Abendlied

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So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder; kalt ist der Abendhauch. Verschon uns, Gott! mit Strafen und lass uns ruhig schlafen! Und unsern kranken Nachbarn auch!

Vollmond ist. Sagt zumindest mein Smartphone. Man sieht es auch, wenn man aus dem Fenster guckt. Oder auf das Foto hier oben. Ja, es ist ein Foto, eben gerade aufgenommen. Man sieht es aber auch, wenn man die Leute beobachtet. Vor zwei Stunden lief einer mit freiem Oberkörper durch die Straße. Bei 12 Grad.

Matthias Claudius sorgt sich in seinem „Abendlied“ um seinen kranken Nachbarn. Das in Deutschland wohl bekannteste Boulevardblatt sorgt sich hingegen heute um den Umgang seiner Leser mit behinderten Menschen. „Wie gehe ich richtig mit Behinderten um?“ ist da in fetten Lettern zu lesen.

Experten kommen zu Wort und erklären uns erstmal, wie wir richtig miteinander zurecht kommen: Man soll mir bitte nicht mitleidig über den Kopf streichen oder mir ungefragt Geld zustecken. Unterhaltungen führt man mit mir am besten nicht in Babysprache.

Statt darüber nachzudenken, ob ich an meinen Rollstuhl gefesselt sein könnte, sollte man mich lieber fragen, wie lange er mit einer Batterieladung fährt. Und Leute, deren Behinderung nicht offensichtlich ist, fragt man lieber nicht direkt, ob sie behindert sind – sondern lieber, ob sie besondere Unterstützung brauchen.

Vor Rollstuhlfahrern sollte man sich nicht hinknien, und bei Kindern im Rollstuhl sollte man die Eltern fragen, was die Kleine so mag. Auf keinen Fall sollte man gespieltes oder übertriebenes Mitleid zeigen. Und falls jemand einen spastischen Anfall kriegt (was ist das?), darf man ihn fragen, ob er ein Glas Wasser haben möchte.

Gut, dass wir darüber mal gesprochen haben. Sind das wirklich Dinge, die die Nation verunsichern und die sich nur von Experten beantworten lassen?

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.

Ein weiteres tolles Wochenende

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Ein weiteres tolles Wochenende ist vorbei. Inzwischen kann ich fließend bayrisch. Zumindest verstehen. Als Hamburger Deern glaubte ich zu wissen, dass, wenn ich morgens meine Stinkesocken nicht wiederfinde, diese höchstwahrscheinlich „wech“ sind. Inzwischen habe ich aber gelernt: Sie könnten auch „fort“ sein.

Um gleich der Frage vorzubeugen: Ich trage nachts keine Socken. Es sei denn, es ist arschkalt. Aber selbst dann ziehe ich die Dinger im Schlaf meistens unfreiwillig aus, zumindest eine davon, so dass ich das auch gleich sein lassen kann. Wenngleich ich meine Beine und Füße nicht willentlich bewegen kann, bewegen tun sie sich im Schlaf trotzdem. Von alleine, durch Nervenimpulse, die die Muskeln gerne hätten oder glauben, wahrgenommen zu haben. Gerade wenn ich lange Zeit gesessen habe und dann die Beine strecke, fangen sie gerne an zu zappeln.

Von Marie oder Cathleen würde es, wenn wir unter derselben Decke liegen, irgendwann heißen: „Sag mal, kriegst du das langsam mal in den Griff mit deinen Füßen? Das Gezappel nervt.“ – Meine Schwestern lagen zwar nicht mit unter meiner Decke, sondern auf einem aufblasbaren Gästebett in meinem Zimmer, trotzdem reichte es aber irgendwann für ein: „Mogst need amoi dei haxn gscheit zammramma?“ – Wobei ich dann mich vor meinem inneren Auge einen Karton gepökelte Eisbeine verräumen sah und unwillkürlich zu lachen anfing.

Sie haben sich bemüht, hochdeutsch zu sprechen. Und es hat auch geklappt. Aber geflucht haben sie auf bayerisch. Und untereinander waren sie auch eher in ihrem Slang unterwegs.

Was mir besonders toll gefallen hat: Sie hatten nach wie vor kein Mitleid und haben mich nicht mit Samthandschuhen angefasst. Okay, ich erwähnte bereits, dass Paula schon seit frühester Kindheit eine enge Freundin hat, die wegen Spina bifida, einer angeborenen Querschnittlähmung, im Rollstuhl sitzt, und inzwischen mit ihr zusammen studiert. Womit natürlich auch Emma regelmäßigen Kontakt zu ihr hatte und auch noch hat. Das ist ja aber bekanntlich kein Garant dafür, dass sie sich mir gegenüber normal verhalten – umso schöner, dass sie es tun.

Wir hatten ein ziemlich gefülltes Wochenendprogramm. Beide hatten sich von mir eine Erkundungstour im Rollstuhl gewünscht. „Ich möchte das schon seit Jahren, meine Freundin sagt immer, ich soll es einfach tun, aber ich kann mir das einfach nicht erlauben. Bei uns zu Hause ist das Risiko einfach zu groß, dass mir jemand über den Weg läuft, der mich kennt und im günstigsten Fall sich nur erschrickt und hinterher dumme Fragen stellt. Es gäbe aber auch genügend Leute, denen könnte man das nicht erklären. Unsere Mutter würde ausflippen, wenn es wegen so einer Aktion später Theater gibt.“

„In Hamburg kennt uns keiner. Da können wir mal die Sau rauslassen.“ – Also fuhren Marie und ich zusammen mit Emma und Paula in die Sporthalle „meines“ Krankenhauses, um, bewaffnet mit zwei weiteren Rollis, den beiden das Rollstuhlfahren beizubringen. Wenn man schon so eine Entdeckungstour macht, gilt es auf alle Fälle zu vermeiden, dass Situationen entstehen, die anderen Menschen eine Hilfestellung abverlangen. Das gehört sich einfach nicht. So eine Behinderung „vorzuspielen“ ist eine Sache, solange aber kein Dritter unmittelbar betroffen ist, ist das aus meiner Sicht eine persönliche Sache. Aber nun sich noch von Dritten helfen lassen, obwohl man eigentlich auch aufstehen könnte, das ginge entschieden zu weit.

Also übten wir, wie man sich fortbewegt. „Drin gesessen hab ich ja schon oft bei meiner Freundin. Und rumgegurkt bin ich damit im Zimmer auch schon. Und ankippen kann ich auch“, sagte Paula, verschätzte sich mit der Kippfreudigkeit von Sofies leihweise überlassenen Zweitrolli und lag auf der Erde. Das Kinn hatte sie gerade noch rechtzeitig zur Brust gezogen, so dass sie nicht mit dem Hinterkopf auf den Hallenboden donnerte. Zwei Sekunden guckte sie verdattert aus der Wäsche, dann fing sie zu lachen an. Auf der Straße wären nun die Menschen zusammengelaufen, mindestens einer hätte 112 gewählt … hier in der Sporthalle, an deren Rand mindestens 30 Leute an Fitnessgeräten turnten oder auf Fahrradergometern radelten, kümmerte sich niemand um das Problem. Lediglich der anwesende Sporttherapeut murmelte im Vorbeigehen: „Fallsucht?!“

Nach zwei Stunden Crashkurs verkündete Emma: „Ich bin völlig nassgeschwitzt. Ich muss gleich erstmal duschen. Ich hätte nie gedacht, dass das so anstrengend ist. Obwohl, ‚anstrengend‘ ist das falsche Wort. Kraft braucht man eigentlich kaum, aber man muss sich unheimlich konzentrieren, um das alles präzise zu koordinieren.“ – Am Ende meinte der Sporttherapeut: „Ist genehmigt. Wollt ihr heute noch auf große Tour?“

Als wir wieder bei mir zu Hause waren, schnipselten wir mit vier Leuten eine Reispfanne zusammen. Plötzlich sagte Emma: „Wir haben neulich gesehen, dass du die Million voll hast. Seitenaufrufe meine ich, bei deinem Blog. Bist ja ganz schön berühmt geworden mit deiner Geschichte, oder? Hast du nicht manchmal Angst, dass deine Offenheit dir Nachteile bringt? Ich meine später mal im Job oder wenn du neue Leute kennen lernst. Es gibt doch viele Dinge, von denen man eigentlich nicht möchte, dass andere sie erfahren. Du schreibst irgendwie über alles.“

Ich antwortete: „Ich glaube, diese Angst muss man nur haben, wenn man Außenseiter ist. Ich formuliere das bewusst so krass. Wenn man Freunde hat, die einen mögen wie man ist, und ich bin überzeugt, die habe ich, dann kann es einem völlig egal sein, was andere, die (noch) nicht deine Freunde sind, über dich denken. Ich zwinge ja niemanden zu näherem Kontakt. Ich kann mir lediglich vorstellen, dass, wenn man keine Freunde hat, es cool sein könnte, über mich abzulästern. Wenn keiner da ist, der widerspricht, weil er mich gern hat, kann man sich vielleicht eher ergötzen über die Dinge, über die ich öffentlich schreibe, obwohl man sie eigentlich vor der Öffentlichkeit geheim hält. Hast du Freunde, die solche Lästereien gleich im Keim ersticken würden, traut sich keiner, schließlich will man sich damit nicht selbst zum Außenseiter machen. Ich habe vielmehr die Erfahrung gemacht, dass man mit Offenheit und Ehrlichkeit gut punkten kann.“

Ich fügte hinzu: „Nicht alle mögen das. Vor meinem Unfall wäre ich lieber gestorben als zum Beispiel gefragt zu werden, ob ich schon mal Sex hatte. Oder mich selbstbefriedigt. Obwohl ich das damals noch nie gemacht hatte. Geschweige denn Sex. Und heute? Ich rede nicht mit jedem über Sex. Oder über Selbstbefriedigung. Es bleibt schon etwas intimes. Aber kein Geheimnis. Es darf ruhig jeder wissen, ob ich das mache. Wenn es interessiert. Ich laufe auch nicht durch die Straßen und rufe das in die Welt hinaus. Aber wenn einer fragt, bekommt er eine ehrliche Antwort. Und wenn einer meinen Blog liest, liest er mitunter auch darüber etwas. Statistisch gesehen mache ich das sowieso, dann bin ich lieber eine Persönlichkeit als eine Nummer. Ich habe lieber klare Verhältnisse als Gerüchte.“

Emma fragte Marie: „Bist du auch so offen?“ – Marie sagte: „Ich weiß nicht. Im Prinzip schon. Ich schreibe halt keinen Blog. Aber wenn mich jemand was intimes fragt … es hängt immer davon ab, warum mich jemand etwas fragt. Wenn er sich über mich lustig machen will, gebe ich eher keine Antwort.“ – Paula fragte: „Okay. Masturbierst du?“ – Marie grinste. Und sagte dann: „Jetzt gerade nicht.“ – „Anknüpfend an die Geschichte von neulich: Weiß deine Mutter, dass du das machst? Oder vermutet sie es nur? Wirst du jetzt rot?“ – Marie antwortete: „Ich werde immer rot bei solchen Themen. Aber sie weiß es.“ – Emma warf dazwischen: „Na, ihr habt ja Themen.“

Ich fragte: „Redest du mir ihr darüber?“ – „Um Himmels Willen. Nee. Nein, sie kam mal morgens in Zimmer und ich war halt im Bett, es war ein Sonntagmorgen, ich hatte mich sehr intensiv beschäftigt und war etwas verschwitzt. Sie wollte mich zum Frühstück wecken, sah mich und fragte, ob ich Fieber hätte. Wollte mir ihre Hand auf die Stirn legen und ich fauchte sie an: ‚Mama! Kein Fieber. Etwas mehr Diskretion bitte, ja?'“ – Ich grinste. Ich konnte mir das lebhaft vorstellen, auch den Gesichtsausdruck dazu. Ich fragte: „Und wie hat sie reagiert?“

„Ach, ganz süß eigentlich. Sie ist zurückgezuckt und sagte ‚Oh, Verzeihung. Ähm, Frühstück ist fertig.‘ Und später in der Küche hat sie mir einen Kuss gegeben und gesagt: ‚Mach dir keinen Kopf, okay? Es ist alles gut.‘ – Ich war damals 13 oder 14. Und da ist man doch noch etwas sensibler und grübelt über vieles nach. Beziehungsweise: Ich hab über vieles nachgegrübelt.“ – „Ich glaube, das ist normal.“ – „Und eine andere Situation hatte ich noch, da war ich 16 oder 17, da habe ich mir von meiner damaligen besten Freundin [aus einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit angeborener Querschnittlähmung] einen Vibrator ausgeliehen. Sie hatte den von ihrer größeren Schwester und eigentlich wusste ich nicht, was ich überhaupt damit wollte, aber es war cool und erwachsen und … naja, ich hab ihr versprochen, wenn ich den ausprobiere, zieh ich vorher ein Kondom drüber. Hab ich auch gemacht, nur leider hat meine Mutter das Kondom im Mülleimer entdeckt. Ich hatte damals einen Freund, mit dem ich aber nur geknutscht hatte, bevor es zum ersten Sex kam, waren wir schon wieder auseinander. Ich habe damals die Pille nicht bekommen, weil meine Mutter Angst hatte wegen Thrombose. Wir haben sehr offen darüber gesprochen und ich war einverstanden, dass ich sie nicht nehme, solange ich sowieso nicht mit ihm schlafe. Sie meinte, sie hat absolut nichts dagegen, wenn wir Sex haben, wir sollen nur unbedingt an Verhütung denken. Und ich habe ihr halt erklärt, dass wir höchstens fummeln, sie also ganz beruhigt sein kann. Und dann sah sie halt das benutzte Kondom.“ – „Und dann?“ – „Naja, sie hat mich drauf angesprochen und gesagt: ‚Ich dachte, ihr knutscht nur. Ist das noch aktuell, dass du keine Pille willst?‘ – Und ich habe halt gedacht: ‚Was will sie jetzt von mir, ich habe meinen Freund zwei Tage nicht gesehen?‘ – Naja, das Kondom. Lag halt im Müll im Bad. Hab ich ihr halt die Story mit dem Vibrator erzählt.“ – „Und?“ – „Sie hat mir ohne mit der Wimper zu zucken eine Flasche Desinfektionsmittel hingestellt und gemeint: Kannst du auch einfach abwischen. Ist auf die Dauer billiger.“ – „Cool.“

Paula fragte Marie: „Trägst du eigentlich auch Pampers?“ – Marie schüttelte den Kopf. „Nee. Ausnahmsweise vielleicht mal. Bis ich 14 war, hab ich immer welche gehabt, aber seitdem bekomme ich ein Medikament, das die Blase lähmt und muss mich kathetern. Das klappt recht zuverlässig.“ – „Warum nimmst du dieses Medikament nicht, Jule?“

„Ich bekomme das auch. Aber in niedrigerer Dosierung, weil ich die höhere Dosierung nicht vertrage. Da werde ich zittrig, sehe Doppelbilder – geht nicht. Ich bin ja auch relativ dicht, die Pampers ist ja eher eine Vorsichtsmaßnahme. Wenn ich zu Hause bin oder nur kurze Zeit unterwegs, trage ich auch keine. Und ich muss mich eben nicht kathetern, weil ich die Blase so leer bekomme. Hat alles seine Vor- und Nachteile.“

Paula sagte: „Ich würde ja eigentlich auch gerne mal sowas anziehen. Also nur um zu wissen, wie sich das anfühlt.“ – Emma fielen fast die Augen aus dem Kopf. Marie sagte: „Mach doch. Lass dir von Jule eine geben. Ist aber nicht anders als eine Unterhose. Das einzige, worauf man achten muss, ist, dass man sie richtig zuklebt.“ – Ich grinste. Emma verfiel vor Fassungslosigkeit in ihren bayerischen Dialekt, fragte ihre Zwillingsschwester einigermaßen entsetzt, ob sie jawohl nicht auch noch „einisoacha“ will.

Als wir endlich unterwegs waren, war Emmas erste Bemerkung: „Was gaffen die Leute denn bloß so extrem? Haben die noch nie jemanden im Rolli gesehen oder was? Das ist ja völlig extrem!“ – „Ich habe keine Ahnung, ob das vielleicht daran liegt, dass wir zu viert sind.“ – „Nee, eben als ich alleine mit dem Aufzug vorweg gefahren bin, glotzte auch ein Typ so extrem. Ich hätte am liebsten was gesagt.“ – „Ich merke das schon gar nicht mehr. Ich blende das echt aus. Es kann sogar sein, dass Leute an mir vorbei laufen, die ich kenne, und die ich überhaupt nicht wahrnehme. Oft denken die, ich bin unfreundlich und grüße nicht. Oft nehme ich sie gar nicht wahr.“

Wir fuhren mit der U-Bahn in die City, eierten dort durch die Haupt-Einkaufsstraße. Emma sagte erneut: „Das Gegaffe macht mich aggressiv. Ich kenne das ja von der Uniform her, da gucken ja auch viele. Plötzlich grüßen dich wildfremde Leute. Gähnen ohne Hand vor dem Mund oder in der Nase popeln kann man da nicht so einfach. Aber man kann zur Not wenigstens noch die Mütze weit ins Gesicht ziehen. Aber das hier? Ich komme mir vor wie eine rollende Zielscheibe.“

„Ich stell mir gerade vor, du setzt dir eine Polizeimütze auf und fährst damit im Rolli herum.“ – „Genau. Und dann am besten noch mit Handschellen an den Rollstuhl gefesselt. Und hinten guckt eine Windel aus dem Hosenbund.“ – Marie krümmte sich vor Lachen. Ein Mann fasste ihr von hinten auf die Schulter: „Na, habt ihr auch Spaß? Das finde ich toll.“

Am Jungfernstieg stellten wir uns an einem Eisladen an. Als Emma ihren Eisbecher in der Hand hielt, fragte sie: „Scheiße. Und wie komme ich jetzt vorwärts?“ – Eine Frau: „Ich helfe Ihnen! Soll ich Ihr Eis nehmen?“ – Ich löste die Situation auf: „Hier, halt mein Eis auch und ich schiebe dich.“ – Genauso machten es auch Marie und Paula. Als die beiden im der Abendsonne auf die Binnenalster guckten, meinte Paula: „Hamburg ist schon schön. Irgendwie haben wir noch nicht viel gesehen, aber mir gefällt die Stadt. Ehrlich.“

Als wir wieder zu Hause waren und die zwei überflüssigen Rollis abgestellt hatten, machten wir uns wieder auf den Weg in die Stadt, diesmal zur Sternschanze. Das dortige Schanzenfest wollten die beiden unbedingt erleben, wenngleich der größte Teil des Nachmittags bereits vorüber war. Ein Straßenfest mit vielen Flohmärkten, Musik, Fressmeile zog tausende Leute an. Wir ergatterten sogar noch einen Außentisch in einer der vielen Gaststätten und bekamen noch total leckeres Essen. Die Luft war angenehm warm und wir wären auch gerne noch länger geblieben, nur irgendwann kippte die Stimmung merklich. Nicht unsere, sondern die offensichtlich extra angereister Chaoten, die auf Randale eingestellt waren. Entsprechend machten wir uns vom Acker – gerade noch rechtzeitig, denn kurz danach gab es in jener Straße die erste Messerstecherei.

Am Sonntag haben sich Emma und Paula jeweils ein Fahrrad ausgeliehen. Zu dritt (ich mit meinem Handbike, nein nicht das Rennbike, sondern das zum Vorspannen für den Alltagsrolli) sind wir insgesamt fast 35 Kilometer an der Elbe entlanggeradelt. Es war total toll. Paulas erster Kommentar: „Ohh, Schaaaafis! Und ein schwarzes ist auch dabei!“ – Emma: „Familienzusammenführung.“

Unter anderem kamen wir auch an der Stelle vorbei, an der ich das aktuelle Hintergrundbild aufgenommen habe:

Am Montagmorgen sind meine Zwillingshalbschwestern wieder nach Bayern zurückgefahren. Ein weiteres tolles Wochenende ist vorbei.

Meine Viertelstunde

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Ich hatte die Augen schon zu, träumte von stinkenden Stinkesocken knackigen Jungs mit knackigem Popo, als es plötzlich an meiner Zimmertür wummerte. Dem Geräuschpegel nach musste irgendjemand etwas hochgradig wichtiges mitzuteilen haben. Vielleicht lag eine Bombe in der Waschküche? Oder Elvis Presley hockte in unserem Gruppenraum und aß Popcorn? Als es ein zweites Mal aufgeregt klopfte, schälte ich mich aus dem Bett und rollte zur Tür. Cathleen stand draußen: „Dein Handy ist aus. Steh auf, zieh dich an, in einer Stunde ist Training angesetzt. Tatjana hat eine SMS geschickt und Marie ist auch schon ganz aufgeregt, weil sie dich nicht erreicht.“

„Ja, ich war im Bett, da ist mein Handy immer aus! Sag mal, können die das nicht mal etwas langfristiger planen? Ich hab schon geschlafen!“ – „Nun sabbel nicht rum, zieh dich lieber an. Marie fährt und holt uns in 15 Minuten ab.“ – „Biken? Oder Rennrolli?“ – „Schwimmen.“ – „Schwimmen?!?! Bei Nacht?!“ – Cathleen zuckte mit den Schultern. – „Nun sag doch mal was dazu. Gestern habe ich Tatjana noch gefragt, ob wir am Wochenende nicht nochmal trainieren wollen, solange noch gutes Wetter ist. Da hieß es, es hätten zu viele Leute abgesagt und sie habe selbst auch keine Zeit.“ – „Jetzt entspann dich mal. Kannst dich gleich im Wasser auspowern.“

Also schnell ins Bad, auf Klo, Badeanzug an, T-Shirt und Sporthose drüber, Haare einigermaßen ordentlich zusammengebunden, Handtücher in die Tasche gefeuert, Duschzeug eingepackt, vorsichtshalber den Neo rausgeholt, Abfahrt. „Willst du keine Schuhe anziehen?“, fragte Cathleen.

„Wofür brauche ich Schuhe, wir haben 25 Grad draußen. Ich wollte am See nicht rumlaufen.“ – „Nicht?“ – „Heute nicht.“ – Als wir unten ankamen, wartete Marie schon. Ihr Auto parkte mit Standlicht mitten auf dem Parkplatz, sie selbst saß bereits in ihrem Rolli und gab sich betont genervt. „Hi. Na? Was ist das denn für eine Aktion hier mitten in der Nacht? Schwimmen im Freien, das kann doch keiner vernünftig beaufsichtigen. Manchmal begreife ich nicht, was in deren Köpfen vorgeht.“

Cathleen: „Ihr seid nur am Meckern. Jetzt entspannt euch doch mal und genießt das schöne Wetter.“ – Cathleen krabbelte auf die Rückbank, Marie und ich zerlegten ihren Rollstuhl und packten ihn in den Kofferraum, dann setzte ich mich auf die Türschwelle der Beifahrertür, Marie schob meinen Rolli nach hinten und packte ihn ins Auto, Klappe zu. Dann stieg sie auf der Fahrerseite ein, zerlegte ihren Rolli, schob den Beifahrersitz nach vorne und lud die Einzelteile auf die Rückbank. Anschließend konnte ich mich auf den Beifahrersitz setzen, Tür zu, Abfahrt.

Marie fuhr auf die Schnellstraße, direkter Weg zu unserem Trainingssee. Doch nach fünf Kilometern bog sie auf die Autobahn ab. Kann man machen, ist aber ein kleiner Umweg. Nur … sie nahm die Auffahrt in die entgegengesetzte Richtung. Ich fragte: „Was machst du denn jetzt? Richtung Lübeck ist falsch, Marie.“ – „Ach du Scheiße. Soll ich wenden?“ – „Auf der Autobahn?“ – „Nachts ist doch kaum einer unterwegs.“ – „Marie!“ – „Was?!“ – „Ich bin nicht lebensmüde. Fahr ordentlich!“ – Sie grinste. – „Und hör auf, mich zu ärgern. Ich war bereits in schönsten Träumen.“

Fünfhundert Meter vor der nächsten Ausfahrt fragte Marie: „Was meinst du, wer gleich alles kommt?“ – „Du musst hier raus, ja?“ – „Also außer uns dreien?“ – „Marie! Wie weit willst du denn jetzt noch in die falsche Richtung fahren?“ – „Ich fahr über das Kreuz Ost, das ist mir sicherer.“ – „Oah, Mädel, da kann man doch nirgendwo abfahren.“ – „So eine schöne Nachtfahrt.“ – Unglaublich.

Als sie auch noch an der Ausfahrt Barsbüttel vorbei fuhr, wo man nun eigentlich wunderbar hätte wenden können, drehte ich mich zu Cathleen um. Die guckte aus dem Fenster und sagte gar nichts. Ich kam mir ein bißchen verarscht vor. Als Marie an der nächsten Ausfahrt auch noch vorbei fuhr, sagte ich: „Wir fahren nicht zum See, oder? Was macht ihr hier mit mir?“ – „Wir fahren zum Schwimmtraining. Vom See war nie die Rede.“

„Okay, wohin fahren wir?“ – „Zum Schwimmtraining.“ – „Okay. Ihr habt irgendwas vor, ich lass mich überraschen. Hat es wenigstens irgendwas mit Schwimmen zu tun oder habe ich mir meine Badesachen umsonst angezogen?“ – „Wir fahren zum Schwimmtraining.“ – Okay, okay, ich bin ja schon ruhig. Wir fuhren die A1 in Richtung Lübeck, dann weiter in Richtung Oldenburg. Außer uns war kaum jemand unterwegs. Ich überlegte: Wollten die beiden mit mir an den Strand? Inzwischen waren wir rund eine Stunde unterwegs. Ich sagte: „Mädels, ich bin ja für jeden Scheiß zu haben, aber ich bin davon ausgegangen, wir fahren mal eben schnell an unseren See. Ich habe also keine Pampers um und auch keine Pampers dabei. Wenn die Fahrt also noch länger dauert, sollten wir zwischendurch mal irgendwo anhalten, damit ich vorsichtshalber nochmal pinkeln kann.“ – „Schaffst du noch eine halbe Stunde? Sag bitte rechtzeitig Bescheid.“

In Oldenburg bogen wir auf eine Bundesstraße in Richtung Kiel ab. Fuhren durch ein paar Orte und plötzlich ging rechts ein kleiner Waldweg ab. Ein aufgeblasener Luftballon hing an einem Baum. Es war stockdunkel. Wären es nicht Marie und Cathleen, die mich entführt hatten, hätte ich spätestens jetzt Panik geschoben. Plötzlich war der Wald zu Ende. Ein Haus stand dort, daneben eine Holzhütte. Ein leerer Parkplatz für etwa 20 Autos tauchte im Scheinwerferlicht auf. Marie fuhr über den Parkplatz. Auf der anderen Seite ging der Weg weiter. Ich sagte: „Wo sind wir hier? Das ist voll unheimlich!“ – „Das ist nicht unheimlich, das ist schön hier!“, antwortete sie grinsend.

Wir fuhren durch einen weiteren kleinen Wald. Man konnte vor Dunkelheit nur sehen, was sich im Lichtkegel vor dem Auto abspielte. Kurz vor Ende dieses zweiten kleinen Wäldchens lehnte jemand an einem Baum. So sah es zumindest aus. Doch, tatsächlich, da stand jemand. Und hatte irgendwas in der Hand. Plötzlich ging derjenige los, stellte sich uns in den Weg und hob ein rotes Licht hoch. Eine Polizeikelle. Super. Marie sagte: „Oh nee.“ – Cathleen fragte: „Was ist?“ – „Die Bullen. Bestimmt ist hier Durchfahrt verboten oder so.“

Marie hielt an und machte das Fenster runter. „Nabend!“ – „Nabend, Herr Wachtmeister. So alleine hier im dunklen Wald?“ – Ich dachte, ich höre nicht richtig. Der Typ sagte: „Im Gegenteil, mein Kollege steht an Ihrer Beifahrertür, falls Sie es noch nicht bemerkt haben. … ist mein Name, wir führen hier eine Verkehrskontrolle durch, machen Sie mal bitte den Motor aus und die Innenbeleuchtung an?“ – „Dazu habe ich eigentlich keine Lust.“ – „Sie tun das, was ich Ihnen sage, Sie befinden sich in einer polizeilichen Maßnahme.“

„Marie!“, fuhr ich sie an. Das musste doch nun wirklich nicht sein. Und wieso kontrollieren die hier im Wald? Suchten die jemanden? Oder war das wirklich ein illegaler Schleichweg? – Der Typ sagte weiter: „Ihren Führerschein und die Zulassungspapiere hätte ich gerne mal gesehen.“ – „Das wollen viele. Was bekomme ich dafür?“, fragte Marie. – Was sollte das?! War sie nicht ganz dicht? – „Marie!“, rief ich nochmal. Sie sagte: „Ich hab die im Handschuhfach, zusammen mit meiner Kalaschnikow.“ – Ey … jetzt fehlte nur noch, dass die die Waffen ziehen und wir uns hier flach auf den Boden legen müssen. Den Typen, der irgendwo im Dunkeln hinter mir stehen müsste, konnte ich nicht sehen. Der Beamte auf Maries Seite legte eine Hand auf seinen Pistolenholster und fragte: „Jetzt mal ohne Blödsinn, junge Frau, das ist nicht witzig. Haben Sie eine Waffe im Fahrzeug?“ – „Ich bin die Waffe!“, sagte Marie.

„Steigen Sie mal bitte aus. Langsam. Okay?“ – Mein Herz raste. Ich sagte: „Marie, spinnst du! Ich habe keine Lust, hier deinetwegen Ärger zu kriegen. Jetzt reiß dich mal zusammen.“ – Marie sagte: „Ich kann nicht aussteigen, meine Tür klemmt.“

Der Polizist sagte: „Okay, dann dürfen Sie weiterfahren.“ – Häh? Was war denn das jetzt für eine Nummer? Marie sagte: „Baby, ich will einen Kuss von dir.“ – Der Polizist beugte sich ins offene Fenster, nahm Maries Kopf in beide Hände, zog sie zu sich ran und drückte ihr ein Küßchen auf die Wange. Dann sagte er: „Kann ich mich jetzt endlich umziehen? Ist das Jule da? Die so verstört guckt?“ – Marie grinste. „Ist sie. Ist mein Papa schon da?“ – „Zelt ist schon alles aufgebaut. Die sind gerade nochmal los und holen noch Leute vom Bus ab.“ – „Alles klar.“

Mir fiel alles aus dem Gesicht. Cathleen saß auf dem Rücksitz und klatschte vor Lachen in die Hände. Ich war so baff, ich schnappte mir Marie, zog ihr Gesicht zu mir ran, sagte: „Du Arschloch!“ und gab ihr einen Kuss. Auf den Mund. Worauf sie antwortete: „Bäh. Darf ich vorstellen? Das ist Uwe. Kollege von Papa. Mein Patenonkel.“ – „Und der stellt sich hier nachts in den Wald und zieht die Show ab, nur um mich zu verarschen?“ – „Klar. Ich hab ihn drum gebeten. Das war seine Viertelstunde.“ – „Viertelstunde?“ – „Wirst du später verstehen.“ – Ich glaub es nicht.

Wir fuhren weiter. Cathleen flippte hinten auf der Rückbank aus, versuchte mich von hinten zu umarmen und rief: „Ich freu mich so, ich freu mich so.“ – Ich begriff nur, dass hier ganz offensichtlich diverse Leute irgendwas ausgeheckt hatten. Wir rollten auf einen Parkplatz. Diverse Autos standen hier. Etliche davon kannte ich. Unter anderem meins, mit dem offenbar Sofie gekommen war.

Der Parkplatz lag direkt hinter einer Düne und hinter der Düne war: Strand! Und die Ostsee. Und ein großes Lagerfeuer in einer großen, festinstallierten Feuerschale. Und ganz viele Leute vom Training und aus meiner WG. Ein befestigter Weg ging bis zum Strand, dahinter waren diverse dickere Platten ausgelegt. „Guten Abend allerseits!“

Nach endloser Begrüßungsrunde kamen noch drei Leute, die Maries Eltern vom Busbahnhof abgeholt hatten. „Können wir jetzt endlich schwimmen gehen?“ – „Wow, machen wir jetzt nachtbaden?“ – „Nacktbaden?“ – „Meinetwegen auch das.“ – „Jule? Ich habe dir ein großes Zelt aufgebaut und innen drin deine Luftmatratze für heute nacht aufgeblasen. Dazu auch noch eine zweite, die du mit ins Wasser nehmen kannst. Meine Viertelstunde“, sagte Maries Papa. Was hatten die alle mit ihrer Viertelstunde? Ich bedankte mich erstmal.

Maries Mama sagte: „Achso. Jule? Ich trag dich ins Wasser rein und hol dich wieder raus. Damit du nicht durch den Sand krabbeln musst. Sooft wie du möchtest.“ – „Okay?!“ – „Meine Viertelstunde. Wenn auch nicht an einem Stück.“ – „Ey, was habt ihr hier alle mit einer Viertelstunde?“ – „Das bekommst du schon noch raus. Einfach beobachten.“ – „Wollen wir jetzt noch schwimmen oder nicht?“

Es waren noch weit über 20 Grad. Die ersten machten sich auf dem Weg zum Wasser. Selbst Marie fing an, durch den Sand zu rutschen. Maries Mutter sagte: „Wir warten noch kurz, bis die am Wasser angekommen sind, okay? Die brauchen ja wesentlich länger.“ – „Und wieso willst du mich jetzt tragen? Und was hat das mit dieser Viertelstunde auf sich?! Das ist hier alles sehr geheimnisvoll.“ – „Das bekommst du schon noch raus. Die anderen können schön krabbeln, du wirst an diesem Wochenende mal getragen. Geht es dir gut?“ – „Ja danke! Ich bin zwar ein wenig verwirrt, aber angenehm verwirrt. Ich komm mir gerade vor, als wenn ich träume.“ – „Das freut mich. Es wird bestimmt lustig.“ – „Ich hab gar kein Handtuch mit. Und keine Schlafsachen. Und keine Pampers.“ – „Wir haben genug Handtücher dabei. Marie hat ein paar T-Shirts mehr mitgenommen. Und Cathleen hat Pampers für dich mit eingepackt.“ – „Das ist echt eine tolle Überraschung.“ – „Ja. Ach und Jule?“ – „Ja?“ – „Du hast in deinem Blog geschrieben, dass dir das unendlich peinlich war. Mit deiner Blase, als ich dich das letzte Mal reingetragen habe.“ – „Ja. Ziemlich. Kann mal wohl sagen.“ – „Kannst du dir da bitte nicht so viele Gedanken machen? Weißt du, wie oft Marie mich schon angepiescht hat in all den Jahren?“ – „Marie ist aber auch ist deine Tochter.“ – „Das stimmt. Aber dich hab ich auch lieb. Mach dich bitte nicht verrückt damit, okay?“ – „Hast du gerade gesagt, du hast mich lieb?“ – „Doch, Jule. Sehr sogar. Hast du das noch nicht gemerkt?“ – „Ja, doch. Nein. Doch.“ – Oah, stotter. Völlig falsche Richtung. – „‚Gern‘ hab ich gemerkt, ‚lieb‘ hab ich noch nie für möglich gehalten. Irgendwie. Vielleicht gewünscht und verdrängt?“ – „Och, Jule. Wieso nie für möglich gehalten? Ich hab dich lieb. Sehr lieb sogar. Ich freue mich natürlich, dass Marie und du so eng befreundet seid, aber ich selbst hab dich auch sehr lieb. Und mein Mann hat dich auch lieb. Der sagt das zwar nicht so direkt, aber wenn man über zwanzig Jahre miteinander verheiratet ist, kennt man seinen Partner.“

Ich schluckte. Das war das erste Mal, dass mir das in den letzten vier Jahren jemand so offen und direkt gesagt hat. Aus der Generation meiner Eltern. Nach meinem Unfall. Nach dem Bruch mit meinen Eltern. Nein, ich sehe die beiden nicht als Elternersatz, so ein Quatsch. Aber darf mich das bitte unheimlich bewegen und sehr berühren, wenn mir jemand, der vom Alter her meine Mutter sein könnte, sagt, dass er mich sehr lieb hat, nachdem der Kontakt zu meinen Eltern zerbrochen ist? Weil sie mich irgendwie wohl nicht mehr lieb hatten? Obwohl ich eigentlich kein anderer Mensch bin? Sorry für diesen Absatz völlig überzogener Sentimentalität.

Zum Glück war es dunkel. Maries Mutter hockte neben mir. „Heulst du? Och Jule, du heulst doch nicht. Was ist denn los mit dir? So kenn ich dich ja gar nicht.“ – „Sorry, ist gerade bißchen viel auf einmal. Ich fang mich gleich wieder.“ – Maries Mutter nahm mich in den Arm und drückte mich. Dann sagte sie: „Ich will mich nirgendwo einmischen, Jule, und nirgendwo zwischendrängen. Aber ich bin auch nicht blind. Wenn ich dir irgendetwas geben kann, was du brauchst und von dem du denkst, dass du es bei mir bekommen kannst, dann scheue dich keine Sekunde, es dir bei mir zu holen, okay?“

„Was meinst du damit? Kannst du mir ein Beispiel geben, woran du denkst? Das kann so vieles bedeuten.“ – „Ist egal, Jule. Irgendwas. Guck mal: Marie -ich weiß, sie wird mich dafür hassen, dass ich das erzähle, aber- Marie kommt fast jeden abend zu mir, legt sich neben mich aufs Sofa und will gekrault und gestreichelt werden. Und wenn ich das eine Viertelstunde gemacht habe, redet sie wie ein Wasserfall. Was sie bedrückt, was ihr Freude macht, womit sie Probleme hat, was sie angestellt hat, worüber sie traurig und worüber sie glücklich ist. Und mit dem Satz, den ich gerade gesagt habe, meinte ich: Würdest du den Kopf auf meinen Schoß legen, würde ich dich auch kraulen und dir zuhören. Okay? Mach daraus, was du willst. Vielleicht möchtest du nicht von mir gekrault werden, aber ich würde auch nachts um drei mit dir auf alle Männer schimpfen, wenn dein Typ mit einer anderen durchgebrannt ist. Oder dir alternativ eine heiße Badewanne einlassen. Ich möchte, dass du weißt, dass du immer zu mir kommen kannst. Oder zu meinem Mann. Falls es mal etwas gibt, womit du zu Marie oder zu anderen Freunden nicht gehen kannst. Komm bitte nicht auf die Idee und habe irgendeine Scheu oder denke, das müsste dir peinlich sein.“

Sie hielt mich immernoch im Arm. Ich drückte sie fest an mich heran und musste ihr einen Kuss auf die Wange geben. Und bekam postwendend einen zurück. Und mit der flachen Hand über den Hinterkopf gestreichelt. Das klingt vielleicht alles kitschig, aber das tat so gut. Ich habe ganz sicher meine Freundinnen und ich weiß, wie sehr sie mich mögen und wie lieb wir uns haben. Aber Maries Mutter hätte ich in dem Moment am liebsten nicht mehr losgelassen.

Die anderen waren bereits hörbar im Wasser angekommen. Warm sei es. Maries Mutter streckte mir ihren Rücken zu, umfasste meine Kniekehlen, ich umklammerte ihren Oberkörper. Sie hob mich hoch und latschte mir mir im Schein des Lagerfeuers zum Wasser. Es wurde hier wesentlich schneller tiefer als in Scharbeutz und es waren wohl auch mehrere große Steine unter der spiegelglatten Wasseroberfläche. Maries Mutter ging sehr vorsichtig, um nicht zu stolpern. Als sie bauchnabeltief im Wasser war, drehte sie sich um und hockte sich hin, so dass ich zwar von einer Sekunde auf die nächste im Wasser war.

In der Nacht zu Sonntag waren wir insgesamt zu zehnt, schliefen in einem großen und zwei kleinen Igluzelten. Die ganzen Rollifahrer waren in dem großen Zelt. Am Sonntag gingen wir bestimmt vier Mal ins Wasser. Das Wetter war herrlich, am späten Nachmittag fingen die beiden Männer an zu grillen und nach und nach kamen noch weitere Leute aus unserem Sportverein dazu. Auch Frank kam noch dazu.

Und plötzlich erklärte sich dann auch, was es mit dieser Viertelstunde auf sich hatte. „Am Dienstag müssen wir fast alle arbeiten, Jule, und das Wetter soll auch wieder blöder werden. Daher haben wir die Gunst der Stunde genutzt und schenken dir an diesem Wochenende eine große Strandparty, sozusagen zu deinem zwanzigsten. Aber gratulieren werden wir dann alle später. Da man dir mit Geld oder gekauften Geschenken vermutlich nur halbe Freuden macht, haben wir uns überlegt, dass dir jeder mindestens eine Viertelstunde schenkt. Also insgesamt ungefähr zwanzig Viertelstunden. Meine Viertelstunde ist dieser selbstgemachte Nudelsalat, den ich zu deiner Party dazu steuere.“

Tolle Idee! Was gab es noch? Eine Viertelstunde Verwöhnmassage in der Abenddämmerung (die gab es gleich mehrmals und doppelt und nur von Jungs…), selbstgemachte Bowle, selbstmariniertes Fleisch und Salate fürs Buffet – aber auch solche Sachen wie: Ein Inhaltsverzeichnis für meinen Blog. Da hat sich wirklich jemand einige Zeit hingesetzt und über 500 Beiträge geordnet und mit jeweils einem Satz zusammengefasst. Werde ich schnellstmöglich einpflegen, muss technisch noch etwas angepasst werden. Und einiges mehr.

Es war eine sehr tolle Party. Am Sonntagabend sind etliche wieder nach Hause gefahren, einige sind noch bis Montagmittag geblieben. Und bis Dienstag sind dann noch Jana, Cathleen, Marie und Simone geblieben. Anschließend kam Uwe, Maries Patenonkel, noch einmal, um das große Zelt mit abzubauen. Diesmal nicht in Uniform. Und … es war mehr als eine Viertelstunde. Die waren alle so lieb zu mir!!!

Danach war ich froh, wieder festen Boden unter den Rädern zu haben. Und mal wieder mit Seife duschen zu können. Besonders habe ich mich gefreut, dass Ronja und Maria am Sonntag zum Strand gekommen sind. Und für das nächste Wochenende haben sich nun meine beiden Halbschwestern angekündigt. Was für eine aufregende Zeit!

Cash für Maria

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Endlich. Der Bescheid für Maria, der ihr monatliche Leistungen zum Lebensunterhalt (sprich: Cash für Lebensmittel, täglichen Bedarf etc.) bewilligt, ist durch. Mit Bescheiddatum vom 14.08.12 wurde die Leistung rückwirkend ab Antragsdatum zuerkannt. Acht Monate werden nachgezahlt (somit bekommt eine gute Freundin ihr geliehenes Geld endlich zurück).

Bewilligt wurde die Leistung zunächst bis 31.08.12, das heißt, in den nächsten 14 Tagen muss noch ein neuer Antrag für die Zeit ab 01.09.12 gestellt werden. Bezeichnend ist, dass im Briefkopf bereits eine andere Ansprechpartnerin steht als diejenige, die den Bescheid unterzeichnet hat. Es hat also ein Personalwechsel stattgefunden, wohl nicht ganz freiwillig.

Mit dieser vorerst letzten Handlung der Behörde (Frank hatte sie bewusst abgewartet) vervollständigt sich eine etwa 130seitige Akte, die Maria nächste Woche als Petition an den Eingabenausschuss der Hamburger Bürgerschaft schickt. Sie und letztlich wir alle möchten erreichen, dass einige doch recht ungeheuerliche Vorgänge aufgearbeitet werden und von offizieller Seite eine Stellungnahme verfasst wird. In der Hoffnung, dass sich so etwas nicht wiederholt.