Tanz in den Mai

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Meine erste (kurze) Woche an meinem neuen Studienort ist rum. Ich vermisse Marie. Ich habe die letzten drei Nächte so gut geschlafen wie schon lange nicht mehr, denn in meinem Zimmer ist nachts eine derartige Stille, dass man die Flöhe husten hört. Und bei hustenden Flöhen kann ich besonders gut schlafen.

Ich habe einige nette Kommilitoninnen und Kommilitonen kennen gelernt. Was mir auffällt, ist, dass, einige Kilometer weiter südlich als Hamburg, die Menschen zwar wesentlich offener für Smalltalk sind, aber sich schwerer mit jemandem anfreunden. Den Eindruck habe ich mehrfach gewonnen. Vielleicht fehlen mir aber auch einfach nur bereits meine Freunde. Man war hier zwar immer höflich und freundlich zu mir, aber man schaut auch sehr distanziert und abwartend. Vielleicht ist es aber auch gar nicht so verkehrt, denn dumme Sprüche habe ich andererseits bisher auch noch nicht bekommen.

Diejenigen, mit denen ich persönlich gesprochen habe, wissen von meinem Problem mit meiner Mutter. Und sie wissen auch, dass ich keine Ortsangaben über mich im Internet lesen möchte. Ich habe bislang den Eindruck, als wenn alle das verstanden haben. Einige zeigten sich schockiert, andere zunächst ungläubig – drei Leute kennen allerdings meinen Blog. Und das war eine Erfahrung, die ich bisher nicht hatte. Klar wissen viele Freundinnen und Freunde aus Hamburg von meinem Blog, aber viele lesen ihn nicht, weil er ihnen „zu langweilig“ ist. Verständlich, denn wenn man mich live kennt, muss man das alles nicht nochmal im Internet nachlesen. Was ich aber bisher noch nicht erlebt habe, ist, dass ich jemanden kennen lerne, der vorher schon zufällig über meinen Blog gestolpert ist und diesen liest. Das war in dieser Form so das erste Mal und es war schon eine spannende Erfahrung.

Und wenn erstmal eine liest, ist es nicht mehr weit, bis eine Freundin ebenfalls meinen Blog liest. So gibt es, wie beschrieben, drei Kommilitoninnen (die untereinander eng befreundet sind), die nun die Person zur Stinkesocke live kennen. Der erste Moment war dabei ganz lustig: Als ich erzählte, dass ich Probleme mit meiner stalkenden Mutter habe, kombinierte die eine Kommilitonin sehr schnell und sagte: „Im Internet gibt es gerade eine Bloggerin, auch eine Julia, die ähnlichen Stress hat. Die sitzt auch im Rollstuhl. Das bist nicht zufällig du?“ – „Könnte sein.“ – „Aus dem Leben einer Stinkesocke?“

Ich deutete auf meine Füße und sagte: „Stinkesocke.“ – „Echt? Das ist ja voll verschärft! Du bist doch total berühmt!“ – „Naja.“ – „Was naja, doch klar! Ich habe eine Webseite mit Fotos drauf, da hat der Zähler nach drei Jahren endlich die Tausendermarke geknackt. Bei dir sind es 2,75 Millionen!“ – „Kann schon sein.“ – „Kann schon sein, nun gib dich nicht so bescheiden! Ich lese seit Ewigkeiten mit und … voll krass! Ich hätte nie gedacht, dass ich dich mal live sehen würde. Also, ich hatte das auch nie vor, aber jetzt … Wahnsinn.“ – Wahnsinn. Vermutlich muss ich mir demnächst doch noch Autogrammkarten zulegen.

Die besten Bäcker in Uninähe kenne ich bereits, heute Abend bin ich zum Tanz in den Mai eingeladen. Hoffen wir mal, dass niemand den Maibaum klaut.

Wie im Flug

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Eine ereignisreiche Woche liegt hinter mir. Ereignisreich und voller neuer Eindrücke. Und voller neuer Entscheidungen. Nicht alles hat so geklappt, wie ich es mir gewünscht habe. Aber insgesamt fühle ich mich auf einem sehr guten Weg. Ich kann im Moment nur bruchstückweise berichten.

Das wichtigste erstmal vorweg: Ich habe die neue Wohnung tatsächlich bekommen! Am Dienstagmorgen überlegte sich die Eigentümerin noch für einen kurzen Moment, dass sie einer Zweier-WG, wie sie angedacht ist, eventuell vielleicht doch eher nicht zustimmen möchte. Dann aber vielleicht doch, und am Ende setzte sie ihre Unterschrift auf den Vertrag – und nur das zählt. Kurzum: Ich habe zum 01.05.14 ein neues Zuhause. Ich habe auch bereits die Schlüssel bekommen. Wer nun namentlich als Mieter im Vertrag steht und wer nicht, wo ich gemeldet bin, ob es neben meinem ersten noch einen zweiten oder sogar dritten Wohnsitz gibt, lass ich einfach mal völlig offen, denn es ist nur wichtig, wenn man dummes Zeug plant. Und mit dummem Zeug ist mein Kanal inzwischen wirklich voll. Ich sag nur: Pizza-Monster!!!

Marie und Maries Eltern waren am Dienstag auch beide mit dabei. Und während ich die anstehende Veränderung noch gar nicht richtig realisiert hatte, haben sich Maries Eltern schon richtig darüber gefreut. Bisher hatte ich ein Zimmer, künftig müssen wir eine komplette Wohnung einrichten, von daher kam als erstes die Frage: „Was willst du alles aus dem schwedischen Einrichtungshaus haben? Zusammenbauen kannst du das alles zur Not auch mal alleine, aber ranschleppen?“ – Autovermietung, Kleintransporter ausgeliehen, losgefahren. Maries Eltern sind da sehr entscheidungsfreudig. Das Auto war absolut nicht der Hit: Ein Pritschenwagen mit Plane und mit ohne funktionierender Kupplung, hatte bereits 300.000 km auf der Uhr, dafür kostete er aber auch nur 20 Euro. Plus Kraftstoff. „Ich komme mir gerade vor wie beim Rodeo“, meinte Maries Vater, als er mit dem Ding losfuhr und die Fahrerkabine schaukelte wie eine Hamburger Hafenfähre bei Windstärke 10. Drückte mitten in der Ampelschlange auf die Hupe und entlockte dem Bock ein müdes Krächzen, kommentiert mit: „Eine akustische Signaleinrichtung ist zwar vorhanden, bei Bedarf sollte man aber lieber laut pfeifen.“ – Maries Mutter: „Nun mach nicht solchen Blödsinn, es muss ja nicht gleich die halbe Stadt mitkriegen, dass hier jemand ein paar Fischköppe freigelassen hat.“ – Entsprechend kann sich jeder in die vor Ort herrschende Stimmung hinein versetzen.

Eine Geschirrspülmaschine gehört zur Einrichtung, eine Waschmaschine nicht. „Kauf gleich eine vernünftige, damit du auch noch was davon hast, nachdem die Garantie abgelaufen ist“, sagte Maries Papa und handelte beim Verkäufer gleich noch 10% Rabatt raus, weil die Maschine ja nicht für ihn sondern für die Rollstuhlfahrerin ist. Erste eigene Wohnung und so. Plus Wäschetrockner. „Nicht anliefern, die nehmen wir gleich mit.“ – Während Maries Mutter das Pritschenwagen-Ungetüm rückwärts an die Ladekante rangierte, stand Maries Papa hinten auf der Ladefläche und passte auf, dass nichts zu Bruch ging. Das war nötig, denn der Blick nach hinten war vom Fahrersitz nur über zwei bierdeckelgroße Rückspiegel möglich, von denen einer auch noch so lose war, dass er sich unter der Vibration des Motors ständig verstellte. Als Maries Papa hinter der Plane hervorkam und runtersprang, starrte ihn eine ältere Frau an: „Sind Sie etwa dahinten drauf mitgefahren?“, fragte sie entsetzt. Maries Vater machte ein treudoofes Gesicht, legte einen Finger über die Lippen und sagte: „Pssst! Sind wir denn schon über die Grenze?“

Weil wir möglichst wenig Platz im Bad verschenken wollen, haben wir uns für eine Wasch-Trocken-Säule entschieden, also der Trockner steht, mit einem Zwischenbausatz befestigt, oben auf der Waschmaschine. Nicht erwähnenswert, wäre da nicht wieder Maries Vater gewesen, der den Kram zusammenschraubte, während Maries Mutter im Wohnzimmer auf der Erde herumrobbte und ein Regal zusammenbaute. Plötzlich steht Maries Vater allen Ernstes mit einem rund 60 Kilogramm schweren Elektrogerät auf dem Arm im Bad und fragt: „Wohin sollte der jetzt noch gleich?“ – Während ich mir einen entsetzten Blick nicht verkneifen konnte, kannte Marie das Theater schon: „Warte kurz, ich google das mal eben.“ – Maries Papa: „Lass dir Zeit, die Kiste ist nur geringfügig schwerer als du.“ – „Jaja, noch ein paar solche Sprüche und die Waschmaschine kommt nach oben.“

Am Dienstagabend hatte Marie mit ihrer Familie noch einen Termin in Hamburg und ich wollte abends noch eine Freundin in Hamburg treffen, die zu Besuch in der Stadt war. Entsprechend machten wir uns irgendwann auf den Weg nach Hamburg. Wundert es, dass ausgerechnet mein Zug wegen einer Triebwerksstörung ausfiel und durch einen kurzfristig eingesetzten Ersatzzug ausgeglichen werden sollte, in dem es aber nur einen statt der drei Rollstuhlplätze gab? Und der eine war natürlich besetzt. Innerhalb der drei Minuten, die der Zug am Bahnsteig wartete, war es nicht mehr möglich, jemanden davon zu überzeugen, dass ich auch woanders sitzen könnte. Der Zug fuhr ohne mich ab. Der nächste Zug war auch bereits überfüllt und so brauchte ich für eine Teilstrecke, die man sonst in 90 Minuten zurücklegt, schonmal mehr als drei Stunden. Nach vier Mal umsteigen kam ich in Hamburg an, als meine Freundin bereits in ihrem Zug nach Hause saß. Tolles Ding.

Am Mittwoch hatte ich in Hamburg einen Termin mit dem Richter, der für die Betreuung meiner Mutter zuständig ist. Beziehungsweise: Eigentlich war es ein Termin mit der Rechtspflegerin. Frank begleitete mich und als die Rechtspflegerin wegen einer Nachfrage zum dritten Mal den Richter in seinem Zimmer anrief, meinte der irgendwann, dass er zu uns kommen würde. Nach fünf Minuten war er da, nahm sich erstaunlich viel Zeit und verlangte am Ende von mir, dass ich das, was ich ihm erzählt habe, eidesstattlich versichern würde. Die Rechtspflegerin schrieb also ein rund vierseitiges Protokoll und ich musste auf einer davor gehefteten Seite unterschreiben, dass ich „auf die Bedeutung und die strafrechtlichen Folgen einer vorsätzlich oder fahrlässig abgegebenen unrichtigen oder unvollständigen eidesstattlichen Versicherung hingewiesen wurde und hiermit die Vollständigkeit der anliegenden Erklärung bestätige und an Eides Statt versichere, dass ich nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen habe.“ – Ich kam mir in etwa so vor wie in einem amerikanischen Krimi. Frank meinte aber hinterher, dass das ein gutes Zeichen sei, denn der Richter brauchte offenbar einen handfesten Beweis, und wenn er den so aktiv einfordert, wird er ihn auch verwenden.

Zweites Thema an diesem Tag: Namensänderung. Zusammengefasst: Aus den vorliegenden Gründen nicht möglich. Würde ich Schulz heißen und gäbe es in meiner Straße oder an meinem Arbeitsplatz noch eine weitere Frau Schulz, könnte ich meinen Namen ändern lassen. Aber wegen Stalking durch die eigene Mutter? Um untertauchen zu können? Das ist nicht vorgesehen und nicht zweckmäßig. Da gebe es andere Möglichkeiten. Welche, das konnte man mir nicht sagen, denn man dürfe in dieser Hinsicht nicht beraten. Man könne aber als Frau Schulz genauso untertauchen oder Bannmeilen erwirken wie als Frau Neumann. Oder so. Oder so ähnlich.

Was ich aber am Donnerstag erreichen konnte, war eine Abdeckung der Meldedaten an meinem neuen Wohnort und an der Universität. Und: Ich kann zwar nicht unter einem anderen Namen studieren, aber ich werde an einer anderen Universität verwaltet und nicht in öffentliche Verzeichnisse eingetragen. Das habe man sich in Rücksprache mit der Landesverwaltung überlegt. Ich bin sehr gespannt, ob das funktioniert. Nicht nur, was die Auskunft an Dritte (und meine Mutter) angeht, sondern auch, was die Leistungsnachweise angeht, die ich ja an einem völlig anderen Ort erbringe. Aber ich bin auch zuversichtlich, denn ich habe bisher nur verständnisvolle, bemühte und freundliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen gelernt.

In der nächsten (kurzen) Woche werde ich zum ersten Mal einen Hörsaal von innen sehen, ab dem 12. Mai ist auch hier mein erstes Praktikum angesagt. Das ist übrigens auch die Woche, in der mein Auto endlich ausgeliefert werden soll. Mit fast einem halben Jahr Verspätung. Es wird vermutlich die erste Woche sein, in der mal wieder etwas mehr Ruhe in mein Leben einkehrt. Was dringend nötig ist, denn ich komme mir im Moment vor wie im Flug.

Weit weg

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Mein Blog hat mir schon mehrmals sehr geholfen. Und er hilft mir aktuell wieder. Aufzuschreiben, zu sortieren. Viele Leserinnen und Leser schreiben mir, per Mail, per Kommentar zurück. Ich lese alle Mails, ich lese alle Kommentare, auch dann, wenn ich keine Antwort schreibe, auch dann, wenn ich einzelne Kommentare nicht veröffentliche, beispielsweise, weil in dem Kommentar über meinen neuen Studienort spekuliert wird.

Einige Leserinnen und Leser haben sich, selbst wenn sie es nicht an mich formuliert haben, gefragt, warum ich zwar insgesamt oberflächlich, punktuell aber dennoch sehr konkret über diejenigen Dinge schreibe, von denen ich gerade nicht möchte, dass sie bekannt werden. Wie beispielsweise über meinen neuen Studienort. Über meine neue Wohnung. Einzelheiten, dass die Wohnung in einer Sackgasse liegt, dass die Stadt an einem Fluss liegt, dass sie südlich von Hamburg ist, dass zum Personal eine Psychologin im Rollstuhl gehört, lassen doch sehr viele Rückschlüsse zu.

Richtig. Genau das tun sie. Ich versuche, zu erklären, dass ich mir sehr genau überlegt habe, warum ich was aufschreibe – und warum ich was nicht aufschreibe. Ich weiß allerdings nicht, ob mir diese Darstellung gelingt. Längst ist mein Blog nicht mehr nur ein einfaches Tagebuch, auch wenn ich meinen Blog in erster Linie für mich selbst schreibe. Längst muss ich auf mich aufpassen, nicht nur wegen meiner Mutter. Aber derzeit hauptsächlich ihretwegen.

Für meine Mutter wurde wegen ihres Hilfebedarfs, der sich aus ihrer psychischen Erkrankung ergibt, eine rechtliche Betreuung bestellt. Eine rechtliche Betreuung ist nicht mehr, wie früher, ein Vormund; jemand, der einen rechtlichen Betreuer hat, ist nicht automatisch geschäftsunfähig. Es ist vielmehr so, dass der Betreuer ein gesetzlicher Vertreter ist und diejenigen Geschäfte erledigen soll (und darf), die der Betreute nicht alleine erledigen kann. Wichtig ist aber: Diejenigen Geschäfte, die der Betreute sehr wohl alleine erledigen kann, darf (und soll) der Betreute (in der Regel) selbst erledigen. So benötigt ein Betreuter in aller Regel nicht das Einverständnis seines Betreuers, wenn er Dinge tun oder lassen möchte; auch dann nicht, wenn diese Dinge eigentlich in den Aufgabenbereich des Betreuers fallen. Natürlich sollten die beiden sich idealerweise einig sein und abstimmen. Aber rein rechtlich ist der Betreute eben nicht entmündigt. Ich weiß, es gibt in Ausnahmefällen Einwilligungs-Vorbehalte und Einschränkungen; ich versuche aber gerade, auf ein eher kompliziertes Thema hinzulenken und beschränke mich daher auf allgemeine und wichtige Grundsätze.

Zweiter Grundsatz: Ein Betreuer ist immer nur für einen ganz begrenzten Aufgabenkreis zuständig. Also beispielsweise für die Vermögenssorge. Das bedeutet, dass er beispielsweise für den Bereich der Gesundheitsfürsorge den Betreuten nicht rechtlich vertreten darf. Möchte der Betreute also sich ein Piercing stechen lassen oder eine Zahn-OP durchführen, braucht er weder über das eine noch über das andere überhaupt mit seinem Betreuer reden. Es ist sogar rechtlich unzulässig, dass der Betreuer dann den Aufklärungszettel für die Zahn-OP unterschreibt. Das kann nur der Betreute selbst. Wenn der Betreute allerdings nicht begreift, was das Schreiben mit den ganzen Zahlen, das ihm von der Abrechnungsstelle des Zahnarztes zugeschickt wurde, bedeutet, kann er das an seinen Betreuer weiterleiten und dieser kann dann vom Konto des Betreuten die Rechnung der Zahn-OP bezahlen, ohne dass der Betreute gegenüber der Bank diese Zahlung legitimieren muss. Der Betreuer darf (und soll) den Betreuten dann vertreten.

Soviel zur Theorie. Für meine Mutter wurde, nachdem es ihr zuletzt sehr schlecht ging, eine Betreuung angeordnet. Die Betreuerin, eine Rechtsanwältin, sollte sich sowohl um die Gesundheitsfürsorge als um die Aufenthaltsbestimmung kümmern. Eingeschlossen war eindeutig die Möglichkeit der Anordnung einer zwangsweisen Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik durch die Betreuerin. Das ist natürlich nur möglich, wenn entsprechende Gefahren für meine Mutter oder für andere (durch meine Mutter) bestehen; jede einzelne solcher Entscheidungen muss sofort dem Betreuungsgericht mitgeteilt werden und wird auch immer von dort überprüft. Die Möglichkeit, dass die Betreuerin die Einweisung anordnen kann, setzt die Hürde, die allgemein besteht, bevor jemand gegen seinen Willen in die Psychiatrie gesteckt wird, erheblich herab. Nicht in dem Sinne, dass andere (weichere) Maßstäbe gelten; wohl aber in dem Sinne, dass es jemanden gibt, der ständig für eine solche Entscheidung zuständig ist und diese Entscheidung im Bedarfsfall auch sofort treffen muss. Insbesondere eine Berufsbetreuerin (die eine Rechtsanwältin nun mal ist, im Gegensatz zu einer freien Betreuerin, wie sie beispielsweise eine Familienangehörige wäre) muss sich für alles, was sie tut, aber auch für alles, was sie nicht tut, regelmäßig und anlassbezogen vor dem Gericht schriftlich rechtfertigen. Es herrscht die Auffassung, dass die Betreuerin mindestens alle 7 bis 14 Tage sich einen aktuellen Eindruck verschaffen muss, im Bedarfsfall auch öfter.

Zu den Aufgaben eines Betreuers gehört auch, regelmäßig dem Betreuungsgericht mitzuteilen, ob aus seiner Sicht die Betreuungsbedürftigkeit noch besteht. Es sind ja genügend Möglichkeiten denkbar, in denen jemand im Laufe der Zeit gesund wird oder ausreichend Erfahrungen sammelt, um sich irgendwann (wieder) selbst zu vertreten. Das Gericht muss zudem von sich aus alle spätestens sieben Jahre überprüfen, ob die Betreuung noch korrekt ist; also ob sie umfangreich genug oder zu umfangreich oder vielleicht sogar überflüssig ist.

Bei meiner Mutter war es nun wohl so, dass die Rechtsanwältin, die für die Betreuung zuständig war (die Betonung liegt auf ‚war‘), alles unternommen hat, um den Bereich der Aufenthaltsbestimmung wieder aufheben zu lassen. Sie hat das Gericht mit ihrer Ansicht gefüttert, meine Mutter käme in diesem Punkt alleine zurecht. Wie sie zu dieser Ansicht gelangt ist, kann ich nicht sagen, denn ich kenne den Inhalt der Akte nicht. Ich darf diese Akte auch nicht kennen. Es ist das gute Recht der Betreuerin, zu dieser Ansicht zu gelangen und diese Ansicht auch dem Betreuungsgericht mitzuteilen. Eventuell müsste man sich Sorgen darüber machen, falls die Betreuerin zu einer Ansicht kommt, die mit der Realität kaum etwas zu tun hat. Eventuelle Sorgen darüber, dass die Betreuerin die Bedürfnisse ihrer Betreuten nicht richtig wahrnehmen könnte, beispielsweise. Anhand dieser Formulierungen merkt bereits jede Leserin und jeder Leser, dass hier noch ein Jurist nachgeschliffen hat.

Nicht von der Hand zu weisen sind mehrere über einfache Stellungnahmen hinausgehende Anregungen der Betreuerin, die Betreuung für den Bereich der Aufenthaltsbestimmung bei meiner Mutter wieder aufzuheben. Konkret wurden auch Gutachten mit eingereicht, die außerhalb des Betreuungsverfahrens in Auftrag gegeben wurden und beweisen sollten, dass meine Mutter die Angelegenheiten der Aufenthaltsbestimmung alleine regeln kann. Meine Mutter hat sich kooperativ gezeigt und selbst diese Aufhebung forciert. Ich möchte nicht unterstellen, dass die Betreuerin sich damit, dass sie diesem Wunsch folgt, Arbeit vom Hals halten wollte. Aber, so die Beschwerde der Rechtsanwältin, die mich vertritt (übrigens eine, die auch vom Weißen Ring vermittelt wird und dieselbe, die mich auch bereits einmal vor zwei Jahren gegen einen Fetischisten vertreten hat, der extrem zu weit ging, nun aber Ruhe gibt), es sei nicht Aufgabe der Betreuerin gewesen, die Betreute im Betreuungsverfahren parteilich zu unterstützen. Sie hätte vielmehr die Bestellung eines Verfahrenspflegers anregen müssen. Dieser Auffassung hat das Betreuungsgericht in einer schriftlichen Stellungnahme bereits zugestimmt.

Also auf Deutsch: Die Betreuerin hat sich (auf Wunsch meiner Mutter) dafür stark gemacht, dass die Aufenthaltsbestimmung nicht mehr zu ihrem Aufgabenbereich gehört. Auch wenn meine Mutter sie darum anfleht: Vor diesen Karren hätte sie sich nicht spannen lassen dürfen, sondern lediglich neutral dem Gericht ihre Einschätzung oder die Einschätzung der Betreuten zu dem Thema mitteilen dürfen. Daraufhin hätte das Gericht unabhängig den Umfang der Betreuung überprüfen und entscheiden müssen. Gegen diese Entscheidung hätte sich meine Mutter wehren können; wenn sie dabei Hilfe braucht, hätte mit dieser Hilfe aber eine unabhängige Person betraut werden müssen. Das ist so aber nicht passiert.

Okay, was soll das? Warum reite ich auf diesen Vorschriften herum? Ganz einfach: Das Gericht hat (und das hat meine Anwältin gerügt) dieser Verkleinerung des Aufgabenbereichs der Betreuerin meiner Mutter zugestimmt. Aufgrund vorliegender Gutachten, eigenem Eindruck und ähnlichem. Solche Verfahren werden im 10-Minuten-Takt entschieden, von daher will ich dem Richter selbst in dieser Sache nicht mal einen großartigen Vorwurf machen. Rechtlich ist das höchstwahrscheinlich nicht mal zu beanstanden, denn es gibt keine gesetzliche Pflicht für den Betreuer, sich im Betreuungsverfahren neutral zu verhalten. Aber eben als Ergebnis dieser einseitigen Interessenverfolgung und vermutlich nicht ausgewogenen Entscheidung fehlt nun jemand, der den Gesundheitszustand meiner Mutter regelmäßig grob überwacht. Und das wiederum gehörte zu den Empfehlungen der Klinik, in der meine Mutter über Monate stationär behandelt wurde.

Derjenige (oder diejenige) fehlt nun insofern, als dass (und nun wird es spannend) zum Aufgabenbereich der Betreuerin zwar nach wie vor der Bereich der „Gesundheitsfürsorge“ gehört – aber damit eindeutig nicht mehr die Möglichkeit, sie zwangsweise einweisen zu lassen, denn, so sagte meine Anwältin und Frank hat die Geschichte bereits als „dickes Osterei“ bestätigt, für eine Einweisung ist ausdrücklich auch die Vertretung im Bereich der Aufenthaltsbestimmung nötig. Die die Betreuerin ja nun nicht mehr hatte. Somit kann die Betreuerin meine Mutter nicht mehr zwangsweise in die Psychiatrie schicken und somit muss sie auch, da es nicht mehr zu ihrem Aufgabengebiet gehört, diese konkrete Frage nicht mehr berücksichtigen und über die psychische Gesundheit meiner Mutter nicht mehr Rechenschaft ablegen. Es wäre sogar ein Eingriff in die Grundrechte meiner Mutter, wenn die Betreuerin hier überwachend tätig werden würde, ohne dass das Betreuungsgericht ihr diesen Aufgabenbereich zuspricht. Und damit hat es meine Mutter geschafft, aus der regelmäßigen „Kontrolle“ herauszukommen.

Klar ist: Auch wenn die Betreuung so weitergeführt worden würde, hätte die Betreuerin meine Mutter nicht deshalb einweisen können, weil sie mich stalkt. Das gibt ihr Amt nicht her. Darum geht es mir auch nicht. Aber: Die Betreuerin hätte den Gesundheitszustand regelmäßig überwachen müssen, um einer drohenden Verschlechterung, in der es zu gefährlichem Verhalten kommt, zum Beispiel, indem sie jenseits von Gut und Böse sich mit anderen Leuten körperlich anlegt oder im fünften Stock nachts auf Feuerleitern turnt, notfalls zwangsweise entgegen wirken zu können. Da sie selbst nicht in der Lage ist, die psychische Gesundheit meiner Mutter abschließend und genau zu beurteilen, hätte meine Mutter regelmäßig zur ambulanten Kontrolle zum Psychiater gemusst. Der hätte dann kurz berichtet, ob sie ihre Medikamente nimmt, ob sie am Rad dreht, … – nur da war sie wohl länger nicht. Und wäre sie da gewesen, um dann den Kreis endlich zu schließen, bräuchte ich vermutlich mir keine Sorgen darüber zu machen, wo ich künftig studiere und wie ich künftig heißen soll.

Das Problem ist ja nach wie vor nicht, dass sie an meinem Leben teilnehmen möchte. Sie kann jederzeit meinen Blog lesen, sie könnte über ihre Betreuerin mit mir in Kontakt treten, wenn das denn alles nicht nur darauf abzielen würde, mich davon zu überzeugen, dass ich falsch mit meiner Behinderung umgehe. Sie kann teilnehmen; sie will es aber nicht. Im Moment will sie durch destruktives Verhalten Aufmerksamkeit. Die bekommt sie jetzt, wunderbarerweise auch noch über das Familienfest „Ostern“ – allerdings für einen teuren Preis.

Und, auch um auf die eingangs gestellte Frage zurück zu kommen, warum ich meinen neuen Studienort nicht geheimer halte, eins möchte ich mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen: Meine Mutter kommt nicht von selbst auf die Idee, so geschickt in ihrem Betreuungsverfahren zu manövrieren. Ich habe anderthalb Jahrzehnte mit ihr zusammengewohnt, ich habe sie danach erlebt. Bei allem Respekt: So clever ist sie nicht. Das überblickt sie nicht. Das hat ihr jemand gesteckt. Sicher nicht in der Absicht, mich zu schädigen. Aber von sich aus ist sie nicht auf diese Idee gekommen. Das ist nicht nur meine Überzeugung, sondern auch die Einschätzung mehrerer anderer Menschen aus meinem Umfeld.

Dass sie manipuliert, den Leuten was vorspielt, falsche Anrufe macht, geschickt fragt: Das traue ich ihr alles zu. Aber dass sie sich an einen PC setzt, eine Suchmaschine bemüht und einen juristischen Plan ausheckt, wie sie sich der ärztlichen Kontrolle entziehen kann, das packt sie nicht. Und auch wenn Menschen, die eine psychische Erkrankung haben, möglicherweise mit Fähigkeiten beeindrucken, die man im ersten Moment nicht erwartet hat, so hat meine Mutter trotzdem kein abgeschlossenes Jurastudium und auch keine plötzlich erhöhte Intelligenz. Bei allem Respekt, so clever, dass sie das alleine ausheckt, ist sie einfach nicht.

Und damit bin ich der festen Überzeugung: Wenn sie herausbekommen möchte, wo ich künftig studiere, dann bekommt sie das problemlos raus. Auch dann, wenn ich meinen Namen ändere, auch dann, wenn ich eine Auskunftssperre beim Einwohnermeldeamt habe, auch dann, wenn sämtliche Organisationen, die irgendwie mit mir zu tun haben, nur die Adresse meines Hamburger Wohnsitzes kennen. Oder die Adresse von Marie. Oder die einer Anwaltskanzlei oder eines Scan-Dienstes, wo vielleicht künftig meine Post bearbeitet wird. Und sei es, indem sie in Hamburg beim Schwimmtraining auftaucht und dort Leute bedroht oder in der Tasche meiner Trainerin wühlt, wo sie vielleicht irgendwelche Angaben über mich findet.

Ich weiß nicht, ob eine Namensänderung der richtige Schritt ist. Die Abdeckung des Namens in Melderegistern und an der Uni ist es auf jeden Fall. Nirgendwo öffentlich den Namen der Stadt und ähnliche genaue Angaben zu machen, auch. Konkret auf die Geheimhaltung meiner persönlichen Daten zu bestehen, auf das Stalking hinzuweisen – genau richtig. Meine Leute zu Wachsamkeit und zu sehr überlegtem Handeln aufzurufen, ja. Aber dass sie beispielsweise herausbekommen hat, welches meine Bank ist, wird eher ein Zufall sein, der eben auf genau diesen laschen Umgang mit persönlichen Daten zurückzuführen ist. Sie hat vermutlich einfach bei den fünf größten Kreditinstituten in Hamburg angerufen und die mit Namen, Geburtsdatum und Adresse konfrontiert. Und dann gesagt, dass ich dort ein Konto hätte. Bei einem kam eben nicht die Antwort „Ich finde Sie hier gar nicht“, sondern „Ich stell Sie mal zur Filiale durch.“ Bums.

Wie gesagt, ich werde es nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber meine Strategie wäre im Moment: Andere Wohnung, weg aus Hamburg, Adresse nicht nennen und in öffentlichen Verzeichnissen (einschließlich Meldeamt) sperren – und dann einen Einfluss nehmen auf das Betreuungsverfahren und durchsetzen, dass der Bereich „Aufenthaltsbestimmung“ bei meiner Mutter wieder von einem Betreuer unterstützt wird. Zumindest so weit, dass jemand auf meine Mutter aufpasst, damit sie ihre Medikamente nimmt und regelmäßig Hilfe bekommt. Und sei es nur, dass jemand einmal pro Woche feststellt, dass es ihr gut geht. Das wäre mir natürlich am liebsten. Mit dem Bereich „Aufenthaltsbestimmung“ wäre auch verbunden, dass das Betreuungsgericht zustimmen muss, wenn meine Mutter ihren Wohnsitz verändern will. Also beispielsweise auf die Idee käme, in meine Nähe zu ziehen. Und dass man sie eben, sobald sie sich wieder nähern sollte, nicht mal eben um den Block fährt und in 10 Minuten ist sie wieder da, sondern nach Hause bringt. Weit weg.

Ordnen über Ostern

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Die Reaktionen, die Resonanz, die Anteilnahme in den letzten Tagen war vielfältig und überwältigend. Ich bin insgesamt sehr aufgefühlt. Nein, es geht mir nicht gut. Darüber wird sich aber niemand wundern.

Fakt ist, dass ich seit fast einer Woche nicht mehr in meinem eigenen Bett geschlafen habe. Ich habe drei Versuche gestartet, drei Mal haben mich Maries Eltern wieder aus der Wohnung geholt. Mit Maries Mutter durch die Tiefgarage, während Maries Vater meine Mutter von mir fern gehalten hat. Sie sitzt und liegt seit einer Woche fast durchgehend vor unserer Haustür. Sie ist für Stunden immer mal weg, manchmal wird es wohl langweilig, ein anderes Mal trägt die Polizei sie weg. Nach ein paar Stunden ist sie regelmäßig wieder da.

Tagsüber taucht sie ständig in der Physiotherapiepraxis auf. Inzwischen ist unten zwar die Tür zu, so dass man klingeln muss, aber spätestens wenn jemand rausgeht, ist sie wieder drin. Vom Treppenhaus klettert sie über die außen am Haus angebrachte Feuertreppe in ein anderes Stockwerk und hampelt oben vor den Fenstern rum. Selbst abends ist es für sie eine Leichtigkeit, ins Haus zu kommen. Sobald jemand mit dem Auto aus der Tiefgarage fährt, sprintet sie durch das offene Rolltor. Da der Weg durch das Haus einer der beiden Fluchtwege ist, kann man da auch nichts abschließen. Sie kommt zu Fuß zwar nur bis ins Erdgeschoss (um weiter nach oben zu kommen, muss man durch eine Tür, die man von außen nicht öffnen kann, oder mit dem Aufzug fahren, den man drinnen allerdings auch nur mit Schlüssel bedienen kann), aber sie setzt sich dann zum Beispiel unten in den Aufzug und wartet über Stunden, bis oben jemand diesen ruft. Zack ist sie im Wohnbereich.

Inzwischen wissen zwar alle Mitbewohner, was hier los ist, aber was soll jemand im Elektrorollstuhl, der gerade genug Kraft hat, den Joystick zu bedienen, ausrichten, wenn sie sich an ihm vorbei drängelt? Da gibt es ja nicht mal die Möglichkeit, ihr über die Füße zu fahren, so schnell ist ja niemand. Fakt ist, dass meine Mutter durch ihr unberechenbares Verhalten bei meinen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern jede Menge Ängste schürt. „Irgendwann steckt sie noch das Haus an“, muss ich mir schon anhören. Ich habe zwar meine Mutter nicht beauftragt, diesen Zirkus zu veranstalten; andererseits fühle ich mich aber meinen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern gegenüber verantwortlich. Sie sollen in Ruhe leben können und nicht etwa jemanden im 5. Stock vor dem Fenster stehen haben, wenn sie morgens die Rolläden hochfahren.

In einigen Kommentaren oder Mails habe ich gelesen, dass es gut wäre, sie zwangsweise in die Psychiatrie zu stecken, alternativ in den Knast. Auch könne ich vielleicht auf die bei psychischen Erkrankungen meistens erhöhte Suizidalität hoffen. Sie jedes Mal verprügeln zu lassen, war ein anderer Vorschlag. Einiges habe ich gar nicht veröffentlicht. Meine Mutter ist und bleibt ein Mensch. Ich sage bewusst nicht, dass sie meine Mutter ist. Aber sie ist ein Mensch. Ein kranker Mensch. Nach der gesetzlichen Lage kann man sie nicht so einfach zwangsweise einweisen, dafür müssen ganz andere Dinge passieren. Sie ist auch nicht haftfähig. Es gibt nach wie vor einen Gerichtsbeschluss, dass sie Abstand zu halten und die Kontaktaufnahme zu unterlassen hat, aber Geld ist wohl nicht zu holen und haftfähig ist sie eben nicht. Somit läuft das weitestgehend ins Leere; lediglich darf sie die Polizei nach Hause bringen. Selbst ein so genannter „Verbringungsgewahrsam“ käme nicht in Betracht. Dabei hat man früher so genannte Störer weit weg gefahren, damit sie wenigstens eine Zeitlang brauchten, um wieder zurück zu kommen.

Ein sporadischer Kontakt zu meiner Mutter kommt nicht in Frage. Warum nicht, habe ich bereits oft genug ausgeführt. Auch wenn das der eine Leser oder die andere Leserin nicht nachvollziehen kann: Ich möchte es nicht. Und es muss mein Recht sein und mein Recht bleiben, zu bestimmen, mit wem ich mich treffen möchte und mit wem nicht. Meine Entscheidung, jemanden nicht sehen zu wollen, kann nicht höher gewertet werden, als die Entscheidung eines anderen, mit mir Kontakt haben zu wollen.

Ich bin kein Fan davon, absatzweise darüber zu berichten, was alles nicht geht. Ich möchte mich mit Möglichkeiten beschäftigen, nicht mit Unmöglichkeiten. Das geht vielleicht dem einen oder anderen zu schnell, vielleicht bin ich wegen der vielen Herausforderungen, die meine Behinderung mit sich bringt, auch in gewisser Weise prädisponiert für schnelle Entscheidungen. Fakt ist, dass ich in den letzten fünf Tagen mehr Unterstützung bekommen habe als ich mir je hätte erträumen können.

Damit meine ich nicht nur die vielen Kommentare und Mails, in denen mir meine Leserinnen und Leser zuhauf angeboten haben: „Komm an meine Uni, hier ist es überwiegend barrierefrei, ich würde mich darum kümmern, dass du die richtigen Kontakte bekommst und dich hier vor Ort unterstützen.“ – Vielen, vielen Dank! Ich bin wirklich gerührt. Dennoch habe ich die meisten davon nicht veröffentlicht, denn ich möchte im Internet keine Diskussion über meinen künftigen Studienort beginnen. Aus guten Gründen. Ich habe auch aus genau diesen Gründen auf keine einzige dieser Mails geantwortet, waren sie auch noch so nett. Woher soll ich wissen, ob das nicht eine Mail von meiner Mutter ist, die das hier mitliest und vielleicht aus einem Internet-Cafè mit mir schreibt? Und auf diesem Weg dann die Antwort bekommt: „Lieber Otto, danke für dein Angebot, aber ich habe mich bereits für die Uni in Harvestehude entschieden.“ – Oder: „Lieber Peter, das ist ja fein, dann sehen wir uns demnächst, ich liebäugel nämlich mit einem Studienplatz an deiner Uni.“ – Liest sich paranoid. Und genauso komme ich mir derzeit vor.

Mein derzeitiger Plan ist, für zwei bis vier Semester aus Hamburg wegzugehen und anderswo in Deutschland zu studieren. Ich werde meinen Platz in meiner heiß geliebten WG aufgeben. Das ist sehr schmerzhaft, aber es ermöglicht eben mir einen kompletten Neuanfang und meinen Leuten die Rückkehr zu einem ruhigen Alltag. Ich werde für ein bis zwei Jahre in einer anderen Stadt in Deutschland wohnen und dort quasi zwei bis vier „Auswärtssemester“ sammeln. Es ist absolut nicht unüblich und wird sogar empfohlen, auch mal in eine andere Uni reinzuschnuppern. Anschließend werde ich wieder nach Hamburg zurück kommen. Das möchte ich auf jeden Fall, denn Hamburg ist meine Heimat und Hamburg bleibt meine Stadt. Ich kann nicht ohne. „Anschließend“ ist dann, wenn das Haus, das ich tatsächlich (nicht alleine) bauen (lassen) möchte, fertig ist und ich dort in eine Wohnung einziehen kann. Bis Ende Mai soll alles so weit eingetütet sein, dass es los gehen kann. Davon und darüber schreibe ich ein anderes Mal mehr. Jedenfalls gibt es hierzu recht gute Neuigkeiten.

Zum Glück sind andere Menschen in meinem Umfeld zur Zeit mindestens genauso paranoid wie ich und unterstützen mich mit ihren Möglichkeiten. Maries Mutter hat am letzten Sonntag mit jenem Professor telefoniert, der mir vor ziemlich genau drei Jahren meinen Studienplatz eröffnet hat. Sie hat ihn bei einer Veranstaltung erreicht und er hat ihr spontan zugesagt, sich am Dienstag mit mir an einer Uni zu treffen, an der ich gerne studieren möchte. Damit hätte ich natürlich niemals gerechnet, ich hatte gehofft, er würde dort anrufen. Aber so war es natürlich noch besser. Er wollte dort zusammen mit mir mit dem Präsidenten der Uni zu reden, um einen Wechsel innerhalb eines Semsters, der normalerweise nicht möglich ist, unbürokratisch anzuschieben. Ich weiß nicht, ob er sowieso dort in der Gegend war; ich möchte nicht wissen, welchen Umweg er für mich in Kauf genommen hat, denn damit würde es mir vermutlich schlecht gehen.

Es ist im Vergleich zur Hamburger eine verhältnismäßig kleine Universität. Ich wartete vor einem Verwaltungsgebäude in strahlendem Sonnenschein. Plötzlich tauchte er auf, ich habe keine Ahnung, woher er gekommen war. Er gab mir die Hand, sagte nur kurz, dass er von Maries Mutter gehört habe, was bei mir zu Hause los sei. Es sei meine private Angelegenheit und er mische sich dort nicht ein. Aber wenn er mir helfen könne, dann solle ich ihn anrufen. Er gab mir seine Visitenkarte. Ich will nicht zu viel über ihn sagen, aber ich wusste nicht, wie mir geschah. Der Mann ist enorm bekannt und ein weltweit geschätzter und gefragter Experte in seinem Fachgebiet. Ich übertreibe nicht und würde zu gerne auf seine Webseite verlinken, nur kann ich das gerade nicht tun, aus guten Gründen. Entsprechend war auch die Begrüßung beim Präsidenten der Universität. Ich saß in einem kleinen, hübsch eingerichteten Büro mit meinen schweißnassen Händen und einem 200er-Puls, während mein Professor sagte: „Vielen Dank, dass Sie einen Moment Zeit für mich gefunden haben.“ – Als Antwort kam wörtlich: „Es ist mir eine Ehre, Professor.“

Mein Professor sagte, es sei ihm ein bedeutendes persönliches Anliegen, dass ich mein Studium ungestört fortsetzen könne. Er erklärte, dass ich im Zusammenhang mit meinem Unfall heute massiv belästigt und verfolgt werden würde. Diese Lage sei durch die psychische Erkrankung einer Frau derart eskaliert, dass er keinen anderen Ausweg sehe, als mitten im Semester den Studienplatz zu wechseln und an eine Universität zu gehen, in der sich das Präsidium darum kümmert, dass ich in Ruhe studieren könne. Der Präsident guckte mich relativ betroffen bis geschockt an, sagte erstmal gar nichts, schluckte ein paar Mal und meinte dann: „So einen Fall hatten wir hier noch nie. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich gar nicht weiß, wie wir so etwas angehen können. Aber ich möchte auf jeden Fall helfen.“

Danach ging alles relativ schnell. Mein Professor verabschiedete sich, ließ mich draußen alleine zurück. Ich schaute mir einige Bilder an, die im Eingangsbereich ausgestellt waren. Nach einiger Zeit kam eine Frau im Rollstuhl auf mich zugerollt. Geschätzt 30 Jahre alt, kräftiger Oberkörper, auffallend strahlend blaue Augen, dunkles, langes, krauses Haar zu einem Zopf gebunden, ungeschminkt, Brille, Batik-T-Shirt. Die Beine erschienen für die Gesamtkörpergröße ein wenig zu kurz, ich tippte auf eine angeborene Querschnittlähmung. Sie gab mir die Hand, stellte sich vor. Eine Psychologin, sie möchte sich um mich kümmern. Sie schleppte mich in ihr Zimmer ab. Bat mir, völlig ungewöhnlich, sofort das „Du“ an. Das mache sie bei Leuten im Rollstuhl immer so. „Willst du ne Cola? Oder ein Wasser? Guck dir das an, ich hab einen eigenen Kühlschrank in meiner Zehn-Quadratmeter-Betonzelle. Hart erkämpfter Behindertenbonus.“

Sie wollte hören, was mit mir los sei. Es war absolut faszinierend: Die Chemie stimmte von der ersten Sekunde. Und sie war derart einfühlsam, natürlich und aufrichtig, dass ich ihr sofort meine komplette Geschichte erzählt habe. Das alles war insbesondere deshalb so geradlinig, weil sie ungewöhnlich offen und damit – aus psychologischer Sicht – vermutlich völlig unprofessionell war. Aber es war eben keine Psychotherapie. Und ich glaube, es war professionelle Unprofessionalität. Sätze wie: „Boa, krass, ich würde durchdrehen!“ oder „Lesen musste ich schon viel darüber, aber so live und in Farbe weiß ich gar nicht, was ich dazu sagen soll.“ oder „Was für eine verfi**te Scheiße, tschuldigung“ würde meine Krankenhauspsychologin aus Hamburg nie in den Mund nehmen.

Und dann kam von ihr: „Also, du gibst mir bitte drei Stunden, dann sehen wir uns wieder und dann mache ich dir ein Angebot. Du machst in der Zwischenzeit bitte nichts außer dich irgendwo in ein Cafè setzen und Eis essen. Oder du legst dich auf eine Wiese an [einem Fluss] und lässt dir die Sonne auf den Bauch scheinen. In drei Stunden sehen wir uns wieder.“ – „Ich hatte sonst gedacht, ich gucke mal, ob es irgendeine Chance gibt, kurzfristig eine Wohnung zu bekommen.“ – „Mach bitte nichts. Guck dir die Stadt an, setz dich irgendwo hin, unternimm bitte nichts. Ich setze jetzt alle Hebel in Bewegung und dann möchte ich freie Schussbahn haben.“ – „Irgendwie habe ich gerade ein wenig Angst.“ – „Ich erwähne weder deinen Namen noch deine Geschichte. Ich erkundige mich nur und organisiere ein wenig. Vertrau mir.“

Es fiel mir sehr schwer, ich kannte diese Frau noch nicht mal zwei Stunden. Nach drei Stunden sahen wir uns wieder. Und ich bekam, womit ich im Traum nicht gerechnet hätte, eine Lösung auf dem Tablett präsentiert. „Also: Du kannst hier ab morgen dein Studium fortsetzen. Ich habe grünes Licht von ‚ganz oben‘ und ‚ganz oben‘ hat grünes Licht vom Land. Das kommt alles noch schriftlich, aber telefonisch ist das geklärt und offiziell bestätigt. Ich hatte Kontakt zum Landeskriminalamt, und die empfehlen dir, deinen Nachnamen ändern zu lassen. Du kannst einen Antrag stellen und fügst das Gerichtsurteil mit dem Näherungsverbot bei und holst dir mehrere Zeugenaussagen dazu, wie oft dagegen verstoßen wurde. Von Angehörigen, von der örtlichen Polizei. Dem wird aller Voraussicht nach entsprochen. Das entscheidet das örtliche Standesamt. Deine neue Adresse wird beim Landeskriminalamt in einer Opferschutz-Akte hinterlegt. Im öffentlichen Melderegister steht nur der Hinweis auf die Akte. Gleichzeitig beauftragst du eine dir nahestehende Person, dir deine Post weiterzuleiten. Das heißt: Du gibst als Anschrift offiziell deren Wohnanschrift an und dort scannt dir das jemand oder leitet das im Briefumschlag weiter. Zum Beispiel die Mutter deiner Freundin [Marie], von der du mir erzählt hast. An deine Hausklingel kommen nur deine Initialen. Hier bei uns in der Uni wird deine Akte im Präsidium geführt, die Chefsekretärin ist die einzige Ansprechpartnerin für dich, an allen anderen Stellen gibt es deinen Namen nicht. Weder deinen alten noch deinen neuen. Und auch auf irgendwelchen Listen taucht er nicht auf. Im Einzelfall müssen wir dann schauen, wie sich das genau realisieren lässt, aber das wird funktionieren. Was sagst du dazu?“

Ich antwortete nur mit einem Wort: „Namensänderung?“

Sie sagte: „Ja. Würde ich machen. Ist der effektivste Weg, wenn nicht sogar der einzige, einen Schnitt in dein Leben zu bekommen und Verfolger abzuschütteln. Ich will nicht sagen, dass wir das von dir erwarten, aber fast ist es so: Wir wollen hier natürlich auch keinen solchen Aufwand betreiben und ab nächste Woche eine psychisch kranke Frau auf dem Unigelände haben, die alle terrorisiert. Und dann ziehst du wieder um.“

Ich antwortete; „Wieder umziehen? Erstmal muss ich überhaupt eine Wohnung finden.“ – Sie grinste mich an: „Die findest du. Wir haben gleich noch ein paar Besichtigungstermine. Wenn du möchtest. Können wir auch auf morgen früh verschieben, aber am besten wäre es jetzt gleich.“ – „Häh?“ – „Nix häh. Ich arbeite doch nicht hier ohne Kontakt zu den örtlichen Vermietern zu haben und zu wissen, wo barrierefreier Wohnraum existiert. Es gibt drei Neubauprojekte, in allen gibt es noch jeweils eine barrierefreie Wohnung, die sofort bezogen werden kann.“ – Ich stand da mit offenem Mund. – „Mund zu, Herz wird kalt“, sagte sie. „Wir sind hier nicht in Hamburg, wo man drei Jahre auf eine völlig überteurte Wohnung wartet. Ich habe drei zur Auswahl. Ich muss gestehen, ganz so einfach war es nicht, ich musste mächtig Alarm machen. Aber wir haben einen Makler in der Familie und bei dem hatte ich noch einen Gefallen offen. Ich habe ihm gesagt, er soll mal zeigen, dass er ein Fachmann ist.“ – „Bist du wahnsinnig?“, fragte ich sie. – „Ein bißchen. Du musst sie ja nicht nehmen. Aber angucken schadet nicht. Und wenn du im halben Jahr was besseres findest, ziehst du wieder aus. Aber erstmal …“

Ich habe mir nur die erste Wohnung angeguckt: Drei Zimmer, Etage 2 von 2, sechs Parteien in diesem Hauseingang, Aufzug, Tiefgaragenstellplatz, Kellerraum, Niedrigenergie-Haus mit Zentralheizung, überall Parkett, im Bad Fliesen mit Fußbodenheizung, Badewanne, ebenerdige Dusche, Einbauküche, großer Südbalkon mit Holzplanken und herrlichem Panorama, überall Rolläden und Fliegengitter vor den Fenstern, zehn Minuten zu Fuß in die Innenstadt, zwanzig zu Fuß zur Uni, zehn Minuten mit dem Auto zur Autobahn. Öffentlicher Nahverkehr direkt vor der Tür. Verkehrsberuhigte Sackgasse, knapp 9 Euro kalt pro Quadratmeter, dazu kommen 2,35 Euro für Neben- und Heizkosten. Erstbezug.

Dann kam vom Makler: „Ziehen Sie alleine ein?“ – „Meine Freundin überlegt, auch hier zu studieren ab nächstem Semester. Sie sitzt auch im Rollstuhl und würde dann gerne mit einziehen.“ – „Die Eigentümerin möchte keine Studenten-WGs. Grundsätzlich nicht. Ich rufe sie aber an und frage, ob sie eine Ausnahme macht.“

Sie war ablehnend, ich hörte aber, wie er im Nebenzimmer ins Handy laberte, ich erfülle absolut nicht das Klischee. Dreißig Minuten später stand sie mit uns vor der Wohnung. War recht hektisch, musterte mich, fragte, welches Fach ich studiere, fragte, was Marie studierte, und sagte: „Ja. Könnten wir so machen. Sie wirken auf mich nicht wie eine Chaotin, die mir hier alles zerlegt und für Beschwerden unter den ganzen Nachbarn sorgt, weil hier eine Party nach der anderen gefeiert wird. Ich habe aber auch kein Problem, eine Rollstuhlfahrerin rauszuklagen, wenn das nicht funktioniert, wir haben in der Familie selbst jemanden mit einer Behinderung. Ich habe da also keine Berührungsängste.“

Eine Woche wollte er mir die Wohnung reservieren. Ich war gerade zurück in Hamburg, und bevor ich mich versah, saßen am Donnerstag Marie mit ihren Eltern und ich im Zug und donnerten in Richtung Süden, um die Wohnung erneut zu sehen. Der Makler hatte noch einmal Zeit, selbst die Eigentümerin kam noch einmal vorbei, um nun auch noch Marie zu mustern. Marie war absolut begeistert, Maries Mutter fand sie super, Maries Papa meinte: Zuschlagen. Maries Eltern luden uns zum Essen ein, Maries Papa meinte, ich sollte noch in Hamburg den Antrag auf Namensänderung stellen und mich mit erstem Wohnsitz bei ihm zu Hause melden und diese Adresse vom Landeskriminalamt abdecken lassen. Alternativ könnte Marie auch die Wohnung auf ihren Namen anmieten, er würde insoweit für sie finanziell bürgen, dann tauche ich nicht in irgendwelchen Dokumenten auf.

Am Donnerstagabend sind Maries Eltern mit Marie wieder nach Hamburg zurück gefahren. Ich schlafe über das Osterwochenende bei Freunden außerhalb Hamburgs. Am Dienstagmorgen treffen Marie, Maries Papa und ich uns höchstwahrscheinlich noch einmal mit dem Makler. Bis dahin müssen wir entscheiden, was wir tun. Anschließend fahre ich zurück nach Hamburg – vermutlich, um mit dem Umzug zu beginnen. Aber noch ist nichts unterschrieben. Ich bin noch immer völlig aufgewühlt und muss erstmal alles ordnen.