Wie einst die Inklusion entstand

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Ich habe heute schon wieder dazugelernt. Ich weiß, man lernt täglich dazu. Manchmal nur ein wenig, manchmal auch ein wenig mehr, wie zuletzt bei den Nebenwirkungen von Midazolam. Der Brocken ist noch nicht mal seit einer Woche in meinem Kopf, da kommt schon ein neuer, noch größerer Brocken durch die Pipeline. Langsam wird es selbst mir unheimlich.

Ich habe dazugelernt, wie in Deutschland der Begriff „Inklusion“ entstanden ist!

Und zwar nicht im Soziologie-Kurs. Da kam Inklusion tatsächlich dran, allerdings war der Kurs schon im vorklinischen Teil des Studiums, und der liegt schon etwas länger zurück. Nein, beim Stöbern im Internet stolperte ich über ein aktuelles Interview mit einem hochrangigen Funktionär des deutschen Behindertensports. Aber der Reihe nach.

Ich hatte bis eben geglaubt, Inklusion und Exklusion sind zwei zentrale Begriffe aus der Soziologie, mit denen beschrieben wird, wie Menschen zusammenleben. In einer bedeutenden wissenschaftlichen Theorie aus den 1990er-Jahren gliedert sich das gesellschaftliche Zusammenleben in diverse, von einander abgegrenzte Bereiche. Menschen sind kein eigener Baustein dieser Bereiche, sondern nehmen je nach individuellen Bedürfnissen an ihnen teil. Diese Teilnahme an einem dieser Bereiche nennt man „Inklusion“. Eine wesentliche Aussage dieser Theorie ist, dass eine „Inklusion“ in einen Bereich nur möglich ist, wenn die Teilhabe an einem anderen Bereich aufgegeben wird (Exklusion).

Unser Proff hatte das mal ganz oberflächlich beschrieben mit den Worten: „Sie können nicht im Operationssaal mal eben Ihre Posaune rausholen und während einer Gallenstein-OP ein Liedchen blasen. Raus aus der Medizin, rein in die Musik! Und beim anschließenden Gottesdienst nehmen Sie die Tröte lieber auch nicht in die Hand, es sei denn, Sie sind gefragtes Mitglied des Orchesters und wollen die Veranstaltung musikalisch untermalen. Dann sind Sie aber eben vorwiegend aus musikalischen Gründen dort, nicht so sehr aus religiösen. Ansonsten: Raus aus der Musik, rein in die Religion!“

In der neueren soziologischen Forschung und insbesondere in der aktuellen Politik und der Sozialarbeit wird der Begriff „Inklusion“ zunehmend verwendet, um vollständige gesellschaftliche Teilhabe, also gelungene gesellschaftliche Solidarität zu beschreiben. Diese neue Verwendung steht im deutlichen Widerspruch zu der ursprünglichen Theorie, nach der eine Inklusion einer einzelnen Person in alle (Teil-) Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ja eben überhaupt nicht möglich ist. Auf jeden Fall nicht zeitgleich.

In aktuellen Forschungen versucht man, herauszufinden, warum Menschen unterschiedliche Möglichkeiten haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Im Bezug auf Menschen mit Beeinträchtigungen spricht man in der Politik seit 2009 von einer Behinderung, wenn das Wechselspiel von Barrieren der Umwelt und einer persönlichen Beeinträchtigung die gesellschaftliche Teilhabe erschwert oder (in Bereichen) unmöglich macht. Das müssen ausdrücklich nicht immer nur bauliche Barrieren sein.

Die Forderung nach der Inklusion aller Menschen (genauer eigentlich nach der Möglichkeit der Inklusion aller Menschen) bedeutet für mich auch, Barrieren abzubauen, die der Möglichkeit der Inklusion eines Menschen in einen gesellschaftlichen Bereich im Wege stehen. Das Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention zur gleichberechtigten Teilhabe aller Menschen am Leben in der Gesellschaft und die sich aus der Unterzeichnung Deutschlands ergebende politische Forderung nach der Möglichkeit der Inklusion der Menschen in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ist aber eindeutig mehr, als als (privilegiertes) Mitglied einer Gesellschaft einem Menschen „Zutritt zum Club“ zu verschaffen. Ich verschließe mich dabei jedoch keineswegs der Ansicht, zur Inklusion gehöre auch das Einladen, das Zugänglichmachen eines gesellschaftlichen Bereichs durch die bereits dort Teilnehmenden.

Wenn der Inhalt der UN-Konvention in der gesellschaftspolitischen Debatte jedoch zunehmend auf das Wort „Inklusion“ subsumiert wird, muss Inklusion mehr sein, als der Bau von Aufzügen und allenfalls halbherzige Versuche, ein Schulsystem neu zu ordnen. Ich bekomme zumehmend den Eindruck, wesentliche Grundsätze wie Selbstbestimmung, Nichtdifferenzierung, Nichtdiskriminierung sind oftmals gar nicht so recht verstanden oder zumindest nicht verinnerlicht worden. Ich habe auch den Eindruck, sie kommen nur sehr schleppend in der Gesellschaft an und fallen auch in der täglichen Debatte und im täglichen Leben zunehmend wieder hinten runter.

Vielleicht verstehe ich ja das Papier grundlegend und permanent falsch – was ich natürlich auch niemals ausschließen kann – und meine Sichtweise ist Asche. Aber wenn, wie gesagt, das ganze Papier auf den Begriff „Inklusion“ subsumiert wird, dann muss „Inklusion“ auch zwingend die Selbstbestimmung durch den einzelnen Menschen beinhalten. Und damit gehört zur „Inklusion“ immer zwingend etwas, was nur der einzelne beeinträchtigte Mensch selbst, also aus eigenem Willen und eigenem Antrieb, veranstalten kann. Entsprechend ist das Beseitigen einer Stufe dann zwar ein wesentlicher und wichtiger Beitrag, der Inklusion möglich macht – Inklusion betreibt der Stufenbeseitiger damit aber eben noch nicht. Und erst recht dann nicht, wenn er stattdessen eine Horde Rollstuhlfahrer in einen Kinosaal trägt. Das ist zwar nett, aber allenfalls Integration. Inklusion ist, wenn die Tür aufgeht und der Rollstuhlfahrer kurz vor seinem Platz noch einmal umdreht, weil noch Werbung läuft und er das meist dreieckig geformte Maismehl-Salzgebäck mit Käsesoße vergessen hat.

Ich sage nicht, dass ich die Dienste eines Menschen, der mich in den Saal trägt, nicht schätze. Aber ich möchte selbst entscheiden, ob ich getragen werden möchte (oder lieber zu Hause bleibe), ich möchte rechtzeitig wissen, dass mich jemand auf den Arm nimmt, und ich möchte schon gar nicht, dass das jemand „Inklusion“ nennt. Schon gar nicht dann, wenn eben „Inklusion“ stellvertretend für alle Bemühungen steht, die gesellschaftlichen Rechte von Menschen mit Beeinträchtigungen umzusetzen. Und es geht eben auch nicht, dass ein „Träger“ mit seinen freundlichen Diensten möglicherweise noch für ein inklusives Kino wirbt und vielleicht noch öffentliche Zuschüsse abgreift.

Das Beispiel mit dem Träger war in Bezug auf die öffentlichen Zuschüsse natürlich überspitzt. Aber ich glaube, dafür umso deutlicher. Zurück zu dem, was ich heute dazugelernt habe: Wie in Deutschland der (sozialpolitische) Begriff „Inklusion“ entstanden ist. Nämlich durch ein Missverständnis.

„Damals, als die UN-Behindertenrechtskonvention das Licht der Welt erblickte, war in der Originalversion von ‚inclusion‘ die Rede. Das Problem in Deutschland war, dass dieses Wort hier keine Entsprechung hatte. Man sagte bis dato ‚Integration‘ [oder] auch ‚Teilhabe‘. ‚Integration‘ ist im englischsprachigen Raum aber für das Migrationsthema reserviert. Also hat man im Deutschen einfach das ‚c‘ durch ein ‚k‘ ersetzt und den Begriff ‚Inklusion‘ geboren, der angeblich für eine neue Philosophie steht und ein etwas weiterreichendes Ziel meint als ‚Integration‘.“

Aha. Hm. Da haben wir in unserer Sprache einen neuen Begriff für eine alte Sache erschaffen, weil in einer anderen Sprache unser Begriff etwas anderes bedeutete. Kommt sowas häufiger vor?

Ich habe keine Ahnung. Ehrlich. Aber wie sich der Begriff durchgesetzt hat, das weiß ich nun auch, das habe ich nämlich heute auch gleich dazu gelernt: „Die UN-Behindertenrechtskonvention hat in Deutschland ja Gesetzescharakter, dem kann sich der [Behindertensport] natürlich nicht entziehen.“

Nochmal: Hm. Da kommt ein Gesetzestext daher und ändert die sprachlichen Gewohnheiten! Das finde ich faszinierend. Eine Gesellschaft, in der viele Menschen Raub und Einbruchdiebstahl nicht auseinander halten können, gewöhnt sich innerhalb von fünf Jahren komplett an einen neuen Begriff, den ein gesetzesähnlicher Text aufgrund eines Missverständnisses vorgibt! Könnte das was mit dem sensiblen Thema „Behinderung“ an sich zu tun haben?

Ich weiß es nicht. Ich habe mir die erste deutsche (bis heute verbindliche) Fassung der UN-Konvention mal angesehen. In dem Text kommt nicht ein einziges Mal das Wort „Inklusion“ oder „inklusiv“ vor. Jetzt bin ich doch ein wenig verwirrt und auch überfragt. Ich gebe auf, packe alle Texte zur Seite und werde mich jetzt bei wolkenlosem Himmel und 17 Grad noch etwas sportlich betätigen und zusammen mit Marie noch eine große Runde mit dem Handbike drehen. Einfach nicht so viel nachdenken, sondern „machen“.

Kein Schrank und zwei Löwen

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„Meinst du, wir sollten für heute Abend vielleicht noch ein Regal kaufen?“, fragte mich Marie und spielte dabei eindeutig auf Jörn an. Ich antwortete mit einer Gegenfrage: „Meinst du, er kommt heute nochmal?“ – „Könnte sein. Vermutlich wieder in unserem Badezimmer, wie letzte und vorletzte Woche. Und dann geht er schlafen.“ – Ich grinste und sagte: „Ich finde, wir sollten ihn mal drauf ansprechen.“ – „Beide?“ fragte Marie. „Immerhin hat er letzte Woche eine Hand auf meine Hüfte gelegt.“ – „Echt?! Krass!“ – „Auf deine bestimmt auch, nur du merkst das ja nicht.“ – „Oarrr Marie, du bist so fies! Willst du was von ihm?“ – „Eine Partnerschaft auf jeden Fall nicht. Dafür ist er mir auf die Dauer zu anstrengend. Glaube ich.“ – „Nee, eine Partnerschaft kann ich mir irgendwie auch nicht so richtig vorstellen. Aber ich glaube, das weiß er auch. Also Spaß? Nichts Ernstes, so wie ich es zuletzt eigentlich wollte?“ – Marie sagte: „Ich glaube, er genießt es einfach, Hahn im Korb zu sein und seine vermutlich allerersten Erfahrungen zu machen. Mit 20 kann man sich auch schonmal dranwagen. Und ich glaube, er wird heute wieder an der Tür bimmeln und seiner Mutter was vom Schränke aufbauen erzählen.“

Seine Sache. Es kam wie vorhergesagt. Es klingelte an der Tür, ich ließ ihn rein. Wir hatten eine selbst belegte Pizza im Ofen und während wir mampften und small talkten, nutzte ich den Überraschungsmoment aus, um von meiner eigenen Unsicherheit abzulenken und fragte ihn direkt: „Sag mal, findest du das eigentlich ideal, wenn du uns jetzt jedes Mal über eine Stunde heiß machst und dann plötzlich abhaust und schlafen gehst? Beziehungsweise dich vorher nochmal zehn Minuten heimlich im Bad einschließt?“ – Er verschluckte sich fast. Und wurde dunkelrot. Marie setzte noch einen drauf, grinste in sich hinein und murmelte leise: „Erwischt!“

Er war total verunsichert, wusste nicht, was er sagen sollte. Irgendwie süß. Er sollte sich aber nicht unwohl fühlen, darum löste ich die Situation schnellstmöglich wieder auf: „Bleib doch bei uns. Nächstes Mal.“ – Jörn war allerdings völlig aus der Fassung gefallen. Er sagte nichts mehr, aß nichts mehr und guckte mit leerem Blick in die Gegend. Oh nein, was hatte ich da angestellt? Konnte ich ahnen, dass das jetzt für ihn so eine große Sache war? Ich fragte ihn: „Ist dir das jetzt peinlich oder was? Habe ich dich verletzt?“ – Er guckte mich an und kämpfte offensichtlich mit den Tränen. Er sagte: „Nein, nein, alles gut. Ich wusste nur nicht… ich hatte gedacht…“

Marie sagte: „Es merkt niemand? Na komm, für wie naiv hältst du uns? Sowas rieche ich doch zehn Meter gegen den Wind!“ – Ich verkniff mir ein Lachen über die gewollt oder ungewollt plastische Darstellung, denn ich wollte Jörn nicht noch weiter verunsichern. Ich sagte: „Du musst dich wohlfühlen. Hier soll nichts passieren, was du nicht möchtest. Aber ich würde mir wünschen, dass du ein wenig mehr zu dir selbst stehst.“

Jörn sagte: „Ich bin gerade so verunsichert. Ihr seid beide irgendwie so völlig anders. So unkompliziert. So lieb. So stark. So toll. So brav, aber gleichzeitig eben auch ein wenig ungezogen.“ – Ich runzelte meine Stirn. Er redete einfach weiter. „So verständnisvoll. Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll, ich bin so glücklich bei euch. Obwohl wir uns kaum kennen und auch ohne dass wir viel miteinander reden. Als Jule mir den Bauch gestreichelt hat, war ich wie elektrisiert. Anschließend habe ich mir gewünscht, sie würde … da unten.“ – Er flüsterte fast. „Und dann hat sie es einfach so getan, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Das war so schön. Ihr seid so lieb zu mir.“

Ich hielt es für fair, ihm zu sagen: „Ich will ganz ehrlich sein, Jörn. Ich glaube nicht, dass aus uns eine partnerschaftliche Beziehung werden kann. Ich glaube, dass wir ein bißchen Spaß haben können. Schränke aufbauen, vielleicht mal Fahrrad und Handbike fahren, zusammen was kochen, wir könnten vielleicht auch mal gemeinsam in die Therme oder so – und ansonsten halt mal den einen oder anderen Videoabend. Mit Massage oder ohne, am Bauch, am Rücken oder bei Lust und Bedarf auch ein büschen dazwüschen. Aber viel mehr wird nicht daraus werden, das glaube ich nicht.“

Er stützte sein Kinn auf seine Hand, überlegte einen Moment und antwortete dann: „Vielleicht ist das so auch am besten. Wir kennen uns, wie gesagt, kaum. Für eine Partnerschaft müsste man sich ja erstmal richtig gut kennen. Spaß finde ich gut. Als Mann sowieso. Und sollte sich aus dem Spaß doch noch mehr ergeben, können wir ja nochmal neu darüber nachdenken. Zumindest müssen wir uns dann nichts vormachen, wenn sich der Eindruck verfestigt, dass wir partnerschaftlich nicht zusammenpassen.“ – „Das würde ich auch nicht tun“, erwiderte ich. Jörn fragte: „Sag mal, Jule, hast du eigentlich einen Freund?“ – Ich musste innerlich grinsen und schüttelte den Kopf. Er guckte Marie an: „Du?“ – Marie grinste und schüttelte ebenfalls den Kopf. Jörn sagte: „Ich auch nicht.“

Ach. Er hatte sich wieder gefangen. Inzwischen saß ihm der Schalk im Nacken. Er grinste und fragte mich: „Und wohin soll ich nun deiner Meinung nach nun beim nächsten Mal kommen?“ – Ich überlegte einen Moment, wie ernst das gemeint sein könnte und erwiderte dann: „Keine Ahnung, von mir aus in die Bettdecke. Ist Maries.“ – Marie: „Hallo?! Benehmt euch mal, ja? Ich will erstmal einen Aids-Test sehen, bevor hier irgendjemand mein Bett besudelt.“ – Jörn fragte: „Führungszeugnis auch?“ – „Ja. Und das Bonusheft vom Zahnarzt. Aber mal im Ernst: Aidstest fände ich nicht so verkehrt.“

Ich auch nicht. Was mich ein wenig nachdenklich macht: Vor Jahren bin ich gefragt worden, ob ich mir einen Dreier vorstellen könnte. Damals habe ich kategorisch „Nein“ gesagt. Inzwischen würde ich nicht kategorisch „Ja“ sagen, ich will nichts von Marie. Ich weiß auch nicht, ob es mit Jörn jemals zu mehr kommen wird als ein bißchen rumfummeln unter der Bettdecke. Aber irgendwie möchte ich dennoch gerade nicht ausschließen, dass Marie und ich zu zweit auch dann ein gutes Team sein könnten, wenn es darum geht, jemanden ein wenig zu verwöhnen. Wie gesagt, ohne dabei was von Marie zu wollen. Vielleicht nimmt mir das auch im Moment nur meine Angst, wegen meiner Behinderung nicht attraktiv oder nicht leistungsfähig genug zu sein, ich weiß es nicht. Und ich möchte auch gar nicht so intensiv darüber nachdenken. Sondern lieber spielerisch die Welt entdecken…

Es gibt den erheblich überwiegenden Teil der Menschheit, bei dem möchte ich nicht in der Nähe sein, wenn mehr läuft als Händchen halten und knutschen. Weder mit mir in der Zeugenrolle noch umgekehrt. Bei ganz wenigen Leuten wäre es mir egal, wenn sie es mitbekommen würden oder wenn ich es mitbekommen würde. Marie wäre eine von diesen wenigen Leuten. Ich glaube allerdings, dass funktioniert nur, wenn man sich nicht in Konkurrenz sieht. Wie, wenn zwei Löwinnen von einem Stück Fleisch essen und beide sich von vornherein einig sind, dass niemand dem anderen etwas wegfuttert.

Wir haben uns heute abend nach dem Essen wieder voneinander verabschiedet. Es hat sich einfach so ergeben. Ohne Schrank, ohne Video. Alle waren glücklich. Zum Abschied hat er uns beiden einen Kuss auf die Wange gegeben. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht.

Wurmfortsatz und Scheißegal

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Es gibt so Vorlesungen, die gibt es gar nicht. Möchte man denken. Während da vorne jemand über die Entzündung des Wurmfortsatzes, im Volksmund auch „Blinddarmentzündung“ genannt, obwohl sich eigentlich nicht der komplette Blinddarm, sondern nur der Wurmfortsatz entzündet, … also während da vorne jemand referiert, bin ich kurz vor dem Einschlafen. Ich muss mich enorm zusammenreißen, damit meine Augen nicht zufallen. Und während ich so dem monotonen Dialog zuhöre, sagt der Dozent: „Manche Behinderte erfühlen die Diskriminierung mit ihrem Wurmfortsatz. Und nun lass den sich mal entzünden.“

Wat is los?!?

Ich war plötzlich wieder hellwach. Hatte er mich einschlafen sehen und deshalb einen Spruch gemacht? Wollte er mich ärgern? Obwohl … warum sollte er das tun wollen? Ich überlegte hin und her, was er mit diesem Unsinn gemeint haben könnte. Und kam zu keiner Lösung. Es fragte auch niemand nach. Ich auch nicht. Albern. Es kamen noch mehr Sprüche, zum Beispiel, dass die Entzündung häufiger mal durch ein Hamsterhaar verursacht wird, auch wenn in der Familie des Patienten weder Hamster gehalten noch gegessen werden. Und wenn, dann nur ohne Fell. Gegessen. Gehalten mit Fell. Oder dass es Menschen gibt, die zwei Mal im Leben eine Blinddarmentzündung bekommen. Manche auch drei Mal. Der Wurmfortsatz entzünde sich in der Regel aber nur einmal, werde dann entweder vor Durchbruch und Sepsis operativ entfernt oder danach. Anstrengend.

Richtig lustig wurde es dann aber zwei Stunden später. Ich sollte zusammen mit zwei Kommilitonen und dem Chefarzt zu einem Patienten auf der Chirurgie, der am Nachmittag operiert werden sollte. Hin und wieder gibt es mal entweder seltene oder lehrbuchhafte Erkrankungen oder Verletzungen. Die Patienten werden dann gefragt, ob der Arzt mit zwei oder drei Studenten noch einmal wiederkommen dürfe, bevor es in den OP gehe und fast alle Patienten sind damit einverstanden. Dieser Patient, rund 70 Jahre alt, war auch damit einverstanden. Als ich durch die Tür rollte, flippte er allerdings völlig aus: „Nein, also, nein, nein, wirklich nicht. Bist du Studentin oder Patientin?“, fragte er mich. Ich antwortete: „Meinen Sie mich?“ – „Ja wen denn sonst!“

Und zum Chefarzt meinte er: „Finden Sie das vertrauenserweckend, mir vor einer Operation schon mal den Kontakt zu Behinderten zu verschaffen?“ – Der Chefarzt fragte: „Wie meinen Sie das? Das verstehe ich nicht.“ – „Nomen est omen, schonmal was davon gehört? Es mag ja sein, dass sie Studentin ist, aber sehen will ich solche Kreatur direkt vor der Operation nun nicht noch aus der Nähe! Am Ende träume ich während des Eingriffs noch davon.“ – „Solche Kreatur?“, fragte ich mit ungläubigem Blick. Er antwortete: „Nimm es mir nicht übel, aber das ist mir nicht recht. Als ich jung war, hat man Leute wie dich noch zu Seife verarbeitet. Das mag heute anders sein, aber allzu intensiven Kontakt möchte ich trotzdem nicht zu Menschen wie dir.“

Ich rollte nach draußen auf den Flur. Die beiden Kommilitonen kamen direkt mit. Der Chefarzt blieb kurz im Zimmer, kam nach einer halben Minute hinterher. Als die Tür hinter ihm geschlossen war, fragte ich halbwegs irritiert: „Muss ich mir das gefallen lassen?“ – „Sie müssen nicht. Wenn Sie gegen den Mann vorgehen wollen, haben Sie drei Zeugen. Allerdings befürchte ich, dass dabei nichts rauskommt. Der Mann hat bereits seine Prämedikation bekommen und ein halbwegs cleverer Anwalt wird sich auf die Nebenwirkungen von Midazolam berufen. Mit anderen Worten: Der steht unter Drogen und ist mindestens vermindert schuldfähig, wenn nicht sogar schuldunfähig. Haken Sie es ab, lächeln Sie einmal müde, zeigen Sie ihm meinetwegen auch den inneren Stinkefinger – und dann ist gut.“

Krass. Bisher waren meine Erfahrungen mit der berühmten Scheiß-Egal-Tablette eigentlich nur, dass die Patienten benommen und kuschelig waren. Dass es auch anders geht, war mir bekannt, aber dass das so deutlich und zielgerichtet auftreten kann, war mir neu. Aber das ist ja das Spannende an so einem Studium. Man lernt täglich was Neues dazu.

Abbaden 2014

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Das Wintersemester ist in vollem Gange. Und dabei waren am Wochenende draußen noch über 20 Grad. Und falls das für einen goldenen Oktober (zumindest im Norden) nicht ungewöhnlich erscheint, so ließ mich ein Blick auf die Wassertemperatur der Ostsee staunen. 17 Grad laut Anzeigetafel. Und als Cathleen meinte, das sei ein Marketing-Gag, rief sie die Seite des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie auf und erhielt Bestätigung. Tatsächlich waren außer uns (Marie, Cathleen, Lisa und ich), die bei wenig Wellen und wenig Wind und strahlendem Sonnenschein noch rund eine Stunde im Neo draußen trainierten, noch einige andere Leute im Wasser. Und nicht nur einmal kurz mit den Füßen oder bis zur Hüfte, sondern komplett. Drin. Zuerst merkt man zu kaltes Wasser ja an den Fingern (und an den Füßen, sofern man an den Füßen was merkt), aber es war wirklich angenehm. Wir hatten mit mehreren Kannen heißem Tee vorgesorgt, um uns vorher vorzuwärmen und hinterher schnell wieder aufwärmen zu können, falls es doch zu kalt werden würde, aber mir war anschließend eher nach einem kühlen Wasser als nach einem warmen Tee.

Als wir uns abtrockneten, kamen einige Spaziergänger zu ihren Autos zurück. „Ihr seid ja harte Kerle“, ließ uns ein älterer Mann wissen. Und seine Frau fügte hinzu, dass sie Lisas Badeanzug toll fände, was Lisa natürlich ein breites Lächeln ins Gesicht zauberte. Auf dem Rückweg hielten wir an einem Burger-Laden an. Nein, keine Kette, sondern selbstgemachte Dinger, die auch 10 Mal so viel kosten wie die Pappe aus der Systemgastronomie, dafür aber auch gefühlt 100 Mal leckerer schmeckten.

Es war das erste Mal, dass wir Lisa in kleiner Runde außerhalb des offiziellen Trainings mit an die Ostsee nahmen. Leider ausgerechnet zu einem inoffiziellen Abbaden, denn an den nächsten Wochenenden werden wir nicht die Zeit haben, im Meer zu schwimmen, und danach wird es zu kalt sein. Aber Lisa hat es gefallen: „Ich hab euch lieb“, ließ sie uns wissen. Und das zauberte mir natürlich ein Lächeln ins Gesicht.