Goldene Sterne und Liebesbasar

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Wir sind zurück. Meine Haut ist etwas brauner, das Trainingslager ist vorbei, ich habe ein großes Schlafdefizit, hatte mir eine saubere und kühle Dusche am gestrigen Nachmittag selten sehnlicher gewünscht und Deutschland ist Weltmeister. Hurra. Der vierte goldene Stern ist da.

Ich muss gestehen: Ich habe das Fußballspiel nicht mal von Anfang an gesehen. Das lag aber eher daran, dass es zu lange dauerte, bis wir uns nach der Rückfahrt nach Hamburg voneinander trennen konnten. Kurz nachdem ich einschaltete, fiel dann auch endlich ein Tor…

Ich machte mir nichts aus Fußball. Okay, wir dürfen uns Weltmeister nennen. Ich akzeptiere, dass viele Leute das toll finden. Ich akzeptiere auch den Hype, der darum entsteht. Aber mich selbst kratzt das alles nicht sonderlich. Mir geht es im Fußball viel zu sehr ums Geld und viel zu wenig um den Sport.

Der letzte Tag im Trainingslager war ebenfalls toll. Meinetwegen hätte das noch mehrere Tage so weitergehen dürfen, aber irgendwann muss auch die schönste Trainingsfreizeit mal vorbei sein. Besser hätte es, und da waren sich am Ende alle einig, in der Halle auch nicht sein können. Wie ich inzwischen erfahren habe, sind am letzten Wochenende viele Leute in der Ostsee ertrunken. Wir gehörten nicht dazu, wenngleich auch in unserer Nähe zwei Leute gestorben sind. Allerdings kamen hier Kreislaufprobleme dazu. Leichtsinn gab es eher in der Lübecker Bucht und in Mecklenburg-Vorpommern, wo wohl auch über das ganze Wochenende hinweg ein Badeverbot bestand (rote Fahnen). Das war bei uns nicht der Fall.

Und eine eher sonderbare Begegnung hatte ich noch heute kurz nach dem Mittagessen. Ein Teilnehmer, Rollstuhlfahrer, erst relativ kurz dabei, um die 20 Jahre alt, sprach mich an, als ich vom Klo wiederkam. Er hatte den Moment abgepasst und fragte, ob er mich mal was fragen dürfe. Super schüchtern erzählte er mir, dass er noch nie eine Freundin hatte und in diesem Moment bestimmt alles falsch mache, was man irgendwie falsch machen könnte. Aber er habe fast alle Leute aus der Gruppe gefragt (außer Cathleen und Marie, weil er wüsste, dass ich mit denen eng befreundet sei), und alle hätten ihm gesagt: „Du findest es nur raus, wenn du fragst.“

Ich ahnte, was kommen würde, aber ich wusste auch, dass er so gar nicht mein Typ ist. Ich will überhaupt nichts negatives suchen, finden oder schreiben. Er ist einfach nicht mein Typ. Die Chemie stimmt nicht. Kein Kribbeln im Bauch. Und bevor er sich mit bereits knallrotem Gesicht noch länger quält, habe ich ihm geantwortet: „Du machst alles richtig. Ich fühle mich auch sehr geschmeichelt über das, was du mir sagen möchtest. Und ich habe Respekt vor deinem Mut, ich weiß nicht, ob ich mich trauen würde, jemanden so offen anzusprechen. Aber …“, ließ ich einen Satz unvollständig im Raum stehen.

„Brauchst nicht weiter reden. Sagst du mir, woran es liegt? An meiner Behinderung?“ – „Quatsch. Ich möchte mein Herz entscheiden lassen, ob es jemanden toll findet. Und mein Herz macht bei dir einfach keine Sprünge.“ – „Und meinst du, es gibt Chancen, dass es nochmal springt?“ – Ich schüttelte den Kopf. „Sorry.“

„Und kuscheln?“ – „Oah, Junge. Bis eben war noch alles gut. Aber jetzt fühle ich mich gerade ein wenig wie auf einem Liebesbasar. Liebe und Zuneigung sind doch keine Verhandlungssachen.“ – „Och, manchmal schon.“ – „Wie meinst du denn das?“ – „Naja, manche Leute verhandeln ja auch über Liebe.“ – „Ich würde sagen, die verhandeln über Sex, aber du willst mir jetzt nicht etwa Geld anbieten, oder?“ – „Würdest du denn welches annehmen?“ – „Das ist jetzt nicht dein Ernst.“ – „Nein, ist es auch nicht. Och Mensch, ich hatte so toll angefangen. Ich bin einfach verknallt in dich.“ – „Das ist sehr charmant, ich kann auch nachempfinden, wie du dich fühlst. Aber ich kann dir da leider nichts anderes sagen.“ – „Darf ich dich einmal umarmen?“ – „Nein, bitte nicht.“ – „Menno. Krieg ich ein Foto von dir?“ – „Versuch einfach, mit einem ‚Nein‘ umzugehen, okay?“

Ich hätte es für mich behalten, wenn er nicht hinterher, bei der Abschlussrunde, noch breit in die Runde posaunt hätte, dass ich ihn abblitzen lassen hätte. „Jule ist voll die eingebildete Kuh, die heftigste Ansprüche an ihren Partner stellt. Am Ende ist sie doch lesbisch“, meinte er. Ich antwortete: „Das musste jetzt noch sein?“ – „Siehste, doch lesbisch. Habt ihr schön fickificki gemacht bei euch im Zelt?“ – Woraufhin Cathleen seinen Kopf in ihren Arm nahm und sagte: „Hey, du wirst eine Freundin finden. Aber Jule ist halt nicht die richtige für dich. Wenn du sie fragst, musst du ihre ehrliche Antwort auch akzeptieren.“ – „Ach, lass dein pädagogisches Gehabe sein! Die anderen haben mir doch geraten, sie zu fragen. Ihr könnt mich alle mal.“ – Seufz.

HA74N, Pesto und Marshmallows

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Ich sollte Recht behalten. Die Ostsee benimmt sich, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Als wäre über Nacht jemand mit einem Bügeleisen über sie hinweg gegangen. Am Himmel einige Schönwetterwolken und selbst Elsa guckt frisch frisiert aus der Wäsche (wie kann man eine so nette Möwe, die nur unsere Brötchen klauen will, HA74N taufen?):

Okay, aufmerksamen Betrachtern wird aufgefallen sein, dass es bei mir mehrere Elsas gibt. Macht aber nix.

Nach einer kilometerlangen Rennbikefahrt auf dem Deich und unzähligem „Oh geil guck mal!“ von vorbei radelnden Urlaubern, gab es mittags Spaghetti mit selbst gemachtem Pesto (ich hätte gerne noch was von der grünen Suspensionssalbe). Am Nachmittag wehte keine gelbe (und auch keine rote) Fahne mehr. Der Wind war deutlich schwächer geworden, so dass wir zunächst eine Stunde Training im Neo hatten (und dieses Mal waren wirklich alle im Wasser) und anschließend ohne Neo mit Luftmatratzen und einem geliehenen Schlauchboot das Meer unsicher machten.

Zu unserem abendlichen Lagerfeuer auf einer extra dafür vorgesehenen Feuerstelle gesellten sich auch jede Menge andere Kinder und Jugendliche, die auf dem Campingplatz Urlaub machten, und brachten ihre Würstchen und Marshmallows mit. Da waren mindestens fünfzehn Leute, die nicht zu unserer Schwimmgruppe gehörten. Zwei Teilnehmerinnen packten dann noch ihre Gitarren aus (ich wünschte, ich hätte die Zeit, das zu lernen) – die Stimmung war schon toll. Wir waren alle mit unseren Rollstühlen von hinten an die die Feuerstelle umschließenden Holzbänke (gegen Wegrollen gesicherte halbierte Baumstämme) gerollt und hatten uns dorthin umgesetzt und uns quasi an die leeren Stühle angelehnt. Wenn nicht gesungen wurde, wurde erzählt. Drei Geschwister und eine Freundin, alle zwischen 6 und 8 Jahre alt, quetschten sich zwischen Marie und mich und hörten die ganze Zeit gespannt zu. Einmal kam der Vater vorbei, fragte ob alles gut sei, und verschwand wieder. Die vier Mädchen saßen mehrere Stunden bei uns und haben kaum ein Wort gesagt. Als es dunkel wurde, legte eins der Mädchen plötzlich ihren Kopf gegen mich. Total süß!

Um 23 Uhr war Nachtruhe, wir mussten in die Zelte. Die vier Mädchen wurden von ihren Eltern abgeholt, die Mutter erzählte, dass sie mit ihrem Mann einen total schönen Abend zu zweit hatte und sie nicht glauben konnte, dass die vier über Stunden hier sitzen bleiben würden. Sie hätte mehrmals aus der Ferne nachgeschaut. „Ihr habt denen bestimmt was in den Rotwein gemischt“, sagte der Papa grinsend. Worauf die Älteste ansprang: „Wein durften wir gar nicht trinken, Papa. Wir sind ja noch Kinder und für Kinder ist Alkohol giftig.“ – Siehste?!

Adler und Möwen

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Keine Campingliegen, keine Feldbetten, sondern Holzpaletten mit aufblasbaren Luft-Schaumstoff-Rollmatratzen und Schlafsäcken. Die Paletten und Matratzen sowie die persönlichen Schlafsäcke (sofern man es geschafft hatte, kurzfristig jemanden damit in Hamburg zum Hauptbahnhof zu schicken) brachte Maries Papa gestern abend aus Hamburg mit einem Lkw. Dieses Paletten-Zeug hatten wir schon öfter mal bei Freizeiten in Gebrauch. Allerdings gab es zunächst noch Probleme mit dem Aufbau der Zelte. Es waren einfach zu wenig Fußgänger vor Ort, die mal mit anfassen konnten. Leider war es trotz der späten Stunde noch etwas arg windig. Mit Hilfe des Zeltplatzbetreibers und seinen von ihm dazu gebetenen Kumpeln der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr standen um halb zehn dann doch noch fünf Mannschaftszelte (zu je 23 Quadratmeter, ich habe allerdings nicht nachgemessen) aus dem Bestand einer Hamburger Hilfsorganisation, die uns die Dinger immer mal wieder günstig vermietet.

Der Tag begann heute mit zwei ernüchternden Feststellungen: Dass auflandiger Wind herrscht und dass die örtliche Badeaufsicht eine gelbe Fahne in den Wind gehängt hatte. Aus Gründen.

Und nachdem unsere Camping-Nachbarn meinten, das würde lediglich bedeuten, dass man sich eincremen soll, weil die Ozon-Belastung zu hoch sei (was hat Ozon mit Sonnencreme zu tun und seit wann wird am Strand davor gewarnt?), waren die Behinderten des Lesens kundig und wussten, dass die Damen und Herren aus der Baywatch-Fraktion uns damit signalisieren wollten, dass nicht nur ein Lifeguard on Duty, sondern auch noch das Baden saugefährlich sein würde. „Badeverbot für ungeübte Schwimmer, Kinder und ältere Menschen“, stand auf einem extra verteilten Flyer, auf dem auch die Baderegeln (Unterwasser-Fondue verboten u.a.) abgedruckt waren.

„Das mit dem Ozon liegt daran, dass bei den Temperaturen so viele Leute ihre Kühlschränke offen stehen lassen“, meinte selbiger Campingnachbar bierernst. Und dass Rollstuhlfahrer in der Ostsee sowieso nicht baden dürften, das sei viel zu gefährlich. Stünde auch überall auf den Blechschildern. Früher hieß es, so ein alter Hase unter unseren Teilnehmern, tatsächlich noch „Badeverbot für Kinder, Alte und Behinderte“, doch inzwischen weiß man wohl, dass nicht jeder, der behindert wird, automatisch gleich schlechter schwimmt. „Baden und Schwimmen gefährlich“ finde ich mal gelungen:

Und gleich daneben war ein Schild angebracht, das unseren Camping-Nachbarn vermutlich erst recht irritiert hätte. „Schätzungsweise hätte selbiger ‚Steinmolen‘ für Energie spendende Maulwürfe gehalten, die sich zwischen Steinen verstecken, und denen regelmäßig eine Spannung anliegt, die eine komplette S-Bahn zum Summen bringen könnte“, frotzelte ein Schwimmkollege herum, der sich noch immer nicht über den Unsinn mit den offenen Kühlschränken beruhigt hatte.

Ein Blick auf das Meer bestätigte, die gelbe Fahne hängt nicht ohne Grund da:

Ein Blick in den Himmel verriet, es gibt fliegende Fische. Und andere See-Ungeheuer:

Selbst Elsa standen die Haare zu Berge (anklicken!):

Nein, wir waren nicht nur zum Fotos schießen da. Und nein, das war nicht meine Spiegelreflex-Kamera, die nehme ich weder zum Schwimmen noch zum Strand mit. Wir mussten warten. Auf zwei Seekajaks, die von einem rund 15 Kilometer entfernten Wassersportverein kommen sollten, und die eine unserer Trainerinnen über Vitamin B (ihre Schwester ist dort Mitglied) organisiert hatte. Uns besuchte ein uniformierter Mensch von der DLRG, riet uns zu einheitlichen Badekappen in Leuchtfarben, versorgte Tatjana, eine andere unserer Trainerinnen (die wiederum Mitglied in der DLRG ist), mit einem wasserdichten Handfunkgerät. Sie musste sich ihre Funknummer auf dem Handrücken notieren und sich vor den Ohren des uniformierten Menschen mit dem Ding irgendwo anmelden und wurde dann in den nächsten zwanzig Minuten prompt noch fünf oder sechs Mal vom anderen Ende mit allen möglichen Fragen angesprochen. Als Anspielung darauf fragte dann einer unserer älteren Teilnehmer, ob ihm der „Adler Null-Acht-Fuffzehn Siebenundvierzig-Elf Anton“ mal den Reißverschluss vom Neo schließen könnte.

Dann endlich konnten wir mal anfangen. Sehr zur Verwunderung etlicher Badegäste, die nicht sahen, dass hinter der Düne Rollstühle standen und somit nicht unbedingt verstanden, warum lauter schwarz gekleidete Leute nacheinander oder im Pulk auf dem Hosenboden sitzend durch den Sand rutschten. Das Wasser war herrlich warm, fast schon zu warm, um im Neo zu schwimmen. Die ersten zwanzig Meter, wo es noch relativ flach war, musste ich relativ schnell überwinden und mich bei jeder Welle gut abstützen, um nicht umzufallen. Spätestens mit der zweiten Welle war ich von oben bis unten komplett nass. Als ich dann endlich so tief im Wasser war, dass ich schwimmen konnte, war es ein absolut geiles Erlebnis. Es herrschte Windstärke 5, in Böen bis 7, der Wind war in einem ungefähren Winkel von 45 Grad auflandig.

Die Wellen selbst waren eher weniger die Herausforderung, ich musste mich nur beim Atmen darauf einstellen, dass ich nicht bei jedem vierten oder sechsten Zug, sondern notfalls bei jedem zweiten Zug versuche, Luft zu holen. Im Schwimmbad kann ich mich halt darauf verlassen, dass der Mund, wenn ich ihn an die Wasseroberfläche drehe, aus dem Wasser ragt, in einer großen Welle ist das mitunter nicht der Fall. Darauf mussten wir individuell reagieren und durften nicht panisch werden, wenn das nicht wie geplant beim zweiten, sondern eben erst beim vierten oder sechsten Armzug klappt. Entsprechend ruhig und kräftig mussten wir eben auch schwimmen, um mit der Atemluft lange auszukommen. Das hat einigen anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern anfangs große Probleme gemacht. Viele waren wegen der unbekannten Situation eher aufgeregt und hektisch. Atmen ist ja ohnehin schon mit die schwierigste Aufgabe beim Kraulschwimmen, dann auch noch individuell auf die Umwelt reagieren zu müssen, hat einige Leute anfangs echt überfordert. Der Trick dabei war die so genannte Drittel-Atmung, die ein wenig Übung erfordert: Es wird pro Doppelschwimmzug immer nur ein Drittel ausgeatmet, allerdings wird versucht, nach jedem Doppelschwimmzug einzuatmen. Gelingt das nicht, weil das Gesicht nicht aus dem Wasser kommt, wird nicht eingeatmet, sondern beim nächsten Doppelschwimmzug das zweite Drittel ausgeatmet. Nach dem zweiten Doppelschwimmzug kommt noch ein Versuch einzuatmen, notfalls habe ich noch das dritte Drittel. Spätestens nach dem dritten Doppelschwimmzug sollte ich aber atmen können, sonst muss ich unterbrechen und komplett auftauchen. Ich habe selten das dritte Drittel gebraucht. Wichtig ist, aufzupassen, dabei nicht zu hyperventilieren. Ich kannte diese Technik schon und habe mich schnell wieder darauf einstellen können. Wichtig ist nur, dass alle ihren Rhythmus finden, nach einigen Minuten ist dieser Drittel-Kram hinfällig, er dient einfach nur dazu, überhaupt mal irgendwie zu beginnen.

Weitaus herausfordernder aber war die Unterströmung, also das, was passiert, wenn die Welle bricht und zurück läuft. An einigen Stellen war diese Strömung so stark, dass es die Leute umgerissen und vom Strand weggesaugt hat. Allerdings muss man dazu sagen, dass viele Menschen sich im Wasser bewegen wie Pinguine an Land und auch nicht nachdenken. Tippeln auf Zehenspitzen, weil das Wasser so kalt spritzt. Und geraten sofort in Panik, sobald mal irgendwas passiert, womit sie nicht rechnen. Und weil sie nicht vorbereitet sind, rechnen sie eben auch mit nichts. Solange ich nicht in der Nähe von irgendwelchen Buhnen oder Molen schwimme, gegen die mich Wellen oder Strömung werfen könnten, soll mich die Strömung doch hin und her schaukeln. Das gehört nunmal zur Ostsee. Strudel gibt es an den Ostseestränden eher nicht und solange mein Kopf aus dem Wasser guckt und ich Luft bekomme, ist doch alles gut. Einige Badegäste haben ein Geschrei veranstaltet, weil sie auf dem Hosenboden gelandet und auf diesem einige Meter wieder ins Meer zurück gerutscht sind, meine Güte. Einem älteren Herrn habe ich noch geholfen, der versuchte fast direkt neben mir panisch, mit den Händen sich im etwa ein Meter tiefen Wasser am Grund abzustützen. Anstatt einfach zu schwimmen und den Kopf aus dem Wasser zu nehmen. Unglaublich! Und wenn die Strömung an einer Stelle zu stark ist, so dass man aus eigener Kraft nicht an den Strand zurück kommt, probiert man es halt mal zehn oder zwanzig Meter weiter links oder rechts. Schwimmt flach auf den Wellen mit und setzt sich zum Schluss auf den Po, Blick in Richtung Meer und dann lässt man sich mit jeder Welle einen Meter weiter in Richtung Strand schieben und stemmt zwischendurch, wenn das Wasser zurückläuft, Füße und Hände in den Meeresgrund. Sofern man die Beine kontrollieren kann und man nicht aufpassen muss, dass einem die Knie nicht ins Gesicht schlagen.

Zugegebenermaßen: Das waren verschärfte Bedingungen. Die DLRG hatte an dem Tag in einer Tour zu tun. Nicht mit uns, sondern mit Leuten, die achtlos ins Wasser gingen. Ich begreife nicht, wieso man sich das nicht erstmal aus sicherer Entfernung anschaut. Die Leute beobachtet, vorsichtig mal bis zur Wasserkante geht und sich dann überlegt, ob man sich das zutraut. Und sobald die ersten Zweifel kommen: Sein lassen. Es gab bei uns auch Leute, die sich das nicht zugetraut haben. Die waren für unser Mittagessen und die Getränkeversorgung auf See zuständig. Die Trainingseinheit dauerte über drei Stunden (mir kam es allerdings vor wie eine), ich habe in der Zeit gefühlte drei Liter Seewasser getrunken und dazu zwei komplette Trinkflaschen mit Wasser-Iso-Mix an unserem (zweiten) Verpflegungs-Kajak, um zwischendurch mal irgendeinen vernünftigen Geschmack in den Mund zu bekommen. Inzwischen waren meine Hände schrumpelig, ich hatte trotz des vielen Wassers im Bauch mächtigen Hunger. Von unseren Leuten brauchte niemand Hilfe beim Herausklettern aus dem Wasser. Drei, vier Leute, die das schon kannten, machten das vor – der Rest orientierte sich daran und fertig.

Weil ich lange kein Foto-Posting mehr gemacht habe, gibt es noch zwei Bilder, von aus der Perspektive der Trainerin – direkt nachdem wir aus dem Wasser waren.

Einmal quer durch den Sand zu unseren Rollis – und wir sahen aus wie die panierten Schnitzel. Welche Wassermengen ich aufgenommen haben musste, wurde mir deutlich, als wir endlich auf der Bank saßen, unsere Neos von außen gegenseitig grob vom Sand befreiten und sie ausziehen wollten. Ich musste plötzlich so schnell und so dringend aufs Klo, dass ich gar nicht mehr zu überlegen brauchte, wie ich das jetzt am besten anstellen könnte. Ich versuchte noch, meine Füße irgendwie auf dem Rasen und nicht auf den Steinplatten zu halten, die zu aller Begeisterung auch noch abschüssig waren, aber es hatte keinen Zweck. „Jule ist undicht, Jule ist undicht!“, krähte eine 12jährige Teilnehmerin begeistert. Marie, die auf dem Rasen saß und sich mit einem Handtuch bearbeitete, murmelte: „So kann man auch mit kleinen Sachen Kindern eine Freude machen.“ – Ich antwortete dem Küken: „Komm her, wir kuscheln!“ – „Iiiiih, geh weg!“, krähte sie weiter. – „Ich kann nicht gehen“, frotzelte ich. „Ich bin behindert.“ – „Ach echt? Sag bloß.“

„Ganz schön kiebig, die halbe Portion“, alberte Cathleen, die direkt neben mir saß, bewusst laut und streckte der übermütigten und vom Meeresschaukeln vermutlich gut mit Adrenalin angereicherten Zwölfjährigen die Zunge raus. Ich fügte hinzu: „Stimmt, irgendwas überlege ich mir noch für sie. Mal sehen, wieviel Meerwasser sie beim nächsten Training trinken wird.“ – „Gar nicht!“ – „Abwarten“, sagte ich. Lisa fühlte sich ebenfalls auf den Plan gerufen: „Zeig mal! Haha, ich brauche meine Kamera, ich will Fotos! Schnell, wer kann Fotos von Jule machen?!“ – „Nix da“, versuchte ich mich zu wehren und war froh, dass niemand auf die Idee kommen würde, mir sandigen Fingern irgendwelche technischen Geräte anzufassen. Geschweige denn, sie am Strand dabei zu haben. „Ich setz mich gleich bei dir auf den Schoß.“

Ehrlich gesagt war ich eher froh, dass mich die Salzwassermengen in Verbindung mit dem Geschaukel nicht zum Kotzen gebracht haben. Und die abführende Wirkung von Salzwasser im Darm sollte man auch nicht unterschätzen. Aber diesbezüglich hat mein Körper sich gut benommen.

Zum Abend hin ließ der Wind glücklicherweise etwas nach, so dass wir beim Lagerfeuer und Grillen einen wunderschönen Sonnenuntergang sahen. Leider hatte ich nur eine Handy-Kamera dabei. Dennoch:

Und als ich gegen halb drei noch zum gefühlten zwanzigsten Mal pinkeln war, hatte ich diesen Blick auf den fast vollen Mond:

Ich glaube, wir werden morgen gutes Wetter haben.

Eine Chance für ein Orga-Talent

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Ich gehörte in diesem Jahr zwar nicht zum Orga-Team, da ich es zeitlich nicht geschafft hätte und ja auch in der Vorbereitungszeit nicht in Hamburg vor Ort war. Aber bevor ich bis Drei zählen konnte, hatte es mich wieder voll erwischt. Ich fuhr mit einem Kumpel (der allerdings gehörte zum Orga-Team, genauer gesagt hatte er den Hut auf) aus dem Sportverein zu einem Trainings-Camp im Schwimmen. Aus Hamburg und (näherer bis ferner) Umgebung sollten insgesamt 26 Sportlerinnen und Sportler kommen, einige davon zum ersten Mal. Marie und Cathleen waren auch dabei, allerdings reisten die beiden wegen vorheriger privater Termine getrennt von mir mit der Bahn an. Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren (gerade so) volljährig, einige aber auch noch 14 oder 15 Jahre alt. Die Veranstaltung sollte in einem Bundesland stattfinden, für das früher galt: „Folge dem Kompass solange nach Osten, bis du wieder im Westen bist.“

Wir waren rund zwei Stunden vor dem offiziellen Beginn vor Ort und was wir dann erlebten, hat mir wirklich die Sprache verschlagen. Geplant war, wie auch schon in den letzten drei Jahren, in einer Sportlerunterkunft (ähnlich einer Jugendherberge oder einem Sportinternat) zu schlafen und einige Häuser weiter in einer Schwimmhalle zu trainieren. Die letzten Male hatte es mehr oder weniger gut geklappt, ein paar kleinere Improvisationen waren immer nötig. Dieses Mal allerdings hatte man unser Kommen gar nicht auf dem Schirm. Derjenige aus dem Vorstand, der uns die Reservierung schriftlich bestätigt hatte (zuletzt vor zwei Wochen), war in Urlaub, die einzige hauptamtliche Mitarbeiterin, die man irgendwie erreichen konnte, wusste von nichts. Sie kümmerte sich aber und rief das Vorstandsmitglied auf dem Handy in seinem Urlaub an – und erreichte ihn auch.

„Ja, nö, ich weiß auch nicht, ich habe schon in den letzten beiden Tagen versucht, der Gruppe abzusagen, aber unter der Handynummer, die mir bekannt war, ging niemand dran.“ – Absoluter Unsinn, denn die einzige Handynummer, die ausgetauscht wurde, war ständig besetzt und zeigte keinerlei Anrufe in Abwesenheit. Lange Rede, kurzer Sinn: Alles Diskutieren half nichts. Weder die Halle noch das Quartier standen zur Verfügung, sondern waren anderweitig belegt. Die Frage, ob man uns dann wenigstens mit einer anderen Halle weiterhelfen könne oder einem Kompromiss bei den Belegungszeiten (eine Übernachtungsmöglichkeit fänden wir vielleicht noch in einer Jugendherberge), wurde kurzerhand abgewimmelt: Das Vorstandsmitglied erklärte der hauptamtlichen Mitarbeiterin, sie solle solche Bemühungen unterlassen, es sei ohnehin nichts anderes frei und dafür werde sie nicht bezahlt. Ihr seien damit die Hände gebunden. Das Vorstandsmitglied selbst war für uns allerdings nicht zu sprechen.

So eine Kackdreistigkeit habe ich lange nicht erlebt. Nach und nach trudelten die Leute ein. Immerhin war es früh am Tag und gutes Wetter, so dass wir uns zu einer gemeinsamen Besprechung draußen verabredeten. Der Kumpel informierte zuerst die anderen Trainer und Betreuer von der Neuigkeit. Allgemeine Fassungslosigkeit machte sich breit. Eine Trainerin schlug vor, wir sollten mit allen zwanzig Leuten in die Geschäftsstelle rollen und diese komplett verwüsten. Natürlich war das nicht wirklich ernst gemeint, es zeigt vielmehr die allgemeine Empörung und Ratlosigkeit. Es war schlicht ein Super-GAU, nicht zuletzt, weil etliche Leute sich auf das Camp schon seit Monaten gefreut haben. Einige Eltern, die mitgereist waren, haben für sich Hotelzimmer gebucht. Und so weiter, und so fort.

Unser Orga-Chef wäre aber nicht Orga-Chef, wenn er kein organisatorisches Geschick hätte. Bisher waren nur die Trainer und Betreuer informiert, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer warteten artig auf einer Wiese unter Bäumen und tauschten Gummibärchen und Frotzeleien aus. Wir bekamen die Ansage: „Niemand quatscht. Ich werde diese Information an die Teilnehmer selbst verkünden. Und bis dahin überlegen wir gemeinsam, was wir alternativ machen können. Wenn wir jetzt die Leute wieder nach Hause schicken, haben wir nicht nur Dutzende traurige bis heulende Gesichter, sondern auch noch einen kaum zu behebenden Image-Schaden. Einige werden so gefrustet sein, dass sie austreten, andere werden nie wieder in so ein Camp mitwollen – wir müssen derbst vorsichtig sein und sollten mit der Absage des Camps gleich eine Alternative präsentieren, nicht zuletzt, um zu beweisen, dass wir nicht die Deppen sind, die es vermasselt haben.“

Und nun? Herumtelefonieren, ob noch irgendwo Zeiten in einer Schwimmhalle frei sind? Kurzfristig eine andere Übernachtungsmöglichkeit finden? „Wer die Sportinfrastruktur in Großstädten kennt, weiß, dass öffentliche Hallen in der Regel schon auf Monate, wenn nicht Jahre, im Voraus vergeben sind. Oft verwaltet dann auch noch jeder Bezirk seine Sportstätten in Eigenregie und stellt dafür eine Halbtagskraft ab, die stets einen übervollen Schreibtisch und gar kein Interesse an kurzfristigen Improvisationen hat“, meinte unser Häuptling. Vielleicht sei es nicht überall so, fügte er hinzu, und mit Sicherheit gebe es in der öffentlichen Verwaltung viele engagierte Mitarbeiter – aber andere Erfahrungen habe er in seinen zwanzig Jahren Vereinsarbeit eben auch gemacht.

„Das sind doch alles Leute, die draußen schwimmen wollen. So warm, wie das ist, machen wir einfach ein Trainingslager und trainieren statt im Chlorbecken im Freiwasser. See, Fluss, … oder vielleicht sogar Meer? Spricht was gegen ein Camp an der Ostsee?“ – Jeder schaute still in die Runde, tauschte Blicke aus. Die Idee war zumindest nicht schlecht und würde mit Sicherheit auch diejenigen reizen, die sehr hohe Ansprüche an die Trainingsqualität stellen und nicht in erster Linie aus Spaßgründen mitgefahren sind. Aber wo sollten wir in der Ferienzeit drei bis vier Dutzend Leute (einschließlich mitgereiste oder nachreisende Angehörige) unterbringen, Zugang zu vernünftigen Trainingsbedingungen und vor allem ordentlichen Übernachtungsmöglichkeiten bekommen? Eine Trainerin antwortete: „Es ist Urlaubszeit. Das kriegen wir nie und nimmer so schnell auf die Beine gestellt.“

Unser Orga-Chef sagte: „Ich brauche nur Leute, die das nicht wissen und es einfach versuchen. Also einfach mal aus dem Bauch raus: Ist das eine gute Idee oder kommt das nicht gut an?“ – Ich antwortete: „Die Idee ist super, aber ich habe wirklich große Bedenken, ob wir das gewuppt kriegen. Wenn jetzt nämlich Leute zuerst enttäuscht sind, dann hoffnungsvoll sind, dann wieder enttäuscht werden, ist der Image-Schaden noch größer. Weil dann haben wir zwei Dinge nicht hingekriegt.“ – „Da hast du recht, Jule, deswegen muss der zweite Teil unbedingt klappen. Ich schlage vor, wir setzen jetzt alle Hebel in Bewegung und wir geben uns eine Stunde Zeit. Dann resümieren und entscheiden wir.“ – Alle nickten.

„Ich brauche ein Internet-Laptop und ein paar Leute mit Telefon. Mein Telefon hab ich im Auto, Laptop mit WLAN hat hoffentlich jemand von Euch. Wir fahren jetzt zum Bahnhof und setzen uns dort in ein Schnellrestaurant mit Internet. Wir gönnen uns eine Runde Getränke und dann will ich rauchende Köpfe sehen. Und Angehörige werden nicht eingebunden, ich will nicht, dass in der Zwischenzeit jemand sein Kind auf der Wiese anruft und die ersten nach Hause fahren, bevor wir wieder zurück sind.“ – Er trommelte die Horde zusammen und sagte: „Leute, es gibt wie bei jeder größeren Veranstaltung noch ein paar organisatorische Probleme. Wir müssen noch ein paar Gespräche führen und ziehen uns eine Stunde zurück. Danach geht es los – bitte beschäftigt Euch noch ein Stündchen mit Sonnen, Kartenspielen und Euren persönlichen Trainingszielen.“ – Keine Nachfrage, kein Nörgeln. Sehr gut.

„Als erstes brauche ich einen klimatisierten Bus für alle, die jetzt mit der Bahn angereist sind. Also für nahezu alle. Den brauche ich auch, wenn das alles hier in die Grütze geht. Irgendwie müssen die Leute dann nach Hamburg kommen. Also den organisieren wir auf jeden Fall. Hotels und Pensionen an der Ostsee kann ich vergessen, es ist Urlaubszeit. Also drei große Zelte und einen Zeltplatz. Plus jede Menge vernünftige Feldbetten, auf denen man drei Nächte pennen kann, ohne Rückenschmerzen und ohne sich wundzuliegen.“ – Eine Trainerin suchte sämtliche Verkehrsbetriebe raus. Es dauerte nicht lange, da kristallisierte sich aus den wenigen, die sofort 400 Kilometer fahren würden und noch einen Bus mit Rollstuhlhebebühne hatten, eins heraus: Für 600 € einschließlich Steuer und Fahrer würde man uns fahren. Andere Angebote reichten bis 2.500 € – ich kommentiere es mal nicht.

Und beim Zeltplatz hatten wir auf Anhieb Glück (man muss ja auch mal Glück haben): „Mein Mann ruft Sie gleich zurück.“, sagte eine ältere Frau, die unter der Nummer eines direkt an der Ostsee gelegenen Mega-Campingplatzes an das Telefon ging. Keine fünf Minuten später reichte die für das Camping zuständige Trainerin das Handy an unseren Chef weiter. Ich saß genau daneben und konnte mithören. „Rollstuhltoiletten und barrierefreie Duschen haben wir. Platz haben wir nicht. Ist Ferienzeit. Aber wir schaffen Platz. Ich habe eine Wiese für Tagesgäste direkt neben dem einen Sanitärhaus, da müssen dann halt ein paar Leute auf andere Stellplätze umziehen. Das werden die auch machen, aber ich muss denen dafür was anbieten. Also zwei, drei Tagesmieten gratis. Sie kommen bei uns für die drei Nächte auf rund zwölfhundert Euro, für das kurzfristige Rangieren würde ich Ihnen drei- bis vierhundert Euro draufschlagen, die ich den Gästen anbieten muss, die jetzt Ihretwegen umparken. Wenn Sie das zahlen, können Sie sofort kommen.“

„Zahlen wir. Wenn das fünfhundert werden, lässt sich darüber auch noch reden.“ – „Woher weiß ich denn, wer Sie sind und dass mich hier jetzt nicht jemand auf den Arm nimmt?“ – „Haben Sie Internet?“ – „Ja.“ – „Gehen Sie mal bitte auf die Seite vom [Sportverein], da ist eine Telefonnummer angegeben. Würde es Ihnen reichen, wenn Ihnen die Dame, die dort den Hörer abhebt, Ihnen das bestätigt?“ – „Das würde mir reichen.“ – „Dann geben Sie mir fünf Minuten Zeit, das mit ihr zu klären. Notfalls stellt die Dame Sie auch zum Vorstand durch.“

Unser Chef rief in Hamburg an. „Moin, wir müssen hier umdisponieren. Super-GAU, Unterkunft und Halle sind doppelt belegt worden, ich steh hier mit drei Dutzend Leuten unter freiem Himmel im Park und muss mir innerhalb einer Stunde ein Alternativprogramm aus den Fingern saugen. Meine Planung geht in Richtung Freiwassertraining in der Ostsee. Entsprechend ruft unter der Hotline gleich jemand vom Zeltplatz in […] an und fragt, ob ich telefonisch einen Auftrag über im Moment 1.600 € erteilen darf. Kannst du veranlassen, dass der telefonisch über die Zentrale eine Deckungszusage bekommt?“ – „Sicher. Hast du alles im Griff? Oder können wir was helfen?“ – „Bekommst du auf die Schnelle vier bis sechs Zehn-Mann-Zelte organisiert und an die Ostsee gefahren? Ich habe zwar schon drei Eisen im Feuer, aber noch keinen Rückruf. Falls dir noch was einfällt, lass es mich wissen.“ – „Ich ruf dich in der nächsten Stunde zurück.“

Eine Stunde später waren wir wieder zurück im Park. Unser Orga-Chef, durchgeschwitzt, vermutlich bis auf die Unterhose, trommelte die Leute zusammen, während im Hintergrund ein quietschgelber Reisebus im Rückwärtsgang in seine endgültige Parkposition rangierte. Wie immer begann seine Ansprache mit den Worten: „Bitte erstmal genau zuhören, Fragen merken. Alles, was sich in den nächsten fünf Minuten nicht klärt, kann hinterher noch einzeln besprochen werden.“

Man habe die mehrjährige Zusammenarbeit mit dem hiesigen Schwimmverein vor rund zwei Stunden mit sofortiger Wirkung beenden müssen, nachdem dieser mit unverfrorener Gleichgültigkeit unser Trainingscamp spontan und ohne irgendeinen Hinweis gegen die Wand gefahren hätte. Halle und Herberge seien doppelt vergeben worden und für uns sei nichts mehr frei. Weil man auch nicht helfen wollte, habe er die Angelegenheit an die Juristen des Vereins weitergereicht, er sei angesichts des bisherigen Mailverkehrs und der schriftlichen Buchungsbestätigung zuversichtlich, dass die Fahrt für alle Teilnehmer relativ günstig werde. Solle heißen: Es werde wohl eine Schadenersatzforderung geben. Zum Glück sei kein Verantwortlicher vor Ort, den hätte er ob der allgemeinen Gleichgültigkeit sonst eigenhändig verhauen. Um aber wieder zur Sachlichkeit zurück zu kommen: Von außen reingedrückte Programmänderungen bieten manchmal auch ungeahnte Chancen. Das Trainings-Camp werde natürlich nicht abgesagt, wäre ja noch schöner, wenn Dritte uns einfach das verlängerte Wochenende versauen, sondern es werde nur der Ort sich ändern. Der Bus dort hinten sei für uns. Und der neue Ort hätte es in sich. Nicht ganz so steril wie die Sportunterkunft, dafür würde sich der Event- und Erlebnisfaktor aber mindestens verdoppeln. Unser Orga-Chef war bestimmt früher mal Verkäufer auf dem Hamburger Fischmarkt…

Es gebe etwas, was sonst eigentlich nur älteren und erfahrenen Schwimmerinnen und Schwimmern vorbehalten sei, einfach, weil es etwas anspruchsvoller sei als eine rundum geflieste Fünfzig-Meter-Bahn. Aber es seien genügend Trainer und Betreuer dabei, um auch denen optimal zu helfen, die noch nie im Freiwasser geschwommen und noch nie mit ihrem Rolli am Strand waren. Genau wie der [andere Verein, der für seine regelmäßigen Camps an einem großen See in Bayern deutschlandweit bekannt ist] böten wir kurzfristig als Alternativprogramm vier Tage Training unter freiem Himmel. Sozusagen als kleines Bonbon für den Ärger hier. Einschließlich Zelten auf einem rolligerechten Campingplatz. Mit Lagerfeuer und allem, was sonst noch dazu gehöre. Und es werde sich sicherlich auch die eine oder andere Stunde ergeben, in der man sich mal in den Sand legen und sonnen könne. „Ist das eine gute Nachricht oder eine gute Nachricht?“, stellte unser Orga-Chef seine Teilnehmer mitten in ein einfach zu lösendes Dilemma.

Nach etlichen offenen Mündern, gerade unter den jüngeren Teilnehmern, und kurzem Schweigen hörte man als erstes ein lautes „Geil“ aus der Runde, dann eine Mutter, die ermahnte: „Du sollst nicht immer ‚geil‘ sagen.“ – Der Orga-Chef und ich tauschten einen Blick aus. Wenn das das derzeit größte Problem ist, waren wir gut im Rennen. Es werde einen Gepäck-Shuttle vom Hamburger Bahnhof zur Ostsee geben, für alle, die jetzt zu Hause anrufen und noch Sachen (wie Schlafsäcke) nachschicken wollen. „Es ist alles organisiert. Wir lassen unsere Sportler nicht hängen. Ich brauche aber von allen minderjährigen Teilnehmern ein Gespräch mit den Eltern. Von allen. Also gibt es gleich ein allgemeines fröhliches Handy-Weiterreichen. Gibt es jemanden, der nicht mitfahren möchte?“

Der ängstliche Blick in die Runde war unbegründet. Wer mit wem in welchem Zelt schlafe, ob auch Handbike- und Schnellfahrtraining angeboten werden könnten und wir Handbikes und Rennrollis aus Hamburg nachholen könnten, ob es okay sei, wenn die wenigen mitgereisten Eltern sich eine Unterkunft in dem 15 Kilometer entfernten größeren Ort nehmen würden. Eine Mutter am Telefon hatte Angst, dass ihre Tochter in der Ostsee untergluckern würde, eine andere, dass ihr Sohn sich auf der Toilette auf dem Campingplatz einen Harnwegsinfekt holt. „Das ist ein festes Klo mit Wasseranschluss in einem festen Haus, das wird genauso oft gereinigt wie das Schwimmhallen-WC.“ – Am Ende hatten wir alle Leute dabei. Auch Marie und Cathleen, die inzwischen eingetrudelt waren und ganz verdattert die ausgelassene Stimmung begutachteten, fanden die Alternative toll. War auch nicht anders zu erwarten. Ich tauschte noch einmal mit unserem Orga-Chef einen Blick: Der nickte zufrieden. Konnte er auch sein. Hut ab!