Häuslebauer

4 Kommentare3.810 Aufrufe

Ich hatte es bereits vor einigen Monaten angedeutet, inzwischen sind wir eindeutig über die Planungsphase hinaus gekommen. Die toten Bäume sind weg, das Erdgeschoss steht, das erste Stockwerk ist auch bereits erkennbar. Zum Februar 2015 soll das Wohnhaus bezugsfertig sein. Vier barrierefreie Wohnungen für eine oder zwei Personen (jeweils 60 m²) sind öffentlich gefördert und beginnen mit einer Kaltmiete von 342 €, zwei weitere ebenfalls barrierefreie Wohnungen im Erdgeschoss sind etwas größer und nicht öffentlich gefördert. Ich erzähle zur Zeit bewusst nur wenig, da ich nach wie vor Stress mit meiner Mutter befürchte. Dass sie heraus bekommt, wo das Objekt steht, ist mir nicht sehr recht. Möglichkeiten gäbe es genug, aber ich will es ihr nicht unnötig leicht machen.

Für mich ist dieses „Projekt“ einerseits die Möglichkeit, eine eigene Wohnung zu bekommen. Andererseits muss ich mir dringend etwas überlegen, wenn ich nicht jedes Jahr zunehmend mehr Steuern zahlen als Zinsen einnehmen möchte. Zum Glück unterliegen Unfall-Entschädigungen und Unfall-Renten nur beschränkt der Steuerpflicht. Dennoch muss ich mich entscheiden, ob ich jährlich eine größere Summe an den Staat zahlen möchte – oder ob ich mich anderweitig für das Gemeinwohl engagiere und vom Finanzamt verschont bleibe. Und da ich mich entscheiden kann, entscheide ich mich lieber, selbst Dinge in die Hand zu nehmen. Nein, fetten Gewinn macht man im sozialen Wohnungsbau nicht. Ein paar Euro bleiben hoffentlich am Ende hängen, aber dafür ist der Aufwand auch nicht gerade gering.

Auf jeden Fall freue ich mich schon sehr. Eigentlich. Denn ob ich schon in 2015 nach Hamburg zurück kommen kann, muss sich zeigen. Seufz.

Und wo ich gerade von barrierefreien Wohnungen schreibe, muss ich an ein Gespräch zurückdenken, das ich vor einigen Wochen hatte. Mit einem Freund, der in einer solchen barrierefreien Sozialwohnung wohnt. Und dort abgezockt wird. Mit einem ganz billigen Trick. Nach dem Gesetz ist es verboten (und mit einem Bußgeld belegt), für öffentlich geförderte Sozialwohnungen mehr Miete zu verlangen als von der Behörde genehmigt. Soll heißen: Genehmigt die Behörde pro Quadratmeter eine Kaltmiete von 5,50 € und nimmt der Vermieter 5,60 €, kostet das richtig viel Geld. Nicht nur der Gewinn wird abgeschöpft, sondern man wird noch richtig drauflegen müssen. Das erklärte mir kürzlich auch der Mitarbeiter der Stelle, die uns den Investitionskredit für unser Bauprojekt gibt.

Was aber möglich ist: Man baut 30 Wohnungen zu 54 m² und hätte gegenüber den dort einziehenden Mietern mit Einkommen im Bereich des Sozialhilfe-Niveaus einen Anspruch auf 297 € Kaltmiete, sofern man dem Beispiel von 5,50 € genehmigter Kaltmiete pro Quadratmeter folgt. Unter besonderen Umständen darf die im Mietvertrag vereinbarte Wohnungsgröße aber bis zu 10% größer sein als die tatsächliche, hat der Bundesgerichtshof entschieden. Das heißt: Ich schreibe einfach 60 m² in den Mietvertrag rein und fordere 330 € Kaltmiete pro Monat. Sind pro Wohnung 33 Euro mehr, bei 30 Wohnungen in einer Wohnanlage ist es ein Tausender pro Monat mehr. Nicht legal, aber es gibt angeblich keine gesetzliche Handhabe. Dieser besagte gute Freund von mir, der in einer solchen Wohnung wohnt, hat ausgerechnet, bis zum Ende des Förderzeitraums rund 2.500 € zu viel Miete zu zahlen – viel Geld für jemanden, der von einer Rente lebt, die 10 € über dem Grundsicherungs-Niveau liegt.

Es ist nicht etwa so, dass die Wohnung durch bauliche Abweichungen etwas kleiner ist als in den Zeichnungen steht. Sondern im Förderbescheid steht (und hier wurden die Angaben des Eigentümers übernommen) die Zahl 54 drin, mit dem Hinweis, dass diese Zahl in den Mietvertrag zu übernehmen ist, und im Mietvertrag steht 60. Die für die Förderung zuständige Behörde schreibt auf eine Anzeige dieses Freundes sinngemäß, es sei nicht ihr Bier, was er mit dem Vermieter vereinbart hätte. Sie kümmere sich nur um die Rechtsbeziehung vom der Behörde zum Eigentümer und nicht um die vom Mieter zum Eigentümer.

Was ihm bliebe wäre der Auszug. Aber wohin dann? Er hat kein Geld, selbst zu bauen. Und eine neue barrierefreie Sozialwohnung bekäme er nicht, hierfür bräuchte er eine Berechtigung, die nicht mehr erteilt wird, wenn man bereits einmal eine barrierefreie Sozialwohnung hatte (und dort ausgezogen oder rausgeflogen ist). Nahezu ausschließlich medizinische Gründe berechtigen mittellose Rollstuhlfahrer in Hamburg zum Umzug. Sofern sie bereits eine öffentlich geförderte Sozialwohnung bewohnen. Nochmal seufz.

Auto II ist endlich da

5 Kommentare3.622 Aufrufe

Lange genug hat es jawohl gedauert. Endlich ist es da, mein Auto. Das größere von den beiden. Das, mit dem ich endlich wieder selbständig meinen Sport machen kann. Also auch an Wettkämpfen teilnehmen. Ohne dabei jemanden fragen zu müssen, ob er mein Equipment zum Wettkampfort transportiert. Und ich kann bei Bedarf sowohl in Hamburg als auch an meinem aktuellen Studienort trainieren. Und ich kann außerhalb meiner vier Wände übernachten, ohne Zelte aufbauen oder Unterkünfte buchen zu müssen. Hinter die 2. Sitzreihe passt locker eine 140 x 200 cm große Matratze. In der Breite muss ich sie zwischen den Rädern etwas quetschen (pro Seite fehlen ungefähr 6 cm), aber dafür rollt auch niemand seitlich runter. Nach oben kann ich normal auf der Matratze sitzen und muss die Arme nach oben ausstrecken, um ans Dach zu kommen.

Bisher bin ich sehr zufrieden, Motor und Getriebe erlauben ein sehr entspanntes Fahren. Außer von den Maßen unterscheidet sich das Handling nicht wesentlich vom Golf. Lediglich etwas träger ist die Obstkiste. Und schluckt mehr als das Doppelte: Während der Golf selbst im Stadtverkehr mit Klimaanlage nicht auf 4 Liter Diesel kommt, säuft der Große mindestens acht. Beschleunigen und überholen ist vernünftig möglich, auf 160 km/h schafft es der Motor mühelos, danach nimmt die Kraft spürbar ab. Laut Papiere soll er auf 191 km/h Spitzengeschwindigkeit kommen, das habe ich aber bisher nicht ausgetestet und das muss als Reisegeschwindigkeit auch nicht unbedingt sein.

Nun will ich mir mal wünschen, dass ich mit diesem Auto länger Freude habe. Der Golf geht jetzt erstmal wieder in die Werkstatt: Eine Lüftungsdüse knackt und knistert ständig, die Heckklappe klappert während der Fahrt und muss ständig mit übermäßigem Schwung zugeworfen werden, damit sie richtig einrastet, und seit wenigen Kilometern macht die Servolenkung Theater: Wenn das Lenkrad genau gerade steht und das Fahrzeug mit laufendem Motor auf dem Parkplatz steht, bewegt sich das Lenkrad im Sekundentakt wie von Geisterhand um ein bis zwei Zentimeter hin und her. Dreht sich also abwechselnd jeweils ein bis zwei Zentimeter nach links und nach rechts. Fortlaufend. Stellt man jetzt den Motor ab, geht das Spielchen noch etwa 10 Sekunden weiter, dabei gibt es dann allerdings noch irgendein dumpfes Geräusch dazu, das sich anhört, als wenn von unten jemand gegen ein Metallteil klopft. Die Werkstatt weiß bereits, was es ist. Außerdem wird das komplette Handbediengerät ausgetauscht, da es trotz drei Reparaturen noch immer im Leerlauf oder bei eingeschaltetem Tempomat (also in Nullstellung) vor sich hin vibriert und dabei laut scheppert. Es wird also nie langweilig.

Cyano und andere Chaoten

8 Kommentare3.811 Aufrufe

Nachdem es am Morgen in Hamburg endlich mal wieder etwas abgekühlt war (ich habe nichts gegen den Sommer, aber für ein paar Stunden durchlüften tut mal ganz gut), demonstrierte zum Nachmittag die Sonne wieder ihre ganze Kraft und ließ das Thermometer auf 27 Grad steigen. Marie und ich entschieden uns, die Gunst des Wetters zu nutzen und vor dem Abendessen noch eine Stunde im See zu schwimmen. Eine Freundin von Marie, die gerade zwei Bücher zurück gebracht hatte, wollte spontan auch mit. Und auch Maries Mutter fragte, ob wir was dagegen hätten, wenn sie sich anschließt. „Wir wollen aber eine Stunde trainieren“, meinte Marie. – „Kein Problem, ich trainiere zwar keine Stunde, aber ich kann mich ja einen Moment in die Sonne setzen und lesen.“

Gesagt, getan. Wir bogen in die Zufahrtsstraße zum See ein. Auf ihr sind rund 20 Parkplätze am Straßenrand, die aber, weil die Leute ja nicht so gerne weit laufen, immer schnell belegt sind. Daneben ist noch eine Wiese, auf die locker 200 Autos passen, nur ist das mit den Rollstühlen etwas umständlich, denn das Gras ist nicht gemäht und der Boden äußerst uneben und mit tiefen Schlaglöchern durchsetzt. Maries Mutter versuchte also, auf der Zufahrtsstraße eine Lücke zu bekommen, und tatsächlich war eine frei. Langsam ranfahren, rechts blinken, bis auf Spiegelhöhe an das davor stehende Auto dicht heranfahren, Rückwärtsgang rein … und zack: Das nächste Auto war vorwärts in die freie Lücke geschossen und stand mehr schlecht als recht schräg drin.

Maries Mutter murmelte: „Oh, wirklich sehr freundlich.“ – Und so rücksichtsvoll. Maries Mutter fuhr weiter und wie es der Zufall so will, fuhr ganz am Ende der Reihe gerade jemand weg. Der Parkplatz war noch wesentlich günstiger gelegen, denn nun waren wir direkt auf Höhe des Zugangswegs zur Badestelle. Maries Mutter und Maries Freundin luden die beiden Rollstühle aus dem Kofferraum und schoben sie zu unseren Türen. Während wir unsere Rucksäcke aus dem Kofferraum holten, war die rücksichtsvolle Frau mit ihren zwei Kindern auf dem Weg zum See und musste, um dorthin zu gelangen, direkt an uns vorbei. Maries Freundin stand etwas abseits von uns neben einer großen Hecke, fummelte gebannt an ihrem Handy herum und pupste nonchalant. Marie grinste mich an und stupste sich selbst gegen ihre scheinbar juckende Nase. Maries Mutter sammelte gerade noch etwas aus ihrer Türablage, so dass sie das nicht mitbekam.

Dafür bekam es aber das eine Kind der rücksichtsvollen Mutter mit. Das alles wäre nicht der Rede oder gar eines Beitrags wert, wäre es nicht so skurril: „Mama, die Frau hat gepupst!“ – Maries Freundin lächelte verlegen, die Mutter antwortete, während sie langsam vorbei ging und ihren Sohn an der Hand hielt: „Die Frau weiß das nicht besser, die ist behindert.“ – Jetzt reichte es aber gleich, auch wenn es vermutlich gar keinen Sinn hatte, darauf etwas zu erwidern. Bevor ich Luft holen konnte, sagte der Junge: „Nein, Mama, das war die andere, nicht die Behinderte!“ – „Dann ist die Frau ziemlich ungezogen!“

Maries Mutter hatte das scheinbar nur halb mitbekommen, kam zum Kofferraum und fragte: „Wer ist ungezogen?“ – „Du! Weil du sie dorthinten ausgebremst hast, nur, damit du hier den schöneren Parkplatz bekommst.“ – „Die tickt wohl nicht ganz richtig.“ – „Nein, es geht um [Maries Freundin]. Sie hat gefurzt und der Junge hat es gehört und gleich an Mama gepetzt. Und die meinte erst, die Behinderten wüssten das nicht besser, und als sich rausgestellt hatte, dass das nicht die Behinderten waren, meinte die Mama, [Maries Freundin] sei ziemlich ungezogen.“ – Maries Freundin sagte: „Ich wollte das nicht im Auto machen und bin extra ein Stück zur Seite gegangen. Warum ist denn das jetzt so ein Drama?“

„Das ist überhaupt kein Drama“, sagte Maries Mutter. „Vermutlich hat die Frau nur ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper und erzieht das ihren Kindern auch gleich an.“

Während die merkwürdige Frau mit ihren Kindern weit nach hinten über die Badewiese ging, blieben wir eher weiter vorne. Wir wollten so bald wie möglich ins Wasser, denn wir wollten ja auch noch ein paar Kilometer schwimmen. Während wir auf dem Po sitzend uns in Richtung Wasser über den Strand bewegten, kam -wie könnte es anders sein, und wer mich genauer kennt, weiß inzwischen, dass ich skurrile Personen immer mehrmals treffe- der Junge angelaufen, sprang neben uns mit seinen Füßen in dem flachen Wasser auf und ab, kniff sich in seine Wiener Wurst, holte selbige aus der Badehose und strullerte direkt neben uns im hohen Bogen in den See. „Na legger“, kommentierte Marie. – „Tu nicht so, als wenn du das nicht machst“, konterte ich. „Seit deinem letzten Fragebogen im Internet weiß ich über das Gegenteil genauestens Bescheid.“

„Ich stell mich aber nicht vor allen Leuten hin dabei“, antwortete sie. Ich erwiderte: „Stimmt, du kannst ja nicht stehen!“ – „Genau.“ – Maries Freundin sagte: „Worüber redet ihr? Ich komme gerade nicht mit.“ – Im selben Moment kam die Mutter angewetzt, brüllte ihr inzwischen wieder hüpfendes Kind an: „Hörst du schwer, ich hab dir gesagt, du gehst nicht ohne Schwimmflügel ins Wasser!“ – Das Kind hüpfte nicht mehr, sondern zog den Kopf ein. Sie sah uns und fauchte weiter: „Und dann kommst du weg hier von den Behinderten, die brauchen Platz und wollen nicht von dir gestört werden.“ – Einige Sekunden später, als die beiden außer Hörweite waren, sagte Marie: „Am besten wäre, wenn die ungezogene [Maries Freundin] der Mutter gesteckt hätte, dass ihr braver Sohnemann gerade einen Viertelliter hochkonzentriertes renales Filtrat im Badesee verklappt und somit maßgeblich zur Vermehrung von Cyanobakterien beigesteuert hat.“ – „Sowas macht mein Sohn nicht, der weiß nicht mal, wer dieser Cyano ist“, blödelte ich. – „So wirds sein, genau.“

Als wir von unserer Schwimmstrecke wieder zurück waren und inzwischen auch noch mit einigen zufällig anwesenden Triathleten ins Gespräch gekommen waren, kam ein Mann auf uns zu. Wir saßen auf einer Decke auf dem Rasen, unsere Rollstühle standen etwa drei Meter von uns entfernt. Der Mann fragte: „Entschuldigung, darf ich Sie mal was fragen? Gehören die Rollstühle Ihnen?“ – „Ja, warum?“ – „Die standen hier die ganze Zeit.“ – „Ja, wir waren im See schwimmen.“ – „Achso, und ich hatte mich schon gewundert, wer mit dem Rollstuhl zum See fährt und dann hier stundenlang spazieren geht! Wie dumm von mir! Schönen Tag noch!“ – Marie und ich guckten uns an. Vermutlich ist das Naheliegendste nur für uns naheliegend.

Maries Mutter, die uns gerade ein Eis von einem nahe gelegenen Imbiss geholt hatte, hatte den letzten Satz mitbekommen und schüttelte nur den Kopf. Ich sagte: „Beschwer dich nicht zu laut. Bei unserem Glück kippt gleich noch jemand um, springt kopfüber ins flache Wasser oder ein Rennradfahrer zerlegt sich oben an der Kreuzung.“ – Eine Stunde später, wir sind auf dem Rückweg, bremst vor uns ein Autofahrer scharf. Vor ihm war ein Rennradfahrer gestürzt. Der Grund war nicht erkennbar. Er war auch nicht wirklich schnell und außer ein paar blutenden Schürfwunden und kaputten Klamotten schien ihm nichts passiert zu sein. Zum Glück.

Ganz anders erging es etwa zeitgleich einem seiner Kollegen in der Nähe unserer Trainingsstrecke, wie heute in der Zeitung stand. Wir waren zum Glück nicht live dabei. Schon vor rund zwei Jahren war dort jemand tödlich verunglückt, als ein Lkw-Fahrer zum Überholen mitten in eine Gruppe Radler hineinlenkte und später mit einer Bewährungsstrafe von 10 Monaten davon kam. Gestern nun fühlte sich fast an derselben Stelle ein etwa 30jähriger Renault-Fahrer von zwei nebeneinander fahrenden Rennradlern so provoziert, dass er nicht nur laut hupend überholte, sondern auch noch direkt vor ihnen einscherte und eine Vollbremsung hinlegte. Einer knallte direkt in den Kofferraum, der andere schaffte es gerade noch, rechts dran vorbei zu ziehen, wurde dann aber unsanft vom Rad geholt, weil der Beifahrer blitzschnell seine Tür aufstieß. Ein Radler wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht und dort stationär aufgenommen, der andere kam mit leichteren Verletzungen davon. Die Polizei konnte die beiden Chaoten schnappen, beide waren erheblich alkoholisiert. Marie, als sie die Zeitungsmeldung sah: „Ich weiß, warum wir nicht im fließenden Verkehr, sondern nur auf abgesperrten Strecken trainieren. Stell dir mal vor, die beiden sehen ein Rennbike, fühlen sich noch mehr belästigt, und fahren dann so ein Manöver. Ein Rennbike hat einen deutlich längeren Bremsweg als ein Fahrrad. Und der Kopf wäre auf Höhe der Stoßstange. Hurra.“

Im freien Fall

7 Kommentare4.428 Aufrufe

Kein Anruf, auch kein Sturmklingeln an der Tür. Der Hund spitzt die Ohren, rennt aufgeregt zur Terrassentür, weiß nicht genau, ob er was gehört hat oder nicht. Guckt Marie ratlos an. Sie löst ihren Blick vom Fernseher, fragt: „Na, hörst du wieder die Regenwürmer husten?“ – Der Hund legt den Kopf schief. Maries Mutter blickt von ihrer Zeitschrift hoch und kommentiert: „Regenwürmer? Die schmecken nicht. Gib mir lieber die Gulaschreste aus dem Kühlschrank. Ich weiß genau, dass da noch welche sind.“

Der Hund bellt. Also doch was gehört? Bestimmt irgendein Tier, das sich in den Garten verirrt hat. Der Hund setzt sich vor die Tür, kläfft. Steht auf, rennt zur vorderen Tür, bellt dort, kommt wieder zurück, setzt sich wieder vor die Terrassentür. „Wollen wir mal gucken, ob ein Rehkitz in den Pool gefallen ist?“, fragt Marie den Hund mit alberner Stimme und öffnet die Terrassentür. Der Hund fetzt nach draußen, keine drei Sekunden später ist der Eindringling gestellt. Der Hund bellt aufgeregt. Marie runzelt die Stirn, setzt sich vom Sofa in ihren Stuhl und rollt nach draußen. Einen Moment später ruft Marie: „Mama, kommst du mal?“

Mama legt ihre Zeitschrift aufgeblättert und mit dem Rücken nach oben auf das Sofa, steht mit knackenden Fußgelenken auf, tappst barfuß über den Holzfußboden nach draußen. Der Hund ist inzwischen still. Kurz danach kommt Maries Mutter wieder nach drinnen, hat ein weinendes Mädchen im Arm. Ich kenne sie, sie war vor einiger Zeit mal in der Praxis. Sie ist 14 Jahre alt. Maries Mutter schickt Marie und mich weg. Das Mädchen sagt: „Nein, sie können bleiben“, bricht richtig heftig in Tränen aus und bringt kaum ein Wort über die bebenden Lippen. Maries Mutter schubst sie sanft auf das Sofa, holt eine Packung Papiertaschentücher. Der Hund setzt sich beim Mädchen auf die Füße und leckt ihr die Hände. Das Mädchen fängt an, den Hund zu kraulen.

Maries Mutter legt die Packung Taschentücher auf den Tisch, setzt sich neben sie. „Hast du was ausgefressen?“, fragt sie. Das Mädchen schüttelt den Kopf. Maries Mutter fragt weiter: „Was ist denn passiert?“ – „Meine Mutter“, sagt das Mädchen in kaum verständlicher Sprache und schluchzt heftig. Mein Adrenalinspiegel steigt. Was ist mir ihrer Mutter? Hat sie geschlagen, ist abgehauen, ist im Krankenhaus, gestern gestorben, hatte einen Unfall, wird vermisst, hat den Papa betrogen, ist nicht die leibliche Mutter oder hat ihr am Ende nur das Handy weggenommen?

Maries Mutter muss nachfragen: „Was ist mit deiner Mutter?“ – Das Mädchen sammelt sich und sagt erstaunlich klar: „Sie liegt zu Hause auf dem Sofa und ist randvoll mit Tabletten. Es gibt einen Abschiedsbrief, den hat der Papa aber eingesackt. Ich weiß nicht, was drinsteht. Ich weiß auch nicht, was ich machen soll.“ – Maries Mutter fragt: „Wo ist die Mama denn jetzt?“ – „Na, zu Hause auf dem Sofa, hab ich doch gesagt!“ – „Und der Papa?“ – „Steht in der Küche und besäuft sich.“ – „Hat er die Mama so dort liegen sehen und weiß er, dass sie Tabletten genommen hat?“ – „Ja. Er hat ja den Abschiedsbrief irgendwo versteckt.“ – „Und was sagt er dazu?“ – „Die spinnt.“ – „Und die Mama, was sagt die?“ – „Die sagt nichts. Sie schläft tief und fest, aber sie atmet noch. Aber sie wacht nicht auf, auch nicht, wenn ich laut rufe.“ – „Hast du sie mal kräftig gerüttelt?“ – „Nein, das habe ich mich nicht getraut. Ich habe Angst.“ – „Weißt du, was für Tabletten sie genommen hat und wieviele?“ – „Nein, da liegen ganz viele auf dem Tisch, alle möglichen, die Blister sind alle leer. Ich würde mal sagen vielleicht so 20 oder 30, können aber auch 50 sein. Und eine Flasche Rotwein hat sie dazu getrunken, da ist nur noch ein letzter Rest im Glas mit Tablettenresten drin.“ – „Und dein Papa will nicht vielleicht mal einen Krankenwagen rufen?“ – „Nö, er meint, die Mama will ihn nur provozieren und das Spiel spielt er nicht mit. Ich hab ihn gefragt, was passiert, wenn sie jetzt wirklich stirbt und er hat gesagt, die stirbt nicht. Und dann habe ich gefragt, was, wenn doch, und dann hat er geantwortet, dann ist das eben so.“ – „Dann ist das eben so?“ – „Hat er gesagt, ja.“

Maries Mutter zieht sich Schuhe an. Nimmt sich ihr Handy und den Schlüssel vom Küchentisch. „Was machen Sie jetzt?“ – „Nach deiner Mama sehen. Ich flitze da eben rüber, du bleibst hier bei Marie und Jule. Okay?“ – „Ich will das nicht, wenn mein Vater erfährt, dass ich hier gepetzt habe, bekomme ich richtig Ärger.“ – „Darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen, erstmal müssen wir feststellen, was mit deiner Mutter los ist. Das Leben deiner Mutter ist wichtiger als dass dein Papa vielleicht austickt, das siehst du auch so, oder?“ – „Ja, aber wie wollen Sie das denn machen?“ – „Erstmal schaue ich jetzt nach deiner Mutter, dann komme ich zurück und dann sehen wir weiter, okay?“ – „Okay.“

Das Mädchen wohnt keinen Kilometer von der Praxis entfernt. Während Maries Mutter unterwegs ist, erzählt uns das Mädchen alles mögliche. Unter anderem von sieben Monaten stationärem Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Und von einem Vater, der sein Kind körperlich schwer misshandelt, es zum Beispiel mit einem Kleiderbügel verdrischt, bis Blut fließt. Marie fragt: „Weiß meine Mama das?“ – „Nein.“ – „Du solltest ihr das erzählen.“ – „Und dann? Dann komme ich in irgendeine Einrichtung und habe mit anderen Jugendlichen zu tun, die mich abziehen, schlagen oder mit Drogen anfixen.“ – „Das muss ja nicht gleich sein.“ – „Deine Mutter muss das dem Jugendamt melden. Genauso wie meine Lehrer. Das habe ich im Internet gelesen. Deswegen sage ich das keinen Leuten, die irgendeine Funktion haben.“ – „Und du möchtest, dass ich das jetzt für mich behalte?“ – „Mach, was du willst, ich werde sowieso sagen, dass das alles nicht stimmt und ich das nur gesagt habe, weil ich Aufmerksamkeit und Mitleid wollte.“ – „Genau, Mädel, das glaube ich dir auch. Hältst du mich für blöd? Du liest im Internet nach, wer welchen Meldepflichten nachkommen muss, um dich darauf vorzubereiten, falls du mal mit der Tochter deiner Hausärztin auf dem Sofa sitzt, während meine Mutter deine Mutter …“

Sirenengeheul ist in einiger Entfernung zu hören. Ich sage: „Musst du wissen. Dein Leben. Wenn du das noch vier Jahre so aushältst, musst du das machen. Du merkst aber, dass die Situation immer schlimmer und unbeherrschbarer wird, oder? Du bist hierher gelaufen, weil du nicht mehr wusstest, was du tun sollst. Du hast ein halbes Jahr Psychiatrie-Erfahrung mit 14. Meinst du, die Probleme werden weniger, bis du 18 bist?“ – „Weißt du, wie es ist, wenn man seine eigene Mutter randvoll mit Tabletten auf dem Sofa findet?“ – „Nein. Aber ich weiß, wie es ist, wenn man mit 16 nach einem Vierteljahr aus dem Koma aufwacht und die Eltern nichts mehr mit einem zu tun haben wollen. Und wie es ist, wenn der Vater ausrastet und einen mit besoffenem Kopf zusammenschlägt.“

„Bist du ausgezogen?“, fragt mich das Mädchen. Ich antworte: „Ja. Alleine hätte ich es sicher nicht geschafft, aber ich habe mir Hilfe gesucht, Hilfe bekommen und es war der richtige Schritt. Ich bin mir sicher, dass Maries Mutter dir helfen würde, die richten Menschen zu finden, die dir helfen können. Ich habe damals für kurze Zeit einen Vormund gehabt, der aufgepasst hat, ob ich alleine klar komme. Vielleicht gehst du nochmal in die Klinik und versuchst von dort aus, eine betreute WG zu finden? Vielleicht wäre es eine Alternative.“ – „Ich weiß es nicht. Ich habe auch viele schöne Jahre mit meinen Eltern gehabt. Dass die beiden sich nicht mehr verstehen und dass das alles so aus dem Leim geraten ist, ist ja erst seit drei oder vier Jahren. Aber vielleicht muss ich aufhören, mir einzubilden, dass das wieder so wird wie früher.“ – Marie sagt: „Wenn deine Mama Abschiedsbriefe schreibt, scheint sie sehr zu leiden. Vielleicht kannst du dich mit ihr solidarisieren und gemeinsam etwas neues anfangen, in einer neuen Wohnung oder so. Und deinen Papa einfach besuchen, wann immer du das willst.“

Der Hund seufzt. Als hätte er die Worte verstanden. Das Mädchen lacht. „Du bist eine Rübe“, sagt sie zu ihm und streicht ihm über den Kopf. Marie sagt: „Der müsste mal eine Runde gassi gehen. Machen wir das zu dritt?“ – Marie legt ihrer Mutter einen Zettel hin: Sind zu dritt mit dem Hund raus, habe mein Handy dabei. Als wir wieder zurückkommen, erzählt uns Maries Mutter, dass die Mutter ins Krankenhaus mitgenommen wurde. Die Mutter hatte eine für einen Suizid eher halbherzige Menge an Tabletten in einem Glas Rotwein aufgelöst, den Schlonz aber nicht getrunken. Sie war nicht bewusstlos, sondern habe nur so getan als ob. Das Mädchen sagt: „Dann hat mein Vater ja doch Recht gehabt.“ – „Deine Eltern haben sich beide unmöglich verhalten. Ich musste die Polizei hinzurufen, damit ich überhaupt in die Wohnung komme. Ich muss in der nächsten Stunde dem Kinder- und Jugendnotdienst erklären, wo du heute nacht bleibst. Nach Hause kannst du im Moment nicht zurück.“

„Warum?“, fragt das Mädchen. Maries Mutter antwortet: „Weil das in der Situation niemand verantworten kann. Dein Vater ist betrunken, deine Mutter ist psychisch nicht belastbar. Du hast mir doch mal erzählt, dass du in der Klinik gut zurecht gekommen bist und dort noch ambulante Therapie einmal pro Woche machst. Wäre es eine Lösung, wenn du dorthin für ein paar Tage gehst und dort den heutigen Abend noch einmal aufarbeitest?“ – „Das wäre eine sehr gute Lösung. Vielleicht kann meine Mutter für sich auch eine Therapie anfangen und wir können zu zweit was aufbauen, was wir zu dritt nicht hinkriegen.“ – Maries Mutter schluckt. Sie sagt: „Ich rufe in der Jugendpsychiatrie für dich an und schreibe dir eine Einweisung. Und einen Transportschein bekommst du auch von mir. Und jemanden, der dich direkt dorthin fährt, rufe ich dir auch. Okay?“ – „Okay.“

Eine halbe Stunde lang krault das Mädchen den Hund. Dann fährt ein Krankenwagen auf den Parkplatz vor dem Haus. Ein VW-Bus mit Hochdach einer Hamburger Rettungsorganisation. Ein in weiß gekleideter Sanitäter kommt rein, bekommt die ganzen Papiere in die Hand. Bevor das Mädchen mitgeht, fällt sie Maries Mutter um den Hals und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. In der Tür dreht sie sich nochmal um und sagt: „Danke euch dreien.“ – „Melde dich mal“, sagt Maries Mutter.

Als sie raus sind, fragt Marie: „Warum ein Krankenwagen?“ – „Damit sie da auch ankommt. Die fahren eine halbe Stunde, das ist eine halbe Stunde, um sich anders zu entscheiden, ohne dass jemand nachfragt. Und ich habe keinen Bock, dass sie noch auf dumme Ideen kommt.“ – „Meinst du, sie tut sich was an?“ – „Nein, sie steigt in den nächsten Bus und sucht ihre Mutter. Und fährt irgendwann völlig erschöpft zum Vater, weil sie einfach nur in ihr Bett will.“ – „Das heftigste weißt du ja noch gar nicht. Sie hat erzählt, dass ihr Vater sie mit dem Kleiderbügel blutig schlägt. Dass sie aber mit dir nicht drüber reden kann, weil du das dem Jugendamt melden musst. Das hätte sie im Internet gelesen.“ – „Damit hat sie ja auch nicht ganz Unrecht. Immerhin hat sie heute drüber geredet. Damit wird sich dann endlich mal was bewegen.“ – „Hättest du das gedacht, dass sie geschlagen wird?“ – „Ja. Ich habe es gewusst. Also ich hatte es im Gefühl. Richtig gewusst habe ich es nicht. Ich habe aber in meinem Brief an die Klinik damals sogar extra auf meine Vermutung hingewiesen.“ – „Schon heftig, oder?“ – „Der Vater hatte als größte Sorge, dass die Nachbarn was mitkriegen. Darüber habe ich ihn auch eingefangen: Ich lasse nicht locker, und wenn Sie jetzt noch viel Theater machen, wird der Auflauf an Polizei und Rettungskräften da draußen immer größer. Und irgendwann fährt er mit auf die Wache.“ – „Musste er mit?“ – „Nein. Die haben einfach keinen Mut, etwas Neues zu probieren. Und halten sich an alten Zöpfen fest und realisieren nicht, dass sie schon längst im freien Fall sind.“