Paranoide Behinderte

15 Kommentare4.024 Aufrufe

Wer glaubt, ich hätte irgendwann alles erzählt und alles erlebt, zieht den Sinn und die Zukunft meines Internetblogs, meines Online-Tagebuchs, in Zweifel. Gerade wenn ich in alten Beiträgen blättere (vorhin habe ich einen gesucht), freue ich mich plötzlich über Details, die ich zwischenzeitlich schon wieder vergessen oder gar verdrängt hatte.

Gestern wollte ich mit Marie (nicht Maria) zur Uni. Ab April beginnen regulär unsere Vorlesungen, wir sind beide schon extrem aufgeregt. Vorher ist noch etlicher Papierkram zu erledigen, für den wir auch noch persönlich in die Verwaltung eiern müssen, einiges davon hängt mit unseren Behinderungen zusammen. Aber: Wir sind zum Glück nicht die ersten Rollstuhlfahrerinnen, die in Hamburg studieren, entsprechend gut organisiert war man vor Ort. Wir trafen eine Beraterin, die uns alles mögliche zum Thema „Studieren mit Behinderung“ erzählte und anschließend mit uns zusammen zu den einzelnen Stellen ging, bei denen wir irgendwas beantragen, ausfüllen oder einreichen mussten. Durchblick hatte ich zwar ehrlich gesagt nicht, aber das wird wohl noch kommen. Sie meinte: „Im Moment werden Sie nur Bahnhof verstehen, das ist völlig normal.“

Mit Marie verstehe ich mich nach wie vor sehr gut, bevor wir los fuhren, war ich bei ihr zum Mittagessen eingeladen. Es war schon eine komische Situation, denn obwohl ich vorher schon ein paar Mal bei ihr zu Besuch war und sie auch schon bei mir, mit der Familie hatte ich sonst eher nur „beruflich“ zu tun, denn ihre Mutter ist ja meine Hausärztin. Es war aber sehr nett und nach den ersten drei aufregenden Minuten auch sehr ungezwungen, die Eltern haben mir beide sogar das „Du“ angeboten. Anschließend hat uns die Mutter zum Bahnhof gefahren.

Und einmal pro Tag muss bei mir irgendwas vorfallen, passieren oder schief laufen, sonst ist die Welt nicht in Ordnung. Manchmal, wenn ich auf meine Finger schaue, denke ich, sie sind nicht nur vom Rollifahren auf der Straße dreckig, sondern da klebt noch etwas anderes dran.

Jedenfalls sollte die S-Bahn, die wir bekommen wollten, in drei Minuten abfahren, wie eine Anzeigetafel auf einer Verteilerebene im Bahnhof anzeigte. Und zwar von Gleis 5. Wir mussten nach oben, und während wir auf den Aufzug warteten, gesellte sich ein älteres Paar zu uns, beide mit einem E-Scooter. Die Tür öffnete sich, Marie und ich rollten bis an die gegenüber liegende Wand durch und drehten uns mit dem Gesicht wieder zum Ein- und Ausstieg, dann kam die Frau dran. Sie wollte unbedingt noch mit in die Kabine, obwohl es kaum passen würde. Vermutlich wäre alles schneller gegangen, wenn wir kurz alleine hochgefahren wären.

Nein, die Frau rangierte ihren E-Scooter im Rückwärtsgang in die Lücke. Zentimeter für Zentimeter. Vor, zurück, vor, zurück, nochmal halb wieder raus, wieder zurück, noch drei Millimeter. Oben fuhr bereits die S-Bahn ein. Ich schaute Marie an, die verdrehte die Augen. Ich sagte: „Was meinste, fährt die nächste auch von Gleis 5?“ – „Ich hoffe es mal.“

Dann endlich war sie drin, drückte versehentlich nochmal auf „Tür öffnen“ statt auf „Start“, dann fiel ihr noch ein, dass sie ja noch die Handtasche brauchte, die ihr Mann draußen während ihres Rangiermanövers festgehalten hatte und dann fuhr der Aufzug endlich los. Oben fuhr die S-Bahn weg. Super, nun hatten wir alle Zeit der Welt. Bevor wir oben ankamen, pupste ich. Zwei Mal. Laut. Marie unterdrückte ein Kiechern, ich sagte: „Entschuldigung.“

Was ich nicht wusste: Die Frau war Amerikanerin und verstand kein Deutsch. Sie starrte mich entsetzt an und sagte dann: „Are you being gross?“ – „Pardon me!“ – „I hope you don’t do that to anybody else. You are disgusting.“ – Ich hatte keinen Nerv, mich auf Englisch zu erklären, dass ich das nicht kontrollieren kann und es meistens vorher noch nicht mal merke. Zugegeben, es ist schon eklig, wenn das jemand in einer geschlossenen Aufzugskabine macht. Aber die Tür ging auf und die Frau rangierte nach draußen. Wir stellten uns an das Ende des Bahnsteigs, die Frau rollte zum Anfang. Kurz danach kam ihr Mann.

Am Hauptbahnhof mussten wir umsteigen. Marie wollte noch in einen Jackenladen, als wir wieder rauskamen, kamen die beiden E-Scooter-Leute auf uns zu, der Mann hielt sein Gefährt an und stieg aus. Er konnte frei laufen, wenngleich das Gangbild etwas an das eines aufgezogenen Plastiksoldaten erinnerte. Er hatte eine weiße Schirmmütze auf dem Kopf und sein Bart erinnerte ein wenig an den des Almöhi. Er ballte eine Faust und während er auf mich zu wankte, murmelte er: „You farted right in my wife’s face! I’m unlucky on it!“

Oh nein. Ein Verrückter. Vom Gesicht kann jawohl nun wirklich keine Rede sein. „Excuse me, Sir.“ – Er kam mit bedrohlicher Miene auf mich zu. Ich sagte: „Wait, wait. Listen.“ – Er pöbelte: „That was my wife’s face.“ – „No, I farted accidently because of my …“ – Bevor ich mich versah, holte er auch schon aus und verpasste mir mit der Faust einen Schlag gegen den Hals. Einige der umstehenden Leute kreischten. „I may be right in a chair but I’ll kick your ass!“ – Er traf nicht richtig, ich nutzte die Möglichkeit, mich abzuwenden und zu fliehen. Mit großer Chance wäre ich schneller als er. Er stolperte hinter mir her, holte zum zweiten Schlag aus. Diesmal traf er mich von hinten halbherzig an der Wange, man kann schon sagen, dass es weh tat, mit dem zweiten Arm schubste er mich weg. Nun hatte ich genug Schwung, um ihm zu entkommen. Nach zwanzig Metern drehte ich mich um. Marie war in die andere Richtung geflüchtet. Ich befand mich knapp unter einer Brücke in der Mitte der Wandelhalle. Alter Schwede. Mein Herz raste. Der Typ war stehen geblieben und gestikulierte wild und pöbelte in der Gegend rum. „I punched her! I punched her! Get off right now, you nasty slapper!“

Dann trottete er in seinem humpelnden Gang zu seinem E-Scooter zurück, setzte sich rein und fuhr los. Für ihn schien die Sache nun erledigt zu sein.

Für mich auch? Ich rollte langsam zu Marie zurück. Sollte ich die Polizei rufen und ihn anzeigen? Am Ende wird der Mist ohnehin eingestellt, weil er zurück in Amiland ist und dafür sitzen wir zwei Stunden in irgendeiner Wache, während wir eigentlich einen Termin in der Uni haben. Marie sah das nach zwei Minuten genauso und entsprechend machten wir uns auf den Weg zur U-Bahn, immer Ausschau danach haltend, ob uns der Verstörte noch einmal über den Weg rollte. Als wir gerade aus dem Bahnhofsgebäude kamen, joggten uns drei Polizeibeamte entgegen. Einer hielt kurz an und damit waren uns sämtliche Entscheidungen abgenommen. „Ist jemand von Ihnen gerade angegriffen worden? Oder haben Sie was beobachtet?“

Das alles gestaltete sich aber insgesamt weniger kompliziert als befürchtet. Eine Beamtin nahm die Anzeige auf und schrieb alles mögliche in ihr Notizbuch, ich musste am Ende unterschreiben, dann durften wir weiter. Der Chaot musste allerdings mit auf die Wache…

Als ich das zu Hause beim gemeinsamen Abendessen erzählte, sagte Frank nur: „Du kriegst bald Hausarrest.“

So eine falsche Schlange

6 Kommentare4.051 Aufrufe

Auch wenn zwei Monate nach Marias Einzug noch immer keine Entscheidung der Kostenträger vorliegt, gehen wir derzeit alle davon aus, dass sie bei uns wohnen bleiben kann. Entsprechend sind wir bereits auf der Suche nach zusätzlichem Pflegepersonal für sie. Für drei Tage machte eine Krankenschwester ein Praktikum, die – nach ihren Angaben – aus ihrem Job in einem großen Klinikkonzern zu uns wechseln möchte. Drei Tage hielten wir es mit ihr aus, bevor wir sie gestern an die frische Luft gesetzt haben. Man sollte nicht glauben, dass jemand mit dem Generalschlüssel, der ihm ausgehändigt wird, um im Notfall (oder nach Absprache) die Zimmertüren öffnen zu können, durch die Bewohnerzimmer zieht und sich nach Wertsachen umsieht. Aber solche Menschen gibt es und an einen solchen sind wir geraten.

Wer verlangt in einem Bewerbungsgespräch schon nach einem Personalausweis? Die Frau legte alle möglichen Papiere vor, unter anderem auch ein Zwischenzeugnis des Klinik-Konzerns, das sehr positiv war, sowie eine Kündigungsbestätigung zum 31.03.12. Es war also alles plausibel bis … wir erkannten, dass die Frau, die wir vor uns hatten, gar nicht die Frau war, auf die die Zeugnisse ausgestellt waren, sondern, wie sich später herausstellte, eine engere Bekannte (?) eben dieser. Angeblich soll sie ihre Papiere ohne ihr Wissen entwedet, kopiert und später wieder zurückgestellt haben.

Das ganze wäre erstmal gar nicht aufgefallen, hätte nicht ein Sicherheitsmitarbeiter des Elektronikladens auf unserem Grundstück die Frau dabei beobachtet, wie sie alle möglichen Gegenstände (darunter auch zwei Computer-Monitore) in ihr Auto verladen hat. Er dachte zunächst, die klaut Ausstellungsstücke aus seinem Laden und geht irgendwo durch den Notausgang raus – oder ähnliches. Das Treiben dauerte eine gute halbe Stunde, die Frau wirkte nervös und verdächtig, der Wachmann rief kurzerhand die Polizei.

Die Frau hatte es also nicht auf einen Job abgesehen, sondern sie wollte nur im Praktikum bei uns klauen. Dabei war sie eigentlich ganz nett. Es wird nie langweilig, jetzt beschäftigen wir uns erstmal mit einem internen Sicherheitskonzept. Den Sicherheitsmitarbeiter, um die 40, Glatze, schätzungsweise 175 Kilo schwer, kannten wir sonst nur vom Sehen. Es versteht sich von selbst, dass wir durch die Zimmer gegangen sind und jeden um eine Unterschrift in einer Dankkarte und einen Groschen Schein gebeten haben. Immerhin hat er viele Leute vor einem größeren Schaden bewahrt, da sind mindestens 5 Euro drin. Am Ende konnten wir ihm einen Gutschein über 210 Euro besorgen: Sämtliche Leute, in deren Zimmer sie sich bedient hatte, steckten durchweg 20 Euro rein, eine sogar 50 Euro.

Frank, Sofie und ich sind später zum Geschäftsführer des Elektroladens gegangen und haben mit dessen Segen und in seiner Anwesenheit dem Sicherheitsmann die Karte samt Gutschein überreicht. Der wollte den erst gar nicht haben, meinte, das sei selbstverständlich und wenn er in dem Fall nicht die Polizei gerufen hätte, wäre er wohl für seinen Job nicht zu gebrauchen, aber wir haben am Ende darauf bestanden. Die Summe sei deshalb so hoch, weil fast 20 Leute zusammengeworfen hätten, denen er einen zum Teil erheblichen Schaden erspart hatte. Am Ende meinte er: „Irgendwann komm ich nochmal zu einem Kaffee bei Euch da oben vorbei. Ich muss doch mal sehen, wie ihr da oben eigentlich so wohnt.“