Gehen und Stehen vergessen

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Viele von uns wünschen sich mehr öffentliche Aufmerksamkeit für den Behindertensport, vollere Hallen und mehr Publikum an Rennstrecken, mehr als nur einen Einzeiler in der Zeitung, wenn man einen Europameistertitel geholt hat. Was in den letzten Jahren immer besser klappt, hat natürlich auch eine Kehrseite: Da sich die Presse überproportional über Negativschlagzeilen, Skandale und Eklats freut, muss jeder Behindertensportler doppelt aufpassen, nicht plötzlich mit irgendeiner Scheiße auf der Titelseite zu stehen, nachdem es mit Welterfolgen sonst gerade mal für das Sporttelegramm gereicht hatte.

Die Niederländerin Monique van der Vorst steht heute in nahezu jeder deutschen Tageszeitung, in einigen Boulevardschinken sogar auf der Titelseite. Überwiegend als skandalöse Schwindlerin. Und selbst jene überregionale Blätter, die ich sonst für halbwegs seriös halte, vergreifen sich -im Zweifel natürlich völlig unbeabsichtigt- in einem unangebrachten Unterton, der den Leser zumindest den Geisteszustand der Athletin in Frage stellen lässt. Mit Bezug auf ein Zitat auf ihrer Webseite („Was nicht tötet, härtet ab“) befindet ein szenenaher Internetblog, Nietzsche könne ihr wohl nicht mehr helfen, die Athletin müsse stark sein, um die Reaktionen zu ertragen.

Dass bei unserem Training nun schon diverse Male angehende Journalisten standen, um im Rahmen einer Hausarbeit oder eines Referats über Behindertensport zu schreiben, spricht, glaube ich, eine eindeutige Sprache. Ich finde es gut, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt und die Besonderheiten des Sports kennenlernt. Wenn ich gefragt werde, was es zu beachten gilt, und das werden meine Freunde und ich häufig bei solchen Anlässen gefragt, sind meine zwei Tipps folgende:

1. Schreibe nicht über Dinge, von denen du keine Ahnung hast.
2. Im Behindertensport ist jeder Mensch etwas besonderes.

Zu der ersten Empfehlung bin ich gelangt, weil innerhalb der Rollstuhlsport-Szene mehrere Brüller gehandelt werden, die sich die Presse schon geleistet hat. Bei den Paralympics 2008 siegte ein Rennradfahrer und die beiden Sportkommentatoren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen fragten sich gegenseitig: „Was für eine Behinderung hat der Junge?“ – „Das ist ein … ähm … hier steht nur was er ist … Der ist ein Zebra-Praktiker.“ – Gemeint war ein Zerebral-Paretiker, also jemand, der eine zerebrale Parese hat, das ist eine Lähmung durch eine Schädigung des Hirns. Der Journalist versuchte dann noch, das Phänomen der Streifenlähmung zu erklären, indem er die Optik eines Zebras bemühte. Andere Dinge zu erfahren, wäre zweifelsohne schöner gewesen, aber besser, man versucht, seine Behinderung über das Zebra zu erklären als seine Persönlichkeit.

Und die zweite Empfehlung? Es gibt Menschen mit Querschnittlähmung, die stehen, gehen, rennen können. Es gibt Leute, die im Alltag im Rollstuhl sitzen, obwohl sie frei gehen können. Es gibt Menschen, die Rollstuhlbasketball spielen, obwohl sie nur eine Knieverletzung hatten. Die bekommen sogar völlig legal einen internationalen Startpass und können Weltmeister oder Paralympicssieger werden. Grundsätzlich sollte sich jeder Mensch, der hinter einer Behinderung eines anderen einen Schwindel vermutet, zuerst die Frage stellen, ob es nicht möglicherweise das eigene Vorstellungsvermögen oder der eigene Verstand ist, der einen da behindert oder einengt. Kein Mensch ist an den Rollstuhl gefesselt (es sei denn bei einem heimtückischen Überfall), jeder entscheidet sich freiwillig, so ein Ding zu benutzen. Viele Rollstuhlfahrer sind froh, so einen großen Teil ihrer Mobilität (zurück) zu erlangen und in den meisten Fällen ist die Motivationslage klar. Aber selbst wenn man diese auf den ersten Blick nicht erkennt oder sie aus der Distanz nicht nachvollziehbar ist, die Entscheidung, einen Rollstuhl zu benutzen, ist für den Betroffenen immer eine subjektive und niemals eine objektive.

Monique van der Vorst war Parathriathletin und hat im Handbiken sogar paralympische Medaillen geholt. Ohne Zweifel, es wäre verwerflich, wenn sie andere Athletinnen um ihren Erfolg gebracht hätte, indem sie unfairerweise unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in ihrer Startklasse angetreten ist und gesiegt hat. Die Einteilung der Athleten in Startklassen dient dazu, direkte Vergleiche möglich zu machen, indem man Menschen mit (nahezu) gleichen Einschränkungen ihre verbliebenen Möglichkeiten messen lässt. Wenn dann aber jemand in eine Startklasse eingruppiert wird, in die er gar nicht hinein gehört, weil er im Wettkampf bestimmte Körperfunktionen ansprechen kann, die in der Startklasse üblicherweise nicht vorhanden sind und so einen Vorteil hat, den man eigentlich mit diesem Klassifizierungssystem ausklammern wollte, ist das zweifelsohne unsportlich.

Die Frage ist aber, ob die vermeintliche Betrügerin das konnte und mutwillig ausgenutzt hat. Und da behaupte ich einfach mal pauschal: Nein.

Richtig gelesen. Ich habe meine Zweifel. Und das, obwohl es so einfach und für den Sport vermutlich besser wäre, sich von so einer vermeintlichen Spinnerin großspurig zu distanzieren. Ich glaube nicht, dass sie betrügen wollte und so irre es sich anhört: Ich glaube ihr die Geschichte, die die Süddeutsche mit der Überschrift „Gehen und Stehen vergessen“ zusammengefasst hat (wenngleich ich den Artikel in dem Blatt katastrophal finde). Ich glaube ihr zum jetzigen Zeitpunkt, dass es nicht ihre Absicht war, andere zu betrügen. Und ich bin in der Parathriathlon-Szene nicht die einzige, die das glaubt. Selbst auf der offiziellen Handbike-Seite des deutschen Bundesverbandes bei Facebook, wo gleich heute morgen jemand den Link eingestellt hatte, findet man keinen einzigen negativen Kommentar.

Wir wissen, dass es psychische Erkrankungen gibt, bei denen die Betroffenen in einer Behinderung ihre Vollkommenheit sehen (BIID), wir wissen auch, dass es messbare Lähmungen als Folge eines Traumas gibt. Das zweite nimmt Monique van der Vorst für sich in Anspruch. Die Naivität, mit der sie sich ausgerechnet innerhalb der Szene als Fußgängerin zeigt und mit der sie später zugibt, einzelne Tatsachen verdreht zu haben, ist so krass und unvorteilhaft, dass das nicht zu angeblich jahrelangen Betrügereien passt. Ausgerechnet auf einer Veranstaltung des Behindertensports stellt sie sich ohne Not hin, obwohl sie über ein Jahrzehnt alles unternommen hat, um den kritischen Blicken etlicher Sportärzte, Klassifizierer, neidischen Teamkollegen zu entkommen? Und anschließend macht sie eine monatelange Reha und kein Arzt merkt etwas?

Es gibt ein Foto von ihr, und manchmal haben unsere körperbetonten Klamotten auch einen Vorteil: Man sieht alles. Frauen, so sagt man, kann man darin jeden Wunsch von den Lippen ablesen… Ihre Beine zeigen eine ausgeprägte Atrophie, einen Muskelabbau durch Inaktivität, besonders an den Unterschenkeln und knapp oberhalb des Knies. Mehr als wenige Schritte kann damit keiner laufen, besonders stabil wird damit auch niemand stehen. Den wahren Grund, warum sie nicht gelaufen ist, kennt nur sie selbst. Es gibt keine Untersuchung, mit der man feststellen kann, ob sie mal so eine psychisch bedingte Lähmung hatte oder nicht. Es gibt aber eine plausible Erklärung, warum sie mit der Wahrheit im ersten Moment überfordert gewesen sein könnte: Sie saß über zehn Jahre im Rollstuhl.

Ich verstehe ja, dass so eine Persönlichkeit den einen oder anderen vom Hocker haut. Es zeigt aber einmal mehr, wie gefährlich die öffentlichen Medien sein können.

Der erste Tag

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Semesterbeginn war ja schon vor einigen Wochen, aber heute hatte ich meinen ersten offiziellen Tag. Was soll ich sagen? Ich bin erschlagen.

Erstmal von den ganzen Leuten, die mich beim Aufnahmetest gesehen haben, die mich wegen meines Rollstuhls wiedererkennen, die ich aber nicht wiedererkenne. Schließlich ist es einfacher, sich das Gesicht einer Rollstuhlfahrerin zu merken als über hundert Gesichter der anderen Leute. Entsprechend oft hörte ich heute: „Hey, wir kennen uns! Du warst doch bei dem Test, freut mich, dass du ihn bestanden hast!“

Die meisten Leute habe ich aber noch nie zuvor gesehen und wenn man den Worten des ersten Dozenten Glauben schenken darf, wird bereits im ersten Semester erheblich gesiebt. Mit Marie und mir hatte noch keiner Probleme, allerdings gibt es noch eine junge Frau, die eine andere schwere Behinderung hat und bereits den ersten Eklat für sich beanspruchte.

Plötzlich gab es in einer Ecke des Hörsaals Lärm, alle drehten sich um, ein junger Mann meinte, er müsse sich übergeben. Grund dafür war das Gesicht einer Kommilitonin. Ich wusste nicht, was das sollte, aber der Lärm und das Rumgerenne einzelner Leute störte so sehr, dass es die komplette Aufmerksamkeit diverser Leute auf sich zog. Plötzlich wurde rumgepöbelt, ich schaute Marie an, die schüttelte nur den Kopf und irgendwie hatte ich schon gehofft, ich wäre aus meinem Kindergarten meiner Schule raus – und dann geht das hier genauso los. Mindestens ein Typ machte da hinten einen Zwergenaufstand.

Dann kam die junge Frau nach vorne und bat den sichtlich irritierten Dozenten, was sagen zu dürfen, wenn sie schon den Anlass liefert, die Veranstaltung zu stören. Ähm, ja, sie bekam ein Mikro in die Hand gedrückt und … was soll ich sagen … she made my day. Sie sagte, sie heiße Melanie, sei 21 Jahre alt und habe als Jugendliche in dem Betrieb ihrer Eltern ausgeholfen, als ein Kessel explodiert ist und das heiße Wasser darin ihren Körper, vor allem ihr Gesicht verbrüht hat. Nach etlichen Hauttransplantationen wachsen keine Haare mehr auf ihrem Kopf, ihr Gesicht sehe „wirklich schlimm und abrtig“ aus. Wenn sie morgens in den Spiegel schaue, fühle sie sich manchmal wie ein Nacktmull. Manchmal aber auch wie ein Mops und Möpse werden ja manchmal auch ein bißchen geliebt… Bevor es nun Spekulationen gäbe, ob in ihren Hautfalten auch Parasiten wachsen würden oder weitere Reaktionen wie der Brechanfall des jungen Mannes kommen, möchte sie die Gunst der Stunde nutzen und dem ersten Mobbingversuch „ihre verkrüppelte Stirn zeigen“. Wenn es sein müsse, setze sie sich in die hinterste Ecke, aber wir sollten ihr doch bitte die Chance lassen, das Studium fachlich zu verkacken und nicht schon wegen ihres Aussehens. Sie träume jede Nacht von ihrer Karriere als Nacktmodel, das seien immerhin acht Stunden pro Tag und somit ein Drittel ihres Lebens. Morgens wache sie als Nacktmull auf und habe die anderen zwei Drittel vor sich. Die anderen zwei Drittel reichten aber nicht, um sich zu erschießen – immer wenn es kurz davor sei, bekomme sie wieder den viel versprechenden Anruf von Heidi Klum.

Hut ab. Plötzlich klopften die ersten Leute auf die Tische, etliche standen nach und nach von ihren Stühlen auf. Sowas habe ich noch nicht erlebt. Malanie fragte dann: „Ist noch irgendwo Platz für mich? Dahinten war es irgendwie nicht so toll.“ – Sie fand ihren Sitzplatz und der Typ, der vorher diese Kotzattacke demonstriert hatte, stand auf, nahm seine Sachen und ging unter einigem Protest der daneben sitzenden Leute nach draußen. Keine Ahnung, ob der nochmal wiederkommt. Was mich ein wenig überrascht hat: Der Dozent hat zu der ganzen Sache gar nichts gesagt, sondern hat danach sofort mit seinem Kram weitergemacht.

Sein Kram: Erfolgreich studieren. Wie man sich organisiert, strukturiert, was erlaubt ist, was nicht, wo man sich welche Hilfe holen kann, was erwartet wird und was nicht. Wobei „was nicht erwartet wird“ sich eher schnell abhandeln ließ.

Die Mehrzahl der Leute scheint sehr nett zu sein, alle sind irgendwie noch sehr schüchtern und zurückhaltend, allerdings waren Marie und ich schon mit einer Sechsergruppe einen Kaffee trinken. Und die waren definitiv alle sehr nett.

Morgen geht erstmal das Gerenne und Gehacke los, wer welche Kurse darf und wer wann welche Praktika machen kann. Wir müssen bestimmte Pflichtkurse belegen, zwischen etlichen dürfen wir wählen, das eine oder andere spannende scheint schon im ersten Semester dabei zu sein.

Am tollsten war am Nachmittag die „Einführung in die medizinische Terminologie“, die uns noch das ganze Semester hindurch begleitet. Die Einführung. Hinter mir blökt eine los: „Was ist denn das? Einführung verstehe ich ja, aber Termino … häh?“

Ich freue mich auf morgen!