Nochmal Wüste

8 Kommentare3.814 Aufrufe

Es gibt zur Zeit bei mir nur zwei Themen, und trotzdem wird es nicht langweilig. Mir zumindest nicht.

Gerade kam ich völlig dehydriert zurück aus der deutschen Servicewüste, da muss ich schon wieder hinein. Oder vielleicht war ich auch nie wirklich draußen?

Erwarte ich eigentlich zu viel, wenn ich erwarte, dass ein Autohaus mich bezüglich meiner Bestellung eines Neuwagens auf dem Stand der Dinge hält? Ende Januar sollte das Auto fertig umgebaut bei denen auf dem Hof stehen, inzwischen haben wir April und das Ding ist noch nicht mal in der werkseigenen so genannten „After-Sales-Werkstatt“, in der der behindertengerechte Umbau des Fahrzeuges vorgenommen wird. Beziehungsweise ich wusste erstmal nicht, ob es da vielleicht schon steht, denn mein Autohaus redet im Moment nicht mehr mit mir. Ja, krasse Worte. So empfinde ich es aber.

Am letzten Freitag, also vor einer Woche, wollte man sich wieder bei mir melden und mir einen aktuellen Stand durchgeben. Das habe ich meinem Verkäufer abgerungen. Also dass er mich anruft und nicht ich es bin, die den ganzen Tag vergeblich versucht, ihn mal ans Telefon zu bekommen. Irgendwie war klar, dass dabei nichts rauskommt, und nach einer Woche des Wartens war ich es denn mal wieder, die zum Hörer gegriffen hat. „Ja, der Kollege ist krank und leider kann niemand anderes in die Unterlagen schauen.“

Leute, für wie blöd haltet ihr mich eigentlich? Was macht ihr denn, wenn einer Eurer Verkäufer vom Blitz getroffen wird? Ich komme mir vor wie in der Eiszeit, wo alle Ehen geschieden sind, sobald das Standesamt schmilzt! Klar, ich bin eine Kundin mit Sonderwünschen. Die auch noch so viel Rabatt vom Hersteller versprochen bekommt, dass das Autohaus an mir kaum noch was verdient. Aber was kann ich denn dafür? Und sonst gebt mir wenigstens meine Bestellnummer, damit ich selbst dort anrufen und nachfragen kann. „Das sind interne Daten, die nicht ohne Grund geheim gehalten werden. Schließlich wünschen wir keine Sonderabsprachen des Kunden mit dem Werk, für die wir am Ende haften müssen.“

Als ich Frank das erzählte, tippte er sich an die Stirn. Frank ist ohnehin schon genervt, denn er ärgert sich derzeit mit demselben Autohaus herum. Wegen Sofies Touran, den ich hin und wieder mitnutzen kann. Zum Glück. Besagter Touran war wegen eines Garantiemangels in der Werkstatt. Der Beifahrersitz ließ sich nicht mehr umklappen, das Verladen des Rollstuhls war damit erheblich erschwert. Das Problem war ein ausgehakter Seilzug, der aber schon zum vierten Mal ausgehakt war. Mit entsprechender Welle hatte man sich schlussendlich bereit erklärt, das komplette Sitzgestell auszutauschen. Frank hatte darum gebeten, dass das dann vor Ort ist, damit das Auto nicht endlos in der Werkstatt steht.

Ende vom Lied: Das Auto stand vier Tage in der Werkstatt, weil man nach Ausbau des Beifahrersitzes festgestellt hatte, dass das Ersatzteil ja doch noch gar nicht da ist. Und das war dann zwar am nächsten Mittag in Hamburg, jedoch brauchte es noch drei weitere Tage, bis alles wieder zusammengebaut war. Und dabei hat man dann auch noch zwei tiefe Schrammen ins Armaturenbrett gemacht. Sofies Glück war es, dass sie die sofort gesehen hatte, bevor sie das erste Mal wieder ins Auto stieg. Ihr kam es komisch vor, dass der Kundendienst-Mitarbeiter ihr nur am Tisch den Schlüssel aushändigte. Nach dem Motto: „Und tschüss.“ – Eigentlich begleitet man den Kunden ja einmal zum Auto und zeigt, was man getan hat und dass alles wieder funktioniert.

„Das kommt von Ihrem Rollstuhl, den Sie dorthin immer verladen.“ – „Ich war ja gar nicht wieder im Auto. Außerdem verlade ich den Stuhl von links nach rechts. Die Schrammen sind aber in einem Bereich, an den der Rollstuhl nur dann kommen könnte, wenn man ihn durch die offene Beifahrertür einlädt. Und dann wäre da auch nichts derart Scharfkantiges. Zudem hängen da noch frische Späne dran.“ – Und während Sofie auf Frank wartete, wollte man ihr noch erklären, dass das alles nicht am defekten Sitzgestell lag, sondern daran, dass jemand das Sitzgestell gefettet hatte. Was nicht vorgesehen sei. Somit wäre das eigentlich keine Gewährleistung, aber man sei ja kulant. Als wenn irgendwer von uns auch nur ansatzweise wüsste, wo er was fetten könnte, ohne dass das sich an den Polstern abreibt oder ähnliches. Das wird die Werkstatt selbst bei einer der vorherigen Werkstattbesuche gemacht haben.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe Frank zwei Mal belächelt, als er mir ein Schreiben aufgesetzt hat, mit dem ich dem Autohaus schriftlich eine Nachfrist für die Bestellung gesetzt habe. Jurist halt. Inzwischen könnte ich ihn knutschen. Er nahm die Stinkesocke an die Hand und rollte mit ihr zu einem anderen Autohaus, das uns Maries Vater empfohlen hatte. Ein kleiner Familienbetrieb. Nicht 30, sondern nur vier Neuwagen im Verkaufsraum. Wir hatten einen Termin beim Junior-Chef. Und der hatte Zeit! In Wirklichkeit bestimmt nicht, aber er hat sich die Zeit genommen, die wir brauchten. Und er hatte ein ernsthaftes Interesse. „Ich hatte zwar erst einen Kunden, der einen Umbau ab Werk hatte, der ältere Herr hatte rechts eine Prothese und hat mit links Gas gegeben, also wurde das Gaspedal im Fußraum verlegt. Aber die Telefonnummern habe ich genauso wie der Mitbewerber, und ich rufe da jetzt mal den Leiter dieser Werkstatt an.“

Sprach es aus und hatte innerhalb von fünf Minuten auch ohne die Auftragsnummer alle nötigen Infos. Das Auto wird in der kommenden Woche gebaut und ist danach etwa zwei Wochen in dieser After-Sales-Werkstatt. Das ist bereits disponiert, der Termin steht. Anschließend dauert es noch etwa eine Woche, bis das Auto nach Hamburg überführt ist. Und, was ich nie für möglich gehalten hätte, er griff gleich noch einmal zum Telefonhörer, rief den Chef des Autohauses an, mit dem ich die beiden Lieferverträge habe. „Die sitzen hier bei mir. Eure Kundin und ihr Anwalt. Sie stornieren die Bestellung, Fax geht heute abend raus, zwei Nachfristen sind verstrichen. Ich will mich da nicht einmischen, aber ich biete Euch an, dass ich die Kundin übernehme. Ihr seid sie los und mit ihr den ganzen Ärger, der sonst jetzt losgeht. Was wollt ihr mit einem umgebauten Vorführfahrzeug? Ich werde ihr klar machen, dass ich sie nur übernehme, wenn sie auf alle rechtlichen Schritte gegen Euch verzichtet.“

Zehn Minuten später rief er zurück. Sie gehen darauf ein. Die Bestellung wird storniert und anschließend beim Werk so umgestellt, dass ein anderes Autohaus diese Bestellung bekommt. Darum will sich der Junior-Chef am Montag kümmern. Und die Bestellung von dem Bus kommen auch mit in die neuen Hände. Jetzt kann ich nur hoffen, dass der neue Weg besser ist und endlich mal alles klappt.

Ein Heli und ein Freund

4 Kommentare3.884 Aufrufe

Nachdem ich ja bekanntlich eher ein Anhänger dramatischer Krankengeschichten bin, eigener wie auch fremder, wundert es niemanden, wenn ich gleich drei Tage nach dem letzten Drama noch einmal nachlegen kann. Oder? Ja, ich weiß, so oft können solche Dinge nicht passieren. Aber: Trotzdem. Wer es nicht lesen will, scrollt einfach weiter.

Ich fasse mich dieses Mal mal kürzer. Ich bin mit meinem Handbike (jenes zum Vorspannen vor den Alltagsrollstuhl, also nicht mein Rennbike) zu einem Freund unterwegs. Wir wollen uns auf einen Kaffee oder eine heiße Schokolade treffen, endlich mal wieder. Mich überholt ein Rettungswagen mit Lalülala, was in Hamburg nun eher nicht so selten ist, vor allem dann nicht, wenn man gerade an einer Feuerwehrwache, in der das Ding stationiert ist, vorbei gekommen ist. Und während ich weiterfahre, höre ich über mir ein sehr plötzlich sehr laut werdendes Dröhnen. Und noch während ich kurz nach oben blicke, um zu schauen, woher der Lärm kommt, drängt sich mir ein roter Hubschrauber ins Blickfeld, der offenbar gerade landen will. Nicht direkt auf meinem Schoß, aber irgendwo in unmittelbarer Nähe.

Ich muss unter einer Eisenbahnbrücke hindurchfahren und an einer Ampel warten, und als ich auf der anderen Seite wieder freien Blick habe, ist der Hubschrauber weg. Also tatsächlich irgendwo gelandet. Und während ich um die nächste Kurve fahre, höre ich für einen Moment noch das Herunterfahren der Turbinen, das immer mal wieder von dem Straßenlärm übertönt wird. Ich bin ja kein Fan von neugierigen Gaffern, aber die Frage, wo dieser Hubschrauber geblieben ist, ließ mir nun irgendwie doch keine Ruhe. Immerhin landet er ja selten direkt neben dem Verletzten und soooo oft bekommt man so ein Spektakel ja nun nicht geboten. Ich hielt auf einer Straßenbrücke und versuchte, auf einer etwas weiter entfernten Wiese etwas mit dem bloßen Auge zu entdecken. Nö, nix. „Na gut, dann eben nicht“, dachte ich mir. Und plötzlich kommen aus einem Einkaufscenter, keine 20 Meter entfernt, zwei Jungs in roter Hose und schwarzer Jacke mit allem möglichen Equipment in den Händen, gehen schnellen Schrittes zu einer Treppe, die genau zu der Straßenebene führt, auf der ich warte.

Wieso kamen die aus dem Einkaufscenter? Ich guckte genauer und sah den Heli: Oberstes Deck, Center-Parkhaus. Es hätte unter Garantie ein sensationelles Foto werden können, wenn ich dorthin fahre und mich im Rolli daneben fotografieren lasse, während das Ding ausgerechnet die vier Behindertenparkplätze auf der obersten Ebene blockiert. Oder so. Nein, keine Angst, solche Fotos wird es von mir nicht geben. „Tschuldigung“, wurde ich von dem Sanitäter angesprochen, „wissen Sie, wo hier [ein Schnellimbiss einer Mega-Franchise-Kette] ist?“ – „Hier über die Ampel, da vorne um die Hausecke, auf die andere Straßenseite, rechts am Parkhaus vorbei … ach warten Sie, ich komme eben mit. Bevor Sie sich erst verlaufen.“

„Das ist super nett von Ihnen.“ – Nein, ich habe nicht erzählt, dass ich mit genau dem Heli schonmal geflogen bin. Schließlich interessiert mich ja auch nicht, wer schonmal beinahe, kurzfristig oder sonstwie in einem Rollstuhl gesessen hat. Die beiden haben gerade andere Sorgen. „Mit dem Ding sind Sie ja richtig fix, ich komme gar nicht hinterher“, sagte der Notarzt. Ich fuhr gerade mal 8 km/h. Wenn der wüsste, dass man mit dem Ding locker auf 30, bergab auf 40 km/h kommt… – „Da hinten links ist es. Da steht auch schon ein Rettungswagen vor der Tür.“ – „Alles klar, vielen, vielen Dank.“

Ich drehe um und fahre zurück. Schon wieder Lalülala. Dieses Mal von vorne. Die Polizei. Hält direkt neben mir mit eingeschaltetem Blaulicht in zweiter Reihe gegen die Fahrtrichtung. Und wartet anscheinend auf die beiden, die aus dem Einkaufscenter kommen sollen. Um sie 300 Meter zum Einsatzort zu fahren? Ja, Jungs, schnell aber trotzdem zu spät. Das Fenster ist offen. „Warten Sie auf die Heli-Besatzung?“ – „Ja?“ – „Die habe ich gerade zu [Schnellimbiss einer Mega-Franchise-Kette] gebracht.“ – „Ja, der Kollege bekommt das gerade schon über Funk. Vielen Dank!“

Nein, nicht spannend? Dann sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich beinahe mit Bus und Bahn gefahren wäre. Dann wäre die Patientin oder der Patient vermutlich in dem Moment umgekippt, in dem ich da vorbei gefahren wäre. Auf meinen Schoß. Wetten?!

Okay. Und der Freund? Dem geht es nicht gut. Er sah nicht gut aus und kämpft derzeit mit einer nach Jahren zerbrochenen Beziehung und damit verbunden einer Isolierung, da die Exfreundin jede Menge Müll über ihn erzählt. Ich habe ihm zugehört, sogar bei ihm geschlafen. Im selben Bett. Nein, wir hatten keinen Sex. Und auch sonst nichts. Er hat sich an mich rangekuschelt. Ich habe ihn in den Arm genommen. Ob ich seinen Schmerz damit nun kurzfristig besser oder mittelfristig schlimmer gemacht habe, darüber möchte ich nicht nachdenken. Er sagte, es tat gut, mal wieder ernst genommen zu werden. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was man als frischer Ex so alles durchmacht. Ich hoffe, meine nächste Beziehung endet nicht so. Noch hat sie nichtmal begonnen, noch gibt es nicht mal einen passenden Typen dazu. Aber irgendwo da draußen in der weiten Welt gibt es ihn. Ich spüre es!