Grünes Licht für Bloggerbund

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Endlich ist es soweit. Fast ein Vierteljahr hat es gedauert, bis überall grüne Lampen leuchten. Ich rede schreibe von jener Vernetzung von Bloggern … oder anders angefangen: Mir hat das Tagebuch-Schreiben, das Schreiben über mich und meine Behinderung in der bisher schwersten Phase meines Lebens sehr geholfen. Und ich bin mir sicher, anderen Menschen könnte das genauso helfen. Im einzelnen wie auch insgesamt. Also einerseits demjenigen, der gerne verstanden werden möchte und gerne etwas Anteilnahme hätte, andererseits uns allen. Also allen Menschen, sowohl mit als auch ohne Behinderung, wenn es darum geht, einander zu verstehen.

Die Idee ist denkbar einfach: Ich verlinke zu anderen lesenswerten Blogs von Menschen mit Behinderungen oder ihren Angehörigen oder Freunden. Indem ich interessierten Leserinnen und Lesern meines Blogs den Link zu einer Plattform anbiete, auf der alle diese Blogs kurz vorgestellt werden. Wer möchte, kann dann einem oder mehreren oder allen Vorstellungslinks folgen und lernt auf diese Weise neue Blogs, neue Geschichten, neue Menschen kennen. Alle Blogger, die auf dieser Plattform vorgestellt und verlinkt werden, verlinken auch zurück – zeigen also ihren Leserinnen und Lesern, die nicht über die Plattform gekommen sind, wo es andere, ebenfalls lesenswerte Blogs gibt. So profitieren am Ende alle.

Vor allem profitieren aber diejenigen, die gerade in einer schweren Phase stecken: Die möglicherweise mit dem Bloggen oder Tagebuch schreiben beginnen wollen, aber keine Internetkontakte haben und Menschen suchen, die ihnen einfach mal ein Feedback geben. Die vielleicht noch gar nicht nicht wissen, wie sie es anstellen sollen. Oder die vielleicht über den Tellerrand schauen wollen. Oder die von einer Behinderung betroffen sind und einen Wunsch haben, den sie sich selbst nicht erfüllen können – bei dem aber eine Gemeinschaft aus vielen Menschen leicht helfen könnte.

Wer also selbst eine Behinderung hat und einen Blog schreibt oder als Angehöriger bloggt oder sonst die ganze Aktion irgendwie unterstützen möchte oder einfach nur neugierig ist, der schaut sich gerne mal hier um. Ja, der neue Klecks am rechten Rand stammt genau daher und verlinkt auf diese Plattform – allerdings ist ganz am Anfang dort noch nicht allzu viel los. Das könnte sich aber bald ändern – also: Mitmachen!

Übel und berühmt

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Eigentlich wollte ich nur ein paar Tropfen gegen die permanente Übelkeit, lernte bei Maries Mutter aber auch gleich noch die passende Bauernweisheit dazu: „Kotzt der Bauer übern Trecker, war das Essen nicht so lecker.“

Vielleicht hätte ich nicht so laut sagen sollen, dass ich so lange nicht krank war. Kaum sind Semesterferien, fange ich mir irgendein Virus ein und bin nur noch am Rumspucken. Ja, schon gut, keine Details. Nur so viel: Wenn selbst Kamillentee den Rückwärtsgang einlegt, ist irgendwas nicht normal. Vielleicht wollte er mich auch nur daran erinnern, dass ich völlig aus meinem Gedächtnis verdrängt habe, dass die letzte heftige Magen-Darm-Aktion noch gar nicht so lange her ist.

Allerdings war es dieses Mal lange nicht so extrem und auch nach einem Tag und ohne Krankenhaus wieder vorbei. Zwieback kann ja so gut schmecken, wenn man sonst nichts darf…

Nein, die Verlinkung im BILDblog habe ich in der Aufregung nicht übersehen. Wie könnte ich auch, wenn plötzlich wie aus heiterem Himmel die Besucherzahlen eine Spitze in die grafische Auswertung zeichnen? Am Tag der Verlinkung kamen über 17.000 Leute auf meine Seite. Der Zähler lief zeitweise schneller als meine Uhr…

Ja, ich bin wieder ein wenig berühmter geworden. Leider haben mich, wenn man den Statistikseiten glauben darf, auch mal wieder einige Fetischisten abonniert und auf einschlägigen Seiten verlinkt. Dieses Mal sind es aber weniger diejenigen, die gerne pinkeln oder mir gerne dabei zuschauen würden, sondern diejenigen, die auf Rollstühle oder andere technische Hilfsmittel stehen oder gerne mal gelähmte Beine berühren würden. Wie fühlen sie sich an? Tot? Kalt? Trocken? Nee, soll ichs sagen? Normal. Benehmt euch!

Aktuelles Thema Nummer Eins in der Behindertenszene: Der Paralympics-Star Oscar Pistorius soll angeblich seine Freundin erschossen haben. Ja, genau der, der auf seinen Karbonprothesen so erfolgreich war. Angeblich soll er sie für einen Einbrecher gehalten und aus Versehen erschossen haben. Heute nun will jemand rausgefunden haben, dass ihr Schädel gebrochen ist und ihr Blut an seinem Cricket-Schläger haftet. Und diesmal war es nicht die von mir kürzlich zitierte Zeitung, sondern ein Radiosender, der Oscar den Nachnamen „Pistolius“ gab und gleichzeitig befand, dass es gar keinen plausiblen Grund geben dürfte, warum nicht auch behinderte Menschen zum Mörder werden könnten. Genau, ihr Deppen, das ist die Kehrseite der Inklusion: Wenn schon, dann wollen wir Behinderten jetzt auch in alle gesellschaftlichen Bereiche vordringen und in allen Statistiken berücksichtigt werden. Und sei es nur die Kriminalitätsstatistik. Kann man bitte erstmal rausfinden, was wirklich war und bis dahin, solange man also keine Ahnung hat, einfach mal …

Apropos „Kriminalität unter Menschen mit Behinderungen“ und „Berühmtheit“: Die Chancen stehen sehr gut, dass ich meine Lebensgeschichte bald noch berühmter wird. Schon einige Male bin ich von Lesern darauf angesprochen worden, ob man meine Geschichte nicht mal verfilmen könnte. Nein, nein, ich komme nicht in die Kinos. Aber wohl ins Fernsehen. Wie ich heute erfuhr, finden sich Eckpunkte meiner persönlichen Geschichte in einem Fernsehfilm wieder, der um den Jahreswechsel 2013/14 im ZDF ausgestrahlt werden soll. Was genau da los ist und worum es sich handelt, darf ich vorher natürlich nicht mal in mein Tagebuch schreiben… Nur so viel: Der Film geht über 90 Minuten, es geht um eine fiktive kriminelle Handlung, und für die persönliche Geschichte einer der Hauptfiguren liefere ich (und mein Online-Tagebuch) dem Drehbuchautor jede Menge Inspirationen. Der Film wird zu einer Sendezeit ausgestrahlt, zu der üblicherweise Millionen einschalten und kostet in der Produktion eine siebenstellige Summe. Nein, ich spinne nicht. Aber ob ich das cool oder sehr cool finden soll, weiß ich noch nicht. Einerseits finde ich das sehr cool, andererseits habe ich aber auch ein bißchen Angst. Wovor, weiß ich noch gar nicht. Jedenfalls bin ich aufgeregt.

Süß und bitter

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Zwerge können ganz schön anstrengend sein. Müssen sie aber nicht. Weil man das nie vorher weiß, ist jener bekanntlich gut beraten, der nicht ganz alleine mit einer Kindergruppe loszieht.

In unserem Sportverein gibt es natürlich auch Nachwuchs, und damit sind nicht nur diejenigen gemeint, die frisch mit dem Auto vor einen Baum gefahren oder beim Gerüst aufbauen vom Dach gesegelt sind, sondern auch jene Kinder, die mit einer Behinderung auf die Welt kommen. Entwicklungsstörungen, wie beispielsweise bei der angeborenen Querschnittlähmung, kommen ebenso vor wie Geburtskomplikationen oder Infektionen, aus denen mitunter Hirnschädigungen resultieren. Einige Kinder und Jugendliche aus unserem „Nachwuchs“ brauchen sehr viel Unterstützung, andere weniger.

Gestern war für eine Gruppe, in der acht- bis 14jährige Mädchen und Jungs eher wenig eingeschränkt alle in einer Sporthalle möglichen Ball- und Bewegungsspiele machen, ein Ausflug angesagt. Normalerweise habe ich damit überhaupt nichts zu tun, nur lag ein Trainer mit Rüsselseuche flach und bat mich, ihn kurzfristig zu vertreten. Was ich gerne mache, nicht zuletzt, um die Fünf Freunde auch noch einmal im Kino anzusehen.

Es sollte ein Ausflug ohne Eltern sein. Das war eigentlich im Vorfeld geklärt, nur gibt es ja immer wieder anhängliche Muddis, die nicht loslassen können. Und so wurde ich ungewollt Zeugin eines mittelschweren Dramas, als sich nämlich eine Muddi in letzter Sekunde überlegen wollte, ihr Kind, das neben ihr abfahrbereit am Treffpunkt im S-Bahnhof stand, doch wieder mit nach Hause zu nehmen. Ganz ehrlich? Ich verstehe manche Eltern nicht. Die Ansage, dass Eltern nicht mitfahren, kam auch für sie nicht überraschend, nur habe sie gerade eben erst realisiert, was das für sie bedeute. Was es für das Kind bedeutet, hat sie nur anscheinend übersehen, denn das 12jährige Mädchen sah ihre ganzen Freundinnen und Freunde aus der Sportgruppe und sie wäre wohl gleich die einzige, die sich verabschieden müsste.

Selbstverständlich passen wir auf das Kind auf und nein, es passiert nichts schlimmes. Wir haben das im Griff, das Kind ist doch schon groß. Die Übungsleiterin, die die Gruppe auch wöchentlich betreut, nahm die Mutter zur Seite. Nichts zu machen. Offizielle Begründung: Ihr Kind sei hyperaktiv und würde die Kinovorstellung stören. Außerdem müsste es jemanden geben, der mit ihr aufs Klo geht. Und sie dürfe keine Popcorn und keine Cola, denn die machen dick. Und sie könne sich in der S-Bahn nicht richtig festhalten, sie falle um, wenn der Zug bremst und wenn keine Fußgänger dabei seien, wäre auch niemand da, der sie festhalten könnte. Und eigentlich sei „Kino“ für das nächste halbe Jahr mal gestrichen worden, weil sie irgendwas an- oder ausgestellt hätte. Und da platzte der „Kollegin“ der Kragen: „Und dann tauchen Sie hier allen Ernstes mit Ihrem Kind auf?! Jetzt reicht es mir aber gleich. Sie kriegen Ihr Kind fröhlich und in einem Stück heute abend zurück. Das verspreche ich Ihnen. Und jetzt verabschieden Sie sich bitte kurz und schmerzlos und machen sich und uns und vor allem Ihrer Tochter, die sich so auf den Tag gefreut hat, das Leben nicht unnötig schwer.“

Das wirkte; am Ende nahm ein anderer Vater, der seinen Sohn zum S-Bahnhof gebracht hatte, die Mutter in den Arm und ging mit ihr vom Bahnsteig. Erster Satz der Tochter: „Siehste, ich bin hart geblieben und hab sie das Drama machen lassen. Normalerweise sag ich immer, sie kann mitkommen. Aber das kann ja nicht immer so weiter gehen, irgendwann muss sie ja auch mal nicht dabei sein. Sie ist schon bei jedem Schulausflug dabei, fährt bei jeder Klassenfahrt mit, irgendwann ist mal gut.“

Recht so. Die Eltern waren verschwunden, los ging es in Kleingruppen mit dem Aufzug auf den Bahnsteig. Die „Kollegin“ fuhr in der ersten Dreiergruppe mit, die zweite Dreiergruppe fuhr alleine, ich sollte mit dem letzten Mädel hinterher kommen. Klappte alles ohne Probleme. Das Einsteigen in den Zug war auch kein Problem, zu unser aller Freude kam ein Zug mit niedrigem Einstieg auf einer Linie, auf der sonst nur alte Züge mit hohem Einstieg fahren, wo man dann jedem einzelnen eine Hilfestellung geben muss. Aber so haben die Zwerge das ja lange genug auf einem Modell-Parcour geübt, wie ich damals auch, bevor ich das erste Mal mit der S-Bahn fuhr.

Das Mädchen, das die klammernde Mutter zu Hause gelassen hatte, fuhr schnurstraks zu einer Wand, rollte rückwärts mit beiden Rädern dagegen, machte die Bremsen fest legte einen Arm um eine senkrechte Haltestange. Das Kind kann sich nicht halten beim Bremsen?! So ein Blödsinn. Das Mädchen war erwachsener als die Mutter glaubte. Hielt sich fest, beobachtete die Leute und die Gegend, saugte alles auf wie ein Schwamm. Was für eine entspannte Gruppe! Es war zwar viel Geschnatter und Gegacker, aber keiner machte Blödsinn oder wurde anstrengend. Wären sie nicht so unerfahren, hätten sie auch alleine fahren können.

Als wir aus dem Zug ausgestiegen und mit dem Aufzug in Kleingruppen unten angekommen waren, hieß es: „Wir machen jetzt ein Schildkrötenrennen. Das kennen alle vom Sport! Wir müssen über eine ganz gefährliche Kreuzung und ihr fahrt bitte alle hintereinander her. Wie ging das noch? Alle passen auf, dass sie den Anschluss nicht verlieren und niemand quatscht. Wenn es dir zu schnell geht, rufst du laut: ‚Langsamer!‘. Wenn du irgendwo hängen bleibst, fahren die anderen trotzdem weiter und drum, Jule fährt als letzte und kümmert sich um alle Liegenbleiber. Alles klar? Dann los!“

Es lief vorbildlich. Es blieb niemand am Bordstein oder im Gullydeckel hängen, keiner machte Unsinn, niemand überholte, alle passten auf. Das Manöver „Schildkrötenrennen“ wurde beim Sport unzähliche Male geübt, um den Knirpsen Sicherheit zu geben, wenn sie über einen Fußgängerüberweg, mit Mittelinseln, durch den Abbiegerverkehr, Busspur mittig, Grünphase zu kurz, selbständig fahren müssen. Als letztes Glied der Kette und vom Tempo her eindeutig unterfordert, hatte ich natürlich die Möglichkeiten, nach rechts und links zu blicken. Zehn Leute im Rolli, davon acht Knirpse, teilweise in Kinderrollis, sieht man auch in Hamburg nicht alle Tage. Entsprechend viele Leute blieben stehen und guckten. Allerdings sah diese Übung wohl so gut einstudiert aus, dass niemand ungefragt Hilfe angeboten hat. Sie wäre auch nicht nötig gewesen.

Im Kino klappte der Einlass ohne irgendeinen Zwischenfall. Keine dummen Fragen, kein „das sind aber zu viele Behinderte“ oder ähnliches, sondern einfach nur: „Wir brauchen 10 Karten für Fünf Freunde.“ Häh? Ja. Achso. Der Sicherheitsdienst brachte uns mit dem Aufzug zum Popcorntresen oder zum Klo. Das Mädchen mit der klammernden Mutter stupste mich mit ausgestrecktem Finger am Arm an. „Jule, gehst du mit mir aufs Klo? Du brauchst nichts zu machen, aber Mama möchte immer, dass jemand dabei ist.“ – Na sicher. So gurkten wir zu zweit in die ausreichend große Behindi-Kabine, ich stellte mich mit dem Rücken zur Tür, sie fing an, sich die Schuhe auszuziehen. Erst ein Fuß auf den Schoß, Schuhband auf, Schuh aus und laut polternd fallen gelassen, dann den zweiten. Dann die Hose über den Po, über die Knie, über die Füße. Der kleine Wurm war schneller als ich. „Hältst du kurz meine Hose fest? Ich will die hier nicht in den Dreck oder ins nasse Waschbecken werfen.“

Unterhose aus, aufs Klo rüber, Einmalkatheter ausgepackt, Spiegel ausgepackt, einen Fuß auf den Rolli gegenüber gelegt, den Spiegel am anderen Bein festgeklettet, Hände desinfiziert, Katheter aus der Folie genommen, Schamlippen mit zwei Fingern gespreizt, im Spiegel den Harnröhreneingang gesucht, Katheter eingeführt, … völlig routiniert und ohne jeden Fehler, insbesondere keine falsche Reihenfolge im Bezug auf den sterilen Katheter. Während ihr Blaseninhalt durch den Katheter ablief, guckte sie mich an. „Glaubst du mir jetzt, dass ich das auch alleine kann?“ – „Äh, ich habe dir das schon die ganze Zeit geglaubt.“

Den Film fand ich recht spannend, allerdings für das freigegebene Alter ziemlich heftig. Nach einer halben Stunde hatte ich plötzlich einen Kopf an meiner Schulter. Das angeblich hyperaktive Mädchen, das sich weder festhalten noch selbst kathetern kann, saß dort völlig entspannt und schaute den Film.

Auch die Rückfahrt verlief ohne jeden Zwischenfall. Kein Chaos, keine dummen Kommentare, alles entspannt. Die Mutter, die bei der Hinfahrt so ein Theater gemacht hat, war inzwischen wieder ruhig. Sie freute sich wie alle anderen auf ihr Kind, nahm es in den Arm („Mama, nicht so doll, das ist peinlich!“) und ließ sich erzählen, wie der Film war.

Als ich abends im Bett lag, bekam ich eine SMS. „Hallo Jule, das war so ein schöner Tag heute. Danke für alles. Ich hab dich lieb und möchte gerne deine Freundin sein.“ – Wie süß. Und wie bitter zugleich.

Die Finsternis einer Behinderung

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Er liest meinen Blog nicht. Und wenn, hat er nicht gelesen, was ich vor etwa einem Vierteljahr geschrieben habe, als ich in einer fast täglich erscheinenden Boulevardzeitung seine Worte abgedruckt sah. Damals war am Bodensee eine Werkstatt für Behinderte abgefackelt.

Klar, warum sollte er meinen Blog lesen? Es wäre vermessen, das anzunehmen oder gar zu erwarten. Nur kenne ich diverse öffentliche Stellungnahmen von Menschen mit Behinderung, die meiner recht ähnlich sind. Irgendeine müsste ihm doch … ach vergiss es.

Heute nun richtet sich sein Brief, der wieder in jener großen Boulevardzeitung abgedruckt ist, an einen ganz bestimmten Rollstuhlfahrer. Jener hatte damals die blödsinnige Idee, über Autos zu springen, und hat sich dabei übel auf die Fresse gepackt.

„Lieber Samuel“, heißt es in dem offenen Brief, „ich bewundere Sie, dass Sie auf einer Party sind und nicht in der Finsternis Ihrer Behinderung bleiben.“

Ich weiß zwar nicht, ob eine Behinderung finster ist, aber zwei Dinge weiß ich sicher: Erstens gibt es viele Rollstuhlfahrer, auch E-Rollstuhl-Fahrer, die sogar tanzen können, und zweitens gibt es sogar viele Rollstuhlfahrer, die nicht nur zum Tanzen auf eine Party fahren!

Aufklärung naht: „Sie können nicht tanzen.“ – Und sich nicht an der Nase kratzen. Und so weiter. Weil: „Alles ist gelähmt. Was nicht gelähmt ist, sind Ihre Träume. Deshalb waren Sie im Rollstuhl auf dieser Party. Ich hoffe, dass Sie in Ihren Träumen bis zum Abwinken tanzen konnten.“

Ich möchte mich schon wieder übergeben. Könnte dieser Mensch mal aufhören, seine verrückten Vorstellungen über das Volk zu gießen? Finsternis! Glaubt wirklich irgendjemand, dass ein Rollstuhlfahrer auf eine Party fährt, um davon zu träumen, wie es wäre, jetzt tanzen zu können? Wenn ich auf eine Party fahre, dann möchte ich mich vorher gut anziehen und ein bißchen aufbrezeln, dort nette Leute treffen, mich mit ihnen angeregt unterhalten, viel lachen, was Gutes essen, was trinken, vielleicht auch tolle, neue, laute Musik hören und mal den Alltagsstress hinter mir lassen.

Natürlich ziehe ich mich gut an und brezel mich ein bißchen auf. Nein, ich sehe nicht aus wie ein Tuschkasten und rieche auch nicht wie eine Parfümerie. Ich bin eher eine Freundin von Dezenz und Unaufdringlichkeit. Aber ich bin, streng genommen, „geschminkt und wohlriechend“, und manchmal trage ich auch ein Kleid. Wie viele andere Menschen auf jener Party, bei der jener Briefeschreiber den Samuel getroffen hat. Samuel war allerdings nicht geschminkt, nehme ich an. Und ein Kleid trug er wohl auch nicht. Und wohlriechend war er … ähm, wie jetzt?!