Ich Kriege Einen Anfall

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Weil Maria sich nun schon so lange ein Regal für ihr Zimmer wünscht, das man nicht online bestellen kann, und mindestens ebenso lange niemand ihrer Assistentinnen und Assistenten die Möglichkeit gefunden hat, es mal eben aus dem schwedisch-blauen Blechcontainer abzuholen, weil entweder die Zeit zu knapp oder kein Auto vorhanden ist, habe ich mich heute kurzerhand selbst auf den Weg gemacht und etwas getan, was ich absolut hasse. Nicht umsonst ist mir „Ich kriege einen Anfall“ anstelle des Namens des Möbelhausgründers samt Wohnort lieber. Okay, ich weiß, man fährt ja auch nicht auf einem Samstag dorthin.

Auf dem hoffnungslos überfüllten Parkplatz beginnt das Drama: Ich sehe den letzten freien Rollstuhlfahrerparkplatz, stehe auf schon auf selber Höhe und muss nur noch nach links abbiegen, um ihn zu erreichen. Vorher aber noch den Gegenverkehr durchlassen. Also stehe ich in der Reihe Neundreiviertel, links blinkend, darauf wartend, dass das junge Mädel, das mir mit ihrem Ford Ka entgegen kommt, passiert. Mein Hintermann fängt zu hupen an und als ich darauf nicht so reagiere, wie er es sich erhofft, will er kurzerhand links an mir vorbei fahren. Als seine Schnauze auf Höhe meiner Fahrertür ist, muss er dann doch anhalten, weil ihm ja der Ford Ka entgegen kommt. So steht man sich nun gegenüber und schaut sich in die Augen: Nervöser Typ versus junges Mädel, schläfriger alter Opel Astra gegen die dreieckigen Kulleraugen eines Ka. Man hupt, man gestikuliert.

Da hinter dem Ka inzwischen ein weiteres Auto steht und hinter mir ebenfalls jemand wartet, bleibt fast nur noch eine Chance: Ich müsste meinen Parkplatz aufgeben und eine Runde drehen. Was aber auch nicht geht, weil just in diesem Moment derjenige, der rechts vor mir in der Parklücke steht, rückwärts auszuparken beginnt. So bin ich nun von allen Seiten eingekesselt. Es dauert so lange, wie der Radiosprecher braucht, um die kompletten Verkehrsmeldungen inklusive Flitzerblitzer und Abschleppterror vorzulesen, schätzungsweise zwei bis drei Minuten, bis zuerst der Fahrer hinter dem Ka zurück fährt, dann das Mädel mit dem Ka den Rückwärtsgang einlegt, dann erstmal der rechts vor mir ausparkt … und wer denkt, man würde mich jetzt einfach mal in die Parklücke abbiegen lassen, hat sich getäuscht. Die Autos, die inzwischen hinter mir warten, müssen sich erst komplett an mir vorbei schlängeln. Als erstes kontrolliere ich nach dem Aussteigen alle meine linken Blinkleuchten. Aber alle sind in Ordnung.

Zwei Minuten später im Aufzug. Eine Frau um die 60 steht so elegant in der Tür, dass diese nicht schließt. Hämmert zum dritten Mal auf den Knopf und blubbert rum, warum das Ding nicht los fährt. „Ich glaube, ihre Jacke ist noch in der Lichtschranke“, mache ich sie vorsichtig aufmerksam. Sie geht einen Schritt vor und siehe da: Die Tür schließt sich langsam. Noch während die Tür schließt, geht sie wieder einen Schritt zurück und liest ihrer weiblichen Begleitung das Plakat vor, das an der Kabinenwand hängt. Irgendein Menü, das es heute besonders günstig gibt. Die Tür öffnet sich wieder.

Es steigen noch weitere Leute ein. Schieben, drängeln, quetschen sich in die enge Kabine. „Sie da mit dem Rollstuhl, können Sie sich nicht quer reinstellen?“, fragte eine Frau, ebenfalls um die 60.

„Nein“, antworte ich bestimmt. Es ist jawohl scheißegal, zu welcher Wand ich parallel stehe. Zumindest vom Platz her. Die Frau sagt: „Stellen Sie sich doch mal quer hin, vielleicht passen dann noch paar mehr rein!“

„Dann fahre ich aber allen über die Füße. Vielleicht warten einfach mal ein paar Leute draußen oder nehmen die Rolltreppe?“

„Komm, wir nehmen die Rolltreppe“, sagt ein Mann zu seiner Frau und bahnt sich seinen Weg nach draußen. Einige folgen ihm. Die Frau, die eben verlangte, ich möge mich quer hinstellen, drängelt sich bis zu mir durch und fängt an, wie von der Tarantel gestochen mit roher Gewalt an meiner Rückenlehne zu ruckeln und mit einer Hand meine Schulter zurück zu drücken. „Warten Sie, ich stell Sie richtig hin“, sagt sie schnaufend. Muss ich mir das gefallen lassen? Nein. Mir platzt der Kragen und in einem energischen Tonfall gifte ich sie an: „Sie nehmen sofort Ihre Finger von mir, sonst fangen Sie sich welche!“

Völlig entsetzt starrt sie mich an. „Haben Sie mir gerade mit Prügel gedroht?“

„Ja, und das meine ich ernst. Was fällt Ihnen ein, mich einfach anzufassen?“

„Erlauben Sie mal, ich habe früher meine Mutter Jahre lang zu Hause gepflegt, ich weiß, wie man mit Rollstühlen umgeht! Meine Mutter war kurz vor ihrem Tod auch so störrisch, nur Sie sind noch so jung und haben Ihr ganzes Leben noch vor sich. Sie sollten mal eine Therapie machen, wer hat Sie so bloß rausgelassen?“

„Wo rausgelassen?“, frage ich und ich merke, wie mein Adrenalinpegel steigt und mein Hals anschwillt. Rund ein Dutzend Leute steht mit in der Kabine und starrt abwechselnd mich und die Frau an, während nun endlich die Kabinentür schließt und der Aufzug sich brummend in Bewegung setzt. „Da raus, wo Sie jetzt her kommen. Was weiß denn ich, wo Sie leben: Alsterdorf, Rauhes Haus, Bodelschwinghheim, Internat … für ein Pflegeheim sind Sie jedenfalls noch zu jung.“

Ich kann nicht anders, antworte in meinem liebevollsten Tonfall: „Mich hat niemand rausgelassen. Wenn es nach den Tanten im Heim geht, darf ich noch nicht mal rauchen. Heute bin ich einfach mal abgehauen. Ich werde Hotdogs essen und Cola trinken bis mir schlecht wird. Und diesmal finden die mich nicht so schnell.“

Auf meinem Schoß liegt mein Autoschlüssel. Keine Ahnung, ob sie mir glaubt, was ich da erzähle. Jedenfalls lächelt sie mich an. Dann endlich geht die Tür auf. Nichts wie weg.

Etwa zehn Minuten später, ich warte in einer Schlange, um mir das Regal aufschreiben zu lassen, da es das nicht im Mitnahmelager, sondern nur in der Warenausgabe gibt, treffe ich eine andere Frau wieder, die ebenfalls im Aufzug stand. Sie spricht mich an: „Also die Frau im Fahrstuhl war ja unmöglich! Mir hat es richtig die Sprache verschlagen, sonst hätte ich was gesagt. Aber das mit dem Hotdog, das fand ich richtig klasse von Ihnen.“

Und während ich weiter warte, schlendert ein etwa zehnjähriger Junge an mir vorbei. Seine Eltern sagen irgendetwas in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Der Junge sagt einen Satz auf Deutsch, während er mich anguckt: „Das ist eine Behinderte.“

Ich möchte brechen. Zwanzig Minuten später stehe ich an der Warenausgabe. Meine Nummer, die 105, wird aufgerufen. Ein länglicher Karton liegt seitwärts auf einem Wagen, wird mir ausgehändigt. Es wird ein wenig umständlich, aber irgendwie kriege ich diesen Wagen zum Auto geschoben. Allerdings: „Könnten Sie mir den Karton bitte längs auf den Wagen legen? Dann kann ich das besser schieben.“

Ein dunkelhäutiger Mann, der ebenfalls auf seine Ware wartet, drückt seiner Begleiterin alle möglichen Zettel in die Hand, kommt zu mir und fragt: „Soll ich Ihnen das eben schnell zum Auto schieben? Wir müssen hier sowieso noch warten. Wäre kein Problem.“

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, das wäre mir eine große Hilfe“, antworte ich. Der Typ schiebt meinen Wagen zu meinem Auto. Ich öffne den Kofferraum. „Ah, ein Touran, schönes Auto. Ich habe auch so einen, aber meiner ist schon älter.“

So ein netter Mensch. Krabbelt in meinen Kofferraum, um die Sitze umzuklappen. Schlägt den Karton noch in eine Decke ein, damit da nichts verschrammt oder zerkratzt … das hätte ich ja nicht mal gemacht. Aber nun: Schnell zurück ins Heim, bevor mich einer beim Colatrinken erwischt!