Schlümpfe und Massage

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Das schönste Eiland weit und breit,
wir haben hier die schönste Zeit,
die Sonne scheint, es gibt kein Grau,
der Himmel über uns ist blau.

Die Felder, sie sind reif und grün,
so weit kann kaum ein Auge sehn,
wir wolln für immer hier nur sein
und uns den ganzen Tag nur freu’n!

Ich bin weder unter die Dichter noch unter die Pöten gegangen. Poeten meine ich. Grund: Ich kann nicht gehen. Habe ich amtlich bescheinigt bekommen. Meine Gehfähigkeit ist auf unbestimmte Zeit außergewöhnlich eingeschränkt. Man könnte es auch so ausdrücken wie ein älterer Herr gestern in der U-Bahn: „Sind Sie absolut geh-untauglich?“ – App solut. Und ganz dicht bin ich auch nicht. Aber ich will nicht vom Thema ablenken: Diese schönen Verse sollten meine älteren Leserinnen und Leser vielleicht noch kennen. Jene, die in den frühen 1980er Jahren Kind waren und wussten, dass die Schlümpfe nicht deshalb so nach Helium klingen, weil jemand den Schallplattenspieler verkehrt eingestellt hat (45 rpm statt 33).

Eine Mitbewohnerin meiner WG hat gerade einen vierjährigen Neffen zu Besuch, soll auf ihn aufpassen, und während Mama und Papa im Musicaltheater sind, lauscht er gespannt auf die „Hitparade der Schlümpfe“ und träumt vermutlich von dem Stückerl heile Welt, das da beschrieben wird.

Ein anderes Stückerl heile Welt hatten wir gestern abend beim Marie im Pool. Oder anders angefangen: Wir haben uns zur Abwechslung einen heißen Feger aus einer Schwimmgruppe eingeladen, die immer parallel zu unserer trainiert. Ein Typ, den ich richtig auf 22 geschätzt habe, gut aussehend mit knackiger Figur, fiel mir zum ersten Mal auf, als er seinen Corsa so blöde geparkt hatte, dass ihn – den jungen Mann, nicht den Corsa – jemand aus dem Becken geholt hat und ihn nur mit einem Handtuch um die Badehose hängend sein Auto umparken ließ. Ich habe ihn, aufdringlich wie ich nunmal bin, immer mal wieder durch meine Schwimmbrille angeblinzelt und ein schüchternes Hallo zugemurmelt, und neulich kamen wir vor der Rolli-Umkleide ins Gespräch, als ich nämlich frierend auf jemanden wartete, der die Rolli-Dusche unberechtigterweise blockierte und er mir quasi im Vorbeigehen sein großes Handtuch über die Schultern legte, damit mir warm werden würde. Als ich es ihm später zurück gab, meinte er, ich sollte mir mal überlegen, ob ich nicht nach dem Schwimmen noch 10 Minuten in die Sauna gehe, wenn ich dann so friere.

Ich sagte, dass ich normalerweise ja gleich die warme Dusche hätte, nur ausnahmsweise im Kalten warten musste, und dass mir der Preisaufschlag (5,99 €) für 10 Minuten Sauna zu teuer ist. Im selben Moment kam Marie um die Ecke. Als er fragte, ob wir denn mit den Rollstühlen überhaupt in die Sauna rein kommen würden, oft sei da ja eine Schwelle, ergab es sich nach einigen Minuten so, dass wir ihn für gestern abend eingeladen haben. Zu einem Saunaabend mit Marie, Cathleen und mir. Er war sozusagen Hahn im Korb (hin und wieder auch mal Hähnchen auf dem Grill), und wir waren, obwohl wir ja aus der Pubertät schon raus sind, sehr gemein.

Sehr gemein deshalb, weil wir uns vorher darauf geeinigt hatten, dass wir ihn alle drei maximal umwerben würden. Um nicht „anbaggern“ sagen zu müssen. Es war in erster Linie ein Spielchen, ihm den Kopf zu verdrehen. Nein, wir haben ihm keine falschen Hoffnungen gemacht, so gemein waren wir dann doch nicht. Wir haben von vornherein mit offenen Karten gespielt. Aber wir haben immerhin Maries Mutter gebeten, uns nicht besuchen zu kommen.

Mir hat am besten gefallen, als ich im Pool auf seinem Schoß saß und er mir den Rücken massiert hat. Nackt. Und ich dabei meine Augen zugemacht habe und vor mich hin träumte, was er vielleicht noch so alles mit mir machen könnte. Was er aber nicht gemacht hat. Aber alleine die Gedanken daran war schon sehr reizvoll. Allerdings muss man es ja nicht gleich übertreiben. Nicht gleich. Und er kommt nochmal wieder. Wir haben schon eine neue Verabredung in dieser Viererrunde.

Nochmal die Sonne sehen

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Wer eine andere Person körperlich misshandelt, wird bestraft. Wer eine Sache wegnimmt, um sie sich zuzueignen, wird bestraft. Wer in der Absicht, sich einen Vermögensvorteil zu verschaffen, indem er einen Irrtum erregt, wird bestraft. Wer zur Täuschung eine Urkunde verfälscht, wird bestraft. Wer in die Wohnung eines anderen eindringt, wird bestraft.

Nahezu egal, welchen Paragrafen ich mir im deutschen Strafgesetzbuch ansehe, immer wird die Tat beschrieben, die „wer“ verüben muss, um bestraft zu werden. Bis auf eine einzige Ausnahme: Beim Mord. Der Mörder wird auch bestraft, klar. Aber hier wird nicht beschrieben, was ein Mord ist, sondern wer Mörder ist. Mörder ist nämlich, wer aus niedrigen Beweggründen heimtückisch einen Menschen tötet.

Die Gesetzestexte habe ich in dem obigen Beispiel verkürzt und vereinfacht, um auf den Kern der Sache zu kommen: Nachdem Wissenschaftler herausgefunden haben, dass diese Abweichung von dem üblichen Vorgehen, die Tat und nicht den Täter zu beschreiben, auf den Nationalsozialismus zurückzuführen sei, wird eine möglichst rasche Anpassung des Paragrafen 211 gefordert. Unser aktueller Bundesjustizminister hat bereits einige Experten aufgefordert, auch beim Mord die Tat und nicht den Täter zu suchen und entsprechende Vorschläge für einen neuen Gesetzestext auszuarbeiten.

Ein wohl am häufigsten diskutierter Entwurf stammt vom „Arbeitskreis deutscher, österreichischer und schweizer Strafrechtslehrer“. Er wird vom Deutschen Anwaltsverein als gründlichster und umfassendster Reformentwurf bezeichnet und sieht unter anderem vor, die lebenslange Freiheitsstrafe nur zu verhängen, wenn besonders erhöhtes Unrecht verwirklicht ist, das die Lebenssicherheit der Allgemeinheit zu bedrohen geeignet ist. Das sei zum Beispiel der Fall, wenn der Täter einen Menschen „wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens oder seiner religiösen oder seiner politischen Anschauung tötet.“

Ich bin keine Juristin. Ich habe auch keinen Juristen um Rat gefragt. Sondern mir ohne Jura ein eigenes Urteil gebildet. Und bin dabei auf eine Frage gestoßen, die mich schon mehrmals beschäftigt hat. Obwohl ich mir nie im Leben vorstellen könnte, einen Menschen mutwillig zu töten, weiß ich, dass Menschen getötet werden. Und teilweise aus banalen sowie lebens- und menschenverachtenden Gründen. Wenn jemand einen Menschen wegen seiner Hautfarbe tötet, sei nach dem zitierten Entwurf ein besonders erhöhtes Unrecht verwirklicht. – Was ist denn eigentlich, wenn jemand wegen seiner Behinderung, oder besser, wegen einer körperlichen, seelischen oder kognitiven Beeinträchtigung getötet wird?

Huch? Ja. So etwas gibt es. Und dazu gibt es beispielhaft die eine oder andere Sichtweise, die ich zwar inhaltlich begreifen, mit dem Herzen aber nicht nachvollziehen kann. Nach aktueller Rechtsprechung verhält es sich zum Beispiel so, dass Heimtücke (ein Mordmerkmal, und damit ein Baustein für ein höheres Strafmaß) voraussetzt, dass das Opfer arglos war. Arglos kann nur sein, so die gängige Rechtsauffassung, wer zumindest zeitweise argwöhnisch ist. Jemand, der schwere kognitive Einschränkungen hat und deshalb vor niemandem Angst hat oder wenigstens Misstrauen hegt (sondern wie ein Hund, der das Schnitzel in der Hosentasche riecht, mit jedem Menschen mitlaufen würde) ist nicht argwöhnisch und kann folglich auch nicht arglos sein. Wird also so ein Mensch beispielsweise im Schlaf getötet, fehlt (und nun wird es paradox!) bei einem kognitiv eingeschränkten Menschen das Mordmerkmal der Arglosigkeit. Weil ein Mensch mit kognitiven Einschränkungen tagsüber keinen Argwohn entwickelt, wird sein Mörder folglich anders bestraft als der Mörder desjenigen, der keine Behinderung hat und der tagsüber Argwohn und Misstrauen entwickeln kann.

Aber damit nicht genug. Anderes Beispiel: Eine Mutter, die ihr behindertes Kind jahrelang selbst pflegt, aufopferungsvoll und voller Liebe, merkt irgendwann, dass ihr Kind sie vermutlich überleben wird. Wie auch nicht behinderte Kinder ihre Eltern regelmäßig überleben. Regelmäßig kommt es vor, dass Mütter ihre schwer beeinträchtigten Kinder „aus Liebe“ töten, oft zusammen mit einem eigenen Suizid (-versuch). Aktuell gibt es in Hamburg gerade wieder so einen Fall. Das Urteil wird in wenigen Stunden erwartet, der Staatsanwalt fordert maximal 2 Jahre Haft auf Bewährung wegen Totschlag in einem minder schweren Fall. Sie habe befürchtet, dass die Tochter in ein Pflegeheim müsse, wo sie „womöglich nicht ihren besonderen Bedürfnissen entsprechend behandelt“ würde. Sie musste die Tochter zunächst betäuben, damit sie sich beim Erwürgen nicht wehrt.

Ohne jeden Zweifel, die Mutter hatte es schwer. Zu der Zeit, als sie entschieden hat, ihre Tochter zu pflegen, waren Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit eine Attraktion. Sie wurden übedies entmündigt, sie kamen in Heime, wurden dort oft nicht menschlich behandelt. Ich selbst habe Horrorgeschichten aus erster Hand erzählt bekommen von Menschen, die mir regelmäßig über den Weg rollen. Ich selbst habe schreckliche Erlebnisse mit Maria live erlebt. Und ich kann verstehen, wenn nach langen Jahren der Blick der Mutter nicht mehr neutral ist. Wenn sie es nicht mehr schafft, sich Hilfe zu holen.

Aber trotzdem bin ich der Meinung, liebe Gesellschaft, wir machen etwas falsch, wenn wir das Leben eines Menschen mit einer Behinderung deswegen nicht als gleichwertig ansehen, weil der Getötete zu Lebzeiten eine Last war. Ich glaube kaum, dass das Strafmaß ähnlich niedrig ausfallen würde, wäre die Tochter ohne eine kognitive Einschränkung. Ich halte es für absolut falsch, die Behinderung, das Wechselspiel zwischen einer persönlichen Beeinträchtigung und den Barrieren der Umwelt, nur dem getöteten Menschen zuzuschreiben und das tätliche, vorsätzliche Beenden eines gleichwertigen Menschenlebens mit einer Bewährungsstrafe zu ahnden.

Und einen Mord wegen einer Behinderung bei der nächsten Strafrechtsreform nicht mit erhöhtem Unrecht zu verbinden. Es wäre ein deutliches Zeichen der Politik an die Gerichte, dass auch das bei den Nationalsozialisten lebensunwerte Leben heute gleichberechtigt schützenswert ist. Ein Zeichen, das die betroffenen (oder hoffentlich) beschützten Menschen mit kognitiven Einschränkungen vielleicht gar nicht begreifen können. Das aber klarstellt, dass ihre Tötung nicht nur mit einem Warnschuss auf Bewährung gesühnt wird. Und damit vielleicht am Ende gar nicht so schlimm ist. Das klarstellt, dass Menschen, die nicht selbst für sich sorgen können, in großer Gefahr sind, wenn sie alleine von einem Menschen, von der Mutter, abhängig sind. Dass diese Menschen, dass diese Mütter ein gutes Hilfspaket brauchen, das Leben wertvoll macht.

Ich stelle mir vor, ich müsste hoffen, niemals selbst an einen aufopferungsvollen Pfleger zu kommen, der es am Ende gut mit mir meint – und mein Leben dann beendet, wenn ich eigentlich noch jede Menge vor habe. Und sei es, dass ich morgen die Sonne nochmal sehen möchte.

Berlin, Berlin

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Der Alltag in Hamburg hat mich schon wieder voll im Griff, ich steuere mit voller Fahrt auf meine Zwischenprüfung zu und bin im Moment wirklich mehr als unter Strom. Eigentlich wollte ich meine Teilnahme an einem Traininglager in Berlin am letzen Wochenende noch spontan absagen und meine Nase in ein paar Bücher stecken; inzwischen bin ich froh, dass ich es nicht getan habe. Auch wenn ich dadurch zusätzlich noch ein Treffen mit einer Freundin verpasst habe, auf das ich mich eigentlich schon sehr lange freue. Dass sie nach Hamburg kommen würde, hatte sich allerdings erst einige Tage vorher ergeben und Berlin war schon im Herbst geplant.

So standen am Freitagmittag über 20 Kinder und Jugendliche in Rollstühlen auf einem Bahnsteig des Hamburger Hauptbahnhofs und waren die Attraktion des Tages. Hätte man ein Zebra dort angebunden, hätten vermutlich genauso viele Leute um ums herum gestanden und ihre Kameras ausgepackt. Ja, richtig gelesen, ich kam mir vor wie in der Muppetshow. Einmal lächeln bitte!

Vier starke Papas kümmerten sich um das Einladen aller Leute. Ein Bahnmitarbeiter mit roter Mütze stand in sicherer Entfernung und wischte sich permanent den Schweiß von der Stirn, ihm war das alles nicht geheuer. Nach drei Minuten waren alle Leute in den reservierten Abteilen verstaut, die Rollstühle kamen in zwei weitere (leere) Abteile, das Gepäck war auch drin – der Zug konnte ohne Verspätung abfahren. Auch in Berlin lief alles wie am Schnürchen: Rechtzeitig vorher packten unsere Trainerinnen und Trainer die Stühle wieder aus, bauten sie zusammen und einer nach dem anderen stellte sich in den Gang und wartete auf die Einfahrt des Zuges. „Perfekt durchorganisiert“, meinte der Zugbegleiter. „Ich dachte schon, wir bauen hier eine halbe Stunde Verspätung auf, aber so ist es natürlich noch viel besser.“

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren im Alter zwischen 12 und 17. Für viele war es das erste Trainingslager überhaupt. Marie und ich bekamen, genauso wie die anderen Betreuerinnen, Betreuer, Trainerinnen und Trainer ein Doppelzimmer, die Kinder und Jugendlichen hatten Viererzimmer. Das Gebäude gehörte einer caritativen Einrichtung und war komplett barrierefrei. Die Schwimmhalle war zwei Haltestellen mit der S-Bahn entfernt.

Das erste Schwimmtraining begann gleich mit einem Adrenalinstoß. Während die erste Gruppe bereits ins Wasser kletterte, kam eine Teilnehmerin angedüst, schnappte sich ausgerechnet mich und sagte: „Jule, komm mal schnell mit. Der … geht es nicht gut, irgendwas mit dem Kreislauf.“ – Im Vorbeifahren sog ich noch Tatjana ein, im Umkleideraum saß in ihrem Rollstuhl besagte Teilnehmerin, 12 Jahre, erworbener inkompletter Querschnitt, nackt, den Kopf in die Hände gestützt, leichenblass. „Mir ist so schlecht. Kreislauf.“ – Nicht untypisch für einen Querschnitt, Tatjana schnappte sich das Mädchen, legte sie auf eine Bank, Beine hoch, großes Badehandtuch drüber. Eine Frau vom Hallenpersonal kam rein. „Soll ich alles anrufen?“, fragte sie. Das Mädchen: „Bloß nicht! Das ist gleich wieder vorbei. Das ist die eklige Luft hier. Und die Aufregung. Ich habe mich ein halbes Jahr auf dieses Wochenende gefreut. Nun ist es endlich da, das scheint meinen Kreislauf gerade etwas zu überfordern.“ – Die Frau stellte einen Mülleimer in die Tür und riss das Fenster im Flur weit auf. Nach ein paar Minuten ging es dem Mädchen wieder besser. Sie sollte noch ein wenig liegen bleiben, eine Freundin blieb bei ihr.

Abends stand der legendäre Kudammbummel auf dem Programm. Dass selbst in Berlin eine so große Behindertenhorde ungewöhnlich ist, wussten wir spätestens in dem Moment, als jemand beim Gaffen zielsicher gegen einen Ampelmast lief und sich gehörig den Kopf anstieß. Blut lief allenfalls unter der Haut und wird ihm in den nächsten Tagen einen blauen Fleck bescheren. Einige Teilnehmerinnen konnten sich das Kiechern nicht verkneifen. Kurz danach wurde Marie von einem wildfremden Typen angesprochen: „Du hast so scharfe Titten, obwohl du im Rollstuhl sitzt!“ – Woraufhin ein Typ, der direkt daneben stand, und den wir gar nicht kannten, antwortete: „Lass meine Freundin in Ruhe, sonst sitzt du auch gleich im Rollstuhl.“ – Auweia. Nix wie weg. Abends beim Zubettgehen zieht sich Marie aus, setzt sich mit freiem Oberkörper vor mich auf die Bettkante, presst ihre Brüste zusammen und sagt: „Die sind auch scharf, obwohl ich auf der Bettkante sitze. Oder?“ – „Rattenscharf“, antworte ich, ohne von meinem Handy hochzuschauen. Marie steckt einen Zeigefinger in den Mund, berührt anschließend mit dem ausgestreckten Zeigefinger eine Brust, macht ein Geräusch, als wenn Wasser auf einer Herdplatte verdunstet, schüttelt den Finger mit schmerzverzerrtem Gesicht und tut so, als hätte sie sich verbrannt. Manchmal möchte ich sie stundenlang knuddeln.

Drama Nummer Zwei begann am nächsten Morgen kurz vor sechs. Während die Ersten es kaum mehr erwarten konnten, zu frühstücken und die erste Trainingseinheit des Tages zu beginnen und entsprechend schon komplett angezogen über die Flure rollten, klopfte es ganz vorsichtig an unserer Tür. Marie und ich lagen noch in unseren Betten. Jene Teilnehmerin, die am Tag zuvor die Kreislaufprobleme hatte, kam rein. Eine Zimmerkollegin läge weinend in ihrem Bett, alle glauben, sie hätte Heimweh. Nachdem ich mit Marie ausgeknobelt hatte, wer mitfährt und die Schere Papier schneiden kann, musste ich mit. Zehn Minuten, nachdem ich zwei Mitbewohner auf den Flur und die dritte zum Duschen geschickt hatte, wusste ich, was ihr Problem war. Kein Heimweh. Ein nächtliches urologisches Problem, dessen Folgen sich von der Zehenspitze bis zum Hals ausgebreitet hatten. „Aber deswegen weinst du jetzt nicht, oder?“, versuchte ich, maximal zu beschwichtigen. Ihre Reaktion: „Krieg ich Strafe?“

Ich nickte. Es schien sie nicht zu überraschen. Sie wollte nicht mal wissen, welche. Ich sagte: „Zur Strafe gibt es frische Bettwäsche.“ – „Petzt du das den anderen?“ – „Verpetz dich doch selbst.“ – Sie zeigte mir einen Vogel. – „Doch! Mach dich doch ein wenig lustig und sag, du warst im Traum schon eine Runde schwimmen.“ – „Die lachen doch alle über mich.“ – „Dann lach doch mit! Aber ich glaube das nicht mal, wer weiß, wer nächste Nacht die nächste ist. Was wäre eigentlich, wenn … das passiert wäre? Würdest du dann über sie lachen?“ – „Quatsch. Sie ist doch meine Freundin, die lach ich doch nicht aus.“ – „Und du? Bist du nicht die Freundin von …?“ – „Doch.“ – „Dann erzähl es ihr doch einfach. Ich bin mir sicher, sie kratzt das nicht mal. Ich hol sie mal rein, okay?“ – „Nein.“ – „Doch. Wie lange willst du denn da drin noch liegen bleiben?“ – „Sie soll das nicht sehen.“ – „Meinst du, sie weiß nicht, wie das aussieht?“ – „Ich will das nicht.“ – „Komm, Augen zu und durch. Danach geht es dir besser.“ – „Auf deine Verantwortung.“

Ich holte die Freundin mit ohne Kreislauf wieder rein. Sie fragte: „Geht es dir wieder besser? Was hattest du denn?“ – „Ich habe, ich hatte, ich war … schwimmen.“ – „Was?!“ – „Ich war schon schwimmen. Heute nacht.“ – „Ich versteh nur Bahnhof.“ – „Siehst du Jule, das funktioniert nicht. Dein Tipp war blöd.“ – „Was für ein Tipp? Heckt ihr hier irgendwas aus?“ – „Sie hat ins Bett gepisst.“ – „Echt?“ – „Boa, Jule, du bist echt sooo fies. Ich hasse dich!“ – „Ich weiß. Aber später wirst du mich dafür lieben. Und ewig kannst du es nicht geheim halten und irgendwann müssen wir auch mal frühstücken und mit dem Training anfangen. Also warum willst du noch eine halbe Stunde drum herum reden?“

Reaktion der Kreislauffreundin: „War das jetzt das ganze Problem? Warum ziehst du dir eigentlich nachts keine Pampers an? Dann kann sowas nicht passieren.“ – Kurz und schmerzlos. Nach dem Frühstück wurden die Trainingspläne verteilt. Die meisten Leute schreiben ihn sich mit einem dünnen Edding auf den Unterarm, dann haben sie ihn immer dabei. Die beiden besagten Freundinnen hatten sich gegenseitig auf den Rücken geschrieben: „Ich [Herz] Jule!“ – Irgendwann mitten in der Trainingseinheit sah ich das. Wie süß!!! Genauso süß fand ich eine andere Teilnehmerin, 14 Jahre alt, die nach dem Mittagessen plötzlich neben mich rollte, meinen Hals umklammerte, mich zu sich zog und mir einen dicken Kuss auf die Wange gab. Ich weiß zwar nicht, wofür genau, das muss ich aber auch nicht wissen. Die anderen Trainerinnen und Betreuerinnen bekamen auch einen. Marie bekam abends in einem Aufenthaltsraum mit Kaminfeuer, in dem ein Disko-Abend stattfand, inklusive Sing-Star-Wettbewerb, von mehreren älteren Teilnehmerinnen eine Schulter-Nacken-Massage und von der jüngsten ein mit Filzstiften gemaltes Bild, das sie im Becken zeigt, während Marie im Rollstuhl sitzend am Beckenrand steht und sie daran erinnert, dass sie beim Kraulschwimmen die Ellenbogen hoch nehmen soll…

In der letzten Nacht gab es in unserem Zimmer ein Problem mit dem Heizkörper, aber Marie und ich sind ja schon erprobt im Bettenteilen und einander Wärmen. Entsprechend war die zweite Nacht extrem kuschelig. Am letzten Tag war die legendäre Bierstaffel der Hit. Wobei es diesmal kein Malzbier gab, sondern Apfelsaft. Das hatte logistische Gründe, trotz entsprechender Bestellung war kein Malzbier zu finden. Was seine Vorteile hatte, weil dann nicht die Hälfte der Leute unter sich ausmacht, wer am lautesten rülpsen kann, aber auch seine Nachteile, denn einen Drittelliter Malzbier kippt man schneller weg als einen Drittelliter Apfelsaft. Bei einer Bierstaffel treten mehrere Mannschaften gegeneinander an: Nacheinander müssen die Schwimmer durch die 50-Meter-Bahn, drüben raus, einen Becher Bier (oder Apfelsaft) leeren, wieder zurück. Bei Erwachsenen muss meistens ein halber Liter Bier getrunken werden, so dass die Staffel meistens am letzten Abend stattfindet. Schön ist es, wenn die Anzahl der Leute sich nicht durch die Anzahl der Mannschaften teilen lässt und jemand doppelt schwimmen muss. Und wenn es dann noch eine Revanche gibt… Ich weiß, es gibt sinnvollere Spiele, aber der Bogen kann nicht immer gespannt sein.

Die Rückfahrt verlief unspektakulär. Am Montag bekam ich von der Mutter der Nachtschwimmerin eine Mail mit einem relativ kurzen Text: „Schön, dass du …s Malheur so professionell gehändelt hast. Ich glaube, sie ist total in dich verknallt. Sie hat den ganzen Abend pausenlos von dir erzählt. Wir möchten einfach nur Danke sagen für euer aller Engagement. Das ist nicht selbstverständlich.“ – Nachdem auch Marie, Tatjana und die anderen beiden Betreuer und Trainer Nachrichten von dieser Mutter bekommen haben, möchte ich mal eins festhalten: Es war eine der harmonischsten und damit auch entspanntesten und damit auch schönsten Veranstaltungen seit langer Zeit. Die kleinen Fruchtzwerge haben es geschafft, mich ein Wochenende lang aus meinem Prüfungsstress zu holen. Toll.

Plötzlich Glibber

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Es gibt Dinge, die will niemand wissen. Und welche, die will wirklich niemand wissen. Und trotzdem: Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, dass Niemand sein Wissen erweitert.

Als Bloggerin schreibe ich fast über alles. Nicht ständig über Dinge, die Niemand nicht wissen will, aber manchmal eben auch. Manchmal muss es auch sein. Nach so viel Gesülze wissen nun alle, was jetzt kommt: Too much information.

Dass auch Menschen Sex haben, ist allgemein bekannt. Dass Menschen, die keine Partnerin und keinen Partner haben, mitunter Sex ohne Partnerin oder Partner haben, auch. Ich rede schreibe von Onanie, oder -wenn man die Bibel mal außen vor lässt- von Masturbation, oder -wenn man schwierige Wörter auch außen vor lässt- von Selbstbefriedigung, oder -wenn man es einfach ausdrückt- vom Streicheln. Sich selbst.

Nachdem man inzwischen weiß, dass behinderte Menschen auch Menschen sind, man entschuldige nach diesem Zeitungsartikel (hat nichts mit Sexualität zu tun, bitte später ablenken lassen) bitte meinen Zynismus, gilt für behinderte Menschen: Auch sie haben Sex. Und masturbieren. Genauso häufig oder genauso selten wie Menschen ohne sichtbare Behinderung. Manch einer wird nun denken: „Wie langweilig.“ – Aber es gibt eben auch diejenigen, die denken: „Ach echt?“

„Ach echt“ ist für mich ja okay. Nicht jeder Mensch kann alles wissen, nicht jeder Mensch muss alles wissen, jeder Mensch hat das Recht, dazuzulernen. Nicht okay sind für mich Menschen, die mit „igitt“ oder „bitte nicht“ reagieren, und erst recht nicht okay sind für mich Menschen, die deshalb so reagieren, weil es um Menschen mit Behinderung geht, die da Sex haben oder masturbieren. Oder beides.

Damit bin ich wieder bei meinem ersten Satz: Es gibt Dinge, die will niemand wissen. Ob, wann und wie oft jemand Sex hat oder masturbiert, gehört in aller Regel dazu. Und in aller Regel soll jeder Mensch selbst entscheiden können, ob und wieviele er von diesen Informationen aufnehmen möchte. Meine Leserinnen und leser sind also nach der Einleitung gewarnt, dass hier noch was über-informatives kommt, aber was ist eigentlich mit … Pflegekräften?

Es gibt bei uns im Wohnprojekt einen Runden Tisch, bei dem sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter austauschen, so etwas wie eine Teambesprechung. Damit keine unnötige Distanz geschaffen wird und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht in die Situation kommen, in der sie über die Bewohnerinnen und Bewohner bestimmen, nimmt an diesen Besprechungen immer eine Bewohnerin oder ein Bewohner teil. Weil diese Person dabei natürlich auch sehr viel über ihre oder seine Nachbarinnen und Nachbarn erfährt, muss die teilnehmende Person mit einer Mehrheit und ohne Gegenstimmen für dieses „Amt“ gewählt sein. Es gibt aktuell nur vier Leute aus unseren drei Etagen, die dieses Amt ausüben, eine davon ist die Stinkesocke.

Ich habe mich nach der letzten Montagmorgen-Runde entschieden, zunächst mit dem betroffenen Bewohner und anschließend mit allen Bewohnerinnen und Bewohnern in einer großen Runde zu sprechen und nun auch darüber zu schreiben. Ich habe dafür ausdrücklich die Erlaubnis bekommen. Denn, und nun komme ich endlich zum Punkt, dieses Thema hat eine solche Brisanz, dass es einer Mitarbeiterin den Job gekostet hat. Das habe ich nicht entschieden, aber das liegt begründet in diesem Teamgespräch. Die Mitarbeiterin nimmt ihren Jahresurlaub und hat bereits einen Auflösungsvertrag unterschrieben. Es handelt sich um eine feste Mitarbeiterin, die nun vermutlich vorzeitig in Rente geht. Die Bitte nach dem Auflösungsvertrag kam an Ende von ihr, da sie, so sagte sie, das Gefühl habe, sie sei für die junge Welt zu alt. Die junge Welt, in der behinderte Menschen sexuell aktiv sind.

Nein, es lag niemand masturbierend im Hausflur oder hatte Sex in der Gemeinschaftsküche. Es geht um einen jungen Mann, der eine Muskelerkrankung hat und über nur sehr wenige Bewegungen noch aktiv bestimmen kann. Er kann einen elektrischen Rollstuhl noch mit einem angepassten Joystick steuern, Fingerfunktionen sind noch vorhanden. Rutscht die Hand aber vom Joystick und fällt der Arm dabei von der Lehne, so dass er seitlich hinab hängt, reicht seine eigene Kraft nicht, den Arm wieder nach oben zu bewegen. Es muss also jemand seine Hand wieder an den Joystick legen. Der junge Mann studiert zur Zeit in einem Bachelor-Studiengang einer Fachhochschule und hatte die besagte Pflegekraft gebeten, ihn abends in Rückenlage ins Bett zu legen und seine Hände unter der Bettdecke auf seinem Bauch zu positionieren.

Die besagte Pflegekraft vertritt kompromisslos die Ansicht, dass genau das nicht zu ihrem Aufgabenbereich gehöre und aus ethischen Gründen abgelehnt werden könne. Sowohl das Positionieren der Hände vor dem Zudecken auf dem Bauch als auch das nächtliche Drehen oder das morgendliche Waschen eines Menschen, der vor dem Einschlafen ejakuliert habe. Sie möchte damit nicht konfrontiert werden. Sie gestehe ihm zu, dass er sexuelle Bedürfnisse habe, aber dafür solle er sich doch eine Freundin oder notfalls eine Sexualassistentin anschaffen. Auch, und das führte sie gleich mit aus, das unter der Dusche zu machen, komme für sie nicht in Frage, ungeachtet dessen, dass sie gar nicht dabei sei. Weil sie ihn da ja wieder rausholen müsse und dann ja zu befürchten habe, „plötzlich in Glibber zu treten“ – und das wolle sie nicht.

Eine 52jährige Pflegerin antwortete gleich sehr deutlich: „Mit Verlaub, dann hast du aber den falschen Job. Sexualität ist menschlich und als Pflegerin sollte dir nichts menschliches fremd sein. Ob nun jemand Labskaus erbricht, Schnodder aus der Nase laufen hat, eitrig niest, blutig hustet, verkeimten Urin verliert oder einen Kubikmeter vergorenen Durchfall in die Hose setzt. Es gibt Schutzkleidung, es gibt Handschuhe, es gibt Wasser, Desinfektionsmittel und eine gewisse Distanz. Wenn der junge Mann sich nicht selbst berührt, entleeren sich die Überschüsse auch irgendwann von alleine, willst du dann auch sagen, dass du den nicht mehr anfasst? Kann ich nicht verstehen.“

Eine 28jährige: „Du bist doch persönlich davon gar nicht betroffen. Schaff dir eine Distanz dazu. Er befummelt sich doch nicht deinetwegen oder wenn du dabei bist. Wo ist das Problem? Ich hab sowieso Handschuhe an und muss ihn morgens im Intimbereich waschen. Und selbst wenn er sich in die Hose gespritzt hat, kommt das in die in die Wäsche und fertig.“

Eine 35jährige: „Ich verstehe das Problem ehrlich gesagt auch nicht so ganz. Die Menschen wohnen hier und haben dort, wo sie wohnen, auch ihre Intimität und ihren höchstpersönlichen Lebensbereich. Das wird professionell beantwortet: Wenn er sich nähert, was ich übrigens bei ihm nie erlebe, bekommt er klare Antworten, und ansonsten bekommen wir Geld dafür, dass wir die Dinge tun, die die Bewohner selbst nicht tun können. Wie zum Beispiel irgendwelche Sekrete wegputzen. Das soll nicht böse klingen, aber eigentlich kannst du froh sein, dass er das im Bett macht und nicht vor dem PC beim Pornos gucken. Aber selbst dann müsste man sich auf ein Procedere verständigen. Was machst du denn, wenn Maria sagt, sie möchte nackt schlafen und ihr Spielzeug in die Hand gelegt bekommen?“

Die Antwort: „Sie schläft bei mir nicht nackt und Spielzeug gibt es auch nicht. Dafür sind andere Leute da.“

Tenor ist eigentlich, dass keine Mitarbeiterin und kein Mitarbeiter sexuelle Handlungen an Bewohnerinnen und Bewohnern vornehmen darf. Die Grenze ist aber aus unserer gemeinsamen Sicht dort, wo es um aktive, direkte Handlungen geht. Jemandem einen Vibrator einzuschalten und in die Hand zu legen, dann aus dem Zimmer zu gehen, wäre danach keine sexuelle Handlung. Das wäre der Fall, wenn das Personal den Vibrator aktiv benutzt. Das heißt: Bei der eigentlichen Handlung soll die Bewohnerin oder der Bewohner alleine sein. Davor und danach kann man helfen. Bisher sind wir mit dieser Regelung sehr gut gefahren. Ich persönlich brauche dafür keine Hilfe, aber einige andere Menschen, die hier wohnen, schon.

Die Frage, ob Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter solche Hilfen ablehnen dürfen, hat die besagte Pflegekraft für sich beantwortet. Indem sie um Entlassung gebeten hat. Das werte ich als ein „eigentlich kann ich es nicht ablehnen und konsequenter Weise gehe ich, weil ich es nicht tun möchte“. Die Frage, die aber trotzdem im Raum steht, ist eben genau diese. Und sie geht eben schon sehr ins Eingemachte. Ähm. Einge … du weißt schon.