Wie langweilig

29 Kommentare4.643 Aufrufe

Es hat sich viel verändert. Das wurde mir heute gerade mal wieder bewusst. Nicht nur in meinem Leben, sondern auch in diesem Blog. Das Layout, den Schreibstil – und vor allem die Leserschaft. Wenn ich meine Leser mal ganz nüchtern einfach so beschreiben darf.

Als ich noch im Gefängnis war im Krankenhaus lag, hatte mir meine Psychologin, die ich jetzt seit fast vier Jahren kenne, geraten, ein Tagebuch zu schreiben. Stinkesocke, scheiße drauf, hat erstmal endlos gegenan geredet, dann irgendwann doch damit angefangen und es irgendwann auch online gestellt. Nach wie vor schreibe ich das Tagebuch nur für mich und lasse andere Menschen an meinem Leben teilhaben. Einige Leute aus meinem persönlichen Umfeld kennen es, die meisten aus meiner WG, einige beim Sport, einige aus meiner alten Schule … aber bisher hat es noch niemand von sich aus im Netz entdeckt und mir dann später bei einer realen Begegnung zugeordnet. Alle Leute, die meinen Blog und mich kannten, kannten erst mich und bekamen dann von mir (oder einer Freundin) die Adresse meines Blogs.

Bei zur Zeit bis zu 10.000 Besuchern am Tag ist es unvermeidbar, dass mich früher oder später der erste auf meinen Blog anspricht. Solchen Momenten sehe ich mit sehr gemischten Gefühlen entgegen, denn diejenige oder derjenige kennt fast mein ganzes Leben, während ich nicht weiß, wie er tickt. Welche Motivation dahinter steckt, mich anzusprechen. Soll heißen: Es gibt neben den vielen Menschen, die sicherlich nur nett und höflich sind, auch genügend, die etwas im Schilde führen. Und vor denen habe ich, zugegebenermaßen, große Angst.

Aber heute war es nett. Marie und ich kamen in die Uni, wo wir ja zur Zeit unser (später anrechenbares) Probesemester absolvieren, um herauszufinden, ob wir das mit dem Studieren hinbekommen. Falls nicht, mache ich ab August mein Abi nach, falls doch, fangen wir im August ganz regulär mit unserem Studium an (unter Anrechnung der im Probesemester erreichten Leistungen).

Kurz bevor wir um die Ecke bogen und durch die geöffnete Tür rollten, vernahm ich ein deutliches: „Sie kommen.“ – Was passiert jetzt? Wasserbombe? Konfetti? Irgendein Quatsch? Die Antwort lautet letzteres. Einige Leute hatten sich im Halbkreis aufgestellt, gegenseitig untergehakt, tanzten und sangen: „So a Stückerl heile Welt hab‘ ich beim Himmel heut‘ bestellt…“ – Ich lief dunkelrot an, versteckte mein Gesicht hinter meinen Händen. Zwei Mädels sprangen auf uns zu, eine nahm meine Hände und fing an, mit mir zu dem Gesang Gegröle der anderen zu tanzen. Augenblicklich guckten mich gefühlte 150 Leute schüchtern lächelnd und fragend an.

Oh. Mein. Gott. Als wir unsere unfreiwillige Showeinlage inmitten Dutzender im Takt klatschender Leute halbwegs würdevoll beendet hatten, sagte die Professorin, die inzwischen hinter uns stand: „Was ist denn hier los?“ – Ich kam gar nicht zu Wort. „Wir freuen uns und feiern.“ – „Was gibt es denn zu feiern?“

Jemand fragte: „Haben unsere beiden Rollis Geburtstag?“ – „Bestimmt!“ – „Nee sach ma! Was denn?!“ – „Die sind über Nacht berühmt geworden.“ – „Wieso das denn, wegen ihrer Krankheit?“ – „Ja genau.“ – „Welche Krankheit haben die denn?!“ – „Jule hat die BOBs. Wurde kürzlich infiziert und …“

Die Professorin mischte sich ein: „Ich will ja nicht stören, aber könnt ihr das auf später verlegen? Ich würde gerne anfangen.“ – Meine Erlösung. Ich mag so viel öffentliche Aufmerksamkeit nicht. Da wird mir immer ganz schwindelig…

Ende vom Lied: Meine Kommilitonen mussten mir nach der Vorlesung nacheinander vorführen, dass sie meinen Blog zumindest zum Teil gelesen hatten. „Hallo Stinkesocke!“, waren da noch die harmlosen Auswirkungen, Fragen, ob mein Delfin noch lebt, kamen auch schon. Und was auch unbedingt sein musste: „Jetzt weiß ich endlich, wer hier immer so viel pupst. Ich hatte mich schon gewundert, wieso das in eurer Ecke immer so stinkt.“

Haha, sehr nett. Ich verdrehte die Augen. Es stimmt ja gar nicht, dass ich mehr pupse als andere Leute. Nur wenn, dann habe ich das nicht so unter Kontrolle. Allerdings hörte den Spruch diejenige Kommilitonin mit, die vor der Vorlesung schon gefragt hatte, welche Krankheit wir hätten, und fragte weiter: „Ach ist dieses BOBs-Dings irgendwas mit dem Darm? Muss man denn viel pupsen? Aber wieso muss man dann im Rolli sitzen, das gibt doch gar keinen Sinn!“

Der Kommilitone, der sie vorher schon aufgezogen hatte, wollte weiter reden, aber ich sagte: „Ich bin für einen Preis im Internet nominiert worden und das haben einige Leute mitgekriegt. Mehr nicht.“ – „Ach soooo, wie langweilig.“

So a Stückerl heile Welt

23 Kommentare4.853 Aufrufe

Wie könnte ein Sonntagmorgen schöner beginnen als mit der Feststellung: Du hast gestern nacht vergessen, das Handy auszustellen. Zuviel Bier bei der Grillparty? Oder waren das die Folgen des unvermeidbaren Passivkonsums, weil sich auf dem Heimweg in der U-Bahn eine junge Frau eine Tüte anstecken musste? Sechs Minuten nach Neun, im Display meine Trainerin Tatjana. Hatte ich einen Termin vergessen? Neun Uhr Trainingsbeginn? Auf einem Sonntag?!

„Ja?!“, nuschelte ich verschlafen. – „Oh, hab ich dich geweckt, das tut mir Leid.“ – „Wo brennt’s denn?“ – „Ja, ähm, ich wollte mal fragen, ich habe um 11 Uhr ein Mädel hier, 16 Jahre, das will künftig bei uns trainieren, kommt vom Verein …, hat jahrelang dort nur auf dem Platz trainiert, will mehr machen, traut sich mehr zu, ist wohl auch recht talentiert, kriegt aber nicht so richtig den Mund auf und hängt nur bei Muddi und Vaddi an der Leine. Vaddi hat mich jetzt schon drei Mal angerufen und mir jedes Mal erklärt, dass die ganze Familie sich auf Sonntag 11 Uhr freut, dass er sein Fahrrad mitbringt und jederzeit zur Stelle ist und sie extra einen Kleinbus haben und Muddi auch mitkommt, auch mit Fahrrad, und zwischendurch im Bus online arbeitet, aber dadurch stets zur Stelle …“ – „Tatjana! Sonntagmorgen. Ich bin noch nicht wach. Mein Bett ist total kuschelig und warm, stell einfach nur deine Frage.“

„Kannst du um 11 mit Rennrolli hier sein?“ – „Mein Rennrolli steht bei Marie. Ich hab doch kein Auto.“ – „Wenn Marie dich abholt, kommst du dann mit?“ – „Wenn Marie mich abholt, würde ich mitfahren.“ – „Ich ruf dich gleich wieder an.“ – „Ja tschüss.“

Naja, wenigstens schönes Wetter draußen. Kein Regen, die Sonne scheint. Acht Minuten später rief Marie an: Tatjana hätte, nachdem sie sie nicht erreicht hatte (weil Handy aus), bei ihren Eltern über Festnetz angerufen: Können Sie mal ihre Tochter wecken? – „Meine Mutter fand das ziemlich dreist“, meinte Marie.

„Ist es auch, nur das änderst du bei Tatjana nicht mehr. Ich hab ihr das auch schon mindestens fünf Mal gesagt, dass sie einfach mal früher planen soll. Zumal sie ja selbst gesagt hat, sie hätte schon drei Mal mit dem Vater telefoniert. Aber komm, das wird bestimmt toll.“ – „Fahren wir hinterher noch ne Stunde zu zweit?“ – „Auf jeden Fall. Oder zwei.“ – „Okay. Ich hol dich halb 11 ab.“

Als wir um 11 dann fertig umgezogen im Rennrolli auf dem Radweg neben dem Deich standen, uns die Sonne ins Gesicht scheinen ließen und etliche Radfahrer anhielten, um uns dabei zu bewundern, stieg Tajana gerade auf dem Parkplatz aus ihrem Auto. Ein Mädel im Rennrolli kam endlich zu uns, Papa und Mama gingen direkt neben ihr, plapperten auf sie ein. Die Mutter fing an, an ihrer Tochter herumzufummeln, ob denn auch alles richtig säße. Der Vater kam auf uns zu: „Warten Sie auch auf Frau …?“ – „Ja, genau, du bist die Anja, oder?“ – Das Mädel nickte schüchtern. Der Vater: „Wir hatten eigentlich ein Einzeltraining vereinbart. Naja“, seufzte er, „das fängt ja gut an.“

Maries und mein Blick streiften sich, ich sagte: „Wir trainieren alleine. Wir wollen nur ‚Guten Tag‘ sagen und kurz fragen, ob wir am Anfang irgendwas helfen sollen.“ – Ich schaute für einen Moment in Anjas Gesicht, dessen Miene von ‚extrem angespannt‘ für einen Moment auf ein von mir gedeutetes ‚fahrt bloß nicht ohne mich los‘ wechselte. Dann sagte der Vater: „Wir suchen für unsere Tochter eine geeignete Trainingsmöglichkeit. Im Moment sind wir in …, aber da wird sie nicht genug gefördert. Sie ist ja so talentiert.“ – „Was für eine Behinderung hast du eigentlich?“, fragte ich sie. „Wenn ich fragen darf?“ – „Meine Tochter hat CP, sagt Ihnen das was?“ – „Das sagt mir was.“ – „Was sagt es Ihnen denn?“ – „Wie meinen Sie das?“ – „Ja, was heißt denn ‚CP‘?“

Auweia. Tatjana erlöste uns in genau dieser Sekunde. „Tut mir Leid, ich bin drei Minuten zu spät. Ich hatte einen Trecker vor mir, den ich minutenlang nicht überholen konnte, und dann waren noch die Schranken zu.“ – „Ja, wir hatten auch eine recht lange Anfahrt, da kann ja immer viel passieren. Deswegen fahren wir auch immer rechtzeitig los. Ich schlage vor, Sie schicken erstmal die beiden Frauen hier auf die Reise und dann schauen wir mal, wie meine Tochter mit Ihnen klar kommt.“

Sind wir ein kleines bißchen überheblich? Anja sagte: „Papi, ich komm schon klar.“ – Papi fragte Tatjana: „Haben Sie denn gar kein Fahrrad dabei? Wie wollen Sie denn kontrollieren, ob meine Tochter alles richtig macht?“ – „Das brauche ich nicht zu kontrollieren. Ihre Tochter ist ja keine Anfängerin mehr, sie ist selbst dafür verantwortlich, alles richtig zu machen. Sie fährt ja regelmäßig an mir vorbei, ich sehe sie einen Kilometer weit von hinten und einen von vorne, da kann ich genügend Eindrücke gewinnen und ihr noch einzelne Tipps geben.“ – „Und wenn die da trödeln, sobald sie außer Sichtweite sind?“ – „Dann sind sie dumm, schließlich könnten sie es noch einfacher haben, indem sie einfach aufhören und duschen fahren. Meinetwegen muss hier niemand trainieren, das machen alle Athleten nur für sich selbst. Und das wissen sie auch.“ – „Na, wenn Sie das meinen.“

„Ich würde vorschlagen, die drei fahren sich mal locker warm und wir schauen einfach mal zu.“ – „Ach, ich dachte, das wäre Einzeltraining?“ – „Wir sind nur zum Gespräch verabredet. Und ich habe gesagt, ich schaue mir Ihre Tochter mal an. Aber von Einzeltraining war nie die Rede. Und Einzeltraining hieße ja auch nicht, dass niemand anderes mehr in der Nähe sein darf. Die anderen werden sich später ausklinken, aber erstmal sind die beiden ja auch eine gute Möglichkeit für einen Leistungsvergleich.“

Der Vater wollte seinen Fahrradhelm aufsetzen. Tatjana sagte: „Zum Aufwärmen wollen Sie jetzt aber nicht mitfahren, oder?“ – „Ja doch!“ – „Lassen Sie doch Ihre Tochter mal sich eingewöhnen und einfach mal ein wenig ausprobieren. Dafür ist das Aufwärmen ja da. Wie lange macht Ihre Tochter das jetzt? Sechs Jahre? Dann bekommt sie ein Aufwärmen auch hin, ohne dass sie jemand dabei beobachtet.“ – „Und wenn Autos kommen? Sie fährt zum ersten Mal auf der Straße!“ – „Sie fährt ja nicht auf der Straße, sondern das ist hier nur ein breiter Rad- und Gehweg. Der ist zwar so breit wie eine kleine Straße, aber da fahren keine Autos. Ansonsten sieht man das ja schon von weitem und kann anhalten.“

„Auf gehts!“, versuchte ich, die nun folgende Diskussion zu vermeiden und rollte los. Marie fuhr gleich mit. Anja zögerte. Ich drehte mich nach einigen Metern um. „Komm Anja. Lass deinen Papa und Tatjana erstmal fachsimpeln, wir geben schonmal Gas.“ – Jetzt kam auch noch die Mutter ins Spiel, hüpfte ihrer Tochter vor den Stuhl und musste ihr noch ein Küßchen geben. „Pass auf dich auf, Kleines.“ – „Ja, Mama.“ – „Und wenn Autos kommen, fährst du rechts ran, ja? Und hör auf Jule und Marie, ja? Wenn das bloß gut geht.“

Ich wagte nach fünfzig Metern einen vorsichtigen Blick nach hinten, Papa hatte sein Fahrrad wieder aufgeständert. Also schien Tatjanas Plan zu funktionieren. Wir fuhren erstmal mit halber bis dreiviertel Kraft, um den Körper an der trotz Sonne recht kühlen Luft auf Betriebstemperatur zu erwärmen. Nach 10 Minuten lockerem Gespräch fragte ich direkt: „Sag mal, deine Elten sind ziemlich anstrengend, oder?“

„Naja, sie meinen es gut. Sie fahren mit mir überall hin, sie fördern mich, ohne die beiden wäre ich ziemlich aufgeschmissen. Aber ich weiß, was du meinst: Es muss irgendwie immer das beste sein. Mein Papa ist zu ungeduldig, einfach mal auszuprobieren und langfristig etwas aufzubauen, er will immer gleich und nur das Beste. Und das gibt es halt im Leben nicht oder ist nur von kurzer Dauer. Und ihm ist ungeheuer wichtig, welcher Eindruck auf andere entsteht.“

„Den Eindruck hatte ich aber nicht“, konterte Marie. „Ich fand das teilweise ziemlich abgefahren, was er da von sich gegeben hat.“ – „Er ist der Chef. Ich halt mich da raus. Ich versuche, mich irgendwie zu benehmen und dann ist gut. Alles andere ist sein Bier. Wenn mich einer was fragt, antworte ich, ansonsten halte ich meine Klappe. Lieber nichts als was falsches sagen.“

„Aber es geht doch um dich? Da kannst du dich doch nicht raushalten!“ – „Naja, er meint eben, dass er am besten weiß, was für mich gut ist. Oft stimmt das ja auch. Wenn ich das für mich beanspruchen will, führt er mir eine Viertelstunde lang Dinge vor, die ich eben noch nicht alleine kann und beendet seinen Monolog mit: ‚Und deswegen bin ich für dich da. Ich lass dich nicht im Stich.'“

Ich sagte ihr, dass sie auf Dauer nur dann Spaß und Fortschritt sehen wird, wenn sie selbst bestimmt, was sie will. Damit spreche ich mich ausdrücklich dafür aus, sich mit seiner Umwelt zu arrangieren und auch mal zurück zu stecken, aber es kann doch nicht sein, dass jeamnd einem das Leben plant?! Und zwar in allen Bereichen, wie wir mitbekamen, als wir nach 20 Minuten wieder an Tatjana und den Eltern von Anja vorbei fuhren.

Wir hielten auf das wilde Gestikulieren der Mutter kurz an. „Anjaschatz, musst du auf die Toilette?“ – „Nein, Mama, ich war doch gerade erst.“ – „Willst du nicht lieber nochmal dorthin, bevor ihr die nächste Runde fahrt?“ – „Nein, ich muss nicht.“ – „Nicht dass es nachher zu spät ist.“ – „Nein, Mama, jetzt entspann dich doch mal.“

Kein Wort darüber, wie es bisher gelaufen ist, ob sie gut mit uns zurecht kommt, okay, Muddis sehen das ja im allgemeinen am Gesichtsausdruck, dass es ihrer Tochter gut geht. Aber jemandem mit 16 an den Klogang erinnern? Unglaublich. Aber leider wirklich kein Einzelfall bei den Jungs und Mädels, die seit Geburt eine Behinderung haben. Und leider scheint für viele Eltern der Abschluss der „Sauberkeitserziehung“ eine unüberwindbare Hürde zu sein, sobald eine Inkotinenz oder zumindest eine durch die Behinderung beeinflusste Blase (und Darm) mit hinein spielt. Natürlich ist es anders und natürlich gibt es Menschen mit Behinderungen, die das geistig nicht auf die Reihe bekommen. Aber Anja besucht das Gymnasium. Passt also nicht. Mit 16 ist diese Frage einfach unverschämt.

Wir fuhren in die andere Richtung weiter, offiziell immernoch zum Aufwärmen, inoffiziell, um Anja kennen zu lernen und mehr über sie zu erfahren. Ich fragte gleich direkt: „Und was war das jetzt? Ist dir das nicht peinlich, wenn deine Mutter dich vor fünf anderen Leuten daran erinnert, auf die Toilette zu gehen? Ich meine, mich kratzt das jetzt nicht, das ist eure Sache, aber ich wüsste, wie ich an deiner Stelle darauf reagieren würde.“ – „Ich habe mich schon daran gewöhnt. Da kann man nichts machen. Ich habe immer mal ein paar Probleme mit der Blase und dann bekommt meine Mutter es nicht auf die Reihe, dass die Probleme nicht dadurch entstehen, dass ich zu selten auf Klo gehe. Aber das ist für sie als nicht betroffener Mensch die einzig nachvollziehbare Erklärung und dann … kannst du vergessen. Du kannst aber sicher sein, dass es nachher eine Predigt gibt, falls was in die Hose gegangen ist. Ich glaube, sie möchte damit ein wenig ihre Verantwortung abgeben, in die sich selbst immernoch nimmt. So kann sie dann immer sagen: ‚Ich hab dich gefragt, ich habe dich erinnert.‘ Und damit die Schuld von sich wegschieben.“

Als wir wieder an der Gruppe vorbei kamen, bat der Vater Anja, anzuhalten. Er meinte, ihr Training sei beendet, man käme mit „der Frau“ auf keinen gemeinsamen Nenner. Tatjana vertrete Ansichten, die sie nicht teilen könnten. Da von Anja keine Reaktion kam, platzte mir dann mal stellvertretend der Kragen: „Mit Verlaub, Sie vertreten auch Ansichten, die man nicht teilen kann. Wieso bestimmen Sie, was für Ihre Tochter gut ist, ohne sie überhaupt gefragt zu haben? Sie hat sich jetzt warm gefahren, vielleicht möchte sie jetzt mal eine Stunde lang Gas geben? Warum sollte sie jetzt ihr Training mittendrin abbrechen, nur weil der Vater mit der Trainerin nicht klar kommt? Ich dachte, Sie tun das alles für Ihre Tochter, aber ich habe eher den Eindruck, Sie tun das für sich selbst.“

„Das ist doch alles ein abgesprochenes Spiel hier, dasselbe habe ich gerade schon einmal gehört. Ich hätte gleich misstrauisch sein sollen, als aus dem Einzeltraining ein Gruppentraining wurde.“ – „Misstrauisch? Ihre Tochter fühlt sich wohl. Sie haben ein Problem, nicht Ihre Tochter. Aber Sie wollen hier nicht trainieren. Alle anderen Jugendlichen mit 16 kreuzen hier alleine hier auf und lassen sich nicht von den Eltern kontrollieren, ob sie Vollgas geben oder rechtzeitig zum Klo fahren. Und sind sehr erfolgreich. Das müssen Sie doch mal merken, dass da bei Ihnen was nicht stimmt.“

„Kommst du?“, forderte er Anja energisch auf. Die überlegte einen Moment. Ich fixierte sie mit meinem Blick und beamte ihr ein „jetzt oder nie, das ist deine Chance“ in den Kopf. Es kam an. Ich hatte mich für diese Steilvorlage weit genug aus dem Fenster gelehnt und alle unverschämten Register, an die ich irgendwie dran kam, gezogen. „Papi, jetzt hör mal zu. Ich weiß ja, dass ihr es gut meint, aber manchmal geht es echt zu weit, was ihr hier macht. Ihr wollt doch, dass ich glücklich bin und gut gefördert werde und hier habe ich zum ersten Mal den Eindruck, dass das was ganz tolles werden könnte. Die Leute sind nett, zwei zumindest erstmal, ich kann endlich mal richtig schnell fahren, schneller als ewig nur auf der 400-Meter-Bahn mit lauter Kurven, und ihr habt mir versprochen, wir probieren es aus. Ich kann dir jetzt sagen: Es gibt was viel besseres als den Sportplatz in dem anderen Verein. Heute habe ich gemerkt, was ich schon immer gewusst habe und was du auch gemerkt hast: Der Sportplatz alleine bringt es nicht. Ich gehe auf diesen Platz nicht wieder zurück. Wenn ihr heute meint, dass ich hier nicht trainieren darf, dann ist das wohl mein Ende in diesem Sport, denn nur auf dem Sportplatz habe ich keine Perspektive, meine Leistungen noch zu steigern und auch noch andere Dinge zu machen. Die Leute hier trainieren ja nicht nur im Rennrolli, sondern auch andere Sachen, Biken und Schwimmen. Da hätte ich auch voll Lust drauf. Ich wäre sofort dabei, aber im Moment seid ihr diejenigen, die mir da Steine in den Weg legen“, sagte sie und drückte auf die Tränendrüse. „Auf den heutigen Tag habe ich mich seit Wochen gefreut.“

Und Tränen erweichen ja bekanntlich als erstes die Muddis. Die kam gleich angelaufen und musste ihre Tochter in den Arm nehmen. „Schatz, wir wollen doch nur das beste für dich. Du musst Papi auch verstehen, der hat dich sechs Jahre begleitet und du kannst nicht behaupten, du hast nichts gelernt und es nicht gut gehabt. Papi hat alles für dich getan.“

„Ja, das weiß ich ja auch alles und das finde ich ja auch alles gut, aber ihr könnt mich doch nicht mit 25 immernoch an die Hand nehmen, ihr müsst doch mal langsam dazu kommen, dass ihr mir ein paar Freiräume gebt und mir eher beratend und helfend zur Seite steht und mich eigene Erfahrungen machen lasst. Schau mal, ich habe sofort neue Freunde gefunden, da möchte ich einfach mal ein bißchen egoistisch sein. Wenn es zu viele Umstände macht, finden wir bestimmt einen Weg, wie ich zum Training komme und wieder zurück, aber ich möchte zumindest die Erlaubnis haben, künftig hier erstmal mitzutrainieren.“

Der Vater sagte „nein“, die Mutter „ja“, beide im selben Moment. Dann schauten sich Mama und Papa an und dann sagte Papa: „Ist ja gut, ich will kein Spielverderber sein. Aber ich möchte, dass du mir regelmäßig erzählst, was ihr hier macht und dass wir gemeinsam besprechen, ob das wirklich alles so gut ist, sobald du mehr Eindrücke gewonnen hast.“ – „Ach Papa, wenn das alles nicht gut wäre, würde ich doch von selbst sagen, dass ich nicht mehr hierhin will. Danke Papa“, sagte Anja und gab Muddi und Vaddi ein Küßchen. Marie war schon einige Meter vorgerollt, ich rollte hinterher. Sie fing leise an zu singen: „So a Stückerl heile Welt hab‘ ich beim Himmel heut‘ bestellt…“ – „Ach du warst das“, lachte ich. „Manchmal komme ich mir hier vor wie ein Sozialarbeiter.“ – „Bist du doch auch. Was meinst du, warum Tatjana dich angerufen hat.“

„Aber nun sag doch mal selbst, sowas geht doch gar nicht.“ – „Geht es auch nicht. Ich wette mit dir, sie trainiert jetzt gleich noch zwei Stunden mit uns, die Eltern gehen zwischendurch spazieren oder einen Kaffee trinken, dann erklären sie uns, dass sie nachgedacht haben und dass sie ihre Tochter selbstverständlich fördern wollen. So oder so ähnlich. Ich würde meiner Mutter übrigens was erzählen, wenn die mich vor allen Leuten fragt, ob ich auf Klo war. Ich würde ihr zu Hause so eine Szene machen, das würde sie sich kein zweites Mal trauen.“

Anja kam von hinten auf uns zugerollt. „Meine Eltern machen eine Radtour. Wir haben uns geeinigt, dass wir bis 14 Uhr noch trainieren und wollte fragen, ob ihr mir dann zeigen könnt, wo ich duschen kann. Um 15 Uhr holen sie mich dann wieder ab.“ – „Alles klar, machen wir so, los geht’s, ich werde kalt.“ – „Kommt Tatjana mit?“ – „Nein. Wir trainieren zu dritt, Tatjana ist nur für das Gespräch mit deinen Eltern gekommen. Die hat heute Sonntag.“ – „Das habe ich mir gedacht. Mein Vater hat sich da so reingesteigert in dieses beknackte Einzeltraining. Am Anfang hat er nämlich gesagt, es gibt nur ein Gespräch und dann plötzlich sollte ich alles einpacken und … egal, wir fahren jetzt los.“

Bleiben noch zwei Dinge zu klären: Erstens war sie selbstverständlich in der Lage, so rechtzeitig Bescheid zu sagen, dass wir eine Möglichkeit fanden, wie ihre Hose trocken blieb, zumal sie frei laufen konnte. Wenn auch recht spastisch, aber sogar barfuß und ohne Festhalten. So ein Deich hat ja immer Gefälle und wenn man sich richtig rum mit herunter gezogener Hose ins Gras setzt (hocken ging nicht), braucht man nur einen Moment, in dem keine Fußgänger und Radler vorbei kommen und gaffen wollen. Auf den Schiffsverkehr auf der Elbe haben wir allerdings nicht geachtet und so erblickten wir dann plötzlich einen Typen auf einem Binnenschiff, der mit einem Fernglas herüber schaute. Der war aber trotzdem weit genug weg.

Zweitens: „Muddi und ich haben bei unserer Radtour nachgedacht und miteinander gesprochen und wir finden es wichtig, dass du den Sport machst und dass du deine Freunde hast und dein eigenes Leben und selbstverständlich sollst du hier trainieren.“ – Marie hielt mir auffordernd (’schlag ein‘) ihre flache Hand hin. Im selben Moment kam der Vater auf mich zu und meinte: „Ich finde es gut, dass Sie vorhin so direkt, ich will nicht sagen unverschämt, aber direkt, zu mir waren. Sie haben durch ihr selbständiges Leben sicherlich einen ganz anderen Blickwinkel. Es war richtig, dass Sie uns so nachdrücklich auf unseren Irrtum aufmerksam gemacht haben. Obwohl ich so etwas nicht schätze, wenn Publikum daneben steht, und das weiß meine Tochter auch.“

Dann sagte die Mutter: „Trotzdem denken wir, Sie können unserer Tochter viele Dinge vermitteln, die wir als nicht behinderte Menschen ihr nicht beibringen können. Nicht nur Sie, sondern auch die anderen Leute hier.“ – Wow. Da mag sie Recht haben.

Statistik, Taxi, Medizin

26 Kommentare4.455 Aufrufe

Mir wird mal wieder ganz schwindelig. Ich schreibe ein Tagebuch, schreibe es online – und hätte nie für möglich gehalten, dass es so viele Menschen gibt, die das mit- oder sogar durchlesen wollen. Ich dachte einmal, dass mein Leben als Behinderte absolut schrecklich, langweilig, uninteressant sein wird – wer rechnet in der Reha schon damit, dass man als bloggende Rollstuhlfahrerin andere Menschen faszinieren kann? Ehrlich gesagt: Ich habe damals nicht damit gerechnet.

Mitte 2009, als ich aus der Klinik entlassen wurde, wurde mein Blog im Internet pro Monat rund 13.000 Mal angeklickt. Ein Jahr später waren es immerhin schon 20.000 Klicks pro Monat. Noch ein Jahr später (Juni 2011) waren es rund 27.000 Klicks pro Monat – ein beständiges Wachstum.

Zum Januar 2012 waren es plötzlich schon 38.000 Klicks und im März 2012 waren es 46.000 Klicks pro Monat. Und nun kommt der Hammer: In den ersten vierzehn Apriltagen wurde mein Blog bereits über 50.000 Mal angeklickt. Alleine heute haben sich bereits über 7.000 Leute auf meine Seite getraut – bei täglich steigender Tendenz. Durchschnittlich alle 12 Sekunden springt der Zähler eine Nummer weiter.

Und bei TheBOBs liefere ich mir mit Sash, dem Autor von Gestern Nacht im Taxi, inzwischen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Zeitweilig waren wir bereits prozentual gleichauf, allerdings habe ich immer allenfalls seine Rücklichter gesehen. Ich glaub, er hat einen Turbolader unter der Haube – da hab ich mit meinem Muskelantrieb natürlich kaum eine Chance. Aber dafür, dass ich ursprünglich nur nicht Platz 11 sein wollte, habe ich doch ganz schön Fahrt aufgenommen.

Apropos: Heute bin ich tatsächlich mit einem Taxi gefahren. In der Schlange standen acht E-Klasse-Limousinen und an erster Stelle ein Sprinter Großraumtaxi. Mir war schon länger bekannt, dass man unter den bereit gestellten Fahrzeugen frei wählen (also theoretisch auch das letzte in der Reihe nehmen) darf, ich habe das auch ein paar Mal gemacht und den Kombi oder Touran genommen, schließlich ist das Verladen eines Rollis da unkomplizierter, zumal sich mein Starrrahmenstuhl nicht so einfach falten lässt wie Omas AOK-Shopper (dafür ist er aber auch stabiler). Heute nahm ich den zweiten in der Reihe, denn in den Sprinter wäre ich schlicht nicht reingekommen, ohne dass mich der Taxifahrer anfassen und ich irgendwelche Turnübungen machen muss. Macht doch der Sprinter-Fahrer einen Zwergenaufstand, schließlich habe er extra Spanngurte und Bodenverankerungen im Fahrzeug, um auch Rollstuhlfahrer in ihrem Stuhl sitzend befördern zu können.

Mag ja alles sein, aber auch im Rolli sitzend will ich nicht Sprinter fahren. Schließlich ist mein Stuhl darauf nicht ausgelegt, es dauert endlos, bis er mich und meinen Rolli über einsteckbare Rampenteile in das Fahrzeug geschoben und verzurrt hat, ich muss mich in jeder Kurve festhalten, ich habe nach hinten beim Crash kaum Halt (Rückenlehne? Kopfstütze?) und komme mir, auf der Hinterachse des Sprinters stehend, vor wie beim Rodeo-Reiten. Nö. Ich wollte mal die neue E-Klasse fahren und saß bereits im Auto, als der Sprinterfahrer immernoch lautstark rumätzte. Was dazu führte, dass der nächste Kunde auch ein anderes Taxi nahm, so dass er noch weiter auf die Palme kletterte…

Und mein Fahrer? Der musste „erstmal Schwager erzählen, was Sprinterfahrer machen für eine Scheiße bei junge Frau, unglaublich.“ – Immerhin telefonierte er nicht mit dem Handy am Ohr, sondern über die Bluetooth-Freisprecheinrichtung des Autoradios. Da er türkisch sprach, konnte ich nicht wirklich folgen, es ging aber um meinen Rollstuhl, denn „Tekerlekli sandalye“ verstehe ich wiederum. Und irgendwie fand ich es witzig, mir anhand Stimmlage, Gesprächstempo und Lautstärke auszumalen, worum es gerade ging und wer wem was an den Hals wünscht. So klang es jedenfalls.

Übrigens hatte mein Taxifahrer eine Telefonflatrate. Ich schaute aus dem Seitenfenster, während er telefonierte und irgendwann vermutete ich eine Verabschiedung und beide hörten auf zu sprechen. Zwei Minuten vergingen ohne jedes Wort, dann fing mein Fahrer plötzlich an loszupoltern, ich dachte schon, es wäre ihm einer vor das Auto gelaufen, habe einen gehörigen Schrecken bekommen und ihn entgeistert angestarrt – aber dann redete auch der Schwager wieder in den Radiolautsprechern … köstlich.

Am liebsten hätte ich noch sehr viel mehr geschrieben, vor allem in den letzten Tagen, denn mein Studium ist unerwartet spannend. Ich versuche, aus den Vorlesungen so viele Informationen wie möglich mitzunehmen und sauge im Moment noch alles auf wie ein trockener Schwamm. In zur Zeit noch allen Vorlesungen werden Dinge erklärt, die mich einfach wahnsinnig interessieren. Vieles (wie zum Beispiel den Aufbau einer Zelle) hatten wir in der Schule in Biologie schon einmal grundlegend, so dass ich gut daran anknüpfen kann. Was mich ein bißchen erstaunt hat, ist, dass wir nach zwei Wochen scheinbar nur noch halb so viele sind wie anfangs. Und was mich ein wenig ärgert, ist, dass einige Leute die Vorlesungen stören. Es ist schon alles enorm viel lockerer als in der Schule (und selbst da war es ja in der Oberstufe bereits relativ locker), aber es gibt doch echt noch Leute, die Papierflieger bauen und nach vorne werfen oder plötzlich laut Musik anstellen oder ähnliches. Und die Dozenten interessiert es alles nicht. Die ziehen ihr Ding durch und überlassen den Rest sich selbst. Irgendwann stellt schon einer die Musik aus. Lediglich einer meinte: „Beim nächsten Flieger gehe ich raus. Sie wollen hier was lernen, nicht ich. Ich muss das nicht machen.“ – Einfach nur peinlich und schade.

Es gibt einen Prof, den ich total toll finde, weil er absolut spannend erzählt. Der setzt sich hin und labert zwei Stunden lang über eine Zellwand und du klebst zwei Stunden lang am roten Faden und vergisst zwischendrin zu atmen und schlucken. Und dann denkst du: „Wie … schon vorbei … kam mir vor wie fünf Minuten.“ – Vor allem, dass ich zu Hause einzelne Sachen noch einmal nachlese oder weiterlese oder im Internet recherchiere, kenne ich aus der Schule überhaupt nicht von mir Streberin. Bisher bereue ich meine Entscheidung keine Sekunde. Ich bin gespannt, wann mich zum ersten Mal der Frust packen wird.

Nur leider beansprucht mich im Moment das Studium zeitlich so unglaublich stark, dass ich kaum noch etwas anderes schaffe. Das Gegondel mit öffentlichen Verkehrsmitteln tut ein übriges – ich hoffe, dass sich das alles noch ein bißchen besser einpendelt.

Stark und tapfer

22 Kommentare4.396 Aufrufe

Ich glaube, es ist der größte Sprung in meinem Blog: Über drei Jahre zurück ins Jahr 2009, zu einem meiner ersten Beiträge. Ähnlich, wie ich bereits in 2009 der Notärztin, die mich damals nach meinem Unfall erstversorgt hatte, einen Besuch abgestattet habe, um mich bei ihr zu bedanken, habe ich aus einem bestimmten Anlass heraus heute auch noch einer anderen Person, die die Weichen nach meinem Unfall entscheidend gestellt hat, eine kleine Aufmerksamkeit vorbei gebracht.

Den Anlass lieferte diese Person selbst: Den Eintritt in den Ruhestand. Wie ich mehr oder weniger zufällig erfahren habe, geht der Richter, der mich Anfang 2009 von einem auf den nächsten Tag an meinem Krankenbett besucht und einen Verfahrenspfleger bestellt hat, weil mein Vater damals mit der ganzen Situation überfordert war, Ende des Monats in Rente. Anlass genug, die Geschäftsstelle anzurufen und um einen Termin zu bitten. Um 16.20 Uhr war es soweit und die Mitarbeiterin hatte ihr Wort gehalten: Sie hat ihm nicht verraten, wer warum zu ihm kommen würde.

Zuerst konnte er mich überhaupt nicht zuordnen, dachte, ich sei eine Nebenklägerin eines seiner Strafverfahren gewesen, bis ihm dann, nach dem einen oder anderen kleinen Hinweis, die Sache dämmerte. Und dann wollte er alles genau wissen. Über das eine oder andere wird er ja in der Verfahrensakte gelesen haben, aber spätestens mit meinem 18. Geburtstag verliert sich ja meine Spur für ihn. Eigentlich hätte er Feierabend, aber wir saßen nach anderthalb Stunden immernoch da. Ich erzählte ihm von meinen Eltern, von unserem Wohnprojekt, von meinem Sport, von meinem Studium und ich habe ihm gesagt, dass ich ihm wirklich sehr dankbar bin: Vor allem, dass es mir finanziell so geht wie es mir geht, verdanke ich seinem ersten Schritt.

Er war ziemlich gerührt und hatte ein paar Mal, als ich ihm quasi die Kurzfassung meines Blogs aus dem Mund der Autorin servierte, Tränen in den Augen. Seufzte dann und sagte: „Nun fang ich hier auf meine alten Tage gleich noch an zu heulen. Das ist mir in meinen langen Jahren wirklich selten passiert.“

Am Ende brachte er mich zur Tür und quatschte eine Passantin an, ob sie ein Foto von uns beiden vor der Tür des Gerichtsgebäudes machen könnte. Dann verabschiedete er mich mit den Worten: „Sie sind eine starke und tapfere junge Frau. Ich bin stolz auf Sie.“ – Das aus seinem Mund ging mir natürlich runter wie Öl. Ich wünsche ihm jedenfalls einen erfüllten Ruhestand.