Atomlocken

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Jaja, sollen mich ruhig alle meine Probleme für lächerlich erklären. Sie haben mich in der letzten Nacht stundenlang verfolgt! Ich rede schreibe von übergroßen Erdnussflips.

Ja, ich bin heute schon genug ausgelacht worden. Das ist aber weniger witzig. Ich hatte in der letzten Nacht einen Alptraum, der mich völlig durchgeschwitzt und total verstört hat aufwachen lassen.

Ich hatte vor dem Einschlafen überlegt, dass ich auf jeden Fall noch in den Supermarkt muss, um Süßigkeiten für Halloween zu kaufen. Und irgendwann muss ich im Süßwarenregal mal etwas gesehen haben, was ich in meinen letzten Traum eingebaut habe. Ich war in einem Chemielabor in meiner Uni und musste einen Nachweis über einen Krankheitserreger erbringen. Plötzlich war ich alleine in diesem Labor und obwohl davon vorher nie die Rede war, galt der Krankheitserreger als nachgewiesen, wenn Erdnussflips anschwellen. So ein Schwachsinn! Aber diese Dinger vermehrten sich dann auch noch und ich hatte größte Angst, mich mit irgendeinem Scheiß zu infizieren. Radioaktiv sollten sich auch noch sein. Ich bin in Panik durch dieses Labor getobt, überall waren diese komischen mutierten Erdnüsse, und ich kam nicht raus. Ich weiß nicht, was ich alles ausprobiert habe, aber es ließ sich kein Fenster und keine Tür öffnen. Mein Handy war leer – unglaublich.

Ich habe Ängste ausgestanden, mich im Bett gewältzt, wie üblich bei Alpträumen alles vollgepinkelt, laut geschrien … und wurde erst wach, als jemand an meine Tür wummerte. Meine erste Handlung war ein Blick unter das Bett: Nein, keine Erdnussflips.

Als ich dann tatsächlich vor dem Supermarktregal stand, wusste ich, wovon ich geträumt hatte. Es waren zwar keine Flips, sondern überdimensionierte Locken. Angst habe ich jetzt vor denen aber trotzdem:

Über eine Quotenbehinderte

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Wir betreiben nicht dieselbe Sportart, aber wir betreiben beide Rollstuhlsport. Laufen Rollen uns dabei auch üblicherweise nicht über den Weg, höchstens mal bei einer Versammlung. Oder wenn wir eher zufällig dazu verdonnert werden, einen Termin wahrzunehmen, bei dem es um sportpolitische Themen geht und bei dem wir unsere Vereine oder zumindest unsere Sportarten vertreten sollen.

Ich habe Stefanie bisher immer völlig anders eingeschätzt. Asche auf mein Haupt, dass ich mich einerseits so verschätzen konnte, andererseits überhaupt geschätzt habe. Aber leider ist es bei mir manchmal so: Ich bekomme einen ersten Eindruck, einen zweiten, einen dritten – und dann male ich mir ein Bild, von dem ich dann später merke, dass es gar nicht stimmt. Ich habe Stefanie bisher als junge Frau gesehen, die mit allen vier Rädern fest im Leben steht, nicht weiß, wie sie die ganzen Verabredungen mit Freundinnen und Freunden in ihrem Terminkalender unterbringen soll, einen guten Job hat, einen tollen Mann, eine gemütliche und unbefangene Familie, ein schönes Haus im Grünen … irgendwie so.

Sie ist absolut hübsch. Würde mir jemand ein Foto von ihrem Gesicht zeigen und behaupten, sie sei ein erfolgreiches, teures Model, würde ich das sofort glauben. Sie wirkt absolut ruhig und gefasst, sagt klar, was sie denkt und was sie fühlt, lacht sehr gerne, macht insgesamt einen absolut sympathischen ersten Eindruck. Ohne es übertreiben zu wollen, sie wirkt automatisch auch etwas majestätisch. Allerdings nicht im Sinne von herrschaftlich, theatralisch, pompös, sondern eher beeindruckend im Sinne von berühmt, imponierend, souverän, würdevoll. Alleine durch ihr Aussehen, ihren Kleidungsstil, ihre Bescheidenheit, ihre Zurückhaltung.

Zurückblickend hätte ich große Lust gehabt, sie näher kennen zu lernen. Ich habe aber nie von mir aus den Kontakt gesucht. Ich habe gedacht, die Antwort würde lauten: „Du bist zu jung, du bist zu albern, wir haben keine Gemeinsamkeiten. Für Smalltalk bei einem zufälligen Treffen reicht es, ansonsten habe ich genügend Freunde, die jetzt schon wegen meines viel zu vollen Terminkalenders viel zu kurz kommen. Aber nett, dass du gefragt hast.“ – Wer hat darauf schon Bock?

Bis ich vor einigen Tagen eine Mail bekam: „Ich habe erfahren, dass du im Krankenhaus liegst. Leider habe ich deine Handynummer nicht. Ich hätte gerne mal mit dir gequatscht. Wenn du magst und deine Zeit es erlaubt, ruf mich doch einfach mal an. Liebe Grüße aus [einem Nobelstadtteil Hamburgs] und gute Besserung für dich! Werd schnell wieder fit!“

Ich war einigermaßen überrascht und habe ihr eine SMS zurück geschrieben, mich für die netten Wünsche bedankt. Und quasi bevor die SMS fertig gesendet war, rief sie mich an. Und begann das Gespräch mit: „Hallo Jule, ich habe immer einen Anlass gesucht, dich mal anzurufen, aber er war nie wichtig genug. Heute ist der Anlass zwar ein blöder, aber ich habe mich durchgerungen, dir zu schreiben. Wenn du das jetzt doof findest, sag das einfach, dann leg ich einfach wieder auf und werde dich nicht weiter nerven.“

Ich war so perplex, dass ich erstmal gar nichts gesagt habe. Bis ich dann ein „nein, ich freue mich, ich bin nur gerade etwas überrascht und durcheinander“ über die Lippen brachte. Sie wollte wissen, ob ich noch im Krankenhaus sei und als ich das verneinte, was ich den ganzen Tag so machen würde. Ich sprach kurz über mein Studium und über meinen Sport, erzählte irgendwann, dass ich letztes Wochenende in der Sauna war – da sagt sie: „Ich bin früher auch gerne in die Sauna gegangen. Mit meinen Eltern. Aber da konnte ich noch laufen.“

Sie meinte, sie würde es eines Tages gerne mal ausprobieren, ob das auch mit dem Rollstuhl geht. Ich sagte: „Warum sollte das nicht gehen?“ – Und ohne dass wir lange überlegt haben, waren wir verabredet. Wir kennen uns überhaupt nicht und gehen zusammen in die Sauna. Verstanden habe ich das selbst nicht. Aber es war ein wunderschöner Tag. Wir haben über neun Stunden lang über alles mögliche geredet und uns gegenseitig fast die gesamte Lebensgeschichte erzählt.

Und dabei hat sie mir auch erzählt, dass sie einen beschissenen Job hat, bei dem sie als „Quotenbehinderte“ zur Vermeidung der Ausgleichsabgabe nur gemobbt und ausgegrenzt wird (Betriebsweihnachtsfeier im Restaurant mit Stufen, man geht einfach davon aus, dass sie nicht dabei ist und sagt ihr das auch so ins Gesicht), dass sie aber nichts anderes findet. Sie hat eine kaufmännische Ausbildung, kann aber wegen ihrer Behinderung nur mit den beiden kleinen Fingern am Computer schreiben, da sie keine Handfunktion hat. Mit Stift und Papier kann sie überhaupt nichts anfangen.

Sie war fünf Jahre mit einem Mann zusammen, der sie allerdings mit einer zweiten Frau betrogen hat und ihr nicht sagen konnte, dass er auch jemanden zum Vorzeigen brauche und sie diese Rolle nicht übernehmen könnte. Sie sagte, sie verstehe heute nicht, wie sie sich so in einem Menschen täuschen konnte. Die Eltern haben sie bis zuletzt überreden wollen, trotzdem mit dem Typen zusammen zu bleiben, weil sie es als ausgeschlossen sahen, dass ihre Tochter jemals einen neuen Mann finden würde. Ihre Behinderung schreitet unaufhaltsam fort – wer liebt schon jemanden, der eines Tages pflegebedürftig sein wird, wenn diese Liebe nicht schon vorher bestanden hat? Also besser jemanden, der unehrlich ist, als gar keinen. Stefanie war da anderer Ansicht und hat den Typen in die Wüste geschickt. Und damit das Verhältnis zu den Eltern auch neu überdenken müssen.

Und zum Thema „Wohnen im Nobelstadtteil“: Sie wohnt tatsächlich in Ecke, in der überwiegend große Villen stehen. Aber es gibt dort auch sozialen Wohnungsbau und ihr Gehalt reicht für eine nicht barrierefreie Einzimmerwohnung. „Nicht barrierefrei“ in dem Sinne, dass sie zwar ohne Stufe rein und raus kommt, alleine sich aber nichts kochen kann, nicht mal alleine die Haustür aufschließen kann.

Als ich dann auch noch erfuhr, dass sie zwar zwei, drei sehr enge Freundinnen von früher hätte, diese aber inzwischen alle verheiratet seien und Familie hätten, so dass sie zwar regelmäßig telefonieren und sich auch mal zum Kaffeetrinken treffen, mehr aber nicht mehr drin wäre, habe ich wirklich gezweifelt, wie ich mich so verschätzt haben könnte. Als ihr zum Geburtstag zwar fünf, sechs Leute gratuliert haben, ihre Feier am Samstagabend aber trotz zahlreicher Einladungen spontan und unfreiwillig im kleinen Kreis stattfand (sie hat den Imbissbudenbesitzer an der nächsten Straßenecke zu einer Currywurst eingeladen, ihm aber nicht erzählen mögen, warum) und sie mir erzählte, dass Weihnachten am schlimmsten sei, weil sie dort drei Tage alleine sei und sich dann am 27. anhören müsse, wie toll alle anderen gefeiert hätten, habe ich wirklich geschluckt. Ich weiß, dass es Tiefstapler gibt, und ich weiß, dass ich sie völlig falsch eingeschätzt hatte – aber ich bin mir absolut sicher, dass das absolut ehrlich war. Und ich fürchte, dass sie zunächst so „majestätisch“ wirkt, macht es ihr nicht einfacher.

Wir hatten ein absolut offenes Gespräch, auch über viele andere, positive, auch intime Themen und ich habe ihr selbstverständlich auch von meinem ersten Eindruck erzählt. Sie sagte, dass sie das schon ganz oft gehört hat und sie aber nicht weiß, woran das liegt und wie sie das ändern kann. Ich hatte die Vermutung geäußert, dass sie ein wenig zu schüchtern ist. Denn wenn man mit ihr eine halbe Stunde zusammen ist und frei von der Leber weg quatschen kann, kommt eine völlig andere Stefanie zum Vorschein. Als Friedrich Ludwig Schröder 1786 das Drama „Stille Wasser sind tief“ geschrieben hatte, hätte er vermutlich nicht für möglich gehalten, 225 Jahre später damit in meinem Blog zusammen mit Stefanie in einer Zeile zu stehen. Nur soviel: Sie hat es faustdick hinter den Ohren und ich glaube, wir werden sehr viel Spaß zusammen haben! Es war ein absolut wertvoller Tag und einen so schönen, langen und anspruchsvollen Dialog hatte ich davor bisher nur in sehr engen und intensiven Freundschaften.

Behinderter Busparkplatz

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Noch ein Foto: Hamburgs vermutlich größter Behindertenparkplatz befindet sich in der alten Tiefgarage unter dem ehemaligen Postamt Altona. Er ist so groß wie drei Wohnzimmer und erlaubt dem schwer, schwerst, allerschwerst behinderten Benutzer, sein Auto so hinzustellen wie er es (nicht) braucht:

Ich vermute, es ist ein Busparkplatz. Falls mal ein ganzer Bus voller voller allerschwerst behinderter Benutzer dort parken will.

Apropos Bus: Seit knapp zwei Jahren steht ja der Ersatz meines geliebten Vianos aus. Bestellt war er schon, nur liefern konnte keiner. Es gab Probleme bei einem Zulieferer, der ein Steuergerät baut, das für den behinderungsbedingten Umbau nötig ist. Inzwischen ist dieser Zulieferer verkauft worden, nachdem dessen Mutterunternehmen in die Insolvenz ging und inzwischen wiederum von einer aggressiv expandierenden Firma geschluckt wurde. Kurzum: Ich bin inzwischen mit anwaltlicher Hilfe vom Kaufvertrag zurückgetreten.

Dadurch habe ich ja aber trotzdem kein Auto. Zwar kann ich mich mit Sofie sehr gut verständigen, dass wir den 2012 angeschafften Touran beide nutzen und sie dafür nur den halben Preis zahlt, aber spätestens, wenn ich meinen Rennrolli und mein Handbike mitnehmen will, ist das Auto zu klein. Geschweige denn, dass ich dann noch jemanden im Auto mitfahren lassen kann.

Jetzt bekam ich den Tipp, bei Volkswagen zu bestellen, und zwar nicht den vermeintlich überteuerten Multivan, der ja überall in den Vordergrund geschoben wird, sondern einen Transporter. Damit verbindet man zwar in erster Linie eine Blechkiste, aber es gibt ihn eben auch in bunt, mit Einzelsitzen, Teppichverkleidung, Klimaanlage, Standheizung, Navi-Radio, Freisprecheinrichtung, elektrischen Fensterheber, elektrischen Seitentüren, abgedunkelten Scheiben, Lederlenkrad, Tempomat, Leichtmetallfelgen, Sitzheizung. 179 PS Diesel mit 7-Gang-Automatik, 191 km/h Spitze, Verbrauch kombiniert rund 7 Liter. Mit behindertemgerechten Umbau, Überführung und Zulassung auf den Cent genau 48.000 €.

Und damit 5 große Kröten teurer als der Viano. Fakt ist, dass das nicht noch ein Jahr so weiter geht. Von dem logistischen Problem, dass ich meine Sportausrüstung ständig anderen Leuten (meistens dem bereits überfüllten Vereinstransporter) auf die Augen drücken muss, bis hin zum finanziellen Problem, dass die Versicherung, die für meinen Gesundheitsschaden aufkommen muss, zu dem Auto einst Zuschüsse gezahlt hat und sie nun zurückfordert, wenn ich nicht bis Ende des Jahres tätig werde und Ersatz beschaffe. Zur Zeit liegen die Kröten von damals auf meinem Konto und werden dort bei der momentanen Zinsentwicklung eher weniger als mehr.

Ich würde sofort zuschlagen, bin mir aber noch nicht ganz schlüssig, ob das Modell nicht etwas zu gewagt ist. Nicht von der Größe, die soll es schon sein. Aber ist der Tipp mit dem Transporter wirklich so gut?

Raterunde 2013

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Es ist mal wieder an der Zeit, ein paar Paar neue Fotos einzukleben. Zu einem absolut spannenden Thema: Toiletten!

Ja, nu, da müssen ja alle mal hin. Hin und wieder regelmäßig. Manchmal etwas länger, manchmal etwas zu spät. Apropos zu spät: Wer als Rollstuhlfahrer auf diese Toilette möchte, kann nur hoffen, dass die Vorbenutzerin oder der Vorbenutzer kein Spielkalb war. Wenn ich auch nicht weiß, wozu es die Funktion „Gesamtes Toilettenbecken um einen Meter anheben“ gibt, eins weiß ich sicher: Neun von zehn Höschen sind nass (und zwar nicht vor Lachen), bis man den Knopf gefunden hat, mit dem man den Topf in einer Geschwindigkeit von gefühlten 5 Millimetern pro Sekunde gluckernd abwärts bewegt. Wer mir erklären kann, was sich der Erfinder dabei gedacht hat (und kommt mir jetzt bitte nicht mit ‚Rollstuhlfahrern das Stehpinkeln erleichtern‘), gewinnt eine Rolle samtweiches Klopapier, meinetwegen auch eine Probierpackung Windeln. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. (Tipp: Es ist keine Aufstehhilfe, denn das Becken bewegt sich nicht, sobald jemand drauf sitzt.)

Da gefällt mir doch schon wesentlich besser, was in den Mitarbeiter-WCs meines Krankenhauses, in dem ich bald Praktikum machen muss, an den Spiegeln klebt. „Der WC-Wissenstest: Was hängt an der Wand und schützt vor Brechdurchfall?“

Ich gebe einen Tipp: Das sollten nicht nur Mediziner, medizinisches und Pflegepersonal wissen, sondern eigentlich jede Frau, jeder Mann und jedes Kind. Ich habe allerdings zu kompliziert gedacht, bevor mir die Auflösung gesagt wurde und ich mir ein Grinsen über dieses gelungene Rätsel nicht verkneifen konnte. (Wer einen Tipp abgeben möchte, darf gerne die Kommentarfunktion benutzen, muss aber damit rechnen, dass ich die Lösung erst in ein paar Tagen verrate und entsprechend die richtigen Antworten auch erst in ein paar Tagen freischalte.)