Wintertraining

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Am letzten Wochenende haben wir zum ersten Mal in diesem Jahr und zum ersten Mal nach mehreren Wochen wieder draußen trainiert. Die Tage werden wieder länger und ich freue mich schon wahnsinnig auf den nächsten Sommer, obwohl wir noch nicht mal einen richtigen Winter hatten. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich muss ihn auch nicht haben. Mit dem Rollstuhl in den Schnee zu fahren ist ungefähr dasselbe wie mit dem Fahrrad über den Strand zu radeln.

Dennoch ist es nachts saukalt und beinahe wäre das Training noch abgesagt worden, weil es in der Nacht davor extrem neblig direkt an der Elbe war. In dieser Nacht jedoch nicht, es war ein sternenklarer Himmel und herrliche Luft. Das Thermometer zeigte minus 4 Grad und man musste sich davor hüten, länger als zwei Minuten irgendwo stehen zu bleiben.

Aber wenn man sich warm einpackt (wir haben ja extra solche Thermo-Einteiler bekommen für den Winter, die sind richtig gut), und zwischendurch immer wieder warmen Tee trinkt, kühlt man auch nicht aus. Lediglich im Gesicht war es zeitweise sehr unangenehm.

Nach dem Training ist Lisa noch mit zu uns gekommen, wir haben lange ausgeschlafen, mit mehreren Leuten zusammen gefrühstückt – endlich mal wieder ein Wochenende ohne Chaos, ohne Notfälle. Warum kann das nicht öfter so sein?

So funktioniert es

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Von Marias Antrag gibt es noch nichts neues, das war ja aber auch nicht zu erwarten. In der Zwischenzeit habe ich ungewöhnlich viele Mails bekommen, von Leserinnen und Lesern, die wissen wollten, wie genau denn dieses Wohnprojekt funktioniert und wie genau man sich das vorstellen muss, dass die Bewohner selbst ihre Assistenz und Pflege koordinieren. Weil es so viele waren, glaube ich, dass es noch mindestens genauso viele Leser gibt, die es auch interessiert, die aber nicht fragen – und entsprechend erkläre ich es noch einmal genauer.

In den meisten Pflegeheimen für Menschen mit Behinderung ist es so organisiert, dass in drei Schichten mehr oder weniger ausreichend Personal für alle anfallenden Arbeiten bereit steht und nach einem festen Plan arbeitet. Beispielsweise beginnt der Dienst damit, alle Bewohner zu wecken, aus dem Bett zu holen, zu duschen, anzuziehen und in den Rollstuhl zu setzen. Einige können nicht aus dem Bett, andere können einiges noch alleine, im Idealfall wird jeder bestmöglich gefördert und das Personal hat Spaß bei der Arbeit und genug Zeit, um mit den Leuten zu reden oder auf bestimmte Wünsche einzugehen (heute möchte ich gerne einen Zopf). Anschließend wird ein gemeinsames Frühstück vorbereitet, dabei wirbelt ein Putztrupp durch die Flure und Zimmer, einige Bewohner brauchen Hilfe beim Essen, andere müssen gefüttert werden. Danach gibt es einzelne Arzt- oder Therapietermine, zu denen die Leute begleitet werden müssen … und so weiter. Ich weiß, es gibt Ausnahmen, aber in aller Regel ist es so, dass sich die Bewohner nach dem Pflegepersonal oder den Arbeitsabläufen richten. Ausschlafen ist oft genauso unpassend wie ein Vollbad nehmen wollen.

In unserem Wohnprojekt läuft es genau anders herum. Aus Interessenten, Trägern und Förderern wurde ein Verein gegründet, der einerseits mehrere Etagen eines Hauses angemietet und dort barrierefreie Apartments mit Gemeinschaftsräumen eingerichtet hat, andererseits verschiedene Kräfte eingestellt hat, um den Pflege- und Assistenzbedarf der Bewohner zu decken. Bei den Kräften handelt es sich um Fachkräfte, die einen festen Vertrag haben, aber auch um verschiedene Minijobber (teilweise auch Schüler oder Rentner). Zu ihren Aufgaben gehören nicht nur Pflegeleistungen (die dürfen nur von Fachkräften geleistet werden).

Die Koordinierung läuft über eine internetgestützte Anwendung, bei der jeder Bewohner über PC oder Smartphone selbständig seinen Hilfebedarf anmeldet. Das Ding schreibt daraufhin die Einsätzpläne der Assistenz- und Pflegekräfte, dokumentiert die Einsätze und rechnet ab. Ich finde es total cool.

Ein Beispiel: Ich benötige keine tägliche Pflege oder Assistenz. Angenommen, ich möchte demnächst drei Kisten Wasser einkaufen und bekomme sie nicht aus der Tiefgarage in mein Zimmer, dann habe ich zwei Möglichkeiten:

1. Bis vier Tage vor dem Termin kann ich einen Auftrag einstellen und darauf warten, ob ihn jemand annimmt und zu welchen Konditionen. Bei drei Kisten muss ich damit rechnen, dass jemand 10 Minuten beschäftigt ist. Für eine einfache Hilfeleistung werden bei uns 8,90 € brutto pro Stunde gezahlt. Kistenschleppen ist aber keine einfache Hilfeleistung mehr, sondern körperlich anspruchsvoller und gibt deshalb 10,90 € pro Stunde brutto. 15 Minuten ist die kleinste Einheit, das bedeutet, ich muss mindestens 2,80 € (3,60 € mit Arbeitgeberkosten und auf 10 Cent aufgerundet) für diesen Auftrag zahlen. Bei allen Leuten, die einen Vertrag haben, wird also angezeigt, dass dieser Auftrag für mindestens 2,80 € vergeben wird. Wer den für 2,80 € anbietet, hat ihn sofort und verbindlich. Wenn er aber clever ist, bietet er ihn erstmal für 5,00 € an und wartet ab, was passiert. Entweder bietet der nächste mit 4,90 € weiter oder er bleibt am Ende als einziger mit 5,00 € stehen und ich bin bereit, ihm 5,00 € zu zahlen. (Für mehr als 250% des Mindestbetrags, also 6,80 €, darf er allerdings auch nicht anfragen.)

2. Bietet ihn keiner für 2,80 € an und bin ich nicht bereit, mehr dafür zu zahlen, ist der Auftrag drei Tage vor Ablauf noch unvergeben. Dann kann ich den verpflichtend vergeben, und zwar für 4,80 € fix (175% der Mindestsumme, plus Arbeitgeberkosten, also rund 6,50 €). Bei einem fix vergebenen Auftrag darf ich allerdings den Zeitpunkt und die Person bestimmen. Das heißt, ich trage einem zu dem Zeitpunkt laut Dienstplan anwesenden Mitarbeiter den Auftrag verbindlich für 4,80 € in den Dienstplan ein. Damit weiß ich drei Tage vorher verbindlich, dass mir in drei Tagen um 15.15 Uhr Herr XY drei Wasserkisten aus dem Auto ins Zimmer trägt.

3. Wenn ich dann um 15.15 Uhr nicht da bin (oder die Wasserkisten nicht), habe ich Pech gehabt. Taucht hingegen der Mitarbeiter nicht auf, bekomme ich nicht nur die 4,80 € (bzw. 6,50 €) wieder erstattet, sondern zusätzlich noch 2,00 € (75%) Entschädigung gutgeschrieben.

4. Möchte der Mitarbeiter oder ein anderer Bewohner den eingetragenen Termin veschieben (aus welchen Gründen auch immer), kann er mir das vorschlagen. Stimme ich zu, zahle ich ebenfalls nur noch 2,80 € (bzw. 3,60 €). Stimme ich nicht zu oder melde mich nicht, bleibt es beim vereinbarten Termin.

Diese ausgehandelten Aufträge sind nur bei Assistenzleistungen möglich. Bei Pflegeleistungen gilt immer ein fester Stundensatz.

Zweites Beispiel: Angenommen, ich bin in der Stadt und habe einen Magen-Darm-Infekt, habe die Hose gestrichen voll, mir ist speiübel, ich möchte nur noch nach Hause, duschen, Klamotten in die Wäsche, ab ins Bett, Spuckeimer, Zwieback.

1. Ich müsste jetzt von unterwegs buchen: Transfer in die Dusche, vollständig entkleiden, vollständige Übernahme Ganzkörperwäsche, abtrocknen, … dafür gibt es aber ganze Pakete, die das alles umfassen und die ich mit ein oder zwei Klicks anwählen kann. Dann rechnet mir die App aus, das mich das für eine Pflegekraft, die 45 Minuten braucht, genau 12,27 € kosten wird, was mir aber in dem Moment sprichwörtlich scheißegal ist. Ich buche das bei dem Mitarbeiter in den Dienstplan und wenn ich zu Hause ankomme, hat er hoffentlich schon seine Handschuhe an.

2. Auch hier gilt: Buche ich den ab 15.15 Uhr und bin ich erst um 15.30 Uhr da, muss ich eine Viertelstunde nachbuchen (und hoffen, dass die noch frei ist und ich nicht noch andere für das Verschieben bezahlen muss).

3. Sollte gerade kein Mitarbeiter frei sein, kann ich für (hier) 2,50 € pro Viertelstunde versuchen, andere Termine nach hinten zu verschieben. Derjenige, der eigentlich den Mitarbeiter belegt, bekommt dann eine Anfrage, ob der Termin verschoben werden kann. Ich kann nicht sehen, wer das ist, er auch nicht, aber ich kann eine kurze Message übermitteln. Bei demjenigen wird dann angefragt: „Kannst du bitte nach hinten verschieben? Hab Magen-Darm, muss duschen und ins Bett.“ In so einem Fall würde ich dann -als die andere, die die Nachricht liest- meine Wasserkisten-Operation verschieben, bekomme 2,00 € erstattet – dafür zahlt der andere halt 2,50 € pro verschobener Viertelstunde mehr.

Das klingt alles sehr kompliziert, ist es am Anfang auch, man fuchst sich da aber schnell rein und das meiste erledigt dieses Programm von alleine. Am Ende des Monats bekommt man einen Kontoauszug, auf dem alle in Anspruch genommenen Dienste abgerechnet sind und wo dann auch zu erkennen ist, ob man mehr oder weniger verbraucht hat als der Kostenträger zur Verfügung stellt. Je nach dem bleibt ein Guthaben oder ein Minus. Im bestimmten Umfang wird das einer Rücklage zugeführt oder aus einer solchen beglichen. Reicht das überhaupt nicht oder ist ständig zu viel übrig, wird die Finanzierung überprüft.

Die beiden Zwillinge, die sehr viel Assistenz und Pflege abrufen, planen ihren Bedarf oft schon Wochen im Voraus anhand von Stundenplänen etc. Dadurch führen die ein sehr strukturiertes Leben, wenn man sie fragt, wo sie heute in drei Wochen um halb neun sind, gucken die in ihre App und sagen: Unter der Dusche.

Bei drei Kisten Wasser ist so eine vorzeitige Auftragsvergabe für 2 € Ersparnis albern. Bei den Zwillingen ist es aber so, dass die pro Tag jeweils vier bis sieben Stunden Programm einstellen, auf rund 24 Stunden verteilt (um 1 Uhr nachts bitte einmal im Bett umdrehen – sonst liegen sie sich wund, um 4 Uhr bitte erneut etc.). Die stellen teilweise jetzt schon für April die Aufträge ein und vergeben die ganzen Assistenzleistungen damit fast ausschließlich zum günstigsten Tarif. Andersrum können aber jetzt schon Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten im April frei planen und anhand des angebotenen Preises selbst bestimmen, ob sie am Freitag schon um 19.00 Uhr Feierabend machen oder vielleicht von 7.00 bis 13.00 Uhr oder von 19.00 Uhr bis 23.00 Uhr arbeiten wollen, oder ob sie am nächsten Tag nach dem Kinobesuch auf dem Nachhauseweg zwischen 1.00 Uhr und 1.15 Uhr nochmal reinschneien, die Zwillinge im Bett umdrehen und dafür ein paar Euro plus Nachtzuschlag kassieren.

Letztlich kann sich jeder entscheiden, ob er lieber mehrere Stunden am Stück oder zu bestimmten Zeiten oder mehrmals wenige Stunden (oder wie auch immer) arbeitet. Die hauptamtlichen Kräfte müssen auf eine vereinbarte Stundenzahl kommen und natürlich haben die Mitarbeiter nur so lange freie Hand, wie alles läuft. Komischerweise läuft aber alles. Wenn man von zwei Mitarbeitern absieht, die das Prinzip nicht verstehen wollten und in der Probezeit wieder gegangen wurden. Insgesamt haben wir zur Zeit sechs Leute hauptamtlich beschäftigt, die jüngste ist 23 und die älteste wird in diesem Jahr 50, und alle scheinen sich hier wohl zu fühlen. Dazu kommen noch vier Minijobber, die ihre Arbeitzeit aber nach den Aufträgen einrichten. Wenn Maria bei uns bleibt, werden wir wohl noch mindestens zwei weitere Kräfte einstellen müssen.

Eine Stunde von einer Pflegekraft betreut zu werden, kostet bei uns derzeit zwischen 14,00 € und 19,70 €. Der Mitarbeiter bekommt davon zwischen 7,90 € und 10,40 € netto ausgezahlt, der Rest sind Sozialabgaben und Steuern. Die Höhe des Stundenlohns richtet sich nach der Qualifikation und dem Alter des Arbeitnehmers, eine examinierte Kraft bekommt bei uns derzeit mindestens 13,15 € brutto. Eine Pflegestunde wird aber anhand der eingestellten Mitarbeiter jeden Monat wieder neu berechnet und gerundet und wird mir als Bewohner immer in derselben Höhe in Rechnung gestellt, unabhängig davon, welche (Fach-) Kraft ich buche. Derzeit kostet sie mich immer 16,36 € (brutto, einschließlich Arbeitgeberkosten).

Eine Stunde Assistenzleistungen kosten bei uns derzeit zwischen 11,50 € und 31,20 € (brutto mit Arbeitgeberkosten). Je nach Vertrag (meistens Minijobs) und Verhandlungsgeschick bekommt derjenige zwischen 6,80 € und 20,60 € netto ausgezahlt. Damit wird auch der Irrsinn im deutschen Pflegesystem deutlich: Für eine Stunde auf das Volksfest begleiten kann man theoretisch doppelt so viel verdienen wie für eine Stunde knüppelharte Pflegearbeit. Aber darüber denken wir dann lieber nicht nach.

Behörden und Vorschriften

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Auf meinen Beitrag „Acht zu Eins“ gab es einen Kommentar mit einem Link auf eine Berliner Tageszeitung, dass in Berlin in so genannten „Pflege-WGs“ häufig katastrophale Zustände herrschten, sich diese Organisationen, die überwiegend ältere und demente Leute betreuen, im rechtsfreien Raum befänden und dringender Handlungsbedarf bestünde. Ich kann dazu nur wenig sagen, weil ich nicht weiß, was in Berlin oder in solchen Pflege-WGs so abgeht. Ich kann mir aber inzwischen einiges vorstellen.

In dem Artikel hatten Politiker gefordert, solche Wohngemeinschaften regelmäßig kontrollieren zu dürfen. Ich habe auch dazu keine besonders gereifte Meinung, weil ich mich damit noch nie wirklich auseinandersetzen musste. Ich kann dazu aber sagen: Solche pauschalen Kontrollen, nur weil man Pflege oder Assistenz bekommt, würde ich hier nicht haben wollen. Viele Pflegefehler sieht man erst, wenn der Betroffene sich nackt auszieht (Stichwort: Druckgeschwüre durch Lagerungsfehler). Gegen meinen Willen soll mich mal einer anpacken und mir die Hose runterziehen… ich glaube, da müsste man mich schon vorher sedieren und fixieren. Hinterher steht dann in einer öffentlichen Akte: „Durch Inaugenscheinnahme wurde überzeugend festgestellt, dass der in der Unterhose eingenähte Name mit dem der Bewohnerin und die außen angebrachte Beschriftung (Montag) mit dem Wochentag übereinstimmte.“ – Oder so ähnlich.

In Hamburg gibt es bereits ein solches Gesetz, das so genannte Wohn- und Betreuungsqualitätsgesetz, das für Wohngruppen gilt, sobald mindestens drei Bewohner mehrmals täglich (interne oder externe) Pflege- oder Assistenzleistungen in Anspruch nehmen und diesen Bedarf auch durchschnittlich mindestens einmal nachts haben.

Die Vorschriften für diese Wohngruppen beinhalten im wesentlichen eine Meldeauflage: Es muss der Sozialbehörde mitgeteilt werden, wer mit wem wo eine WG gründet, Personen welcher Zielgruppe aufgenommen werden und welche Klauseln im Mietvertrag sind (Musterexemplar). Alles weitere liegt im Ermessen der Behörde.

Das Gesetz ist aber sehr schwammig: Leben, wie in unserem Fall, 21 Leute auf drei Etagen verteilt, ist es von verschiedenen Faktoren abhängig, ob es sich um eine oder um drei WGs handelt. Wenn auf jeder Etage dieselben Gemeinschaftsräume sind, sind es drei WGs. Gäbe es nur eine Küche oder nur einen Gruppenraum für alle drei Etagen, wäre es eine WG.

Und nun kommts: Im Zweifel zählt die Gemeinschafts-Waschmaschine. Gibt es auf jeder Etage eine, sind es drei WGs. Gibt es nur eine im Keller, ist es eine WG. Aber: Gibt es nur eine im Keller und in jedem Bewohnerzimmer / Apartment gibt es einen Anschluss (im Bad etc.), ist die Keller-Waschmaschine ein zusätzlicher Service und wird überhaupt nicht berücksichtigt. Gibt es keine Anschlüsse in den Zimmern und keine Waschmaschine im Keller, wird beurteilt, wie die Wäsche gewaschen wird. Gibt es einen Wäsche-Dienst und werden alle Kosten umgelegt, ist es eine WG. Es sei denn, die Kosten werden pro Etage umgelegt und die Wäsche auch pro Etage gesammelt… Das kann man jetzt noch endlos fortführen. Was wäre, wenn einer seine Klamotten ins Wasch-Center bringt? Wohnt der dann nicht in der WG, obwohl er in der WG wohnt?!

Ob es sich um eine oder um drei WGs handelt, könnte wichtig sein, denn wir haben drei Leute, die regelmäßig auch nachts Assistenz abrufen. Die beiden Zwillinge und nun auch Maria. Wobei die beiden Zwillinge körperlich bei weitem nicht so eingeschränkt sind wie Maria.

Ab drei Pflegebedürftige, die mehrmals tagsüber Assistenz und Pflege brauchen und auch durchschnittlich mindestens einmal pro Nacht, handelt es sich um eine WG, die unter das Gesetz fällt. Wohnen in dieser WG nun noch mehr als zehn Personen, handelt es sich nicht mehr um eine WG, sondern um eine Wohneinrichtung.

Dabei ist es aber völlig Banane, ob die übrigen Personen Pflege und Assistenz brauchen oder nicht. Leben in einer WG drei Pflegebedürftige und 7 Fußgänger, ist es eine WG, leben in einer WG drei Pflegebedürftige und 8 oder 18 Fußgänger, ist es eine Wohneinrichtung.

Eine Wohneinrichtung muss aber (im Gegensatz zur WG) weitere Auflagen erfüllen:
– Zuverlässigkeit des Betreibers
– Vorlage einer Einrichtungskonzeption
– Vorhalten von ausreichend persönlich und fachlich geeigneten Beschäftigten
– Stellung einer Ausstattung, die sich an privatem Wohnraum orientiert
– Personenzentrierte Betreuung
– Sicherstellung der Kontinuität in der Betreuung
– Förderung von Bezugsbetreuung (feste Bezugspersonen)
– Angebot von Maßnahmen zur Gewohnheits- und Bedürfnisbefriedigung
– Angebot von Maßnahmen zur Gesundheitsförderung
– Angebot von Maßnahmen zur Teilhabe an der Gesellschaft
— Kursangebot
— Aufklärung über Stadtteilangebote
— Wahrnehmung auswärtiger Termine
— Angehörigenkontakte sicherstellen
— Hilfsmittel vorhalten
– Einrichtung eines Wohnbeirats zur Mitbestimmung
— bei Mietrecht und Hausordnung
— bei der Unfallverhütung
— bei Pflegeverträgen
— bei Veranstaltungen
— bei Alltagsplanung
— bei der Nutzung der Gemeinschaftsräume
– Personal- und Qualitätsmanagement
— Personalstruktur
— Beschwerdemanagement
— Dienst- und Fallbesprechungen
— Standardisierung von Verfahren
— Qualitätssicherung
– Maßnahmen zum Infektionsschutz
– Maßnahmen zur Arzeinmittelkontrolle
– Sicherstellung der ärztlichen und therapeutischen Versorgung
– Umfangreiche Dokumentation

Im Grunde soll das Gesetzt wohl nichts anderes erreichen, als dass man sich nicht vor den Pflichten, die ein Betreiber eines Pflegeheims hat, damit drücken kann, dass man die Gruppierungen nicht als „Stationen“ sondern als „WGs“ bezeichnet und nicht für die Bewohner organisiert, sondern im Namen der Bewohner organisiert. Da es ja scheinbar immer wieder skrupellose Geschäftemacher gibt, sind solche Vorschriften wohl nötig.

Aber: In unserem Fall ist das alles etwas anders. Dass hier verschieden stark (oder gar nicht) eingeschränkte Menschen zusammen leben und tatsächlich in Eigenregie ihren Pflegedienst und ihre Hilfen disponieren, ist ein Sonderfall, auf den das Gesetz nicht explizit, aber immerhin am Rande vorbereitet ist. Unsere WG gilt als Erprobung einer neuen Wohnform und hat eine Ausnahmegenehmigung bekommen. Daher ist es völlig Banane, ob es sich um eine oder um drei WGs handelt: Die Behörde kann hier jederzeit kommen und schauen, ob alle glücklich sind. Sie hat bereits mehrmals geschaut und höflich gefragt, ob sie sich einmal die Zimmer anschauen kann und ob es allen gut geht.

Und dann finde ich es wieder in Ordnung: Wenn die Behörde turnusmäßig diejenigen Menschen besucht, die wegen schwerer Pflegebedürftigkeit, Demenz oder sonstwas nicht mehr in der Lage wären, die Behörde anzurufen und sich zu beschweren, dann ist das mehr als in Ordnung. Sie braucht ja nur einmal nach dem Rechten sehen. Es muss aber gestattet bleiben, den Prüfer nicht ins Zimmer zu lassen, wenn man ihn nicht in seiner „Wohnung“ haben möchte. Eine Begründung wie: „Du bist behindert, also gilt das Recht der Unverletzlichkeit der Wohnung für dich nicht“ darf es nicht geben.

Bei uns ist es insofern entspannt, als dass der Verein, der Wohnraum angemietet, umgebaut und an uns weitervermietet hat, keine Gewinne einfährt. Der muss nur kostendeckend arbeiten. Wir organisieren den ganzen Kram selbst. Es hat keiner was davon, abzuzocken. Das Geld würde ihm sowieso nicht gehören. Der Verein hat zwar nach Bedarf Personal angestellt, aber ich könnte als Pflegebedürftige jederzeit selbst jemanden beauftragen. Vom Ambulanten Pflegedienst gegenüber. Oder aus dem Nachbarort. Oder sonstwas. Ich bin nicht an unseren Verein gebunden. Ich wäre aber doof, wenn ich das tun würde, denn die Konditionen, die der Verein anbietet, könnte ich draußen nie erreichen. Es gibt also derzeit niemanden, der hier einzieht, um ein Apartment zum Selbstkostenpreis zu bekommen und einen Zugriff auf günstige und organisierte Pflege, und dann sich jemanden von draußen holt. Wer hier einzieht, leckt sich ja gerade die Finger nach diesem System. Weil das andere (außerhalb) meistens nicht kostendeckend arbeitet.

Und für jemanden, der halbtags arbeitet und netto 900 Euro ausgezahlt bekommt, ist es wichtig, ob er mit seinem Pflegegeld von der Krankenkasse auskommt oder ob er drauflegen muss. Oder ob er eben gerade mit dem draußen vorherrschenden Systemen unzufrieden ist, weil „draußen“ etliche Leute überfordert und unterbezahlt sind. Oder ob jemand, wie ich, einfach gerne mit den Leuten zusammen ist und deswegen hier wohnt. Die Pflege und Assistenz steht bei vielen Leuten hier nicht im Vordergrund – und genau darum geht es uns.

Kleiner Fortschritt

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Die letzten beiden Wochen hat täglich kein anderes Thema auf der Tagesordnung gestanden als: Wie geht es mit Maria weiter? Unglaublich. Es ist so verdammt schwierig, nachhaltige Entscheidungen zu treffen, wenn sich einzelne Beteiligte (in diesem Fall das Sozialamt) nicht eindeutig positionieren. Es gibt nach wie vor keine über den 31.01. hinausgehende Zusage. Und es wird auch in der nächsten Woche nichts entschieden werden. Maria muss darauf vertrauen, dass es am 01.02. schon „irgendwie weitergeht“.

Am Dienstag hat eine Spedition ihr altes Zimmer geräumt und sämtliche privaten Sachen erstmal hierher gebracht. Das ist dem nächsten Problem geschuldet: Sie möchte auf keinen Fall in ihrer bisherigen Einrichtung bleiben. Das kann sie nur dann glaubhaft darstellen, wenn sie einen anlassbezogenen Schlussstrich zieht und sofort auszieht. Sie musste diesen Schlussstrich ziehen, bevor überhaupt geklärt ist, wie es weitergeht. Das wäre schon für jemanden, der nicht auf Pflege und Assistenz angewiesen ist, ein enormer psychischer Druck.

Eins ist aber in den letzten zwei Wochen deutlich geworden: Obwohl sie körperlich so eingeschränkt ist, dass sie sich nicht mal aus eigener Kraft am Kopf kratzen kann, ist ihr Verstand bestechend scharf. So scharf, dass es keine Zweifel gibt, dass sie hier wohnen könnte, dass sie es packt, dass man sie alleine lassen kann, auch über einen langen Zeitraum von mehreren Tagen, dass sie alles organisiert, was sie braucht, und zwar selbständig. Alleine zurecht zu kommen, auch mit Assistenz und Pflegedienst, ist absolute Bedingung. Wir haben uns dafür entschieden, dass Maria dauerhaft hier wohnen kann. Was sie in Tränen ausbrechen ließ. Dass sie sich hier wohlfühlt und hier wohnen möchte, braucht man, glaube ich, nicht noch einmal erwähnen.

Einen kleinen Fortschritt gibt es allerdings: Die Frau vom Sozialmedizinischen Dienst, die sich am letzten Montag so merkwürdig präsentiert hat, nimmt an der nächsten Gesprächsrunde nicht mehr teil. Frank hat sich beim zuständigen Dezernenten beschwert. Er meinte, er habe ihn angerufen und ihm angekündigt, er faxe ihm gleich ein offizielles Sitzungsprotokoll zu, aus dem sich einige Unzulänglichkeiten ergeben, auch schon ohne dass man die Verfahrensakte gelesen hat. Ob er sich das einmal reinziehen und zurückrufen könnte. Eine halbe Stunde später rief er zurück, er habe mit dem Abschnittsleiter dieser Sozialmedizinischen Mitarbeiterin gesprochen, es käme zum nächsten Termin jemand anderes. „Es kommt immer wieder vor, dass einem Mitarbeiter ein spezieller Fall mal nicht so liegt. Das kann tausend Gründe haben. Bevor wir uns jetzt stundenlang damit beschäftigen, ob es persönliche oder sachliche Gründe dafür gibt, schicken wir einfach jemand anderes und schauen, ob derjenige dieselben Bedenken hat. Wenn ja, kann man das dann immernoch genau prüfen, wenn nein, hatte der erste Mitarbeiter vielleicht nur einen schlechten Tag.“ Solange es bei einem schlechten Tag bleibt, soll es mir recht sein.