Zu schwach

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Ich glaube, die Chirurgie und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Mein aktueller Anleiter findet, Chirurgie sei ein Knochenjob, und Menschen, die körperlich bereits nicht voll fit sind, seien zu schwach dafür und hätten dort nichts zu suchen. Dabei will ich nur mein Praktikum durchziehen, das verpflichtend im klinischen Teil des Studiums ist (und in späteren Abschnitten werde ich noch weitere Pflichtteile in der Chirurgie haben), meine Scheine bekommen und mich dann so schnell wie möglich wieder anderen Bereichen widmen. Ich werde vermutlich auch später keine Facharztausbildung in der Chirurgie anstreben. Aber die Pflicht-Inhalte traue ich mir schon zu, und die haben vor mir auch andere Menschen, die im Rollstuhl sitzen, geschafft. Insofern ist diese Diskussion überflüssig – ich mache die Vorgaben für das Studium nicht. Vielmehr versuche ich, sie bestmöglich zu erfüllen, und dann finde ich solche Belehrungen einfach überflüssig.

Zum Glück gibt es noch andere Menschen, die das völlig anders sehen, und von mir begeistert sind. Ein „Kollege“ im Praktischen Jahr redet mir regelmäßig Mut zu und stand mir zur Seite, als mein Anleiter mich da so angeblubbert hat. Einen Anlass hat es übrigens für die Blubberei nicht gegeben. Zumindest keinen leistungsbezogenen. Vielleicht ist er mit dem falschen Bein aufgestanden. Ich weiß es nicht. Der Kommentar kam völlig aus heiterem Himmel.

Und so blöde, wie der Tag begann, ging er weiter. Jörn ist krank, wie ich beim Schwimmen erfahren habe. Ich hatte mich schon gewundert, warum er auf meine Nachrichten nicht antwortet. Ein fiebriger Infekt habe ihn darnieder gerafft. Wäre es nicht so kompliziert mit seinen Eltern, würde ich ja mal einen Hausbesuch wagen und ein wenig Medizin, sprich ein paar Süßigkeiten, Tee, ein Buch oder eine Zeitschrift, mitnehmen. Aber wer weiß, was dann passiert, welche Probleme er bekommt oder welche Probleme ich bekomme. Also warte ich ab. Und freue mich darüber, dass er mich bei seiner Massage und vor allem zuvor im Schwimmbad offensichtlich nicht angesteckt hat!

Bahnstreik und Rutsche

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Da haben wir schonmal eine Bahncard 100, dann wird gestreikt. Ja, ich weiß, man kann Anträge auf Erstattungen stellen, aber das bringt uns heute auch nicht nach Hamburg. Und mit dem Auto? Angesichts dessen, dass wir bestimmt nicht die einzigen sein würden, die auf diese Idee kommen, wären wir vermutlich deutlich länger unterwegs als sonst. Also entschieden wir uns, ausnahmsweise auch am Wochenende an unserem Studienort zu bleiben und gemeinsam etwas zu unternehmen.

Es dauerte etwas mehr als eine Stunde Autofahrt, wobei das eher an den vollen Straßen als an der weiten Entfernung lag, bis wir in einem Thermen-Urlaubs-Oasen-Paradies ankamen. Wir hatten uns spontan mit zwei Kommilitoninnen verabredet, einen gemeinsamen Tag in einer solchen Einrichtung zu verbringen. Weil Menschen mit Behinderung dort zwar voll zahlen müssen, die Begleitpersonen aber freien Eintritt erhalten, waren wir trotz Wochenend-Aufschlag in einem akzeptablen Rahmen.

Die Saunenlandschaft haben wir von vornherein völlig ausgeklammert, dafür hätten wir einen zweiten Tag gebraucht. Am besten gefielen Marie und mir natürlich die Thermalbecken, die man nach 20 Minuten wieder verlassen musste, um dem Kreislauf noch eine Chance zu geben, sich nicht völlig zu verabschieden. Heiß wie eine Badewanne – herrlich.

Und wann bin ich zum letzten Mal gerutscht? Was für eine Mordsgaudi! „Sind Sie körperlich fit genug für diese Rutsche?“, wollte der Aufsichtsmensch wissen, als ich mich vom Rollstuhl in den Startbereich rübersetzen wollte. Mit dem Aufzug kam man bis an den Einstieg heran, lediglich unten brauchte ich Hilfe, denn der Rollstuhl muss ja irgendwie wieder nach unten kommen. Aber dafür hatte meine Begleitperson ja freien Eintritt bekommen. Und sie löste die Aufgabe ganz anders und recht charmant, wie ich fand: „Ich nehm dich auf den Rücken und wir rutschen gleich noch einmal.“

Die Leute guckten zwar etwas doof, warum da zwei Frauen huckepack im Aufzug befördert wurden, aber da mich hier niemand kannte, war mir das egal. Wichtig war mir lediglich, dass ich mit dem Kopf voraus rutschen konnte. Beine voraus ist, wenn man die Muskeln in den Beinen nicht anspannen kann, nicht empfehlenswert. Gerade auf steilen Rutschen nicht. Das sagte mir aber der gesunde Menschenverstand bevor es zu größeren Katastrophen kam. Beim 20. Mal habe ich aufgehört zu zählen. Nach dem gefühlten 30. Mal wäre ich zwar gerne noch 30 Mal gerutscht, aber meine Kondition verließ mich. Hört sich doof an, wenn man getragen wird, mit dem Aufzug fährt und eigentlich nur rutschen muss. Aber vor allem das Wegtauchen am Ende der Rutsche, mit wenig Rumpfmuskulatur, ohne den Einsatz der Beine, möglichst ohne sich dabei die Haut abzuschürfen, ist schon eine Herausforderung. Aber es hat immer auf Anhieb geklappt. Und das war mit Sicherheit nicht mein letzter Besuch in der Therme.

Auch Marie und vor allem den beiden Kommilitoninnen hat es gefallen. „Wir hätten nicht gedacht, dass wir mit euch beiden so viel Spaß haben werden“, sagte die eine. Wenigstens ist sie da ehrlich und gesteht laut ihr Vorurteil ein – warum sollte sie mit uns keinen oder nur wenig Spaß haben? Selbst wenn es so gewesen wäre, dass wir nicht rutschen, sondern uns 12 Stunden lang im Thermalbecken auf die Sprudelliege fläzen wollten, hätte das doch niemanden davon abhalten müssen, selbst zu rutschen. Oder vier Kilometer im Sportbecken zurückzulegen. Aber sie dachte ganz anders: „Ich habe damit gerechnet, dass wir euch im Wasser die ganze Zeit irgendwie festhalten müssen. Ich weiß auch nicht warum, im Nachhinein finde ich die Gedanken voll doof, aber ich hatte früher mal probiert, ohne Beinschlag zu schwimmen. Im ruhigen Wasser mag das noch gerade so gehen, aber spätestens bei der ersten Welle säuft man doch ab! Dachte ich.“ – „Umso schöner fand ich es, dass ihr trotzdem mitgekommen seid“, sagte Marie.

Massage

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Der Wechsel meiner Praktikumsstelle bringt ungeahnte Vorteile: Ich kann endlich wieder meine heiß begehrte Schwimmtrainingszeit nutzen, die in den letzten Wochen immer mit anderen (Uni-) Terminen kollidiert ist. Und hatte ich erwähnt, dass ich einen meiner Trainings-Badeanzüge bei 60 Grad mitgewaschen habe? Ja, das kommt dabei heraus, wenn man ihn in ein Handtuch einwickelt und dieses Handtuch noch eben schnell mit in die Maschine wirft. Alle Befürchtungen, er würde jetzt allenfalls noch Nachbartochters Modepuppe passen, waren unnötig: Er ist noch genauso groß wie vorher. Wer hätte das gedacht?

Das mit dem Mitwaschen kann ja mal passieren, kritisch finde ich es allerdings, wenn ich statt Unterwäsche (für später) einen zweiten Badeanzug einpacke und die Handtücher ganz vergesse. Irgendwie bin ich gerade ein wenig durch den Wind. Neulich lag mein Autoschlüssel im Kühlschrank, dafür lag eine Tomate neben der Garderobe im Flur. Und die Geschichte von der Multivitamintablette ist nur deshalb erwähnenswert, weil ich sie statt in Wasser in Fruchtsaft aufgelöst und mich beim Trinken gewundert habe, warum das so eklig schmeckt. Dass ich eine höhere Dosierung meiner Blasen-Medikamente nicht vertrage, war mir schon lange bekannt. Auch ein neuer Versuch mit einem moderneren Präparat darf als fehlgeschlagen bezeichnet werden, nachdem ich nur noch verplant durch die Gegend gerollt bin. Nein, die bisherige Dosierung und das altbewährte Medikament bleiben nach wie vor der beste Kompromiss. Das neue Präparat ist abgesetzt. Jetzt kann ich auch wieder in ganzen Sätzen schreiben, was bei Bloggerinnen eindeutige Vorteile mit sich bringt.

Zurück zum Schwimmen: Jörn war nicht zu sehen, Marie und ich waren gleichermaßen enttäuscht, hatten wir ihm doch vorher noch geschrieben, dass wir uns freuen, ihn endlich wieder zu treffen. Wir zogen unser Trainingsprogramm durch, und als ich fertig war und gerade aus dem Wasser klettern wollte, greift mir doch jemand von hinten unter meinen Schultern hindurch, presst sich an meinen Rücken und verschränkt seine Arme vor meiner Brust. Ich habe mich gehörig erschrocken und wusste für einen Moment lang nicht, ob das Jörn sein könnte oder irgendein Spinner, vielleicht sogar einer, der mir beim Verlassen des Beckens helfen wollte. Ich gehöre eher nicht zu denjenigen Mädchen, die kreischen, aber in dem Augenblick musste ich es mir wirklich arg verkneifen. Nun biss mir auch noch jemand mittig knapp oberhalb der Schulterblätter in den Nacken. Zwar eher grob als zärtlich, dennoch eher zärtlich als brutal. Wäre ich irgendwie darauf vorbereitet, hätte ich es genießen können, so wollte ich zunächst wissen, wer da dieses Spiel mit mir spielte.

Ich holte tief Luft, tauchte unter, stieß mich unten mit den Armen kräftig vom Beckenrand weg und rutschte so aus der Umklammerung. Ich tauchte hinter Jörn wieder auf, der sich inzwischen umgedreht hatte und mich angrinste. „Kannst du mich mal vorwarnen? Ich hätte dir fast eine reingehauen! Für einen Moment lang dachte ich, das wäre irgendein Spinner, der mir aus dem Wasser helfen will!“

„Ich dachte, du freust dich“, erwiderte Jörn. Ich sagte: „Ich freue mich, aber ich habe mich sehr erschrocken. Wo warst du denn die ganze Zeit? Ich habe ständig nach dir gesucht!“ – „Ich bin eben erst reingekommen. Ich hatte vorher noch was zu erledigen und habe es nicht eher geschafft.“ – „Ich wollte eigentlich gerade aus dem Wasser.“ – „Eigentlich? Also schwimmst du noch eine Runde mit mir?“ – „Eine Runde ja, aber viel mehr nicht. Ich habe heute schon vier Kilometer abgerissen.“ – „Zwei Runden, ja? Und anschließend komme ich mit zu dir nach Hause und massiere deine ganzen Verspannungen weg, die du von den zwei Runden bekommen hast. Okay?“

Im Anschluss an das Schwimmtraining haben wir also zusammen gekocht, ich habe mir nach dem Essen von Jörn den Rücken massieren lassen … leider nur im Sitzen, dafür aber wenigstens oben ohne und mit Lotion. Fast 20 Minuten lang. Ich finde, er macht es gut. Er meinte, ich würde gut aussehen. Da oben. Auch. Ich fühle mich geschmeichelt. Sehr.

Anschließend musste er relativ bald wieder nach Hause. Marie, die, während Jörn und ich unsere Massagestunde hatten, sich in ihr Zimmer verkrümelt und für die Uni gelernt hatte, meinte, er solle sein Handy doch mal zu Hause vergessen. Dann könne seine Mutter nicht ständig hinter ihm her telefonieren. So langsam nervt es selbst mich, dass sie permanent wissen will, was gerade passiert. Hat sie kein eigenes Leben?