Mobbing wie aus dem Buch

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Das war ein Wochenende, das so schnell nicht wiederholt werden muss. Begonnen hatte der Samstag sehr nett mit langem Ausschlafen und abendlichem Kinobesuch. Wir waren mit Nadine, Marie, Cathleen und mir, also vier Rollstuhlfahrerinnen vom Sport, dort und haben uns „Fack Ju Göhte“ reingezogen. Naja, die Feuerzangenbowle hatte mehr Niveau, ist aber nicht so modern und hatte einen anderen Humor. Vergleichen kann man die beiden Filme nicht, trotzdem finde ich, man sollte beide gesehen haben. Die Ideen sind schon nicht schlecht und es werden, was mir ja immer recht gut gefällt, mal wieder jede Menge Klischees bedient.

Anschließend waren wir in der Sternschanze noch etwas essen. Wir sind keiner Demo begegnet und auch nicht verkloppt worden. Dafür aber auf der Straße dem Pärchen, das Marie am 2. Weihnachtstag rausgeworfen hatte, begegnet. Es begann damit, dass der Sprücheklopfer sich bei Marie entschuldigte. Ich muss das nicht lange ausführen, er hat sich von seinem damaligen Verhalten distanziert und Marie hat ihm verziehen. Mir steht es nicht zu, darüber zu urteilen, das ist Maries Ding. Ich habe mir entsprechend keine Gedanken gemacht, wie ich mich verhalten hätte.

Die beiden schlossen sich uns an, setzten sich mit uns an den Tisch und waren zunächst mal ganz nett. Leider blieb das nicht lange so: Keine halbe Stunde war vergangen, da gab es bereits wieder die ersten Sprüche über den Hut eines Gastes, über die Beine der Bedienung, über potentielle Geschmacksverstärker und billige Fette im Essen. „In der Küche arbeiten nur Schwarzarbeiter mit ungewaschenen Händen, die regelmäßig ins Essen spucken.“ – Ich hatte keine Lust, mich schon wieder zu streiten, deshalb habe ich meine Klappe gehalten. Marie und ich waren uns aber bereits einig, dass das vorerst das letzte Mal gewesen ist, dass wir etwas mit den beiden zusammen unternommen haben. Wir verabschiedeten uns und machten uns auf den Weg nach Hause.

Auf dem Rückweg standen wir mit vier Leuten in der S-Bahn. Während Marie und Nadine in eine Richtung fuhren, fuhren Cathleen und ich mit dem Paar in die andere. Er habe sein Auto am Bahnhof stehen, meinte er. Er hoffe, dass sein Auto noch kratzerfrei dort stünde, denn er habe vorhin einen anderen Wagen eingeparkt, der verbotenerweise auf dem Behindertenparkplatz stand. Ich hatte keine Lust, das zu kommentieren. Einen Moment später kamen mehrere Fahrkartenkontrolleure in den Wagen. Ich kramte meinen Ausweis raus, Cathleen ebenfalls, seine Freundin hatte ihren Ausweis vergessen und er meinte plötzlich, er fahre als Begleitperson bei mir mit.

Daraufhin sagte der Kontrolleur: „Junger Mann, das geht nicht. Sie können als jemand, der selbst eine Begleitperson frei mitnehmen kann, nicht selbst Begleitperson sein.“ – Dann gab es eine Diskussion, die von dem Kontrolleur sehr sachlich, von unserem Schwarzfahrer beleidigend geführt wurde. „Wieviele Ausbildungen muss man abgebrochen haben, um Fahrausweise kontrollieren zu dürfen?“

Als erstes wollten sie meine Personalien haben. Da habe ich nur mit dem Kopf geschüttelt: „Ich sehe keinen Grund. Ich habe einen gültigen Fahrausweis, mehr muss ich Ihnen nicht zeigen.“ – „Naja, Sie leisten Beihilfe zu einem Leistungsmissbrauch.“ – „Durch meine Anwesenheit? Das ist nicht Ihr Ernst. Ich habe nicht gesagt, dass er meine Begleitperson ist.“ – „Ist er es denn nicht?“ – „Nein.“ – „Tja, was nun? Ihre Freundin hat Sie hängen gelassen. Das kann ich gut verstehen, auch ohne abgebrochene Ausbildung.“ – „Ich bin nicht die Freundin, wir kennen uns nur vom Sehen.“ – „Du bist ein dummes Arschgesicht. Komm du mir nochmal in meine Nähe.“

Die beiden Schwarzfahrer mussten aussteigen, Cathleen und ich fuhren weiter. Als wir ausstiegen, trafen wir auf eine Horde Fußgänger, die wir ebenfalls vom Training kennen. Sie wollten in eine Cocktailbar und haben uns spontan eingeladen. „Warum eigentlich nicht?“, fragte ich Cathleen. Cathleen klatschte begeistert in die Hände und krähte lachend: „Cathleen und Jule gehen mit einer Horde heißer Typen Cocktails trinken!“ – Na das konnte ja heiter werden…

Während wir darauf warteten, dass sich ein Teil der Gruppe von einer nahe gelegenen Tankstelle noch etwas zum Vorglühen kaufte, sahen wir aus einiger Entfernung die beiden Schwarzfahrer aus der nächsten Bahn aussteigen. Zum Glück achteten die anderen nicht darauf, denn dass die beiden sich nun auch noch anschlossen, darauf hatte ich so gar keine Lust. Die beiden verschwanden in Richtung Parkplatz, dann gingen wir schonmal vor zur Bahn. In 12 Minuten sollte sie kommen, die Tankstellen-Plünderer bekamen eine SMS, sich zu beeilen, und als der Zug einfuhr, kamen sie die Treppe heraufgestürmt. In der Bahn sagten sie dann zu uns: „Wir haben eben eure beiden Kollegen vom Rollisport getroffen. Denen haben sie das Auto abgeschleppt. Jedenfalls ist es nicht mehr da. Er hat geschimpft wie ein Rohrspatz, weil die Polizei wohl seinen Ausweis im Auto übersehen hat.“

Ich antwortete: „Oder er hat jemanden zugeparkt.“ – „Meinst du? Das glaube ich nicht. Jenachdem, wie schnell sie ihr Auto wiederkriegen, kommen sie eventuell noch nach.“

Ich bekam eine SMS von Marie, die wissen wollte, ob wir gut nach Hause gekommen seien. Ich antwortete ihr: „Wir haben es uns gerade anders überlegt und gehen spontan noch ein paar Cocktails trinken. Wir wollen ins …“ – Dann war mein Akku leer, allerdings war Cathleen noch erreichbar. Falls Marie also auch noch nachkommen wollte, wüsste sie ja den Ort und würde es wohl irgendwann bei Cathleen probieren, wenn sie merkt, dass ich nicht mehr antworte beziehungsweise nicht mehr ans Handy gehe.

Die erste halbe Stunde in der Bar war sehr lustig. Ich habe mir erstmal keine alkoholischen Cocktails bestellt, denn das Angebot an alkoholfreien Cocktails war zur Happy Hour verlockender und ich bin auch kein Promillefan. Die Jungs waren allesamt sehr nett, da das Klo im Keller war, trugen sie uns zwischendurch mal nach unten. Sie waren interessiert, wir quatschten viel, es wurde gerade richtig schön, als die beiden Nervensägen auftauchten. Ja, man habe ihm das Auto abgeschleppt, sagte die Polizei, es koste um die 280 € für 24 Stunden. Da er getrunken habe, könne er sein Auto nicht selbst abholen. „Die Bullen haben schon gleich gefragt, ob ich getrunken habe. Ich habe dann gesagt, dann gehe ich eben noch ein wenig feiern und hole das Auto morgen. Ich will an einem Abend ja nicht nur dumme Arschgesichter sehen“, grinste er mich blöde an. Ich grinste blöde zurück und setzte mich an einen anderen Tisch.

An dieser Stelle muss ich mich entscheiden. Entweder einen Cliffhanger oder einen Schnitt. Ene mene muh … Schnitt.

Ich war wieder zu Hause, steckte mein Ladekabel ins Handy und bekam mehrere SMS von Marie, drei oder vier Anrufversuche, eine SMS von Maries Mutter. Marie wollte wissen, ob wir zu viert los sind, obwohl die sich so benommen haben. Und eine Stunde später meinte sie: „Das hast du nicht gerade wirklich zu Cathleen gesagt, oder? Bitte sag, dass das nicht stimmt.“ – „Warum meldest du dich nicht? Bitte ruf mich an. Jetzt sofort. Ich liege hier und heul mir die Seele aus dem Leib.“ – Die nächste SMS kam von ihrer Mutter, noch eine Stunde später: „Jule, hör mal, Marie geht es schlecht. Ich weiß nicht, was bei Euch los ist, es geht mich auch nichts an. Ich möchte mich in Euren Streit auch nicht einmischen, was Inhalte angeht. Aber entweder Cathleen oder Du, eine von Euch verhält sich gerade extrem widerlich und ich lege Dir als in mein Herz geschlossenen Menschen sehr nahe, Dich schnellstmöglich klar zu positionieren. Am besten wirst Du vorher nüchtern.“ – Geschrieben vor einer Stunde, gegen 2.20 Uhr. Ich konnte da jetzt unmöglich anrufen.

Ich rollte zu Cathleen. Sie war schon fast im Bett. Ich zeigte ihr mein Handy und fragte: „Darf ich die SMS sehen, die du an Marie geschrieben hast, während wir in der Cocktailbar waren?“ – „Ich habe keine SMS geschrieben.“ – „Sie bezieht sich auf irgendeine Nachricht und ich möchte wissen, was du da gemacht hast.“ – „Ich habe keine Nachricht geschrieben!“ – „Darf ich dein Handy sehen?“ – „Glaubst du mir nicht?“ – „Doch. Aber ich glaube Marie auch. Und beides passt nicht zusammen. Und da wäre es am einfachsten, das hier an Ort und Stelle zu klären. Du hast mein Handy auch in der Hand.“

Die letzte Nachricht, die Cathleen an Marie geschickt hatte, war tatsächlich: „Wir gehen schon rein!“ – Das war vor der Kinovorstellung. Ich fragte sie: „Hattest du dein Handy die ganze Zeit in der Hand?“ – „In der Tasche, auf dem Schoß oder in der Hand, außerdem kann man das nur mit Passwort entsperren. Da war kein anderer dran, falls du das meinst, auch nicht, als ich auf Klo war. Ich weiß wirklich nicht, was Marie da gelesen haben will.“

Da in dem einen Cocktail Alkohol war, rief ich mir ein Taxi und ließ mich zu Marie bringen. In ihrem Zimmer brannte Licht. Es war wenige Minuten nach vier. Ich schrieb ihr eine SMS: „Ich stehe vor deiner Tür. Ich bin nüchtern und ich habe nichts gemacht. Lediglich mein Akku war leer. Ich weiß nicht, was da schreckliches passiert ist, ich kann mir nicht erklären, was bei dir los ist. Bitte lass mich zu dir.“

Zwei Minuten später ging die Tür auf. Marie sah schrecklich aus. Völlig verheult, blass. Ich wollte sie umarmen, aber sie rollte zurück. „Erst möchte ich wissen, was los ist, vorher fasst du mich nicht mehr an.“

Ich mache noch einen Schnitt. Auch Maries Mutter war wach, kochte uns einen warmen Kakao und setzte sich zu uns in die Küche. Ich las mit Schrecken zwei Mails von Cathleen, in denen sie schrieb, dass ich in der Bar voll über Marie ablästern würde und froh sei, dass Marie nicht dabei wäre. Ob Marie nicht gewusst habe, dass schon während des Essens geplant war, dass wir hinterher mit den beiden noch Cocktails trinken. Ich hätte gesagt, Marie sei zu dumm dazu, sowas zu merken. Und dass Cathleen glaube, der unmögliche Typ wolle was von mir und riskiert für mich die Beziehung zu seiner Freundin. Wir würden unter dem Tisch fummeln und seine Freundin säße daneben. Cathleen hoffe, dass das nur der Alkohol ist, der mich gerade so verändert. Ich hätte außerdem gesagt, ich wäre mit Marie nur befreundet, weil Marie ein Dummchen sei und nicht merke, wenn man sie ausnutzt. Also ein liebenswertes Dummchen. Cathleen fühle sich verpflichtet, Marie das zu erzählen.

Mir rollten die Tränen über die Wangen. Ich konnte vor Fassungslosigkeit kaum einen klaren Gedanken fassen. Mein Herz raste, mein Kopf fühlte sich an, als würde er jeden Moment wie eine überreife Melone platzen. Cathleens Mails habe ich mir auf ihrem Handy nicht anzeigen lassen. Sollte sie wirklich so dreist sein und mir die SMS präsentieren, während sie per Mail so einen Mist schrieb? Das war wirklich nur schwer zu glauben. Außerdem war es völlig unüblich, dass Cathleen Mails schrieb.

„Warum hast du Cathleen denn nicht angerufen und nach mir verlangt, als du bei mir nicht durchkamst?“, fragte ich sie. Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe gedacht, du wirst Gründe haben, wenn du dein Handy ausschaltest. Und ich habe gehofft, dass das alles nicht stimmt und Cathleen lügt.“

Ich kann nicht beweisen, wer, aber irgendwer hat sich, während wir in der Bar saßen, ein Mailkonto bei einem kostenlosen Anbieter völlig neu auf Cathleens Namen eingerichtet und von dort Mails verschickt. Als ich nämlich auf „Eigenschaften“ klickte, wurde mir eine völlig unbekannte Mailadresse angezeigt. In der Vorschau war natürlich Cathleens richtiger Name. Da hat sich also jemand tatsächlich die Mühe gemacht, sich eine falsche Mailadresse einzurichten, um Marie und mich zu mobben. Jemand, der wusste, dass wir vorher zusammen essen waren und der auch wusste, dass mein Handyakku leer war. Ich habe zwar (noch) keine Beweise dafür, aber für mich ist klar, wer dahinter steckt. Ich fragte: „Was hätte der gemacht, wenn du da plötzlich aufgetaucht wärest, um mir ein paar in die Fresse zu hauen? Oder wenn du Cathleen auf dem Handy angerufen hättest?“ – „Bezahlt und schonmal nach Hause gefahren“, sagte Maries Mutter. Das ist Mobbing wie es im Buche steht. Ich denke, da werden wir uns mal anwaltlich beraten lassen.“

Marie konnte nicht oft genug hören, wie lieb ich sie habe. Ich habe ihr eingebläut, dass sie nie wieder so etwas glauben soll, bevor sie es nicht aus meinem Mund live hört. Ich habe, ich finde auch zurecht, ein wenig sauer darauf reagiert, dass sie das überhaupt für möglich gehalten hat. Aber ich muss gestehen, ich weiß nicht, wie ich selbst reagiert hätte. Vermutlich wäre ich tatsächlich vorbei gefahren und hätte sie zur Rede gestellt.

Marie nahm gegen ihren Dröhschädel eine Kopfschmerztablette. „Bitte schlaf heute nacht bei mir“, bat sie mich. Als wir endlich beide im Bett lagen, nahm sie mich in den Arm, drückte mich ganz fest an sich heran und wollte mich nicht mehr loslassen. Als ich ihr den Kopf gestreichelt habe, fing sie wieder an zu weinen. Kurz danach wurde ich darauf aufmerksam, dass ich mein Handy noch nicht lautlos gestellt hatte. Cathleen wollte wissen: „Was ist denn nun mit Marie??? Geht es ihr gut? Ich mache mir Sorgen!“ – So eine Aufregung brauche ich nicht noch einmal.

Der Tatortreiniger

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Was für ein genialer Schwachsinn! Nachdem ich heute morgen fast aus dem Schnellbus geflogen wäre, weil der Busfahrer meinte, er dürfe mich nicht mitnehmen, weil ich mich in meinem Rollstuhl nicht anschnallen könnte (wohl gemerkt: Es ging nicht darum, den Rollstuhl zu befestigen, sondern mich an einem nicht mal zehn Kilogramm schweren Fahrzeug festzubinden), räumte Schotty heute abend mit allen Vorurteilen rund um Rollstuhlfahrer auf.

Ich wusste nicht, dass es sich beim Tatort-Reiniger um eine Comedy-Sendung handelt, ich dachte, das wäre irgendein Schweinkram, den ich mir ganz bestimmt nicht im Fernsehen ansehen will. Als mir diese Wissenslücke aber mit einer heißen Empfehlung geschlossen wurde, war es umso spannender. Der spleenige und im Umgang mit behinderten Menschen reichlich verkrampfte und völlig pragmatisch denkende Schotty kommt als Tatortreiniger in der Wohnung einer ebenfalls spleenigen Rollstuhlfahrerin an, die als bekennende Veganerin versucht, die Welt zu verändern. Ich kenne bisher nur diese eine Folge, „Fleischfresser“ heißt sie, und ich muss sagen: Selten so gelacht. Wir haben uns fast auf der Erde gekugelt.

Die Folge ist derzeit noch in der Mediathek des NDR zu finden.

Buckelnder Amtsschimmel

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Cathleen braucht einen neuen Rollstuhl. Das kommt bei Menschen im Rollstuhl hin und wieder vor. Bei jungen Menschen häufiger, wenn sie nämlich rauswachsen, bei älteren Menschen nicht mehr so häufig. Der, den Cathleen fährt, ist fünf Jahre alt. Als sie ihn bekommen hatte, war sie Jugendliche, gerade ausgewachsen. Inzwischen müsste er für mehrere tausend Euro repariert werden, die teuersten Punkte wären eine neue Sitzbespannung (die alte ist eingerissen und löst sich auf) und ein Rahmen (der alte ist weich und verzieht sich immer mehr, knarzt und knackt bei jeder Bewegung). Die Räder müssten auch neu eingespeicht werden, verschiedene Lager sind schwergängig, knacken – das Ding ist einfach fertig. Die Krankenkasse hat eine Reparatur abgelehnt, da „die Reparaturkosten den Zeitwert des Stuhls vielfach überschreiten und eine nachhalte Wiederherstellung des Stuhls trotz umfangreicher Reparaturarbeiten nicht sichergestellt werden“ würde.

Daraufhin musste Cathleen eine Stellungnahme ihrer Hausärztin (Maries Mutter) einreichen, dass sie noch immer auf einen Rollstuhl angewiesen ist… Die tippte sich nur an die Stirn. Als das Rezept vorlag, wurde sie vom Medizinischen Dienst eingeladen, der zu der Frage Stellung nehmen sollte, ob sie alleine fährt oder geschoben wird. Das war Anfang Oktober mit einem Gutachten abgeschlossen. Der Gutachter, in dem Fall ein Orthopäde, empfahl eine besonders hochwertige Versorgung, um Cathleens Mobilität, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von Pflege bestmöglich zu unterstützen und, mit Blick auf das langjährige dauernde Sitzen, Fehlhaltungen vorzubeugen. Außerdem müsse ausreichend dem Wundsitzen vorgebeugt und ausreichend auf ihre von den Standardmaßen abweichende Körpergröße (unter 150 cm) eingangen werden. Mit Blick auf Cathleens Körpergröße schrieb er vorsorglich: „Die Versorgung mit einem Kinderrollstuhl ist bei einer erwachsenen Frau nicht angemessen.“

Ein befreundetes Sanitätshaus erstellte daraufhin einen Kostenvoranschlag über einen fest verschweißten Aktivstuhl nach Maß im Sonderbau plus Anti-Dekubitus-Sitzkissen im Gesamtwert von rund 4.900 € und schickte diesen, ebenfalls Anfang Oktober, an die Krankenkasse. Davon genehmigte die Krankenkasse am 20. Dezember insgesamt 1.800 € für den Stuhl und 360 € für das Sitzkissen. Eigenanteil für eine mittellose Schülerin: 2.700 € für den Stuhl und 150 € für das Sitzkissen. Plus 2 x 10 € Zuzahlung, denn Rollstuhl und Sitzkissen sind jeweils ein Hilfsmittel, zu dem die gesetzliche Zuzahlung zu leisten wäre. Cathleen könnte nicht mal die 150 € für das Sitzkissen bezahlen. Der Genehmigungsbescheid kam Montag bei Cathleen an.

Heute nun waren Cathleen und ich bei Maries Mutter und haben was fürs Leben gelernt. „Bitte wählen Sie mal diese Nummer und stellen durch“, sagte sie zu ihrer Mitarbeiterin. – „Warum wählst du nicht selbst?“, fragte ich sie. – „Psychologischer Trick. Der Sachbearbeiter hat in aller Regel kein Vorzimmer, sondern muss selbst wählen, damit ist die Rangordnung von vornherein abgesteckt. Ich bin zwar kein Fan von solchen Manövern, aber wenn in einer Behörde der Amtsschimmel schon buckelt, kann meine Verstärkung ihn ruhig schonmal ans Halfter legen.“

Das Telefon läutete. Es ginge um ihre Patientin Cathleen, da liege ihr jetzt die Entscheidung über den Rollstuhl auf dem Tisch und da sei irgendwas in den Sieben der Bürokratie hängen geblieben. Sie habe gerade so gar keine Zeit für irgendeine Paragrafenreiterei und die Patientin könne jetzt nicht auch noch ein weiteres Vierteljahr auf die nächste Entscheidung warten, daher möchte sie gerne von ihm als Fachmann wissen, wie „wir die Patientin resourcenschonend zu einer angemessenen Versorgung“ bekämen. Die Antwort war denkbar einfach: Sie müsse nur das verordnen, was der Gutachter in sein Gutachten geschrieben hätte. Also einen fest verschweißten Aktivrollstuhl nach Maß im Sonderbau unter Berücksichtigung der besonderen ergonomischen Verhältnisse. Wenn sie eine solche Verordnung vorab faxe, mache er noch heute die Bewilligung fertig.

Julius wird skaten

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Anfang Oktober letzten Jahres habe ich etwas gemacht, was ich sonst eher nicht mache: Auf Julius aufmerksam gemacht, der Geld für einen speziellen Skate-Rollstuhl sammelte. Innerhalb weniger Stunden waren damals die benötigten rund 1.600 € zusammen gekommen.

Seitdem ist der Flitzer bestellt, Anfang letzter Woche gab es eine neue Nachricht: Der Stuhl ist fertig gebaut und wird nun zu ihm nach Hause geschickt. In etwa zwei Wochen wird er den neuen Stuhl in der Halfpipe ausprobieren können. Bis dahin kann er sich nur jeden Abend vor dem Einschlafen die Bilder ansehen, die er mir stolz geschickt hat. Sieht echt heiß aus, das Teil.

Ich hoffe, wir werden den Flitzer dann noch einmal im Einsatz sehen.