Der Hund im Gang

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Man kann fast darauf warten: Irgendwann kommt sie, die nächste Reportage über ausgegrenzte Behinderte. Und so gab es in der letzten Woche seitenfüllend einen mit fetten Lettern überschriebenen Artikel in einem in Hamburg täglich erscheinenden Boulevardblatt: „Konzertverbot für Blinde.“

Wie fast immer ging es um die Teilhabe eines Menschen am gemeinschaftlichen Leben, wie fast immer wurde die Sicherheit des behinderten Menschen oder seiner Umwelt vorgeschoben und wie noch häufiger ist die Unbeholfenheit, mit der Menschen (mit und ohne Behinderungen), die bei ihrem Job mit Menschen (mit und ohne Behinderungen) zu tun haben, agieren, kaum noch zu toppen.

Da will ein Paar, beide um die 50, beide haben eine Sehbehinderung, in ein A-Capella-Konzert in einem großen Konzertsaal in Hamburg. Beide haben Eintrittskarten gekauft, beide erscheinen pünktlich vor Ort; womit der Veranstalter aber nicht gerechnet hat, ist, dass die beiden einen Blindenhund mitbringen.

Der Sicherheitsdienst darf keine Hunde reinlassen und schickt die beiden nach einiger Diskussion wieder nach Hause. Schließlich könnte der Hund im Gang liegen und bei einer Evakuierung des Gebäudes könnte jemand über ihn stolpern.

Ja nee, is klar. Während sich alle Sehenden durch die Notausgänge ins Freie schieben, weil die Hütte brennt, bleiben die beiden seelenruhig sitzen, kraulen ihr 25.000 Euro teures Hilfsmittel und wundern sich ein wenig über den Lärm und darüber, dass der Kamin so raucht und einer nach dem anderen dem Hund auf den Schwanz tritt.

Ich behaupte mal: Bei einer halbwegs geordneten Evakuierung bieten die jeweiligen unmittelbaren Nachbarn den beiden blinden Menschen an, sie unterzuhaken und nehmen sie mit raus. Selbst wenn Herrchen seinen Wauwau dabei nicht am Geschirr festhält, wird der schon mitkommen. Und bei einer Massenpanik ist es völlig egal, ob dein Nachbar dich in Todesangst mit seinem eigentlich im Boden verankerten Sitzmöbel erschlägt, dich bei seiner Flucht über den Haufen trampelt, oder ob dir der Blindenhund vor lauter Angst in die Wade beißt.

Ich finde es unglaublich, dass ein Veranstalter, der Konzerte organisiert, bei denen hunderte, tausende oder sogar zehntausende Besucher auftauchen, sich anscheinend noch nie mit der Frage beschäftigt hat: „Was mache ich eigentlich, wenn da einer vor mir steht, der eine Behinderung hat?“

Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass nicht jeder Sicherheitsmitarbeiter umfassend geschult wird. Aber die Anweisung: „Wenn da ein Behinderter auftaucht und es irgendein Theater gibt, dann nimmst du dein Funkgerät und holst mich. Du schmeißt keinen raus und zu weist keinen ab. Das mache im Zweifel ich“, sollte jeder verstehen können, der im Sicherheitsgewerbe sein Geld verdient. Entsprechend will ich mich mit dem Argument, „die Trottel vonner Security“ habens verbockt, gar nicht erst auseinander setzen. Die machen nämlich meistens einen guten Job und sind hilfsbereit. Zu mir zumindest.

Und den Veranstalter hat auch erstmal nicht zu interessieren, ob der Hund da einen Gehörschaden nimmt. Das ist ja auch nicht der Grund, aus dem andere Hunde verboten sind. Das steht auf einem völlig anderen Blatt – und das kann ich nicht beurteilen. Es steht natürlich dem Veranstalter frei, die Polizei zu holen und denjenigen wegen eines (versuchten) Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz anzuzeigen. Aber der Konzertveranstalter kann aus dem Tierschutzgesetz keine Rechte ableiten, mit denen er die Leute des Hauses verweisen kann – nehme ich doch mal stark an.

Und zu der Frage, ob derjenige sich anmelden muss, möchte ich auch meine Sicht der Dinge darstellen (zum wiederholten Mal): Wenn da 5.000 Leute kommen, sind auch Blinde dabei. Und Rollstuhlfahrer. Und Leute mit Herzschrittmacher. Menschen mit psychischen Erkrankungen. Diabetiker. Apotheker. Spinner. Vergewaltiger. Blondinen. Kulturbanausen. Schokoladeneis-Liebhaber. Statistiker. Blogleser. Und niemand käme auf die Idee, menstruierende Frauen von der Veranstaltung auszuschließen, weil ihre Tampons und Binden die Abwasserleitungen verstopfen könnten. Statt dessen stellt man Mülleimer und Papiertüten bereit.

Der Hund muss ja nicht im Gang liegen. Wenn es diese Bedenken gibt, hat man für blinde Menschen halt Plätze im Angebot, bei denen die Hunde nicht im Gang liegen. So einfach ist das. Wann kommen wir endlich in der Zeit an, in der man sich nicht mehr damit rausreden kann, man habe nicht gewusst, dass Menschen mit Behinderungen am öffentlichen Leben teilnehmen?

Keine Strasssteine

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Vor zwei Monaten bin ich mit meinem Auto über die Reeperbahn gefahren. Es durfte mitfahren, wer mitfahren wollte.

Ich habe in diesem Zusammenhang ziemlich häufig die Bitte bekommen, nach eins, zwei Monaten mal zu erzählen, ob mir das Auto immernoch so gut gefällt wie in den ersten Tagen und wie meine Erfahrungen sind. So handelt mein Online-Tagebuch heute mal von Autos. Wie langweilig. Vielleicht ist es ja so, dass ich in zwei Jahren von der Karre so genervt bin, dass ich mich frage, warum ich sie je gekauft habe, dann blätter ich hierhin zurück. Und um den einen spitzen Kommentar, den ich wieder gelöscht habe, aufzugreifen: Ja, auch wenn ich eine Frau bin, traue ich mir zu, über mehr als nur die Farbe zu schreiben.

Als erstes ist mir aufgefallen, dass in den werksseitig gelieferten Felgen die Strass-Steinchen fehlen. Auch dass ich weder die weißen Lederpolster noch die lila Lackierung bekommen konnte, setzt in mir mehr Testosteron frei als mir eigentlich lieb ist. Wenigstens wird mein nervöser rechter Gasfuß hinter einer werksseitig eingebauten, aber abnehmbaren Pedalsperre zurückgehalten.

Ja, es handelt sich um einen „Behindertenumbau“, wie mein freundlicher Händler gestern beim jahreszeitbedingten Umsetzen der Räder festhielt: „Du machst die Expresskundin klar.“ – WTF?! – „Sie möchte die Winterräder drauf haben. Das ist ein Behindertenumbau, musste mal gucken, ob die Pedale gesperrt sind. Wenn ja, die Abdeckung kann man abziehen. Du fährst mir nicht mit der Handbedienung auf die Bühne, verstanden?“ – „Ja Chef.“

Für ein typisches Frauenauto fehlen dem Truthahn eindeutig die niedlichen runden Scheinwerfer und der sexy Po. Zuerst dachte ich, die Schrankwand fährt müde und träge durch die Gegend oder verbraucht alternativ Unmengen Sprit, aber ich bin sehr angenehm überrascht: Beides ist nicht der Fall.

Nun muss man allerdings sagen, dass ich bei der Motorisierung keine Kompromisse eingegangen bin und den 2-Liter-TDI genommen habe. Dessen 140 PS bringen das Auto locker und ohne irgendeine Diskussion auf Tempo 200. Damit meine ich: Es muss weder bergab gehen oder Rückenwind haben, bis zur 200er-Marke geht die Tachonadel einigermaßen zügig und ohne dass man den Eindruck bekommt, der Motor ruft bereits seine letzten Reserven ab. Auffallend ist auch, dass diese Geschwindigkeit bei etwa 3.800 Motorumdrehungen erreicht wird, also keineswegs kurz vor dem rot eingefärbten Bereich des Drehzahlmessers. Es ist kein Problem, den Tempomat auf 200 zu stellen, die Geschwindigkeit wird, zumindest hier im einigermaßen flachen Land, in dem Steigungen und Gefälle im überschaubaren Rahmen bleiben, konstant gehalten. Ich hatte auf einer Fahrt nach Kassel die Möglichkeit, das auszuprobieren, als ich hinter Hannover die einzige auf einer dreispurigen neu ausgebauten Autobahn war.

Damit bin ich mehr als glücklich. Mehr brauche ich keinesfalls, mein normales Reisetempo auf der Autobahn liegt bei 130. Dank Tempomat kann man sehr entspannt fahren. Den Geräuschpegel im Fahrzeug würde ich als ungewöhnlich leise bezeichnen. Im Stand ist er natürlich lauter als ein Benziner, bei Tempo 130 kann man sich im Innenraum normal unterhalten.

Das DSG-Getriebe (Automatikgetriebe) ist ein Traum. Völlig ruckfreies Schalten, kontinuierliche Beschleunigung, die Abstufung ist sehr ausgewogen. Insbesondere im Großstadtverkehr läuft der Motor extrem ruhig. Der Golf, den ich vorher hatte, hatte eine 4-Stufen-Automatik, und aus irgendeinem Grund wollte er bei Tacho 50 lieber im dritten als im vierten Gang fahren. Vor allem bei kaltem Motor, was natürlich extrem nervt und dazu verleitet, 60 zu fahren. Beim Viano war das besser gelöst, aber einen Vergleich möchte ich hier nicht machen. Das DSG-Getriebe des Truthahn schaltet bei 50 in den 5. Gang und schnurrt bei 1.000 Umdrehungen friedlich vor sich hin. Selbst wenn man jetzt normal auf 70 beschleunigt, wird nicht zurückgeschaltet, der Motor hat genug Kraft, um das ohne Vibration oder Geruckel zu schaffen.

Bei 65 schaltet er bereits in den 6. Gang. So zeigt einem der Verbrauchscomputer bei eingeschaltetem Tempomat und ebener Straße einen Wert zwischen 2,5 und 2,8 Litern auf 100 Kilometern an. Womit wir beim nächsten Thema wären: Himmlisch. Mit einer Tankfüllung von knapp über 50 Litern fahre ich bis zu 1.200 Kilometern. Ich komme selbst bei überwiegendem Stadtverkehr nie über durchschnittlich 6 Liter Diesel. Und ich fahre völlig normal, zwar ruhig, aber nicht bewusst sparsam, wie man auch auf dem oben erwähnten Video sehen kann.

Was ich auch klasse finde: Das DSG-Getriebe schaltet beim Bremsen mit zurück, so dass man die Bremswirkung des Motors nutzen kann. Herkömmliche Automatikgetriebe kuppeln beim Bremsen ja aus, das ist hier nicht der Fall. Es gibt eine Strecke, die ich regelmäßig fahre, die über zwei Kilometer bergab geht, 50 ist erlaubt, unten steht ein Blitzer. Oben einmal leicht bremsen, nach einigen Sekunden schaltet das DSG-Getriebe vom 6. in den 5. und, bei weiterem Bremsen, in den 4. Das behält das Getriebe bei, auch wenn man nicht mehr bremst, bis man wieder Gas gibt. So kann man über Kilometer die Bremswirkung des Motors ausnutzen.

Zwei Dinge finde ich nicht so gut: Während das Beschleunigen aus dem Stand direkt und einwandfrei funktioniert, ist das Bescheunigen aus sehr langsamer Fahrt nicht optimal. Den 1. Gang wählt das Getriebe in der Regel nur im Stand. Beim Ausrollen wird bei etwa 15 km/h bei eingelegtem 2. Gang ausgekuppelt. Rolle ich danach nur noch mit etwa 10 km/h und will wieder beschleunigen, wird im 2. Gang langsam eingekuppelt. Das ist nicht schlimm, aber sehr auffallend, weil man sonst von der permanenten und direkten Kraftübertragung verwöhnt ist.

Schlimm wird es allerdings, wenn man beispielsweise steil bergauf fährt und es dann zu dieser Situation kommt. Zum Beispiel hatte ich neulich einen Rückstau auf einer steilen Rampe in einer Parkgarage. Es war eine sehr breite, lange Auffahrt, die man locker mit 35 km/h hochfahren kann. Oben staute sich die Schlange vor einer Schranke zurück, so dass ich das Auto ausrollen ließ. Bevor das Auto zum Stehen kam, ging es jedoch schon weiter. Also gab ich wieder Gas, war aber schon so langsam, dass das Getriebe ausgekuppelt hatte und nun im 2. Gang wieder einkuppeln wollte. Um nicht stehen zu bleiben oder gar zurück zu rollen, musste ich natürlich mehr Gas geben. Und dann erkannte irgendwann nach einigen Sekunden das Getriebe, dass es im 2. Gang nichts wird, das Auto also immer langsamer wird, und kuppelte den 1. Gang ein. Das allerdings ohne schleifende Kupplung, also so, als würde man vom Kupplungspedal abrutschen. Wenn man dann nicht aufpasst und sofort das Gas zurücknimmt, schießt das Auto los. Das ist nicht gut gelöst. Wenn man das weiß und darauf vorbereitet ist, kann man damit gut leben – aber man muss es wissen.

Die zweite Sache: Die Fahrerin wird von einer sehr hohen Durchzugskraft verwöhnt. Dieseltypisch entfaltet die sich im unteren Drehzahlbereich. Fahre ich nun auf eine Autobahn ein, habe am Anfang des Beschleunigungsstreifens etwa 65 km/h und möchte auf dem Streifen stark beschleunigen, wozu er ja da ist, bin ich besser beraten, erst nur mäßig Gas zu geben, um ein Zurückschalten vom 6. in den 5. zu erreichen, anschließend dann erst Vollgas zu geben. Gebe ich sofort Vollgas, schaltet er bis in den 4. zurück – damit läuft der Motor dann jedoch im hohen Drehzahlbereich, in dem der Dieselmotor bekanntlich nur wenig Duchzugskraft hat. Das finde ich auch nicht optimal. Damit kann ich aber auch leben.

Zur steilen Rampe möchte ich noch den Berg-Anfahr-Assistenten erwähnen, der ebenfalls gewöhnungsbedürftig ist. Fährt man einen steilen Hang hinauf und lässt dabei das Auto ausrollen, rollt es anschließend zurück. Fährt man einen steilen Hang hinauf und bremst das Auto beim Ausrollen ab und lässt danach die Fußbremse los, bleibt das Auto am Hang stehen, weil dieser Assistent die Fußbremse so lange weiter betätigt, bis man genug Gas gibt, um vorwärts loszufahren. Es rollt also nicht zurück. Fährt man allerdings den steilen Hang hoch, lässt das Auto ausrollen und betätigt dabei die Fußbremse nur leicht, so dass es zwar eine Bremswirkung gibt, diese jedoch nicht ausreicht, um das Auto nach dem Stillstand vor dem Zurückrollen zu bewahren, dann dosiert dieser Assistent nach. In dem Moment, in dem das Auto unmittelbar vor dem Stillstand ist, wird das Bremspedal wie von Geisterhand weiter durchgedrückt. Ich war darauf beim ersten Mal nicht vorbereitet und hab ein bißchen doof aus der Wäsche geguckt.

Noch etwas negatives? Ja, der Regensensor. Der mag weder Dunkelheit noch Waschanlagen. Wenn ich in der Waschanlage war und mal wieder dieses fiese Zeug auf die Scheibe gesprüht bekommen habe, das die netten Schlieren beim Wischen hinterlässt, ist auch der Regensensor sauer und schaltet trotz Getröpfel zwischen „Ich wische schnell“ und „Ich wische ganz schnell“ hin und her. Somit: Scheibe putzen nach der Waschanschlage ist Pflicht. Für eine Rollifahrerin besonders einfach… Und zum Thema „Dunkelheit“: Fährt man im Dunkeln eine gut beleuchtete Straße mit vielen Bäumen, von denen die fetten Regentropfen hinunter prasseln, ist zwar die komplette Scheibe nass und müsste eigentlich gewischt werden, den Regensensor interessiert es aber nicht. Erst nach mehreren Sekunden fällt ihm sein Versäumnis auf, dann wird 5 Mal schnell gewischt, dann wieder viel zu lange gar nicht.

Ansonsten hoffe ich nur, dass die ganzen technischen Helferlein nicht irgendwann alles lahm legen, sondern immer brav funktionieren. Aus meiner Sicht fehlt nichts. Im Gegenteil, ich fühle mich sehr verwöhnt. Noch ein letztes Wort zur Heizung: Bei 5 Grad Außentemperatur braucht der Motor etwa 15 Minuten, um warm zu werden. Fordert man allerdings einen warmen Innenraum, schaltet sich automatisch ein Zuheizer an, der den Kühlwasserkreislauf beheizt und damit innerhalb der ersten Minute nach dem Start für warme Luft sorgt. „Erste Minute“ meine ich ernst.

Alles in allem würde ich, bei einer Bewertung in Schulnoten, zu einem „sehr gut“ tendieren. Die erwähnten negativen „Mängel“ sind für mich so unerheblich im Vergleich zu den ansonsten ausschließlich positiven bis begeisternden Eigenschaften, dass ich nichtmal zu einer Einsminus kommen würde. Aber der Vollständigkeit und der Abgrenzung wegen seien sie erwähnt. Kurzum: Alles gut, sehr zufrieden, bis auf eine handvoll sehr spezielle Eigenarten, die man aber suchen muss.

Allerbeste Freundin

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Liebes (Online-) Tagebuch, ich brauche gerade mal jemanden zum Auskotzen. Es ist sehr spät in der Nacht und ich kann nicht schlafen, weil meine Gedanken mich einfach nicht in Ruhe lassen. In mir kreisen jede Menge Zweifel und Ängste, die sich mit ein paar vernünftigen Überlegungen nicht abstellen lassen.

Immer, wenn es mir so geht, wie es mir gerade geht, merke ich, wie sehr ich mich an meiner Ordnung festhalte. Ich bin jemand, und ich habe das Gefühl, mit zunehmendem Alter prägt sich das immer stärker aus, der sehr viel Wert darauf legt, mir wichtige Dinge in sicheren Verhältnissen zu wissen.

Mir sind beispielsweise Freunde besonders wichtig. Allgemein, welche zu haben, einerseits; noch viel mehr meine ich aber andererseits, dass ich mit meinen Freunden gerne harmonische Beziehungen führe. Umso mehr wirft es mich aus dem Gleichgewicht, wenn eine enge Freundin mich plötzlich enttäuscht und, vielleicht aus einem Missverständnis heraus, vielleicht aber auch nicht, Dinge formuliert, die ich nie für möglich gehalten habe. Dinge, die so viel bedeuten wie: „Ich möchte künftig mit dir nur noch eine oberflächliche Freundschaft pflegen.“ – Nachdem wir uns seit Jahren kennen. Und als Grund dafür anführt, dass sie einer anderen Freundin bereits die beste Freundschaft versprochen hat. Zum Glück (im Unglück) ist es keine der Freundinnen, mit denen ich täglich oder wöchentlich zu tun habe; ich habe sie fast ein halbes Jahr nicht gesehen. Aber dennoch ist es bitter.

Ich sortiere doch weder meine Freundschaften noch meine Freunde nach der Intensität unserer Beziehung. Ich habe keine beste, keine allerbeste und auch keine aller-aller-beste Freundin. Entsprechend verstehe ich auch nicht, wie man diesen „Titel“ nur (oder überhaupt) einmal vergeben kann – oder, noch krasser, eine intensivere Freundschaft aus solchen „formalen Gründen“ ablehnt. Ich möchte nicht fies sein, aber ist ein solches Verhalten nicht ziemlich unreif? Definiert sich eine Freundschaft nicht aus der Nähe und der Wärme, die man für- und miteinander empfindet? Und findet man erst danach einen Namen für diese Gefühle, wenn man sie denn unbedingt beschreiben will?

Und irgendwie schwindet in letzter Zeit meine Selbstsicherheit ganz extrem. Wenn ich mich so im Spiegel ansehe, frage ich mich, wo das geblieben ist, auf das ich mal sehr stolz war. Ich habe manchmal das Gefühl, ich denke zu wenig an mich selbst. Ich kümmere mich zu viel um andere. Umso verwirrter bin ich, wenn mir ernsthaft vorgeworfen wird, egoistisch zu sein. Nicht von meinen Freunden, aber von jemandem, der mich eigentlich gut genug kennen müsste. Meine Freunde sagen dazu: „Du hast deine Schwächen wie jeder Mensch – aber Egoismus gehört ganz sicher nicht dazu.“ – Trotzdem will ich sowas nicht hören, schon gar nicht von Leuten, von denen ich glaube, dass sie es besser wissen müssten.

Dann wohnt in unserem Wohnprojekt aktuell eine Frau, ebenfalls eine Rollstuhlfahrerin, etwas älter als ich, die permanent lügt. Sie packt es nicht, Verantwortung zu übernehmen, für das, was sie tut oder das, was sie nicht tut. „Ja, hab ich verbockt“, ist doch ein Satz, zu dem man stehen können müsste. Kann sie nicht. Stattdessen sagt sie: „Ich?! Nie im Leben! Das war ich nicht, das kann gar nicht sein.“ – Boa, ist das anstrengend. Weil jeder inzwischen weiß, dass 50% dessen, was sie von sich gibt, nicht stimmt. Und man ihr bei den anderen 50% eigentlich kein Unrecht tun möchte. Inzwischen ist es mir aber egal, ich habe es nach endlosen Diskussionen mit ihr aufgegeben, beschränke mich auf den oberflächlichsten Dialog und baue absolut nichts auf ihre Aussagen. Es ist trotzdem nervig, weil mir jedes Gespräch vorkommt wie verlorene Zeit.

Und im Moment habe ich das Gefühl, ständig kritisiert zu werden. Negativ kritisiert. Entweder ist das gerade eine Phase, die irgendwann auch mal vorrüber geht, oder ich habe den Anschluss zur Realität verloren. In der Uni kann ich zur Zeit niemandem was recht machen, im Sportverein auch nicht, die Abfuhr meines heiß begehrten Typen kratzt auch an meinem Ego – dazu kommt der zeitliche Stress, den mein Studium gerade mit sich bringt und der mir kaum mehr Zeit lässt für entspannte Dinge; nein, es ging mir wirklich schon mal besser. Seelisch.

Keine Sorge, ich springe jetzt nicht gleich vom Balkon: Ich kann ja gar nicht springen. Auch sehe ich mich jetzt nicht in einer depressiven Verstimmung. Aber vor Freude jauchzen, dazu kann ich mich gerade nicht durchringen. Dieses bescheuerte Wetter und die viel zu früh einsetzende Dunkelheit tragen auch noch was bei. Ich hoffe, es wird bald wieder besser.

Wer was sagen will, muss aufstehen

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Ich will mich hier ja nicht zur Moralapostola aufspielen, möchte aber dennoch erwähnen, dass es in meiner Umwelt einige Menschen gibt, die extrem schlechtes Benehmen haben, das vermutlich noch nicht einmal merken – und sich dabei auch noch cool vorkommen. Ich bin wirklich erschrocken.

Die Rede ist von meinem Sportverein, über den ich ja schon ein paar Mal geschrieben habe. Dass sich dort einige Chaoten tummeln, die mit intrigantem Verhalten und Mobbing auf sich andere aufmerksam machen, hatte ich ja schon mehrmals erwähnt. Die gestrige Mitgliederversammlung schoss jedoch mal wieder den Vogel ab. Das ging so weit, dass wir uns mit unserer Triathlongruppe inzwischen ernsthaft überlegen, eine andere Bleibe zu suchen.

Dazu muss, weil etliche Cheeseburger Hamburger mitlesen und falsche Schlüsse ziehen könnten, erwähnt werden, dass es nicht um den Verein geht, über den die meisten von uns ihre Sport- und Startlizenzen haben, sondern um den, der unsere Trainingsmöglichkeiten stellt.

Weil gerade Paratriathlon sehr teuer ist, sind unsere Trainingsmöglichkeiten bei einem großen Hamburger Verein angesiedelt, der eine Triathlonabteilung hat und diese quasi um ein paar Rollifahrer vergrößert hat. Dieser Verein möchte aber aus Kosten- und Strukturgründen nicht in den Behindertensportverbänden und -fachverbänden für eine handvoll Sportler teuer Mitglied werden.

Unsere Sport- und Startlizenzen haben wir daher im Rahmen einer Kooperation über einen anderen Sportverein, der noch wesentlich größer ist als unser Trainingsverein, selbst Sport für Menschen mit Behinderungen anbietet, und in dem Zusammenhang sowieso Mitglied in den ganzen Behindertensportverbänden und -fachverbänden ist. Dieser möchte jedoch -wiederum aus Kostengründen- keine eigene Paratriathlon-Abteilung unterhalten.

So trainieren wir bei einem Verein und starten für einen anderen. Das hat bisher immer reibungslos geklappt – nur dass in dem Trainingsverein eben einige Leute ein Rad ab haben, und zwar so extrem, wie man es sonst eigentlich nur von Rollstuhlfahrern kennt, die ihre Steckachse nicht ordentlich verriegelt haben.

Der neueste Eklat in einer Reihe skandalöser Vorgänge, ich glaube, das beschreibt es ganz richtig, war der gestrige Angriff auf den Kassierer des Vereins. Ein Typ, um die 40, verwaltet sechsstellige Summen pro Jahr im Ehrenamt, macht alle Buchungen selbst, kümmert sich um alles, einschließlich Personalverträge, Gehaltsbuchhaltung, Arbeitgeberpflichten, Steuern – hat also kein hauptamtliches Personal, auf das er zurückgreifen kann – und hat, wie ein unabhängiger Wirtschaftsprüfer, der auf Verlangen einiger Stinkstiefel zusätzlich zum Bericht der Kassenprüfer ein schriftliches Gutachten abgab und gestern noch für Fragen vor Ort war, absolut korrekt gearbeitet. Alle Unterlagen standen auf dem Tisch, er hat auf alle Fragen bereitwillig geantwortet und ich habe zu keinem Zeitpunkt den Eindruck gehabt, er hätte irgendeinen Mist mit unserem Geld gemacht. Im Gegenteil, ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass er immer wieder ermahnt hat, an bestimmten Stellen Kosten zu sparen, damit die vorhandenen Gelder gerecht verteilt werden können…

Kurzum: Da fragt doch jemand von den etwa 130 Anwesenden, wieviel Geld er auf sein privates Girokonto überwiesen hätte. Er antwortet: Keinen Cent. Er habe keinerlei Auslagen abgerechnet, obwohl sie ihm eigentlich zugestanden hätten, denn er habe etliche Telefonate auch vom privaten Handy geführt … aber es mache sich immer schlecht, wenn ein Kassierer sich selbst Geld überweise, auch wenn es seine Richtigkeit hätte und vom Vorsitzenden freigezeichnet worden wäre.

Zweite Frage: Wieviel Geld sei bar entnommen worden? Hier kommt als Antwort eine fünfstellige Summe mit Verweis auf die an die Wand geworfenen Zahlen. Die Barsumme sei jedoch durch Rechnungen belegt. Hintergrund sei, dass bei vielen Wettkämpfen die Kampfgerichte und Ordner bar gegen Rechnung bezahlt werden müssten, gerade wenn es sich um externe Leute handele. Das ergebe sich aus den Regularien der Verbände. Auch hätten viele Trainer ihre Auslagen bei auswärtigen Wettkämpfen (zum Beispiel Hotelkosten für das ganze Team) entweder als abzurechnender Barvorschuss oder am Tag nach dem Wettkampf im Vereinsbüro bar erhalten.

Wie dem auch sei: Es gibt für alles Belege und ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich froh bin, dass derjenige das macht und man sich immer darauf verlassen kann, dass alles finanzielle sofort und unbürokratisch geregelt wird. Und vielen anderen geht es genau so. Und insofern bin ich einfach nur stinksauer, wenn die abschließende Aufforderung einzelner Idioten, seine privaten Kontoauszüge öffentlich auf den Tisch zu legen, dazu geführt hat, dass der Kassierer (nicht nur diese Forderung zurückgewiesen, sondern auch) angekündigt hat, am Ende der Saison sein Amt niederzulegen. Bravo. Verstehen kann ich ihn.

Ich muss erwähnen, dass sich etliche aufgeregt und auch ihrem Ärger vor Ort Luft gemacht haben. Aber eben nur durch Zwischenrufe, nicht durch Wortbeiträge. Der Vorstand hat auch einiges dazu gesagt. Und diejenigen, die dort den Auslöser für diese schlechte Stimmung gesetzt haben, haben sich nur unflätig auf die Bank gelümmelt, permanent gegrinst und auf Fragen immer nur mit „unser gutes Recht“, „beantworte ich nicht“ oder dummen Sprüchen rausgegeben.

Ich hasse es, vor vielen (unbekannten) Menschen zu sprechen, aber noch mehr hasse ich es, wenn ich zugucken muss, wie Menschen ungerecht behandelt werden. Und da wieder niemand sonst genug Arsch in der Hose hatte, habe ich mich dann zu Wort gemeldet und gesagt, dass ich nur positive Erfahrungen mit dem Kassierer gemacht habe und es „befremdlich finde, wenn durch rhetorische Fragen und haltlose Unterstellungen gegen Menschen, die ihre Freizeit dafür opfern, dass wir alle Sport machen können, Stunk gemacht wird. Wenn es konkrete Vorwürfe gibt, dann soll man die erheben. Aber hier wird nach vorbildlich getaner Arbeit unterschwellig der Eindruck erweckt, hier stimme etwas nicht, obwohl das Gegenteil gerade durch ein Gutachten bestätigt worden ist. Ich habe den Eindruck, hier wollen sich einige Leute wichtig tun, und das finde ich widerlich.“

Ohne zu stottern, mich zu verhaspeln oder sonstwas. Wenigstens zum Klatschen hatten die anderen Leute genügend Mumm, tosender Beifall. Und den Spruch: „Wer was sagen will, muss aufstehen!“ zu Beginn aus der Ecke der Stimmungsmacher habe ich gekonnt überhört, ohne mich provozieren zu lassen. Daraufhin sagte der Vorsitzende: „So, zum Thema ‚Aufstehen‘: Wie Sie sehen, sitzt die Dame in einem Rollstuhl. Herr …, ich erteile Ihnen hiermit einen Ordnungsruf, der ins Protokoll aufgenommen wird. Ich tue das sehr ungern, weil ich denke, wir alle verfolgen hier dieselben Ziele und müssten uns eigentlich gegenseitig unterstützen. Aber beim nächsten Ordnungsruf fliegen Sie raus. Haben Sie mich verstanden?“

Der Typ stand auf und sagte mit einem Grinsen im Gesicht: „Entschuldigung, Herr Vorsitzender, das habe ich von hier hinten nicht gesehen. In einem Sportverein kann man davon ja auch nicht unbedingt ausgehen.“ – „Sollten Sie aber. Ich ermahne Sie jetzt ein letztes Mal, sich hier angemessen zu benehmen. Außerdem ist Ihre Entschuldigung wertlos, wenn sie an mich gerichtet ist. Bei der jungen Dame sollten Sie sich entschuldigen.“

Daraufhin stand er nochmal auf, verbeugte sich mit einem Grinsen im Gesicht in meine Richtung und sagte: „Ich entschuldige mich in aller Form.“ – Woraufhin ich geantwortet habe: „Du kannst mich mal“, und prompt auch nochmal offiziell ermahnt wurde. Das war es mir aber wert. Ich habe mir jedes weitere Wort verkniffen und drei Minuten später die Veranstaltung vorzeitig verlassen. Wie gesagt, ich bin (auch!) dafür, dass wir Rollifahrer uns einen anderen Verein suchen. Auf meinen Sport möchte ich auf keinen Fall verzichten.