Tränen vor der Tür

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„Wenn ich nachts um halb drei Uhr bei dir vor der Tür stehe, mit Tränen in den Augen – lässt du mich hinein? Wenn ja, bitte liken.“

Solchen oder ähnlichen Blödsinn liest man ja immer wieder in einschlägigen Geschichtsbüchern, und es gibt auch immer wieder Leute, die so etwas teilen und posten. Dabei geht es nur um eins: Derjenige, der das erstmalig online gestellt hat, verdient -was auch immer- an den Likes. Ich behaupte immer frech: Meine Freunde wissen, ob und wann ich für sie da bin und wann ich wen in mein Zimmer lasse.

Dass das doch mal jemand ernsthaft wissen möchte, hatte ich nie für möglich gehalten. Und von daher war ich sehr perplex, als ich vor einigen Wochen eine SMS auf mein Handy bekam, von einer mir nicht bekannten Nummer, die mir genau diese Frage stellte (natürlich ohne das „bitte liken“).

Im ersten Moment, als ich die SMS bekam, wusste ich nicht, ob das ernst gemeint ist. Ich schrieb zurück: „Wer bist du denn?“

Als Antwort kam Sekunden später ein Vor- und Zuname eines 12jährigen Mädchens, das ich (aus meiner Sicht oberflächlich) vom Schwimmen kannte. Sie ist in einer Gruppe vor uns dran, man rollt sich über den Weg, hin und wieder habe ich auch in der Gruppe ausgeholfen. Ich hatte immer den Eindruck, dass sie mich sehr mochte, wusste aber nicht, warum, denn viele Berührungspunkte hatten wir nicht. Sie fand mich wohl einfach sympathisch. Jedenfalls hat sie mich immer begrüßt und mir bei jeder Gelegenheit auch von sich erzählt. Sie plapperte immer einfach drauf los, erzählte von ihrer Schule, von ihren Schwimmleistungen, von irgendwelchen Untersuchungen, die bei ihr gemacht wurden. Ich habe dann einfach zugehört, viel dazu sagen konnte ich oft nicht. Sie sitzt wegen einer angeborenen Querschnittlähmung im Rollstuhl, besucht eine Gesamtschule, ist recht hübsch, gepflegt, aufgeweckt, teilweise schon kiebig; auffallend schlank, hat dunkle, schulterlange Haare und trägt neuerdings eine feste Zahnspange.

Da ich nicht wusste, ob die SMS wirklich von dem Mädchen kam und ob sie das nur mal so allgemein wissen wollte, um die Tiefe unserer Freundschaft festzustellen oder mich besser einschätzen zu können, fragte ich zurück: „Hast du Kummer?“ – Sie schrieb zurück: „Ziemlich. Hab einen Fehler gemacht. Kannst du mir helfen?“ – „Wie kann ich dir denn helfen?“ – „Weiß nicht. Vielleicht reden?“ – „Klar. Wann denn? Und wo bist du überhaupt?“ – „Vor deiner Tür.“

Die Antwort: „Es ist jetzt aber nicht nachts halb drei, sondern vormittags halb 12!“ sparte ich mir selbstverständlich, guckte aus dem Fenster und sah ein Häufchen Elend auf dem Parkplatz stehen. Keine Verarsche. Ich fuhr nach unten. „Was ist denn passiert? Bist du abgehauen von zu Hause?“

„Aus der Schule. Ich hab gesagt, ich fühl mich nicht und möchte heim. Meine Mutter kommt aber erst um zwei von der Arbeit.“ – War das jetzt schon das Problem? Schule schwänzen? Ich musste es rausfinden. „Wovor hast du solche Angst?“, fragte ich sie.

„Vor meiner Mutter. Aber da kannst du mir nicht helfen, da muss ich alleine durch. Vielleicht hau ich auch ab und geh nie wieder nach Hause.“ – „Soll ich mit deiner Mutter sprechen?“ – „Nein, das bringt nichts. Das macht alles nur noch schlimmer.“ – Ich nahm sie erstmal mit in mein Zimmer. „Was macht deine Mutter denn, dass du solche Angst vor ihr hast?“ – „Sie schimpft und gibt mir Strafe. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Darf ich dich mal was geheimes fragen?“

„Was geheimes?“ – „Ja.“ – „Was ist denn ‚was geheimes‘?“ – „Na was geheimes eben, etwas, worüber man nicht redet.“ – „‚Was intimes‘ meinst du?“ – „Was bedeutet denn ‚intimes‘?“ – „Ja genau das, Dinge die man nur mit sich selbst abmacht und über die man höchstens mal mit der besten Freundin redet.“ – „Ist das normal, wenn man so intime Sachen hat?“ – „Sicher, sowas hat jeder Mensch.“ – „Du auch?“ – „Na klar. Du auch, da bin ich mir sicher. Ich bin zwar sehr offen, auch mit einigen intimen Dingen, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Jeder Mensch ist verschieden. Einige ziehen sich vor anderen nackig aus, andere zeigen nicht mal ihren BH. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden.“

„Ist das schlimm, wenn man sehr intim ist?“ – Ich musste mich bemühen, nicht zu grinsen. Ich antwortete: „Jeder Mensch hat eine Intimsphäre, das ist sowas wie ein gedachter, virtueller Raum, in den man alles das packt, was andere Leute nicht wissen sollen. Man kann von anderen Leuten verlangen, dass sie diese Intimsphäre beachten und sie nicht verletzen. Also nicht in diesen Raum eindringen. Das heißt, wenn du nicht möchtest, dass beim Umkleiden einer auf deine Brust schielt oder dich fragt, ob du gerade deine Tage hast, dann sagst du ihm, dass du das nicht möchtest, weil er in deine Intimsphäre eindringt. Und das darf er nicht.“

„Darf meine Mutter denn da eindringen?“, fragte sie. Ich antwortete: „Nein.“ – „Wirklich nicht?“ – „Nein! Deine Intimsphäre müssen auch Eltern respektieren.“ – Sie schluckte. Ich fügte hinzu: „Aber deine Eltern müssen natürlich auch aufpassen, dass es dir gut geht. Deswegen kann es manchmal sein, dass deine Eltern, wenn du dich zu sehr ein-igelst, auch mal unangenehme Fragen stellen. Oft sind Eltern ja sehr beunruhigt, weil sie sich Sorgen machen, dir könnte etwas passieren. Hast du denn das Gefühl, dass deine Mutter in deine Intimsphäre eindringt?“

Sie nickte. Ich fragte weiter: „Und hast du ihr mal gesagt, dass dich das stört?“ – „Nee. Ich wusste ja bis eben nicht mal, dass es so etwas gibt. Und ich glaube, das interessiert sie auch nicht.“ – „Aber wenn es da Probleme gibt, dann kann man ja durchaus mal mit deiner Mutter reden. Und sie darauf hinweisen, dass sie deine Intimsphäre beachten soll, ohne dass man darüber reden muss, was genau dich denn so stört.“

„Was ist denn bei anderen Leuten in dieser Intimsphäre so drin?“ – „Och du, ganz verschiedene Sachen, das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Die meisten Menschen reden nicht gerne über Krankheiten und Behinderungen, über Sexualität, über Nacktheit, über Probleme – innerhalb der Familie, mit Geld – oder so.“ – „Und es darf einen keiner zwingen über Dinge zu reden, die in dieser Intimsphäre drin sind?“ – „Naja, was heißt zwingen. Gerade unter Freunden oder wenn man ein gutes Verhältnis zu den Eltern hat, kann es sehr erleichternd sein, wenn man nicht alles mit sich selbst ausmachen muss, sondern auch mal über etwas Fragen stellen kann. So wie du gerade mit mir über das Thema redest, damit du ein bißchen mehr Ordnung in deine ganzen Gedanken bekommst.“

„Kann ich mit dir auch über solche Sachen reden?“ – „Wenn du zu mir das Vertrauen hast und darüber reden möchtest, klar, warum nicht.“ – „Ich möchte eigentlich über was reden, was aber sehr heftig ist. Eigentlich trau ich mich nicht.“ – „Musst du für dich entscheiden, ob du das willst.“ – „Es gibt doch Menschen, die … naja … die spielen da unten dran rum. Du weißt schon.“ – „Du meinst Selbstbefriedigung, ja die gibt es. Das machen viele Menschen.“ – „Du auch?“ – „Das ist zum Beispiel eine sehr intime Frage gerade. Aber ja, ich auch. Du auch, oder?“ – „Nee, auf keinen Fall.“ – „Okay. Du nicht.“ – „Ja, ich wollte mal fragen, wenn man das macht, also nur wenn, muss man dann mit der Mutter drüber reden oder kann man das auch zu dieser Intimsphäre dazu packen?“

So süß. „Nein, darüber musst du mit deiner Mutter nicht reden. Das kannst du ganz alleine für dich machen, abends im Bett, morgens im Bett, unter der Dusche, wenn du alleine zu Hause bist, das ist egal. Du solltest nur aufpassen, dass andere das nicht sehen, denn viele andere Menschen finden das unangenehm, wenn sie das bei anderen sehen. Und vielleicht hinterher einmal die Hände waschen, das wäre auch noch ganz gut.“

„Ich muss dir was sagen. Ich hab das doch schonmal gemacht. Ein, zwei Mal. Eigentlich wollte ich damit aufhören, aber dann … irgendwie ist das doch so, dass ich das dann wieder mache und immer wenn ich fertig bin denke ich: Das war jetzt das letzte Mal.“ – „Aber warum willst du denn damit aufhören? Mach es doch einfach, wenn du Lust dazu hast.“

„Wahrscheinlich findest du mich jetzt total peinlich und ich finde mich nachher auch total peinlich und jedes Mal, wenn ich dich wieder sehe, würde ich am liebsten vor Scham im Boden versinken.“ – „Ach, jetzt spinn nicht rum. Du bist 12 und ich bin 20. Das ist doch klar, dass du andere Fragen hast als ich. Ich bin sogar sehr überrascht, dass du mit mir darüber sprechen möchtest.“

Ich zog sie zu mir auf den Schoß rüber und nahm sie in den Arm. Sie klammerte sich sofort wie ein Baby an mich. Ohne Blickkontakt fragte sie weiter: „Du hast doch auch einen Querschnitt. Hast du auch eine gelähmte Blase?“ – „Ja. Jeder Querschnitt wirkt sich auch auf die Blase aus.“ – „Siehst du und darüber kann ich eben nicht mit jedem sprechen.“ – „Macht deine Blase Theater dabei?“ – „Ja. Deswegen will ich ja eigentlich aufhören damit.“ – „Kannst du nicht vorher einmal kathetern?“ – „Das mach ich ja schon. Aber manchmal dauert es so eine Stunde oder anderthalb, bis ich fertig bin und dann läuft doch schon wieder was raus. Gerade so kurz vor Schluss hab ich das Gefühl, fühlt sich meine Blase unheimlich gefragt.“

„Und wenn du das beim Duschen machst? Oder in der Badewanne? Da stört das doch keinen.“ – „Doch, meine Mutter. Wenn ich nach zwanzig Minuten nicht aus der Dusche bin, kommt sie rein und sieht nach mir. Und wenn ich dann da sitze und … das geht gar nicht. Und in der Wanne habe ich das schonmal probiert, aber das ist zu glitschig und ich rutsch auch immer weiter runter mit dem Oberkörper, ich kann mich dann nicht halten.“

„Dann ziehst du dir eine Pampers an. Klebst die nicht ganz so eng und … merkt ja keiner, weiß ja keiner. Außer dir.“ – „In der Wanne?!“ – „Im Bett!“ – „Ich darf im Bett keine Pampers anziehen. Meine Mutter sagt, die haben wir abgeschafft, die gibt es nur noch, wenn ich meine Medikamente mal nicht nehmen kann.“ – „Merkt sie das?“ – „Ja klar, ich komm ja nicht mal dran. Ich müsste sie fragen und alles erklären. Das mach ich nicht und das würde sie auch nicht mitmachen.“

„Und so Zellstoffunterlagen?“ – „Darf ich auch nicht. Ich habe nur so ein Stecklaken, aber das ist halt nur für den Notfall wenn es schief geht und muss gewaschen werden.“ – „Und wenn du dann hin und wieder mal einen Notfall hast?“ – „Das geht nicht. Dann schleppt sie mich zum Arzt oder weckt mich alle zwei Stunden nachts zum Klogang. Ich hab mir die letzten Male immer so zwei oder drei Waschlappen aus dem Bad mitgenommen und eine Mülltüte und dann daraus was gebastelt und drunter gelegt. Und gestern abend hat es halt nicht funktioniert und … meine Mutter hat heute morgen den Fleck gesehen und ist völlig ausgetickt. Wie das angehen kann, da oben, wenn sonst alles trocken ist, was ich da gemacht habe, und so weiter. Heute morgen war keine Zeit, aber sie hat gesagt, heute mittag reden wir darüber. Und was das heißt, weiß ich schon. Jule, ich will nicht nach Hause. Ich hab solche Angst.“

„Och Mädel, das ist ja fürchterlich. Meinst du nicht, dass deine Mutter weiß, was du tust?“ – Sie überlegte. Zuckte mit den Schultern. – „Bestimmt weiß sie das. Deine Mutter ist doch auch nicht dumm. Sie weiß doch, dass du Sexualität entwickelst und dann auch entdecken möchtest. Das machen doch alle Kinder, wenn sie erwachsen werden. Und ich meine, sie musste akzeptieren, dass du nicht normal auf Klo gehen kannst, dass du nicht laufen kannst, dass du ständig zu Kontrolluntersuchungen musst – dann wird sie doch auch akzeptieren, dass es bei dir etwas anders ist und du da einfach auch Freiräume brauchst, in denen sie absolut nichts zu suchen hat. Soll ich nicht doch mal mit ihr reden?“

„Nein, mir ist das so peinlich, wenn sie weiß, was ich da mache.“ – „Aber sie weiß es. Mütter wissen das, das ist völlig normal. Sie weiß vielleicht nicht, ob du jetzt so weit bist oder in drei Monaten, aber willst du sie anlügen, wenn sie dich fragt, wo der Fleck hergekommen ist? Willst du das ewig verheimlichen? Irgendwann kommt das sowieso raus.“ – „Ich schäme mich so.“ – „Mädel, du wirst erwachsen! Dafür muss man sich nicht schämen.“

Ich umarmte sie noch fester. „Soll Sofie mit ihr reden? Sofie ist Psychologin, die kriegt das hin.“ – Sie zuckte mit den Schultern. – „Sofie und ich zusammen? Wir bringen dich nach Hause und reden zuerst mit deiner Mutter. Ich bin mir sicher, sie kriegt das hin.“ – „Und wenn nicht, dann nehmt ihr mich wieder mit?“

Ich redete mit Sofie, die beiden lernten sich kennen, das Mädel war am Ende einverstanden. Wir fuhren zur Mutter, die begrüßte uns sehr freundlich und bat uns herein, mich kannte sie vom Sehen, Sofie nicht. Sie sah ihre Tochter und die erste Frage war: „Hast du geweint?“ – Bevor sie antworten konnte, sagte Sofie: „Frau …, lassen Sie Ihre Tochter mal in ihr Zimmer, ich möchte gerne mal mit Ihnen reden.“

Die Mutter war ziemlich überrumpelt, bat uns ins Wohnzimmer. „Frau …, mein Name ist Sofie …, ich bin Diplom-Psychologin und wohne mit Jule zusammen in einem Haus. Ihre Tochter und Jule kennen sich aus dem Sportverein. Frau …, Ihrer Tochter geht es sehr schlecht. Nicht körperlich, aber psychisch. Sie hat einen sehr guten und sehr erwachsenen Schritt getan und sich Hilfe geholt. Deshalb bin ich hier.“

Die Mutter schluckte. „Wie kommen Sie darauf, dass es ihr schlecht gehen könnte?“ – „Es ist für Ihre Tochter nicht greifbar und für Sie als Angehörige, die sie täglich sieht und schleichende Veränderungen nicht so schnell wahrnimmt wie jemand von außen, nur schwer zu erkennen. Hinzu kommt, dass Sie als Mutter ein ganz intensives Verhältnis haben und den sehnlichsten Wunsch, dass es Ihrer Tochter gut gehen möge. Sie ist nicht zu Jule gekommen, weil sie glaubt, ein Problem mit Ihnen oder mit sich selbst zu haben, sondern weil sie sich in einer ausweglosen Situation sieht. Ihr 12jähriger Kopf ist noch zu klein, um selbst eine Lösung zu erarbeiten. Sie braucht Hilfe. Von Ihnen.“

„Was ist denn los? Wie kann ich ihr helfen? Sie soll von mir jede Hilfe bekommen, die ich ihr geben kann. Sie hat von mir immer jede Hilfe bekommen, die ich ihr geben konnte.“ – „Frau …, es ist aus unserer Erwachsenensicht nichts dramatisches. Aber aus der Sicht eines 12jährigen Kindes und den Umständen zu Hause, wie Ihre Tochter sie subjektiv wahrnimmt – ich betone: subjektiv wahrnimmt -, ergibt sich für Ihre Tochter ein unlösbares Problem: Ihre Tochter wird erwachsen.“

„Ich verstehe nicht. Was meinen Sie? Ihre Tage hat sie bereits, seit sie 10 ist. Sehr früh, aber normal für Kinder mit Spina bifida, sagte der Kinderarzt.“ – „Ihre Tochter entwickelt ihre Sexualität. Und damit ist nicht gemeint, dass sie ihre Tage bekommt oder Kinder zeugen könnte, damit ist der gesamte Prozess im Kopf gemeint. Und dazu gehört, dass sie Schamgefühle entwickelt, eine Intimsphäre braucht, Rückzugsräume, Möglichkeiten, alleine zu sein und vor allem ihren Körper kennen zu lernen. Einen behinderten Körper, der so völlig anders ist, über den es kaum Literatur gibt, über den es in der Öffentlichkeit viele Tabus gibt, der vieles schwierig macht – ich habe selbst Spina bifida und weiß sehr genau, wovon ich spreche.“

„Sie erwischen mich gerade im luftleeren Raum.“ – „Ich möchte nur eins: Bitte machen Sie sich klar, dass Sie Ihre Sexualität nicht mit Ihrer Mutter besprechen. Zumindest haben Sie das nicht getan, als Sie jünger waren.“ – „Heute nicht mal, das wäre unvorstellbar für mich, ihr mein Sexualleben zu erzählen.“ – „Verlangen Sie es nicht von Ihrer Tochter. Und seien Sie hierbei hochsensibel. Kinder legen einen anderen Maßstab an als Erwachsene.“ – „Ich steh ein wenig auf dem Schlauch. Was genau braucht sie von mir? Was mache ich falsch? Was schlagen Sie vor?“

„Ihre Tochter braucht einen Rahmen, in dem sie ihre Sexualität ausleben kann, ohne dass sie sich dafür rechtfertigen muss. Damit meine ich nicht, dass sie hier irgendwelche Freunde oder Freundinnen anschleppt, mit denen sie ins Bett geht, man lebt ja schließlich unter einem Dach und kann Rücksichtnahme erwarten. Und mit 12 fände ich das auch viel zu früh. Nein, ich meine, dass ihre Tochter, sollte sie den Wunsch haben, sich zu befriedigen, ein einschlägiges Buch zu lesen, nackt zu schlafen, was auch immer … dann sollte sie das tun können, ohne dass Sie sich dafür rechtfertigen muss. Das heißt: Rückzugsräume. Wenn sie zwei Stunden duschen will, duscht sie eben zwei Stunden. Wenn „bitte nicht stören“ an der Zimmertür hängt, stört da keiner. Natürlich muss es eine Ordnung geben, es kann nicht sein, dass Sie morgens nicht zur Arbeit kommen, weil die Dusche zwei Stunden belegt ist. Aber Sie helfen Ihrer Tochter, wenn sie nicht nach 20 Minuten reinplatzen um nachzuschauen, ob sie noch lebt. So hat das meine Mutter immer gemacht und es gab Zeiten, da wollte ich da nicht nur duschen.“

„Da muss ich an mir arbeiten. Da muss ich wirklich an mir arbeiten. Da habe ich nie drüber nachgedacht. Ist sie denn schon so weit? Sicher, wenn sie ihre Tage bekommt, ach ich Rindviech.“ – „Ob Ihre Tochter sich jemals selbst befriedigen möchte, weiß ich nicht. Sie werden ihr dabei aber nicht helfen können und nicht helfen sollen. Das muss sie alleine regeln.“ – „Na sicher.“ – „Sie hat aber drei Aufgaben, andere Jugendliche nur eine. Ihre Tochter muss nicht nur den richtigen Dreh finden, sondern auch noch den auf ihren teilweise gelähmten Körper angepassten Dreh und, ganz wichtig, sie muss dabei auch noch ihre Blase in den Griff bekommen, die nämlich, wenn man den Intimbereich stimuliert, gerne mal auf sich aufmerksam macht.“ – Schluck. – „Es ist in Ihrem Interesse, Ihrer Tochter hierfür ohne große Kommentare Zellstoffunterlagen, Pampers oder was auch immer zur Verfügung zu stellen, damit sie für sich einen Weg findet, mit dem auch Sie leben können. Welcher Weg das ist, das werden Sie nie erfahren. Damit müssen Sie leben. Wie gesagt, Sie reden auch nicht mit Dritten über Ihre Sexualität.“

„Scheiße, ich glaube, ich habe alles verkehrt gemacht, was man nur verkehrt machen konnte.“ – „Nein, Sie haben alles richtig gemacht, Sie haben eine wunderbare Tochter. Es gibt nur Momente im Leben, wo man mal Weichen stellen muss, und wenn Ihre Tochter vor so einer Weiche steht, die sie selbst nicht stellen kann und sich dann, wenn auch eher unbeabsichtigt, Hilfe holt, dann haben Sie alles richtig gemacht. Sie können Ihrer Tochter vertrauen. Geben Sie ihr Freiräume, aber begrenzen Sie sie auch sinnvoll, damit sie nach wie vor Halt hat und Grenzen respektiert. Zum Beispiel, indem man ihr sagt, dass man sich nicht in ihre Sexualität einmischt, aber dafür auch jede Menge Vertrauen aufbringt. Und loslässt, was Eltern immer sehr schwer fällt. Auch dafür wird sie Verständnis haben. Dass man glaubt, dass sie verhütet, dass sie bei Problemen sich sofort Hilfe holt und dass sie fragt, bevor hier Leute übernachten. Das müssen Sie individuell schauen – gehen Sie es langsam an.“

„Ich hätte es merken müssen. Wie lange beißt sie denn schon an diesem Problem rum? Wochen? Monate? Jahre? Ich hätte das wirklich merken müssen. Mir dämmert gerade einiges. Hat Sie Ihnen von dem Drama heute morgen erzählt? Mit dem nassen Bett?“ – „Mir nicht“, sagte Sofie, ohne dabei gelogen zu haben. Konnte aber eins und eins spontan zusammen zählen und sagte: „Aber genau das meine ich. Ich schätze Ihre Tochter so ein, dass ihr sehr daran gelegen ist, keinen unnötigen Schweinkram zu veranstalten. Also ziehen Sie da eine wasserdichte Unterlage unters Laken und geben ihr die Chance, selbst dafür zu sorgen, dass was auch immer sie da macht, ohne Drama stattfinden kann.“

Die Mutter saß auf dem Sofa und klopfte sich mit der Faust mindestens ein halbes Dutzend Mal an die Stirn. „Argh. Das ist so peinlich. Ich hab das echt verdrängt. Das tut mir so leid. Was mach ich denn jetzt bloß?“ – „Sie haben bisher wahrscheinlich gar nichts falsch gemacht, es muss eben nur jetzt eine Entscheidung her. Aus Sicht eines Kindes haben Sie als leitende, erwachsene Mutter diese Entscheidung viel zu lange veschleppt. Auch wenn Sie keine Schuld trifft, beginnen Sie beschwichtigend und mit einer Entschuldigung. Sagen Sie ihr, dass es Ihnen Leid tut. Sagen Sie ihr, dass Sie für sie da sind und stellen Sie Ihre Kommunikation sukzessive um. Nicht mehr Sie geben vor, was für Ihre Tochter gut ist, sondern lassen Sie Ihre Tochter äußern, was sie möchte. Und dann denken Sie nach, schlafen bei Bedarf eine Nacht drüber und schlagen einen Kompromiss vor. Ihre Tochter muss insbesondere ihre Sexualität alleine organisieren. Sie können nur Hilfe anbieten. Es kann aber auch sein, dass sie sich die Hilfe woanders herholt.“

Warum schreibe ich darüber? Ich habe an dem Abend, an dem das passiert ist, von der 12jährigen eine lange SMS bekommen, in der sie sagte, ich solle Sofie ganz doll danken, ihre Mutter sei wie ausgewechselt. So verständnisvoll sei sie seit 12 Jahren nicht gewesen. Sie wollte wissen, ob ich ihr noch böse bin, wegen des „Überfalls“.

„So ein Quatsch“, habe ich geantwortet, „ich war nie böse. Es ist okay.“ – Die Mutter schrieb mir ebenfalls in den Tagen danach eine sehr positive Mail, in der sie sich, ich glaube, vier Mal bedankt hat. Sie schrieb von „kleine Leute, kleine Sorgen; große Leute, große Sorgen“. Dass das nicht so gelte, dass ihr aber deutlich geworden ist, dass die Herausforderungen, die sich aus der Mutter-Kind-Beziehung ergeben würden, inzwischen eine andere Qualität hätten. Nicht im negativen Sinne, sondern rein inhaltlich. Das Gespräch habe bei ihr einen Knoten platzen lassen, der ihr plötzlich einen neuen Zugang zu ihrer Tochter geschaffen hätte. Es habe einfach ein Baustein gefehlt.

Die 12jährige meinte, dass sie es gut fände, wenn ich darüber in meinem Blog schreiben würde. Sie kannte meinen Blog bis zu dem Besuch nicht, ich habe ihr den Link gegeben, in erster Linie, um ihr die Fragen zu beantworten, die sie nicht stellt. Sie meint: Es gibt bestimmt noch ganz viele andere Töchter und Söhne in ihrem Alter mit einer Behinderung, die genau die gleichen Probleme haben. Und die einfach mal eine Idee bekommen, wie es weiter gehen kann. Mit dem Einverständnis der Mutter schreibe ich nun darüber – allerdings ohne einen Namen zu nennen. Und nein, es gäbe mehrere Möglichkeiten, wer das sein könnte. Es geht um den Inhalt, nicht um die handelnden Personen. Manchmal muss die Neugier auch mal unbefriedigt bleiben.

Die Mutter hat den Text nur in Teilen bekommen und gelesen. Sie meinte, da auch das Gespräch zwischen mir und ihrer Tochter aus dem Text hervor gehe, möchte sie das nicht lesen. Sie vertraue mir und ihrer Tochter, dass alle mit einem blauen Auge davon kämen.

Mit der Einschätzung, es könnte noch andere Leute geben, hat die Tochter nicht ganz Unrecht. Eine, Nele, lernte ich im Frühjahr 2010 kennen. Es gibt noch sporadischen Kontakt zwischen ihr und mir, sie muss derzeit viel für die Schule lernen und kommt daher nicht mehr zum Sport. Aber sie sagt, es gehe ihr gut und eines Tages sei sie wieder dabei.

Schlimmer als jede Ehekrise

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Vor etwa drei Monaten kam in unsere Trainingsgruppe eine knapp 24jährige Frau, Rollstuhlfahrerin mit angeborener Querschnittlähmung (Spina bifida), wollte bei uns mittrainieren, war eigentlich mal in der (professionellen) Gruppe „über“ uns, hatte da aber wohl, wie sich jetzt herausgestellt hat, zunehmend persönliche Probleme.

Heute nun ist sie (auch) aus unserer Trainingsgruppe rausgeflogen. Die Verantwortlichen haben die Reißleine gezogen, sozusagen als letztes Mittel, um Schaden von anderen Teilnehmern abzuhalten. Und ich muss sagen: So sehr ich dafür bin, aufeinander zuzugehen, sich gegenseitig zu verstehen, Rücksicht zu nehmen, den anderen zu respektieren und zu akzeptieren – so sehr begrüße ich diese Entscheidung. Es mag überheblich und anmaßend klingen, aber dennoch bin ich froh, dass das Drama ein Ende hat und sie weg ist.

Sportlich war sie mittelmäßig, eher leicht unterdurchschnittlich, persönlich kam man gut mit ihr klar, solange es auf einer oberflächlichen Gesprächsebene blieb und man ihrer Meinung war. Womit wir bei dem Thema wären, das sich wie ein roter Faden durch unsere gemeinsamen letzten drei Monate schlängelt: Kritikfähigkeit und Selbstreflexion. Fehlende Kritikfähigkeit und kaum vorhande Selbstreflexion. Und sowas ist verdammt anstrengend.

Ich halte mich für einen sehr geduldigen Menschen und es dauert verdammt lange, bis mir der Geduldsfaden reißt, aber hätte nicht in der letzten Woche Tatjana die Weichen für einen Rauswurf gestellt, hätte ich mir überlegt, meine weitere Trainingsteilnahme davon abhängig zu machen, ob diese Person vor Ort ist. Das soll bitte keiner falsch verstehen, ich habe und hätte niemandem die Pistole auf die Brust gesetzt. Ich hätte das für mich entschieden, ohne großes Theater. Und hätte mir eine andere Trainingsgruppe gesucht, vielleicht gemeinsam mit einigen anderen Leuten.

Dass jemand mal Scheiße baut, ist völlig normal. Ich würde eher einen Menschen komisch finden, der nie etwas verkehrt macht, als jemanden, dem hin und wieder mal ein Fehler passiert. Ja, ich mache auch Fehler und ja, ich mache vielleicht sogar mehr Fehler als andere Menschen. Aber wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann kann ich dazu stehen. Ja, Kritik kann hart sein und ja, Kritik stecke ich manchmal nicht sofort weg. Und manchmal bin ich aus für mich sachlichen oder persönlichen Gründen auch anderer Meinung. Manchmal bis zu einem Kompromiss, manchmal auch nur noch einen Moment, bis ich einsehe, dass meine Haltung unsinnig, auf Kosten anderer, lieb- oder respektlos ist – manchmal bin ich auch nicht mal bereit, einen Kompromiss zu finden, weil ich von meiner Meinung nicht abweichen kann oder will. Das alles gehört zu mir, zu meiner Persönlichkeit.

Was wir in unserer Trainingsgruppe hinter uns haben, lässt sich kaum beschreiben. Ich nehme am Training teil, weil ich etwas lernen, mich verbessern möchte. Also nehme ich die Kritik von unserer Trainerin an, zumal sie die immer sachlich und respektvoll rüberbringt. Und klar, man kann mal anderer Meinung sein, auch das ist ihr recht, schließlich will sie uns zu selbständigen Menschen trainieren. Beim Rennen muss ich auch eigene Entscheidungen treffen. Aber es kann doch nicht sein, dass man jeden noch so klitzekleinen Ratschlag ausdiskutiert. Die nun rausgeflogene Sportlerin meckert rum, dass sie eine gewisse Geschwindigkeit nicht erreicht und Tatjana sagt: „Hast du schonmal probiert, deine Handhaltung zu ändern? Sie ist sehr ungewöhnlich.“ – „Ja, das funktioniert nicht, das mache ich schon immer so seit 10 Jahren, daran liegt das nicht.“

Tatjana teilt Kleingruppen ein. Grundsätzlich: „Wieso darf ich nicht mit xy zusammen in die Gruppe, immer bekomme ich Leute, die mich nicht fordern, ich will mit yz zusammen trainieren.“ – Oder, wie im Kindergarten: „Wieso darf diejenige heute eine Runde weniger fahren als ich?“

Nach dem zwanzigsten Zwischenfall platzt Tatjana der Kragen und es kommen dann Kommentare von ihr wie: „Wenn du meinst, dass du bei mir nichts mehr lernen kannst, dann such dir doch bitte eine andere Trainerin.“ – Worauf die ehemalige Teamkollegin dann angefangen hat zu heulen. Niemand verstehe sie, alle seien gegen sie, ihr würde aus ihrer Behinderung ein Nachteil gestrickt, niemand glaube an ihre Leistungen, die Haltung der Trainerin sei ursächlich für ihre Mittelmäßigkeit.

Es folgen mehrstündige Gespräche, in denen Tatjana ihr erklärt, dass sie Kritik annehmen muss, dass sie ihren eigenen Standpunkt überdenken muss. Bei allem Respekt vor ihrer Sensibilität, ein gesunder Dialog müsse noch möglich bleiben. Die Sportlerin bittet Tatjana, Kritik weicher zu formulieren, was anfangs Erfolg hat, jedoch bald scheitert, weil eine Trainerin, die auf dem Mountainbike nebenher strampelt, ruft: „Und JETZT schalten und SOFORT mit dem Sprint beginnen, und sofort wieder hochschalten, das dauert viel zu lange, das muss zackiger kommen.“

So ist das nunmal. Sie hat mich trotzdem lieb, trotz des rauen Tonfalls. Ein Chirurg im OP ruft auch nur „Zange“, „Tupfer“, „saugen“ und nicht: „Verehrte Schwester, hätten Sie die Güte, das Erbarmen und die Zeit, mir die vierunddreißigste Zange von links geöffnet und mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen in meine rechte Hand zu legen? Ich wäre Ihnen sehr verbunden.“ – Außerhalb des Trainings redet sie ja nicht so forsch.

Und wenn das alles nicht klappt, kann es eben auch mal sein, dass Tatjana sagt: „So, anhalten.“ – Worauf hin besagte Kollegin dann sagte: „Du kannst mich mal, ich fahr jetzt weiter.“ – Und Tatjana dann umdreht und sich um andere Leute kümmert, hinterher aber angeschwärzt wird beim Vereinsvorstand. Nee, echt nicht.

Am besten war die Aktion mit der Klobürste, die stellvertretend für mindestens zwei Dutzend ähnliche Fälle steht: „Ähm, xy, würdest du bitte die Klobürste benutzen, wenn du das WC benutzt hast? Das ist eklig.“ – „Ich war das nicht.“ – „Du warst doch aber gerade auf Klo.“ – „Nein, ich war nicht auf Klo.“ – „Entschuldigung, ich habe doch gerade gesehen, dass du hier aus dem Raum gekommen bist.“ – „Ich war nur Hände waschen.“ – „10 Minuten lang?“ – „Ich war nur 2 Minuten drin.“ – „Das stimmt nicht, ich warte seit über 10 Minuten darauf, endlich auf Klo zu können. Und das ging nicht, weil du es besetzt hast.“ – „Ja, dann habe ich eben 10 Minuten Hände gewaschen.“ – „Und da war das Klo schon dreckig? Als wir vorhin abgeschlossen haben, war es doch noch sauber. Da war ich nämlich als letzte drauf und ich habe es sauber hinterlassen.“ – „Vielleicht hast du es ja auch nicht sauber gemacht.“ – „Ja vielleicht. Ist gut, ich habe keinen Bock, mit dir darüber zu diskutieren.“

„Das sieht dir ähnlich, andere beschuldigen, nur um von sich selbst abzulenken.“ – „Es reicht!“ – „Nein, ich musste mir deine Vorwürfe auch anhören.“ – „Ich möchte mit dir über das Thema nicht mehr sprechen.“ – „Aber ich mit dir. Du hörst mir jetzt mal zu. Ich finde das unmöglich, dass du mich vor anderen Leuten als diejenige hinstellst, die hier das Klo nicht saubermacht. Wie ein kleines Kind. Und ich sag dir was: Ja, ich habe das Klo nicht saubergemacht. Aber es war vorher auch schon dreckig.“ – „Du hast doch gerade abgestritten, überhaupt auf dem Klo gewesen zu sein. Das ist das, was hier ständig zu Stress führt.“ – „Ich habe nie gesagt, dass ich nicht auf dem Klo war. Ich habe gesagt, ich habe lange Hände gewaschen. Aber ich habe nicht gesagt, dass ich nicht auf dem Klo war. Was willst du mir hier eigentlich unterstellen? Du denkst wohl, nur weil ich behindert bin …“ – „Überleg dir genau, was du jetzt sagst, ich sitze auch im Rollstuhl.“ – „Ja aber erst seit drei Jahren. Ich seit dreiundzwanzig.“

Und so lief alles. So liefen alle Gespräche. Und sollte es mal so sein, dass alles Rauswinden nichts brachte, kam: „Ich hab das anfangs nicht richtig verstanden. Aber du musstest ja gleich ein Drama draus machen.“ – Ich kann es nicht mehr hören. Cathleen sagte immer: „Schlimmer als jede Ehekrise.“

Meine Bank

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Wenn ein Mensch in einen Laden geht, nur um dem Inhaber mitzuteilen, dass ihm die Auswahl missfällt, muss die Frage erlaubt sein, welches Ziel dieser Mensch mit seiner Aktion verfolgt. Möchte er das Sortiment ändern? Oder nur Stunk machen? Sehr viel einfacher macht es sich dieser Mensch, wenn er über seine Motivationslage aufklärt. Entsprechend versteht wohl jeder, dass ich unsachliche Meckerkommentare (dein Blog ist scheiße, deine Idiotenmagnetsgeschichten sind frei erfunden, …) nicht veröffentliche. Dadurch entsteht zwar ein falsches Bild, nämlich das, das alle meine Leser meinen Blog toll finden, aber ich glaube, damit kann ich leben.

Zum Thema „Idiotenmagnet“ habe ich in meinem Beitrag „Nur die Augen“ folgende These aufgestellt: „Diese schrägen Situationen häufen und vermindern sich parallel zum Umfang der Behinderung, dem eigenen Umgang damit und den wiederum deshalb verwendeten Hilfsmitteln.“ Als ich das vor etwa einem Vierteljahr aus bestimmtem Anlass geschrieben habe, habe ich nicht lange über diesen Satz nachgedacht, sonst wären mir bestimmt auch noch Worte wie „Kongruenz“ eingefallen und ich hätte irgendwie auch noch die Abhängigkeit von persönlicher Assistenz mit eingebaut.

Entscheidend ist aber, und diese These möchte ich heute noch einmal so deutlich formulieren: Den Idiotenmagneten gibt es zu jeder Behinderung kostenlos dazu. Und seine Anziehungskraft bestimmt sich nach dem im Ausweis eingetragenen GdB (Grad der Behinderung), ihrer Sichtbarkeit und ihren Auswirkungen im Alltag, den verwendeten Hilfsmitteln und Kompensationstechniken sowie … einer dem einen oder anderen unbekannten Größe, mit der man multiplizieren muss.

Meine Bank heißt genau so wie jene, die mit einem mit diesen Worten beginnenden Slogan seit vielen Jahren beworben wird. Zumindest jene Bank, bei der ich mein Girokonto habe. Für die Anlage meiner Unfall-Entschädigungen hatte man leider kein mir passendes Konzept. Ich möchte vorweg sagen, dass ich von dieser Bank (und das betrifft nicht nur einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin, sondern alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit denen ich bislang zu tun hatte) immer korrekt und freundlich behandelt worden bin. Mein Kundenberater in der Filiale in der Nähe meiner alten Wohnung kam bei jeder Gelegenheit auf mich zu, gab mir die Hand, fragte, ob alles in Ordnung ist, erkundigte, wenn gerade nichts los war, sich nach meinem Sport – insgesamt sehr angenehm.

Wenn ich jetzt gezwungen wäre, über meine jetzige Kundenberaterin etwas negatives zu sagen, würde ich sagen, sie erscheint mir manchmal ein wenig overdressed. Wenn ich bei dem Wetter in kurzer Hose, Top, barfuß dort reinrolle und sie in Feinstrumpfhose, langem Rock, Bluse, Jacke und aufwändig zusammengesteckten Haaren sehe, möchte ich manchmal am liebsten fragen, ob sie nicht schnell mit an den See möchte, eine Runde schwimmen. Ich hätte überhaupt nichts, was ich kritisieren könnte, sie hat sich gerade erst für mich um eine Kreditkartenabrechnung gekümmert, auf der eine Buchung doppelt auftauchte, hat mir telefonisch einen Zwischenstand aufs Handy gegeben … ich mach es kurz: In einer Umfrage würde ich sie mit „sehr gut“ bewerten.

Dennoch habe ich heute über einen Link eines befreundeten Rollstuhlfahrers etwas gelesen, was ich zunächst nicht glauben konnte. Angeblich soll vor etwa zwei Wochen in einer Mitarbeiterkonferenz in einer (anderen) Filiale eben dieser meiner Bank beschlossen worden sein, einen Rollstuhlfahrer nicht mehr zu bedienen. Besagter Rollstuhlfahrer leidet an Muskelschwund, was nicht selten auch -wie bei ihm- eine Sprachbehinderung mit sich zieht. Die Mitarbeiter der Filiale ekeln sich vor dieser Behinderung, es sei eine große Zumutung. Er solle sich doch einer Assistentin bedienen, die sich ihren Job schließlich ausgesucht habe. Der Filialleiter habe, konfrontiert mit diesem Vorfall, lediglich ergänzt, die Mitarbeiterin sei besonders geruchsempfindlich.

Ich hätte das nicht weiter aufgegriffen, weil es so unglaublich klingt. Die Bank bestätigt diesen Vorfall aber mindestens indirekt, indem sie auf ihrer Webseite zu dem Thema schreibt: „Dieser Ausnahmefall tut uns und der betreffenden Kollegin sehr leid und entspricht selbstverständlich nicht unserem Verständnis von Kundenservice. Wir haben uns deshalb bereits kurz nach dem Filialbesuch in der vergangenen Woche bei Herrn W. persönlich entschuldigt und zwei längere Gespräche mit ihm geführt. Herr W. teilte uns daraufhin mit, dass er weiterhin bei [uns] betreut werden möchte. Außerdem haben wir Kontakt zum Verband behinderter Menschen aufgenommen, um zu prüfen, ob es dort ggf. weitere Empfehlungen für den Umgang mit behinderten Menschen gibt.

Da wird eine Mitarbeiterkonferenz einberufen, in der es zu dem Beschluss kommt, einen behinderten Menschen, der seit Jahren Kunde ist, wegen seiner Behinderung nicht mehr zu bedienen? Was bitte läuft da falsch?! Wie kann es zu solchen Vorgängen kommen?

Ich kenne den ganzen Sachverhalt nicht. Ich kenne den Kunden nicht. Kackt der regelmäßig ein, so dass es zu solchen Geruchsbelästigungen kommt? Dann würde ich der Bank zustimmen, das ist unerträglich. Ich meine das völlig ernst: Das kann ja mal passieren. Wenn jemand, ob nun durch einen Querschnitt oder durch schwindende Muskelkraft, das eine oder andere nicht mehr so ganz unter Kontrolle hat, geht schonmal was in die Hose. Und das stinkt dann auch. Und ich würde, würde mir das passieren, ganz sicher nicht in einen Supermarkt, eine Bank oder ähnliches gehen rollen. Zumindest nicht, um dort seelenruhig jemanden anzusprechen, ob er mir einen Überweisungsträger ausfüllt. Sondern ich begebe mich schnurstraks unter die nächste Dusche und mache mich sauber, und wenn ich das nicht selbst kann, bitte ich meine Pflegekraft, das zu tun.

Wie gesagt, ich kenne den Kunden nicht. Ich kann mir alles mögliche vorstellen. Und darauf darf man auch als Dienstleister, auch als solcher für behinderte Menschen, angemessen reagieren. Wenn der Herr mit einem tropfenden Rollstuhl reinkommt und die Auslegware der Filiale mit einer Urinspur versieht, muss er für den Schaden aufkommen. Wenn das mehrmals vorgekommen ist und er die Reinigung nicht zahlen kann, hätte man meines Erachtens ebenfalls einen sachlichen Grund, um den Herrn des Hauses zu verweisen.

Wenn der Kunde rumsabbert und vielleicht noch mit seinen Händen ständig seinen runtertropfenden Speichel abwischt, dann kann ich es gut verstehen, wenn eine Bankmitarbeiterin demjenigen nichts in die Hand drücken will oder mit ihm zusammen mühsam die Unterschrift auf einem Überweisungsträger anbringt. Aber dann kann die Lösung doch nicht sein, dass man denjenigen rauswirft! Onlinebanking wäre sicherlich eine Möglichkeit, aber wer weiß, ob der Kunde überhaupt einen PC bedienen kann. Es wird sich doch eine andere Lösung finden: Beispielsweise dass der Kunde den Auftrag mündlich erteilt und zwei Bankmitarbeiter gegenzeichnen. Sollte er dann einmal behaupten, er habe den Auftrag nicht erteilt, hätte man wiederum einen Kündigungsgrund, nämlich ein fehlendes Vertrauensverhältnis, was für eine Bank ja besonders wichtig ist.

Ich sage es nochmal: Ich kenne weder die Bankmitarbeiterin noch den Kunden. Aber ich weiß, dass ich schon Leuten begegnet bin, die sich, nachdem sie mir die Hand gegeben haben, eben diese sofort waschen mussten. „Wer weiß, wo die überall ihre Finger hatte.“ – Soll ichs sagen? Genau dort, wo andere Leute ihre Finger auch haben.

Was mich an dieser Sache besonders stört, ist, dass hier wieder neuer Raum geschaffen wird, mit großem öffentlichen Druck auf ein politisch korrektes Verhalten zu drängen. Die Mitarbeiterin wird, auch wenn sie sich 1.000 Mal entschuldigen muss, um ihren Job zu behalten, nicht morgen oder übermorgen ein neutrales Verhältnis zu sabbernden oder pupsenden Kunden haben. Es entwickelt sich ein Umgang, vielleicht sogar eine Kultur, die es mir immer schwerer macht, festzustellen, ob jemand mich akzeptiert oder ob er mich akzeptieren muss. Klar, bei meiner Bankmitarbeiterin im Dienst könnte ich mit aufgesetzter Akzeptanz leben, solange es sich eben nur um ein zeitlich begrenztes Ereignis wie einen Bankbesuch handelt. Aber wäre es nicht wesentlich sinnvoller, echte Akzeptanz zu generieren? Das wäre, glaube ich, gar nicht sooo kompliziert…

Eine ganze Million

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Heute morgen um genau 10.05 Uhr war es so weit: Der

1.000.000 Besucher blickte auf meine Seite. Eine Million! Erste Reaktion von Marie, die im Auto auf der Rückbank neben mir saß: „Hättest du das als Buch verkauft für 7,90 € im Eigenverlag, hättest Du jetzt drei Millionen Euro Gewinn und könntest mir ein Haus kaufen.“ – Bevor ich ein Wort sagen konnte, streckte sie mir ihre Wange hin, verzog das Gesicht und kniff die Augen zu in Erwartung einer Ohrfeige. Ich gab ihr ein Küßchen.

Die Mutter drehte sich auf dem Beifahrersitz um: „Was willst du denn mit einem Haus? Du schaffst es ja nicht mal, dein Zimmer sauber zu halten.“ – „Ich hab dich auch lieb, Mama.“

Okay. Das Buffet ist eröffnet, greift zu. Die Schnittchen hier links sind mit Zwiebelmett, das sollte bei der Hitze vielleicht als erstes … also haut rein!

Ich denke, es ist an der Zeit, was zu schreiben an alle die, die meinen Blog lesen: Danke für Eure Geduld mit mir, für den Mut, den ihr mir macht, für die nervigen Fragerunden, für das Provozieren, fürs Augenöffnen, für die vielen lobenden, aufmunternden und bewundernden Worte – und vor allem fürs Lesen.