Beschützerinstinkt

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So toll es auch ist, so sehnsüchtig ich damals darauf gewartet habe und so sehnsüchtig einige meiner minderjährigen Freundinnen und Freunde noch darauf warten: Der Sprung in die Volljährigkeit ist mit Sicherheit ein Höhe-, vielleicht auch ein Wende-, zumindest aber ein rechtlich wichtiger Punkt im Leben jedes Menschen. Vieles ändert sich mit dem (hier) 18. Geburtstag. Dennoch stolpern viele junge Menschen über diesen Moment, weil sie ihn aus meiner Sicht schlicht überbewerten.

Wer jetzt behauptet: „Das hättest du vor zwei Jahren sicherlich nicht gesagt!“, bekommt von mir nur zum Teil Recht. Klar, habe ich mich darauf gefreut, endlich selbständig zu sein und endlich tun und lassen zu dürfen, was ich will, ohne dass mir jemand reinredet. Aber einer Sache war ich mir bewusst: Die Rechte, die Stellung, die mir die Gesellschaft mit Erreichen der Volljährigkeit gibt, bekomme ich als Ergebnis einer Bewertung der Reife eines durchschnittlichen Menschens diesen Alters. Soll heißen: Die Gesellschaft findet, dass ein 18-jähriger oder eine 18-jährige im allgemeinen so reif ist, dass sie alleine Auto fahren, alleine wählen, sich besaufen in Maßen Alkohol trinken und noch ein paar andere Dinge tun darf. Und weil ich 18 bin, darf ich das alles auch. Mehr nicht.

Das bedeutet aber keineswegs, dass ich am Tag 6.575 meines Lebens mehr Erfahrung, Wissen, Routine, Glaubwürdigkeit, Kenntnis, Wasauchimmer habe als am Tag 6.574. Und das bekommt der eine oder andere nicht auseinander und neigt dazu, sich ab Tag 6.575 plötzlich zu überschätzen. Daher kann es nimmer nie verkehrt sein, auf einen alten Hasen zu hören, über seine eigenen Worte nachzudenken oder gar eine Entscheidung noch einmal genau zu hinterfragen, vielleicht auch zu überdenken. Klar, habe ich den Anspruch an mich, möglichst selbständig zu sein, aber dennoch sind die meisten Tipps, die ich direkt oder zwischen den Zeilen von meinen Mitmenschen bekomme, oft ja nur gut gemeint.

Dennoch geht auch nichts über eigene Erfahrungen. Man kann jemanden nicht vor dem Leben beschützen. Etwas, was ich immer wieder sehe, wenn Eltern ihre Kinder mit Behinderung beim Sport „abgeben“ und vor Angst fast sterben, wenn ihr zwölfjähriges zum ersten Mal mit ihrem Rolli umkippt und sich einen blauen Fleck oder gar eine blutige Lippe holt. Andere Kinder holen sich das aufgeschlagene Knie spätestens mit 3 Jahren. Auch das Recht auf Verletzungen und das eigene Herausfinden von Grenzen gehört dazu. „Dazu“ kannst du nennen wie du willst, meinetwegen auch Inklusion.

Aber das war nur ein kleiner Abstecher vom Weg. Einmal hinter den Busch sozusagen. Ich will auf etwas ganz anderes hinaus: Bei unserem letzten Training besuchte uns eine ehemalige Trainerin des Vereins. Bis Ende 2010 stand sie unter Vertrag, selbiger wurde aber durch den Verein gekündigt – nach immerhin sechs Jahren. Einige waren gut mit ihr klar gekommen, andere weniger, einige wenige mochte sie nicht – und die einigen wenigen hatten bei ihr einen schweren Stand. Ich hatte mit ihr nie direkt zu tun, da sie in erster Linie die jungen Männer betreut hatte. Gerüchteweise hat es wiederholt Ärger darüber gegeben, dass sie nie genug verdiente, es soll mehrmals Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit Spesenabrechnungen gegeben haben – Gerüchte, die mich nichts angehen. Nach zwei weiteren Versuchen in anderen Vereinen, jeweils für ein halbes und für ein dreiviertel Jahr, wurden auch die neuen Verträge beendet – gerüchteweise aus denselben Gründen. Sie selbst schrieb drei persönliche Stellungnahmen zu ihren jeweiligen Vertragsauflösungen, jedes Mal habe sich der Arbeitgeber aus ihrer Sicht zu unflexibel und zu wenig kooperativ gezeigt.

Um nun endlich auf den Punkt zu kommen: Jene Frau suchte uns bei unserem letzten Straßentraining am Karfreitag auf, bat um eine Viertelstunde Zeit und wollte mit den drei jüngsten Frauen unter acht Augen sprechen, also mit Cathleen, Marie und mir. Sie wollte uns warnen vor einer bestimmten männlichen Person in unserem Verein. Ich kenne denjenigen schon aus der Zeit, als ich noch in der stationären Reha war, damals war er eher eine Art Trainer für mich, heute ist er ein guter Kumpel; und ich habe ihm viel zu verdanken. Er gehört aus meiner Sicht zu den (schätzen wir mal grob) drei besten Leuten in Hamburg, wenn es darum geht, jemandem den Umgang mit dem Rollstuhl beizubringen. Ich habe so viel von ihm gelernt. Nicht das Fahren von A nach B. Sondern alles, was darüber hinaus geht. Und selbst heute, wo ich behaupten würde, ich kann im Rollstuhl fahren, juckt es ihm in den Fingern, mir noch irgendetwas zu zeigen. Das sind dann eher schon „Kunststücke“, aber er schafft es, einen zu begeistern, doch noch wieder etwas neues auszuprobieren. Er selbst ist auch Rollstuhlfahrer.

Wenn ich ihn sehe, habe ich schlagartig gute Laune, wird er erstmal geknuddelt, die Wellenlänge stimmt sofort und es dauert keine sechzig Sekunden und er hat mich zum Lachen gebracht. Irgendein trockener Spruch kommt immer von ihm. Nie auf Kosten anderer. Er ist irgendwie immer lustig, manchmal sogar albern, fast immer zu Späßen aufgelegt – und dennoch sehr Respekt einflößend und durchsetzungsstark. Ich schätze ihn 15 Jahre älter als ich.

Neulich traf ich ihn in „meiner“ Klinik mitten auf einem der unzähligen Gänge, ich wollte gerade nach Hause – wir quatschten und quatschten und am Ende fand ich mich auf einem Übungsplatz wieder und er brachte mir bei, wie ich mit Anlauf über zwei Stufen gleichzeitig springen kann. Abwärts natürlich. Alles eine Kopf- und Materialsache, man braucht sowas auch nicht unbedingt im Tagesablauf, schließlich kann man die zwei Stufen (solange es nicht mehr werden) auch langsam auf den Hinterrädern gekippt runterfahren, aber es ist ein Beispiel dafür, dass er aus einem einfach immer wieder eine neue Herausforderung herauskitzelt.

Regelmäßig wöchentlich und in Wochenendseminaren oder auf Ferienfreizeiten bietet er solches Mobilitätstraining an und ganz, ganz viele Leute sind ihm für das, was er tut, einfach unheimlich dankbar. Er schenkt ihnen Mobilität, die ein Rollifahrer ja bekanntermaßen nicht im Übermaß hat. Teilweise üben einige Jugendliche schon seit Jahren immer wieder mit ihm, teilweise wöchentlich – und es gibt nicht wenige, die mit 12 nur von Mama und Papa geschoben wurden und nicht wussten, wie sie ihren Rollstuhl um die Kurve lenken sollen, und mit 16 völlig alleine mit der Bahn zu ihrem Ausbildungsplatz fahren.

Er bringt ihnen das Schwimmen bei, Jugendliche, die sich vorher wegen ihrer Behinderung nur mit Schwimmflügeln und Halskrause ins Becken getraut haben, schaffen ein Jahr später plötzlich ihren Freischwimmer. Meinen ersten „Sprung“ vom Einmeterbrett (nach meinem Unfall) habe ich mit ihm zusammen gemacht. Auf dem Po bis zur Kante rutschen und reinplumpsen lassen – zehn Minuten habe ich auf diesem schwingenden Brett gesessen und mit meinen inneren Ängsten um die Wette gezittert. Er wollte es, ich wäre aus eigenem Antrieb nie auf dieses Brett geklettert. Ein bißchen habe ich es ihm zuliebe gemacht. Er saß daneben. Mit auf dem Brett. „Ich spring nach rechts, du nach links. Beide zugleich. Wenn du absäufst, rette ich dich.“ – Klingt billig, fast banal, war aber ein Meilenstein in meiner Reha. Ich fand es schmeichelhaft.

Natürlich säuft niemand ab. Dennoch war es schlimmer als bei meinem Freischwimmer, den ich machte, als ich 6 war. Als wir wieder draußen waren, wäre ich ihm am liebsten um den Hals gefallen vor Freude. Hinterher fand ich mich und meinen Auftritt, mein stundenlanges Rumgeeier, peinlich. Aber: Er hat an mich geglaubt. Er wusste, wie wichtig sowas ist und hat nicht locker gelassen. Und dafür bin ich ihm dankbar, genauso wie viele andere es sind.

Zurück zu dieser Trainerin: Sie behauptet nun, dieser Mann sei ein unberechenbarer … das Wort „Kinderschänder“ hat sie nicht gesagt, aber zumindest bei mir impliziert. Cathleen und Marie ging es genauso. Sie habe auch keine Beweise dafür, es sei nichts konkretes vorgefallen. Es sei nur ein Gefühl. Daher ein vertrauliches Gespräch unter acht Augen. Tja, Pustekuchen. Mindestens eine üble Nachrede ist das. Und für Vertraulichkeit bin ich immer zu haben, es sei denn, es geht darum, Leute in den Dreck zu ziehen. Was hindert sie daran, den offenen Dialog zu suchen? Nichts. Auf genau diese Frage bekam ich diese Antwort: „Ich habe keine Beweise.“

Ja, weißt du was? Dann halt einfach die Klappe. Um auf das Thema „Beschützerinstinkt“, „gut gemeinte Warnung“, „Lebenserfahrung“, „Weitsicht“, „guten Rat“ und ähnliches zurückzukommen: Ich bin für jede Warnung dankbar. Aber hier missbraucht jemand ganz klar seine Autorität, die sie mit fast 50 Lebensjahren wohl automatisch ausstrahlt. Und insofern ist es kein gut gemeinter Ratschlag mehr, sondern eine Hetze einer verprellten Arbeitslosen als Rache für eine Kündigung. Derjenige, um den es hier geht, war damals für die Kündigung offiziell zuständig. Entsprechend habe ich ihm das auch gesteckt und es nicht für mich behalten.

In der Presse, so die Trainerin weiter, wird derzeit von einem Lehrer geschrieben, der angeblich mit einer 14-jährigen Schülerin als Gipfel einer monatelangen Beziehung Sex gehabt haben soll. Dieser Lehrer soll, so die Presse, auf Facebook mit vielen seiner Schülerinnen „befreundet“ sein und auch regelmäßig chatten. Das Befreundetsein bei Facebook finde sie (finde im übrigen auch ich) bei einem Lehrer absolut unangebracht (vom Sex mit Schülern mal ganz zu schweigen).

Nur in unserem Sportverein handelt es sich nicht um einen Lehrer und auch um keine autoritäre Abhängigkeit. Als ich 16 war, habe ich den Typen auch bei Facebook in meine Freundesliste hinzugefügt. Zweimal hat er mich angeschrieben, insgesamt vier Worte: Herzlichen Glückwunsch. Zum 17. und zum 18. Geburtstag.

Ich habe heute endlich eine Sportkollegin erreicht, die heute 19 ist und ihn schon seit ihrem 12. Lebensjahr kennt. Sie hat eine angeborene Querschnittlähmung und hat bei ihm ebenfalls schwimmen und Rollifahren gelernt. Ich habe ihr von dem Gespräch mit der ehemaligen Trainerin erzählt. Ihre Antwort: „Absoluter Schwachsinn. Gerade beim Schwimmen muss er dich ja oft irgendwie und irgendwo anfassen und festhalten. Der hat mich in all den Jahren nie unvorbereitet berührt. Er hat immer vorher die Übung erklärt und angekündigt, dass er mich am Rücken und an der Schulter anfasst oder meine Füße oder meinen Kopf festhält oder sonstwas. Wir sind mit ihm auf Freizeiten gewesen, der ist nie irgendwo reingekommen ohne anzuklopfen oder sowas. Er hätte bei uns allen 1.000 Chancen gehabt, uns aus Versehen zu befummeln oder zu beobachten oder uns bei irgendwas ungefragt zu ‚helfen‘ – der hat sich immer korrekt verhalten.“

Er ist so ein Typ, dem man irgendwie gefallen möchte. Der sehr schmeichelhaft sein kann, mit dem man auch gut rumshakern kann. Marie kennt ihn kaum, Cathleen dafür um so besser. Wir beide, Cathleen und ich, haben sehr intensiv miteinander geredet. Und wir haben beide dasselbe gesagt: „Ich würde ihn bei einem One-Night-Stand nicht von der Bettkante stoßen.“ Auch nicht mit Blick auf den Altersunterschied. Ob aus Attraktivität, ob aus Dankbarkeit, aus falschen Erwartungen oder von mir aus auch nur der Sache wegen, sei mal dahingestellt. Den einzigen Grund, es nicht zu tun, liefert unsere freundschaftliche Beziehung zu seiner Partnerin. Und somit gibt es nichts, wovor man uns warnen müsste.

Osterhäschen

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Die Fremde vor der Tür Teil 2: Es ging hiernach noch munter weiter. Ich hatte sie duschen geschickt, weil sie seit mittags weder ihre Tabletten genommen noch eine Toilette von innen gesehen hatte und entsprechend … sagen wir mal … sie roch nicht gerade nach einem Märchenwald. Eine Stunde lang hatte es gedauert, bis sie ihre Klamotten ausgezogen, sich unter die Dusche gesetzt, eingeseift, Haare gewaschen, abgebraust hatte. Und dann kam der Brüller. Sie saß auf dem Duschsitz, nackt, bis zur Brust in ein großes Handtuch eingewickelt und rief nach mir. Als ich um die Ecke guckte, meinte sie: „Kann ich mich irgendwo kathetern?“

„Ähm, wie jetzt. Nach dem Duschen? Warum machst du das denn nicht davor?“ – „Ich wollte mich so nass und eklig wie ich war, nirgendwo hinlegen.“ – „Wieso hinlegen? Kannst du das nicht im Sitzen?“ – „Sonst macht das meine Mutter immer im Liegen und ich selbst kann es auch nur im Liegen und nur im Notfall, falls das mal niemand anderes tun kann, haben die Ärzte gesagt.“

Ich kriege einen Föhn. „Sag mal, du kannst es alleine und dann lässt du das jemand anderen machen? Warum machst du das denn nicht selbst? Dann bist du doch unabhängig von anderen Leuten. Das ist doch das wichtigste!“ – „Naja, schon, aber wie soll ich das machen? So viele Hände habe ich doch gar nicht frei und überhaupt, es ist ja nicht überall ein Bett oder eine Liege.“ – „Wieso Hände frei? Wovon redest du?“ – „Naja, erstmal alles auspacken.“ – „Was denn auspacken? Du wäscht dir die Hände, setzt dich aufs Klo, spreizt deine Schamlippen, siehst den Harnröhreneingang, nimmst den Katheter aus der sterilen Hülle, steckst das Ding in deine Harnröhre, ohne vorher noch irgendwo anders gegen zu kommen, wartest, bis alles leer ist, ziehst das Ding ganz langsam wieder raus, wartest dabei jedes Mal, sobald wieder ein Tropfen kommt, Hose hoch, spülen, nochmal Hände waschen, fertig. Eine Sache von höchstens zwei Minuten.“

„Und die Handschuhe?“ – „Was willst du damit?“ – „Naja, muss doch steril sein!“ – „Was muss steril sein? Der Katheter? Der ist steril. Und wenn du ihn nur dort anfasst, wo du anfassen sollst, bleibt er auch steril.“ – „Meinst du?“ – „Na sicher. Ich kenne nur ganz wenige, die sich Handschuhe anziehen und dann meistens nur, weil sie es eklig finden, wenn sie sich aus Versehen über die Finger pinkeln.“ – „Ich seh doch aber den Eingang gar nicht.“ – „Dann guckst du bei den ersten zehn Mal in einen Spiegel und dann weißt du doch, auf welcher Höhe der ist. Der ist doch nicht jeden Tag woanders.“ – „Können wir das mal ausprobieren?“

Und so stand die Stinkesocke nachts um zwei mit einer wildfremden Person im Bad und übt das Pipi machen. Und siehe da, es hat funktioniert. Auf Anhieb und einwandfrei. Und als wir fertig waren, sagte ich: „Supi. Und nun ziehen wir uns eine Pampers an. Schonmal gemacht?“ – „Nö, noch nie. Warum sollte ich das tun?“ – „Weil ich heute nacht keinen Freischwimmer in meinem Bett machen will?“ – „Wo schlaf ich denn?“ – „Ja, entweder mit in meinem Doppelbett oder auf dem Fußboden auf einem Gästebett, also auf einer Luftmatratze.“ – „Luftmatratze“, entschied sie. – „Okay, die wird aber auch nicht vollgepisst.“ – „Mach ich nicht.“ – „Nee, nur du hast seit heute mittag deine Tabletten nicht mehr genommen, was meinst du, was passiert, bis du wieder einen einigermaßen vernünftigen Wirkstoffspiegel im Blut hast?“ – „Keine Ahnung?“ – „Ja. Aber ich. Kannst echt froh sein, dass hier im Haus jemand dein Präparat nimmt. Wieso gehst du ohne deine Medikamente auf Reisen?“ – „Hab ich gar nicht drüber nachgedacht. Bist du böse mit mir?“ – „Nee, nur ich würde gerne irgendwann mal schlafen. Ich blas dir jetzt noch das Bett auf, da ist zum Glück eine elektrische Pumpe eingebaut, und dann zeig ich dir noch, wie du dir selbst so eine Klebewindel anziehst und dann möchte ich bis 10 Uhr nur noch geweckt werden, wenn du stirbst oder das Haus brennt.“

Ihr standen schon wieder Tränen in den Augen. Ich nahm sie in den Arm und sagte: „Ist nicht böse gemeint. Aber ich möchte jetzt wirklich schlafen, okay? Wir sind 60 Kilometer mit dem Handbike gefahren und ich bin wirklich alle.“ – „60 Kilometer?“

Und auch auf die Gefahr, dass mich der folgende Satz in der aktuellen Abstimmung bei der Deutschen Welle um fünf Prozentpunkte zurück wirft: Was waren wir beide um 10 Uhr froh, dass ich ihr gezeigt habe, wie man eine Pampers anlegt. Häschen hat nämlich regelmäßig jeden Morgen um 8 Uhr Stuhlgang. Und wer denkt, das ist doch prima vom Häschen: Nee, ist es nicht. Häschen wacht nämlich erst um 10 Uhr auf!

Und Häschens erster Satz war: „Lange nicht mehr so gut und so lange geschlafen.“ – Für alles, was danach kam, habe ich mir dann eine Pflegekraft geangelt. Was war ich froh, dass mir eine junge Frau helfen konnte, meinen Besuch wieder stadtfein zu bekommen. Anschließend übten wir dann noch endlose Male, wie man vom Boden wieder in den Rolli kommt – was sie am Ende noch nicht ganz alleine konnte, zumal auch der Rollstuhl noch anders eingestellt werden musste – aber immerhin wusste sie, wie es geht.

Am Nachmittag wollten wir gemeinsam mit einigen Leuten über das Volksfest. Mein Besuch kam keinen Bordstein hoch, in keine S-Bahn rein, geschweige denn raus und an Rolltreppe fahren war erst recht nicht zu denken. Aber auf dem Volksfest hatte sie ihren Spaß. Hat sich in insgesamt drei Fahrgeschäfte reintragen lassen (diejenigen, die immer kontrollieren, ob die Bügel richtig sitzen, haben sich tatsächlich gefreut, zwischendurch mal ein paar Mädels auf Händen tragen zu dürfen) und war am Ende wirklich begeistert. Anfangs hatte sie Zweifel, ob sie mit ihrem Querschnitt nun wirklich in ein Karrussel dürfte – aber der Arzt hätte gemeint, sie dürfe. Und da sie früher auch immer gerne in irgendwelche Fahrgeschäfte gegangen ist …

Seit einer Stunde ist sie wieder weg. Ihre Eltern haben sie auf ihren Wunsch mit dem Auto nach Hause geholt. Sie meinte, es seien sehr viele Eindrücke gewesen und sie würde nun alles daran setzen, auch einige Rollstuhlfahrerinnen kennen zu lernen, um das eine oder andere dazu zu lernen. „Bist du mir böse wegen des Überfalls?“ fragte sie zum Schluss. – „Nein. Es war okay. Aber lass uns das nächste Treffen bitte vorher verabreden.“ – „Auf jeden Fall.“

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits möchte ich ihr natürlich helfen. Damit sie Dinge dazu lernt, die ihr das Leben einfacher machen. Damit sie mehr Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein bekommt. Damit sie mit ihrer Situation besser zurecht kommt, denn niemand kann mir erzählen, dass sie ihr neues Leben akzeptiert hat. Vermutlich hat sie es nicht mal realisiert. Und da sind wir auch beim andererseits: Andererseits kann es doch nicht sein, dass die Gesellschaft diese Leute sich selbst und ihren „Artgenossen“ überlässt, um ein paar Euro in der Krankenversicherung zu sparen. Eine Querschnittlähmung ist kein Fall. Und schon gar nicht pauschal. Und schon gar keine Fallpauschale.

Sechs mal die Fünf

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Heute, mitten in der Nacht, war der 555555. Besucher auf meiner Seite. Im Moment rennt der Zähler …

… schneller als man gucken kann, ist schon 2.000 Zähler weiter, und das liegt in erster Linie daran, dass bei den Deutsche Welle Blog Awards „The BOBs“ irgendjemand diesen meinen Blog vorgeschlagen hat und er für den „Besten Deutschen Blog“ nominiert wurde.

Im Moment steht er dort auf Platz 2, hat den BILDblog überholt und pendelt mittig zwischen eben diesem und Sash mit seinem Taxi bei Nacht. Dadurch klicken natürlich auch ganz viele Leute auf meine Seite und wollen schauen, was hier so los ist: Einiges!

Osterfeuer und später Besuch

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Es ist ja so genial, dass mein Rolli wieder fährt, ohne dass einzelne Speichen klimpern, knarzen, knacken, brechen und ohne dass eine Acht oder gar eine Sechzehn in den Rädern ist. Nach dem eher heftigen Schnellfahrtraining im Rennrolli haben wir (in diesem Fall Cathleen, Sofie, Frank, Jana, Marie und ich) uns vorgenommen, mit unseren Handbikes (also nicht den Rennbikes, in denen man liegt, sondern den Vorspannbikes, die man für eine Radtour an den Alltagsrolli klemmt) zum Osterfeuer zu radeln. Für Cathleen, Marie und mich war das als Ausgleichstraining gedacht, die restlichen Leute sollten endlich ihre wintermüden Knochen mal wieder ein wenig bewegen und ihr Gefährt entstauben (und vorher am besten auch mal aufpumpen).

Um 20.00 Uhr sollte es losgehen und für die knapp 30 Kilometer haben wir gut zwei Stunden eingeplant. Um Viertel vor Sechs standen wir alle abfahrtbereit auf dem Hof und hofften auf beständiges Wetter. Die ersten Kilometer bis zur Tatenberger Schleuse waren eher nervig, da wir nur auf Radwegen fahren konnten und an jeder zweiten Ampel anhalten mussten, aber ab da ging es 20 Kilometer ohne jede Ampel auf absolut ebener Asphaltfläche mitten durch grüne Wiesen, vorbei an ganz vielen Pferdis und noch mehr Schafis und einem wunderhübschen Sonnenuntergang über der Elbe direkt zum Osterfeuer.

Direkt vor Ort trafen wir noch zwei Leute aus meinem Sportverein, die auch mit ihren Handbikes dorthin gefahren waren und sich uns anschlossen. Durch das schlechte Wetter am Morgen qualmte es erstmal nur, dann aber irgendwann sah es richtig toll aus. Frank merkte noch an, was für eine Umweltverschmutzung wir mit unserem Besuch unterstützen würden, relativierte dann aber, dass wir ja schließlich nicht mit dem Auto dorthin gefahren seien. Die Bratwurst war auch lecker, das Bier auch – und wenn man nah genug am Feuer stand (und auch noch in der richtigen Richtung, so dass einem weder der beißende Qualm in die Nase noch die Funken in den Kragen wehten), war einem sogar richtig schön warm.

Um 22.30 Uhr machten wir uns dann auf den Heimweg und ja, wir hatten alle unsere Akkubeleuchtung dabei, und trockenen Rades waren um halb ein Uhr nachts völlig erschöpft und durchgefroren wieder zu Hause. Eigentlich wollte ich nach diesem tollen Abend nur noch in die Badewanne (aufwärmen) und dann ins Bett, aber vor unserer Haustür stand eine junge Frau, höchstens ein Jahr älter als ich, die ich ein paar Mal beim Krafttraining in meiner Klinik gesehen habe, während ich dort zur Physiotherapie war. Zwei, drei Mal habe ich mich mit ihr kurz unterhalten, ein paar Worte gewechselt. Sie war nach einem Reitunfall in einem allgemeinen Krankenhaus und als Kassenpatientin über eine Fallpauschale abgehandelt worden, somit nach sechs Wochen mit einer frischen Querschnittlähmung wieder draußen. Zum Vergleich: Ich habe fast ein Jahr gebraucht mit Reha und (okay, das kommt dazu) etlichen Komplikationen und weiteren Verletzungen. Aber sechs Wochen geht mal gar nicht und ist absolut unverantwortlich. Aber heutzutage leider normal.

Ich dachte im ersten Moment, sie sei bei einer Mitbewohnerin zu Besuch und stehe jetzt vor der Tür, um frische Luft zu schnappen, zu rauchen, … was auch immer. Nein, sie sah total blass und durchgefroren aus, total verquollene Augen, dreckverschmiertes Gesicht – eigentlich wollte ich nur einmal „Hallo“ im Vorbeifahren sagen, entschied mich aber für ein nachgestelltes: „Alles in Ordnung mit dir?“

Drei Sekunden schaute sie mich an, dann kullerten die nächsten Tränen über ihre Wangen. „Jule? Kannst du mir helfen? Ich bin zu Hause abgehauen und weiß nicht mehr, was ich tun soll.“

Ich kannte sie kaum. Da steht um halb 1 Uhr nachts eine fremde Frau vor meiner Tür und will … ja was? Quatschen? Sich ausheulen? Bei mir schlafen? Zu Hause anrufen? Sich aufwärmen?

Ich fragte sie: „Wie hast du dir denn das jetzt vorgestellt?“ – Sie antwortete: „Ich weiß es nicht. Ich bin einfach nur verzweifelt. Meine Eltern sind nur noch anstrengend, ich kann nichts alleine, nichts klappt, meine Freunde können mir nicht helfen und Rollifahrer kenn ich keine. Nur dich. Wahrscheinlich denkst du, ich bin total bescheuert und bist total genervt, aber ich weiß echt nicht mehr weiter. Ich bin heute mittag von zu Hause los und hab es irgendwie geschafft, hierher zu kommen.“

„Woher wusstest du denn überhaupt, wo ich wohne?“ – „Du hast mir doch mal beschrieben, wo du wohnst, beim Krafttraining. Du hast mich gefragt, wie ich immer von … die 24 Kilometer zum Training komme und hast dann gesagt wo du wohnst. In was für einem Gebäude und hast von dem Wohnprojekt erzählt und so.“ – Das stimmte. Ich war überfordert mit der Entscheidung, ob ich sie nun mit zu mir in mein Zimmer (achso, im Amtsdeutsch haben wir übrigens Apartements^^) nehmen sollte, vor allem, weil ich schon einmal so eine krasse Begegnung hatte, die mich am Ende einige Nerven gekostet hat. Aber ich entschied mich für ein: „Na, komm erstmal rein.“

Cathleen und Sofie setzten sich mit ihr und mir an einen Esstisch im Aufenthaltsraum und uns wurde sehr schnell klar, dass die junge Frau völlig hilflos war. Sie ist entlassen worden, ohne überhaupt vom Fußboden wieder in den Rollstuhl kommen zu können, kann mit dem Ding kaum vernünftig fahren, geschweige denn dass der überhaupt richtig passte. Ihr falle zu Hause die Decke auf den Kopf. Die Mutter verdrängt ihre Ohnmacht, indem sie alle 20 Minuten in das Zimmer der erwachsenen Tochter komme und nach dem Rechten sehe. Der Vater bewundere sie den ganzen Tag lang. Sie wohne auf dem Dorf, niemand interessiere sich für sie, sie sitze den ganzen Tag zu Hause und warte darauf, dass es Abend wird. Oder dass der Vater sie zum Krafttraining fährt, da blühe sie auf, da käme sie unter Leute, die mal mit ihr reden. Den Tipp, in der Fachklinik zum Krafttraining zu gehen, habe sie von ihrem Allgemeinmediziner bekommen. Das Krankenhaus, in dem sie behandelt wurde, hatte solche Möglichkeiten nicht und bietet auch keine Nachsorge an. – „Das ist normal so. Deswegen nimmt meine Fachklinik ja auch keine frischen Querschnitte im Rahmen der Fallpauschale mehr auf. Weil man die ganze Therapie eben nicht pauschal in sechs Wochen erledigen kann.“

Vermutlich war sie früher einfach nur gut behütet und umsorgt. Sie wirkte auf mich wie das Püppchen, das man lieber nicht zu laut anspricht, weil es sonst zerbrechen könnte. Und das es allen Recht machen möchte. Bloß keinen Streit vom Zaun brechen. „Wissen deine Leute eigentlich, wo du bist? Oder durchkämmen inzwischen drei bis vier Hundertschaften der Polizei die Umgebung?“ – „Mal den Teufel nicht an die Wand. Vermutlich ist es sogar so. Ich hätte nicht gedacht, dass das so lange dauert, bis ich hier bin. Mein Handy-Akku ist leer, zwei Stunden hab ich auf dich gewartet…“

„Dann rufen wir jetzt erstmal bei dir zu Hause an. Du oder ich?“ – „Was soll ich denen denn sagen?“ – „Dass du zwei Tage Abstand brauchst und dir alles über den Kopf wächst. Du bist bei Freunden und wenn sie das nicht glauben, reichst du den Hörer weiter.“

Es war kurz vor ein Uhr nachts, nach dem ersten Klingeln hob jemand ab und man konnte es durch den halben Raum hören: „Wo bist du denn? Geht es dir gut? Wir machen uns Sorgen! Was machst du denn bloß?“

Unglaublich. Sie hatte nichts dabei. Keine sauberen Klamotten, kein Schlafzeug, keine Zahnbürste, keine Katheter, keine Tabletten, nix. Und weil sie die seit mittags nicht mehr genommen hatte, roch sie auch nicht mehr so ganz frisch. Während sie nun bei mir duscht (gehen wir mal davon aus, es dauert insgesamt rund eine Stunde), hoffe ich, heute nacht überhaupt ein Auge zuzumachen. Ich wünsche frohe Ostern!