Aus dem Hintergrund mit ganz viel Liebe

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Es war ein schöner Tag. Ich habe selbstverständlich auch an meinem Geburtstag in der zur Zeit völlig überlasteten Praxis von Maries Mutter ausgeholfen. Ich habe Marie und ihre Eltern abends zu einem Italiener eingeladen. Das Essen war sehr lecker, aber nach dem Grillen beim Nachbarn gestern muss ich langsam aufpassen, dass ich nicht zunehme. Ein wenig Sport wäre mit Sicherheit mal wieder von Vorteil. Nein, ich würde auch mit zehn Kilogramm mehr auf den Rippen noch nicht das Idealgewicht verlassen haben und ich futter beim Grillen ja auch nicht drei Stücke Fleisch, sieben Bratwürste und eine halbe Schüssel Kartoffelsalat – aber ich vermisse mein Handbike, meinen Rennrolli und das Wasser! Ich komme in letzter Zeit kaum zum Trainieren, und dabei möchte ich so gerne noch an einem Triathlon teilnehmen in diesem Jahr.

Von Marie bekam ich zum Geburtstag außer einem dicken Kuss auch noch einen Badeanzug geschenkt. Das hat inzwischen Tradition, wir schenken uns gegenseitig Badeanzüge, von denen man, wenn man ernsthaft Schwimmtraining macht, nie genug haben kann. Und endlos halten sie ja, entgegen aller Versprechen der Hersteller, auch nicht. Von Maries Eltern bekam ich eine Umarmung und viele gute Wünsche sowie einen selbst gebackenen Kuchen mit ganz vielen Kerzen. Ich habe mich sehr darüber gefreut und mich bei ihnen mit einem Fotobuch bedankt, in dem ich einige schöne Bilder aus dem letzten Jahr zusammengestellt hatte. Endlich bin ich mal dazu gekommen.

Als Marie und ich abends ins Bett gingen und die Decken zurück schlugen, lagen dort zwei Briefumschläge. Für jeden einen. Ich wäre fast im Erdboden versunken, als ich den Umschlag öffnete. In dem Umschlag war eine Bahncard. Es handelte sich allerdings nicht um eine 25er oder 50er Bahncard, über die ich mich schon sehr gefreut hätte, sondern um eine 100er. Also eine Jahreskarte für ganz Deutschland – Preis: Rund 4.000 Euro. Was für ein Wahnsinn! Jetzt weiß ich, wofür Maries Mutter kürzlich ein Passbild von mir brauchte.

Dabei war ein Brief. In meinem Brief stand: „Liebe Jule, sie war teuer, sie hat einen hohen Wert, aber sie ist bezahlbar. Unbezahlbar und unendlich wertvoll seid Marie und Du. Es ist uns wichtig, dass Ihr niemals aus finanziellen Gründen darauf verzichtet, nach Hause zu kommen. Dass Ihr niemals mit dem Auto fahrt, wenn Ihr nach einer Woche voller Strapazen müde und abgeschlagen seid. Oder wenn Schnee und Eis die Straßen plötzlich glatt und rutschig machen und so kurzfristig keine Frühbucher-Tickets mehr zu bekommen sind. Nutzt die Stunden im Zug für gemeinsames Arbeiten, für Entspannung, Schlaf oder einen langen Blick aus dem Fenster. Wir sind immer für Euch da. Alles Liebe zu Deinem 22.!“

Ich habe Marie angeguckt, die mindestens genauso perplex war. Und dann habe ich tatsächlich an meinem Geburtstag angefangen zu weinen. Nicht wegen der Bahncard. Sondern wegen des Briefs. Es mag Leute geben, die das kitschig oder was-auch-immer finden, aber meinen Nerv haben die beiden getroffen. Eine wunderschöne Message, dass sie mich „unbezahlbar und unendlich wertvoll“ finden. Dass Marie und ich niemals abwägen sollen, ob es sich „lohnt“, also ob es wirtschaftlich ist, nach Hamburg zu fahren. Dass sie uns wohlbehalten zurück haben möchten. Dass sie immer für uns, also auch für mich, da sein wollen. Sehr bewegend.

Und noch etwas anderes steht in dem Text zwischen den Zeilen, denn man hätte ja auch schreiben können, dass eine Bahncard verschenkt wird, damit wir nie über Geld nachdenken müssen, wenn wir studieren wollen. Stattdessen ist es ein Angebot, jederzeit nach Hause zu kommen. Dieser Brief ist beispielhaft für ihr Verständnis, ihren Sanftmut, ihren Blick, mit dem sie Marie und mich so wie wir sind akzeptieren, und in dem, was wir tun, bestärken, nicht dreinreden, sondern immer wieder die Hand reichen, um selbst da, wo noch nichts wackelt, fest im Stuhl zu sitzen. Ohne sich dabei aufzudrängen, ohne sich vorzudrängeln. Sondern aus dem Hintergrund und mit ganz viel Liebe.

Urlaubsvertretung

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Im Moment ist vorlesungsfreie Zeit. Außer zur Entspannung sollen die Tage auch genutzt werden, um einige Hausarbeiten zu schreiben. Und, was natürlich nie schadet, für praktische Erfahrung. Marie und ich hatten bis kurz vor ein Uhr nachts noch ein Video geguckt – in den Semesterferien muss man ja nicht früh aufstehen. Eigentlich. Wenn allerdings drei Angestellte von Maries Mutter spontan mit fiebrigem Atemwegsinfekt im Bett bleiben, die vierte Assistentin sowie eine bedarfsweise eingesetzte Minijobberin im Urlaub ist, so dass am Ende nur eine andere Minijobberin, die aber schon im Rentenalter ist, übrig bleibt, kann die Nacht schonmal vorzeitig enden. Selbstverständlich helfen wir. Marie ist da relativ routiniert, sie schmeißt mitunter auch mal einen ganzen Vormittag alleine die komplette Empfangstheke, ohne dass der Laden baden geht.

Heute vormittag verschärfte die Situation dadurch, dass in dieser Woche zwei der umliegenden Hausärzte ihre Praxis geschlossen haben und Maries Mutter beide vertreten muss. So machte sie sich auf einen langen Arbeitstag gefasst, während Marie hinter der Theke hin und her rollte, ich mich vorwiegend in einem super eingerichteten Labor wohlfühlen durfte und eine rüstige Rentnerin, bis vor drei Jahren noch in Teilzeit bei Maries Mutter beschäftigt, als Mädchen für alles an einem Tag mehr Kilometer abriss als an einem Wochenende im Wanderverein – nach ihren Worten. „Haben Sie einen Termin?“ – „Nein.“ – „Sind Sie ein Notfall?“ – „Nein.“ – „Dann kann ich Ihnen um 14 Uhr 20 etwas anbieten.“ – „Kann ich warten?“ – „Sie können warten, aber Sie kommen nicht vor 14 Uhr 20 dran.“ – „Das ist ja erst in über sechs Stunden!“ – „Ja, wir sind für die nächsten sechs Stunden absolut ausgelastet.“ – „Was für ein Saftladen.“ – „Nein, den selbst gemachten Apfelsaft gibt es eine Straße weiter bei …. Aus eigener Ernte. Sehr lecker! Rechts raus und vorne an der Kreuzung nochmal rechts, dann sieht man es schon.“

Auch klasse: „Mein Name ist …, ich muss zum Arzt.“ – „Haben Sie einen Termin?“ – „Ich glaube, Sie haben mich nicht verstanden, ich muss dringend zum Arzt.“ – „Also sind Sie ein Notfall?“ – „Sind Sie der Arzt?“ – „Nein.“ – „Dann sind Sie schwer von Begriff. Holen Sie den Arzt her, aber flott.“ – „Einen Moment bitte.“ – „Flott, habe ich gesagt.“ – „Einen Moment bitte.“ – „Sie sollen da jetzt nicht schreiben, sondern den Arzt holen!“ – „Ich schreibe dem Arzt.“ – Zwei Minuten später kommt Maries Mutter nach vorne gelatscht: „Was ist hier los?“ – „Ich brauche dringend [ein bestimmtes Mittel gegen Erbrechen], ich fahre morgen in den Urlaub.“ – Maries Mutter geht zur Tür und hält ihm diese auf: „Da kann ich Ihnen nicht helfen. Guten Tag.“ – „Sind Sie die Ärztin hier?“ – „Unser Gespräch ist beendet.“ – „Sie müssen mir [ein bestimmtes Mittel gegen Erbrechen] aufschreiben, das ist mein Recht.“ – „Sie haben sich in der Tür geirrt. Jetzt sehen Sie zu, dass Sie raus kommen, ich habe zu tun.“ – Der Typ geht raus, geht über den Parkplatz, holt sein bestes Stück raus, uriniert gegen die Hauswand, steckt sich einen Finger in den Hals, reihert sein Frühstück, vermutlich Dosenbier und Dosenfisch in Tomatensoße eingelegt, auf den Weg, kommt wieder rein. Natürlich ohne die Hände gewaschen zu haben. Marie: „Setzen Sie sich einen Moment hin, Sie sind als nächster dran.“ – Er setzt sich hin und wartet brav auf … die Polizei. Auf wen wohl sonst. Und die kannte ihn schon. Zumindest ergab die Abfrage über Funk, dass der Strafvollzug Sehnsucht nach ihm hatte. Manchmal hat es Vorteile, im Rollstuhl zu sitzen, denn die schönste Aufgabe bekam die Kollegin im Rentenalter: „Nimm mal bitte einen Gartenschlauch und spül die Sauerei da draußen weg. Wenn es geht, so, dass danach hier nicht alles schwimmt.“

Zwei ältere Damen, die Maries Mutter als Vertretungsärztin aufsuchten, mussten wegen innerer Krankheiten direkt aus der Praxis ins Krankenhaus. Für einen Mann bestellten wir nach Erstversorgung einen weiteren Krankenwagen: Er hatte sich beim Gartenumgraben ernsthaft im Gesicht (laterale Mittelgesichtsfraktur, zum Glück ohne Beteiligung des Auges) und am Fuß verletzt, als er mit Gummistiefeln auf eine am Boden liegende Harke getreten war – wer auch immer den Rechen mit den Zinken nach oben hingelegt hatte, das war nicht seine beste Idee.

Eine Frau in meinem Alter kam in die Praxis, brauchte eine Wiederholungsverordnung für ein bestimmtes Medikament. Als sie bei ihrer Praxis angerufen hatte, stellte sie fest, dass ihr Arzt im Urlaub war. Ich kannte sie: Sie war mal mit mir zusammen zur Schule gegangen. Vor meinem Unfall. Nicht in dieselbe Klasse, aber in denselben Jahrgang, und als ich den Namen las und das Gesicht dazu sah, erinnerte ich mich an sie. Allerdings erinnerte sie sich offensichtlich nicht an mich. Ich habe einen Moment lang überlegt, ob ich sie darauf ansprechen sollte, entschied mich dann aber dagegen.

Kurz vor Feierabend, es war bereits halb acht Uhr abends, kam ein Nachbar rein. Selbiger, der zusammen mit seiner Frau auch regelmäßig den Pool in Maries Garten mitbenutzt. Er sagte zu Marie: „Meine Frau sagt, unsere Nachbarn arbeiten sich noch zu Tode. Das ist ja alles nicht mehr normal. Wir werfen jetzt den Grill an und ihr seid alle eingeladen. Nach so einem Tag wird nicht mehr gekocht. Wir haben alles da, Fleisch, Würstchen, Salat, ihr braucht euch nur noch hinsetzen und genießen.“ – Die Einladung nahmen wir natürlich gerne an. Und saßen bis abends um halb zwölf auf der Terrasse und im Wintergarten und freuen uns nun auf einen neuen Tag, der mit Sicherheit nicht viel anders wird. Obwohl ich mich viel lieber feiern lassen würde als fremden Leuten die Venen zu punktieren oder Teststreifen in Urinbecher zu stecken. Aber man kann ja nicht alles haben.

Ohne Unterhose im Kettenkarussell

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Ich gehöre zu den Menschen, die ihr Handy nachts lautlos stellen. Wenn ich gefragt werde, warum, erzähle ich immer die Geschichte aus einem Trainingslager, als ich mit einer anderen jungen Frau aus Niedersachsen in einem Zimmer schlief. Beziehungsweise: Sie schlief, alle anderen waren wach. Weil alle anderen im Gegensatz zu ihr nicht daran gewöhnt waren, dass ein technisches Gerät nachts in einer Tour irgendwelche Geräusche von sich gibt. So ein leises, diskretes „Plopp“ oder „Klack“ kann ich auch noch überhören, aber spätestens, wenn das Ding ganze Melodien pfeift oder irgendwelche Alltagsgeräusche immitiert, bin ich hellwach. Besagtes Handy der Niedersachsin konnte Autohupe, rülpsendes Kind, Rasierapparat, Steinzeittelefon und mit den Stimmen prominenter Comedians schwachsinnige Dialoge rufen. Nachdem diverse Schlafhungrige wegen eines Whatsapp-Dialogfeuers zunehmend den Eindruck bekamen, ein Hochzeitskonvoi hätte sich in unserem Schlafzimmer zum Probehupen versammelt, und sämtliches Gerede nichts brachte, weil die Niedersachsin trotz inzwischen wieder tagheller Beleuchtung bereits tief und fest schlummerte, krabbelte Cathleen wieder aus ihrem Bett, schnappte sich das Ding und sperrte es, nachdem sich wegen einer Tastensperre nichts einstellen ließ, kurzerhand in ein Handtuch und eine Mülltüte gewickelt im Kosmetikeimer im Bad ein. Dann war Ruhe – und uns blieb auch die Kuhherde erspart, die für nächsten Morgen als Weckton eingestellt war. Nicht nur Männer können verspielt sein. Über chronisch defizitäre persönliche Aufmerksamkeit möchte ich wegen eines einzigen muhenden Handys noch nicht nachdenken …

Okay. Ich gehöre also zu den Menschen, die ihr Handy nachts lautlos stellen. Und damit habe ich erst relativ spät mitbekommen, dass mir mein Angehimmelter mit dem knackigen Po geantwortet hat. Und so, wie ich es nicht erwartet hätte: „Bin zufällig gerade zum Trainieren in Hamburg. Vielleicht trainieren wir zusammen? Melde dich bei mir!“

So schnell war ich noch nie so wach. Die SMS war vor zwei Stunden abgesendet worden. Eigentlich war ich mit Marie und Cathleen verabredet, tatsächlich zum Handbiken. Also zum Trainieren. Möglicherweise würden noch weitere Leute dazu kommen. Vielleicht hatte er sich auch bereits zuvor verabredet und mehrere Kollegen dabei? Keine gute Ausgangslage für ein Stelldichein, und Speed-Dating konnte irgendwie nicht in meinem Interesse sein.

Marie meinte: „Wenn er alleine ist, kannst du ihm ja eine andere Strecke vorschlagen. Dann trainiere ich mit Cathleen und den anderen ohne dich. Und falls er mit mehreren Leuten hier ist, muss sich das irgendwie ergeben. Oder du lädst ihn hinterher noch irgendwohin ein.“

Ziemlich schnell klärte sich, dass er alleine trainiert. Das kleine Männchen in meinem Kopf ermahnte mich: „Jule, er wird nicht deinetwegen alleine hierher gekommen sein, er hatte das sowieso vor und deine SMS kam genau im richtigen Moment. Also nutze die Chance, aber interpretiere nicht zuviel hinein.“ – Marie sagte: „Dann wünsche ich euch viel Spaß!“ – Ich fragte: „Und das ist jetzt okay für dich, dass ich unsere Verabredung zum Training so spontan absage?“ – „Ich hätte dich zwar gerne dabei gehabt, aber dein Rendezvous geht eindeutig vor. Hast du Kondome dabei?“ – „Ähm, was?“ – „Soll ich meine Mutter fragen, ob sie welche hat? Ich habe im Moment keine hier.“ – „Das fehlte noch.“ – „Wieso?“ – „Ich frag deine Mutter doch nicht nach Kondomen!“ – „Nein, ich frag sie.“ – „‚Hast du mal Kondome für Jule?‘ Wie peinlich ist das denn bitte?“ – „Gar nicht. Ich bezweifel aber, dass sie welche hat.“ – „Ich kaufe welche. Ich glaube aber nicht mal, dass ich heute welche brauche.“ – „Sicher ist sicher. Kauf welche. Und werd bloß nicht rot dabei.“ – „Deine Sorgen möchte ich haben!“

In einer Stunde wollten wir uns treffen. War ich aufgeregt! So aufgeregt wie schon lange nicht mehr. Mein Gesicht glühte. Nochmal rasieren? Ja, und bloß nicht schneiden. Klamotten packen. Was ziehe ich zum Training an? Wieso ist das so kalt? Wieso brauche ich lange Kleidung, wo ich so schön sonnengebräunt bin? Soll ich wirklich noch Kondome kaufen? Besser ist das. Gibt es die im Supermarkt um die Ecke?

Tatsächlich gab es die dort. In allen möglichen Farben und Geschmacksrichtungen. Kiwi-Banane? Bah, pfui. Ich entschied mich für ein geschmacks- und farbneutrales niedersächsisches Markenprodukt mit fast einhundertjähriger Tradition – haltbar waren sie auch noch ein paar Jahre. Dann konnte ja nichts schief gehen, selbst falls der Akt mal etwas länger dauert. Der Laden war leer, ich war die Einzige an der Kasse. Die Kassiererin musterte mich. Ich nahm schonmal mein Portmonee in die Hand. Die Kassiererin musterte mich weiter. Würde ich nicht im Rollstuhl sitzen, könnte man denken, ich hätte vier Eiterpickel und mindestens einen Popel im Gesicht. Die Kassiererin, eine Frau, geschätzt auf Mitte bis Ende Fünfzig, starrte mich weiter an. Ich dachte mir: „Frollein, gibt es hier jetzt irgendein Problem? Siehst du zum ersten Mal in deinem Leben eine Packung Kondome? Habt ihr die Dinger neu im Sortiment? Oder übersteigt es deinen Horizont, dass Behinderte ficken und dabei keine Kinder zeugen und auch keine Krankheiten übertragen wollen? Zieh die Packung über den Scanner, nimm mein Geld, und dann ist gut.“

Vielleicht sollte ich ihr auch nur ein einfaches „Ist was!?“ vor den Kopf knallen. Ach nee, das klischeebehaftete Denken findet ja wieder nur in meinem Kopf statt. Ich entschied mich, gar nichts zu sagen, nahm einen 10-Euro-Schein und legte ihn neben der Kondompackung auf den Kassentisch. Müsste ich noch erwähnen, dass ich die Packung jetzt gerne kaufen möchte? Sie musterte die Packung, guckte mich erneut an. „Haben Sie gefunden, wonach Sie suchen?“, fragte sie mich. Grinste sie? Tatsächlich, sie grinste. Ich antwortete: „Ja, vielen Dank. Was macht das bitte?“ – „Sieben neunundsiebzig.“ – „Zehn Euro habe ich Ihnen dort schon hingelegt.“ – „Ja, bitte immer erst geben, wenn der Kassiervorgang abgeschlossen ist, das könnte sonst ins Laufband geraten oder ein Windzug weht es weg.“ – „Ja, gewiss.“ – „Und zwei einundzwanzig zurück. Und den Bon dazu. Brauchen Sie eine Tüte?“

Hatte ich jetzt gerade nicht schon genug Tüten gekauft? Immerhin fragte sie nicht, ob sie mir die Kondome hinten rein stecken soll. In den Rucksack natürlich. Ich schüttelte den Kopf und nahm den Rucksack von meiner Rückenlehne, um die Packung dort zu verstauen. Sie sagte: „Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag und ganz viel Spaß, bei was auch immer Sie noch vorhaben.“ – „Danke.“ – „Das Wetter lädt ja quasi so richtig zu einem Schmusenachmittag auf der Couch ein. Ich wünschte, ich wäre nochmal so jung wie Sie.“ – Oh. Mein. Gott. Ich lächelte einmal freundlich in ihre Richtung. Das hätte ich besser gelassen. „Darf ich Sie mal was fragen?“, wollte sie wissen.

Was nun wohl kommt. Warum kann ich nicht mal eine Packung Kondome kaufen, ohne in Gespräche verwickelt zu werden? Will sie jetzt wissen, ob ich lieber oben oder lieber unten liege? Oder ob es trotz Behinderung mit dem Sex noch klappt? Oder ob ich richtig feucht werde? Oder ob mein Partner auch im Rollstuhl sitzt? Bevor ich zu Ende denken und mir passende Antworten zurechtlegen konnte, fragte sie leise über den Kassentisch: „Ich habe immer gedacht, wenn man im Rollstuhl sitzt, kann man keine Kinder mehr bekommen.“

Ach daher wehte der Wind. Deshalb das lange Anstarren und Überlegen, bevor sie die Packung über den Scanner gezogen hat. Wollte ich mit einer wildfremden Frau dieses Gespräch führen? Hatte sie eine Suchmaschine zu Hause, die ihr die Frage beantworten könnte? Wenn ich jetzt behaupte, ich hätte es eilig, was auch stimmte, würde das so aussehen, als sei ich verlegen. Das ging gar nicht. Also machte ich sie diskret darauf aufmerksam, dass sie sich gerade komplett daneben benahm, und sagte mit leiser Stimme: „Ach Sie meinen wegen der Kondome? Die sind gar nicht für mich. Die muss ich meiner Zimmernachbarin im Pflegeheim mitbringen. Die ist schon weit über 90 und nicht mehr so gut zu Fuß. Schönen Tag noch. Ein hübsches Halstuch haben Sie da!“

Nichts wie raus. Nicht mehr umdrehen. Draußen konnte ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen. Und nun direkt zu meinem Angehimmelten mit dem Knackpo. Er wartete schon auf mich, obwohl ich zwei Minuten vor dem verabredeten Termin am verabredeten Ort eintraf. Umgezogen war er auch schon. Ich hielt am Straßenrand, ließ das Fenster runter. Er kam zum Fenster. Ich sagte: „Guten Tag, der Herr!“ – „Guten Tag, junge Dame! Schönes Auto haben Sie da. Neu? Geklaut?“ – „Geklaut. Aber bitte nicht petzen. Du bist ja schon umgezogen.“ – „Ja, in zwei Minuten ist Trainingsbeginn, etwas mehr Disziplin bitte, ja?“ – „Wie lange bist du denn schon hier?“ – „Zehn Minuten ungefähr.“ – „Dann beeil ich mich und dann können wir gleich los.“ – „Keinen Stress.“ – „Kannst du schonmal mein Bike hinten rausholen? Dann kann ich so nach hinten krabbeln und mich dort eben umziehen. Das geht im Liegen einfacher.“ – „Klar, ist hinten offen?“ – Ich drückte auf den Knopf für die Zentralverriegelung. „Jetzt ja.“

Während er mein Rennbike aus dem Kofferraum holte, krabbelte ich nach hinten auf die Ladefläche. „Ich mach dann hier erstmal wieder zu, dann kannst du dich in Ruhe umziehen“, sagte er, warf die Klappe ins Schloss. Ich konnte ihn genau beobachten, aber durch die schwarz getönten hinteren Scheiben sollte er mich eigentlich nicht erkennen können. Das war mir erstmal ganz recht, denn es gab da so zwei Dinge, die er nicht unbedingt sehen sollte, bevor wir unser erstes Date hatten. Erstens fahre ich natürlich nicht ohne Pampers Auto. Auch wenn die noch völlig trocken war und er einen medizinischen Beruf hat (oder bald hat), würde es dafür mit Sicherheit einen besser geeigneten Moment geben. Zum Trainieren musste sie auf jeden Fall ab, sonst scheuert man sich wund. Und dann wäre es vielleicht ganz gut, nach dem Frühstück nochmal zu pinkeln? Ein Einmalkatheter mit Beutel empfinde ich als die hygienischste Lösung. Zellstoffunterlage drunter, da ich im Auto keine Hände waschen konnte, sterile Handschuhe an, Spiegel in die richtige Position. Guckt jemand außer mir? Nö. Mein Angehimmelter war fasziniert von meinem Rennbike. Also Katheter durch die Harnröhre, vierhundert Milliliter plätschern in den Beutel, rausziehen, fertig. Dank Ventil bleiben die da auch drin. Den ganzen Müll in eine undurchsichtige Tüte hinter den Beifahrersitz, Einteiler an, Heckklappe auf: „Na, überlegst du, auf Handbiken umzusteigen?“ – „Cooles Teil. Habe ich noch nie so eingehend begucken können. Ich bin wirklich gespannt.“ – „Kannst du das Gefährt mal bis hierher schieben, dass ich mich rübersetzen kann, ohne dafür erst meinen Alltagsstuhl ausladen zu müssen? Und machst du mir mal bitte den Reißverschluss am Rücken zu?“

Er guckte mich an. Und konnte sich den Kommentar natürlich nicht verkneifen: „Fesch!“ – „Ja, ich dachte mir, kurze Hose wird zu kalt. Ich strampel ja nicht mit den Beinen.“ – „Ist das ein Stück?“ – „Ja, sonst rutscht die Hose während der Fahrt und Bauarbeiterdekoltee bei Frauen finde ich nun alles andere als sexy. Schon gar nicht, wenn ich das nicht merke. Weil kein Gefühl da. Du verstehst?“ – „Ich verstehe. Wo kann man sowas kaufen?“ – „Keine Ahnung, wir haben die alle mal über einen Sponsor bekommen. Du kannst halt nichts gebrauchen, was in die Räder oder in die Kette gerät und beim Triathlon fährst du ja auch noch Rennrolli, und dann muss es an den Armen auch eng anliegen. Ich zieh aber gleich noch ein Shirt drüber, dass ich nicht ganz so wie eine Pellwurst aussehe.“ – „Du siehst nicht wie eine Pellwurst aus. Das ist halt sehr körperbetont und dein Körper ist ja nun alles andere als unansehnlich.“ – Lechz. Mehr Komplimente. Alle zu mir, bitte. Ich sagte: „Bevor du auf den nächsten Kilometern nun mehrmals vom Weg abkommst und ich dich retten musst, verhülle ich das lieber noch etwas.“ – „Das ist fies von dir, schließlich verhülle ich meinen Popo auch nicht.“

Er streckte mir die Zunge raus. „Deinen Popo sehe ich aber nur, wenn ich hinter dir her fahre. Ich werde aber vor dir herfahren, weil ich schneller bin als du.“ – „Jaja.“ – „‚Jaja heißt ‚leck mich am Arsch‘ und soweit sind wir noch nicht.“ – „Noch nicht? Was hast du denn noch so vor?“ – „Schaun wir mal. Erstmal Radfahren. Können wir endlich los?“ – „Du kommst doch nicht in die Hufe. Ich bin schon seit zehn Minuten abfahrtsbereit.“

Wir mussten um ein paar Kurven, rund zehn Minuten, gut zum Aufwärmen. Dann waren wir an der Trainingsstrecke angekommen: Ein Damm, für Autos gesperrt, gut asphaltiert, verläuft kilometerweit zwischen Wiesen und Feldern, teilweise durch Wälder. Relativ windgeschützt. Hin und wieder kreuzt er Straßen, auf denen Autos kommen, so dass man eventuell stoppen muss. Ansonsten: Freie Fahrt. Ich drehte auf. Grundgeschwindigkeit 30 km/h. Warf oben vom kleinsten auf das mittlere der drei Kettenblätter um. Das größte kann ich nur bei Bergabfahrten ab 45 km/h richtig gebrauchen. Ich fragte: „Wenn ich jetzt mit meiner Freundin trainieren würde, würden wir uns pro Kilometer um 2 km/h steigern, bis wir bei 40 sind. Und dann drei, vier Sprints mit jeweils 40 bis 45 über einen Kilometer, dann einen Kilometer Erholung bei 30 km/h. Wäre das auch was für dich oder hast du einen anderen Vorschlag?“ – „Alter Schwede. Ich weiß nicht warum, aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass wir heute überhaupt über 30 kommen. Ich habe mit 20 bis 25 gerechnet und bergab bis 35. Sorry. Nein, das machen wir. Dann gib mal Gas.“

Auf den ersten drei Kilometern kamen uns vier Autos verbotenerweise entgegen. Ich musste wegen meiner Breite jedes Mal fast bis zum Stillstand anhalten. Aber dann klappte alles. Ich kann nun nicht behaupten, dass mein Angehimmelter außer Atem kam, aber ins Schwitzen kam er schon. Ein Handbike ist leider wesentlich träger als ein Mountainbike. Soll heißen: Um aus dem Stillstand wieder auf 30 zu kommen, tritt er fünf Mal kräftig in die Pedale, während ich acht Gänge mühsam ausfahren muss. Das eine dauert zehn Sekunden, das andere zwei Minuten. Es war sehr lustig. Er fand die Strecke toll, ich schwitzte trotz eher kühler Luft wie bei einem Saunabesuch. Und während ich mich ziemlich verausgabt habe, schien er zwar gut gefordert, aber noch lange nicht müde zu sein. Etliche Male durfte ich seinen knackigen Po von hinten sehen, vor allem dann, wenn wir nicht zu zweit nebeneinander fahren konnten. Nach 24 Kilometern waren wir wieder an den Autos angekommen. Es begann gerade zu tröpfeln. Eine gute Stunde waren wir unterwegs.

„Und nun? Eine Runde schwimmen im See? Abkühlen? Statt Dusche?“, fragte ich. Er antwortete: „Ich habe keine Badesachen dabei.“ – „Was für Badesachen? Gleich so rein! Ein Handtuch habe ich für dich.“ – „Ähm. Ja. Klar. Okay. Dann mal los. Wie kommst du da rein?“ – „Entweder trägst du mich oder ich hole meinen Alltagsstuhl aus dem Auto.“ – „Bekomme ich dich getragen?“ – „Ich wiege mehr als ein Zentner. Aber nur knapp mehr. Wobei man mit so einer Angabe ja aufpassen muss. Ich meine ‚Pfund‘ als Basiseinheit, nicht Kilogramm.“ – „Fünfzig Kilo krieg ich wohl auf den Arm.“ – „Dann ohne Rolli.“ Ich klammerte mich um seinen Hals, er trug mich vor seinem Bauch. Etwas geschwitzt hatte er aber auch. Zum Glück. Er trödelte an der Wasserkante herum. „Guck mal, eine Ringelnatter. Oder?“ – „Wo?“ – „Da. Oder was ist das?“ – Ich konnte die aus dieser Position kaum erkennen. Aber es schien eine solche zu sein, die sich am Rande des Sees durch den Sand ringelte. Er ging langsam bis zu den Knien rein. „Soll ich dich mal fallenlassen?“, grinste er.

„Wehe“, funkelte ich ihn an. Das wurde sowieso noch lustig, denn der Baggersee hatte unterwasser stellenweise richtig steile Uferabbrüche. Dass er schwimmen kann, wusste ich, von daher machte ich mich darauf gefasst, irgendwann mit ihm abzurutschen. Ich spürte das kalte Wasser gerade an meinem Rücken, als er ins Leere trat. Boa, war das arschkalt geworden. Vor zwei Wochen hatte der See noch 26 Grad. Mein ganzer Körper zog sich zusammen, meine Beine spackten wild in der Gegend rum. Ich schwamm zwei, drei Züge, um ihn nicht aus Versehen zu treten. Ich wusste, die Spastik würde gleich wieder vorbei sein. Hauptsache, mein Darm lässt sich davon nicht anstecken. Kacken wäre jetzt nicht ganz so sexy. Wir schwammen um die Wette, spritzten uns nass, tauchten uns gegenseitig unter, dann wurde es relativ schnell kalt. Er trug mich wieder zum Auto. „Setz mich erstmal auf die Erde. Handtücher liegen da lose an der Seite.“

Er setzte mich auf ein Handtuch auf die Ladekante, ich zog mich nackt aus, wickelte mich in ein Handtuch ein, rubbelte mit einem anderen meine Haare trocken. Und guckte. Ja, die Chance lasse ich mir doch nicht entgehen. Natürlich glotzte ich nicht. Aber sehen konnte ich trotzdem alles, was ich sehen wollte. „Lecker. Jetzt gleich? Hier im Auto?“, dachte ich mir. „Könnte sofort losgehen“, dachte ich weiter und spürte mein Herz schneller schlagen. Sah man mir das an? Meinen Augen vielleicht? Sabberte ich schon? Er zog sich an. Hatte vorhin die inzwischen nasse Radhose unter seiner Jeans gehabt und … die Unterhose vergessen. Und war im Begriff, ohne eine solche in seine Jeans zu steigen. „Das ist mir gerade ein bißchen peinlich“, meinte er. Ich antwortete: „Ich finde das gerade ziemlich scharf.“ – „Was, keine Short drunter?“ – Ich nickte. Er sagte: „Ich dachte, das ist eher so ein heimlicher Männertraum. Die Frau, die nichts drunter hat.“ – „Träumst du davon?“ – „Och, reizvoll finde ich das schon.“ – Ehrlich ist er schonmal. Und dann: „Du meinst, dann kommt mein Knackpo besser zur Geltung?“ – „Och, vorne sitzt es gerade auch nicht schlecht“, rutschte es mir halb unbeabsichtigt raus. Eigentlich müsste er spätestens jetzt mal was gemerkt haben.

Er lachte. „Du bist ja eine. Sitzst nackt auf der Ladekante und baggerst, was das Zeug hält. Ist dir nicht kalt? Willst du dir nichts anziehen?“ – Sollte ich jetzt nochmal plump andeuten, dass ich dachte, er würde mich wärmen? Nein. Das wäre nicht gut. Ich entschied mich für: „Doch, doch, es ist gerade so spannend anzuschauen.“ – „Hast du keinen Freund?“, fragte er mich. Ich antwortete: „Sagen wir mal so: Ich bin gerade intensiv auf der Suche.“ – So. Noch deutlicher ging es kaum. Fand ich. Es war aber noch nicht deutlich genug. Entweder wollte er nicht oder er war schwer von Begriff. Oder sehr zurückhaltend. Oder überrascht. Jetzt hieß es abwarten. Er zog sich weiter an. Ich zog mich auch an. Er guckte mir zu. So halb unauffällig. Aber er hatte Interesse. In BH und Top fragte ich ihn: „Hast du noch ein wenig Zeit?“ – „Klar.“ – „Wollen wir aufs Volksfest?“ – „Aufs Volksfest?“ – „Nicht?“ – „Ich war seit mindestens zehn Jahren nicht mehr auf dem Volksfest!“ – „Dann wird es doch mal wieder Zeit, oder?“ – „Könnte man so sehen. Ja. Warum nicht!“

„Okay. Und das ist mir jetzt etwas peinlich. Aber ich werde mich jetzt für das Volksfest untenrum lieber gut einpacken. Gelähmte Blasen flippen im Karussell gerne mal aus.“ – „Okay?!“ – „Ja, nicht besonders sexy, ich weiß. Aber besser als nasse Hosen.“ – „Du, kein Problem. Ich bin nur überrascht. Ich habe gelernt, dass man das mit Medikamenten, Botox und chirurgischen Lösungen vollständig in den Griff bekommen kann.“ – „Bei uns war es noch nicht dran im Studium, aber gerade bei inkompletten oder nicht ganz kompletten Querschnitten ist das nicht so einfach. Mich machen die Medikamente so knülle, dass ich nicht mehr Auto fahren kann, doppelt sehe und all so Zeugs. Oder ich müsste davon weniger nehmen, dann bringen sie aber nichts. Und Botox kommt mir nicht ohne große Not in den Körper. Genauso wenig will ich chirurgisches Geschnibbel.“ – „Ja, du, deine Sache. Ich finde es nur interessant, weil man im Studium was ganz anderes vermittelt bekommt.“ – „Bei einigen klappt das halt sehr gut, bei anderen weniger gut und bei einigen überhaupt nicht. Ich habe das eigentlich recht gut im Griff, da passiert eigentlich nur selten was. Aber wenn sowas im Auto oder unterwegs passiert, ist die Sauerei halt enorm groß. Das vermeide ich gerne.“ – „Du musst dich vor mir nicht rechtfertigen. Ich bin nur gerade etwas durcheinander. Ich habe Windeln bisher immer mit Kindern und dementen alten Menschen in Verbindung gebracht. Es war für mich bis eben ein Zeichen von absoluter Hilflosigkeit und Schwäche. Allerdings sind das zwei Eigenschaften, die so gar nicht zu dir passen. Ich muss da erstmal neu sortieren. ‚Umparken‘, wie man neuerdings sagt.“ – „Ich hoffe, du sortierst jetzt nicht meine Eigenschaften neu.“ – „Quatsch. Ich finde diese Diskrepanz zwischen der Realität und meinen Gedanken nur gerade sehr … sehr … faszinierend irgendwie.“

Merke: Er findet mich faszinierend. Irgendwie. Irgendwie ist das schonmal ein Anfang. Auf dem Volksfest hat er gelernt, dass mein normales Rollitempo sein Laufschritt ist. Was natürlich nicht heißt, dass er nur gerannt ist. Sondern dass ich für ihn langsam fahre. Und dass eine Querschnittlähmung kein Grund ist, nicht in der Frisbee mitzufahren. Okay, Kettenkarussell musste auch sein, weil man sich da während der Fahrt so schön anfassen kann, und im Dancer sowie der Riesenkrake kann man sich wunderbar an den starken Mann anlehnen, gerade wenn man keine Rumpfkontrolle hat und ganz schön durchgewirbelt wird. Er hat mich überall rein- und wieder rausgetragen. Drei Mal habe ich ihm mit meinem Dankeschön einen Kuss auf die Wange gegeben, als er mich wieder in den Rolli setzte. Und am Ende einmal zum Abschied. Die Kondome habe ich nicht gebraucht. Aber wir wollen uns bald wieder treffen. Ich bin gespannt. Und heiß auf ihn. Immernoch. Und irgendwie auch verknallt. Und hach ja, das ist ein schönes Gefühl. Ein sehr schönes.

Dass er meinen Blog liest, muss ich übrigens eher nicht befürchten. Er ist ein Gegner von kommerzieller Standortbestimmung, mobilem Internet und ähnlichem. Hat kein Smartphone, sondern noch ein Tastenhandy mit Prepaidkarte aus dem Supermarkt. Dass ich blogge, weiß er. Was ich dort blogge, auch. Darüber haben wir schon früher mal gesprochen. Er fand es spannend, meinte aber, es sei nichts für ihn. „Ich lese sowas nicht. Mir reicht, wenn ich auf der Arbeit die halbe Zeit vor der Flimmerkiste sitzen muss. Und mich mit den Tücken drahtloser Röntgenbild-Übertragung rumärgern muss.“ – „Darf ich in meinem Online-Blog auch über unseren heutigen Tag schreiben? Über unser Training, über das Volksfest, über dich?“ – „Solange da nicht mein Name steht oder irgendwelche Fotos auftauchen, kannst du von mir aus auch schreiben, dass ich ohne Unterhose im Kettenkarussell gesessen habe.“ – Okay. Hab ich jetzt. Geschrieben.

Knackiger Po

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Wem das Thema „Sexualität“ nicht liegt, der liest besser nicht weiter. Ich werde nicht pornografisch. Ich versuche es zumindest bestmöglich. Es geht um Sexualität. Um meine. Aktuell. Ich bin untervögelt. Nein, das wäre nicht meine Wortwahl, mit der ich öffentlich über mich schreiben würde. Wenn es nicht so schlimm wäre. Wenn ich nicht so leiden würde…

Einst dachte ich noch, Liebe und Sexualität gehören irgendwie zusammen. Also Sexualität gebe es nur, wenn da Liebe ist. Oder wenn Geld fließt. Dass es Liebe auch ohne Sexualität geben kann, wusste ich. Aber andersrum? Okay, das wusste ich auch, das war aber nichts für mich. Dachte ich.

Ich bin mal frisch in mich gerollt. Ich bitte auch für diesen Ausdruck um Entschuldigung, er ist eine Anspielung auf einen kürzlich erhaltenen Kommentar, mit mir stimme etwas nicht, wenn ich als Rollstuhlfahrerin von „ins Bett gehen“ spreche. Und da wollte ich nur schlafen. Heute will ich immerhin Sex! Das wird noch lustig.

Also, ich bin in mich gerollt. Und habe dort eine Überlegung gefestigt, die schon seit einiger Zeit in meinem Kopf kreist. Ausgangspunkt war die Frage, wieviele Ehen heute noch 50 Jahre halten. Damit möchte ich jetzt nicht denjenigen die Sterne vom Himmel holen, die sich gerade mehr oder weniger frisch die ewige Treue geschworen haben. Davor habe ich großen Respekt. Ewige Treue wäre auch etwas für mich, wenn dieses Feuer füreinander immer weiter brennen würde. Wenn ich also am Tag meiner goldenen Hochzeit aufwache und feststelle, noch immer neben dem richtigen Mann zu liegen. Und nicht neben einem Tyrann, der mir trotzigen Hexe im Zuge eines inzwischen fünfzig Jahre alten Versprechens schon lange die Souveränität genommen hat.

Ich weiß, ich polarisiere gerade. Aber das eher, weil ich erkenne, dass das, wovon ich heimlich träume, nicht in greifbare Nähe kommt. Vielleicht haben mir auch die Umstände bei dem Mädchen vor 14 Tagen ein paar merkwürdige Gedanken in den Kopf gesetzt. Das weiß ich nicht. Ich weiß aber inzwischen, dass ich künftig etwas egoistischer und weniger konservativ sein möchte. Und nicht auf den Typen warten möchte, der mir ewige Treue schwört. Wenn ich ihn treffe, wird er schon noch früh genug seine Chance auf die goldene Hochzeit bekommen.

An meinem jetzigen Studienort studiert ein junger Mann. Er ist älter als ich. Wird in zwei Monaten 29. Ist mit seinem Medizinstudium relativ fertig. Ist sehr sportlich, rennradelt fast täglich. Kommt eigentlich aus Schleswig-Holstein und will dorthin auch wieder zurück, sobald er seine Abschlussprüfung in der Tasche hat. Ist Single. Ich denke ständig an ihn. Ich träume von ihm. Ich will ihn. Am liebsten jetzt sofort. Er will auch was von mir. Glaube ich. Weiß ich. Er macht ständig so eindeutige Andeutungen. Er interessiert sich für mich. Für meinen Sport. Für mein Studium, für alles. Ich traue mich nicht, weil ein kleines Männchen in meinem Kopf sagt, dass ich etwas sehe, was ich sehen möchte. Dass die eindeutigen Andeutungen nur für mich eindeutig sind. Weil er mir schmeicheln will. In Wirklichkeit …

Ich schreibe nicht weiter. In ein paar Wochen ist er weg. Dann müssten wir uns nicht mehr begegnen. Ich kann nichts verlieren. Das hat mir dieses kleine Männchen in meinem Kopf, das mich ständig zu neutraler Betrachtung ermahnt, auch gesagt. Und mich ihm eine SMS schreiben lassen.

Ob ich ihn wirklich will, weiß ich noch nicht. Ich kenne ihn noch zu wenig, um über so etwas wie eine Beziehung nachzudenken. Aber ich will mit ihm ins Bett. Und ich hoffe, er auch mit mir. Und wer weiß … vielleicht wird am Ende doch mehr draus.

Ich habe ihm geschrieben, dass ich ihn vermisse. Und seinen knackigen Popo. Ja, ich habe mehrmals kontrolliert, ob mein T9 (oder wie auch immer das jetzt heißt) die beiden „n“ beim knacken drin gelassen hat. Hat es. Solche SMS würde ich sonst nie verschicken. Und das weiß er. Hoffentlich. Bisher hat er noch nicht geantwortet.

Und Marie? Sie sagt: „Ich drücke dir die Daumen. Sollte er noch einen netten Bruder haben, ich suche auch noch…“