Zwei Tage Ostsee

7 Kommentare1.657 Aufrufe

Nach einem sonnigen, fast schon tropischen Wochenende komme ich braun gebrannt vom Strand zurück. Als ich gestern abend in meinem Bett lag, spürte ich noch immer die Wellenbewegungen des Meeres in mir … es war absolut fantastisch. Nachdem ja eigentlich eine Freizeit geplant war und nachdem ja eigentlich fast zwei Dutzend Leute zu diesem alternativen Wochenende mitfahren wollten, war es am Ende mit Maries Eltern wie immer sehr entspannt. Wir hatten zwei große Luftmatratzen für das Wasser dabei und bei schräg auflandigem Wind und Wellen, die auch fünfzig Meter vor dem Strand bereits teilweise Schaumkronen trugen, klopfte mein Meerjungfrauenherz natürlich deutlich schneller. Außerdem sind Marie und ich ein paar Mal mit einem Kajak gefahren, das man sich dort für vier Euro pro Stunde mieten konnte. Wir waren an unserem Strandabschnitt vielleicht fünfzig bis einhundert Leute, mussten vom Parkplatz keine hundert Meter zum Wasser rollen und hatten für meinen Geschmack perfekte Bedingungen.

Mit den Rollstühlen konnte man über einen befestigten Weg aus Holzbohlen fahren, das letzte Stück zum Wasser krabbelten wir durch den Sand, nachdem wir die Stühle am Ende des Holzweges abgestellt hatten. Selbstverständlich so, dass sie niemanden störten. Ein wenig traurig, dass es mit der Kinder- und Jugendfreizeit nicht geklappt hatte, war ich zwar, allerdings hatten wir plötzlich, am Nachmittag des ersten Tages, eine Jugendgruppe aus vierzehn- bis fünfzehnjährigen Leichtathletinnen und Leichtathleten um uns herum, die ebenfalls ein Sommerwochenende am Strand verbringen wollten. Sie schliefen in einem Mannschaftszelt auf einem nahe gelegenen Campingplatz und kamen plötzlich mit der Frage auf uns zu, ob wir beim Beachvolleyball mitmachen wollten. Zuerst verneinten wir das, dann meinte aber einer der Trainer: „Wir haben uns überlegt, wir könnten das doch alle im Sitzen machen. Ist mal was anderes, also quasi Sitzvolleyball.“

So haben Marie und ich bestimmt zwei Stunden lang mit den Jugendlichen eine Art Beach-Sitzvolleyball gespielt, was sehr gut klappte und uns etliche Dutzend Zuschauer, die am Rand standen und begeistert mitfieberten, Punkte zählten und immer wieder klatschten, bescherte. Zwei ältere, braungebrannte Männer rannten jedes Mal dem Ball hinterher, wenn er aus dem Spielfeld ging und weiter wegflog, einige völlig fremde Leute und auch etliche Kinder und Jugendliche, die mit der Gruppe nichts zu tun hatten, ließen sich reihum immer mal wieder einwechseln. Natürlich ist Sitzvolleyball günstig für Menschen, denen untere Gliedmaße fehlen, aber man kann es natürlich auch als nicht behinderter oder querschnittgelähmter Mensch spielen.

Am Abend wollten wir grillen. Maries Papa hatte für unser Abendessen einen Campinggrill mitgenommen. Den er allerdings im Auto lassen konnte, da uns diese Jugendgruppe spontan angeboten hat, unser Fleisch und unsere Würstchen mit auf deren großen Grill zu legen. Die Gruppe hatte Tische und Bänke am Strand aufgestellt und einen großen Schwenkgrill aufgebaut. Bevor es losgehen konnte, kam jemand vom Ortsamt, der sich das alles anschaute, eine Genehmigung sehen wollte, dann aber viel Spaß wünschte und weiter fuhr. Bald darauf saßen wir also zwischen der ganzen Horde auf den Bänken und wurden gegrillt begrillt. Maries Eltern unterhielten sich mit einem Trainer sehr intensiv, wir wurden von einigen Jugendlichen ausgefragt, wie wir das früher mit dem Schulsport gemacht hätten, ob man mit Querschnittlähmung gut schwimmen kann und wie es überhaupt dazu gekommen sei, dass wir im Rollstuhl säßen …

… und plötzlich, ich wurde ja gerade erst in der letzten Online-Fragerunde ergebnislos nach meinem letzten peinlichen Erlebnis befragt, kippte diese Bank, auf der wir saßen, im Sand leicht nach hinten weg. Sie kippte nicht um, aber es reichte aus, um einen kleinen Schreck zu bekommen. Und eine Spastik im Bein. Ich trat mit meiner rechten Fußspitze dem etwa 14jährigen Mädchen, das mit gegenüber saß, vor das Schienbein. Sie war völlig perplex, und in dem Moment, in dem ich mich entschuldigte, schaute sie unter den Tisch. Eher, um den Tritt einer Querschnittgelähmten einzuordnen, weniger, um das zu sehen zu wollen, was sie dabei sah: Ich pinkelte auch gerade in meine Shorts. Nein, das war selbstverständlich nicht beabsichtigt, nicht vorher angekündigt, hochnotpeinlich und beim Essen natürlich noch einen Funken ekliger als ohnehin schon. Zumal es auch nicht drei bis acht Tropfen oder ein kleiner Schwall, sondern eher drei Gläser Alsterwasser (so heißt in Hamburg das Radler, also ein Gemisch aus Bier und Zitronenlimo) waren. Tja, Jule, schlecht disponiert! Ich hoffte vergeblich, dass das unentdeckt im Sand versickern würde. Das Mädchen guckte mich entgeistert an und bevor ich irgendetwas sagen konnte, schrie sie bereits los: „Igitt, das ist ja voll eklig, guckt mal!“ – Woraufhin natürlich alle unter den Tisch gucken mussten und kreischend von ihren Bänken aufsprangen und erstmal wegrannten. Marie saß rechts neben mir und murmelte: „Einfach nicht drauf reagieren. In dem Alter ist vieles ‚iiih.‘ Die kommen schon wieder zurück und dann kannst du es ihnen ja erklären.“

Mir rollten die Tränen über die Wangen, ohne dass ich es überhaupt beeinflussen konnte. Ich kaute auf dem plötzlich fad schmeckenden Fladenbrot herum, das immer mehr um Mund zu werden schien legte mein Besteck neben den Teller und hoffte, ich dürfte aufwachen und alles wäre sofort vorbei. Einen Moment später stellte jemand seinen Teller und sein Glas neben mir auf dem Tisch ab. Schob mit einer Fußbewegung trockenen Sand über die versickerte Pfütze und setzte sich links neben mir auf das Ende der Bank. Es war Maries Mutter. „Rutsch mal ein Stück“, bat sie mich. Ich schüttelte den Kopf. Sie wiederholte: „Rutsch mal ein Stück!“ – Ich sagte: „Das geht nicht, da ist die Bank nass.“

„Das ist eine Holzbank, die nimmt keine Feuchtigkeit auf. Jetzt rutsch doch mal bitte.“ – Marie und ich rutschten ein Stück nach rechts. Nach Essen war mir nicht mehr zumute. Maries Mutter sagte: „Ich geh nachher mit dir noch eine Runde schwimmen, okay? Bitte denke mal kurz über eine Sache nach: Müsste Marie das peinlich sein, wenn ihr das passiert? Genau wie du für Marie empfinden würdest, empfinden Marie und ich für dich: Es ist alles gut, es gibt keinen Grund, aus dem du dich verstecken müsstest.“

Ich schluckte mehrmals, durch meine tränenden Augen konnte ich kaum noch was erkennen. Maries Mutter gab mir einen Kuss auf meinen linken Oberarm. Die anderen Kinder waren an den anderen Tischen zusammengerückt und aßen dort weiter. An unserem Tisch saßen wir nur noch zu dritt. Ich beruhigte mich wieder und aß auch irgendwann weiter. Inzwischen war es mir eher peinlich, überhaupt geweint zu haben. Es vergingen etwa zehn Minuten, dann kam das Mädchen, das ich versehentlich getreten hatte, auf mich zu, setzte sich wieder auf den alten Platz und sagte: „Ich möchte mich bei dir entschuldigen. Das war unfair von mir. Ich habe nicht gewusst, dass auch deine Blase gelähmt ist und dass sowas ganz plötzlich passieren kann.“ – „Ist schon okay.“ – „Darf ich mich wieder hier hinsetzen?“ – „Klar.“ – „Meine Freunde auch?“ – „Sicher.“

Es schien ein eindeutiges Gespräch mit einem der Betreuer gegeben zu haben. Das Mädchen guckte zum anderen Tisch rüber und sagte zu ihren Freundinnen, die vorher bei uns am Tisch gesessen haben: „Ihr dürft!“ – Wie auf Kommando kamen sie alle wieder. Es herrschte eine angespannte Stimmung. Bis ein Mädchen fragte: „Wieso ist dir das denn passiert? Du hättest mir doch Bescheid sagen können, dass du aufs Klo musst, ich hätte dir auch deinen Rollstuhl geholt und hätte dich durch den Sand geschoben. Hast du dich nicht getraut?“

Marie sagte: „Das hat gar nichts mit ‚trauen‘ zu tun. Das Problem ist, wenn du dringend müsst, merkst du das. Es drückt, du wirst ganz hibbelig und irgendwann tut es auch weh. Wenn man aber querschnittgelähmt ist, drückt nichts. Und man wird auch nicht hibbelig. Und dann kann das passieren, dass man das nicht merkt, dass man dringend aufs Klo muss. Und irgendwann läuft es in die Hose.“ – „Ist dir sowas auch schon passiert?“ – Marie nickte. Und fragte: „Dir etwa nicht? Das passiert doch jedem mal, ob querschnittgelähmt oder nicht.“

In den Köpfen dieser Mädchen hatte sich etwas bewegt, das war eindeutig zu erkennen. Und von diesem nervenden Zwischenfall abgesehen, war es ein toller Abend. Gegen Mitternacht, die ganzen Jugendlichen waren bereits zurück auf ihrem Zeltplatz, war die Ostsee spiegelglatt. Es war ziemlich dunkel, nur der Holzweg war beleuchtet. Zeit für ein sehr gefühlsintensives und in dem wohl temperierten Meerwasser absolut herrliches Mitternachtsschwimmen. Nackt.

Und für einen schönen zweiten Strandtag.

Snaptrash

12 Kommentare1.982 Aufrufe

Es wird immer schlimmer. Der Trend war schon lange zu erkennen, aber bisher sind wir davon einigermaßen verschont geblieben. In diesem Sommer ist die Seuche auch über uns hereingebrochen und hat einen wahrscheinlich nicht mehr zu reparierenden Schaden angerichtet. Gemeint ist ein immer mehr dominierender Lifestyle, der sich aus cooler Unverbindlichkeit, umwerfender Unzuverlässigkeit, kopflos-giftigem Egoismus mit einer Spur Überheblichkeit und einer Prise Kaltschnäuzigkeit definiert, sich mit einer scheinbar feuerfesten Immunität aus souverän gefühlsloser Logik verteidigt und notfalls auch keine Scheu hat, sich mit unfairer Unehrlichkeit und verleugneter Ignoranz zu verteidigen.

Gemeint ist damit keineswegs, dass es Menschen gibt, die nicht wissen, was ein Kalender oder eine Uhr ist, und die ständig ihre Termine und Aufgaben verschusseln. Gemeint sind auch nicht die chronischen Zuspätkommer oder diejenigen, die sich immer mehr vornehmen als sie eigentlich schaffen können und dadurch wiederholt Verabredungen absagen. Gemeint sind ganz klar diejenigen Menschen, die sich vordergründig immer, aber hintergründig nie verbindlich festlegen, die sich immer alle Optionen bis zur letzten Minute offen halten, um sich am Ende das für sie Beste herauszupicken, die keine Verantwortung übernehmen und sich vor jeder Aufgabe bis zum Aschermittwoch drücken. Die aber auch weder Klartext reden noch „Nein“ sagen können, sondern die hoffen, berechnen und kalkulieren, um nach Schließen des letzten Schotts im richtigen Raum zu sein. Und die dann, wenn sie es geschafft haben, cool bis hämisch grinsen; und wenn sie es nicht geschafft haben, sofort in eine Opferrolle schlüpfen.

Einer meiner Professoren hat dieses Phänomen mal als „Snaptrash“ bezeichnet. Menschen unter 25 Jahren seien derzeit am meisten von dieser unrühmlichen Termin-Schnäppchenjagd betroffen. Und inzwischen versteht ihn, glaube ich, niemand so gut wie ich.

Ich gehörte auch in diesem Jahr wieder zu einem Viererteam, das eine Sommerfreizeit an der Ostsee organisiert hatte. Für maximal 30 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 Jahren, hauptsächlich mit Behinderungen und hauptsächlich aus Familien, die nicht verreisen können. Wie schon seit vielen Jahren unterstützt sowohl die Stadt aus einem Fördertopf als auch ein mittelständisches Unternehmen aus dem Hamburger Umland diese insgesamt rund 10.000 Euro teure Maßnahme, damit wirklich niemand zu Hause bleiben muss. Die „Betreuerinnen“ und „Betreuer“ verzichten auf jede Vergütung (müssen allerdings auch nichts bezahlen), und wer finanziell leistungsfähig ist, muss 300 € zahlen. Wer nicht, bekommt (gestaffelt nach Einkommen) bis zu 262 € Zuschüsse. Jahrelang war diese Sommerfreizeit ein toller Erfolg.

Für dieses Jahr hatten wir die Unterkunft bereits im März 2012 gebucht und am 31. Mai 2013 endete die Anmeldefrist innerhalb des Vereins, um sich bei dieser Freizeit anzumelden. Insgesamt lagen dreißig Anmeldungen vor und weitere elf waren auf der Warteliste. Und wie immer: Bis zum Anmeldeschluss hatten nur acht ihre Teilnahmegebühr bezahlt. Zwei weitere hatten die nötigen Zuschüssanträge ausgefüllt und ihren Anteil überwiesen, insgesamt waren also gerade mal zehn Anträge komplett. Also haben wir am 1. Juni die verbliebenen 20 Leute angeschrieben, was von ihnen noch fehlt und dass ihre Anmeldung in einer Woche storniert wird, wenn nicht gezahlt oder alternativ der Antrag auf Unterstützung ausgefüllt wird. Daraufhin hat noch eine Mutter sich telefonisch entschuldigt, die Überweisung habe aus ihr unerklärlichen Gründen nicht geklappt. Damit waren elf Personen verbindlich angemeldet, neunzehn Anmeldungen wurden storniert und die elf auf der Warteliste rückten nach.

Die neunzehn stornierten Leute bekamen Post, dass sie sich nun auf die acht noch freien Plätze erneut bewerben könnten. Wie immer gilt der Teilnehmer als gesetzt, der zuerst alles komplett eingereicht und bezahlt hat. Gleichzeitig fand noch ein Planungs- und Infotreffen statt, zu dem alle Teilnehmer und die Interessierten eingeladen waren. Es wurde natürlich gleich auf der Einladung dazu fett darauf hingewiesen, dass wir bei diesem Treffen kein Bargeld annehmen können (und wollen), und alle Zahlungen über das Vereinskonto laufen müssen. Von den 41 gesetzten oder interessierten Teilnehmern waren gerade mal zehn da, vier davon hatten 300 Euro dabei (und wollten nicht verstehen, warum wir nun kein Bargeld annehmen), zwei andere pöbelten rum, weil sie angeblich zu Unrecht wieder aus der Liste gestrichen wurden und das Procedere nicht schlüssig sei. „Gleich hier die Anmeldung nochmal ausfüllen und morgen das Geld überweisen, dann ist doch alles in Butter“, meinte meine Kollegin. Und die anderen Leute wollten lediglich in Erfahrung bringen, ob es für sie Sonderregeln geben könnte: Ich möchte im Einzelzimmer schlafen, darf ich auch drei Tage später an- und zwei Tage früher abreisen, darf ich zwischendurch einen Tag nach Hause, dürfen meine Eltern mich zum Grillabend besuchen und mitessen, …

In den darauf folgenden Tagen ging natürlich keine weitere Anmeldung ein. Von den elf nachgerückten zahlten zwei, fünf reichten einen Zuschussantrag ein. In den folgenden Tagen sagten dann noch sechs wieder ab, weil sie doch lieber mit den Eltern verreisen, zu Omas Geburtstag oder die Zeit im Garten verbringen wollten. Davon einige, für die die Stadt und der private Sponsor die Kosten (bis auf 38 €) übernommen hatten. Klar, dass diese Familien dann eine Rechnung über 250 Euro Stornogebühren bekommen haben, wie vorher schriftlich vereinbart. Schließlich müssen wir für das leer bleibende Bett in der Unterkunft zahlen. Auch dagegen wurde natürlich erstmal wieder Krach geschlagen, angeblich sei das schlecht erklärt gewesen.

Am Ende haben wir die komplette Veranstaltung abgesagt, denn von den zuletzt zwölf verbliebenen Leuten wurden dann noch vier weitere kurzfristig abgeworben. Sie wollten dann lieber an einer anderen, alternativen Minifreizeit teilnehmen, die die Eltern eines der Teilnehmer organisiert hatten, der kurz zuvor wegen des Geburtstags seiner Oma bei uns wieder abgesagt hatte. Die vier bekamen dann auch nochmal je eine Rechnung über 250 € Stornogebühren, und die verbliebenen acht, die natürlich unglaublich traurig waren, bekamen ihre 300 € wieder erstattet. Die noch nicht abgerufenen Gelder der Stadt wurden wieder freigegeben und dem Sponsor mussten wir mitteilen, dass dieses Jahr die Freizeit mangels Interesse ausfällt – woraufhin er uns erzählte, dass ihn in der letzten Zeit drei Leute angerufen haben; einer wollte, dass er auch noch die 38 € Eigenanteil übernimmt, einer wollte zu seinen 300 € einen direkten Zuschuss von ihm und ein Elternteil wollte wissen, ob er nicht die alternative Freizeit mit den üblichen 1.500 €, die er sonst an unseren Verein zahlt, lieber direkt unterstützen könnte.

Den Vogel abgeschossen hat allerdings eine Mutter, die in einem Werbevertrieb arbeitet und für ein Anzeigenblatt eine Werbeanzeige verkaufen wollte – und dafür auch bei diesem Unternehmen anrief und sich bis zum Chef durchstellen ließ. Für einen Freundschaftspreis von 500 € könne man eine ganze Seite in einem Anzeigenblatt zur Verfügung stellen für einen Fototext über diese Freizeit, in dem das unterstützende mittelständische Unternehmen mehrmals erwähnt werde… Der Sponsor signalisierte bereits, dass er im kommenden Jahr für unsere Freizeit eher nicht mehr zur Verfügung steht, sondern lieber andere tolle Projekte unterstützen wird.

In den Tagen nach der Absage bekamen wir jeder Menge Kritik zu hören, und zwar in erster Linie von denjenigen, die Stornogebühren zu zahlen hatten. Danach sei das ganze Procedere nicht verständlich beschrieben worden, Zahlungen nicht angekommen, weil ein Zahlendreher in der Überweisung war, Mails nicht angekommen, mit denen man die Anmeldung schon vor Anmeldeschluss angeblich selbst storniert hatte – und überhaupt sind ja alle so arm und unser Verein so unsozial hart. Außerdem sei diese Organisationsform nicht mehr zeitgemäß: Heutzutage müsse man spontan sein.

Was solls. Marie und ich haben uns für zwei Tage am Ostseestrand verabredet und alle interessierten Leute spontan zwei Tage vorher eingeladen. Fast zwanzig hatten Lust. Könnt ihr für uns Grillfleisch mit einkaufen? Ich geb euch das Geld vor Ort wieder. Hast du noch einen Platz frei im Auto? Kannst du mich vor Ort kurz vom Bahnhof abholen? Darf ich meine Freundin mitbringen?

Mitgefahren sind am Ende nur Maries Eltern – spontan…

Erdbeeren und Gangsterblick

9 Kommentare1.826 Aufrufe

Unser Training wurde wegen der Affenhitze von den Abend- in die frühen Morgenstunden verlegt. Als ich Marie fragte, ob wir an dem frei gewordenen Abend mit dem Handbike zum Badesee fahren wollen, meinte sie: „Ich würde gerne meine Omi mal wieder besuchen. Und am liebsten würde ich dich mitnehmen. Ich habe ihr schon so viel von dir erzählt und sie hat mich so oft schon gefragt, ob ich dich nicht mal mitbringen möchte. Sie möchte dich so gerne mal kennenlernen.“

Kurz und knapp: Auf den 120 Kilometern zu war zum Glück trotz des Ferienreiseverkehrs und entsprechend gut gefüllter Autobahnen kein Stau, so dass wir in etwas mehr als einer Stunde vor Ort waren. Die Oma war sehr nett und hat sich riesig gefreut. Sie ist körperlich nicht mehr so ganz fit, kann nicht mehr so schnell laufen. Vor einiger Zeit ist der dazu gehörige Opa verstorben, der aber zuletzt auch sehr krank war.

Einen Computer hat die Oma zwar nicht, aber einen DVD-Rekorder und einen hochwertigen und großen Fernseher, so dass Marie ihr immer alle möglichen Videoclips auf DVD brennt. Kurze Musikclips, lustige Sachen, Dokumentationen, Musiksendungen … alles das, was man nicht hat, wenn man nicht auf das Internet zugreifen kann. Oder manchmal auch Musikclips, die sie toll findet und die sie sich live im Konzert angesehen hat oder ähnliches. Dazu meistens viele Fotos, die sie vom Handy oder von der Digitalkamera hochlädt und sich dann über einen Fotoversand zuschicken lässt. Die Oma hat sich jedenfalls sehr gefreut: „Da habe ich ja wieder wochenlang dran zu gucken!“

„Seit ihr hungrig? Ich hau euch sonst ein paar Eier in die Pfanne!“ – „Omi, bleib sitzen! Wir hatten bei Mama Mittagessen, alles ist gut.“ – „Ganz bestimmt? Nicht, dass ihr mir mit hungrigem Bauch da sitzt. Aber vielleicht kann ich Euch mit ein paar frischen Erdbeeren was Gutes tun? Frisch zubereitet, von den Nachbarn aus dem Schrebergarten, einen ganzen Korb voll, so viel kann ich gar nicht alleine essen!“

„Omi, was hältst du davon, wenn wir beide später kurz für dich einkaufen gehen, Mama sagte, du brauchst noch ein paar schwere Sachen, und danach essen wir zu dritt zu Abend?“ – „Nun ruht euch erstmal ein wenig aus. Die Fahrt war bestimmt anstrengend, ist viel los auf der Autobahn? Bei der Wärme will ich euch gar nicht so schnell wieder losschicken.“ – „Das hat ja auch noch Zeit. Die Läden haben ja bis 20 Uhr auf und wir fahren schnell mit dem Auto hin. Wir können dich auch mitnehmen, wenn du das möchtest.“

Naja, die Oma hatte viel zu erzählen, von dem Besuch, den sie in den letzten Wochen bekommen hat, von den Nachbarn, die nett zu ihr sind, von ihrem letzten Urlaub mit ihrem Mann (einschließlich einem ganzen beschrifteten Album voller Urlaubsbilder), und von Marie. Stolze Oma.

Gegen 18.30 Uhr sind wir dann zum Einkaufen gefahren. Marie meinte, sie würde einige Artikel gerne in einem Drogeriemarkt eine Straße weiter kaufen, da sie dort erheblich billiger seien. Also stellten wir das Auto auf dem Supermarktparkplatz ab und machten uns per Rolli auf den Weg zur Drogerie. Der kürzeste Weg führte über einen Spielplatz, an dessen Enden befanden sich so genannte Fahrradsperren, also solche hüfthohen Bügel, die Radfahrer zwingen sollen, abzusteigen. Auf diesen Bügeln turnten vier Mädchen im Alter zwischen 13 und 16 herum. Wir fragten sie, ob sie uns bitte durchlassen.

„Nö“, war die Antwort. „Nehmt gefälligst einen anderen Weg.“

Marie antwortete: „Och kommt. Lasst uns mal bitte durch, ihr könnt gleich weiterturnen.“

„Das kostet fünfzig Euro. Für fünzfig Euro gehen wir hier weg.“

Marie guckte mich an. „Ganz schön geschäftstüchtig, oder?“ – „Aber hallo“, antwortete ich.

„Habt ihr fünfzig Euro?“, fragte das älteste der Mädchen. Marie antwortete: „Nein, haben wir nicht. Und jetzt würden wir gerne mal durch.“

Das älteste Mädchen forderte ihre jüngste Freundin auf: „Guck mal nach, was die im Rucksack haben. Da ist bestimmt irgendwo Geld.“

Während ich mich ein wenig an das Mobbing in meiner Schule erinnerte und schon überlegte, wo ich eigentlich mein Pfefferspray hatte, schließlich weiß man ja nie, was noch passiert, fuhr Marie einfach auf die Mädchen zu. Zwei sprangen zur Seite, der dritten fuhr sie gegen das Schienbein. „Ich hab dich gewarnt. Geh zur Seite, sonst tut es weh.“ – Das Mädchen setzte den Gangsterblick auf. Ich hoffte nur, dass sie nicht noch irgendein Messer aus der Tasche ziehen würde. Auf der Rücktour nahmen wir einen anderen Weg. Unglaublich, auf welche Ideen die Gören kommen.

Maries Oma hatte in der Zwischenzeit reichlich Brote gemacht und vor allem drei große Schalen klein geschnittene Erdbeeren auf den Tisch gestellt. Und sich riesig gefreut, dass sie wieder genug Mineralwasser, Waschpulver und andere schwere Sachen im Haus hatte.