So ein Tag

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Heute war mal wieder so ein Tag von der besonderen Sorte. Eigentlich ging es gestern schon los, als ich vor dem Aufzug im Bahnhof stand und ein Reisender, Rentenalter, mit rollendem Aktenkoffer, polierten Lackschuhen und schwarzem Schirm mich ungefragt dumm von der Seite zulaberte: „Ich hatte mal eine Bekannte im Rollstuhl, die konnte auch nichts alleine.“ – Leider hatte ich meine Stöpsel nicht im Ohr. Taub stellen? Der Typ gaffte mich von der Seite an. Ich spürte seinen Blick. Die Kabinentür des Aufzugs öffnete sich. Ich dachte mir so: ‚Wenn der mich jetzt anfasst, um mich dort hinein zu schieben, fängt er sich eine. Nein, Jule, beruhige dich, das kannst du nicht machen.‘ – Ich deutete auf die Tür: „Bitteschön, ich warte noch.“ – „Nicht mit?“ – „Ich warte. Und das kann ich sogar schon alleine.“ – „Nun sei mal nicht gleich so zickig, du weißt doch wohl genau, wie das gemeint war. Also mach hier keinen Zirkus und steig ein.“ – Ich drehte mich weg, nahm mein Handy in die Hand und checkte meine Mails. Er sagte: „Na dann eben nicht, dann musst du eben in deinem Selbstmitleid ertrinken.“

‚Mein Selbstmitleid, wie du es nennst, krieg ich schneller runter als du in den Aufzug kommst. Und bevor die Tür zu ist, schmeiß ich dir noch die leere Flasche hinterher‘, dachte ich mir leise. Ich sah vor meinem inneren Auge meine Psychotherapeutin sich grinsend die Hände reiben. Der Aufzug kam von oben wieder runter, ein Mann stand drin, blieb beim Aussteigen in der Tür stehen. „Warten Sie, ich halte Ihnen die Tür auf!“ – Ich erwiderte: „Wenn Sie in der Tür stehen, komme ich aber nicht an Ihnen vorbei. Kommen Sie einfach raus, das geht schon.“ – „Meinen Sie?“ – „Ja.“ – Er kam nach draußen, um direkt vor der Kabinentür, sich halb um die Ecke wickelnd, stehen zu bleiben und einen ausgestreckten Arm in die Lichtschranke zu halten. Dabei musste ich mit meinem Kopf unter seinem langen Mantel hindurchtauchen. „Geht es so?“ – „Ja, danke“, seufzte ich.

Heute morgen habe ich das Einkaufen übernommen. Auf meiner Liste standen jene Reste, die Maries Mutter gestern nicht bekommen hatte. Ich fuhr mit dem Auto, alle Behindertenparkplätze waren belegt. Eine Frau stand an der geöffneten Tür eines Fahrzeugs, das auf einem solchen Parkplatz stand. Ich öffnete das Fenster auf der Beifahrerseite: „Entschuldigung, fahren Sie weg?“ – „Das ist ein Behindertenparkplatz!“ – „Ja genau, fahren Sie weg?“ – „Ich habe gesagt: Das ist ein Behindertenparkplatz!“ – Okay. Ich nahm meinen Parkausweis in die Hand, hielt ihr den sichtbar hin und versuchte es ein drittes Mal: „Schauen Sie mal bitte. Fahren Sie weg?“ – Ich bekam zum dritten Mal die Antwort: „Das ist ein Behindertenparkplatz!“ – Ich gab auf. Ich fuhr auf die andere Seite einer Hauptstraße, durch das dortige Wohngebiet. Dort waren auch zwei Behindertenplätze. Beide waren belegt, beide von Autos, in denen kein Ausweis auslag. Ein „normaler“ Parkplatz wurde gerade frei. Ich stellte mich rückwärts in die Parklücke. Rückwärts, weil der Parkplatz am rechten Rand eines Fünferblocks war und ich so die Garantie hatte, dass bei der Rückkehr nicht jemand neben der Fahrertür stehen würde. Ausweis in die Windschutzscheibe – ansonsten hätte ich ein Ticket lösen müssen.

Als ich wieder zurück kam, auf dem Schoß eine große Klappkiste mit dem Einkauf, hatte doch tatsächlich jemand auf dem Gehweg neben meiner Fahrertür geparkt. Sich quasi so zwischen Fahrradständer und Blumenbeet gequetscht, dass alle Fußgänger über die Fahrbahn laufen mussten und ich selbst dann nicht mehr ins Auto gekommen wäre, wenn ich ohne Rollstuhl unterwegs gewesen wäre. Man hatte, um in die Lücke zu gelangen, sogar meinen Außenspiegel angeklappt. ‚Immerhin nicht abgefahren‘, dachte ich mir. Ich verstaute meinen Korb im Kofferraum. Ich rollte um die Fahrzeuge herum und sah an meinem Scheibenwischer einen Zettel. Nee, oder? Doch angeditscht? Nein, eine Knolle. Parken ohne Parkschein, Sie erhalten demnächst Post. Unglaublich. Allerdings, der Uhrzeit nach konnte die Überwachungskraft noch nicht weit weg sein. Ich rollte in eine Position mit besserer Übersicht und sah eine weiße Mütze in einiger Entfernung. Auf in den Kampf.

„Entschuldigung, ich habe hier gerade einen Zettel an meinem Scheibenwischer entdeckt. Kann es sein, dass Sie etwas übersehen haben? In meiner Windschutzscheibe liegt eine Ausnahmegenehmigung aus, dass ich keinen Parkschein lösen muss.“ – „Was?!“, erwiderte der Mann entsetzt. – „Na, ich bin Rollstuhlfahrerin, wie Sie sehen, und ich habe eine Ausnahmegenehmigung, dass ich an Parkscheinautomaten ohne Gebühr und ohne zeitliche Begrenzung parken darf.“ – „Die lag nicht aus.“ – „Aber sicher lag die aus!“, sagte ich mit meinem hübschesten Lächeln. – „Die haben Sie eben hingelegt.“ – „Also hören Sie mal, die Unterstellung ist aber jetzt ein wenig frech, finden Sie nicht? Denken Sie, ich hab das nötig?“ – „Denken Sie, ich habe es nötig, falsche Tickets auszustellen? Sehen Sie. Aber Sie bekommen ja noch eine Anhörung, da können Sie das ja aufschreiben.“ – „Kommen Sie doch bitte einmal mit zurück. Dann werden Sie sehen, dass ich den da gar nicht nachträglich reingelegt haben kann. Ich bin nämlich komplett eingeparkt worden und kriege keine Tür mehr auf.“ – Er guckte mich mit prüfendem Blick an und sagte dann: „Ich komme da gleich hin. Ich schreibe den hier noch kurz zu Ende.“

Zwei Minuten später standen wir vor meinem Auto. Es war offensichtlich, dass ich höchstens durch den Kofferraum hätte einsteigen können. Und dass ich das nicht gemacht habe, glaubte er mir endlich. Er guckte in die Windschutzscheibe: „Ach da liegt ja der Ausweis! Den müssen Sie ein wenig deutlicher nach oben schieben, so sieht man den kaum, vor allem, wenn der hier so dicht dran steht und man gar nicht dazwischen kommt! Geben Sie her, ich buche das aus, die Sache hat sich für Sie erledigt.“ – „Könnten Sie einen Abschlepper bestellen?“ – „Für den da?“ – „Ja, ich komme nicht mehr in mein Auto. Und das liegt nicht daran, dass ich Rollstuhlfahrerin bin. Da würde niemand mehr reinkommen.“ – „Naja, da müsste ich ein paar Fotos machen. Moment.“ – Er funkte seine Zentrale an. Der Mann mit der weißen Mütze verschwand, der Abschlepper kam relativ schnell, aber dann: „Das tut mir leid, junge Frau. Wenn ich den wegziehe, ballert der dabei gegen Ihr Auto. Die Vorderräder sind voll eingeschlagen, da müssten wir einen Kran holen. Ich könnte aber den anderen hier wegziehen und umsetzen. Dann müssten Sie das allerdings bezahlen.“ – „Kosten?“ – „Bei Ihnen würde ich einen Sonderpreis machen, 79 Euro.“ – „Interessant, kommt aber sowieso nicht in die Tüte.“ – „Wieso?“ – „Na, ich erteile Ihnen ja keine Aufträge, fremde Autos umzusetzen. Oder?“ – „Ja, dann kommt der Kollege mit dem Kran, das kann aber ein bis zwei Stunden dauern.“ – „Dann rufe ich jetzt bei der Polizei an und erkläre denen, dass der Auftrag erst in zwei Stunden erledigt werden kann, ob sie eventuell einen anderen Abschleppunternehmer schicken. Es ist kalt, es fängt an zu regnen…“

Nach zehn Minuten war der Kollege (vom selben Unternehmen) mit dem Kran da. Geht doch. Kaum war das Auto angebunden, kam dessen Besitzer an. „Halt, was machen Sie da mit meinem Auto?“ – „Wir haben einen Abschleppauftrag von der Stadt. Sie stehen hier auf dem Gehweg und alle Fußgänger müssen über die Fahrbahn.“ – „Aber da schleppt man doch nicht gleich ab!“ – „Das müssen Sie mit der Stadt klären. Wir haben den Auftrag.“ – „Okay, was kostet es?“ – Der Sonderpreis war hier gleich doppelt so hoch, immerhin hatte man nicht nur die Anfahrt, sondern auch noch Vorbereitungen zum Abschleppen getroffen. Wahnsinn.

Als ich endlich wieder bei Marie zu Hause ankam, stellte ich fest, dass ein eigentlich noch drei Wochen haltbares Lebensmittel bereits verdorben war. Ich ärgerte mich darüber, dass ich das im Supermarkt nicht gesehen hatte, obwohl ich eigentlich sehr genau hinschaue. Und dann hatte ich noch ein wichtiges Teil vergessen, obwohl ich mir sicher war, es im Einkaufskorb gehabt zu haben. Vielleicht war es an der Kasse auf dem Laufband in einen anderen Einkauf gerutscht, denn auf dem Bon stand es nicht. Und wenn jetzt noch jemand behauptet, meine Bauchschmerzen wären psychogen, gibt es Kloppe…

Affen und Stachelbären

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Dass er mittwochs seit einiger Zeit gerne abends bei uns an der Tür klingelt, ist kein Geheimnis mehr, auch wenn einige wenige Leserinnen und Leser das Thema gerne ausgespart hätten. Für die einen sind es zu viele Informationen, für die anderen zu wenig. So ist das Leben. Nur ist es so, dass ich in erster Linie für mich selbst schreibe. Was keineswegs heißt, dass ich mich nicht über meine (vielen) Leserinnen und Leser und ihre vielen ernst gemeinten Kommentare freue, ganz im Gegenteil: Ich freue mich! Was aber heißt, dass ich es in Bezug auf „Beitrags- und Gestaltungswünsche“ in meinem Blog handhabe wie ein Supermarkt: Bei Laktose-Intoleranz einfach mal die Milch links liegen lassen!

Jörn hielt mir demonstrativ einen Laborbefund entgegen, als ich die Tür öffnete. Drei Sekunden dachte ich, er wollte von mir eine Übersetzung irgendwelcher Zahlen, dann guckte ich in sein Gesicht und sah ein verschmitztes Grinsen. Jetzt begriff ich: Das Suchtest-Ergebnis auf HIV-Antikörper. Ich verzog keine Miene. Die Tür in einer Hand drehte ich mich halb um und rief: „Marie, kommst du mal bitte?“ – Marie kam angerollt. Noch bevor sie ihn sehen konnte, sagte ich: „Hier ist ein Mann vor der Tür, der möchte uns Blut verkaufen.“ – „Blut?“, fragte Marie mit großen Augen, guckte vorsichtig um die Ecke. Als sie Jörn sah, wie er mit seinem Zettel vor der Tür stand, sagte sie: „Aha?! Wir kaufen nichts an der Tür.“

Als ich die Tür wieder schließen wollte, stellte er einen Fuß in die Tür und sagte: „Ich bin ein hartnäckiger Vertreter.“ – Im gleichen Moment ging beim Nachbarn gegenüber die Tür auf. Bevor der jetzt denkt, das Theater sei echt, zog ich Jörn in die Wohnung und schloss die Tür, nahm ihm den Zettel aus der Hand und studierte das Ding aufmerksam. „Was? Wieso hast du Würmer?“ – Marie guckte mich schon wieder mit großen Augen an. Das wäre wohl der erste Befundbericht, bei dem das Labor nach HIV-Antikörpern gesucht und Würmer gefunden hat. Ich hielt ihr den Zettel hin und tippte mit meinem Zeigefinger auf eine beliebige Stelle des Papiers. Marie sagte entsetzt: „Igitt. Maden?“ – Ich schüttelte den Kopf: „Spulwürmer würde ich denken.“ – Jörn fragte völlig panisch: „Scheiße, woher hab ich die denn? Und was kann man da machen? Antibiotikum?“

Ich sagte: „Wesentlich einfacher. Du kommst jetzt jeden Mittwoch einmal zu uns und bringst einen Apfel und eine Banane mit.“ – „Und dann?“ – „Essen. Drei Wochen lang. Erst den Apfel, dann die Banane. Die Reihenfolge ist wichtig. Und in der vierten Woche bringst du einen Apfel und einen Hammer mit.“ – „Häh?“ – „Ja, da isst du den Apfel und dann warten wir einen Moment. Dann kommt der Wurm aus dem Mund und fragt nach der Banane und dann – zack! Einmal mit dem Hammer drüber.“ – „Oarr, ihr seid so doof.“

Stolze 25 Euro habe ihn der Test gekostet. Bei einer sozialen Einrichtung. Sein Hausarzt habe ihm den Tipp gegeben, das nicht bei ihm machen zu lassen, da er es sonst in die Krankenakte eintragen müsse und auch die Krankenkasse davon erfahre, dass ein Aidstest in Auftrag gegeben wurde. Das könne sich negativ auswirken, wenn beispielsweise eine Lebensversicherung abgeschlossen werden solle und die Versicherungsgesellschaft anfrage, ob chronische Krankheiten bestünden oder kürzlich ein HIV-Test in Auftrag gegeben wurde. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Wenn es stimmt, fände ich das sehr bedenklich.

Jörn sagte: „Woher bekommt man Spulwürmer?“ – Marie sagte: „Wenn du einen Affen knutschst. Affen haben hin und wieder Spulwürmer. Und Bären glaube ich auch.“ – „Gummibären auch?“, fragte Jörn. Ich erwiderte: „Und Waldbären. Und Brombären. Und Stachelbären.“

Marie blödelte weiter: „Apropos Gummibären: Jörn, kannst du dir Jule in einem hautengen Latex-Catsuit vorstellen?“ – Nachdem Marie genau weiß, wie genervt ich nach zahlreichen Anfragen einschlägiger Fetischisten bin, verwunderte nur Jörn meine Reaktion: „Wir prügeln uns gleich!“ – Jörn fragte: „Magst du sowas nicht?“ – „Nein!“, giftete ich zurück und Jörn zog den Kopf ein. Die Frage, worauf ich denn „stehe“, blieb mir glücklicherweise erspart.

Nachdem nun alle drei voneinander wissen, dass wir uns bei einem potentiellen Flüssigkeitsaustausch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mit unerwünschten Viren gegenseitig infizieren würden, gingen wir direkt ins Bett in die Küche, um zusammen noch ein Brot zu essen. Also jeder eins. Auf meine Frage, ob Jörn zu Hause noch immer erzähle, dass er Regale aufbaue, bekam ich keine schlüssige Antwort. Ich sehe es schon kommen, dass eines Tages die Mutter vor unserer Tür steht und uns sowie die ganzen Regale kennenlernen möchte.

Es ist irgendwie lustig: Nachdem die ganzen „technischen“ Voraussetzungen geklärt sind, läuft nichts. Nach dem Abendessen haben wir uns in der Küche ein paar Fotos auf dem Laptop angeschaut, dann ist er wieder nach Hause gefahren, nachdem seine Mutter ihm mindestens fünf SMS geschrieben und gefragt hat, wie lange er noch unterwegs sei. Einerseits will ich ja durchaus mal ein wenig mehr von ihm, andererseits will ich auch nichts überstürzen. Und es muss vor allem passen. Richtiger Moment und so. Es bleibt spannend.

Eine Rheinfahrt mit Tanz

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Als kleine Entschädigung für den gestrigen hektischen Praktikumstag durfte ich heute noch einmal ins Krankenhaus. Allerdings nur zu einem speziellen Patienten. Ich nenne ihn mal Gerd. Gerd ist 51 Jahre alt, ist allem Anschein nach vor zwei Monaten mit seinem Auto gegen einen Kleinlaster gedonnert, als er als Geisterfahrer auf der Autobahn unterwegs war. Er soll nachts bei Regen im Baustellenbereich für seine Richtung eine dritte Spur aufgemacht haben, an einer Stelle, wo laut Polizei nur zwei Spuren pro Richtung eingerichtet waren. So erzählt es die Schwester. Gerd ist Familienvater, war auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, ist seit 25 Jahren verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder. Beide Kinder besuchen den Vater täglich, beide können sich das überhaupt nicht erklären und erzählen ständig, sie seien regelmäßig mit dem Papa Auto gefahren, auch lange Strecken. Er sei stets vorbildlich gefahren, sie hätten im Auto geschlafen während der Fahrt – sie seien geschockt.

Gerd war lebensgefährlich verletzt eingeliefert worden, lag mehrere Wochen im künstlichen Koma. Aktuell wird er, obwohl er seit zwei Wochen wieder wach ist, noch immer intensivmedizinisch betreut. Er ist ansprechbar und ich habe ihn bislang immer in jeder Hinsicht orientiert erlebt, als ich zusammen mit einem Chirurgen zwei, drei Mal nach seiner Unterschenkelfraktur geschaut hatte. Er redete ganz normal, fragte nach den nächsten Therapieschritten, gab über alles mögliche Auskunft.

Heute sah ich ihn wieder, wieder zusammen mit einem Arzt. Der Arzt begrüßte ihn, Gerd gab eine sehr zögerliche Antwort und begann sofort, den Arzt verbal anzugehen. Wer er sei, ständig kämen hier fremde Leute ins Zimmer, er solle ihn in Ruhe lassen. Irgendwie wirkte Gerd aber auch verängstigt. Ich guckte den Arzt an, der nickte mir zu, ich versuchte mein Glück. „Hallo Herr …, wir kennen uns doch aus der letzten Woche. Ich wollte mal nach Ihnen schauen, wir haben uns doch so nett unterhalten.“ – „Ah, gut, dass Sie kommen. Ich erinnere mich an Sie, oder genauer gesagt an Ihren Rollstuhl. Im Moment kann ich mir kaum Gesichter merken. Aber an Ihren Rollstuhl erinnere ich mich.“ – „Das ist doch okay. Ich sage Ihnen auch gerne nochmal meinen Namen.“ – Er wiederholte meinen Namen, griff nach meiner Hand, umklammerte fest mein Handgelenk und zog mich zu sich heran. „Können Sie was für sich behalten?“, fragte er mich.

„Na klar“, flüsterte ich zurück. Er sagte: „Gut. Ich will Ihnen mal was erklären. Ich bin nämlich verschleppt worden. Und ich werde abhauen. Später. Ich habe mich mit ein paar Freunden verabredet, wir werden eine Schifffahrt auf dem Rhein machen. Wir haben zu viert zwei Kabinen, ich hoffe, dass ich mit Georg zusammen in eine Kabine komme, die anderen beiden sind mir zu anstrengend. Die Frauen bleiben zu Hause. Können Sie mir Geld leihen? Irgendwie habe ich mein ganzes Geld verloren. Ich überweise es Ihnen nächste Woche zurück.“

Für zwei Sekunden war ich sprachlos, dann sagte ich: „Klar. Wieviel brauchen Sie?“ – „Na so 100 Euro sollten es schon sein. Wir wollen ja vielleicht auch mal tanzen gehen.“ – „Wenn Sie meine Hand loslassen, kann ich mal in mein Portmonee schauen, denn, oh, wie ich vermutet habe, es sind nur Münzen drin. Aber ich könnte sonst gleich was am Automaten ziehen. Meinen Sie denn, dass Sie beim Tanzen was bezahlen müssen oder haben Sie nicht sogar ‚all inclusive‘ gebucht? Meine Eltern waren vor paar Wochen auf dem Rhein, da war Tanzen mit drin.“ – „Die hatten ein anderes Unternehmen. Wir haben bei einer ungarischen Firma gebucht, das war ein Geheimtipp. Aber leider ist da Tanzen nicht mit drin. Haben Sie die 100 Euro?“

Ich wiederholte: „Wie gesagt, ich habe gerade nur Münzen und müsste zum Automaten und da was ziehen.“ – „Wollen Sie mich verarschen? Sie kommen hier her und haben nur Münzen im Portmonee? Wovon bezahlen Sie denn Ihre Miete?“ – „Die wird abgebucht. Ich brauche kaum Bargeld, ich zahle meistens mit Karte. Aber es ist ja kein Problem, um die Ecke ist ein Geldautomat.“ – „Der hat doch bestimmt schon geschlossen. Sind Sie echt so knapp bei Kasse, dass Sie keine Scheine dabei haben? Ich fasse es nicht, wie lange kennen wir uns schon? Zwei Jahre, drei? Und ich dachte immer, Sie kämen einigermaßen über die Runden.“ – „Es ist halt alles nicht mehr so einfach wie früher, die Zeiten ändern sich.“ – „Ja, schlimme Zeiten, darum will ich ja auch weg hier.“ – „Und das Wetter? Ist auch nicht mehr das, was es früher mal war, oder? So früh schon so dunkel, es wird Winter.“ – „Nein, es soll morgen nochmal warm werden, haben sie in den Nachrichten gesagt.“ – „Oh, das ist schön, dann könnte ich morgen ja vielleicht nochmal grillen mit ein paar Freunden. Ich muss dann auch mal weiter, noch ein paar Sachen einkaufen.“ – „Ach, können Sie mir Margarine mitbringen?“ – „Einen Becher oder mehr?“ – „Nö, so zwei oder drei, falls meine Frau was backen will. Schauen Sie mal, ob da was im Angebot ist.“ – „Mach ich.“

Kaum war ich mit dem Arzt wieder auf dem Flur und die Tür war hinter uns zu, sagte er: „Das gibt ein dickes Sternchen.“ – Ich fragte: „Was ist mit dem Mann?“ – „Okay, kein Sternchen. Wonach sieht es aus?“ – „Delir, Psychosyndrom. Aber warum?“ – „Überlegen Sie mal.“ – „Postoperativ möchte ich eigentlich ausschließen nach sechs bis acht Wochen. Künstliches Koma ist auch seit zwei Wochen vorbei. Ich habe gelernt, sowas geht nach zwei Tagen los und ist entweder nach zwei Tagen wieder vorbei oder muss medikamentös behandelt werden. Die letzten Male war er aber vollkommen orientiert. Wie passt das alles zusammen?“ – „Keine Ahnung.“ – „Was sagt denn der Psychiater dazu?“ – „Falsche Frage.“ – „Wieso falsche Frage?“ – „Ich Chirurg, Sie Studentin. Psychiatrie ist nicht meine Baustelle.“ – „Sie wollten doch aber gerade Sternchen verteilen, wie lautet denn nun die richtige Antwort?“ – „Nicht zu viel nachfragen. Müssen Sie noch lernen.“

„Als Studentin…“, fing ich einen Satz an, kam aber nicht weiter, da Chirurgus sich durch das Treppenhaus abseilte. Und mich dumm stehen ließ. Stinkesocke möchte wieder mal die Welt retten. Ich erinnere mich noch an die Alpträume, die ich nach meinem Koma gehabt habe. Ich weiß, dass das eine sehr schlimme Zeit war, in die sich Menschen, die das nicht selbst miterlebt haben, kaum hineinversetzen können. Ich weiß nur nicht, ob ich das zu eng oder die behandelnden Ärzte das zu locker sehen. Einerseits widerstrebt es mir, das einfach so abzuhaken, andererseits möchte ich nicht als diejenige gelten, die alles dramatisiert. Ich bin mal wieder hin- und hergerissen.

Handarbeit

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Früher gehörte zum Medizinstudium angeblich noch nicht so viel Praxis wie heute. Dennoch könnte es viel mehr sein. Okay, mein Praktisches Jahr kommt ja noch, aber ich persönlich habe das Gefühl, ich lerne mehr, wenn ich Theorie und Praxis gleichzeitig vermittelt bekomme, statt erst die komplette Theorie zu büffeln und später alles verknüpfen zu müssen. Aber das ist keine Kritik am System, zumal es unter Garantie auch 100 gute Gründe gibt, warum das Studium genau so und nicht anders aufgebaut ist. Ich erfahre aber auch, dass unterschiedliche Hochschulen sich im Rahmen der Möglichkeiten unterschiedlich für einen frühzeitigen höheren Praxisanteil engagieren.

In diesem Semester erfreue ich mich an einem persönlichen praktischen Schwerpunkt in der Chirurgie. In einem Lehrkrankenhaus, also einem Krankenhaus, das selbst nicht zur Universität gehört, aber aufgrund eines Vertrages mit der Uni ihre Studenten ausbilden darf. Sägen, Bohren, Hämmern, Schrauben, Kleben, Stricken, Häkeln, Nähen und Basteln – die ganze Welt der Handarbeit, live und in Farbe. Ich darf inzwischen auch schonmal den Tupfer festhalten … nein, das wäre jetzt ungerecht. Ich lerne täglich dazu, vor allem bei der Erkenntnis, dass Personal sehr knapp sein kann.

Meine Wirkungsstätte ist zur Zeit eine Aufnahme. Stinkesocke wird abgehärtet für das spätere Leben. Chirurgische Notfälle sind natürlich nochmal was ganz anderes als internistische. Wenn da ein Motorradfahrer mit offener Schädelfraktur und frisch amputiertem Bein eingeliefert wird, vergesse ich schon mal gerne für fünf bis sechs Sekunden das Atmen. Nicht, dass ich damit zurzeit allzu viel zu tun hätte, aber der Anblick ist schon schaudrig.

Nicht oft passiert es, aber manchmal kommt es dennoch vor, dass die Aufnahme an ihre erste Kapazitätsgrenze stößt. Unglücksfälle und einzelne Schwerverletzte werden vorher angekündigt, die Verteilung solcher personalintensiven Notfälle auf unterschiedliche Kliniken in der Regel gesteuert. Aber wenn es einen Unfall mit vielen Verletzten gibt oder zeitgleich zwei oder drei heftige Ereignisse passieren, kann es schonmal sein, dass der Bär steppt. So war es heute. Normalerweise können gleichzeitig vier Notfälle in dem Krankenhaus direkt behandelt werden, davon maximal zwei Schwerverletzte zur gleichen Zeit. Mit „Notfälle“ sind hier diejenigen gemeint, die nicht warten können. Für ambulante Patienten, die selbst in die Notaufnahme kommen, gibt es natürlich weitere Kapazitäten – oder sie müssen eben warten.

Die Rettungsleitstelle kündigte einen Verkehrsunfall mit mehreren Schwerverletzten an und schickte zwei Schwerstverletzte sowie einen Leichtverletzten zu uns. Der Hintergrunddienst (Bereitschaft, Sationsärzte) war bereits alarmiert, da bereits zwei Schockräume mit als akut lebensbedrohlich eingestuften Patienten belegt waren. Es wurde die Aufnahme bis auf weiteres bei der Leitstelle abgemeldet, so dass nach den drei zu erwartenden Patienten keine weiteren Notfälle eingeliefert werden. Wie gesagt, das kommt nicht oft vor, aber es ist wohl auch nicht sooo ungewöhnlich.

Mit dem Taxi kam dann eine Frau um die 75, ihren Mann im Schlepptau. Er habe sich beim Heimwerken verletzt. Schwer verletzt, wie sich schnell herausstellte. Keine Minute später, die drei Verletzten des Verkehrsunfalls waren vermutlich noch gar nicht auf dem Weg, kamen drei Männer mit lautem Gebrüll reingestolpert. Mir lief es eiskalt den Rücken runter. Einer hatte eine Bauchverletzung durch einen Messerstich, einer der anderen beiden war erheblich an den Händen verletzt und der dritte war der Fahrer. Was genau los war, wusste niemand, aber man sei schonmal ins Krankenhaus gefahren. Der Mann mit der Bauchverletzung war leichenblass, schweißnasses Gesicht, hatte die Arme über die Schultern seiner Kumpel gelegt und wurde mehr geschleift als dass er noch selbst ging. Auf dem Fußboden gab es eine nicht unerhebliche Blutspur. Und dann ging es rund.

Der Mann kam gleich in den nächsten Schockraum und natürlich wurde die Polizei gerufen. Mehr Sorge machte aber der Versorgungsengpass. Der Chefarzt ordnete eine höhere Alarmstufe nach einem Notfallplan an, was zwei wesentliche Folgen hatte: Dienstfreie Mitarbeiter wurden über den Pförtner angerufen und in die Klinik beordert, und der normale Aufnahmebetrieb wurde eingestellt. Das heißt: Alle rund 30 Patienten, die sich im Wartebereich stapelten, mussten die Aufnahme verlassen und wurden, sofern es eher Kleinigkeiten waren, entweder gebeten, eine Notfallpraxis aufzusuchen oder zum Hausarzt zu gehen. Wer nicht weggeschickt wurde, sollte in einem Aufenthaltsraum warten, der zu diesem Zweck extra geräumt wurde. Ich sollte mit zwei Mitarbeiterinnen mitgehen und bei der Versorgung der verbliebenen Patienten helfen. Ein Behandlungsraum neben einer Station wurde dafür zweckentfremdet, nach zwanzig Minuten kam eine Ärztin, die eigentlich dienstfrei hatte.

Ich will nicht behaupten, dass ich in diesem Behandlungsraum heute irgendwas Chirurgisches lernen konnte. Die Patientinnen und Patienten wurden im Galopp durch die Behandlung geführt, alle waren froh, wenn ich nicht nerve und mich im Hintergrund aufhalte. Was ich aber gelernt habe: So eine Maßnahme hat auf Menschen eine sehr emotionale Wirkung. Weniger auf mich, mehr auf die Leute, die wegen eines eingewachsenen Fußnagels die 112 wählen. Von den ehemals rund 30 Patienten verblieben ganze acht, die wirklich dringend Hilfe brauchten. Der Rest checkte nach einem kurzen Gespräch, ob wirklich ein Notfall vorliege, wieder aus. Ich will nicht behaupten, dass ich Menschen nicht ernst nehme, wenn sie gesundheitliche Probleme haben. Aber wenn jemand in eine Notaufnahme kommt, weil er sich beim Briefe schreiben am Papier geschnitten hat, dann ist irgendwas falsch. Ich weiß nur noch nicht, was.

Marie erzählte mir heute von einer Patientin, die als Notfall kam, weil sie wissen wollte, ob in ihrem Bauch ein Junge oder ein Mädchen wächst. Nachdem die Ärztin drei Mal gefragt hat, ob die Patientin irgendwelche akuten Probleme hätte, kam heraus, dass die junge Dame noch nicht mal einen Schwangerschaftstest gemacht hatte. Ihre Regel war nach sexueller Aktivität lediglich überfällig. Seit zwei Tagen…