Maria war die Attraktion unter den anderen Gästen: 16 Rollstuhlfahrer auf einem Haufen ist ja sowieso schon ein seltener Anblick, aber dann wird eine auch noch gefüttert… Ein Mann starrte uns bestimmt 10 Sekunden lang mit offenem Mund an. Irgendwann hielt ihm Sofie auf eine Entfernung von geschätzten acht Metern eine Gabel mit drei aufgespießten Pommes am ausgestreckten Arm entgegen und sagte: „Wollen Sie auch was?“ – In dem Moment drehte er sich um und merkte, dass die Kassiererin schon seit einer halben Minute auf ihn wartete und ihn bereits mehrmals angesprochen hatte, was er denn wünschte, denn er wäre dran.

Vor dem Kino wird gebaut, ein Wirrwarr aus Baustellenzäunen und Absperrungen galt es zu umfahren, natürlich war überall Kopfsteinpflaster oder nicht geräumter Schnee. Um 22.30 Uhr kamen wir aber dennoch im Kino an. Einige wollten sich beim Popcorn anstellen, andere mussten noch auf die Toilette. Unter anderem Maria, und das war ohne Pflegerin gar nicht so einfach. Nadine konnte sie wegen ihrer eigenen Behinderung nicht hochheben. Also hatten die beiden, die am stabilsten im Stuhl sitzen, das Los gezogen: Sofie und ich. Wie es am Ende funktionierte, führe ich lieber nicht weiter aus. Ich sag nur so viel: Es hat funktioniert und zum Glück hat es keiner gesehen.

Der Film, „ziemlich beste Freunde“, war genial. Ich habe lange nicht so einen tollen Film gesehen. Zeitweise ist er sehr rührend, zeitweise bedient er diejenigen Klischees, über die man als Rollifahrer bestens lachen kann, überwiegend ist er aber so lustig, dass man minutenlang aus dem Lachen nicht mehr rauskommt. Wir haben fast unter den Stühlen gelegen. Einfach irre und unbedingt sehenswert. Wir hatten Tränen in den Augen und wussten am Ende nicht mehr, ob sie vom Lachen oder vom Weinen kamen. Keine Action, keine Schrecksekunden, nicht unter der Gürtellinie … absolut nach meinem Geschmack.

Alle 17 fanden den Film toll. Und nicht nur wir: Der Saal war bis auf den letzten der 961 Plätze ausverkauft. Am Ende klatschten alle – und es war keine Premiere.

Der krönende Abschluss kam von Maria: „Bei unserer Klo-Aktion dachte ich schon, ekliger kann der Abend nicht mehr werden. Und dann kam die Szene in dem Film, wo es darum ging, wer dem Hauptdarsteller den Enddarm leert.“ – Wie war das mit der digitalen Ausräumung? Hier wird die Wurst noch mit der Hand gemacht! In diesem Sinne: Guten Appetit!

Besuch im Morgengrauen

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Das war wieder eine Woche … es wird nicht langweilig. Am Dienstagnachmittag fand, nachdem der Termin mehrfach verschoben worden war, die nächste Verhandlungsrunde mit Marias Trägern statt. Das erste Gespräch war ja abgebrochen worden, weil eine Sozialarbeiterin als einzige Bedenken dagegen hatte, dass Maria bei uns im Wohnprojekt lebt. Nach einem Telefonat mit ihrem Chef tauschte dieser die Sozialarbeiterin für die nächste Verhandlungsrunde gegen eine Kollegin aus.

Aber so etwas lässt man sich natürlich nicht einfach so gefallen – entsprechend bekamen wir am Dienstagmittag, vier Stunden vor dem Termin, einen Anruf, dass Maria und ich (als ihre Vertrauensperson) bitte zu Hause bleiben mögen. Es werde erstmal in ihrer Abwesenheit weiter verhandelt. Hallo? Da stellt jemand einen Antrag, da findet ein Termin statt, bei der die Hilfe für die Antragstellerin koordiniert werden soll, und dann soll die Antragstellerin nicht dabei sein? Das war gleich sehr befremdlich.

Frank und Sofie fuhren also zu dem Termin, um nicht gleich schon formale Gründe zu liefern, um das Gespräch platzen zu lassen. Frank erzählte dann hinterher, dass der Termin nach 20 Minuten beendet war: Die neue Sozialarbeiterin sei von ihrer Kollegin umfassend ins Bild gesetzt worden, sie habe wenig Verständnis dafür, wenn man meine, mit persönlichen Beschwerden auf sachliche Entscheidungen Einfluss nehmen zu können und von ihrer Dienststelle gebe es keine Empfehlung für Marias Antrag.

Frank hat dann wohl nach einer sachlichen Begründung gefragt, schließlich gebe es ja gutachterliche Empfehlungen. Die Sozialarbeiterin antwortete, dass sie nicht bereit sei, ihre Entscheidung zu diskutieren. Warum man sich dann treffe, schließlich könne man solche Entscheidungen ja auch allen Beteiligten per Mail mitteilen, und vielleicht auch schon vorab, damit sich jeder darauf vorbereiten könne, fragte Frank. Außerdem müsse sie ihre Entscheidung schon begründen. Eine schriftliche Begründung solle folgen, versprach die Sozialarbeiterin. Auf die sind wir nun alle gespannt.

Am Mittwochmorgen standen, es war noch dunkel draußen, unangekündigt fünf Leute mit Rollkoffern und Klemmmappen vor der Tür und wollten sich unser Wohnprojekt ansehen. Ich rief Frank auf dem Handy an, er meinte, ich soll die Leute mal 10 Minuten zum Kaffeetrinken in die Küche setzen, er sei sofort da. Das machten sie auch, meinten aber zu mir gleich, wir müssten keine Angst haben. Zehn Minuten später kam Frank mit heißen Reifen um die Ecke gedüst. „Danke, dass Sie gewartet haben.“

Die ganze Horde wollte zu Maria. Frank und ich begleiteten sie zu ihrer Zimmertür. Als nach drei Mal klopfen niemand öffnete, machte Frank die Tür mit einem Generalschlüssel auf, schaute vorsichtig um die Ecke und rief hinein: „Hallo, jemand zu Hause?“ – Im Zimmer ging die Tür zum Bad auf und die Pflegekraft rief: „Wir duschen gerade, was gibt es denn?“ – „Kannst du mal kommen?“ – „Geht nicht, ich muss Maria festhalten, sonst fällt sie mir vom Sitz. Brennt das Haus oder kannst du 5 Minuten warten?“ – „Komm mal bitte zur Tür, so bald wie möglich. Es ist dringend.“

Nach 5 Minuten kam die Pflegekraft zur Tür. Nasse Schuhe, eine Haarsträhne klebte auf der schwitzigen Stirn, sie sah die Horde auf dem Flur und fragte: „Was ist denn hier los?“ – „Kontrollbesuch vom Amt. Dürfen wir mal reinkommen?“ – „Maria ist nackt und friert. Sie müssten sich wohl noch mal fünf Minuten gedulden. Ich möchte ihr wenigstens eine Hose und einen Pullover anziehen.“ – „Na klar. Wir wollen nur kurz um die Ecke gucken. Haare föhnen können Sie hinterher, dauert nur zwei Minuten.“

Die Leute tauschten mehrere ratlose Blicke aus. Nach zwei Minuten durften wir hinein. Maria hatte ein weißes T-Shirt an, das am Rücken durch die Haare nass wurde, eine schwarze Leggings und sonst nix – kein BH, keine Socken. Sie war ziemlich überrascht. Die Leute stellten sich ihr alle mit Namen vor und gaben ihr die Hand. Zwei Frauen, die dabei waren, waren Altenpflegerin bzw. Krankenschwester. „Wir wollen mal schauen, wo sie wohnen“, sagte einer, guckte aus dem Fenster und sagte: „Schönen Ausblick haben Sie hier!“

Eine Frau fing an zu schreiben und mit einer Digitalkamera Fotos zu machen. Als erstes vom Bett. „Haben Sie heute nacht in diesem Bett geschlafen?“ – Maria nickte. Die Frau legte das Klemmbrett und die Kamera weg, steckte eine Hand unter das Kopfkissen, zog sie wieder raus, nickte einer Kollegin zu, die danach auch dorthin ging und auch eine Hand unter das Kopfkissen steckte. Sie fragte: „Wo sind ihre Schlafsachen? Nachthemd? Pyjama?“ – Maria antwortete: „In der Wäsche. Im Bad.“ – „Die müssten jetzt ja obenauf liegen. Können wir einmal kurz schauen?“

Die beiden Frauen stiefelten ins Bad, schauten in Marias Wäschetonne. Dann wollten sie den Namen der anwesenden Pflegekraft wissen. „Haben Sie einen Ausweis dabei?“ – „In meiner Jacke im Schrank“, antwortete sie. – „Ja, wir müssen sowieso nachher in Ihr Büro.“ – Dann wollten sie wissen, wie Maria sich fühlt. Sie sei aufgeregt und verunsichert, weil sie nicht wisse, was das soll und wie es mit ihr weiterginge. Die Männer wurden nach draußen geschickt, die zwei Frauen, die auch schon unter das Kopfkissen gefasst haben, baten Maria: „Wir würden uns gerne einmal ihre Hüftknochen, ihren Po und ihre Beine ansehen. Haben Sie etwas dagegen?“

Maria schüttelte den Kopf. Ihre Pflegerin nahm sie auf den Arm, legte sie auf das Bett, drehte sie auf den Bauch, zog ihr die Hose runter. „Babypopo“, sagte die eine Frau. „Bitte einmal umdrehen.“ – Die Pflegerin drehte Maria auf dem Bett, zog das T-Shirt bis zur Brust hoch. „Aber keine Fotos“, sagte Maria. Die eine Frau fasste ihr an die Schulter. „Nein, da müssen Sie keine Angst haben, wir wollen nur schauen, ob Sie Druckstellen haben oder offene Wunden.“ – „Hab ich nicht“, antwortete Maria. – „Nein. Es ist alles vorbildlich. So schöne Haut wünschen sich viele Leute, die nicht gepflegt werden müssen. Sie können sich wieder anziehen. Von unserer Seite war es das auch, wir verschwinden wieder. Und sobald Sie hier fertig sind“, sagte sie zur Pflegerin, „kommen Sie nochmal zu uns. Wir müssen noch Ihre Personalien aufnehmen.“

Ich begleitete die beiden Frauen in Franks Büro. Dort wälzten die anderen drei Leute schon Unterlagen, einer stand mit einer geöffneten Akte in der Hand vor dem Fenster und hatte ein Handy am Ohr. Die beiden Frauen fragten: „Handelt es sich bei der Pflegerin, die wir gerade kennen gelernt haben, um eine examinierte Kraft?“ – Frank nickte. Kurze Zeit später kam sie auch zu uns. „Mein Examenszeugnis ist in meiner Personalakte. Ich bin damit einverstanden, dass Sie sich das ansehen.“

Dann telefonierten sie wieder, gaben den Namen durch. Am Ende wurde Frank gefragt: „Seit wann rechnen Sie eigentlich für Maria die Kosten ab und wann haben Sie zuletzt abgerechnet?“ – „Noch gar nicht“, antwortete Frank. – „Haben Sie einen Vorschuss vom Sozialamt erhalten?“ – „Bewilligt ja, aber wir haben den noch nicht abgerufen. Wir finanzieren das zur Zeit noch aus Eigenmitteln, da ein endgültiger Bescheid aus unserer Sicht in greifbarer Nähe ist. Dann kann man das einmal glatt ziehen und muss nicht mehrmals hin- und herrechnen bzw. zurückerstatten oder nachberechnen.“ – „Sie haben noch gar nichts abgerechnet?“ – „Nein! Uns reichte bisher die vorläufige Kostenzusage. Einen Vorschuss haben wir nicht abgerufen.“

Der Typ telefonierte noch einmal und gab irgendwelche Nummern durch, wollte wissen, ob dazu Zahlungen geflossen sind. Als er auflegte, sagte er zu einem Kollegen: „Ich werd bekloppt.“ – Ein anderer Kollege schüttelte den Kopf und schaute aus dem Fenster. Frank fragte: „Ist etwas nicht richtig?“ – „Vermutlich ist alles richtig. Das ist ja das Problem. Beziehungsweise ist es kein Problem.“ – Ein anderer Kollege sagte: „Doch, das ist ein Problem, wenn man nämlich bedenkt, wieviel Zeit wir hier vergeuden für nichts und wieder nichts.“ – „Ich verstehe nur Bahnhof“, sagte Frank.

„Lassen Sie sich anwaltlich vertreten und protestieren Sie gegen diese Überprüfung. Dann hat Ihr Anwalt ein Recht auf Akteneinsicht. Lassen Sie Ihren Anwalt schauen, warum wir gekommen sind.“ – „Hat sich jemand beschwert?“ – „Es steht mir nicht zu, darüber zu reden. Lassen Sie sich anwaltlich vertreten.“ – „Ich bin Rechtsanwalt. Haben Sie die Akte dabei?“ – „Nur eine Handakte. Auf die haben Sie keinen Anspruch. Alles andere entscheidet mein Chef.“ – „Hat sich jemand aus dem Haus beschwert? Wenn jemand unglücklich ist, möchten wir darauf sofort reagieren und nicht erst in zwei Wochen, wenn die Akte da ist.“ – „Bei wem haben wir denn kontrolliert?“ – „Bei Maria. Und die war sehr überrascht. Und hat gesagt, sie sei glücklich. Achso. Ich verstehe.“ – Der Mann nickte. „Ich kann nur wiederholen: Protestieren Sie gegen diese Überprüfung. In Ihrer Wohnform sind unangekündigte Überprüfungen nur bei bestimmten Anlässen erlaubt. Da Ihnen kein Anlass bekannt ist, protestieren Sie erstmal und bitten um Akteneinsicht, weil Sie ein Recht haben, zu überprüfen, ob hier Behördenwillkür vorliegt.“ – „Danke“, sagte Frank. – „Bitte. Sie dürfen auch gerne erwähnen, dass ich Ihnen dazu geraten habe.“

Dienstag läuft die vorläufige Bewilligung für Maria ab. Dann sitzt sie theoretisch auf der Straße. Bis Dienstag gibt es keinen neuen Termin mehr. Unglaublich, mit welcher Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird, dass sich schon irgendwer um sie kümmern wird. Achso, bevor jemand fragt: Wir setzen sie natürlich nicht auf die Straße.

Ganz viel heiße Luft

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Heute saß ich im Bus, zusammen mit Cathleen, als eine Frau, schätzungsweise Mitte 40, den roten Knopf drückte, den man drückt, wenn man an der nächsten Station aussteigen will. Als Quittung leuchtet meistens irgendwo „Wagen hält“ auf.

Der Bus hält an der nächsten Station, die Frau geht nach draußen, dreht sich um, lässt einen Fuß in der Tür stehen, wartet drei Sekunden, kommt wieder rein. Cathleen und ich schauen uns fragend an. Vermutlich hat sie zu früh gedrückt, möchte erst an der nächsten oder übernächsten Station raus.

Tatsächlich, zwei Stationen später drückt sie erneut. Der Bus hält an, sie steigt aus, lässt einen Fuß in der Tür stehen, steigt nach drei Sekunden wieder ein. Dasselbe Spiel passiert noch zwei weitere Male. Dann sagt ein Mann: „Ey, was soll der Scheiß, hast du Langeweile oder was?“ – Antwortet die Frau: „Ich muss die Luft loswerden, die mir mein Arzt heute bei der Untersuchung in den Bauch gepumpt hat. Und das mache ich lieber draußen.“

Wollten wir das jetzt alles wissen?! Diese Information ist fast genauso überflüssig wie eine Vorschrift, auf die ich neulich hingewiesen wurde. Dabei ging es auch um das Fahren mit einem Linienbus, allerdings sah ich ihn am Horizont auftauchen und wollte noch schnell die Bushaltestelle erreichen. Mit dem Alltagsrollstuhl erreiche ich natürlich nicht dieselben Geschwindigkeiten wie mit meinem Sport- bzw. Rennrollstuhl, aber rund 12 km/h sind schon drin, ohne dass ich mich anstrengen muss.

„Is verboten“, wollte mir ein Polizist, genauer gesagt ein Bürgernaher Kontaktbeamter, erklären, der an der Haltestelle auch bereits auf den Bus wartete. Ich runzelte die Stirn. „Was ist verboten?“ fragte ich ihn. Seine Antwort: „Mit dem Rollstuhl so schnell zu fahren!“ – Ich dachte erst, es wäre ein Spaß, lächelte und antwortete: „Sie meinen, hier ist eine 30-Zone?“ – „Nee, hier ist ein Gehweg.“

An seiner Miene konnte ich erkennen, dass er es bierernst meinte. „Okay“, nickte ich.

„Ich verwarne Sie jetzt mündlich gebührenfrei, sollte ich Sie aber nochmal dabei erwischen, werde ich gegen Sie eine Ordnungswidrigkeitenanzeige fertigen.“

„Das habe ich verstanden“, sagte ich. Was sollte ich dazu auch anderes erwidern? In der Tat sagt die Straßenverkehrsordnung aus, dass mit Rollstühlen überall dort gefahren werden darf, wo Fußgänger gehen dürfen, allerdings nur mit Schrittgeschwindigkeit.

Tja. Dann muss ich jetzt aufpassen, wenn ich mal wieder schnell noch einen Bus erreichen will. Vielleicht wäre es eine Alternative, aufzustehen und den Rolli schnell zu schieben? Das wäre, glaube ich, erlaubt. Obwohl… nee, dafür bin ich zu behindert.

Nachtrag vom 22.01.12, 17:20 Uhr: Es kommt ja nicht oft vor, aber hier muss es sein – ein Nachtrag. Und zwar zu der Sache mit der Schrittgeschwindigkeit: Es scheint tatsächlich mehrere Gesetzesversionen zu geben. Ich hatte, bevor ich den Beitrag verfasst habe, im Netz nachgeschlagen, was genau in der Straßenverkehrsordnung steht, und habe dabei auf den ersten Link geklickt, den die meistbenutzte Suchmaschine mir angezeigt hat. Der führte mich zu der Webseite „Verkehrsportal“ und dort steht in der Tat folgendes:

(1) Schiebe- und Greifreifenrollstühle […] sind nicht Fahrzeuge im Sinne dieser Verordnung. Für den Verkehr mit diesen Fortbewegungsmitteln gelten die Vorschriften für den Fußgängerverkehr entsprechend.

(2) Mit Krankenfahrstühlen oder mit anderen in Absatz 1 genannten Rollstühlen darf dort, wo Fußgängerverkehr zulässig ist, gefahren werden, jedoch nur mit Schrittgeschwindigkeit.

Daraus ergibt sich, dass mit Schiebe- und Greifreifenrollstühlen nur mit Schrittgeschwindigkeit gefahren werden darf. Also nicht langsamer, aber vor allem auch nicht schneller.

Frank schaute, mit meiner Geschichte von der Warnung und diesem Beitrag konfrontiert, selbst auch in die StVO, und zwar in eine von einem renommierten Fachverlag herausgegebene Gesetzessammlung. Dort stand der Text genauso wie unter der Webseite „Verkehrsportal“. Möglich, dass auch bei der Polizei die falsche Version vorliegt, möglicherweise sogar von dem selben Fachverlag, von dem auch Frank den Schinken bezogen hatte. Sehr wahrscheinlich, dass auch das „Verkehrsportal“ seine Veröffentlichung von dort bezogen hatte.

Auf der Webseite des Bundesjustizministeriums ist allerdings die wohl maßgebliche, letztlich auch viel sinnvollere Version abgedruckt. Danach darf man mit meinem Rolli rasen, aber mit anderen Rollis (Elektrorollstühle etc.) eben nicht. Wortlaut:

(2) Mit Krankenfahrstühlen oder mit anderen als in Absatz 1 genannten Rollstühlen darf dort, wo Fußgängerverkehr zulässig ist, gefahren werden, jedoch nur mit Schrittgeschwindigkeit.

Vielen Dank an den anonymen Leser für diesen Hinweis. Sollte ich also demnächst beim Rasen (mähen) erwischt werden, habe ich die beste Ausrede, die es überhaupt nur geben kann: „Herr Wachtmeister, Ihr Gesetzbuch ist kaputt.“

Expertenmeinung

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Im August hatte ich es am Rande in meinem Beitrag „Behinderte Schweine“ erwähnt: Vier Leute aus meinem Sportverein sind in ein barrierefreies Wohnhaus nach Bergedorf gezogen. Im Gegensatz zu unserem Wohnprojekt, zu dem auch das Angebot von Pflege und Assistenz gehört, handelt es sich dort um ein Mehrgenerationenhaus mit Einzelangeboten für ältere Menschen (Kartenspielen, Hausnotruf). Es sind dort auch keine Wohngruppen, sondern einzelne Wohnungen. Allerdings: Gemeinschaftsräume gibt es dort auch. Vielleicht hatte man etwas nettes im Sinn, als man das Haus baute, vielleicht wollte man auch nur eine Marktlücke schließen. Ich weiß es nicht.

Jedenfalls gibt es dort seit dem Einzug vor einem halben Jahr durchweg Ärger, weil Brandschutzauflagen nicht beachtet sein sollen, ein Brandschaden am Gebäude (bei dem Feuer wären fast einige Leute draufgegangen) seit einem halben Jahr nicht behoben wurde, diverse Baumängel noch offen sind … ob so etwas passieren kann und sollte, lasse ich mal dahingestellt. Ich finde nicht. Was mich aber mal wieder maßlos aufregt und was mich vermuten lässt, es ging eher um die Marktlücke als um ein ernsthaftes Projekt, ist ein Artikel in der örtlichen Presse, auf den ich heute über einen Link aufmerksam wurde. In dem Artikel steht mit Bezug auf eine Prüfung durch die Behörden wörtlich: „Weshalb dem Experten nicht auffiel, dass sich Rollstuhlfahrer in dem angeblich barrierefreien Bau nicht bewegen können, da es im gesamten Gebäude nur eine automatisch öffnende Tür gibt, konnte [die Sprecherin] nicht beantworten.“

Unglaublich. Und nun? Ganz einfach: „Wegen der Genehmigung des Gebäudes im sogenannten vereinfachten Prüfverfahren habe man nur begrenzte Handlungsmöglichkeiten. Der Vermieter sei verantwortlich.“ – Und: „Aufseiten der Vermieter ist man sich indessen keiner Schuld bewusst: [Das] Architekturbüro und die bauausführende Firma haben nach den geltenden baurechtlichen Bestimmungen gebaut.“

Das alles gewinnt deshalb an Brisanz, weil sich die ganzen Rollstuhlfahrer auf den Experten verlassen mussten. Grund: Es war nicht möglich, das Gebäude vor Unterzeichnung des Mietvertrages zu besichtigen. In Hamburg herrscht eine solche Knappheit bei barrierefreiem Wohnraum, dass alle Wohnungen schon Monate vor Fertigstellung komplett vermietet waren. Wer wieder ausziehen will, muss mit einer Wartezeit von mehreren Jahren rechnen. Der reinste Wahnsinn.