Das „Wir“ gewinnt

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Einskommaeins Millionen … langsam wird es Zeit für ein paar Starallüren.

Die Sozialorganisation „Aktion Mensch“, den meisten Menschen bekannt über die Lotterie, die der Verein für Projekte zugunsten behinderter Menschen veranstaltet, ist auch Herausgeber vieler verschiedener Medien für das Miteinander von Menschen, egal ob mit oder ohne Behinderung.

Ein Aufklärungs-Themenheft, eine 88-seitige A4-Broschüre mit dem Namen „Wissen Inklusion“, wurde Ende August herausgebracht. Auf Seite 20 findet sich neben einem Zitat (und mit Foto) von Wolfgang Schäuble eine Auswahl aus meinen „50 Sätzen, mit denen ich als Rollstuhlfahrerin in der Öffentlichkeit von wildfremden Menschen mehr als einmal konfrontiert wurde“ – samt einem Link auf meinen Blog und einer netten Comiczeichnung, in der ein älterer Herr mit Stock eine Rollstuhlfahrerin im Bus anspricht, sie solle ruhig sitzen bleiben.

Leider musste ich die gerade beschriebenen Bilder unkenntlich machen, da ich für deren Veröffentlichung keine Erlaubnis bekommen habe. Für den Rest jedoch schon, vielen Dank! Daher: Schaust du!

Herzinfarkt

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„Pizza selbst machen“ lautete das Motto für unseren DVD-Abend. „Zutaten selbst kaufen“ geht dem selbstverständlich voraus. „Gemeinsam dafür losfahren“ war der Vorschlag von Maries Mutter, die ebenfalls noch einkaufen wollte und uns damit anbot, beim Einkaufswagen schieben behilflich zu sein. Und beim Tragen. Und beim Herunterholen der besten Sachen aus den obersten Regaletagen. (Was sind Regale-Tage?!)

Mal nicht selbst fahren zu müssen, kann auch entspannt sein, und so blödelten wir auf der Rückbank herum, während Maries Mama die Familienkutsche in Richtung Einkaufscenter lenkte. Während wir an einer Kreuzung auf grün warteten, fiel mein Blick auf einen Typen, geschätzte 50 Jahre alt, der sich an einem Ampelmast auf der gegenüber liegenden Straßenseite festhielt. Die übrigen Leute machten einen großen Bogen. Dann torkelte er los, nicht über die Straße, sondern weiter den Gehweg entlang, ging zwischen zwei Autos hindurch. Suchte seinen Schlüssel.

Ich sagte: „Guck mal da drüben, will der jetzt Auto fahren? Der ist doch völlig breit.“ – Maries Mutter antwortete: „Bei seiner Gesichtsfarbe würde ich eher auf Herzprobleme tippen.“

Sekunden danach hielt sich der Mann an seinem (?) Auto fest und rutschte langsam auf den Boden. Setzte sich unsanft hin, griff sich mit beiden Händen an die Brust, guckte ängstlich aus der Wäsche. Verzerrte das Gesicht. Maries Mutter seufzte. Bog über die immernoch rote Ampel nach rechts ab, wechselte in den Fahrstreifen des Gegenverkehrs, blieb direkt vor dem Typen stehen und schnallte sich ab. Autos kamen auf dieser kleinen Straße gerade keine, dafür waren aber jede Menge Fußgänger unterwegs. Ein junger Mann, um die 18, mit Augenbrauenpiercing, Vollbart, schwarzen Lederstiefeln, schwarzer Jeans und langem grauen Stoffmantel, kniete sich bereits zu ihm. Marie fragte: „Soll ich einen Krankenwagen rufen?“

Maries Mutter sagte: „Notarzt. Hundertzwölf.“ – Sie stieg aus. Marie machte das Fenster runter. Während sie wählte, fragte sie: „Was soll ich denen sagen? Kreislaufprobleme?“ – „Herzinfarkt. Und wenn er diskutieren will, gibst du ihn mir.“ – Im selben Moment: „Ja, guten Tag, mein Name ist Marie …, wir sind im …weg vor Hausnummer 1, da ist gerade ein Mann zusammengebrochen, meine Mutter ist Ärztin und kümmert sich um den, sie meint, ich soll den Notarzt rufen, er hat wohl einen Herzinfarkt.“

Maries Mutter war gerade von dem Typ im grauen Mantel angesprochen worden: „Lassen Sie mal, ich bin Ersthelfer!“ – Maries Mutter antwortete: „Ich bin Ärztin. Können Sie mir helfen und dort in die Praxis laufen und fragen, ob die einen Notfallkoffer haben?

Kurz darauf kam er mit zwei Frauen raus. Eine, geschätzt über 60 mit Stethoskop um den Hals, eine junge Frau Anfang 20, einen roten Rucksack über die Schulter hängend. Die Frau sagte: „Da haben Sie Glück, wir sind eigentlich nur noch mit Papierkram beschäftigt. Was hat er denn? Sie sind Kollegin? Oh bitte machen Sie, ich assistiere Ihnen. Ich habe den Rucksack noch nie benutzt, nur einmal reingeschaut, als wir den angeschafft haben.“

Als der Rettungswagen zwei Minuten später mit Blaulicht um die Ecke kam, hatte der Typ immerhin schonmal einen Venenzugang und einen freigelegten Oberkörper. Die Sanitäter holten das mobile EKG-Gerät aus dem Wagen. Die ältere Ärztin stand auf: „Auf der Erde rumkriechen tut meinem Ischias alles andere als gut. So ein Mist.“

Nun kam der Hammer: Das EKG ließen sie Maries Mutter noch ankleben und anschließen. Als sie dann aber, nachdem sie sich das angeguckt hatte, den Sanitäter fragte: „Können Sie mir … und … und … aufziehen bitte und die Trage vorbereiten? Der Patient muss schnell in die Klinik?“ sagte dieser: „Ich möchte erstmal Ihren Ausweis sehen. Das eine ist ein Betäubungsmittel, ich komme in Teufels Küche, wenn ich mich nicht vorher vergewissert habe und sich hinterher rausstellt, dass Sie keine Ärztin sind.“

Maries Mutter guckte ziemlich doof aus der Wäsche. Der Typ stand schulternzuckend neben ihr. Die andere Ärztin, die am Auto lehnte und sich den Rücken hielt, sagte: „Geben Sie mal her.“ – Der Sanitäter sagte: „Nee, Sie auch nicht. Eine weiße Hose ändert nichts an den Tatsachen.“

Maries Mutter legte also selbst Hand an. In dem roten Rucksack von der älteren Ärztin waren die benötigten Medikamente scheinbar auch drin. Sie nahm eine Glasampulle raus und drückte sie der älteren Kollegin in die Hand. – Der Sanitäter antwortete kleinlaut: „Ist ja schon gut.“ – Maries Mutter sagte: „Ich bin jahrelang selbst Notarztwagen gefahren, Sie müssen keine Angst um Ihren Job haben. Mein Ausweis liegt im Rucksack und der liegt hinter zwei Rollstühlen im Kofferraum, dafür haben wir jetzt keine Zeit, okay? Der Zustand des Patienten ist absolut lebensbedrohlich. Ist eigentlich der Notarzt mit Euch ausgerückt?“

„Disponiert ist er, aber es ist wohl im Moment keiner verfügbar. Ich denke, der nächste freie kommt so schnell wie möglich nach. Heute ist der Teufel los.“ – Ende vom Lied: Nachdem sie den Typen, der inzwischen nicht mehr ansprechbar war, in den Rettungswagen verladen hatten, fuhr Maries Mutter im Rettungswagen mit ins Krankenhaus. Die andere Ärztin sammelte den Müll von der Fahrbahn und machte den Rucksack zu, ging wieder in ihre Praxis und wir standen wie doof entgegen der Fahrtrichtung mit dem Auto auf der Straße. Und konnten es nicht wegfahren, da es ein Schaltwagen ist. Und an unsere Rollstühle kamen wir auch nicht. Immerhin konnte Marie so weit nach vorne durchkrabbeln, dass sie den Motor ausmachen und das Warnblinklicht einschalten konnte. Irgendwann würde Maries Mutter sicherlich mit dem Taxi zurück kommen, wir hatten ja Zeit.

Vorher kam aber noch: Richtig, die Polizei. Ein Streifenwagen hielt an. Nach kurzer Diskussion fuhr einer der Beamten das Auto in eine Parklücke, räumte uns die Rollstühle aus dem Auto und so konnten wir zumindest schonmal einkaufen fahren. Ohne eine Helferin, die uns beim Einkaufswagen schieben behilflich war. Und beim Tragen. Und beim Herunterholen der besten Sachen aus den obersten Regal-Etagen.

Opfer einer Fallpauschale

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Die Fallpauschale bringt es mit sich: Während vor ein paar Jahren frische Querschnitte noch lange genug im Krankenhaus und vor allem in der anschließenden Reha verbrachten, bekommt die Behandlungseinrichtung heute von der Krankenkasse in der Regel nur noch eine pauschale Summe. Was dazu führt, dass einige Kliniken, die sich eigentlich auf Querschnittlähmungen spezialisiert hatten, den „Standard-Querschnitt“ auf Krankenkassenrechnung gar nicht mehr aufnehmen, sondern nur noch komplizierte Fälle (beispielsweise hoch gelähmte Patienten, die dauerhaft beatmet werden), behandeln. Privatpatienten haben, ebenso wie Unfallopfer, bei denen eine Unfallversicherung das Krankenhaus anhand der tatsächlichen Behandlungsdauer vergütet, ebenfalls noch eine Chance.

Der Rest wird in Krankenhäusern behandelt, die sich eben nicht auf Querschnittlähmungen spezialisiert haben – mit der Folge, dass sie nach drei bis sechs Wochen wieder zu Hause sind und im Alltag alles andere als zurecht kommen. Sie können mit ihrem Rollstuhl nicht umgehen, trauen sich nicht auf die Straße, kommen vom Fußboden weder ins Bett noch in den Rolli. So haben wir aktuell eine junge Frau Anfang 20, die vom Pferd gestürzt ist und zum Glück bei ihren Eltern lebt. Alleine wäre sie permanent von einem Pflegedienst abhängig. Als sie aus der Klinik kam, war sie nicht mal in der Lage, sich alleine vom Rollstuhl auf die Toilette umzusetzen. Und sie hat die gleiche Lähmungshöhe wie Jana, die völlig selbständig ist und überhaupt keine Hilfe durch Dritte braucht.

Davon abgesehen, dass sie körperlich absolut unfit ist, geht es ihr psychisch zur Zeit so schlecht, dass sie eigentlich in eine Klinik gehört. Das würde bei Aufnahme wohl eine neue Fallpauschale auslösen, nur glaube ich nicht, dass man mit ihr in der Psychiatrie die Mobilität mit dem Rollstuhl üben würde. Es ist zum Heulen. Zum Glück hat der Vater einen halbwegs kühlen Kopf behalten und drängt sie nun zum Sport. Schwimmen, meinte er, könnte sie auf jeden Fall lernen, und so tauchte er irgendwann mit ihr bei unserem Schwimmtraining auf, wurde von Tatjana in eine Anfängergruppe geschickt – und nachdem die dortige (laufende) Übungsleiterin zurückmeldete, dass sie dringend Kontakt zu Rollstuhlfahrern braucht, haben sich Marie, Cathleen, Jana und ich ein paar Mal mit ihr getroffen. Sie ist sehr nett, sehr schüchtern und eben völlig überfordert. Was inzwischen dazu führt, dass sie spätestens jeden zweiten Tag bei irgendeinem von uns vor der Tür steht, weinend, nach Halt suchend. Und irgendjemand fährt sie dann kurz vor Mitternacht wieder nach Hause. Anstrengend. Nicht sie, sondern ihre beschissene Situation.

Weil wir wissen, dass es für sie noch anstrengender wird, wenn wir sie auf Distanz halten würden, was wir eigentlich tun müssten, um uns selbst zu schützen, machen wir genau das Gegenteil und laden sie im Moment ständig zu uns ein. Sei mit uns zusammen, lerne mit uns zusammen, wie du mit deiner Behinderung zurecht kommst, und fühle dich wohl. Eigentlich kann es nicht irgendeines Menschen Wille sein, was hier passiert, aber dennoch passiert es. Inzwischen sind wir aus dem Tal der Tränen raus, inzwischen ist sie so weit, dass sie einen bissigen Ehrgeiz entwickelt hat, Fortschritte zu machen. So kommt sie inzwischen selbständig auf das Klo und auf den Beifahrersitz. Vorgestern haben wir mit ihr geübt, wie sie im Sitzen alleine eine Hose über ihren Po bekommt. Im Liegen konnte sie es, aber im Sitzen nicht. Ich glaube, es waren 70 Versuche. Ab dem 50. Versuch wurde sie aggressiv. Am Ende konnte sie es.

Heute nun treffen wir uns abends für einen DVD-Abend bei Marie. „Ziemlich beste Freunde“ gibt es inzwischen ja zu kaufen, vielleicht schaffen wir es auch für eins der letzten Male in diesem Jahr in den Pool, vielleicht sogar in die Sauna. Sobald der erste Nachtfrost kommt, wird das Wasser abgelassen. Und auf jeden Fall wollen Marie, Cathleen, Jana und ich mit der jungen Frau den Transfer vom Fußboden in den Rollstuhl üben. Das muss sie können. Ob sie will oder nicht.

Es geht wieder los

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Kreisch! Es geht wieder los. Im Supermarkt steht schon wieder regalweise das Weihnachtsgebäck. So weit das Auge reicht. Und so, wie es aussieht, steht das da nicht erst seit gestern, und so wie das auch aussieht, bedienen sie mit dem frühen Verkauf (wir haben September!) auch die Wünsche etlicher Kunden. Einige Kartons sind ja schon komplett leer.

Alte Traditionen sind also nichts mehr wert. Als ich noch ein Kind war, wurden im Advent Kekse gebacken. Die Bäcker und Händler nutzten diese besinnliche Zeit, um besondere Leckereien unter das Volk zu bringen. Ich stelle den Antrag, Weihnachts- und Ostersachen das ganze Jahr hindurch zu produzieren und anzubieten. Dann fällt diese Geschmacklosigkeit wenigstens irgendwann nicht mehr auf.