Kein Schwein

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Das war mal wieder ein Abend zum Vergessen. Stundenlang, bis spät in die Nacht, sitzen wir in einem Konferenzsaal eines frisch renovierten Verwaltungsgebäudes mit Blick über die Dächer Hamburgs, folgen den Informationen, die man uns zur sportlichen Saison 2013 beziehungsweise 2013/14 geben möchte und lauschen einer angespannten Diskussion über die Vergabe von öffentlichen Geldern. Wollen im Anschluss an den öffentlichen Teil einen Funktionär noch persönlich sprechen und sind, da wir lange warten müssen, ziemlich die letzten, die das Haus verlassen.

Normalerweise halte ich mich von solchen Veranstaltungen fern, nicht zuletzt, weil ich von der ganzen Sportpolitik, die dort und anderswo betrieben wird, nicht genug verstehe, in diesem Fall hatte man mich aber vorher mit den nötigen Informationen versorgt und mich gebeten, vertretungsweise diesen Termin wahrzunehmen, nachdem derjenige, der üblicherweise dorthin fährt, anderweitig im Einsatz war. Ich wurde von Stefanie begleitet, eine Kollegin aus meinem Verein, die wegen einer Muskelerkrankung, bei der die Nervenfasern an den Extremitäten abgebaut werden, beginnend an den Zehen und Fingern und dann immer weiter zum Rumpf fortschreitend, im Rollstuhl sitzt. Das Sprechen ist auch betroffen, sie redet etwas heiser und etwas undeutlich, verwaschen. Stefanie hatte angeboten, mich von zu Hause mitzunehmen und auf dem Rückweg auch wieder dort abzusetzen, da das für sie ohne Umweg möglich ist. Ich habe das angenommen, ist ja nett, wenn ich mal nicht selbst fahren muss.

Wir verlassen also das Verwaltungsgebäude, es regnet mal wieder. Wir rollen zum Auto. Ich setze mich auf den Beifahrersitz ihres Passat Variant um, sie schiebt meinen Rollstuhl leer nach hinten, hebt ihn in den Kofferraum, setzt sich auf die Ladekante um, hebt ihren Rolli in einem Stück daneben und kann dann, wenn auch mühsam, sehr wackelig und mit Festhalten an der Dachreling, bis zur Fahrertür gehen. Schön einen Fuß vor den anderen, die Beine eher aus der Hüfte heraus angehoben … sieht abenteuerlich aus, dauert gemessen am Wetter viel zu lange. In dem Moment, wo sie ihre Tür aufmachen will, rutscht sie mit der Hand vom nassen Türgriff ab. Da sie keine vernünftigen Greiffunktionen in den Fingern hat, passsiert sowas halt mal. Der Schwung, den sie eigentlich zum Öffnen der Tür verwenden wollte, reicht diesmal aus, um sie umzuwerfen. Bevor ich auch nur irgendwas denken kann, klatscht sie einmal lang hin und liegt bäuchlings auf dem nassen Asphalt.

Super. Nun konnte ich ja schlecht ihre Tür öffnen, nicht dass ich ihr die noch gegen den Kopf schlage. Sie bekommt sich aber relativ schnell wieder so gedreht und sortiert, dass sie sich auf den Po setzen und an die hintere Tür lehnen kann. Ich lehne mich mit dem Oberkörper auf den Fahrersitz rüber, öffne vorsichtig die Fahrertür und frage, ob alles in Ordnung sei. Sie antwortet: „Alles okay, bin nur abgerutscht. Einmal schön mit dem Gesicht in ein paar Scherben, aber zum Glück hab ich mich nicht verletzt. Die Hände bluten auch nicht, alles ist gut. Kannst Du mal gucken, unter deinem Sitz in der Schublade müsste ein Müllsack sein, kannst du den mal auf meinen Sitz legen, dass ich das nicht alles einsaue? Und im Handschuhfach ist eine Box mit Papiertüchern, die hätte ich auch gerne mal.“

Ein Mann kommt angelaufen. Er hatte den Sturz gesehen und war mit seinem Auto angehalten, hält einen Schirm über Stefanie. „Kann ich Ihnen helfen? Ich möchte Sie nicht einfach so anfassen.“ – „Danke, das ist auch nicht nötig, ich komme alleine ins Auto. Ich bin am Türgriff abgerutscht.“ – „Aber sie wollen jetzt nicht so fahren, oder?“ – „Das geht schon.“ – „Sie können so nicht fahren.“ – „Das ist wirklich kein Problem. Ich mach mich gleich noch etwas sauber und bis dahin habe ich mich von dem Schreck wieder erholt.“ – „Ich halte das wirklich für keine gute Idee. Soll ich nicht lieber einen Krankenwagen rufen?“ – „Nein, bloß nicht, das ist okay so, ich bin nicht verletzt, ich habe mich nur etwas erschrocken. Vielen Dank.“ – „Na wie Sie meinen.“

Stefanie machte die Autotür zu. Sie sah aus wie ein Erdferkel. Ich machte ihr mit den Papiertüchern das Gesicht und die Hände sauber, tupfte den gröbsten Schmutz von den Ärmeln der Jacke und ihren Knien ab, dann fuhren wir los. Das Auto des Mannes, der ihr geholfen hatte, stand noch immer mit Warnblinklicht am Straßenrand. Stefanie sagte erstmal kein Wort, ich habe sie in Ruhe gelassen, schließlich konnte ich mir vorstellen, wie genervt sie war. Das erste, was sie wieder sagte, war: „Der Typ fährt hinter uns her.“ – Ich drehte mich um. Das stimmte, aber es war eine achtspurige Straße, vier Spuren pro Richtung, vermutlich hatte er einfach denselben Weg.

Wir bogen ein paar Mal ab, fuhren am Hauptbahnhof vorbei, über eine Brücke. Ich fragte: „Und, ist er noch immer hinter uns?“ – Stefanie nickte. Auf Höhe der nächsten großen Kreuzung wurde Stefanie plötzlich langsamer und hielt sich rechts. Ich fragte: „Was nu?“ – Sie antwortete: „Lalülala von hinten.“ – Ich drehte mich um, unser „Verfolger“ war immer noch hinter uns. Ein VW-Bus kam mit Blaulicht die Straße entlang gefahren. Stefanie wollte den VW-Bus passieren lassen, doch der wurde langsamer, fuhr in Schrittgeschwindigkeit an uns vorbei und scherte schräg vor uns ein, blieb stehen. Stefanie fragte erstaunt: „Und was soll das jetzt?“

Der Fahrer stieg aus, ging zu Stefanies Fenster und sagte: „Guten Abend! Würden Sie mal ganz kurz den Motor ausmachen, bitte?“ – „Klar. Und was soll das werden?“ – „Ganz kurz warten, bitte.“

Wir warteten. Zwei, drei Minuten, dann kam von vorne ein weiterer Streifenwagen, diesmal eine E-Klasse-Limousine. Auch mit Blaulicht. Und keine dreißig Sekunden später noch eine von hinten. Die Beamten stiegen aus, unterhielten sich mit den Beamten aus dem VW-Bus. Die sagten: „Wir hatten das mitbekommen und haben das Fahrzeug zufällig gesehen und sofort gestoppt. Mehr haben wir noch nicht veranlasst.“

Erst jetzt wurde mir klar, dass es tatsächlich um uns oder zumindest Stefanies Fahrzeug ging. War sie ohne Licht gefahren? War das Fahrzeug defekt? Als gestohlen gemeldet? Beschädigt worden, und wir hatten das beim Einsteigen im Dunkeln nicht gesehen? Hatte sie irgendwen geschnitten, übersehen oder was auch immer? Aufgefallen war mir nichts, nur dass dieser Mann, der Stefanie den Schirm über den Kopf gehalten hatte, uns hinterher fuhr und auch immernoch hinter uns stand. Dieser Mann war dann auch des Rätsels Lösung. Ein Streifenpolizist aus der ersten E-Klasse stellte sich vor und sagte: „So, die Kollegen der Bundespolizei hatten Sie eben angehalten und gebeten zu warten. Die Kollegen hatten eine Fahndungsmeldung unserer Leitstelle mitbekommen und Sie sind zufällig direkt an deren Streifenwagen vorbei gefahren. Ich hätte gerne mal Ihren Ausweis und Ihren Führerschein und die Zulassungspapiere des Fahrzeugs gesehen.“

Ich kam mir vor wie in einem schlechten Krimi. Stefanie war kreidebleich und stammelte: „Können Sie mir mal erklären, was hier los ist?“ – „Ja, sofort“, antwortete der Beamte. Ich bekam Stefanies Portmonee in die Hand. „Kannst du das da mal bitte rausfummeln?“

Ohne Fingerfunktion geht das schlecht. Bevor ich was machen konnte, sagte der Polizist: „Geben Sie mal her, bitte. Sind die Papiere da drin?“

Ich gab das Portmonee raus und Stefanie sagte: „Können Sie mir jetzt bitte sagen, worum es geht?“

„Ja, sofort. Ausweisen müssen Sie sich so oder so. Eine Frage noch: Haben Sie vor Fahrtantritt Alkohol getrunken oder Medikamente eingenommen?“

Stefanie verneinte das. Der Polizist hatte seine Taschenlampe in der Hand und versuchte gleichzeitig, die Papiere aus Stefanies Portmonee zu holen. Als er endlich so weit war, sagte er: „Sie sind angehalten worden, weil wir den Verdacht haben, dass Sie alkoholisiert Auto fahren. Sie riechen auch ein wenig nach Alkohol, oder? Das Fahren unter Alkoholeinfluss wäre mitunter eine Straftat, also muss ich Sie darüber belehren, dass Sie keine Angaben vor der Polizei machen müssen, mit denen Sie sich selbst belasten würden. Möchten Sie was dazu sagen?“

„Ich hab nichts getrunken“, antwortete Stefanie. Der Polizist sagte: „Sind Sie mit einem freiwilligen Atemalkoholtest einverstanden?“

„Sicher“, antwortete Stefanie. Und fuhr fort: „Dass ich ein wenig undeutlich rede, liegt an meiner Behinderung. Und dass ich nach Bier rieche, muss daran liegen, dass ich vor meinem Auto gestürzt bin beim Einsteigen. Das liegt aber auch an meiner Behinderung.“ – Der Beamte sagte: „Ja ja, das wird sich alles aufklären. Können Sie einmal mit zum Streifenwagen kommen?“

„Dann müsste ich erstmal meinen Rollstuhl aus dem Kofferraum holen“, antwortete sie. Der Polizist sagte: „Dann machen wir das anders. Können Sie sich mal bitte seitlich auf ihren Sitz setzen, die Füße nach draußen?“ – Er öffnete die Tür, gab ihr ein Gerät in die Hand und sagte: „Tief Luft holen, das Mundstück mit den Lippen fest umschließen und so lange in das Gerät pusten, bis das akustische Signal aufhört.“

Wie zu erwarten war: Null Komma Null. Der Polizist staunte, zeigte das Ergebnis seinem Kollegen, der direkt daneben stand. Der zog die Augenbrauen hoch. Dann sagte er: „Können Sie uns bitte nochmal erklären, warum Sie nach Alkohol riechen?“ – „Darf ich meine Jacke eben ausziehen? Die riecht nach Bier, vermutlich habe ich mich in irgendwas reingepackt, als ich gestürzt bin. Ich bin auf dem Weg vom Kofferraum zur Fahrertür abgerutscht und gefallen und vermutlich war da irgendwas ausgekippt. Ich bin Rollstuhlfahrerin und kann nicht richtig laufen wegen einer Behinderung. Und deswegen spreche ich auch etwas undeutlich.“

„Haben Sie einen Schwerbehindertenausweis dabei?“ – „Ist mit in dem Portmonee.“ – „Das Auto ist umgebaut, oder?“ – „Ja, ich fahre nur mit den Armen und dem Kopf.“ – „Mit dem Kopf?“ – „Ja, blinken tu ich zum Beispiel mit dem Kopf, weil ich keine Fingerfunktionen habe. In der Kopfstütze ist eine Wippe eingebaut. Wenn ich mit dem Kopf links gegen die Kopfstütze drücke, blinkt es links und wenn ich rechts gegendrücke, blinkt es rechts, und wenn ich das wieder in die Mitte drücke, geht der Blinker aus.“

„Der Herr hinter Ihnen hat offenbar beobachtet, wie Sie gestürzt sind und dachte, Sie wären alkoholisiert. Deswegen hatte er die Polizei gerufen.“ – „Der hatte mir doch noch wieder hoch geholfen. Da hätte er doch fragen können. Außerdem stand ich auf einem Behindertenparkplatz.“ – Der Polizist antwortete: „Zusätzlich riechen Sie nach Alkohol und, ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, reden undeutlich. Bedenken Sie, dass Ihr Verhalten dem Mann merkwürdig vorkommen musste. Sie können ihm daraus keinen Vorwurf machen. Es hat sich ja nun geklärt.“ – „Heißt das, wir dürfen weiterfahren?“ – „Es gibt keinen Grund, Sie länger aufzuhalten. Oder, Moment, der Herr möchte Ihnen noch was sagen?“

Der Mann stand plötzlich neben uns und sagte: „Das ist mir sehr unangenehm. Ich bitte Sie tausend Mal um Entschuldigung. Ich dachte wirklich, Sie wären sternenhagelvoll. Da habe ich einen richtigen Bock geschossen.“ – Stefanie sagte: „Kann ich jetzt zwar nicht so ganz nachvollziehen, aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich täglich mit mir selbst zu tun habe und Sie nicht. Entschuldigung ist akzeptiert, dürfen wir dann jetzt endlich weiter? Ich möchte duschen.“

Die nächsten fünf Minuten bis zu meiner Haustür sagte keiner auch nur ein Wort. Erst als der Motor aus war, nahm Stefanie ihre Hände vor das Gesicht und blieb einige Sekunden so sitzen, rieb sich die Augen. Dann schaute sie mich völlig fertig an. Ihr erster Kommentar, kopfschüttelnd: „Mir ist ja schon viel passiert. Aber sowas? Das glaubt uns kein Schwein.“

Nicht die Sonne

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Ich wünsche mir, dass die Sonne endlich mal wieder ein bißchen mehr scheint und wir nicht nur Regen haben. Dieses Wetter geht mir so langsam auf den Keks.

Das auf dem Foto ist übrigens nicht die Sonne. Das ist der Vollmond zwischen einigen Wolken, wie er gestern abend über unserem Haus kurz nach Sonnenuntergang zu sehen war. Eigentlich beste Aussichten für ein wenig schönes Wetter – aber der Mondschein trügt.

Nudelernte, Leierblase, Praktikum

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Ich muss zurzeit … nein, ich darf zurzeit mitlaufen. Ich will nicht „mitrollen“ sagen, weil erstens fast alle anderen auch mitlaufen und meine Anleiterin auch nicht rollt. Und „hinterherrollen“ stimmt auch nicht ganz, weil sie mich meistens vorturnen, also vorrollen lässt. Die Rede ist von praktischen Eindrücken, die man neuerdings bereits im vorklinischen Teil des Studiums bekommen soll.

Meine Gruppe besteht nur aus mir und einer Kommilitonin mit einem psychischen Knacks, wie sie selbst von sich sagt. Und eben der Anleiterin. Mitte 40, Fachärztin für Innere, sehr nett, sehr lustig, sehr entspannt. Bei Marie ist man auch zu dritt, ansonsten mindestens zu fünft. Zitat des Dozenten: „Gerade bei den Rollstuhlfahrern machen wir die Gruppen nicht zu groß, sonst sind einige Patienten damit überfordert.“ – Aha. Wie gut, wenn man nicht die erste Studentin im Rollstuhl ist.

Eigentlich soll dieser praktische Einschub den Schwerpunkt „innere Organe“ haben. Die Betonung liegt auf „eigentlich“, denn uneigentlich lerne ich zur Zeit eher, dass meine Vorstellungen von unserem Verwaltungsstaat zu eng gefasst waren. Und meine Vorstellungen davon, was für einen Unsinn manche Leute glauben. Und nicht zuletzt meine Erwartungen, wieviel Medikamente einige Leute nehmen.

Ich könnte jetzt bereits ein Dutzend Anekdoten erzählen, ich beschränke mich mal auf einen knackigen Dialog: „Sie haben hier ‚Tüte Schipps‘ geschrieben. Sie essen jeden Tag eine Tüte Chips oder jede Woche?“ – „Jeden Tag. Kartoffelchips sind gesund, schließlich haben meine Eltern den Krieg auch mit Kartoffeln überlebt.“ – „Mit Kartoffeln ja, aber da gab es die noch nicht geröstet und gesalzen aus Gebrüder Snackworlds Knistertüte.“ – „Salzkartoffeln, Bratkartoffeln, was meinen Sie, was meine Mutter früher alles aus Kartoffeln gezaubert hat?! Und sie war nie krank, nur mein Vater hatte offene Tuberkulose. Aber ich will Ihnen was sagen, er hatte bei der Armee auch immer nur diesen Fertigfraß bekommen. Als er nachher wieder Kartoffeln hatte, ging es ihm lange Zeit gut. Keine Kartoffeln, mehr Nudeln, das ist alles so ein neumodischer Kram und kommt aus Italien. Nur da wächst ja auch nichts anderes.“

Falls ich also mal nach Italien komme, hat mir meine Anleiterin beim Mittagessen in der Kantine empfohlen, werde ich unbedingt in die Gegend fahren, wo man an der kultigen Nudelernte teilnehmen kann. Ich habe nur noch nicht nachgeschlagen, ob die Dinger nur am Baum wachsen (da komme ich ja schlecht dran) oder auch an Sträuchern. Der Mirabella-coli-Baum wird ja übrigens komplett verwertet, das ist eine Kreuzung aus ursprünglich zwei Pflanzen. Erst kommen die Nudeln ab und werden auf eine Länge gesägt, dann werden die eckigen Mirabellen gepflückt und zu Tomatenmark eingekocht, aus den Blättern häckseln sie die Würzmischung und aus dem Holzschnitt (Coli) den Parmesan-Ersatz. Der Mira-Bella-Coli-Baum ist ein Meisterwerk der modernen Argrarkultur und steht in Italien tausendfach auf den Feldern. Nur die mit geeichtem Füllstrich versehenen Multifunktions-Alubeutel und die bunten Pappkartons müssen noch industriell gefertigt werden.

Hey, ich habe nichts gegen Italien. Falls das nach dem letzten Absatz klargestellt werden musste. Aber vermutlich habe ich mir jetzt jede Chance verspielt, eines Tages mal die vier großen Buchstaben jenes Konzerns auf meinem Trikot zu haben, der den gleichen Namen hat wie ein Himmelskörper (nein, nicht der Mond) und neben einem halbfertigen Nudelgericht auch noch die leckereren mit Zucker umhüllten bunten Schokolinsen und das Lieblingsfutter für die Katze einer Sportkollegin herstellt. Dabei würde ich wetten, mindestens zwei Lesende (!) meines Online-Tagebuches haben beim nächsten Einkauf mal wieder etwas im Wagen, was sie schon lange nicht mehr gegessen haben.

Genug Unsinn gemacht, zurück zu meinen praktischen Eindrücken. Wie schon erwähnt, bin ich ehrlich erstaunt darüber, wievielen Menschen ich in dieser halben Woche bisher begegnet bin, die zum Teil Medikamente wie Schokolinsen in sich reinwerfen. Ich will es nicht ins Lächerliche ziehen, wenn jemand sehr krank ist und Medikamente braucht. Aber den Vogel hat eine Frau abgeschossen, die etwas gegen zu hohen und etwas gegen zu niedrigen Zucker regelmäßig nimmt. Also Tabletten, die die Bauchspeicheldrüse anregen, mehr Insulin zu produzieren, und Glukosebeutelchen, die ihr für den Notfall (also eine Unterzuckerung) empfohlen worden waren. Davon nahm sie regelmäßig bis zu zehn am Tag, der Apotheker hätte ihr auf die Frage der Maximaldosis gesagt, sie könne auch zehn am Tag nehmen, das mache nichts. Unter Garantie in irgendeinem Kontext, aber den hat die arme Frau wohl ebensowenig mitbekommen wie den eigentlichen Sinn der Übung. Und überhaupt: Sie nimmt täglich acht Tabletten eines bestimmten Kortisons in Daueranwendung gegen Schulterschmerzen, vier morgens und vier abends. Jede Tablette hat fünf Milligramm, jede nimmt sie mit einem großen Glas Wasser. Hat der Arzt gesagt. Mit dem Ergebnis, dass sie danach zehn mal aufs Klo müsste, wie sie mir dann erklärte, und deshalb habe sie eine „Leierblase“, die mindestens noch eine halbe Minute nachträufelt. Statt 4 x 5 mg könnte sie übrigens auch 1 x 20 mg nehmen. Minus drei Gläser Wasser. Aber das nur so nebenbei, man soll ja viel trinken.

Meine Kommilitonin und ich waren bei der Aufnahmeuntersuchung dabei, mussten alles mitschreiben, was unsere Anleiterin in der Akte notierte. Hinterher hat sie das mit uns besprochen, das war schon sehr interessant und in vielen Bereichen nochmal völlig anders als das, was wir bisher gelernt haben, in einigen Bereichen aber durchaus ein Aha-Erlebnis. Heute nun waren drei Neuaufnahmen geplant – und eine davon war meine. Ein Mann, um die 70, ein ehemaliger Lehrer, wie er mir erzählte, sollte wegen Alterszucker behandelt werden, vermutlich muss er sich künftig regelmäßig Spritzen setzen, weil er mit verschiedenen Tabletten nicht den Erfolg erzielt hatte, den er sich versprochen hatte. Mein Job war es, die gesamte Krankengeschichte zu erfragen, also ihn zu interviewen, was er von Fuß bis Kopf schon alles gehabt hat, was noch besteht, welche Medikamente er nimmt, was er wiegt, ob er raucht, wieviel Sport er macht – bevor dann meine Anleiterin ihn untersucht hat. Beziehungsweise Blutdruck und Blutzucker und einen anderen Wert, den man aus dem Blutstropfen aus dem Ohrläppchen bestimmen kann, musste ich auch noch selbst messen. Meine Anleiterin war natürlich die ganze Zeit dabei, hat aber nicht einen Pieps gesagt. Nur am Anfang gefragt, ob er einverstanden ist, wenn eine Studentin den ersten Teil des Aufnahmegesprächs macht. Daraufhin meinte er: „Oh ja, sehr gerne, ich freue mich, wenn ich etwas für die Wissenschaft tun kann. Ich bin ja kein Notfall und habe alle Zeit der Welt.“

Es ist eigentlich sehr gut gelaufen, von meiner Aufregung mal abgesehen. Ich habe natürlich erst zu wenig und dann zu viel von der durchblutungsfördernden Creme genommen, so dass ich den Schweinkram nach dem Einreiben des Ohrläppchens auch am Handschuh hatte und erstmal den Handschuh wechseln musste, um nicht alles vollzuschmieren, dann ist mir noch das Pflaster am Handschuh festgeklebt und dann habe ich beim Blutdruckmessen vergessen, nochmal alle Luft aus der Mannschette zu drücken, bevor ich sie anlege. Obwohl sie eigentlich leer war, soll man das trotzdem nochmal machen. Ich weiß das eigentlich auch, aber … naja. Typischer Anfängerfehler. Aber ich habe sie richtig angelegt und hatte dann auch auf Anhieb dieselben Werte wie meine Anleiterin. Die schien recht zufrieden mit mir zu sein.

Und eine letzte Sache noch: Wir sind auf dem Weg zurück ins Dienstzimmer, als die Tür vom Besucherklo aufgeht und ein Patient rauskommt. Er spricht mich einfach so an: „Oh, gibt es in diesem Haus neuerdings auch Ärzte im Rollstuhl? Oder studieren Sie noch? Sie sehen noch sehr jung aus.“ – Ich antworte brav: „Vielen Dank. Ich studiere noch.“ – „Da gibt es doch aber geeignetere Berufe für Sie. Warum wollen Sie denn mit Ihrer Behinderung ausgerechnet Arzt werden?“ – Bevor ich ein Wort sagen konnte, fauchte meine Anleiterin dazwischen: „Weil sie es kann. Und wenn ich Sie noch einmal beim Rauchen auf dem Klo erwische, können Sie Ihre Sachen packen.“ – Ich hatte Mühe, mir ein schadenfrohes Grinsen zu verkneifen.

Drei Elfen im Meer

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Nachdem ich kürzlich, anlässlich meines 600. Posts bereits ganz viele statistische Werte festgehalten habe, erwähne ich nur noch kurz, dass vorgestern der Zähler die 1,75-Mio-Marke übersprungen hat.

Was ich auch noch kurz erwähnen möchte: In meiner Referrer-Liste tauchen neuerdings auch einzelne Besucher auf, die von einem Wikipedia-Eintrag hierher kommen. Ein User namens Schlurfrakete hat den angelegt. Falls mein Blog tatsächlich bedeutend genug ist, um einen Platz in jener großen Enzyklopädie zu finden, bedanke ich mich dafür.

Gestern haben Cathleen, Marie und ich zusammen mit dem Popo-Fetischisten aus unserem Triathlonverein endlich mal wieder etwas total verrücktes gemacht. Er hat uns schon vor zwei Monaten eingeladen, die diesjährige Badesaison in der Ostsee einzuläuten. Immer wieder kam etwas dazwischen, gestern war es nun endlich so weit. Weil die Ostsee gerade mal 12 Grad hat (und die Luft 15 Grad), waren wir natürlich im Neoprenanzug drin. Warum dieser Vorschlag (Baden im Neo) von ihm kam, war natürlich klar: Er steht auf Popos in Neos.

Vorweg genommen: Es war eine Mordsgaudi. Die Leute, die in ihren hoch geschlossenen Jacken über die Promenade flanierten und sich von diversen Pfingstfesten, Kunsthandwerker- und Flohmärkten unterhalten ließen, staunten nicht schlecht und trauten teilweise ihren Augen kaum. Da rutschen ein paar behinderte Leute durch den Sand, um sich dann in der spiegelglatten Ostsee unter anderem mit zwei aufblasbaren neongelben Luftmatratzen zu vergnügen. Einer fragte, ob wir zu einer Showeinlage gehörten, ein anderer, ob wir eine Wette gewinnen wollten, eine Frau, wofür wir demonstrieren.

Und unser Sportkollege? Der hatte wohl seinen bisher schönsten Tag dieses Jahres. Drei knackige Elfen *hust*, denen er in die Anzüge helfen durfte (und auch wieder raus), die er im Wasser etliche Male knuddeln durfte, um auszudrücken, wie sehr er sich freue, und die hinterher zusammen mit ihm heiß duschten. Der Raum mit der rolligerechen Dusche am Strand ist zwar groß genug, hat selbstverständlich aber nur eine Duschbrause (und nicht vier).

Zum eigentlichen Schwimmen: Die weißen Bojen zeigen das Ende des beaufsichtigten Bereichs an und befinden sich 120 Meter vom Strand entfernt, jeweils im Abstand von 100 Metern zueinander. Wenn die Zahlen stimmen, sind wir tatsächlich auch 1.480 Meter geschwommen.