Schwarze Schafe

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Das Gutachten über Marias Pflegebedarf ist derzeit beim Gutachter. Der Gutachter begutachtet also das Gutachten und hat eine weitere Gutachterin, dieses Mal eine Sozialarbeiterin, mit der Abgabe eines (weiteren) Gutachtens beauftragt. Der Gutachter möchte also mithilfe verschiedener Gutachten zu einer Art Obergutachten kommen, in der er abschließend (?) eine eigene Empfehlung abgibt.

Die Begutachtung fand gestern statt, Maria bat mich, erneut dabei zu sein. Die Sozialarbeiterin, schätzungsweise um die 50, war nett und hat sich insgesamt über zwei Stunden lang mit Maria beschäftigt. Geschätzte 100 Fragen hat sie ihr gestellt und wollte alles ganz genau wissen. Am Ende sagte sie, dass sie noch in dieser Woche eine Empfehlung schreiben wird. Damit muss nun die Frage erlaubt sein, wieviele Empfehlungen es noch braucht, bis das Verfahren zu einem Ende kommt.

Es geht Maria gut bei uns. Sie kommt mit ihrem Leben zurecht, auch ohne dass ihr jemand den Tagesablauf strukturiert. Die Kosten, die auf ihre Assistenz und Pflege entfallen, sind angemessen und werden sinnvoll eingesetzt. Davon bin ich persönlich überzeugt.

Anders ist das zum Beispiel in anderen Einrichtungen. Ich spreche natürlich sehr viel mit meinen Freundinnen und Freunden und mit anderen Leuten aus der Szene über das, was mich bewegt und was ich hier auch aufschreibe, und habe in dem Zusammenhang einen Betreuungsvertrag zugespielt bekommen, wie er für ein so genanntes Service-Wohnen bei einem (anderen!) Hamburger Dienstleister üblich ist. Mir fielen fast die Augen aus.

Service-Wohnen ist eine Art des Betreuten Wohnens, bei dem -anders als in unserer Wohngemeinschaft- ein regelmäßiger Betreuungsservice „für den Notfall“ vorgehalten wird. Während bei uns einige Leute ohne Assistenz nicht zurecht kämen, richtet sich Servicewohnen vorwiegend an ältere Menschen, die einfach eine Sicherheit haben wollen, dass sie im Notfall sofort jemanden erreichen und dass jemand da ist, wenn sie alleine sind oder im Alltag mal einen Tipp oder einen Ratschlag brauchen.

Das soll heißen: In einem Haus sind 20 Seniorenwohnungen und unten gibt es ein Büro, in dem zweimal pro Woche für ein paar Stunden eine Sozialarbeiterin sitzt, die einem erklärt, was die Krankenkasse einem geschrieben hat, ob man den neuen Pullover mit der Hand waschen sollte, woher man seine neuen Stützstrümpfe bekommt und wo man Essen auf Rädern bestellen kann, die im Notfall den Hausarzt anruft oder einen Angehörigen, die unter das Bett krabbelt, wenn einem der Ohrring runtergefallen ist oder die einem ein Zugticket ordert, wenn man zur Golden Hochzeit seiner Schwester reisen will. Also einfach alles das, was man seinen Sohn oder seinen Enkel fragen würde, würde er denn regelmäßig zu Besuch kommen.

Pflegeleistungen oder hauswirtschaftliche Leistungen sind (bis auf dreimal pro Jahr Fenster von außen putzen) nicht enthalten. Bei Menschen über 60, die mittellos sind, zahlt das Sozialamt im Regelfall diese Grundleistungen, wenn sie beantragt werden und wenn mit einem Leistungserbringer ein Vertrag nach vorgegebenen Muster abgeschlossen wird: Für einen Zwei-Personen-Haushalt im Monat rund 67 €. Soweit, so gut.

Nein wirklich, die Idee, die dahinter steckt, finde ich gut. Im Alter jederzeit jemanden zu haben, den man ansprechen kann, wenn man eine Frage hat oder der einem hilft, wenn einen die junge, schnelle Welt überfordert, kann Gold wert sein.

Ein jüngerer Mensch mit Behinderung wird sich so einen „Grundservice“ nicht buchen. Meistens braucht er pflegerische Hilfe oder konkrete Hilfestellungen im Haushalt, dann bucht und koordiniert er die auch konkret. Oder er kann seine Hilfe nicht alleine koordinieren, dann kommt er nicht mit diesem Hintergrund-Basisangebot aus. Das heißt: Diese Angebote richten sich fast ausschließlich an ältere Menschen.

Und die kann man ja bekanntlich leichter abzocken. Mit ziemlich dreister Masche, wie ich aus dem mir zugespielten Betreuungsvertrag eines Hamburger Anbieters für Service-Wohnen ableite. Man koppelt einfach die monatlichen Beträge, die der Senior an das Unternehmen zu zahlen hat, an den jährlich neu festgelegten Maximalbetrag der Sozialhilfe und behauptet dann im Gespräch, dass es sich bei dem Betrag um den von der Behörde genehmigten oder den von der Behörde festgelegten Betrag für diese Leistungen handelt. Im Vertrag nimmt man sogar den Passus auf, der Betrag „richtet sich nach den Grundsätzen für das Betreute Wohnen der Freien und Hansestadt Hamburg, Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales, in der jeweils gültigen Fassung. Ändert sich dessen Höhe, so wird dieses dem Bewohner einen Monat im Voraus schriftlich mitgeteilt.“

Auf der anderen Seite dünnt man aber die Leistungen aus, die die Behörde als Mindestleistungen bei den von ihnen bezahlten Verträgen fordert. Das heißt: Es ist zwar der von der Behörde veröffentlichte Maximalbetrag für die Grundversorgung im Betreuten Wohnen zu zahlen, man bekommt aber nicht die Leistungen, die die Behörde dafür einfordern würde. Schließlich ist davon nie die Rede in dem Vertrag, im Gegenteil, im Anhang stellt man einfach andere Leistungen dar. Man suggeriert also einerseits, es handelt sich um eine mit den beaufsichtigenden und genehmigenden Behörden ausgehandelte Leistungsform, kann sich im Streitfall aber jederzeit darauf berufen, dass nur der Betrag an die Verträge des Sozialamtes angepasst ist. Die Leistungen ergeben sich hingegen aus einer besonderen Anlage.

Das wäre ja alles nicht so schlimm, würde man wenigstens (andere) Leistungen erhalten. Für 67,15 € pro Monat (800 € pro Jahr!) erhält man jedoch bei diesem Anbieter
– während der Sprechzeit mittwochs von 9 bis 11 Uhr:
1. Beratung in persönlichen Angelegenheiten (auch mit Angehörigen)
2. Beratung bei der Suche nach einem geeigneten Pflegeplatz
3. Hilfestellung bei Anträgen
4. Vermittlung von Hilfsdiensten und Menüdiensten
5. Vermittlung von ambulanten Diensten, Kurzzeit- und Tagespflegeeinrichtungen
6. Benachrichtung von Angehörigen und Ärzten im Krankheitsfall
7. Vermittlung von Krankentransporten
8. Kontaktvermittlung bezüglich Pflegehilfsmitteln
9. Kleinere nicht regelmäßig wiederkehrende Hilfestellungen in besonderen Fällen
10. Anregung von Kontakten der Bewohnern untereinander

Okay. Spätestens jetzt wird jeder halbwegs vernünftige Mensch den Kugelschreiber wegpacken und sagen: „Das unterschreibe ich nicht.“ – Wäre da nicht … richtig! Die Wohnungsnot. Viele alte Menschen suchen barrierefreie Wohnungen in Hamburg. Weil sie mit ihrem Rollator die Stufen nicht mehr hoch kommen oder in einem Altbau ohne Aufzug gewohnt haben. Sie bekommen (meistens nach Monaten bis Jahren Wartezeit) von der Behörde eine seniorengerechte Wohnung im Sozialen Wohnungsbau angeboten und wenn sie diese Wohnung haben wollen, sind sie verpflichtet, diesen Betreuungsvertrag abzuschließen. Sie haben keine Wahl: Der Mietvertrag ist mit diesem Betreuungsvertrag gekoppelt. Und dazu kommen in diesem konkreten Fall monatlich noch 57,85 € für ein verpflichtendes Hausnotrufsystem.

Das heißt: Monatliche Nebenkosten 125 €. Wofür? Für nix. Okay, nicht ganz, das Hausnotrufsystem macht ja durchaus noch Sinn. Wenn es in diesem Fall auch überteuert ist. Aber die Basisleistungen? Insbesondere die Punkte 6 und 7 treten jawohl nicht nur am Mittwoch zwischen 9 und 11 auf oder haben bis dahin Zeit. Der Punkt 2 kommt nur einmal kurz vor Auszug zum Tragen. Der größte Rest ist Unsinn, lediglich die Punkte 1 und 3 machen aus meiner Sicht noch einen gewissen Sinn. Aber wenn man dann 2 Stunden pro Woche für 20 Haushalte ansetzt, kann sich jeder vorstellen, wie die Beratung ausfällt.

Vielleicht muss man aber, wenn man eine Service-Wohnung (Seniorenwohnung) haben möchte, einfach so frech sein und die Kosten an das Sozialamt wegdrücken. Würde das denn zahlen… In dem konkreten Haus gibt es genügend Personen, die wegen kleiner Rente fast mittellos sind, aber das Sozialamt übernimmt aus diesen Betreuungsverträgen keinen Cent, denn: Sie umfassen ja nicht mal die Mindestleistungen. Und für einen Hausnotruf werden zudem höchstens rund 20 Euro übernommen. Kurzum: Wer eine mit öffentlichen Mitteln geförderte Seniorenwohnung anmieten will, sollte sich sehr genau über die Rahmen- und Vertragsbedingungen informieren, denn schwarze Schafe gibt es in dieser Branche definitiv!

Bevormundung

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„Noch deutlicher kann ich es nicht mehr formulieren“, schrieb ich in einem zugegebenermaßen provozierend als „Gebrauchsanleitung für Rollstuhlfahrer“ genannten Beitrag vor einigen Tagen. Nach einigen der zahlreichen Kommentare und wegen einiger unmissverständlicher Mails muss ich aber in einem Punkt noch einmal erklärend nachlegen, denn mein „Punkt 4“ war nicht so deutlich, wie ich es gehofft hätte: „Wer freundlich angebotene Hilfe freundlich ablehnt, weiß, was er tut.“

Ich habe absolut nichts dagegen, dass mir jemand Hilfe anbietet. Im Gegenteil, meistens finde ich es nett. Dass es manchmal nervt, wenn ich bei einer Stunde Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln dreißig Mal angesprochen werde, ist etwas, was ich wohl kompensieren muss. Und solange alles freundlich bleibt, ist es okay und dann bleibe ich auch freundlich. Eine ganz einfache Frage: „Kann ich Ihnen helfen?“

„Nein, vielen Dank“, wäre meine Standardantwort. Oder: „Nein danke, ich komme zurecht.“

Das war und ist nicht mein Problem. Mein Problem ist die „Bevormundung“, die ich empfinde, wenn jemand ohne zu fragen einfach hilft oder sich über meine Ablehnung hinwegsetzt und mich vielleicht dabei noch in Gefahr bringt. Ich bin mir dessen bewusst, dass viele Menschen sich nicht trauen, benötigte Hilfe zu erbitten. Aber selbst wenn das bei mir so wäre, wenn ich dann die angebotene Hilfe ablehne, dann denke ich mir doch etwas dabei. Es kann nicht sein, dass mein Wort weniger zählt als die Einschätzung meiner Mitmenschen.

Genau dasselbe passiert gerade bei Maria: Sie braucht, um innerhalb ihres Zimmer einmal von einer Ecke zur anderen zu fahren, locker zwei Minuten. Sobald der Boden uneben wird oder der Wind weht oder sonstige kleinste Hindernisse in die Quere kommen, ist sie aufgeschmissen. In ihrer früheren Einrichtung hat man sich bevormundend stets dagegen gesperrt, jetzt hat Maria einen Elektrorollstuhl für draußen bei ihrer Krankenkasse beantragt.

Ein Selbstgänger, sollte man meinen. Oder anders ausgedrückt: Die Entscheidung lässt sich in wenigen Minuten nach Aktenlage treffen. Aber nein … nach sechs Wochen Bearbeitungszeit lehnt eine große Ersatzkasse den ersten Elektrorollstuhl ihres Lebens ab. Begründung: „Nach gutachterlicher Feststellung sind Sie mit einem Aktivrollstuhl ausreichend und zweckmäßig versorgt.“

Okay, da hat jemand geschlafen. Oder war im falschen Film. Das Problem sollte sich fast am Telefon beheben lassen, sollte man meinen. Irrtum. Auf telefonische Nachfrage glaubt der Sachbearbeiter dem Gutachter mehr als Maria (oder Frank, der für sie dort angerufen hat): Wenn der Gutachter das so feststellt, seien der Kasse die Hände gebunden. Vielleicht, so der Sachbearbeiter, ließen sich mit regelmäßigem Training die so wichtigen Komponenten Kraft und Ausdauer noch erhöhen.

Ähm. Ja. Ohne Worte. Das ist schon so dumm, dazu fällt mir nichts mehr ein, was man hier ungestraft schreiben dürfte. Da Frank sie als Anwalt nicht vertreten darf, will Maria nun morgen mit dem Anwalt sprechen, der sie auch in der Sache mit ihrem Wohnplatz vertritt, und versuchen, über ihn beim zuständigen Sozialgericht einstweiligen Rechtsschutz zu beantragen.

Gebrauchsanleitung

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Ich glaube, man kann gar nicht oft genug darüber schreiben. Nein, nicht über das Wetter (wieso sind draußen 13 Grad plus um diese Zeit?!). Über was anderes:

Gebrauchsanleitung: Rollstuhlfahrer in der Öffentlichkeit

1. Wer in der Öffentlichkeit im Rollstuhl durch die Gegend fährt, fragt, wenn er Hilfe braucht.

2. Wer Hilfe braucht, aber nicht fragen kann, macht anders auf seine Hilfsbedürftigkeit aufmerksam. Derjenige kommt in aller Regel nicht an diesem Tag zum ersten Mal in diese Lage und kann sich entsprechend vorbereiten.

3. Wer Hilfe braucht und das selbst nicht weiß, verhält sich auch ansonsten erkennbar auffällig.

4. Wer freundlich angebotene Hilfe freundlich ablehnt, weiß, was er tut.

5. Wer einen Rollstuhlfahrer ungefragt oder gar gegen seinen Willen anfasst, ist ein Idiot.

Noch deutlicher kann ich es nicht mehr formulieren. Der Grund für das gefühlte 128. Aufgreifen dieses Themas? Einerseits eine Mail aus der letzte Woche, dessen Verfasser meinte, ich sei zu unnachsichtig mit meinen Mitmenschen, die nicht wüssten, wie man mit Behinderten umgehen soll. Andererseits der heutige Tag, an dem ich mich im Dreck liegend in einer U-Bahn wiederfand. Warum?

Ich stand mit Cathleen auf dem Bahnsteig, die Bahn fuhr ein, die Türen öffneten sich, einige Leute stiegen aus. Cathleen und ich rollten zu einer Tür, warteten ab, bis alle ausgestiegen waren. Ich wollte gerade einsteigen, als ich merkte, dass irgendjemand seine Finger an meiner Rückenlehne hatte. Ich drehte meinen Kopf um, direkt hinter mir stand ein älterer Herr. „Ich helfe Dir.“ – „Nein danke. Lassen Sie mich bitte los.“

Er dachte gar nicht dran. „Ich kenne mich aus. Meine Schwester saß auch im Rollstuhl. Du hast ja gar keine Schiebegriffe dran, das ist sehr gefährlich, man hat ja gar keinen richtigen Halt.“ – „Lassen Sie mich sofort los!“

Der Typ schob mich die zwei Meter vor die Tür, wollte mich umdrehen und mich wahrscheinlich rückwärts in die Bahn ziehen. Mit „lassen Sie mich sofort los“ hatte ich doch wohl klar und deutlich zum Ausdruck gebracht, dass ich seine Aktion nicht wollte. Er ignorierte das, also blieben nur noch zwei weitere Eskalationsstufen. Erstens brüllen und die Greifreifen festhalten, zweitens die Greifreifen wieder loslassen und ihm eine Ohrfeige verpassen.

„Sie sollen mich loslassen, habe ich gesagt!“ brüllte ich ihn an. Cathleen brüllte dazu: „Sag mal, hörst du schwer oder was?“ – Durch den Lärm wurden diverse andere Fahrgäste auf uns aufmerksam. Ein junger Mann sprang von seinem Sitz auf und kam zu uns. „Hallo, hallo, lassen Sie die Frau mal los hier, ja?!“ – Und dann das unglaubliche: „Mischen Sie sich da mal nicht ein, die gehört zu mir.“

Ja, der Typ sagte allen Ernstes, ich gehöre zu ihm. Ich erwiderte: „Ich kenne Sie überhaupt nicht!“ – „Ich helfe dir doch nur beim Einsteigen!“ – „Was duzen Sie mich überhaupt?“

Der Typ ließ mich los. Über Lautsprecher kam die obligatorische Aufforderung, sich doch mal ein wenig zu beeilen: „Einsteigen bitte!“ – Ich tauschte mit Cathleen einen Blick, wir waren uns ohne ein Wort einig. Wir rollten ein Stück zurück. Der Zugführer schien uns per Kamera zu beobachten. Er wiederholte: „Einsteigen bitte!“ – Wir rollten noch ein Stück weiter zurück und drehten uns mit dem Gesicht zueinander. Das war deutlich genug. „In Richtung Mümmelmannsberg: Zurückbleiben bitte.“

Die nächste Bahn würde in fünf Minuten kommen. Der Typ war im Wagen, die Türen schlossen sich. Die Bahn fuhr ab. Als die nächste Bahn einfuhr, starteten wir einen neuen Versuch. Cathleen fuhr vorweg, ich hinterher durch die geöffnete Tür. Das Einsteigen selbst dauert höchstens zwei Sekunden. Wäre da nicht … der nächste, der mich anfasst. Von hinten. Und zwar in dem Moment, wo ich leicht ankippel, um die Vorderräder über den Zwischenraum zwischen Bahnsteig und Wagen zu heben. Durch das Anschieben von hinten drückt er meinen Stuhl vorne runter, der Stuhl bleibt an der Wagenkante hängen.

Normalerweise passiert da nichts. Im schlimmsten Fall geraten die kleinen Räder des Rollstuhls quer zwischen Bahnsteigkante und Waggon, dann kippt der Stuhl halt fünf bis zehn Zentimeter vorne runter, bis entweder die Fußplatte oder irgendein Teil vom Rahmen irgendwo aufschlägt. Das ist mir zwar noch nie passiert, aber wir hatten schon mehrmals so ein Mobilitätstraining, bei dem man das bewusst ausprobieren konnte, um sich selbst die Angst vor diesem Spalt zu nehmen. Es passiert eben nichts schlimmes. Man hält sich am Stuhl fest, um beim Kippen nach vorne nicht aus dem Stuhl zu fallen, dann hält man sich mit einer Hand an der Tür oder an irgendeinem Griff fest, nimmt die zweite Hand an den Greifreifen und kippelt noch einmal neu an. Dabei zieht man die Vorderräder wieder aus dem Spalt. Oder man fragt halt einen Fußgänger, ob er mal helfen kann. Oder man lässt sich auf den Boden fallen, setzt sich hin, holt den Stuhl aus dem Spalt, zieht ihn in die Bahn und setzt sich wieder rein.

Alles kein Problem, wäre da nicht der Typ, der geschoben hat, und der auf diesen plötzlichen und abrupten Stopp nicht vorbereitet war und über mich stolpert. Sich also an meinem Oberkörper abstützt, um nicht über mich hinweg zu fallen. Und dann lag ich im Dreck. Schön auf dem pitschnassen Fußboden der Bahn. Meine Füße hatten sich zwischen Fußplatte und Rollstuhlrahmen verfangen und verdreht. Cathleen hörte nur das Gepolter, drehte sich um. „Was machst du denn?!“, fragte sie ungläubig.

Der Typ, der mich geschoben hatte und von hinten auf mich drauf gefallen war, rappelte sich auf und nahm seine Beine in die Hand. Und tschüss. Ein anderer kam angerannt und wollte meine Füße mit Gewalt aus dem Rollstuhl zerren. Bevor er mir noch die Knochen bricht, konnte ich ihn nur überdeutlich anblubbern: „Flossen weg. Ja? Immer mit der Ruhe. Nicht einfach irgendwo anfassen und rumzerren.“ Unglaublich. Ein anderer Typ zog die Notbremse. Auch das noch – der Zug wäre mit dem Stuhl in der Tür sowieso nicht losgefahren. Solange die Tür blockiert ist … der Zug fährt ja nicht mit offener Tür. Nur jetzt musste erstmal der Zugführer kommen und die Notbremse wieder freigeben.

Inzwischen krabbelte ich wieder in meinen Stuhl. Ich sah aus wie ein Erdferkel. Der Zugführer kam, ich war schon auf eine Gardinenpredigt gefasst, der war aber nett, er hatte das Spektakel wohl auf seinem Monitor beobachtet. „Haben Sie sich verletzt?“, fragte er mich. Und dann: „Hatte der Mann Sie geschubst?“ – Ich nickte. „Wohl in bester Absicht, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass da plötzlich einer schiebt.“ – „Einen Krankenwagen brauchen Sie aber nicht, oder?“ – „Um Gottes Willen.“ – Ein Typ fing an zu pöbeln: „Geht das jetzt bald mal weiter hier oder was?“ Er drehte sich zum Fenster und blubberte vor sich hin: „Nur weil die da mit ihrem Rollstuhl nicht in die Bahn kommt, verpass ich meinen Anschlussbus.“

Falsch. Nur weil Idioten mich anfassen, verpasst er seinen Anschlussbus. Aber egal. Du hast Recht und ich hab meine Ruhe. Bis … zur Rückfahrt. Wir nahmen die S-Bahn, nicht nochmal die U-Bahn. Das hatte aber andere Gründe. Jedenfalls stiegen am Mittleren Landweg vier Kontrolleure ein. „Einmal die Fahrausweise bitte“, sagte der, der bei uns eingestiegen war. Bevor ich meinen Ausweis rausholen konnte, sagte er zu Cathleen und mir: „Ihr lasst den mal stecken.“ – Na klar. Rollstuhlfahrer werden sowieso kostenlos befördert, es wäre quasi nur der Nachweis, dass wir wirklich Rollifahrer sind.

Beiläufig bekamen wir mit, wie der Kontrolleur einen Mann, der es sich mit seinem Fahrrad und einem Buch in einer Ecke gemütlich gemacht hatte, ansprach: „Ihre Karte ist nur gültig, wenn Sie Ihren Namen mit Kugelschreiber dort in dem Feld eingetragen haben. Holen Sie das bitte schnellstmöglich nach, okay?“ – Der Mann, schätzungsweise Mitte 40, wirkte eigentlich völlig harmlos. Aber: „Hören Sie auf, mich zu belehren, was glauben Sie, wer Sie sind?“ – „Ich weiß, wer ich bin. Sie müssten Ihren Namen da bitte noch nachtragen, so ist der Fahrausweis nicht gültig.“ – „Nun spinnen Sie nicht rum, geben Sie mir meine Karte wieder.“

Der Typ versuchte, dem Kontrolleur die Karte aus der Hand zu nehmen. Ich sah die beiden schon ringend auf der Erde. Aber nein, der Kontrolleur ging einen Schritt zurück. „Nun bleiben Sie mal geschmeidig. Ich kann die Karte auch einziehen.“ – „Das können Sie nicht, ich habe die bezahlt, das ist meine.“ – „Die Karte bleibt im Besitz des HVV und kann bei missbräuchlicher Benutzung eingezogen werden. Und die liegt vor, wenn Sie die Karte nicht mit ihrem Namen kennzeichnen, so dass sie von verschiedenen Leuten benutzt werden könnte.“ – „Ich weiß, dass ich da meinen Namen reinschreiben muss und die Karte nur zusammen mit meiner Kundenkarte gilt, Sie sind ein alter Besserwisser, geben Sie mir meine Karte wieder und Sie können sich schon auf eine saftige Beschwerde gefasst machen morgen. Und da werde ich auch erwähnen, dass Sie die behinderten Mädchen hier gar nicht erst kontrolliert haben. Das ist reine Schikane, was sie hier machen. Und jetzt will ich meine Karte wiederhaben.“

Er riss sie dem Kontrolleur aus der Hand. Der drehte sich um und ging zum nächsten. Ich konnte mir ein „Unglaublich“ nicht verkneifen. Allerdings so leise, dass der Typ nicht noch auf mich losging. Aber er pöbelte weiter: „Die Behinderten können schwarz fahren, aber ich werde hier angemacht, obwohl ich eine gültige Karte habe.“ – Cathleen und ich guckten aus dem Fenster. – „Ja ja, tut ruhig so als wenn ihr mich nicht hört.“

Am Hauptbahnhof trafen wir die vier Kontrolleure wieder. Sie stiegen gerade aus einem anderen Wagen derselben S-Bahn. Ich sprach den einen an: „Beschwert der sich jetzt wirklich morgen?“ – „Rechnen muss man mit allem.“ – „Wollen Sie meinen Namen haben? Falls es sein muss, schreibe ich dazu was.“ – „Schaden kann es nicht.“ – „Aber nicht, dass mein Name in die Schwarzfahrerdatei kommt“, scherzte ich.

Eine Woche Stress

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Manchmal wünsche ich mir die Zeit zurück, in der ich mittags aus der Schule kam (ja, ich gehöre noch zu der Generation, die die Zeit vor den Ganztagsschulen zu einem großen Teil miterlebt hat), meine Hausaufgaben in den langweiligen Unterricht der ersten beiden Stunden des Folgetages verschoben habe und stundenlang Zeit für mich selbst hatte. Und für meine Pferde.

Ich habe mich vor ein paar Tagen mit Jana unterhalten, vor allem über das Theater hier auf meiner Seite. Ich will den Inhalt des Gesprächs hier nicht weiter vertiefen, aber eins ist mir besonders aufgefallen. Ich habe mich, was meine Zeit vor dem Unfall betrifft, immer für ein eher liebes (im Sinne von artig) Mädchen gehalten. Das kann man absolut oder relativ sehen, ich sah es immer in Relation zu meinen Mitschülerinnen oder damaligen Freundinnen. Was für Scheiße die teilweise gebaut haben, und was für Scheiße ich nicht gebaut habe, insoweit hatten meine Eltern wirklich Glück mit mir gehabt. Aber ich war natürlich auch kein Engel: Hausaufgaben morgens abschreiben, weil man lieber reitet als Matheaufgaben rechnet, ist natürlich … nicht okay. Wobei ich finde, dass es sich eher um eine kleinere als um eine größere Sünde handelt.

Umso erstaunter war ich, als Jana mir erzählte, dass sie nie Hausaufgaben abgeschrieben hat. Oder „vergessen“ hat. Dass sie nie Dinge getan hat, die verboten waren. Nie geschwänzt. Stille Wasser sind tief. Jana ist mit mir neulich verkehrt herum durch die Einbahnstraße gefahren, weil sie keinen Bock auf einen großen Umweg hatte. Es war Nacht, das Teilstück der Einbahnstraße war rund 30 Meter lang und sie meinte, wenn man erwischt wird, koste es nur 10 Euro. Ja ja.

Egal. Damals war es noch so, dass meine größte Sorge war, meine Lehrerin oder meine Eltern könnten herausfinden, dass ich meine Hausaufgaben nicht gemacht habe. Andererseits habe ich die viele Freizeit genossen. Manchmal habe ich mich an einen See gesetzt und stundenlang auf das Wasser geschaut und geträumt. Das habe ich damals nie jemandem erzählt. War aber so. Die Ruhe, der Frieden, den ich dabei gefunden habe, hat mir sehr viel bedeutet.

Heute ist es anders. Die letzte Woche war nur stressig. Mir fehlt mein Auto. Dieses Gegurke mit öffentlichen Verkehrsmitteln macht mich wahnsinnig. Auch als ich ein Auto hatte, habe ich mich mehrmals pro Woche bewusst dafür entschieden, mit Öffis zu fahren. Aber wenn ich gar keine Alternative mehr habe und ich zum Beispiel zur Physio nicht mehr 15 Minuten sondern 90 unterwegs bin und sich diese 90 dann auch noch auf 180 ausweiten, weil irgendwelche Knalltüten mutwillig Einkaufswagen ins Gleis schieben oder Aufzüge außer Betrieb setzen oder ähnliches, dann ist das nur noch anstrengend. Ich komme nicht mehr zum Training, ohne andere Leute zu bitten, ob sie mein Bike oder meinen Rennrolli mitnehmen können. Und meistens findet sich keiner, da die alle selbst schon das Auto bis zum Rand vollgepackt haben.

Ich habe mein Auto jetzt bestellt, es soll in der letzten Maiwoche fertig sein. Plan war darüber hinaus, ein weiteres Auto für Sofie anzuschaffen. Sofie versucht nun, über eine öffentliche Stelle einen Zuschuss zum Umbau (nicht zum Fahrzeug selbst) zu bekommen. Und das zieht sich. Bevor die Behörde nicht „ja“ oder „nein“ gesagt hat, darf sie nicht bestellen, sonst verwirkt sie den Zuschuss. Ätzend.

Und Maria? Unglaublich, aber wahr: Es gibt nichts neues. Wir warten, warten, warten. Zur Zeit ist ein weiterer Gutachter eingeschaltet worden, der das Gutachten der Gutachterin gutachterlich bewerten soll. Nach Aktenlage also. Solange leisten wir vor. Maria ist totunglücklich. Muss sie aus meiner Sicht nicht sein, sie zermürbt aber die lange Verfahrensdauer und die Ungewissheit. Man kann aber nach wie vor nur abwarten.

Besser läuft es allerdings mit Ronja. Im Haus sind seit einer Woche die Handwerker dabei, ordentlich Lärm zu machen. Soll heißen: Es klappt! Seit Montag ist alles so weit eingepflanzt, dass es losgehen kann. Offizieller Starttermin ist vorläufig der 2. Mai.